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Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel

Der Frohlinger hatte ein leises Amen an die letzten Worte des Sterbenden geknüpft. Dann trat er an die Witwe heran und leistete ihr Zuspruch – freundlich und in der herzlichen Weise, die ihm eigen.

Endlich befahl er seinen Leuten, die Bande des Schmieds zu lösen und ihn mit den Frauen und dem Kinde ungesäumt an die Grenze zu führen. Er redete auch mit Adam, aber nur wenige Worte, und die waren diesmal nicht heiter wie sonst, sondern ernst und rauh.

Sie befahlen dem Meister, ohne Aufenthalt das Land zu verlassen und niemals in die Heimat zurückzukehren.

Die Leiche des Juden wurde auf eine Bahre von jungen Tannenstämmen gelegt und die Träger hoben sie auf.

Ruth schmiegte sich, während ihr das Liebste entführt ward, fest an die Mutter und beide zitterten wie Laub im Winde, aber nur das Kind konnte weinen.

Bis Mittag warteten die Geleitsmänner, welche der Frohlinger zurückgelassen, geduldig mit dem Schmied auf die Rückkehr seines Sohnes, dann aber drängten sie zum Aufbruch, und so ging es denn vorwärts.

Kein Wort ward geredet, bis die Wanderer vor dem Hause des Köhlers hielten.

Der war in der Stadt, aber sein Weib berichtete, der Bub sei hier gewesen und dann vor einer Stunde in den Wald zurückgelaufen. In der Herberge, fügte sie hinzu, geb' es Obdach für viele, und dort könnten sie ihn erwarten.

Die Wanderer folgten diesem Rat, und nachdem Adam die Frauen untergebracht hatte, suchte er die Unglücksstätte noch einmal auf und wartete dort auf den Knaben, bis es Nacht ward. Bei dem Baumstumpf, über dem sein Freund den Geist aufgegeben, betete er lange und gelobte dem verstorbenen Erretter, nur noch für die Seinen zu leben. Lautlose Stille umfing ihn, und es war ihm, als wäre er in der Kirche und jeder Baum im Walde ein Zeuge des Eides, den er sich selber schwur.

Am nächsten Morgen suchte der Schmied den Köhler wiederum auf. Diesmal fand er ihn, und Jörg tadelte den ungeduldigen Buben, aber er versprach, ihn mit dem Marx aufzusuchen und ihn dem Meister nachzuführen. Die Geleitsmänner drängten, und so zog denn der Schmied ohne Ulrich weiter gen Nordwesten, dem Rheintale zu.

Der Köhler war um den Angeberlohn gekommen, und das Botengeld konnte er auch nicht verdienen.

Er hatte Ulrich am Morgen in die Bodenkammer gelockt und ihn dort eingeschlossen. Während seiner Abwesenheit war dann der Knabe entwischt. Ein Blitzbub war's doch, denn er mußte den Satz aus dem Fenster gewagt und sich dann über den Zaun auf den Weg geschwungen haben.

Die Vermutung Jörgs täuschte ihn nicht, denn sobald Ulrich bemerkt hatte, daß er in eine Falle geraten, war er ins Freie gesprungen.

Er mußte die Seinen warnen und die Angst um sie beflügelte seine Schritte.

Einmal ging er irre und dann wieder, aber endlich fand er den richtigen Weg. Freilich waren ihm viele Stunden, erst im Dorf, dann hinter der verschlossenen Tür, und dann beim Suchen des rechten Pfades verloren gegangen.

Die Sonne hatte die Mittagshöhe schon überschritten, als er endlich auf die Lichtung gelangte.

Die Hütte war verlassen; auf sein lautes, ängstliches Rufen gab niemand Antwort.

Wohin hatten sie sich gewandt?

Er suchte auf der weiten, beschneiten Fläche nach Spuren, und er sollte nur zu viele finden. Hier hatten sich Rosseshufe, dort kleine und große Sohlen in den Schnee gedrückt, da waren Rüden gelaufen und – großer Gott! – hier bei dem Baumstumpf färbte rotes Blut den weißschimmernden Boden. Ihm stockte der Atem, aber er hörte nicht auf zu spüren, zu suchen, zu forschen.

Dort, wo der Schnee in Manneslänge verschwunden war und Gras und braune Erde hervortrat, hatten Männer miteinander gerungen, und da – heilige Jungfrau! was war das? – da lag der Hammer seines Vaters! Er kannte ihn nur zu gut; es war der kleinere, den er zum Unterschied von den beiden größeren Goliath und Simson – David benannt hatte, und den er hundertmal selbst geschwungen.

