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Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel

Ulrich hatte mit dem Narren die Schlafkammer zu teilen, und weil Pellicanus sich scheute, wenn der Nachtschweiß ihn heimsuchte, aus dem Bette zu steigen, und er doch häufig dies oder jenes bedurfte, rief er Ulrich aus dem Schlaf, und der war immer gern bereit, ihm Hilfe zu leisten. Das nahm seinen Fortgang, als die Reise weiter ging und das Leiden des armen Kleinen sich schlimmer und schlimmer gestaltete.

Der Graf hatte Ulrich mit einem jungen, mutwilligen Rosse versehen, das ihm mit seinen Unarten und Mucken den Weg verkürzte. Aber auch der Narr, welcher den Knaben lieber und immer lieber gewann, tat das Seine, um die Empfindung des Glückes in ihm lebendig zu erhalten. An warmen Tagen nistete er sich in der Raufe vor der Plane bei dem Fuhrknecht ein, und wenn dann Ulrich neben ihm ritt, öffnete er ihm die Augen für alles, was sich ihm darbot.

Von Land und Leuten wußte er viel zu erzählen, aber auch an das Kleinste knüpfte er selbstersonnene oder von anderen erdachte Geschichten.

Als sie an einem Birkenhain vorüberkamen, fragte er den Buben, ob er wisse, warum die Stämme dieser Bäume weiß seien, und dann erklärte er es also:

Wie Orpheus auf seiner Laute so wunderschön gespielt habe, seien alle Bäume rasch herbeigeeilt, um zu tanzen. Die Birke habe auch kommen wollen, aber weil sie eitel gewesen, habe sie ein weißes Kleid angetan, um es den anderen zuvorzutun. Als sie endlich auf dem Tanzplatz erschienen, sei der Sänger schon verschwunden gewesen, und nun behalte sie Sommer und Winter, jahraus und jahrein, das weiße Kleid an, um bereit und gerüstet zu sein, wenn Orpheus zurückkehren und die Laute wiederum schlagen werde.

In einem Tannenwald saß ein Kreuzschnabel auf dem Zweige, und nun berichtete der Narr, dies Vöglein sei von ganz besonderer Art und ursprünglich grau und geradschnäblig wie ein Spatz gewesen. Als der Heiland am Kreuze gehangen, habe es Mitleid empfunden und versucht, ihm mit dem Schnäblein den Nagel aus der wunden Hand zu ziehen. Zum Andenken an dies freundliche Beginnen habe ihm der Herrgott den Schnabel gekreuzt und ihm die Brust da, wo sie das Blut seines Sohnes benetzt hatte, mit dunkelroter Farbe bemalt. Auch anderer Lohn sei ihm zuteil geworden, denn kein Vogel könne wie er im Winter brüten, und es wohne ihm die Kraft bei, das Fieber der Kranken, die ihn hegten, zu lindern.

Eine Schar von Wildgänsen flog über den Weg und die Hügel, und Pellicanus rief: »Sieh hin! Die fliegen immer in zwei langen Reihen und bilden dabei einen Buchstaben des Abc. Diesmal ist es ein A. Kannst du's erkennen? Als der Herrgott die Gesetze auf die Tafeln schrieb, ist ein Schwarm von Wildgänsen über den Berg Sinai geflogen, und dabei hat eine mit den Schwingen eine Letter ausgewischt, und seitdem fliegen sie stets in Gestalt eines Buchstaben, und ihr ganzes Geschlecht, das heißt alle Gänse, müssen es sich gefallen lassen, daß ihnen die Menschen, die schreiben wollen, die Federn aus den Flügeln rupfen.«

In der Schlafkammer unterredete sich Pellicanus gern mit dem Knaben.

Er nannte ihn fort und fort »Navarrete«, und der Künstler tat es ihm nach, wenn er einmal heiter gestimmt war.

Ulrich empfand große Ehrfurcht vor Moor; der Narr war ihm dagegen nicht mehr als ein guter Kumpan, zu dem er schnell volles Zutrauen faßte.

