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Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 16
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typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
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secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel

Alfonso Sanchez Coello, ein hochangesehener spanischer Maler, hatte seine Werkstätte im obersten Stockwerke des Schatzhauses. Der König war ihm sehr gewogen und nahm auch ihn bisweilen auf seine Ausflüge mit. Der frische, leichtlebige Künstler hing neidlos und mit feuriger Verehrung an Moor, dessen Mitschüler er in Florenz und Venedig gewesen war. Beim ersten Aufenthalt des Niederländers in Madrid hatte er es nicht verschmäht, von dem größeren Altersgenossen Rat und Lehre anzunehmen. Auch jetzt noch suchte er den Meister häufig auf, sah ihm beim Malen wißbegierig auf die Finger und führte ihm seine Kinder Sanchez und Isabella als Schüler zu.

Anfänglich war Ulrich nicht sonderlich erfreut über die neuen Kameraden, denn bei dem seltsamen Innenleben, welches er führte, hatte er sich ganz auf sich selbst und das »Glück« gestellt, und die in seiner Einbildungskraft lebenden Gestalten waren ihm die liebste Gesellschaft.

Früher hatte er am Morgen mit Eifer gezeichnet, den Besuch Sofinisbas freudig erwartet und dann über sein Blatt hinausgeschaut und geträumt. Wie schön war es gewesen, die Gedanken nach Herzenslust einherschweifen zu lassen! Das sollte nun nicht mehr so sein.

Dazu kam, daß er anfänglich zu Sanchez, welcher drei Jahre älter war als er selbst, kein rechtes Zutrauen fassen konnte, denn der sah mit den hageren Gliedern und dem kurzgeschorenen dunklen Haar ganz aus wie der schwarze Xaver. Um so freundlicher sollte sich von vornherein das Verhältnis zu Isabella gestalten.

Sie war kaum vierzehn Jahre alt und ein liebes, kleines Geschöpf mit ungelenken Gliedmaßen und einem so wunderbar lebhaften Gesichtchen, daß man es bald hübsch, bald abstoßend finden mußte. Schöne Augen besaß sie auf alle Fälle; alles andere war unfertig und konnte sich anmutig, aber auch ganz anders entwickeln. Wenn die Arbeit sie fesselte, biß sie sich in die vorgeschobene Zunge, und ihr rabenschwarzes Haar, das ohnehin selten glatt war, verwirrte sich oft in so wunderlicher Weise, daß sie einem Kobold gleichsah; wenn sie dagegen freundlich sprach oder scherzte, mußte sie jedermann gefallen.

Es war ein hochbegabtes Kind, und in der Art, wie es arbeitete, das gerade Widerspiel des deutschen Knaben. Sie ging langsam vorwärts, aber brachte zuletzt Treffliches zustande; was Ulrich mit Eifer begann, hatte ein bedeutendes, vielverheißendes Ansehen, aber bei der Ausführung schrumpfte das Große zusammen und verlor, statt zu gewinnen.

Sanchez Coello blieb hinter den beiden anderen weit zurück, aber dafür wußte er vieles, wovon die unverdorbene Seele Ulrichs nichts ahnte.

Der kleinen Isabella war von ihrer Mutter eine wachsame, übel gelaunte Witwe, Frau Cattalina, als Duenna beigegeben worden, und diese durfte das Mädchen nicht verlassen, solange es mit den Schülern bei Moor verweilte.

Der gemeinsame Unterricht spornte Ulrich zum Wetteifer an, und er förderte außerdem seine Kenntnis des Spanischen. Aber er sollte bald auch in anderer Weise mit dieser Sprache vertraut werden, denn als er eines Tages aus den Ställen kam, trat ihm ein hagerer Mann in schwarzen Magisterkleidern entgegen, schaute ihm prüfend ins Gesicht, begrüßte ihn sodann als Landsmann und versicherte, daß es ihn glücklich mache, einmal wieder in der lieben Muttersprache zu reden. Endlich forderte er den »Herrn Maler« auf, ihn zu besuchen. Er heiße Magister Kochel und habe Quartier beim Almosenier des Königs, für den er Schreiberdienste verrichte.

Der bleiche Mann mit dem vertrockneten Gesicht, den tiefliegenden Augen und dem seltsamen Grinsen, bei dem sich stets außer den Zähnen das blaurote Zahnfleisch zeigte, gefiel dem Knaben nicht, aber der Gedanke, einmal ordentlich in der Sprache der Heimat plaudern zu können, behagte auch ihm, und so begab er sich denn zu dem Deutschen.

