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Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 19
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typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Achtzehntes Kapitel

Die Zeit ist kostbar! Das hatte sich auch Magister Kochel gesagt sein lassen, sobald ihn Ulrich gestern verlassen. Den niederländischen Maler zu bewachen und Gravamina an ihm zu finden, dafür war er gedungen im Namen einer ungenannten Macht, die er wohl kannte.

Das Spionieren und Angeben, dem er schon seit Jahren im Dienste der heiligen Inquisition mit Eifer oblag, nannte er »der Kirche dienen«. Er hoffte früher oder später durch eine Pfründe belohnt zu werden, aber wenn diese ihm auch entging, brachte ihm doch die Angeberei so viel ein, als er bedurfte, und sie war für ihn Herzenslust und Lebensbedürfnis geworden.

Er hatte in Köln als Predigermönch seine Laufbahn begonnen und war mit einigen der alten Ordensbrüder in Verbindung geblieben.

Auch die Magister Sutor und Stubenrauch, welche Moor in der vorletzten Adventszeit in seinen Wagen gastlich aufgenommen hatte, beantworteten zuweilen seine brieflichen Anfragen.

Er wußte längst, daß die ungewöhnliche Gunst, die der König dem Maler erwies, nicht nur den Häuptern der heiligen Inquisition, sondern auch den Würdenträgern am Hofe und den Gesandten ein Greuel war, doch das stille, makellose Leben des Künstlers bot keinerlei Handhabe, ihm zu Leibe zu gehen. Bald sollte ihm indessen aus der Ferne unerwartete Hilfe kommen.

Ein Brief traf ein, den Sutor diktiert und Stubenrauch in dem ihm und seinesgleichen geläufigen bösen Latein geschrieben hatte. – Er enthielt unter anderem einen Reisebericht, und in diesem war viel von Moor die Rede. Das edle Paar bezichtigte ihn einer ketzerischen und üblen Gesinnung. Er habe sie, hieß es, statt sie an das Ziel der Reise zu geleiten, wie er verheißen, in einer elenden Schenke am Wege unter wilden, gottlosen Landsknechten ausgesetzt, wie die Mutter Moses ihr Knäblein. Und solcher Mann, das habe man zu Köln mit Befremdung vernommen, dürfe sich der Gunst des allerkatholischsten Königs Philipp rühmen. Kochel möge zusehen, daß dieser Aussätzige an der Seele nicht als räudiges Schaf in die Herde dringe oder gar den Hirten abwendig mache von der rechten Weide.

Auf diesen Brief hin hatte der Magister Ulrich an sich gelockt. Das Ungeheure, das er heute von dem jungen Maler erfahren, setzte allem Gehörten die Krone auf und konnte als Grundlage für die Anklage dienen, daß der ketzerische Niederländer – und man war geneigt, alle Niederländer von vornherein für Ketzer zu halten – den Sinn des Königs mit Zauberkünsten verwirrt und mit Stricken des Bösen an sich gefesselt habe.

Seine Feder war schnell, und so konnte er sich noch am selben Abend mit den Akten und der Anklageschrift in den Inquisitionspalast begeben.

Am nächsten Tage war er daselbst lange zurückgehalten worden, um mündliche Aussagen zu Protokoll zu geben. Als er das finstere Gebäude verließ, beseelte ihn die frohe Überzeugung, daß er sich nicht vergebens bemüht habe und der Niederländer ein verlorener Mann sei.

Im Schatzhause wurde am Nachmittag in aller Stille zum Aufbruch gerüstet. Der Meister war von tiefer Unruhe erfüllt, denn einer der königlichen Lakaien, der ihm besonders ergeben war, hatte ihm mitgeteilt, daß ein verkleideter Munnidor der Dominikaner – er kenne ihn gut – bis vor die Tür der Werkstatt gedrungen sei und sich dort mit einem der französischen Diener unterredet habe. Das bedeutete soviel als Feuer unter dem Dache, als Wasser im Schiff, als Pest im Haus.

