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Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 11
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typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zehntes Kapitel

Schon graute der Morgen, und weder das erwartete Fuhrwerk noch der Jörg wollten kommen.

Die alte Magd, welche sonst eine Frühaufsteherin war, schlief so fest, als habe sie den verlorenen Schlummer von zehn Nächten nachzuholen, der Schmied aber hielt es vor Unruhe nicht mehr in dem dumpfen Raume aus. Ruth folgte ihm ins Freie, und als sie ihn schüchtern berührte – denn die Hünengestalt des wortkargen Mannes hatte für sie etwas Unnahbares behalten –, sah er sie mit einer seinem Blicke sonst fremden, forschenden Teilnahme von oben bis unten an und fragte dann unvermittelt und so dringlich, daß sie erschrak: »Hat dir dein Vater nie von Jesus Christus erzählt?«

»Oft,« entgegnete Ruth.

»Und bist du ihm gut?«

»Sehr. Vater sagt, er habe alle Kinder lieb gehabt und sie zu sich gerufen.«

»Freilich, freilich,« entgegnete der Schmied und errötete vor Scham über sein Mißtrauen.

Der Doktor folgte den anderen nicht, und sobald seine Gattin sich mit ihm allein sah, winkte sie ihm.

Er setzte sich neben sie auf das Lager und faßte ihre Hand. Die zarten Finger zitterten in den seinen, und als er sie liebreich und besorgt an sich zog, fühlte er ein Zucken und Beben in ihren zarten Gliedern, und aus ihren Augen sprach bittere Seelenpein und große Herzensangst.

»Du fürchtest dich?« fragte er liebreich. Da schauerte sie zusammen, schlang den Arm leidenschaftlich um seinen Hals und nickte bejahend.

»Der Wagen bringt uns, will's Gott, noch heute ins Rheintal, und dort sind wir sicher,« fuhr er beruhigend fort; sie aber schüttelte verneinend und ablehnend das Haupt, und ihre Züge gewannen den Ausdruck von Überlegenheit und Verachtung. Lopez verstand in ihnen zu lesen und fragte: »Die Häscher sind es also nicht, die du fürchtest; dich macht etwas anderes besorgt?«

Da nickte sie wieder, und sie tat es diesmal mit dringender Lebendigkeit und nahm das Kruzifix, das sie unter der Decke verborgen gehalten, hervor und wies es ihm und zeigte dann aufwärts gen Himmel und endlich auf sich selbst und auf ihn und zuckte die Achseln mit dem Ausdruck tiefer, schmerzlicher Entsagung.

»Du denkst an das Jenseits,« sagte er und fuhr dann, indem er zu Boden schaute, mit gesenkter Stimme fort: »Ich weiß, dich peinigt die Furcht, mich dort nicht wiederzufinden.«

»Ja,« stieß sie mühsam hervor und lehnte ihm die Stirn an die Schulter.

Eine warme Träne rann auf die Hand des Doktors, und es war ihm, als weine sein Herz mit dem geliebten, geängstigten Wesen.

Er wußte, daß dieser selbe Gedanke ihr oft das Leben vergällt hatte, und voll von innigem Mitgefühl wandte er ihr schönes Haupt seinem Antlitz entgegen und ließ seine Lippen lang über ihrem geschlossenen Auge ruhen.

Dann sagte er liebreich: »Du bist mein, ich bin dein, und gibt es ein Leben jenseits des Grabes und eine ewige Gerechtigkeit, so werden die Sprachlosen dort reden nach Begehr und mit den Engeln wundervoll singen, und die Gepeinigten werden glücklich werden da drüben. Hoffen wir, hoffen wir beide! Weißt du noch, wie ich dir auf der Bank neben dem Feigengebüsch den Dante vorlas und dir seine göttliche Dichtung zu erklären versuchte? Unter uns rauschte die See, und die Herzen gingen höher als ihre Wogen im Sturm. Wie mild war die Luft, wie licht die Sonne! Diese Welt kam dir und mir doppelt so schön vor, als sie ohnehin war, wie wir beide an der Hand des göttlichen Sehers und Sängers schaudernd in die Unterwelt stiegen. Da wandelten die hohen und guten Männer des Altertums auf einer blumigen Wiese, und unter ihnen sah der Dichter in einsamer Größe – weißt du noch, wie es hieß? »E solo in parte vidi 'l Saladino« Unter ihnen sah er auch Saladin, den Christenbesieger, den Moslem. Wenn einer den Schlüssel zu den Geheimnissen des Jenseits besaß, Elisabeth, so war es Dante. Er hat dem Heiden, der ein echter Mensch, ein Mensch mit reinem Willen, mit Eifer für das Gute und Rechte war, in der anderen Welt einen schönen Platz angewiesen, und mit ihm, denk' ich, auch mir. Mut, Elisabeth, Mut!«