Bald glaubte er damit etwas Gutes und Nützliches zu tun, denn jener bot ihm an, ihn Spanisch sprechen und schreiben zu lehren. Ulrich war froh, der Schule entronnen zu sein, und lehnte dies Anerbieten ab; als ihm aber der Magister vorschlug, es beim Spanischsprechen bewenden zu lassen, und dabei versicherte, daß sich dies spielend und ohne jede Mühe bewerkstelligen lasse, willigte der Knabe ein und besuchte den Magister in der Dämmerstunde einen Tag um den anderen.

Der Unterricht begann sogleich und war kurzweilig genug, denn Kochel ließ ihn lustige Schwänke und Liebesgeschichten aus italienischen und französischen Büchern, die er ihm deutsch vorlas, übersetzen, tadelte ihn niemals und legte regelmäßig nach der ersten halben Stunde das Buch aus der Hand, um mit ihm zu plaudern.

Moor fand es brav und richtig von Ulrich, daß er sich der Mühe und dem Zwang des Sprachstudiums unterzog, und verhieß ihm, den Magister, der kümmerlich zu leben schien, am Schluß des Unterrichts nach Gebühr zu belohnen.

Der Meister durfte dem braven Kochel auch wohlgesinnt sein, denn er war ein feuriger Bewunderer seiner Werke. Er stellte den Niederländer über Tizian und die anderen großen Italiener, nannte ihn den würdigen Freund der Götter und Könige und munterte seinen Schüler auf, es ihm nachzutun.

»Fleiß, Fleiß!« kreischte der Magister. »Nur durch Fleiß gelangt man auf den Gipfel des Ruhmes und Wohlstandes! Aber freilich, solches Gelingen fordert auch Opfer. Wie selten ist es dem würdigen Manne vergönnt, die Wohltat der Messe zu genießen! Wann ist er zuletzt in die Kirche gekommen?«

Ulrich beantwortete diese und ähnliche Fragen unbefangen und der Wahrheit gemäß, und als der Magister die Freundschaft pries, die den Maler mit dem Könige verband und beide Orest und Pylades nannte, berichtete ihm Ulrich, stolz auf die Ehre, die seinem Meister widerfuhr, wie häufig Philipp diesen heimlich besuche.

Bei jeder späteren Zusammenkunft fragte ihn Kochel wie von ungefähr mitten im Gespräch über andere Dinge: »Hat euch der König wieder beehrt?« oder: »Ihr Glücklichen, es heißt, Seine Majestät habe euch wieder sein Antlitz gezeigt.«

Dies »Euch« und »Ihr« schmeichelte Ulrich, denn es ließ einen Strahl der königlichen Huld auch auf ihn fallen, und so unterrichtete er denn bald den Landsmann unaufgefordert von jedem Besuche des Monarchen im Schatzhaus.

Wochen und Monde verrannen.

Als das erste Jahr des Aufenthalts in Madrid sich dem Ende näherte, sprach Ulrich ziemlich geläufig Spanisch und konnte sich mit seinen Studiengenossen gut verständigen; ja er hatte auch Italienisch zu lernen begonnen.

Sofonisba Anguisciola verbrachte nach wie vor die Freistunden in der Werkstätte, um zu malen oder sich mit Moor zu unterhalten. Auch Würdenträger und Granden gingen in der Werkstätte aus und ein, und unter ihnen erschien häufig, und zwar gewöhnlich, wenn die Cremoneserin sich bei dem Meister befand, ihr treuer Verehrer, Don Fabbrizio di Moncada.

Einmal hatte Ulrich, ohne zu lauschen, durch die offene Tür des Schülerraumes gehört, wie Moor ihr vorstellte, daß es unklug von ihr sei, einen Freier wie den Baron zu verschmähen, er sei ein edler, hochgesinnter Herr und seine Liebe über jeden Zweifel erhaben.