Aus mancher Anspielung und manchem Scherzworte ging hervor, daß Pellicanus ihn immer noch für den Sohn eines Ritters hielt, und dies ward dem Knaben auf die Dauer unerträglich.

Eines Abends, als sie beide schon im Bette lagen, faßte er sich denn ein Herz und eröffnete ihm alles, was er von seiner Vergangenheit wußte.

Der Narr hörte ihm aufmerksam zu und unterbrach ihn nicht, bis Ulrich seinen Bericht also zu Ende führte: »Und während ich fort war, haben die Häscher und Rüden sie aufgespürt, aber mein Vater hat sich gewehrt, und da haben sie ihn und den Doktor erschlagen.«

»So, so,« murmelte der Narr. »Um den Costa ist's schade. Es könnte manchem Christen zur Ehre gereichen, wie mancher Jude zu sein, und so ist es denn nur ein Mißgeschick, als Hebräer geboren zu werden und keinen Schinken essen zu dürfen. Die Juden müssen ein garstiges Zeichen anlegen, aber manches Christenkind kommt mit dergleichen auf die Welt. In Sparta hätten sie mich zum Beispiel wegen des dicken Kopfes hier oben und des Verdrusses da an der Schulter in den Abgrund gestürzt. Heutzutage ist man weniger barmherzig und läßt unsereinen das Krüppelzeichen durchs Leben schleppen. Gott sieht die Herzen; aber die Menschen können ihren Urahnen, den Erdenkloß, nicht vergessen: das Außen geht ihnen überall vor dem Inneren. Wäre mein Kopf nur etwas kleiner und hätte mir ein Engel die Schulter geradegebügelt, so wär' ich jetzt vielleicht Kardinal und trüge eitel Purpur, und führe nicht unter einer grauen Plane, sondern in einer goldenen Kutsche mit wohlgemästeten schwarzen Hengsten einher. Dir ward der Leib mit einer geraden Elle gemessen, aber es hapert an anderen Orten. Dein Vater hieß also Adam und hat wirklich keinen anderen Namen getragen?«

»Nein, gewiß nicht.«

»Das ist um die Hälfte zu wenig. Von heute an heißen wir dich in allem Ernst Navarrete; Ulrich Navarrete. So wird's zu was Ganzem. Der Name ist ein Kleid, nichts weiter, aber nimmt man dir die eine Hälfte vom Leibe, so bleibst du halb nackt und läufst zum Spotte einher. Das Gewand soll auch gut stehen, und so putzt man es aus nach Belieben. Mein Alter hieß Kürschner, aber in der lateinischen Schule saßen neben mir die Olearius und Faber und Luscinus, und so hab' ich mich denn zum römischen Bürger erhoben und aus Kürschner Pellicanus gemacht ...«

Der Narr hustete sich aus und fuhr dann fort: »Und nun noch eins. Dank erwarten ist Torheit, denn neunmal unter zehn erntet man keinen, und wer klug ist, denkt nur an sich und unterläßt es überhaupt, um Dank zu werben; aber dankbar sein soll ein jeder, denn Feinde haben ist lästig, und keinen lernen wir leichter hassen als den Wohltäter, dem wir mit Undank lohnen. Du sollst und mußt dem Meister deine Geschichte erzählen, denn er hat dein Vertrauen verdient.«

Dem Knaben wollten die weltklugen Reden des Narren, in denen immer der Eigennutz als höchste Tugend gepriesen wurde, oft recht befremdlich erscheinen, aber manches davon prägte sich ihm dennoch in die junge Seele. Den Rat des Kranken befolgte er gleich am nächsten Morgen, und er hatte es nicht zu bereuen, denn Moor erwies sich von nun ab noch freundlicher gegen ihn als vorher.

Zu Avignon wollte der Narr sich von den Reisenden trennen, um nach Marseille und von dort aus zu Schiff nach Savona zu fahren, aber schon bevor er die alte Stadt der Päpste erreicht hatte, fühlte er sich so matt, daß Moor kaum hoffte, ihn lebend ans Ziel zu bringen.