Ein schönes Lächeln hatte ihre Züge verklärt, während sie an die seligsten Stunden ihres Daseins erinnert wurde, aber als er nun schwieg und ihr in die Augen schaute und seine Rechte in die ihre faltete, ward sie von einer großen Sehnsucht ergriffen, einmal, nur einmal mit ihm zu dem Heiland zu beten, und so zog sie die Hand aus der seinen, drückte mit der Linken das Bild des Gekreuzigten an die Brust und bat mit stummen Bewegungen der Lippen, die nur ihm verständlich waren, und mit heißem Flehen in den großen, tränenfeuchten Augen: »Beten, beten, zusammen mit mir, beten zu dem Erlöser.«

Da faßte ihn eine große Bewegung, das Herz schlug ihm schneller, und es drängte ihn, aufzuspringen und »Nein« zu rufen und sich nicht von zärtlicher Schwäche zwingen zu lassen, den männlichen Geist vor einem anderen zu beugen, der für ihn nicht mehr als ein Mann war.

An einem Kreuze von schwarzem Ebenholz hing die von Künstlerhand in Elfenbein geschnittene edle Gestalt des Gekreuzigten, und indem er das Bildwerk von sich zu stoßen und sich stolz von ihm abzuwenden gedachte, schaute er ihm ins Antlitz, und er fand darin nichts als Leid und stilles Dulden und rührendes Weh. Wie diesem armen, verfolgten, gemarterten Guten die reine Stirn unter der Dornenkrone, so hatte ihm oft, ach nur zu oft, das eigene Herz geblutet. Diesem stillen Leidensgenossen zu trotzen war keine männliche Tat, ihm, der die Liebe in die Welt gebracht, aus Liebe zu huldigen, erschien ihm nun süß und von bestrickendem Reiz, und so faltete er die schlanken Hände fest um die des stummen Weibes, und er lehnte die dunklen Locken an das blonde Haar Elisabeths und beide sprachen zusammen zum ersten- und letztenmal ein brünstiges, stummes Gebet.

Vor der Hütte lag eine ausgedehnte, rings von Wald umschlossene Lichtung, auf der sich zwei Wege kreuzten.

Adam hatte mit Marx und Ruth erst in den einen und dann in den anderen gespäht, um nach dem Fuhrwerk auszuschauen, aber es ließ sich nichts sehen und hören.

Als sie mit wachsender Besorgnis zu dem ersten Pfade zurückgekehrt waren, wurde der Wilderer unruhig. Sein schiefer Mund flog in seltsamen Zuckungen hin und her, keine Muskel in dem groben Antlitz stand still, und das sah so drollig und doch so abschreckend aus, daß Ruth lachen mußte, und der Schmied ihn fragte, was denn über ihn gekommen.

Aber Marx gab keine Antwort, denn sein feines Ohr hörte ein fernes Hundegebell, und er wußte, was das bedeute.

Am Amboß leidet das scharfe Gehör des Feuerarbeiters, und der Meister vernahm noch nichts von der nahenden Gefahr und wiederholte: »Was hat dich angefaßt. Mann?«

»Mich friert,« entgegnete der Köhler und schauerte mit kläglicher Miene zusammen.

Ruth hörte nicht mehr auf das Gespräch, denn sie war still gestanden und hatte die Hand ans Ohr gelegt, um mit vorgestrecktem Kopfe in die Ferne zu lauschen.