Die Antwort war lange ausgeblieben; endlich aber hatte Sofonisba sich erhoben und mit bewegter Stimme gesagt: »Wir kennen uns, Meister; ich weiß, wie Ihr's meint. Und doch, und doch! Laßt mich bleiben, was ich bin, so gering es auch sein mag. Der Baron ist mir wert, aber was kann die Ehe mir Besseres bringen, als ich schon habe? Der Kunst gehört meine Liebe, und Ihr – Ihr seid mein Freund ... Meine Schwestern sind meine Kinder. Nicht wahr, ich habe mir ein Recht erworben, sie so zu nennen? An Pflichten gegen sie wird mir's nicht fehlen, wenn der Vater die Erbschaft verbraucht hat. Für meine Zukunft will meine edle Königin sorgen, und ich bin ihr notwendig. Mein Herz ist ausgefüllt, ganz, ganz bis an den Rand; was ich vermag, das leiste ich, und ist es nicht schön, daß ich geliebten Menschen etwas bin und sein darf? Laßt mich Eure Sofonisba, laßt mich eine freie Künstlerin bleiben!«

»Ja, ja, ja! Bleib was, bleib wie du bist, mein Mädchen!« hatte Moor gerufen, und dann war es lange Zeit still in der Werkstatt geblieben.

Zwischen Isabella und dem deutschen Mitschüler war es schon, bevor sie sich in Worten verständigen konnten, zu einem freundschaftlichen Verkehr gekommen, denn in den Pausen hatten sie einander mehr als einmal gezeichnet.

Dabei hatte es viel zu lachen gegeben, und manchmal war es auch zwischen Ulrich und Sanchez zu harmlosen Balgereien gekommen, denn der junge Spanier liebte es, Hand an diese Porträts zu legen und sie in gräßliche Zerrbilder zu verwandeln.

Isabella erntete oft das ungeteilte Lob des Meisters, Ulrich bekam bald ermunternde, bald tadelnde und bisweilen auch harte Worte zu hören. Diese pflegte der Maler stets auf Deutsch an ihn zu richten, aber sie kränkten ihn doch sehr und gingen ihm tagelang nach.

Das »Wort« war ihm immer noch gehorsam. Nur wo die Kunst anfing, schien die Macht des Glückes ein Ende zu nehmen und ihm den Dienst zu versagen.

Hatte der Meister ihm schwere Aufgaben gestellt, welche ihm nicht gelingen wollten, so rief er das Wort an; aber mit je größerer Wärme und Inbrunst er es tat, desto sicherer kam er eher zurück als vorwärts. Wenn er dagegen dem Glücke grollte, wenn er es schalt und von sich wies, und, ganz auf die eigene Kraft gestellt, die Augen, den Stift und die Kreide brauchte, brachte er auch das Schwerste zustande und erwarb das Lob des Meisters.

Manchmal dachte er, daß er das sorglose Wohlleben und alle anderen Gaben des Glückes gern preisgeben würde, wenn es ihm nur gelänge, in der Kunst das zu leisten, was Moor von ihm verlangte. Er wußte und fühlte, dies sei das Rechte; aber – gewiß: mit Stift und Kohle konnte er es nimmer erreichen. Was seine Seele erträumte, was sein inneres Auge schaute, war farbig. Das Zeichnen, das fortwährende Zeichnen wurde ihm lästig, widerwärtig, verhaßt; doch mit Palette und Pinsel in der Hand konnte er, mußte er ein Maler werden, vielleicht ein Maler wie Tizian.

Im geheimen war er auch schon mit Farben tätig gewesen, und zu dem ersten Versuche hatte Sanchez Coello Anlaß gegeben.

Dieser frühreife Jüngling warb um die Gunst einer Schönen. Er hatte Ulrich zu seinem Vertrauten gemacht und ihn eines Tages, während sich Moor und sein Vater mit dem Könige in Toledo befanden, zu einem Altan im obersten Stock des Schatzhauses geführt, welcher der Wohnung des Torhüters gegenüberlag und nur durch einen schmalen Hof von dem Fenster getrennt war, an dem die hübsche Carmen, die Tochter des stattlichen Pförtners, zu sitzen pflegte.

Das Mädchen war hier immer zu finden, denn das väterliche Quartier war sehr düster, und sie mußte von früh bis spät Meßgewänder sticken. Dies brachte einiges Geld ein, und solches wurde von dem Alten trefflich verwandt, indem er beim Garkoch seinem persönlichen Wohlsein ein Opfer brachte und beim Wein von Zamora in Öl gebratene Fische genoß. Je besser der Appetit des Vaters war, um so emsiger mußte die Tochter sticken. Nur an hohen Festtagen oder wenn ein Autodafé angesagt war, durfte Carmen den Palast mit ihrer alten Base verlassen; aber sie hatte doch schon Freier gefunden. Dem neunzehnjährigen Sanchez war es nicht um ihre Hand, sondern nur um ihre Liebe zu tun, und wenn es zu dämmern begann, stellte er sich auf den Altan, den er entdeckt hatte, machte ihr Zeichen und warf ihr Blumen oder Zuckerwerk auf den Arbeitstisch.

