Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fjodr Michailowitsch Dostojewski >

Ein Werdender - Zweiter Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Zweiter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/dostojew/werdend2/werdend2.xml
typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Zweiter Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20110409
modified20170607
projectid40eaed34
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

1

Lisa aber hatte ich durchaus nicht »vergessen«; Mama täuschte sich. Die Mutter hatte mit feinem Gefühl empfunden, daß zwischen Bruder und Schwester eine Art Abkühlung eingetreten war; aber das lag nicht an einem Mangel an Liebe, sondern eher an Eifersucht. Das will ich, da es für das Folgende nötig sein dürfte, mit zwei Worten näher erklären.

Die arme Lisa zeigte, seitdem der Fürst verhaftet war, eine Art anmaßenden Stolz, eine Art abweisenden Hochmut, der beinah unerträglich war; aber jedermann im Hause verstand die Wahrheit und begriff, wie sie litt; und wenn ich mich anfangs über ihre Art uns gegenüber aufhielt und ärgerte, so lag das nur an meiner kleinlichen Empfindlichkeit, die die Krankheit noch verzehnfacht hatte, – so denke ich heute darüber. Daß ich Lisa deshalb nicht mehr liebgehabt hätte, war durchaus nicht der Fall, im Gegenteil, ich liebte sie nur noch mehr, ich wollte nur nicht der erste sein, der sich näherte, obgleich ich freilich genau wußte, daß sie um keinen Preis den ersten Schritt tun würde.

Die Sache war die, daß Lisa, sobald die ganze Geschichte mit dem Fürsten an die Öffentlichkeit gedrungen war, sogleich, nachdem er verhaftet war, nichts Eiligeres zu tun wußte, als sich uns und allen andern gegenüber auf einen Standpunkt zu stellen, als wolle sie den Gedanken schon im Keime ersticken, daß man sie am Ende bedauern oder die Absicht haben könnte, sie zu trösten und den Fürsten in Schutz zu nehmen, Im Gegenteil, – sie nahm sich dabei durchaus nicht die Mühe, sich mit irgend jemand auszusprechen oder zu streiten, – aber sie ging gleichsam in einem ewigen Stolze über die Tat ihres unglücklichen Bräutigams herum, als wäre sie das höchste Heldenstück. Sie sagte gleichsam in jedem Augenblick zu uns allen (ich wiederhole es noch einmal: ohne je ein Wort davon laut werden zu lassen): »Von euch brächte das doch niemand zustande, – ihr denunziert euch nicht selber aus Ehr- und Pflichtgefühl, von euch hat keiner ein so zartes und reines Gewissen. Und seine Vergehen? Wer hat denn keine schlechten Handlungen auf dem Gewissen? Aber andere verstecken sie ängstlich; dieser Mensch hingegen wollte lieber sich selbst zugrunde richten, als in seinen eignen Augen als ein Unwürdiger dastehen.« Das war es ungefähr, was jede Gebärde von ihr auszudrücken schien. Ich weiß nicht, aber ich hätte an ihrer Stelle wohl genau so gehandelt. Ich weiß auch nicht, ob sie eben diese Gedanken in sich herumtrug, das heißt, wenn sie sich selber ganz aufrichtig fragte; ich glaube eigentlich nicht. Mit der andern, klaren Hälfte ihres Verstandes mußte sie sicherlich die ganze Unbedeutenheit ihres »Helden« durchschauen; denn wer würde mir heute nicht darin beistimmen, daß dieser unglückliche und in seiner Art vielleicht sogar großherzige Mensch zu gleicher Zeit ein äußerst unbedeutender Mensch war? Gerade auch ihre hochmütige und aggressive Art uns allen gegenüber, ihr ewiges Mißtrauen, daß wir anders über ihn denken könnten, – eben das ließ einen zum Teil erraten, daß sich in den geheimsten Tiefen ihres Herzens wohl ein andres Urteil über ihren unglücklichen Freund gebildet haben mochte. Ich will dazu aber gleich bemerken, freilich nur als meine ganz persönliche Ansicht, daß sie, wie ich die Sache ansehe, wenigstens zur Hälfte tatsächlich im Recht war; ihr konnte man es eher verzeihen als uns andern allen, wenn sie vor der letzten Schlußfolgerung schwankte. Ich selbst bekenne aus tiefstem Herzensgrunde, daß ich auch heute noch, wo das alles schon weit hinter mir liegt, durchaus nicht weiß, wie und als was ich diesen Unglücklichen einschätzen soll, der uns allen solch ein Rätsel aufgegeben hat.