Plötzlich stieß sie einen leisen Schrei aus und rief: »Es bellt, Meister; ich höre es bellen.«

Der Schmied erbleichte und schüttelte den Kopf; sie aber rief dringend: »Glaubt mir; ich hör' es! Da bellt es wieder.«

Nun vernahm auch Adam ein fremdes Geräusch im Walde.

In fliegender Hast lockerte er den Hammer im Gürtel, nahm Ruth bei der Hand und eilte mit ihr auf die Lichtung.

Lopez hatte indessen die Alte zum Aufstehen genötigt. Alles sollte bereit sein, wenn Ulrich zurückkehrte.

Ungeduldig war er vor die Tür getreten, und als er den Schmied mit dem Mädchen in die Lichtung eilen sah, lief er ihnen besorgt entgegen, denn er glaubte, dem Ulrich sei ein Unfall widerfahren.

»Zurück, zurück!« rief der Schmied, und Ruth machte sich von der Hand des Meisters los und winkte und schrie gleichfalls: »Zurück!« und wieder »Zurück!«

Der Doktor folgte der Mahnung und blieb stehen; aber kaum hatte er sich gewandt, als an der Mündung des Schluchtweges, der sie gestern hierher geführt hatte, ein paar suchende Rüden und gleich darauf hoch zu Roß der Frohlinger aus dem Dickicht hervorbrach.

Wie der Sonnenheld Siegfried thronte der Graf auf dem stattlichen Rappen. Die blonden Locken flogen ihm wirr um das Haupt, der Dampf des triefenden Hengstes umwallte ihn in der frischen Winterluft wie leichtes Gewölk. Er hatte die Arme geöffnet und hoch erhoben. In der linken Hand hielt er den Zügel, mit der rechten schwang er den Jagdspieß, und als er Lopez erblickte, tönte ihm aus dem bärtigen Munde ein frisches, fröhliches, jauchzendes »Hallo, Halali!«

Der Frohlinger jagte heute keinen Hirsch, sondern ein ganz absonderlich Wild, einen Juden.

Die Pirsch führte zu einem guten Ende, und wie brav hatten sich die Rüden gehalten, wie wacker war ihnen der Emir, sein flinkes Jagdpferd, gefolgt!

Das war ein Morgen!

»Hallo, Halali!« jauchzte er noch einmal, und bevor die Fliehenden aus der Lichtung entkommen waren, hielt er an der Seite des Doktors und rief:

»Da hab' ich mein Wild; in die Knie, Jude!«

Der Graf war seinem Gefolge weit voraus und ganz allein.

Als Lopez mit gekreuzten Armen stehen blieb und seinem Befehle nicht gehorchte, drehte er den Spieß um, um ihn mit dem Stiele zu schlagen.

Da erwachte in Adam zum ersten Male seit Jahren der alte Ingrimm, und wie ein Tiger stürzte er auf den Grafen los und schlang ihm, bevor er sich des Angriffs versah, die gewaltigen Arme um den Leib und zerrte ihn vom Rosse und setzte ihm das Knie auf die Brust und riß den Hammer aus dem Gürtel und streckte die Rüde, die ihn anfiel, mit einem gewaltigen Streiche zu Boden. Dann schwang er das Eisen, um dem verhaßten Mann das Haupt zu zerschmettern.

Aber Lopez wollte um diesen Preis keine Rettung und schrie mit leidenschaftlicher Bitte:

»Laßt ihn, Meister, verschont ihn!«

Dabei klammerte er sich an den erhobenen Arm des andern, und als dieser sich aus seinen Händen zu befreien suchte, rief er dringend: »Wir wollen nicht richten wie sie!«

Und wieder sauste der Hammer hoch in der Luft, und wieder klammerte sich der Jude an den Arm des Meisters, und diesmal rief er gebieterisch: »Schont ihn, wenn Ihr mein Freund seid!«