Der Körper des kleinen Mannes schien immer winziger, sein Kopf immer größer zu werden, und die herunterhängenden grauen Wangen sahen aus, als sei jede in der Mitte mit einem Rosenblättchen geputzt.

Manchmal erzählte er den Reisegefährten von seinem früheren Leben.

Er war für den geistlichen Stand bestimmt gewesen, aber obgleich er es in der Schule allen zuvortat, hatte man ihm doch die Hoffnung genommen, es jemals zum Priester zu bringen, denn die Kirche will keine Krüppel. Er war armer Leute Kind und hatte sich als Student mit saurer Mühe durchschlagen müssen.

»Wie schäbig,« sagte er, »ist der breite Teller oben auf meinem Barett manchmal gewesen! Darob schämte ich mich denn gar sehr. Ich bin ja so klein. Mein Jesus, jeder konnte mir auf den Kopf sehen und mußte alle abgeschabten Stellen im Samt wahrnehmen, wenn er die Augen senkte. Und wie oft hab' ich neben der Küche des Garkochs gesessen und trockenes Brot mit Bratengeruch geschmälzt! Manchmal ist auch mein Pudelhund ausgegangen und hat beim Metzger ein Würstlein für mich gestohlen.«

Zu anderen Zeiten war es dem Kleinen besser geglückt; dann hatte er fleißig in den Schenken gesessen, seinen Witz spielen lassen und der scharfen Zunge keinen Zwang angetan.

Einmal war er von einem früheren Zechgenossen eingeladen worden, ihn zur Erheiterung seines kranken Vaters auf sein gräfliches Schloß zu begleiten; und so hatte es sich begeben, daß er ein Schalksnarr geworden und dann von einem großen Herrn zum anderen gewandert und schließlich in den Dienst des Kurfürsten getreten war.

Er gab sich gern das Ansehen, als ob er die Welt verachte und die Menschen hasse, aber das war so genau nicht zu nehmen und ging mehr auf das Allgemeine als auf das Besondere, denn alles, was schön war auf Erden, entflammte ihn zu lebhafter Begeisterung, und gegen den einzelnen Nächsten blieb er freundlich gesinnt bis ans Ende.

Als Moor ihm dies einmal vorhielt, sagte er lächelnd:

»Was wollt Ihr? Wer da tadelt, der fühlt sich demjenigen überlegen, gegen den er sich auf den Richterstuhl setzt, und wie viele Narren dünken sich mit mir groß, wenn sie sich auf die Zehen stellen und selbst Gottes Werke bemängeln! »Die Welt ist schlecht,« sagt der Philosoph, und wer ihm zuhört, der denkt wohl leichtlich: Hört, hört! Der da hätte sie sicher besser gemacht als der Vater im Himmel. Laßt mir die Freude. Ich bin nur klein, aber ich treib' es im großen. Ein einzelnes Menschlein zu bekritteln, scheint mir nicht die Mühe zu lohnen, aber wenn man der ganzen Menschheit und der unermeßlichen Welt das Urteil spricht – da kann man den Mund auftun – wunder wie weit!«

Einmal war sein Herz lichterloh für eine schöne Jungfrau entbrannt gewesen, aber sie hatte ihn mit Spott heimgesandt und einen anderen gefreit. Als sie nun Witwe geworden war und er sie in bitterer Not wiedergefunden, hatte er ihr mit einem guten Teil seines Ersparten aufgeholfen, und dies auch zum anderen Male getan, nachdem der zweite Tunichtgut, den sie gefreit, ihr Letztes durchgebracht hatte.

Sein Leben war reich an solchen Zügen.

Bei dem, was er tat, folgte der wunderliche Kleine dem Herzen; was er sprach, das legte ihm der Kopf auf die Zunge, und dies allein galt ihm für verständig. Uneigennützige Großmut zu üben, hielt er für einen feinen, ausschweifenden Genuß. Solchen durfte er sich selbst gestatten, weil er für sich nichts mehr wünschte; andere aber, denen er ein gutes Fortkommen gönnte, mußte er vor dergleichen Unverstand warnen.