Das Herz stand ihm still, und als er dann frisch abgeschlagene Tannenzweige und einen von den Knechten verworfenen Föhrenstamm fand, sagte er sich: »Hier wurde die Bahre gezimmert,« und seine lebendige Einbildungskraft zeigte ihm seinen Vater im Kampfe, wie er niedergestreckt wurde, und einen düsteren Leichenzug. Grinsende Häscher trugen einen gewaltigen, lang ausgestreckten Toten und eine schlanke, schwarz gekleidete Leiche, seinen Vater und seinen Lehrer. Dann kamen die stille, schöne Frau und Ruth in Ketten und Banden und hinter ihnen der Marx und die Rahel. Das alles sah er zum Greifen deutlich, und es war ihm sogar, als ob er das Schluchzen der Frauen vernehme. Da schlug er die Hände jammernd in die wallenden Locken und eilte bald hierhin, bald dorthin, und dabei fiel es ihm ein, daß die Reisigen wiederkehren würden, um auch ihn zu greifen. Fort, fort, nur fort, dröhnte und sauste es ihm vor den Ohren, und nun machte er sich auf und lief nach Süden weiter, weiter immer nach Süden.

Seit dem Hafermus, das er am Morgen bei dem Köhler bekommen, hatte er noch keinen Bissen gegessen, aber er fühlte weder Hunger noch Durst und jagte vorwärts und immer vorwärts, ohne des Weges zu achten.

Nachdem sein Vater schon längst zum zweiten Male die Lichtung verlassen, lief er noch immer; aber sein Atem flog und die Schritte wurden langsamer und kürzer. Der Mond ging auf, und ein Stern nach dem andern entzündete sein Licht, und immer noch strebte er vorwärts.

Der Wald lag hinter ihm; er war auf eine breite Straße gelangt. Der folgte er nach Süden, immer nach Süden, bis die Kraft ihm völlig erlahmte. Kopf und Hände glühten ihm wie Feuer, und doch war es wohl kalt, sehr kalt; aber hier im Tale lag wenig Schnee, und an manchen Stellen zeigte ihm das Mondlicht den nackten, dunklen Rasen.

Der Schmerz war vergessen. Müdigkeit, Angst und Hunger beherrschten den Knaben ganz. Er fühlte sich versucht, sich am Wege niederzuwerfen und zu schlafen, aber da fielen ihm die erfrorenen Menschen ein, von denen er gehört hatte, und er schleppte sich weiter bis an das nächste Dorf. Da waren die Lichter schon längst verlöscht, aber in den Höfen schlugen die Hunde an, wenn er nahte, und aus manchem Stalle tönte das wehmütige Geblök einer Kuh. Er war wieder unter Menschen, und das wirkte beruhigend auf ihn ein, und er besann sich und suchte nach einer Unterkunft für die Nacht.

Am Ende des Dorfes stand eine einsame Scheune, und er bemerkte im Mondschein an der einen Wand eine offene Luke.

Wenn es ihm gelang, sie zu erklettern! Das Fachwerk bot einigen Halt für Fingernägel und Fußspitzen, und so wollte er's wagen.

Mehrmals rutschte er, nachdem er die halbe Höhe erreicht hatte, wieder zu Boden, aber endlich war er oben und fand ein Lager in weichem Heu unter einem schützenden Dache. Umfangen vom Duft der getrockneten Gräser, entschlief er schnell, und ein Traum zeigte ihm erst den Vater mit einer blutenden Wunde in der breiten Brust und dann den Doktor, der mit der alten Rahel tanzte, und lauter wirre und widrige Gestalten. Zuletzt erschien ihm Ruth. Sie führte ihn in den Wald, an einen Wacholderbusch und zeigte ihm ein Vogelnest voller Jungen. Aber ihn verdrossen die halbnackten Tierchen, und er zertrat sie, und darüber klagte die Kleine so laut und schmerzlich, daß er davon erwachte.

Der Morgen begann schon zu dämmern, der Kopf tat ihm weh, und ihn fror und hungerte sehr, aber er hatte keinen Wunsch und keinen Gedanken, als weiterzukommen, und so suchte er denn wieder das Freie, säuberte Haar und Gewand von dem Heu, das in ihm hängen geblieben, und zog vorwärts nach Süden. Es war wärmer geworden und hatte heftig zu schneien begonnen.

