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Ein Wort

Georg Ebers: Ein Wort - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorg Ebers
titleEin Wort
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
seriesGeorg Ebers Ausgewählte Werke
volumeSiebenter Band
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080910
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Neuntes Kapitel

Der Hangemarx war auf Kundschaft gegangen, froheren Mutes, denn der Doktor hatte ihm den Verlust ersetzt, den er durch den Tod seines alten Nickel erlitten, und war am Mittag mit guter Kunde wiedergekommen.

Ein Holzführer, dem er auf der Landstraße begegnet, hatte ihm mitgeteilt, wo der Köhlerjörg hause.

Vor Nacht konnten die Flüchtlinge seine Hütte erreichen, und sie kamen dabei dem Rheintale näher.

Alles war zum Aufbruch bereit, nur die alte Rahel sträubte sich, weiterzuwandern. Sie saß auf einem Stein vor der Hütte, denn der Rauch in dem engen Raum hatte ihr den Atem benommen. Es schien, als habe die Angst sie um den Verstand gebracht, denn sie starrte mit wildem Blick und klappernden Zähnen vor sich hin und versuchte aus dem Schnee, den sie wohl für Mehl hielt, Kuchen zu formen und Nudeln zu drehen. Sie hörte weder auf den Ruf des Doktors noch auf die Winke seiner Gattin, und als jener sie anfaßte, um sie zum Aufstehen zu zwingen, erhob sie ein lautes Zetergeschrei. Endlich gelang es dem Schmied, sie zu bewegen, sich auf den Schlitten zu setzen, und nun ging es vorwärts.

Adam hatte sich vor das Fahrzeug gespannt, Marx ging hin und wieder und schob wohl auch, wenn es not tat. Die Stumme watete neben ihrem Gatten durch den Schnee. »Armes Weib,« sagte er einmal. Da drückte sie seinen Arm fester an sich und schaute ihm in die Augen, als wolle sie sagen: »Mir fehlt gewiß nichts, wenn du mir nur bleibst.«

Ja, sie genoß seine Nähe wie eine Gunst des Schicksals, aber nur auf Augenblicke, denn sie konnte der Furcht um ihn und vor den Häschern und dem Grauen vor der Ungewißheit und Ruhelosigkeit nicht wehren.

Wenn Schnee polternd von einer Tanne fiel, wenn sie bemerkte, daß Lopez das Haupt wandte oder die alte Rahel einen Klagelaut ausstieß, schrak sie zusammen, und das blieb nicht unbemerkt von ihrem Gatten, der sich sagte, daß sie allen Grund hätten, mit schwerer Besorgnis in die nächsten Stunden zu schauen.

Jeder Augenblick konnte ihm und ihnen allen Gefangenschaft bringen, und wenn sie entdeckten – wenn es enthüllt ward, wer er, wer Elisabeth sei ...

Ulrich und Ruth beschlossen den Zug und sprachen nur wenig.

Zuerst gab es wieder zu steigen, dann aber ging es talabwärts. Es hatte längst aufgehört zu schneien, und je tiefer sie kamen, desto dünner wurde der Schnee.

Zwei Stunden waren sie so weitergekommen, da versagte der Kleinen die Kraft, und sie blieb mit feuchten, hilfesuchenden Augen stehen. Das sah der Köhler und brummte:

»Komm auf meinen Arm, Meidle, ich trag' dich zum Schlitten.«

»Nein, ich!« unterbrach Ulrich den Marx mit Eifer, und Ruth rief: »Ja du, du sollst mich tragen.«

Da faßte der Marx sie um den Leib und hob sie hoch und setzte sie auf die Arme des Buben. Sie schlug ihm die Hände um den Hals, und während er mit ihr fortschritt, schmiegte sich ihre frische, kühle Wange dicht an die seine. Das tat ihm sehr wohl, und es kam ihm in den Sinn, daß er so lange von ihr getrennt gewesen, und daß es schön sei, sie wieder zu haben.

Das Herz ging ihm auf, weit, weit; und er dachte, daß er sie doch lieber habe, als alles andere auf Erden, und da zog er sie so fest an sich, als strecke sich schon eine unsichtbare Hand aus, um sie ihm wieder zu nehmen.