In seinem großen, hageren Gesicht lag etwas Herbes, Scharfes, Gespanntes, und wer ihn zum erstenmal sah, konnte ihn leicht für einen bösen, hämischen Menschen halten. Das wußte er auch, und es ergötzte ihn, die Mägde und Knechte in den Herbergen durch wilde Grimassen – er rühmte sich, fünfundneunzig verschiedene Fratzen schneiden zu können – in Angst zu versetzen, und der alte, beschränkte Diener des Malers fürchtete ihn bis zuletzt wie das »böse Wesen«.

Zu Avignon war er besonders munter. Er fühlte sich dort wohler als seit langer Zeit und ließ einen Platz in einem nach Marseille gehenden Fuhrwerk für sich belegen.

Am Abend, der der Trennung vorausging, schilderte er die Reize der ligurischen Küste mit flammender Lebendigkeit und sprach von der Zukunft, als sei er völliger Genesung und eines langen Lebens gewiß.

In der Nacht hörte Ulrich ihn lauter stöhnen als sonst.

Er sprang auf und richtete ihn in die Höhe, wie er zu tun gewohnt war, wenn den armen Kleinen die Atemnot quälte, aber diesmal fluchte und schalt Pellicanus nicht, sondern war ganz still, und als dann der schwere Kopf des Kleinen wie ein Kürbis auf die Brust des Knaben fiel, erschrak er sehr und lief fort, um den Maler zu rufen.

Bald stand Moor zu Häupten des Krankenbettes und leuchtete dem leise röchelnden Mann ins Antlitz. Da schlug dieser die Augen auf und schnitt drei Fratzen hintereinander. Das sah sehr komisch, aber doch noch weit trauriger aus.

Er mußte wohl den bekümmerten Blick des Künstlers bemerkt haben, denn er versuchte es, ihm zuzunicken, doch der Kopf war zu schwer und die Kraft zu gering, und so brachte er es nur fertig, das Haupt etwas nach links und dann etwas nach rechts zu wenden, aber sein Blick sprach alles aus, was er zu sagen begehrte. So vergingen Minuten; dann lächelte Pellicanus und skandierte mit tiefer Schwermut in den Augen und doch immer noch mit dem Schelm am Munde:

»Mox erit ruhig und stumm, qui modo Schalksnarr erat

Dann sagte er so leis, als käme jeder Ton nicht aus der Brust, sondern nur von den Lippen:

»Verstanden, Navarrete, Ulrich Navarrete? Hab' dir das Latein leicht gemacht; he? Deine Hand, Bube. – Auch Ihr, lieber, lieber Meister ... Moor, Äthiopier – Schwarzhaut –«

Diese Worte verklangen in einem leisen Röcheln, und der Blick des Sterbenden umflorte sich, aber es vergingen noch Stunden, bevor er den letzten Atemzug tat.

Ein Priester gab ihm die letzte Ölung, aber das Bewußtsein kehrte ihm dabei nicht zurück.

Nachdem der Geistliche ihn verlassen, bewegten sich seine Lippen ohne Unterlaß, aber keiner konnte verstehen, was er sagte, nur als gegen Morgen die Sonne der Provence licht und hell in die Kammer und auf sein Bett schien, warf er plötzlich den Arm weit über das Haupt hin, und halb gesprochen, halb nach des Landsknechtes Hans Eitelfritz Weise leise gesungen, schwebten die Worte: »Im Glücke, im Glücke!« über seine Lippen – und wenige Minuten später war er tot.

Moor drückte ihm die Augen zu, Ulrich kniete weinend neben dem Bette nieder und küßte dem armen Freunde die erkaltende Hand.

Als er wieder aufstand, schaute der Maler noch immer mit stiller Andacht in die Züge des Narren und Ulrich tat dasselbe und glaubte, vor einem Wunder zu stehen, denn das herbe, böse, ruhelose Gesicht hatte ein neues Ansehen gewonnen und glich nun völlig dem Antlitz eines friedfertigen, gütigen Mannes, der mit freundlichen Erinnerungen im Herzen entschlief.

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