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Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080910
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Zwölftes Kapitel

Der Maler begab sich nach der Mahlzeit mit seinem alten Diener, der für die Rosse gesorgt und in der Gesindestube einen leckeren Weihnachtsbraten genossen hatte, auf die Hochburg, um sich Geleit für den folgenden Tag zu erwirken.

Pellicanus hatte es übernommen, für den Knaben, der immer noch ruhig schlief, zu sorgen.

Der Narr hätte sich gerne zu Bett gelegt, denn er fühlte sich matt und ihn fror, aber obgleich die Kammer nicht zu heizen war, blieb er doch stundenlang treu auf dem Posten. Mit erstarrenden Händen und Füßen folgte er beim Scheine des Nachtlichtes jedem Atemzuge des Knaben und schaute ihm wie ein besorgter Vater ängstlich ins Antlitz.

Als Ulrich endlich erwachte, fragte er überrascht und bang, wo er sich befinde, und nachdem der Narr ihn beruhigt hatte, bat er um ein Stück Brot, denn er sei hungrig.

Wie sehr er's war, das erfuhr der Inhalt der Schüsseln, welche ihm bald darauf vorgesetzt wurden.

Pellicanus wollte ihn wie einen Säugling füttern, aber der Bub nahm ihm den Löffel keck aus der Hand, und nun sah jener dem kräftigen Esser schmunzelnd zu und störte ihn nicht, bis er satt war; dann aber begann er ihn zu verhören, und zwar in einer Weise, die den Knaben befremdete und ihm weder sehr verständlich, noch vertrauenerweckend erschien.

»Nun, Vöglein!« begann der Narr in froher Erwartung auf die Bestätigung der feinen Schlüsse, die er gezogen. »He? Es war wohl ein weiter Flug bis zu dem Friedhof, wo wir dich fanden? Auf dem Grabe ist's immer besser als drinnen, und zu Emmendingen im Bett, mit Grütze und Kalbfleisch im Leibe, liegt sich's lieblicher als im Schnee an der Heerstraße mit knurrendem Magen. Heraus mit der Sprache, mein Alter! Wo hängt Euer Raubnest?«

»Raubnest?« wiederholte Ulrich erstaunt.

»Meinetwegen dann Burg oder dergleichen,« fuhr Pellicanus forschend fort. »Irgendwo ist jedermann zu Hause, außer dem Herrn Niemand; da du nun aber Jemand bist, kann Niemand dein Vater nicht sein. Erzähle mir von dem Alten!«

»Mein Vater ist tot,« entgegnete der Knabe, und da ihm die Erlebnisse des vorigen Tages wiederum in den Sinn kamen, zog er die Decke über den Kopf und weinte.

»Armer Schelm,« murmelte der Narr vor sich hin, fuhr mit dem Ärmel rasch über die Augen und gönnte dem Buben Ruhe, bis sein Antlitz sich wieder zeigte. Dann fragte er weiter: »Aber du hast doch wohl eine Mutter zu Hause?«

Ulrich schüttelte traurig den Kopf, und Pellicanus schaute ihm nun, um seine Rührung zu verbergen, mit einer komischen Grimasse ins Antlitz und sagte dann sehr freundlich und nicht ohne Befriedigung über den eigenen Scharfsinn:

»Ein Waisenkind also! Ja, ja! Solange die Mutterflügel es decken, flattert das Junge nicht so unbedacht aus dem warmen Nest ins Weite. Es ist dem Junker in der lateinischen Schule zu eng geworden?«

Da erhob sich Ulrich und rief lebhaft und trotzig:

»Ich gehe nicht in das Kloster zurück; ich tu's nicht!«

»Also so läuft der Hase!« lachte der Narr. »Bist ein schlechter Lateiner gewesen und das Holz im Wald ist dir lieber als das an den Bänken im Schulsaal. Die treiben freilich kein Grün! Herrgott, wie das Antlitz ihm brennt!«

Dabei legte Pellicanus die Hand auf die Stirn des Knaben, und als er fühlte, daß sie heiß war, hielt er für besser, es heute mit dem Verhör genug sein zu lassen, und fragte seinen Pflegling nur noch, wie er heiße.