Das Wandern fiel ihm schwerer und schwerer, der Kopfschmerz ward unerträglich, und doch hoben sich die Füße noch immer, aber es war ihm, als trage er schwere bleierne Schuhe.

Einige Frachtwagen mit bewaffneten Geleitsknechten und einzelne Bauern mit Rosenkränzen in der Hand, die zur Kirche wollten, kamen ihm entgegen, aber überholt hatte ihn noch niemand.

Zwischen Morgen und Mittag hörte er hinter sich Pferdegetrappel und Waffengerassel. Mit verhängnisvoller Eile kam es näher und immer näher.

Wenn das die Reisigen waren!

Das Herz stand ihm stille, und als er sich umwandte, um rückwärts zu blicken, sah er mehrere Reiter, die an einem Ausläufer des Hügels, den die Straße umging, vorbei trabten.

Durch die wehenden Flocken erkannte er blitzende Waffen, bunte Wämser und Schärpen und nun – nun, nun war alles – alles vorbei: sie trugen des Frohlingers Farben!

Wenn die Erde sich nicht vor ihm öffnete, dann gab es hier kein Entrinnen. Der Weg gehörte den Reitern, zur Rechten lag eine beschneite ebene Fläche, zur Linken erhob sich eine Hügelwand, die nach dem Wege zu durch rohes Gemäuer vor dem Einsinken bewahrt wurde. Sie bedurfte dieser Stütze weniger um der Straße als um eines Friedhofs willen, zu dem die Bürger des nahen Fleckens die sanft abfallende Berglehne benutzten.

Die Grabhügel, die nackten Holundersträuche und buschigen Zypressen auf dem Gottesacker waren beschneit, und je heller das Weiß war, das alles rings umher bedeckte, desto schärfer hob sich das Schwarz der Kreuze von ihm ab.

Im Hintergrund des Friedhofes stand eine kleine Kapelle. Die faßte Ulrich ins Auge. Wenn es ihm möglich war, das Gemäuer zu erklimmen, so konnte er sich hinter ihr verbergen. Schon waren die Reiter ihm dicht auf den Fersen, da nahm er die letzte Kraft zusammen, eilte auf einen aus der Mauer hervorragenden Stein zu und begann zu klettern.

Gestern wäre es ihm ein Kleines gewesen, den Gottesacker zu erreichen, aber heute haspelte sich der schwer ermüdete Knabe immer nur aufwärts, um von den glatten Steinen niederzugleiten und den Halt zu verlieren, den die dürren, beschneiten Pflanzen in den breiten Fugen seinen Händen trügerisch boten.

Die Reiter hatten ihn bemerkt, und ein junger Kriegsknecht rief dem Nebenmann zu: »Ein verlaufener Strolch! Schau, wie das Landstreicherle sich gebärdet. Ich greif' ihn!«

Dabei gab er dem Gaul die Sporen, und just als es dem Knaben gelungen, das Ziel zu erreichen, faßte er dessen Fuß. Aber Ulrich hielt sich schon an einem Grabstein fest, und so verblieb der Schuh in der Hand des Reiters, und die anderen Kriegsknechte erhoben ein lautes Gelächter. Das klang sehr lustig, aber es dröhnte dem armen geängstigten Schelm wie das Gewieher der Hölle ins Ohr und scheuchte ihn weiter. Über zwei, fünf, zehn Grabhügel war er glücklich gelangt, da stolperte er über einen Leichenstein, den der Schnee ihm verborgen.

Mühsam raffte er sich noch einmal auf, aber bevor er die Kapelle erreicht hatte, kam er noch einmal zu Falle, und nun ward sein Wille erlahmt. In Todesangst umklammerte er ein Grabkreuz, und während die Sinne ihm schwanden, dachte er an »das Wort«, und es war ihm wieder, als rufe ihm jemand das rechte zu, und als könnte er es vor lauter Schwäche und Müdigkeit nicht behalten.

Der junge Kriegsknecht war nicht gewillt, sich den Landstreicher entwischen und den Hohn seiner Kameraden über sich ergehen zu lassen. Mit einem kurzen: »Warte, du Schelm!« warf er den Schuh in den Friedhof, reichte dem Nebenmann die Zügel und kniete wenige Minuten später neben dem Knaben. Er rüttelte und schüttelte ihn; aber vergebens. Da ward ihm angst, und er schrie den anderen zu, daß der Bube wohl tot sei.