»Noch ist sie spröde,« sagte der junge Spanier, während er Ulrich befahl, an der schmalen Tür, die auf den Altan führte, stehenzubleiben. »Da sitzt der Engel! Sieh nur! Die Granatenblüte in dem herrlichen Haar – hast du jemals schönere Haare gesehen? – die ist von mir. Gib acht! Bald wird sie schmelzen; ich kenne die Weiber!«

Gleich darauf flog der Rosenstrauß der Stickerin in den Schoß.

Carmen schrie leise auf, und als sie Sanchez bemerkte, machte sie mit Kopf und Hand abweisende Bewegungen und drehte ihm endlich den Rücken.

»Heute ist sie übler Laune,« sagte Sanchez; »aber ich bitte dich zu bemerken, daß sie meine Rosen behält. Morgen trägt sie eine im Haar oder am Busen; was gilt die Wette?«

»Das kann schon sein,« entgegnete Ulrich. »Es fehlt ihr wohl am Besten, sich selbst welche zu kaufen.«

In der Dämmerung des folgenden Tages trug Carmen allerdings eine Rose im Haar.

Sanchez triumphierte und zog Ulrich mit auf den Altan. Die Schöne blickte zu ihm herüber, errötete leicht und erwiderte den Gruß des jungen Blondkopfes mit einer leichten Neigung des Hauptes.

Wahrhaftig, das Töchterlein des Torhüters war ein hübsches Kind, und was Sanchez wagte, davor hatte auch er keine Furcht.

Am dritten Tage begleitete er den Kameraden wiederum auf den Altan, und diesmal wagte er es, nachdem er das »Wort« still angerufen, gerade als Carmen ihn ansah, die Hand aufs Herz zu pressen.

Da errötete sie wieder, winkte leicht mit dem Fächer und neigte dann das Köpfchen so tief, daß es die Stickerei beinahe berührte.

Am nächsten Abend warf sie Ulrich verstohlen einen Kußfinger zu.

Von nun an zog der junge Liebhaber es vor, den Altan ohne Sanchez aufzusuchen. Er hätte gern zärtliche Worte hinübergerufen oder zur Laute gesungen, aber das ging nicht, denn im Hofe ward es nie leer von ab und zu gehenden Leuten.

Da verfiel er auf den Gedanken, durch ein Bild zu der Schönen zu reden.

Ein Brettchen war bald gefunden, unter Farben und Pinseln stand ihm die Wahl frei, und in wenigen Minuten war ein brennendes Herz mit einem Pfeil darin fix und fertig. Aber das Ding sah gar so rot und garstig aus, und so verwarf er es und malte, indem er einen Tizianschen Engel nachahmte, der ihm besonders gefiel, einen kleinen, nackten Amor, der ein Herz in der Hand hielt.

Er hatte dem Meister manchen Handgriff abgesehen, und als das Figürchen sich rundete, machte es ihm so viel Vergnügen, daß er nicht von ihm loskam und es erst am dritten Tage als vollendet betrachtete.

Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, ein vollkommenes Kunstwerk zu schaffen, aber der volle Übermut der im Glücke schwelgenden Jugend hatte ihm den Pinsel geführt. Frohlockend verneigte sich der kleine Eros und schlug mit dem rechten Beinchen nach hinten aus, als mache er einen Kratzfuß. Zuletzt legte Ulrich ihm auch noch eine schwarzgelbe Schärpe an, wie er sie an den jungen österreichischen Erzherzogen gesehen, und neben dem durchbohrten Kerzen gab er ihm eine Rose in das arg verzeichnete Händchen.

Er mußte selbst über sein Machwerk lachen und eilte mit dem nassen Gemälde auf den Altan und zeigte es Carmen. Die lachte mit ihm aus vollem Herzen und erwiderte seine Winke mit zärtlichen Grüßen. Dann legte sie die Stickerei aus der Hand und trat ins Zimmer zurück, aber nur um sogleich wieder am Fenster zu erscheinen, ein Gebetbuch in die Höhe zu halten und ihm acht Finger der kleinen, fleißigen Hände entgegenzustrecken.

Er deutete ihr an, daß er sie verstehe, und am nächsten Morgen um acht Uhr lag er in der Messe dicht neben ihr auf den Knien und flüsterte ihr in einem günstigen Augenblick zu: »Schöne Carmen.«

Sie errötete, aber er wartete vergebens auf eine Antwort.