»Ulrich,« lautete die Antwort.

»Und weiter?«

»Laßt mich!« bat der Knabe und zog die Decke wiederum über den Kopf.

Der Narr tat ihm den Willen und öffnete die Tür, die in das Gastzimmer führte, denn es hatte geklopft.

Des Malers Diener trat ein, um den Mantelsack seines Herrn zu holen. Der alte Graf von Hochburg habe Meister Moor zu Gaste geladen, und er gedenke über Nacht auf dem Schlosse zu bleiben. Herr Pellicanus möge acht auf den Buben haben und im Notfall den Wundarzt noch einmal rufen.

Eine Stunde später lag auch der kranke Narr fröstelnd im Bette und hustete erst wachend, dann aus dem Schlaf.

Auch Ulrich fand keinen Schlummer.

Anfänglich weinte er leis vor sich hin, denn nun war's ihm zum ersten Male voll gegenwärtig, daß er den Vater verloren habe und Ruth und den Doktor und die stumme Elisabeth nie wiedersehen werde. Dann erhob sich in ihm die Frage, wie er nach Emmendingen gekommen, was das für ein Ort und wer das drollige hustende Männchen mit dem dicken Kopf und feucht schimmernden Augen wohl sei, das ihn für einen Junker halte. Dieser Irrtum machte ihn lachen, und er erinnerte sich, daß Ruth ihm einmal geraten, dem »Wort« zu befehlen, ihn in einen Grafen zu verwandeln.

Wenn er morgen nun sagte, sein Vater sei ein Ritter gewesen? –

Aber dieser üble Gedanke huschte ihm nur durch den Sinn, und schon bevor er ihn recht ausgedacht, schämte er sich seiner, denn er war kein Lügner.

Den Vater verleugnen! Das war sehr schlecht; und als er sich ausstreckte, um zu schlafen, trat ihm das Bild des wackeren Schmiedes mit greifbarer Deutlichkeit vor die Seele. Ernst und streng schwebte er über Wolken, und er glich ganz den Gemälden des Gott-Vaters, die er gesehen; aber er trug die Schmiedekappe auf dem ergrauten Haar. Von der hatte sich der Verklärte auch im Paradies nicht getrennt.

Ulrich erhob die Hände wie zum Gebet, aber er ließ sie schnell wieder sinken, denn vor dem Wirtshause ward es lebendig. Pferdegetrappel und laute Männerstimmen, Trommel- und Pfeifenklang ließen sich hören, und dann rasselte und schritt und tobte es in den Hof.

»Eine Kammer für den Musterschreiber und Pfennigmeister!« rief es.

»Ruhig, ruhig, Kinder!« mahnte die tiefe Stimme des Profosen, der der Zuchtmeister, Ratsfreund und Vater der Landsknechte war. »Am heiligen Christ soll ein frommer Knecht nicht toben – aber eins trinken darf er, Gott sei gepriesen! Eurem Haus widerfährt große Ehre, Wirt! Hier soll die Werbung für unseren allergnädigsten Feldobristen, den Grafen von Oberstein, beginnen. Aufgehorcht, Mann! Alles wird bar bezahlt und kein Huhn kommt abhanden; aber der Wein soll gut sein! Verstanden?! Auf heute abend also ein Fäßlein vom besten. Verzeiht, Kinder; vom allerbesten wollte ich sagen!«

Ulrich hörte nun, wie die Tür des Gastzimmers aufgerissen wurde, und meinte zu sehen, wie die Landsknechte in lustiger Tracht, jeder anders angetan als der andere, in die Wirtsstube drangen.

Der Narr hustete laut auf und schalt und wimmerte vor sich hin; Ulrich aber lauschte mit blitzenden Augen nach der schlecht gefügten Tür, durch die er alles vernehmen konnte, was neben ihm vorging.

Mit dem Musterschreiber, dem Pfennigmeister und Profosen waren der Trommler und Pfeifer erschienen, die übermorgen das Werbepatent umschlagen sollten, und außer diesen zwölf Landsknechte, denen man ansah, daß sie keine Neulinge waren.