Was war seine Kraft gegen die des Schmiedes! Und dennoch versuchte er es abermals, als der Hammer sich zum dritten Male erhob, die Schreckenstat zu verhindern, und diesmal klammerte er sich fest an das Handgelenk des wütenden Mannes und stöhnte, während er ringend neben dem Grafen in die Knie fiel: »Denkt an Ulrich. Dieses Mannes Sohn, der einzige war er, der einzige im Kloster, der zu Ulrich, der zu Eurem Sohne hielt – im Kloster – sein Freund – er war es – unter den vielen. Schont ihn, Meister – Ulrich! Um Ulrichs willen, verschont ihn!«

Der Schmied hatte bei diesem Kampfe den Grafen mit der Linken niedergehalten und sich mit der Rechten gegen Lopez gewehrt. Ein Ruck, und die zum Morde erhobene Hand war wieder frei – aber er brauchte sie nicht.

Die letzten Worte des Freundes hatten seine Wut gebrochen.

»Nehmet,« sagte er dumpf und reichte dem Doktor den Hammer.

Dieser ergriff ihn und erhob sich freudig und legte die Hand auf die Schulter des Schmiedes, welcher immer noch auf dem Grafen kniete, und bat: »Laßt es genug sein. Dieser hier ist nur ...«

Er sprach nicht weiter nur noch einen wehen, gurgelnden, herzerschütternden Schrei vernahm man von seinen Lippen; er preßte die eine Hand auf die Brust und die andere auf die Stirn und sank neben dem kniehohen Stumpf einer gefällten Riesentanne in den Schnee.

Aus dem Wald sprengt ein Knappe: der Schütz, dem dies edle Wild zum Opfer gefallen, erschien auf der Lichtung und hielt die Armbrust hoch, mit der er den Kernschuß getan. Sein Pfeil ragte mitten aus der Brust des Doktors hervor; ach, jener hatte ihn nur entsandt, um seinen überfallenen Herrn vor dem Hammer in der Hand des Juden zu retten.

Der Graf erhob sich und rang nach Atem; seine Hand faßte nach dem Weidmesser, doch das war ihm beim Sturz aus der Scheide geglitten und lag im Schnee.

Adam hielt den sterbenden Freund im Arme, Ruth eilte jammernd in die Hütte, und bevor der Frohlinger völlig zu sich gekommen, hielt der Knappe an seiner Seite und es jagte der junge Graf Lips auf einem behenden Braunen aus dem Walde hervor und dicht hinter ihm kamen drei berittene Jäger.

Wie die Leute den Herrn stehen sahen, glitten auch sie aus den Sätteln und Lips tat das gleiche, und es begann unter ihnen ein lebhaftes Reden und Fragen.

Der Ritter achtete kaum seines Sohnes, aber den Knappen, der den Juden gefällt hatte, begrüßte er mit zornigen Worten. Dann befahl er heiser und tief erregt, den Schmied zu binden, und er wehrte sich nicht und ließ alles über sich ergehen wie ein geduldiges Kind.

Lopez bedurfte nicht mehr seiner Arme.

Die stumme Frau saß auf dem Baumstumpf, und der sterbende Gatte lag ihr im Schoß. Sie hatte die Arme um seinen blutenden Leib geschlungen und die Füße hingen ihm schlaff herunter und berührten den Schnee.

Ruth kauerte neben der Mutter am Boden und schluchzte, und die alte Rahel, welche die Besinnung voll wieder gewonnen, drückte ihm ein mit Wein befeuchtetes Tuch an die Stirn.

Der junge Graf näherte sich dem Sterbenden. Sein Vater folgte ihm langsam, zog den Knaben an seine Seite und sagte leise und schmerzlich: »Es ist mir leid um den Mann; er hat mir das Leben gerettet.«

Da schlug der Todwunde die Augen auf und sah den Frohlinger und den Knaben und den gebundenen Schmied und fühlte die Tränen seines Weibes auf seiner Stirn und hörte Ruths schmerzliches Weinen. Ein mildes Lächeln umzog den erblassenden Mund, und als er dann das Haupt zu erheben versuchte, half ihm die Stumme und drückte es sanft an sich.