Ihr feines, liebes Gesichtchen war heute nicht blaß, sondern blühte rosig nach dem langen Gang durch die frische Winterluft, und es freute sie, daß sie der Ulrich so festhielt, und darum drückte sie ihre Wange näher an seine und löste die Finger von seinem Halse und strich ihm liebkosend mit der kalten Hand über das Antlitz und sagte:

»Du bist doch gut, Ulrich, und ich bin dir auch gut.«

Das klang so zärtlich und innig, daß ihm ganz weich ums Herz wurde, denn seit sein Mütterle fort war, hatte kein Mensch so zu ihm gesprochen.

Er fühlte sich froh und stark, und sie war gar nicht schwer, und als sie ihm wieder die Hände um den Hals schlug, sagte er: »Ich möchte dich immer so tragen.«

Sie nickte nur leise, als ob dieser Wunsch ihr gefalle, er aber fuhr fort: »Im Kloster hatte ich keinen Menschen, der mir recht gut war, denn auch der Lips, der war ja ein Graf ... Dir ist jeder gut. Du weißt nicht, wie es tut, wenn man ganz allein ist und sich wehren muß gegen alle. Im Kloster hab' ich manchmal gedacht, ich wollt', ich läg' unter der Erde – jetzt mag ich nicht sterben, und wir bleiben bei euch – der Vater hat mir's gesagt –, und es wird wieder wie früher, und ich will kein Latein weiter lernen, sondern ein Maler werden oder ein Kunstschmied oder meinetwegen auch alles andere, wenn ich nur nicht wieder fort von euch muß.«

Da fühlte er, wie Ruth das Köpfchen erhob und wie ihre weichen Lippen seine Stirn gerade über dem Auge berührten, und nun ließ er die Arme, in denen sie ruhte, ein wenig mit ihr sinken und küßte ihren Mund und sagte: »Jetzt ist's mir, als hält' ich mein Müetterl wieder.«

»Ist dir's so?« fragte sie mit leuchtenden Augen. »Laß mich nur hinunter, ich bin wieder ganz frisch und will laufen.«

Dabei glitt sie zu Boden, und er hielt sie nicht.

Von nun an wanderte sie rüstig weiter neben ihm her, und er mußte ihr von den bösen Buben im Kloster und dem Grafen Lips und den Bildern und den Patres und seiner Flucht erzählen, bis sie, als es dunkel wurde, an das Ziel der Wanderung gelangten.

Der Köhler Jörg empfing sie und öffnete ihnen seine Hütte, aber nur, um sich zu entfernen, denn es war ihm wohl recht, den Fliehenden Obdach zu gewähren und der Obrigkeit zuwiderzuhandeln, aber wenn sie die Ausreißer griffen, wollte er doch nicht dabei sein. Mitgefangen, mitgehangen! Er kannte das Sprichwort und ging mit dem Gulden, den Adam ihm gab, hinunter ins Dorf.

In der Hütte gab es einen Herd zum Kochen und zwei Räume, einen großen und einen kleinen, denn im Sommer pflegten Weib und Kind bei dem Köhler zu hausen. Die Wanderer bedurften der Ruhe und Stärkung, und sie hätten hier beides finden können, wenn die Furcht nicht die Speise verbittert und den Schlaf von den müden Augen gescheucht hätte.

Jörg wollte am nächsten Morgen in aller Frühe mit einem Gespann wiederkehren.

Darin lag ein großer Trost.

Auch die alte Rahel war wieder zu sich gekommen und fest entschlummert.

Die Kinder taten es ihr nach, und um Mitternacht schlief auch die Stumme.

Marx lag am Herde, und aus seinem schiefen Munde drang ein wunderliches Schnarchen, welches klang wie der letzte Ton einer Orgelpfeife, die den Atem verliert.

In der Kammer saßen, als alle andern schon stundenlang schliefen, der Doktor und der Schmied noch immer auf einem Strohsacke in ernstem Gespräch beieinander.

Lopez hatte dem Freunde die Geschichte seines Glücks und Unglücks erzählt und schloß mit den Worten:

»So wißt Ihr denn, wer wir sind und warum wir die Heimat verlassen. Ihr schenkt mir Eure Zukunft, Meister, nebst manchem andern; das läßt sich mit keiner Gabe vergelten; aber zunächst war ich Euch meine Vergangenheit schuldig.«

Dann reichte er dem Schmied die Hand und fragte: »Ihr seid ein Christ; wollt Ihr noch zu mir halten, nach dem, was Ihr vernommen?«

Adam drückte schweigend die Rechte des andern, und nachdem er eine Zeitlang nachdenklich geschwiegen, sagte er dumpf:

»Wenn sie Euch fangen und – heilige Jungfrau! – wenn sie erfahren ... Die Ruth! ... Ein rechtes Judenkind ist sie doch nicht ... Habt Ihr sie als Jüdin erzogen?«

»Nein, Meister; nur als ein gutes Menschenkind.«

»Ist sie getauft?«

Lopez verneinte auch dies. Da schüttelte der Schmied mißbilligend den Kopf, der Doktor aber sagte: »Sie weiß mehr von Jesus als manch Christenkind in ihren Jahren. Wenn sie herangereift ist, steht es ihr frei, der Mutter zu folgen oder dem Vater.«

»Warum seid Ihr nicht selber ein Christ geworden? Verzeiht die Frage. Im Herzen seid Ihr's gewißlich.«

»Das, Meister, das ... Seht, das sind Dinge ... Denkt, in Eurem Hause wär' ein jeder männliche Sproß von Geschlecht zu Geschlecht seit vielen hundert Jahren ein Schmied gewesen, und nun wüchse Euch ein Knabe heran, der sagte: »Ich verachte dein Handwerk.«

»Wenn der Ulrich spräche: »Ich werde ein Maler; das sollte mir recht sein.«

»Auch wenn man die Schmiede wie uns Juden verfolgte und er aus Furcht vor Eurer Zunft in die andere liefe?«

»Das – nein, das wäre niedrig und ist doch kaum mit Eurer Sach' zu vergleichen; denn seht: Ihr kennt alles, so auch was Christentum heißt; ja, der Heiland ist Euch wert; das habt Ihr mir schon früher gesagt. Wohl denn! So nehmt einmal an, Ihr wäret ein Findling und man zeigte Euch unsern und Euren Glauben zugleich und Ihr würdet gefragt, für welchen Ihr Euch entscheiden möchtet, welchen würdet Ihr wählen?«

»Wir beten um Leben und Frieden, und wo Frieden herrscht, kann es auch an Liebe nicht fehlen; und doch! Vielleicht entschiede ich mich für den Euren!«

»Da habt Ihr's!«

»Nein, Meister, nein! So schnell sind wir mit dieser Frage nicht fertig. Seht, ich gönne Euch Euren Glauben und will ihn nicht stören. Das Kind soll alles für gut halten, was die Eltern tun und von ihm verlangen, aber der Fremde sieht das mit anderen, schärferen Augen an als der Sohn und die Tochter. Ihr steht zu Eurer Kirche im Kindschaftsverhältnisse – ich nicht. Ich kenne die Lehre Jesu Christi, und hätte ich zu seiner Zeit in Palästina gelebt, ich wäre als einer der ersten dem Meister gefolgt, aber seitdem, von damals bis heute, ist gar viel Menschenwerk zu seiner erhabenen Lehre gekommen. Auch das darf Euch wert sein, denn es gehört ja eben zu Euren Eltern – mich aber schreckt es zurück. Für die Wahrheit hab' ich gelebt und geschafft und die Nächte durchwacht, und wollt' ich nun vor den Taufstein treten und »Ja« sagen zu allem, was die Priester mich fragen, so wär' ich ein Lügner.«

»Sie haben Euch wehe, sehr wehe getan: das Weib gemartert. Euch und die Euren aus der Heimat vertrieben ...«