Sofonisba hatte ihm sagen lassen, er werde noch heute von ihr hören. Aber die Sonne stand schon tief, und weder sie selbst noch die Botschaft erschien.

Er versuchte zu malen, aber es wollte nicht gehen, er schaute in den Garten und zu der fernen Guadarramakette hinüber, und diesmal blieb er unberührt von dem Zauber des zarten veilchenblauen Duftes, der die starren, nackten Felsenmassen des Gebirges umwallte.

Was ihm die Seele in Aufruhr versetzte, war nicht die blasse Furcht vor Folterqualen und Tod, sondern Ingrimm und Ungeduld, untermischt mit bitterer Enttäuschung.

Es waren Stunden gekommen, in denen sein Herz Philipp entgegengeschlagen und an seine Freundschaft geglaubt hatte. Und nun? Es war dem Könige nichts wert an ihm als sein Pinsel!

In trübe Gedanken versunken, stand er noch immer am Fenster, als endlich Sofonisba gemeldet wurde.

Sie kam nicht allein, sondern am Arm Don Fabbrizio di Moncadas. Gestern in der letzten Stunde des Balles hatte sie dem Sizilianer freiwillig die Hand gereicht und seine treue Werbung mit dem Jaworte belohnt.

Moor war erfreut – gewiß, er war es von Herzen, und er sprach es auch aus, aber er empfand doch einen schneidenden Schmerz, und als der Baron ihm in seiner schlichten, vornehmen Weise für die treue Freundschaft dankte, die er Sofonisba und ihren Schwestern stets erwiesen, und dann berichtete, wie gnädig die Königin ihre Hände ineinander gelegt habe, hörte er ihm nur mit halbem Ohre zu, denn mancherlei Zweifel und Ahnungen beängstigten ihn.

Hatte das Herz Sofonisbas das »Ja« gerufen, oder hatte sie ihm und seiner Sicherheit ein schweres Opfer gebracht? Vielleicht fand sie wahres Heil an der Seite dieses würdigen Mannes, aber warum hatte sie sich ihm jetzt, gerade jetzt zu eigen gegeben? – Und nun fuhr es ihm durch den Sinn, daß die verwitwete Marquesa Romero, die allmächtige Freundin des Großinquisitors, die Schwester Don Fabbrizios war.

Sofonisba hatte ihrem Bräutigam das Wort gelassen; als aber die Türen des hell erleuchteten Empfangszimmers geöffnet und die Kerzen in der Werkstätte entzündet wurden, konnte das Mädchen den Zwang, welchen es sich bis dahin auferlegt hatte, nicht länger ertragen und raunte dem Maler hastig und in gebrochenen Lauten zu: »Entlaßt die Diener, schließt die Werkstätte und folgt uns.«

Moor tat, wie ihm geheißen, und er und der Baron gehorchten ihr auch willig, als sie vorschrieb, zu untersuchen, ob kein Unberufener in den Nebenzimmern verweile. Sie selbst lüftete die Vorhänge und spähte in den Kamin.

So bleich hatte sie der Künstler selten gesehen. Unfähig, die Muskeln des Antlitzes, die Schultern und Hände ruhig zu halten, trat sie in die Mitte des Zimmers, winkte die Männer in ihre Nähe, führte den Fächer zum Munde und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Don Fabbrizio und ich sind nun eins. Gott hört mich! Ihr Meister, Ihr seid in großer Gefahr und von Horchern umgeben. Sie haben den Vorfall von gestern belauscht. Er ist in aller Munde. Mein Bräutigam hat Erkundigungen eingezogen. Es liegt eine Anklage gegen Euch vor. Die Inquisition schreitet gegen Euch ein. Die Denunzianten nennen Euch einen Ketzer, einen Zauberkünstler, der den König behext hat. Morgen oder übermorgen heben sie Euch auf. Der König ist in furchtbarer Stimmung. Der Nunzius hat ihn offen gefragt, ob es wahr sei, daß er gestern in Eurer Werkstatt eine verruchte Beleidigung erfahren. Ist alles bereit? Könnt Ihr fliehen?