»So schnell stirbt sich's nimmer!« rief der graubärtige Führer der Knechte; »zieh ihm eins über.«

Der junge Reiter holte aus, aber es kam nicht zum Schlage. Er hatte Ulrich ins Antlitz geschaut und etwas darin gefunden, das ihm ans Herz griff. »Nein, nein,« rief er zurück, »komm herauf, Peter; ein feiner Bub'; aber 's ist aus mit ihm, sag' ich.«

Während dieses Aufenthaltes hatte sich auch der Reisende, dem die Knechte das Geleit gaben, und sein alter Diener in raschem Trabe dem Friedhof genähert. Jener, ein Herr in mittleren Jahren, der mit seinem Pelzwerk gegen die Kälte geschützt war, übersah mit einem schnellen Blick, was der Aufenthalt bedeute.

Ohne Säumen stieg er aus dem Sattel und folgte dem Führer der Geleitsmänner bis zum Ende der Böschungsmauer, wo sich eine Treppe von rohen Steinen befand.

Das Haupt Ulrichs lag jetzt in den Armen des Kriegsknechtes, und der Reisende schaute ihm voll Teilnahme ins Antlitz. Wie gebannt hing der besonders feste und stetige Blick seiner hellen Augen an den Zügen des Knaben, dann hob er die Hand, winkte dem älteren Geleitsmann und rief: »Fasset an; wir nehmen ihn mit uns; es findet sich noch ein Plätzchen im Wagen.«

Das Fuhrwerk, von dem der Reisende geredet, ließ eine Zeitlang auf sich warten. Es war ein langer, vierräderiger Wagen, über den sich zum Schutz gegen Wetter und Wind eine runde Plane von Segeltuch spannte. In einem Korb hinter den Gäulen kauerte der Fuhrknecht wie eine brütende Henne tief in struppigem Stroh.

Unter dem schützenden Linnenzelt, auf und zwischen dem Gepäck und Gerät des Herrn im Pelzwerk, saßen und lagen vier Reisende, die der Besitzer des Wagens nach und nach aufgelesen hatte, und die eine gar bunte Gesellschaft bildeten.

Die beiden Predigermönche, Magister Sutor und Stubenrauch, waren schon in Köln aufgestiegen, denn der Wagen kam geradeswegs aus Holland und gehörte dem Maler Moor aus Utrecht, der an den Hof des Königs Philipp wollte. Das feine Zobelfell an der schwarzen Mütze und Samtschaube verriet, daß er nicht zu sparen brauchte; er zog den Rücken eines braven Rosses eben nur dem Sitz in einem schwankenden Fuhrwerke vor.

Die Kleriker hatten sich der besten Plätze im Hintergrund des Wagens bemächtigt. Sie waren unzertrennliche Brüder und bildeten gemeinsam eine Person, denn sie gebärdeten sich wie zwei Körper mit einer Seele. Der feiste Magister Sutor stellte den Willen, der hagere Stubenrauch das Erwägen und Vollbringen an diesem Doppelleibe dar. Wenn jener vorschlug, sich zu legen oder zu setzen, zu essen oder zu trinken, zu schlafen oder zu reden, führte dieser es sogleich aus und versäumte dabei selten, mit weislichen Worten zu begründen, aus welcher Ursache die betreffende Tätigkeit gerade jetzt geübt werden müsse.

Weiter nach vorn lag, mit dem Rücken an eine Kiste gelehnt, ein stattlicher junger Landsknecht. Es war gewiß ein flinker, übermütiger Gesell, jetzt aber hielt er stumm und trübselig den wunden linken Arm wie ein zerbrechliches Gefäß mit der Rechten.

Ihm gegenüber erhob sich eine Schütte lockeren Strohs, unter der sich von Zeit zu Zeit etwas regte und aus der sich in kurzen Zwischenräumen ein leichtes Husten vernehmen ließ.

Sobald die Tür an der hinteren Seite des Wagens sich öffnete und die kalte Schneeluft in den dunstigen halbdunklen Raum unter der Plane drang, öffnete Magister Sutor den Mund zu einem tiefen, langgezogenen »Huh!« und daran knüpfte sein hagerer Gefährte sogleich eine Reihe von scheltenden Worten über den Aufenthalt, die Zugluft, die Gefahr, sich zu erkälten.