Gleich bei ihrem Eintritt ins Gastzimmer ward mancher Ruf der Freude und Überraschung laut, und aus dem Gewirr der Stimmen schlug Ulrich mehr als einmal der Name Hans Eitelfritz ans Ohr.

Die Stimme des Profosen klang besonders herzlich, wie er den braven Burschen mit der wunden Hand begrüßte, und das legte ein Ehrenzeugnis von schwerem Gewicht für ihn ab. Er hatte fünf Jahre lang im gleichen Fähnlein mit »Vater Kanold« gedient, und der sah den Leuten mitten ins Herz und kannte sie alle, als ob sie seine leiblichen Söhne wären.

Ulrich konnte nicht viel von dem Durcheinander der Stimmen im Nebenraume verstehen, als aber Hans Eitelfritz von der Lücke aus Kölln an der Spree sich bewarb, als Erster in die Musterrolle eingeschrieben zu werden, hörte er deutlich, wie der Profos den Bedenken des Musterschreibers entgegentrat und gelassen, aber mit Wärme sagte: »Schreibet nur, schreibet. Der ist mir mit der einen Hand lieber als zehn Murrköpfe mit beiden. Er hat Lust und Leben im Leibe. Gebt ihm auch einen Vorschuß, denn es fehlt ihm wohl manches Stück an der Armierung.«

Inzwischen mußte das Weinfaß aufgelegt worden sein, denn Becherklang ließ sich hören und bald darauf auch lauter Gesang.

Als das zweite Lied angestimmt wurde, entschlummerte der Knabe; aber nach zwei Stunden erwachte er wieder, und zwar von der Stille, die plötzlich den Lärm unterbrach.

Hans Eitelfritz hatte sich bereit erklärt, ein neues Lied zum besten zu geben, und der Profos Ruhe geboten.

Jetzt begann der Gesang, und Ulrich richtete sich während desselben höher und höher im Bette auf, und es entging ihm kein Wort, weder von dem Lied noch von dem Kehrum, den die ganze Schar mit übermütiger Lust und lautem Becherklang wiederholte. So kecke, fröhliche Stimmen hatte der Knabe noch nie gehört, und schon bei der zweiten Strophe hüpfte ihm das Herz, und es war ihm, als ob er die Weise, die er schnell aufgefaßt hatte, mitsingen müsse: das Lied aber lautete also:

»Ihr Trommeln, ihr Pfeifen, du lustiges Spiel!
Wer wagt es und hält mich zurücke?
Fort Hammer, fort Feder, was frag' ich noch viel?
Hinaus jetzt ins Glücke, ins Glücke!

Herr Vater, Frau Mutter, lieb Schwesterlein fein,
Blauäuglein im Haus an der Brücke:
Laßt trocken die Schürze, geschieden muß sein,
Wir ziehen ins Glücke, ins Glücke!

Es kracht die Kartaune, es blitzet das Schwert;
Wer hält mir noch stand, wenn ich's zücke?
Im Krieg nur, im Kriege, zu Fuß und zu Pferd
Im Kriege allein haust das Glücke!

Die Stadt ist genommen, die Beute ist mein;
Ich weiß, wen mit Rotgold ich schmücke;
Rotwangige Dirnen, rot funkelnder Wein,
O Glück, paradiesisches Glücke!

Rotprangende Wunde in mutiger Brust,
Kein Alter mit Jammer und Krücke,
Ein Ende in Ehren, ein Ende in Lust,
Auch das ist ein Glücke, ein Glücke!

Es setzte dies Sanglied ein weidlicher Knecht,
Hans Eitelfritz von der Lücke,
Zu Kölln in den Marken da haust sein Geschlecht,
Er selber im Glücke, im Glücke!«

»Er selber im Glücke, im Glücke!« sang Ulrich mit, und während neben ihm unter lautem Jubel die Becher aneinanderschlugen, wiederholte er das frohe: »Im Glücke, im Glücke!« Und plötzlich ging es ihm auf wie eine Offenbarung: »Glück, Glück!« dies konnte das Wort sein!

So verwegener Jubel, so lerchenfrisches Tirilieren, so herzbeflügelndes und verheißungsvolles Jauchzen war ihm noch aus keinem Wort entgegengeklungen wie aus dem »Glücke«, das der junge Landsknecht so übermütig und freudengewiß hervorgeschmettert hatte.