»Das hab' ich alles geduldig ertragen,« rief der Doktor erregt. »Aber da ist viel anderes, das man heute an mir und den Meinen verbricht, und dafür gibt es keine Vergebung. Ich kenne die großen Heiden und ihre Werke. Ihr Liebesbedürfnis erstreckt sich nur auf das Volk, zu dem sie gehören, nicht auf die Menschheit. Uneigennützige Gerechtigkeit ist ihnen das letzte, das der Mensch dem Menschen schuldet. Christus hat die Liebe ausgedehnt auf alle Völker, und sein Herz war groß genug, die ganze Menschheit zu lieben. Die Menschenliebe, die reinste und schönste der Tugenden, sie ist das erhabene Geschenk, die edle Erbschaft, die er seinen zum Leiden geborenen Brüdern zurückließ. Das Herz, das arme Herz unter diesem schwarzen Wams, dies Herz war zur Menschenliebe geboren, diese Seele dürstete, dem Nächsten mit allen Kräften zu helfen und seine Leiden zu lindern. Menschenliebe üben, heißt gut sein, sie aber kennen sie nicht mehr, und was schlimmer ist, tausendmal schlimmer, sie stören in mir und den Meinen ohne Unterlaß das Verlangen, gut zu sein, gut im Sinne ihres eigenen Meisters. Vergänglicher Besitz ist Tand, reich sein das ärmlichste Glück. Danach zu ringen, bleibt dem Juden unversagt; sie nehmen ihm ja kaum die Hälfte von dem, was er erwirbt; – nach dem Glück des Geistes, dem reinen Erkennen zu streben, können sie ihm gleichfalls nicht wehren, denn unser Geist ist nicht schwächer und träger und fliegt nicht weniger hoch als der eure. – Aus dem Morgenlande sind die Propheten gekommen! Aber das Glück des Gemütes, Menschenliebe zu üben, das versagen sie uns, denn zur Menschenliebe gehört es, jeden sich selbst gleich zu sehen und gleichsam mit dem Herzen des anderen für ihn zu empfinden, wo es ihm fehlt, was ihn bedrückt, und sein Leid und seine Freude zur eigenen zu machen. Das wehrt der Christ dem Juden, denn eure Menschenliebe hört auf, wo ihr mir und den Meinen begegnet, und wenn ich dem Christen im reinen Verlangen, der schönsten Lehre seines Meisters zu genügen, mich gleichstellen wollte, was wäre mein Los? Der Jude darf nicht gut sein! Nicht gut sein! Wer das seinen Brüdern auferlegt, der trägt eine Schuld, für die ich keine Vergebung kenne. Und würde Jesus Christus wiederkehren auf Erden und die Meute sehen, die uns hetzt; wahrlich, Er, der die Menschenliebe selber war, Er würde uns die Arme öffnen, weit, weit, und fragen: Wer sind diese Apostel des Hasses? Ich kenne sie nicht!«

Der Doktor schwieg, denn die Tür war gegangen, und er erhob sich mit gerötetem Antlitz, um in den Nebenraum zu schauen; der Schmied aber hielt ihn zurück und sagte:

»Bleibt, bleibt nur. Der Marx ist ins Freie getreten. Ach, Herr, es mögen wohl wahre Worte sein, die Ihr gesprochen, aber sind es nicht die Juden gewesen, die den Heiland gekreuzigt?«

»Und diese Schuld wird täglich gerochen,« entgegnete Lopez. »Wieviel Schlechte, wie viele gemeine Seelen, die wundervolle göttliche Gaben schnöde vergeuden, um nichtigen Besitz zu erringen, gibt es unter den Meinen! Mehr als die Hälfte von ihnen ist an eurem Rachealtar der Hoheit und Würde entkleidet und der widrigen Habsucht in die Arme gestoßen worden. Und dies, dies alles ... Aber genug von diesen Dingen! Sie wühlen mir das Innerste auf, und ich habe mit Euch anderes zu bereden.«

Wie ein Sterbender begann nun der Gelehrte mit dem Schmied über die Zukunft der Seinen zu sprechen. Er gab ihm an, wo er seine geringe Habe geborgen, und verschwieg ihm nicht, daß er durch die Verbindung mit seinem Weibe sich nicht nur die Verfolgung der Christen, sondern auch den Fluch seiner Glaubensgenossen zugezogen habe. Er nahm es auf sich, für Ulrich, wenn dem Schmied ein Unfall zustoßen sollte, wie für sein eigenes Kind zu sorgen, Adam aber versprach ihm, wenn er frei und am Leben bliebe, für sein Weib und Ruth das gleiche zu tun.

Indessen ward vor der Hütte ein Zwiegespräch von anderer Art gehalten.

Der Wilderer hatte am Feuer gesessen, als die Tür leise geöffnet und sein Name gerufen worden war. Erschrocken hatte er sich umgewandt, aber sich bald beruhigt, denn Jörg war es gewesen, der ihm gewinkt und ihn dann in den Wald gezogen hatte.

Marx erwartete nichts Gutes, aber er fuhr doch zusammen, als der andere sagte:

»Ich weiß nun, wer der Mann ist, den du gebracht hast. Ein Jud' ist's. Mach keine Flausen. Der Hegereiter aus der Stadt ist ins Dorf gekommen. Fünfzehn Gulden kriegt der, der den Juden einbringt. Fünfzehn Gulden, vollwichtiges Geld. Der Vogt will es zahlen; alles auf einem Brett, und der Herr Vikarius sagt ...«

»Ich frage viel nach euren Pfaffen,« entgegnete Marx. »Bin einer von Weinsberg, und den Juden hab' ich als gerechten Mann erfunden, und keiner rührt ihn mir an.«