Jetzt erhob sie sich, und als auch er aufstand, um sie an sich vorbeischreiten zu lassen, ließ sie wie von ungefähr das Gebetbuch fallen. Er bückte sich mit ihr, um es aufzuheben, und als sich dabei ihre Köpfe beinahe berührten, flüsterte sie ihm eilfertig zu: »Heute abend um neun Uhr in der Muschelgrotte; der Garten bleibt offen.«

Sie erwartete ihn an der bezeichneten Stelle.

Erst fand er keine Worte, denn das Herz schlug ihm gar zu stark und stürmisch; sie aber half ihm, indem sie ihm sagte, daß er ein hübscher Bursche sei, den man schon liebhaben könne.

Da erinnerte er sich der zärtlichen Schwüre, die er Kochel vorübersetzt hatte, und stammelte sie nach und ließ sich, wie es alle Helden in den Aventüren und Romanzen zu tun pflegen, auf ein Knie vor ihr nieder.

Und siehe da! Sie machte es wie die Fräulein, welche er bei dem Magister kennen gelernt hatte, und bat ihn, sich zu erheben, und da er diesem Befehle gern Folge leistete, denn er trug dünnes seidenes Strumpfwerk und die Grotte war mit spitzen Kieseln gepflastert, zog sie ihn an das Herz und strich ihm mit den zarten Fingern die Locken aus dem Gesicht, und er duldete es gern, daß sie die jungen, weichen Lippen auf die seinen schmiegte.

Das alles war wonnesam schön, und er brauchte dabei gar nicht zu sprechen; aber es ward ihm doch angst und bang, und es kam ihm vor wie eine Erlösung, als sich aus der Ferne der Schritt der Wache hören ließ und Carmen ihn mit sich fort durch das Tor in den Hof zog.

Vor dem Pförtchen, das in das Quartier ihres Vaters führte, drückte sie ihm noch einmal die Rechte und verschwand dann rasch wie ein Schatten.

Er blieb allein zurück und ging lange vor dem Schatzhause auf und nieder, denn er hatte gewiß etwas sehr Böses begangen und wagte nicht, sich vor dem Meister zu zeigen.

Als er in den finstern Garten getreten, hat er das »Glück« wiederum zu Hilfe gerufen; jetzt aber wär' es ihm lieber gewesen, wenn es sich ihm weniger willig hilfreich erwiesen hätte.

In der Werkstatt brannten die Kerzen, und Moor saß in dem Lehnsessel und hielt – Ulrich hätte sich am liebsten in die tiefsten Tiefen der Erde verborgen – und hielt seinen Amor in Händen.

Der junge Verbrecher wollte sich mit einem leisen »Gute Nacht!« an dem Lehrer vorbeistehlen, dieser aber rief ihn an und fragte lächelnd, indem er auf das Bild wies: »Hast du das gemacht?«

Ulrich nickte errötend.

Da schaute der Maler ihn von oben bis unten an und sagte: »Sieh, sieh; das ist ja recht artig. Es wird nun wohl Zeit, daß wir mit dem Malen beginnen.«

Der Knabe wußte nicht, wie ihm geschah, denn noch vor wenigen Wochen hatte ihn Moor hart angelassen, als er ihn um dasselbe gebeten, was er ihm nun freiwillig anbot.

Kaum mächtig seiner selbst vor Überraschung und Glück, beugte er sich auf die Hand des Malers, um sie zu küssen, der entzog sie ihm aber, schaute ihm mit väterlicher Freundlichkeit in die Augen und sagte: »Wir wollen's versuchen, mein Junge, aber darum hören wir mit dem Zeichnen nicht auf, denn das ist der Vater unserer Kunst. Das Zeichnen hält uns in den Schranken, welche das, was wahr und schön ist, begrenzen. Vormittags bleibt es beim alten, nach Tisch geht es zum Lohn an die Farben.«

So wurde es auch gehalten, und des Schülers erstes Liebesabenteuer trug ihm noch eine andere Frucht, denn es gab seinem Verhältnis zu Sanchez eine neue Gestalt. Die Empfindung, ihm in den Weg getreten zu sein und sein Vertrauen mißbraucht zu haben, beunruhigte Ulrich schwer, und so tat er denn alles, was er vermochte, um ihm gefällig zu sein.

Die schöne Carmen sah er fürs erste nicht wieder.

In einigen Wochen war das Stelldichein vergessen, denn das Malen unter des Meisters Leitung fesselte ihn wie nichts vor- und nur wenig nachher im Leben.

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