Nun regten sich die matten Lippen, und Lopez hob die Augen zu ihr auf, als wollte er ihr danken, und sagte leise: »Der Pfeil – rührt ihn nicht an ... Elisabeth – Ruth, wir haben treu zusammengehalten, aber nun – ich lass' euch allein, ich muß euch ja lassen.« Er schwieg und ein dunkler Schatten umflorte seine Augen und die Lider senkten sich langsam. Aber bald erhob er sie wieder, und nun richtete er den Blick fest auf den Grafen und sagte:

»Hört mich, Herr; einen Sterbenden soll man hören und wär's auch ein Jude. Seht! Dies ist mein Weib, das mein Kind. Sie sind Christen. Bald werden sie allein sein, verlassen, verwaist. Der Schmied dort ist ihr einziger Freund ... Gebt ihn frei; sie – sie, sie brauchen einen Beschützer. Mein Weib ist stumm, stumm ... allein in der Welt. Bitten, fordern – sie kann's nicht. Gebt Adam frei, frei um Eures Heilands, um Eures Sohnes willen, frei – ja frei. – Viel Raum muß zwischen euch liegen, sehr viel; fort mit ihnen soll er – weit fort! Gebet ihn frei! Ich hielt ihm den Arm mit dem Hammer ... Ihr wißt – mit dem Hammer. Gebet ihn frei. Mein Tod – der Tod sühnt doch ...«

Dem Sterbenden versagte von neuem die Stimme, und der Graf schaute bewegt und unschlüssig bald auf ihn, bald auf den Schmied. Seinem Sohne flossen die Augen über, und als er sah, wie sein Vater säumte, dem Sterbenden den letzten Wunsch zu erfüllen, und ein Blick des brechenden Auges das seine traf, schmiegte er sich fester an den mit widerstreitenden Empfindungen kämpfenden Mann und flüsterte ihm weinend zu:

»Herr Vater, Herr Vater; morgen ist Weihnachten. Um Christi willen, mir zuliebe, erfüllt ihm die Bitte; laßt Ulrichs Vater, lasset ihn frei! Tut es, Herr Vater; ich will kein anderes Christkindle haben.«

Da ging auch dem Frohlinger das Herz über, und als er den feuchten Blick erhob und Elisabeth sah und das tiefe Weh in ihren sanften Zügen und auf dem Schoß und an ihrer Brust den milden, schönen, sterbenden Mann, da war es ihm, als habe er die schmerzensreiche Mutter Gottes selbst vor den leiblichen Augen, und es war Weihnachten – Weihnachten war morgen, und der verletzte Stolz kam zum Schweigen, er vergaß die erlittene Schmach und rief so laut, als ob er wünsche, daß dem ertaubenden Ohr kein Wort entgehe: »Ich danke Euch für Eure Hilfe, Mann. Adam ist frei und mag mit den Euren ziehen, wohin er begehrt. Bei meinem Wort; Ihr dürft die Augen in Ruhe schließen!«

Da lächelte Lopez noch einmal, erhob die Hand als ob er danken wolle, ließ sie dann auf das Haupt seines Kindes sinken, sah Ruth zum letzten Male liebevoll an und murmelte leise:

»Elisabeth, etwas höher das Haupt.« Und als sie seinem Willen gefolgt war, schaute er ihr gerade ins Antlitz und flüsterte leise: »Traumloser Schlaf – frisch belebt zu neuen Gestalten im ewigen Kreislauf. – Nein! – Siehst du, hörst du ... »Solo in parte« ... mit euch – mit euch ... Oh, oh – der Pfeil – zieh den Pfeil aus der Wunde. Elisabeth, Elisabeth – das hat wehe getan. Nun – nun – wie elend wir waren, und doch, doch ... Du – du – ich – wir – wir – wissen, was Glück ist. Du – ich ... Vergib mir! Ich vergebe, vergebe ...«

Die Hand des Sterbenden sank von dem Haupt des Kindes, seine Augen schlossen sich, aber das freundliche Lächeln, womit er geendet, umspielte ihm auch im Tode die Lippen.

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