»Ein Jud' und ein braver Mann,« lachte der Jörg. »Wenn du nicht hilfst, um so schlimmer für dich. Dir geht's an den Hals, und die fünfzehn Gulden ... Willst du teilen, ja oder nein?«

»Gottes Donner,« murmelte der Wilderer, und das Wasser lief ihm in dem schiefen Munde zusammen. »Wieviel ist die Hälfte von fünfzehn Gulden?«

»Ich denk' so an die sieben.«

»Ein Kalb und ein Säule –«

»Ein Schwein für den Juden, das paßt! Du hältst ihn hier in der Falle.«

»Es geht doch nicht, Jörg; bei meiner armen Seele, es geht nicht; laß mich in Ruhe.«

»Ich, meinetwegen; aber die Herren vom Gericht. Der Galgen hat lang genug auf dich gewartet.«

»So nicht, so nicht. Bin Zeit meines Leben ein aufrechter Mann gewesen, und der Schmied, der Adam, und sein Vater selig haben mir übrig viel Gutes erwiesen.«

»Wer will denn was von dem Meister?«

»Der Hehler, wie der Stehler. Wenn sie ihn fangen ...«

»Er kommt acht Tag' in den Stock; das ist das höchste.«

»Nein, nein; du läßt mich jetzt oder ich steck' dem Adam, was du im Schild führst ...«

»Dann geb' ich dich zuerst an, du Galgenfrucht, du Schelm und du Wilddieb. Sie haben dich lang auf dem Strich! Wirst dich besinnen, du Strohkopf?«

»Je, je, aber der Ulrich ist doch auch dabei, und der Bub' ist mir so lieb wie mein eigener.«

»Ich komme nachher und sag', es gebe kein Fuhrwerk, und führ' ihn mit fort. Wenn alles vorbei ist, lass' ich ihn laufen.«

»Ich nehm' ihn dann zu mir. Er hilft mir schon wie ein Großer. Je, je! Der Jud', der sanfte Mann und das saubere Weible, und das Mädele, die Ruth ...«

»Große Juden, kleine Juden, nichts weiter. Hast mir selbst erzählt, wie zur Zeit deines Vaters selig der Jude gehetzt ward. Also halbpart. Da gibt's schon Licht in der Stube. Du hältst sie auf. Der Frohlinger haust seit gestern abend auf dem Jagdschloß. Wenn sie vorwärts wollen, führst du sie auf das Dorf zu.«

»Und ich bin doch mein Lebtag ein aufrechter Mann gewesen,« wimmerte der Wilderer und fuhr dann drohend fort: »Wenn du dem Ulrich ein Haar krümmst ...«

»Narr, der du bist! Den Fresser lass' ich dir übergern. Geh jetzt hinein, und dann komm' ich und hole den Buben, 's ist ein Stück Geld, fünfzehn Gulden!«

Eine Viertelstunde später trat der Jörg in die Hütte.

Der Schmied und der Doktor glaubten dem Köhler, als er ihnen erzählte, alles Fuhrwerk im Dorf sei auf der Fron, aber er werde schon welches finden. Der Herr da solle den Knaben mit ihm ziehen lassen, um in einem anderen Dorf auf den Höfen nachzufragen. Einer finde sich wohl, der die Gäule dran wage. Der junge Herr sehe aus wie ein Junker, und von ihm werde der Bauer ein Handgeld schon nehmen. Wenn er, der Jörg, Gulden zeige, so bringe ihn das mit in des Teufels Küche, denn er sei ein armes Betteltuch – das wüßten die Leute.

Der Schmied fragte den Wilderer, was er meine, und dieser antwortete mit leisem Gebrumm: »So wird's wohl recht sein.« Weiter sagte er nichts, und als Adam dem Buben die Hand zum Abschied reichte und ihn dabei auf die Stirn küßte und der Doktor ihm so herzlich Lebewohl sagte, schalt sich der Marx einen Judas und hätte gern die lockenden Gulden in alle Winde geworfen; aber das war nun zu spät.

Der Schmied und Lopez hörten, wie er dem Jörg ängstlich nachrief: »Du paßt auf den Buben!« Und als ihm Adam auf die Schulter klopfte und dabei sagte: »Marx, du bist doch ein treuer Gesell,« hätt' er aufheulen mögen wie ein Kettenhund und alles verraten, aber da war es ihm, als fühle er den Strick am Halse, den er schon einmal zu kosten bekommen, und das hatte so schlecht geschmeckt, daß er stillschwieg.

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