Als das Haupt des Malers sich an der Öffnung zeigte, schwieg der Kleriker, denn Moor bezahlte die Fuhre; wie aber sein Kollege Sutor den Mantel mit allen Zeichen des Mißbehagens und Leidens zusammenzog, tat er es in noch auffälligerer Weise.

Der Maler kümmerte sich nicht um diese Gebärden, sondern ersuchte seine Reisegäste in aller Ruhe, Platz für den Knaben zu schaffen.

Da schoß aus dem Stroh ein tief vermummter Kopf hervor. »Ein Lazarett auf vier Rädern!« rief es, dann tauchte das wunderliche Haupt wieder unter wie der Kopf eines Fisches, der Luft schnappte.

»Ganz recht!« entgegnete der Künstler. »So weit braucht Ihr die Beine nicht einzuziehen, mein frommer Landsknecht, aber ich muß die Herren Magister ersuchen, ein wenig auseinander oder zusammen zu rücken, damit wir auf dem Ledersacke Platz für den Kranken bekommen.«

Gleich darauf hob einer der Geleitsmänner den Knaben, der immer noch der Besinnung beraubt war, unter die Plane.

Magister Sutor bemerkte den Schnee, welcher Ulrich in den Locken und an den Kleidern hing, und rief, indem er sich zu erheben versuchte, ein abweisendes »Nein«, Stubenrauch aber fügte eilig und scheltend hinzu: »Wenn das schmilzt, gibt es hier eine Lache; Ihr habt uns diese Plätze gegönnt, Meister Moor, aber schwerlich, damit wir mit durchnäßten Leibern und schlimmem Reißen ...«

Er hatte nicht ausgeredet, als der vermummte Kopf wiederum aus dem Stroh hervorfuhr und die schneidend hohe Stimme des unter den Halmen verborgenen Mannes fragte: »War das Blut des wunden Wanderers, den der Samariter am Wege auflas, trocken, oder war's naß?«

Magister Sutor forderte den Stubenrauch mit einem ermunternden Blick zu einer treffenden Antwort heraus, und dieser entgegnete schnell und salbungsvoll: »Der Herr ist es gewesen, welcher den Samariter den Verwundeten am Wege finden ließ – dieses trifft dagegen in unserem Falle nicht zu, denn der nasse Bub' soll uns aufgedrängt werden, und wenn wir auch Samariter sind ...«

»So seid ihr doch nicht barmherzig,« tönte es wiederum aus dem Stroh hervor.

Der Maler lachte, der Landsknecht aber schlug sich mit der gesunden Hand auf den Schenkel und rief:

»Her mit dem Buben, ihr da draußen, hierher, auf meinen rechten Arm legt ihn! – Auseinander, ihr Herren da hinten; das Wasser wird uns nichts schaden, wenn ihr uns nur den Wein in eurem Kober da freigebt.«

Die Magister ließen es sich nun gern oder ungern gefallen, daß Ulrich zwischen sie auf den Ledersack gelegt wurde, und während erst Sutor, dann Stubenrauch sich zusammenkauerte, um einen Rosenkranz für die Errettung des Besinnungslosen abzubeten und nicht mit dem nassen Buben in Berührung zu kommen, erstieg der Maler den Wagen und nahm, ohne zu fragen, den Wein aus dem Kober des Magisters. Der Landsknecht stand ihm bei, und bald gelang es ihren vereinten Bemühungen und dem Feuer des Rebensaftes, den Ohnmächtigen neu zu beleben.

Der Holländer ritt, der Wagen fuhr weiter, bis die Reise für diesen Tag in Emmendingen ein Ende nahm. Die Mannen des Grafen von Hochburg, die von hier aus das Geleit zu geben hatten, wollten am heiligen Weihnachtsfeste nicht reiten. Dies ließ der Maler gelten, als sie aber erklärten, auch morgen am zweiten Feiertag kein Roß aus dem Stalle zu ziehen, zuckte er die Achseln und entgegnete, ohne sich zu ereifern, sicher und vornehm, dann werde es wohl an ihm sein, sie – zur Not auch unter dem Beistand ihres Herrn – morgen nach Freiburg zu führen. Die Herberge in Emmendingen gehörte zu den größten und besten in der Freiburger Gegend, und wegen des Geleitwechsels, der hier stattfand, fehlte es darin nicht an Unterkunft für zahlreiche Pferde und Gäste.