»Glück, Glück!« rief er laut vor sich hin, und der Narr, der schlaflos im Bette lag und bei seinem Gesang lächeln mußte, richtete sich auf und sagte:

»Das Wort gefällt dir? Wer das Glück festzuhalten versteht, wenn's vorbeifliegt, der schwimmt überall oben, wie das Fett auf der Brühe. Von den Birken und Weiden und Haselnußstöcken werden die Ruten geschnitten – huist! – du weißt ja; – aber für den, der das Glück hat, wachsen Speckkuchen, Wecken und Würste daran. Ein kühner Radschwung Fortunas bringt den, der vorher unten gestanden, blitzschnell nach oben. Bruder Querkopf sagt: »Immer hinunter, immer herauf, wie eine Lawine.« Aber nun wende dich um, und daß du mir schläfst. Morgen ist auch noch ein Weihnachtstag, der wird dir vielleicht dein »Glücke« als Christkindlein bringen.«

Und es war, als habe Ulrich das Glück nicht vergebens gerufen, denn sobald er die Augen geschlossen, trug ihn ein lieblicher Traum auf sanften Händen in die Schmiede am Markte, und sein Müetterle stand neben dem brennenden Christbaum und wies ihm das neue himmelblaue Gewand, das sie für ihn genäht, und Äpfel und Nüsse und ein Steckenpferd und einen Gliedermann mit kugelrundem Kopfe, großen Ohren und ganz flachen winkeligen Beinen. Er fühlte sich ja viel zu groß für all das Kinderspielzeug, aber er hatte doch seine Freude daran. Dann änderte sich das Bild, und wiederum sah er seine Mutter; aber diesmal wandelte sie unter lauter Engeln mitten im Paradiese. Auf ihrem goldenen Haar prangte eine Königskrone, und sie sagte ihm, sie dürfe sie hier tragen, weil man sie auf Erden so viel geschmäht und weil sie da so große Schande erduldet.

Als der Maler am nächsten Morgen von der Hochburg heimkehrte, war er nicht wenig erstaunt, Ulrich frisch und gesund vor dem Werbetisch stehen zu sehen.

Die Wangen des Knaben glühten vor Scham und Verdruß, denn der Musterschreiber und Pfennigmeister hatten ihm wegen seines Wunsches, ein Landsknecht zu werden, geradeaus ins Gesicht gelacht.

Der Maler erfuhr bald, was hier vorging, und gebot seinem Schützling, ihm ins Freie zu folgen. Freundlich und ohne Spott oder Tadel stellte er ihm vor, daß er noch viel zu jung für den Kriegsdienst sei, und nachdem Ulrich alles bestätigt, was dem Maler schon durch den Narren bekannt war, fragte ihn Moor, wer ihm Anleitung im Zeichnen gegeben.

»Mein Vater und dann Pater Lukas im Kloster,« entgegnete der Knabe. »Aber forscht mich nicht aus, wie der kleine Herr gestern abend.«

»Nein, nein,« entgegnete der Künstler, »aber eins und das andere begehr' ich dennoch zu wissen. War dein Vater ein Maler?«

»Nein,« murmelte der Bube errötend und stockte. Als er aber dem klaren Auge des Fremden begegnete, faßte er sich schnell und sagte:

»Er konnte nur zeichnen, weil er schöne, treffliche Kunstsachen zu schmieden verstand.«

»Und in welcher Stadt seid ihr ansässig gewesen?«

»In keiner. Draußen am Walde.«

»So, so!« fiel der Künstler dem Knaben ins Wort und lächelte verständnisvoll, denn er wußte, daß viele Ritter ein Handwerk übten. »Beantworte nur noch zwei Fragen; dann sollst du Ruhe haben, bis du mir freiwillig das Herz eröffnest. Wie heißt du?«

»Ulrich.«

»Das weiß ich; aber dein Vater?«

»Adam.«

»Und weiter?«

Der Bube blickte schweigend zu Boden, denn der Meister hatte keinen anderen Namen geführt.