Moor senkte bejahend das Haupt.

»Wohl denn,« unterbrach der Baron seine Braut; »so bitte ich Euch, mich zu hören. Ich habe Urlaub nach Sizilien genommen, um den Segen meines Vaters zu erbitten. Es wird mir nicht leicht, mich jetzt im Angesicht der Erfüllung meiner heißesten Wünsche von meinem Glück zu trennen; – aber Sofonisba hat zu befehlen, und ich gehorche. Ich gehorche auch gern, denn gelingt es mir, Euch zu retten, wird ein neuer schöner Stern den Himmel meiner Erinnerung schmücken.«

»Kurz, schnell!« bat Sofonisba und klammerte die Hand fest um die Lehne eines Sessels. »Ihr fügt Euch, Meister; ich verlang', ich befehl' es!«

Moor verneigte sich, und Don Fabbrizio fuhr fort: »Um vier Uhr morgens brechen wir auf. Statt Liebesschwüre zu tauschen, haben wir Kriegsrat gehalten. Es ist alles bedacht. In einer Stunde kommen meine Diener und verlangen das Bild meiner Braut; statt des Gemäldes wird Euer Gepäck in die Kiste gelegt. Vor Mitternacht stellt Ihr Euch bei mir ein. Ich habe Pässe für mich, sechs Diener, den Reisemarschall und den Kaplan. Pater Clemente bleibt bei meiner Schwester sicher verborgen. Ihr begleitet mich in geistlicher Tracht. Dürfen wir auf Eure Zustimmung rechnen?«

»Mit aller Erkenntlichkeit eines dankbaren Herzens, aber ...«

»Aber?«

»Da ist noch mein alter Diener und mein Schüler Ulrich Navarrete.«

»Der Alte ist schweigsam, Don Fabbrizio!« fiel Sofonisba ein. »Wenn man ihm das Reden völlig verbietet ... Er ist dem Meister notwendig.«

»So mag er Euch begleiten,« sagte der Baron. »Was den Navarrete anbetrifft, so wird er uns helfen müssen, die Flucht zu sichern und die Verfolger auf falsche Fährten zu führen. Der König hat Euch eine Reisekalesche verehrt ... Um halb Zwölf laßt sie anspannen und verlaßt in ihr den Alkazar. Vor unserem Schlosse steigt Ihr aus und bleibt bei mir. Navarrete, den jeder kennt – wer hätte den prächtigen Blondkopf im schmucken Habit nicht bemerkt –, bleibt bei dem Wagen und begleitet ihn auf der Straße nach Burgos, so weit er kommt. Ein besserer Lockvogel wie er läßt sich nicht denken, und zudem ist er flink und ein trefflicher Reiter. Gebt ihm Euer eigenes Pferd, den andalusischen Schimmel. Wenn ihn die Häscher einholen sollten ...«

Hier unterbrach Moor den Baron und sagte ernst und entschieden: »Mein alterndes Dasein ist mit diesem jungen Leben zu teuer bezahlt. Ich bitte, steht ab von diesem Teil Eures Plans.«

»Unmöglich!« rief der Sizilianer. »Wir gebieten nur über Stunden, und wenn sie ihm nicht nachsetzen, so verfolgen sie uns, und Ihr seid verloren.«

»Und dennoch –« begann Moor; Sofonisba aber fiel ihm, der Sprache kaum mächtig, ins Wort: »Er dankt Euch alles! Ich kenn' ihn! Wo ist er?«

»Laßt uns die Ruhe bewahren!« rief der Niederländer. »Ich rechne nicht auf die Gnade des Königs, aber vielleicht erinnert er sich in der entscheidenden Stunde, was wir einander gewesen; wenn Ulrich dagegen den gereizten Löwen um die Beute gebracht hat und man ihn ergreift ...«