Ulrich verlor, sobald man ihn in die heiße Wirtsstube führte, zum anderenmal die Besinnung, und nun nahm sich der Künstler seiner an, als sei er sein leiblicher Vater.

Magister Sutor hatte längst den Festbraten und Stubenrauch alles, was sonst noch zu einem guten Mahle erforderlich ist, bestellt und tüchtig einzuhauen begonnen, als Moor sich noch immer mit dem erkrankten Knaben zu schaffen machte. Dabei stand ihm das Männlein, das im Planenwagen unter dem Stroh verborgen gewesen, wacker zur Seite.

Es war Schalksnarr gewesen, und seine Kleidung trug noch manches Merkmal des früheren Berufes. Das große Haupt wankte auf dem dünnen Halse; die drolligen, aber kranken Züge flogen lebhaft hin und her, und auch wenn er nicht hustete, verblieb sein Mund in lebhafter Bewegung.

Sobald Ulrich ruhig atmete, untersuchte er seine Kleider, um einen Anhalt zu finden, wohin er gehöre. Alles, was er in den Taschen des Knaben fand, reizte ihn zu abenteuerlichen und komischen Vermutungen, und es pflegt ja auch kein Gefäß einen mannigfaltigeren Inhalt zu haben, als die Tasche eines Schulbuben, wenn anders man die eines Schulmädchens ausnimmt.

Da gab es ein Stück Papier mit einem von Fehlern strotzenden lateinischen Exerzitium, einen glatten Stein, ein viel gebrauchtes schartiges Messer, ein Stück Kreide zum Zeichnen, eine eiserne Pfeilspitze, einen zerbrochenen Hufnagel und einen Falkonierhandschuh, den Graf Lips den Kameraden geschenkt hatte. Auch der Ring, den ihm die Gattin des Doktors beim Abschied gegeben, wurde an seinem Halse entdeckt.

Dies alles führte Pellicanus – so hieß der Narr – auf manche Vermutung, und er ließ keine unbenutzt.

Wie man ein Mosaikbild aus Steinen zusammensetzt, so gestaltete er aus hundert Anzeichen ein Bild der Eigenart dieses Knaben, seines elterlichen Hauses und der Schule, der er entlaufen.

Er nannte ihn den Sohn eines Ritters von mäßigem Wohlstand. Darin irrte er freilich, sonst aber erkannte er mit erstaunlicher Schärfe, wie es um Ulrich bestellt war, ja er versicherte, daß er ein mutterloses Kind sei, denn das werde durch manches erwiesen, was bei ihm fehle. Der Bube sei – Pellicanus war ein guter Lateiner – zu spät für seine Jahre in die Schule gekommen und vielleicht zu früh auf das Roß, in den Wald, auf die Pirsch.

Der Maler gewann aus dem bloßen Anschauen des Knaben ein noch treueres Bild von seinem wahren Wesen als der Narr durch seine Wahrnehmungen und Schlüsse.

Ulrich gefiel ihm, und als er die Federzeichnung auf der Rückseite des Exerzitiums sah, welche Pellicanus ihm wies, schmunzelte er und fühlte sich in dem Entschlusse bestärkt, sich auch fürder des schönen Knaben anzunehmen, den das Schicksal ihm in den Weg geworfen. Es galt nur zu erkunden, wer seine Eltern waren und was ihn aus der Schule getrieben.

Der Wundarzt des Städtchens hatte Ulrich zur Ader gelassen, und bald darauf war er in tiefen Schlaf verfallen und atmete ruhig. Nun nahm der Maler mit dem Narren das Mahl ein. Die Mönche hatten das ihre längst beendet und freuten sich in ihrer Kammer der Mittagsruhe; dem Landsknechte, der bescheiden in einer Ecke der großen Wirtsstube saß und still und schwermütig auf den wunden Arm schaute, wurde auf Moors Geheiß Braten und Wein aufgetragen.