»Gut denn,« sagte Moor. »Heißen wir dich denn einstweilen Ulrich; das wird auch genügen. Bist du ganz ohne Verwandte? Wartet keiner zu Hause auf dich?«

»Wir haben so einsam gelebt; auch nicht einer.«

Moor hatte dem Knaben fest in die Augen geschaut. Nun nickte er zufrieden, legte die Hand auf Ulrichs Locken und sagte:

»Sieh mich recht an. Ich bin ein Maler, und wenn du Lust hast zu meiner Kunst, so will ich dich in die Lehre nehmen.«

»Oh!« rief der Knabe und schlug erfreut und überrascht in die Hände.

»Gut denn,« fuhr der Künstler fort. »Auf der Reise kann es nicht viel mit dem Lernen werden, aber in Madrid geht es scharf an die Arbeit. Wir ziehen jetzt zu König Philipp nach Spanien!«

»Spanien, Portugal!« murmelte Ulrich mit leuchtenden Augen, und alles, was er im Hause des Doktors von diesen Ländern gehört, kam ihm in den Sinn.

»Glück, Glück!« jubelte es laut in ihm auf. Das war das »Wort«, das mußte es sein, und es übte schon jetzt seinen Zauber, und dieser Zauber sollte auch in der nächsten Zeit die ihm innewohnende Kraft bewähren.

Noch am selbigen Tage ging es nach Rappoltsweiler zu dem Grafen von Rappoltstein, und diesmal galt es nicht mehr die Sohlen abzulaufen oder in einem dumpfen Frachtwagen zu liegen; nein, er durfte ein mutiges Rößlein reiten! Das Geleit sollten keine gedungenen Knechte, sondern auserlesene Mannen geben, und der Herr Graf wollte sich unter dem Schloßberg in eigener Person zu dem Zuge gesellen, denn Moor hatte die Zusage erteilt, das Bildnis seiner Tochter, die dem Rappoltsteiner angetraut war, zu malen. Es sollte ein kostbares Weihnachtsgeschenk werden, welches der alte Herr sich selbst und seiner treuen Hausfrau zu bieten gedachte.

Auch der Planenwagen war zur Mitreise gerüstet; aber es saß niemand darin, denn der Narr hatte tief vermummt neben dem Kutscher Platz genommen, die Mönche aber mußten über Freiburg weiter und konnten das Fuhrwerk nicht länger benutzen.

Darüber klagten und schalten sie, als sei ihnen schweres Unrecht geschehen, und als Magister Sutor dem Maler beim Abschiede die Hand weigerte, wandte Stubenrauch dem gütigen Manne böslich den Rücken.

Das gekränkte Paar zog sich grollend zurück, aber die Weihnachtssonne schien darum nicht weniger hell vom blauen Himmel, und der Reisezug hatte ein schmuckes und feiertäglich blink und blankes Ansehen, und die Welt, in die es nun rüstig hineinging, war so weit und so schön, daß Ulrich seines Kummers nimmer gedachte und das neue Barett schwang, um dem Winke des Landsknechts zu danken.

Das war ein fröhlicher Ritt, denn unterwegs begegneten ihnen viele fahrende Leute, die zu den »drei Schlössern auf einem Berge« über Rappoltsweiler wollten und den alten Edelherrn mit lustigen Weisen begrüßten. Die Grafen von Rappoltstein waren die »Pfeiferkönige«, die Schutzherren der Musikantenbrüderschaft und des Sängervolkes am oberen Rhein. Sonst pflegten die lustigen Vögel sich am achten September vor dem Schlosse ihres »Königs« zusammenzufinden, um ihre kleine Steuer zu zahlen und sich dafür weidlich bewirten zu lassen; heuer war das Fest auf den dritten Weihnachtstag verschoben worden, wegen der Seuche im Herbst; – aber Ulrich meinte, das »Glück« hab' es also für ihn gefügt.

Da gab es Gesang genug zu hören, und die Geigen und Rebeben, die Flöten und Schalmeien wurden nicht stille. Eine Serenade folgte der anderen, und selbst bei Tisch ertönte bei jedem neuen Gange ein neues Lied.

Gewiß! Der feurige Wein, das Wild und der süße Kuchen an der Tafel im Schlosse schmeckten dem Handwerkersohne, aber der Ohrenschmaus mundete ihm noch besser. Er fühlte sich wie im Himmel und dachte immer weniger an den überstandenen Kummer.