»Meine Schwester soll über ihn wachen,« beteuerte der Baron; Sofonisba aber riß die Tür auf, eilte in die Werkstätte und rief dort, so laut sie konnte: »Ulrich, Ulrich!« und noch einmal »Ulrich!«

Die Männer waren ihr gefolgt, und kaum hatten sie die Schwelle überschritten, als sie heftig an die verschlossene Tür des Schülerzimmers klopfen und Ulrich fragen hörten: »Was gibt es? Öffnet die Tür!«

Bald darauf stand er den anderen gegenüber und fragte bleich und mit bang pochendem Herzen: »Was soll ich?«

»Deinen Meister retten!« rief Sofonisba. »Bist du ein Wicht oder schlägt dir ein treues Künstlerherz in der Brust? Fürchtest du dich, für diesen Mann in Gefahr, vielleicht in den Tod zu gehen?«

Da rief der Jüngling so froh, als sei ihm eine Zentnerlast vom Herzen genommen:

»Nein, nein! Und wenn es mein Leben gilt, um so besser! Da bin ich! Stellt mich hin, macht mit mir, was Ihr wollt! Er hat mir alles gegeben, und ich, ich habe ihn verraten. Es muß heraus, und wenn Ihr mich tötet! Ausgeplaudert, herausgeschwatzt hab' ich – wie ein Narr, wie ein Kind – was ich hier gestern zufällig gesehen. Meine, meine Schuld ist es, wenn sie ihn verfolgen. Verzeiht mir, o Meister, verzeiht mir! Macht mit mir, was Ihr wollt. Schlagt mich, mordet mich, und ich segne Euch dennoch!«

Der junge Künstler war bei den letzten Worten vor dem geliebten Lehrer auf die Knie gesunken und hatte stehend die Hände zu ihm erhoben. Da beugte sich Moor zu ihm nieder und sagte mit freundlichem Ernst:

»Steh auf, armer Schelm. Ich zürne dir nicht.«

Und als Ulrich dann wieder vor ihm stand, küßte er ihm die Stirn und fuhr fort:

»In dir und in dieser hab' ich mich nicht getäuscht. Ihr, Don Fabbrizio, empfehlet den Navarrete dem Schutze der Frau Marquesa und eröffnet ihm, was wir von ihm begehren. Es würde ihm kaum zum Glücke gedeihen, wenn sich vollzöge, was meine Unbedachtsamkeit und sein Leichtsinn verschuldet. Ein Unrecht zu sühnen tut wohl. Ob du mich rettest, Ulrich, ob ich erliege – gleichviel; – du bist und bleibst mein treuer, lieber Gesell!«

Da warf sich der Schüler weinend an die Brust des Meisters, und als er erfuhr, was man von ihm verlangte, strahlte er vor Freude und Tatenlust, und er meinte, es könne ihm nichts Süßeres begegnen, als für den Meister zu sterben.

Wie die Glocke der Schloßkapelle zur Vesper rief, mußte sich Sofonisba von dem Freunde trennen; denn es war ihre Pflicht, mit der Königin dem Nokturnus in der Schloßkapelle beizuwohnen.

Don Fabbrizio wandte sich ab, als sie Moor den Abschied bot.

»Wenn du mein Glück willst, so mache ihn glücklich,« flüsterte der Meister ihr zu; sie aber fand keine Worte und nickte nur schweigend.

Da zog er sie leise an sich, küßte ihr die Stirn und sprach: »Es gibt ein hartes und doch tröstliches Wort: Lieben ist göttlich; göttlicher noch ist Entsagen. Zu dem Freunde hast du heute den Vater gewonnen. Grüße deine Schwestern! Gott segne dich, Kind.«

»Und dich, dich!« schluchzte das Mädchen.

So inbrünstig wie Sofonisba Anguisciola an diesem Abend hatte in der prunkenden Kapelle des Alkazar noch kein Menschenkind für das Heil eines anderen gebetet. Und die Braut Don Fabbrizios flehte auch um Frieden und Ruhe im eigenen Herzen und Kraft, zu vergessen und das zu gewähren, was ihre Pflicht war.

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