»Armer Schelm,« sagte der Narr und wies auf den stattlichen Burschen. »Wir sind Schicksalsbrüder; einer wie der andere; ein Wagen mit zerbrochenem Rad.«

»Der Arm wird bald heilen,« entgegnete der Maler. »Euer Werkzeug aber,« und dabei zeigte er sich selbst auf die Lippen, »regt sich jetzt schon tapfer genug. Ich und die Magister haben sie kennen gelernt in den letzten Tagen.«

»Wohl, wohl,« erwiderte Pellicanus mit bitterem Lächeln; »sie werfen mich aber dennoch zum alten Eisen.«

»Das wäre ...«

»Ihr wähnet, dann würden die Klugen an dem Narren zum Narren; aber mitnichten. Wißt Ihr, was die Herren von uns wollen?«

»Ihr sollt ihnen mit Witz und Scherz die Zeit verkürzen.«

»Aber wann dürfen wir rechte Narren sein, Herr? Habt Ihr's bedacht? In guten Stunden am letzten. Da heißt es den Weisen spielen, vor Übermaß warnen, die Schatten zeigen. Im Leid, in schwerer Zeit, da, Narr, sei ein Narr! Je toller du's treibst, desto besser. Stell die Vernunft auf den Kopf, und wenn du das Handwerk recht verstehst und deinen Herrn kennst, so mußt du ihn zwingen, vor Lachen zu weinen, wenn er vor Jammer heulen möchte wie ein klein Mädel. Auch Ihr kennt die Fürsten, Herr, aber ich kenne sie besser. Sie sind Götter auf Erden und wollen sich dem allgemeinen Los der Sterblichen, Schmerz zu erleiden und Seelenweh zu erdulden, nicht fügen. Wenn man krank ist, wird der Leibarzt gerufen, und im Kummer sollen wir bei der Hand sein. Die Dinge sind so, wie man sie nimmt, und im ernstesten Antlitz gibt es eine Warze, über die sich ein Spaß machen läßt. Habt Ihr einmal über ein Unheil gelacht, so verliert sein Stachel die Schärfe. Wir stumpfen ihn ab, aber zeigen Lichter im Dunkeln – es dürfen auch Irrlichter sein –, und wenn wir unsere Sache verstehen, so bringen wir es fertig, den klumpigen Teig des schweren Leids in kleine Stücke zu hacken, und die kann auch ein fürstlicher Magen verdauen.«

»Das mag auch dem hustenden Narren gelingen, solang es ihm hier oben nicht fehlt.«

»Ihr irrt, wahrlich Ihr irrt. Vom Leben der Menschen wollen die Herren nur die Samtseite sehen, und wie sie sterben – das gar nicht. So einer wie ich – habt Ihr's gehört? – so ein Huster, dem die Zehrung im Mark sitzt, das leibhaftige Elend auf zwei wankenden Beinen, ein Jammergestell, das man sich so wenig vorstellen kann ohne das Grab, wie den Weidmann ohne das Dächsle oder den Packan – so einer ruft dem Strauß, der die Augen zumacht, in die Ohren: »Die Jäger sehen dich; sie kommen!« Ich soll einen Vorhang ziehen zwischen das Leid und den Herrn, und statt dessen stellt ihm meine Person das leibhaftige Leiden vor Augen. Der Kurfürst war so weise, als wär' er sein eigener Narr, als er mich aus dem Haus warf.«

»Er hat Euch mit gnädigem Urlaub entlassen.«

»Und der Gugelkopf sitzt schon als mein Nachfolger oben im Schlosse! Mein gnädiger Herr weiß es: er hat den Gnadensold nicht lange zu zahlen. Hätte mich droben gern zu Tode gefüttert; aber daß ich nach Genua wollte, war ihm gerade recht. Je mehr Land zwischen seiner gesunden Herrlichkeit und dem Krepierling liegt, um so besser.«

»Warum habt Ihr mit dem Aufbruch nicht bis zum Frühling gewartet?«

»Weil Genua ein Warmhaus ist, das der arme Strunk im Sommer nicht braucht. Im Winter ist es gut sein da drunten. Hab's vor drei Jahren erfahren, als wir den Herzog besuchten. Auch im Januar wärmt Euch die Sonne in Ligurien den Rücken, und beim Atmen leidet unsereiner geringere Not. Ich gehe über Marseille. Gönnt Ihr mir bis Avignon das Plätzchen in Eurem Wagen?«

»Mit Freuden! Euer Wohl, Pellicane! Ein guter Wunsch am Weihnachtstage geht gern in Erfüllung.«

Die tiefe Stimme des Malers klang voll und herzlich bei diesen Worten. Der junge Landsknecht hatte sie vernommen, und als die Gläser des Künstlers und des Narren aneinander klangen, erhob auch er den Becher, leerte ihn bis auf den Grund und fragte bescheiden: »Wollt Ihr mein Sprüchlein vernehmen, gütiger Herr?«