Tag für Tag schüttelte das Glück sein Füllhorn und warf neue Gaben auf ihn herab.

Er hatte dem Stallwart von seiner Macht über widerspenstige Rosse gesprochen, und nachdem er bewährt, was er konnte, durfte er vor dem alten und jungen Grafen und den schönen Fräulein im Schlosse wilde Hengste zur Ruhe bringen und auf dem Burghof in die Runde reiten. Das brachte ihm Lob ein und neue Kleider. Manche zarte Hand strich ihm über die Locken, und dabei war es ihm immer, als habe sein mächtiges Zauberwort ihm nichts Besseres mehr zu schenken.

Eines Tages nahm ihn Moor beiseite und eröffnete ihm, daß er auch das Bildnis des jungen Rappoltsteiners begonnen habe. Der Knabe müsse still liegen, weil er bei einem Sturz mit dem Pferde den Fuß gebrochen, und da Ulrich so alt und so groß sei wie jener, wolle er ihn in den Kleidern des jungen Grafen als Modell benutzen.

Nun erhielt der Sohn des Schmiedes das beste Habit seines vornehmen Altersgenossen. Das war ganz schwarz, aber jedes Stück von einem anderen Stoffe: das Strumpfwerk von Seide, die Hosen von Atlas, das Wams von weichem flandrischem Samt. Goldgelbe Puffen und Schlitze hoben sich schön von den dunkleren Stoffen ab. Auch die Schleifen an den Beinkleidern und auf den Schuhen waren gelb wie ein Amselschnabel. Feine Spitzen erhoben sich am Hals und fielen auf die Hände, und eine Agraffe von lauter Edelsteinen hielt die schwarz und gelben Federn an dem samtnen Hut.

Dem Sohn des Schmiedes stand das alles gar köstlich, und er hätte blind sein müssen, um nicht zu bemerken, wie alt und jung sich einander bei seinem Anblick anstießen. Da lachte die Eitelkeit in seiner Seele laut auf, und er wußte bald den Weg zu dem großen Spiegel aus Venedig zu finden, der im Prunksal sorglich gehütet wurde. Dies Wunderglas zeigte Ulrich zum erstenmal seine ganze Gestalt, und das Bild, das ihm aus dem Kristall entgegenschaute, schmeichelte ihm und tat ihm wohl.

Aber mehr als alles andere freute es ihn, der Hand und dem Auge des Malers bei den Sitzungen zu folgen. Vor diesem Meister mußte sich der arme Pater Lukas im Kloster verstecken. Er schien bei der Arbeit zu wachsen, die Schultern, die er sonst nachlässig vorzubeugen liebte, traten zurück, die breite Mannesbrust wölbte sich höher, und die gütigen Augen wurden streng, ja sie gewannen einen furchtbaren Ausdruck.

Obgleich bei den Sitzungen selten gesprochen wurde, waren sie dem Knaben doch immer zu kurz. Er regte sich nicht, denn es war ihm, als könne jede Bewegung die heilige Handlung, bei der er Zeuge war, stören, und wenn er in den Pausen auf die Leinwand schaute und sah, wie schnell und sicher das Werk fortschritt, war es ihm, als werde er vor seinen leiblichen Augen neu und zu einem edleren Dasein geboren.

In der Trinkstube hing das Bild eines jungen Prinzen von Navarra, dem ein Rappoltstein auf der Jagd das Leben gerettet. Dem glich Ulrich in seiner gräflichen Kleidung ganz und gar. Der Narr hatte diesen seltsamen Umstand zuerst wahrgenommen. Jedermann, auch Moor, pflichtete ihm bei, und so kam es, daß Pellicanus den jungen Freund von nun an Navarrete hieß. Dem Knaben gefiel dieser Name.

Alles behagte ihm hier.

Er war des Glückes ganz voll.

Nur bei Nacht wußte er sich manchmal nicht vor Trauer zu lassen, weil er so übermäßig viel Gutes genoß, während sein Vater tot war, und weil er seine Mutter und Ruth und alle, die ihn liebgehabt hatten, verloren.

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