»Sagt's her, sagt's her!« rief der Künstler und schenkte noch einmal ein; der Landsknecht aber trat an den Tisch und sprach, indem er nicht ohne Verlegenheit in den Becher schaute:

»Am Weihnachtstag, wo Jesus Christ
Uns zu erlösen gekommen ist.
Da hat sich ein armer, wunder Knecht
Einen Wunsch an ihn zu richten erfrecht.
O Herre, spricht er, hör mich an.
Hier sitzt ein weidlich guter Mann;
Der reicht dem siechen Knecht die Hand
Und führt ihn sicher durch das Land.
Dafür lad, lieber Jesu mein,
Ihn nun in deinen Wagen ein
Und führ ihn durch ein Leben süß
In dein vielwonnig Paradies.«

»Brav, brav!« rief der Maler, tat dem Landsknechte Bescheid und nötigte ihn, sich zwischen ihm und dem Narren niederzulassen.

Pellicanus schaute nunmehr tief sinnend vor sich hin, denn was der wunde Gesell vermochte, das konnte er auch, und es war nicht nur Ehrgeiz und die Gewohnheit, jedes gute Wort, das er hörte, durch ein besseres zu übertrumpfen, sondern auch warme Empfindung, die ihn antrieb, den großmütigen Wohltäter mit einem Spruche zu ehren.

Nach einigen Minuten, in denen sich Moor mit dem Landsknechte unterhalten, erhob Pellicanus das Glas, hustete sich noch einmal aus und sagte erst ruhig, dann aber mit bewegter Stimme, aus der der scharfe Klang mehr und mehr verschwand:

»Narr soll der Schalk sein, das ist recht,
Schalk sonder Narrheit dünkt mich schlecht;
Wo Narrheit sich mit Schalkheit eint,
Da gibt's nichts Übles, wie mir scheint.
Der Papst, der König und der Knappe,
Ein jeder trägt die Narrenkappe;
Und wenn er sie nicht tragen mag,
Wird er zum Narr'n vom ärgsten Schlag.
Dich möge noch die Kappe schmücken,
Wenn du als Greis mit gradem Rücken,
Mit Lorbeerkronen auf dem Scheitel
Und anderm Gut, das minder eitel,
Die Enkel auf den Armen schwenkst
Und dieses Weihnachtsmahls gedenkst.
Im Alter, wenn das Haar dir bleicht,
Wird dir der Weisheitstrank gereicht,
Doch mundet er nur dann recht fein,
Mischt sich ein Tropfen Narrheit drein.
Wenn die dir will abhanden gahn,
Gedenk des alten Pellican,
Der halb ein Schalk und halb ein Narr,
Doch treuen Herzens ganz und gar!«

»Dank, Dank!« rief der Maler und schüttelte dem Narren die Hand. »Solch ein Weihnachten muß man loben. Weisheit, Kunst und Tapferkeit an einem Tische! Ist's mir nicht gegangen wie jenem Manne? Der las Steine am Wege auf, und siehe – sie wurden in seinem Quersack zu lauterem Golde!«

»Der Stein war bröcklig,« entgegnete der Narr; »aber was das Gold angeht, das besteht bei mir seine Probe, wenn anders Ihr's im Herzen sucht und nicht in der Tasche. Heiliger Blasius! Wollt' mein Grab doch so lange der Fülle ermangeln wie mein Geldkätzelein hier; das ließ' ich gelten!«

»Ich gleichfalls,« lachte der Landsknecht.

»So wird das Wandern dir leicht,« sagte der Maler. »Es gab eine Zeit, in der mein Sack nicht voller war als der eure. Von damals her weiß ich, wie's einem armen Schelm zumute ist, und will's nicht vergessen. Ich schulde euch noch meinen Trinkspruch; aber ihr mögt ihn mir schenken, denn eure Sprache ist mir nur schlecht geläufig. Kurz und bündig, daß du genesen mögest, Pellicane, und auf ein fröhliches Leben in Lust und Ehren für dich, mein braver Geselle. Wie heißt du?«

»Hans Eitelfritz von der Lücke aus Kölln an der Spree,« entgegnete der Landsknecht. »Und nichts für ungut, Herr Maler. Für die Magister sorgt schon der liebe Herrgott, aber da haben drei arme, kranke Teufel in Eurer Karre gelegen. Noch einen Becher für den hübschen, siechen Jungen da drinnen!«

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