Nichtsdestoweniger machte sie aus unserm Hause fast eine kleine Hölle. Lisa, die so stark liebte, mußte auch sehr schwer leiden. Ihrem Charakter gemäß zog sie es vor, schweigend zu leiden. Ihr Charakter glich dem meinen, das heißt, er war selbstherrlich und stolz, und ich war immer der Ansicht, damals wie jetzt, daß sie den Fürsten aus Selbstherrlichkeit liebgewonnen hatte, eben weil er keinen Charakter hatte, und weil er sich ihr vom ersten Worte und von der ersten Stunde an gänzlich unterworfen hatte. So etwas entsteht in einem Herzen ganz von selbst, ohne jede vorhergehende Überlegung; aber solch eine Liebe, eine starke Liebe zu einem Schwachen, ist manchmal unvergleichlich stärker und qualvoller als die Liebe zwischen gleichgearteten Charakteren, weil man unwillkürlich die Verantwortlichkeit für seinen schwachen Genossen mit auf sich nimmt. Ich wenigstens denke mir das so. Alle unsre Angehörigen umgaben sie von Anfang an mit zärtlichster Sorgfalt, besonders Mama; aber sie wurde nicht weicher, sie antwortete nicht auf die Teilnahme und stieß gleichsam jede Hilfe zurück. Mit Mama hatte sie anfangs noch gesprochen, aber von Tag zu Tag wurde sie wortkarger, kürzer angebunden und sogar härter. Mit Wersilow hatte sie anfangs Rats gepflogen, aber sehr bald erkor sie sich als Ratgeber und Helfer Herrn Wasin, wie ich später zu meiner Verwunderung vernahm . . . Sie besuchte Wasin täglich, sie lief auf den Gerichten herum, ging zu den Vorgesetzten des Fürsten, zu den Advokaten, zum Staatsanwalt; schließlich sah man sie daheim oft ganze Tage nicht. Selbstverständlich besuchte sie auch täglich, und zwar zweimal, den Fürsten, der im Gefängnis saß, in der adligen Abteilung; aber diese Besuche waren, wie ich mich in der Folge überzeugte, für Lisa sehr schwere Stunden. Natürlich, welcher Dritte kann das Verhältnis zwischen zwei Liebenden ganz durchschauen? Aber ich weiß, daß der Fürst sie in jedem Augenblick, da sie bei ihm war, tief kränkte; und wodurch? Das ist eine merkwürdige Sache: durch ewige Eifersucht. Darauf komme ich übrigens später noch zurück; aber einen Gedanken möchte ich gleich hier anfügen: es ist schwer, mit Sicherheit zu sagen, wer von ihnen den andern mehr quälte. Denn wenn Lisa sich uns gegenüber auch mit ihrem Helden brüstete, so verhielt sie sich doch ihm gegenüber, unter vier Augen, vielleicht ganz anders; davon bin ich mit ziemlicher Sicherheit überzeugt, nach einigen Anzeichen, von denen übrigens auch erst später die Rede sein wird.

Also, was meine Gefühle für Lisa und meine Beziehungen zu ihr angeht, so kann ich sagen, daß alles, was zutage lag, nur eine äußerlich vorgegebne, eifersüchtige Lüge von beiden Seiten war; geliebt aber haben wir beide uns gegenseitig nie stärker als zu der Zeit. Ich möchte noch bemerken, daß Lisa sich Makar Iwanowitsch gegenüber beinahe geringschätzig, ja hochmütig benahm, vom ersten Augenblick an, sobald er unser Haus betreten hatte, und nachdem die erste Verwunderung und Neugier vergangen war.

Als ich mir, wie ich im vorigen Kapitel erzählt habe, das Wort gab, zu »schweigen«, da gedachte ich natürlich, in der Theorie, das heißt, in meinen Träumen, mein Wort auch zu halten. Oh, mit Wersilow zum Beispiel hätte ich eher von der Zoologie oder von den römischen Imperatoren gesprochen als etwa von ihr oder von jener einen, allerwichtigsten Zeile seines Briefes an sie, worin er ihr mitgeteilt hatte, das Dokument wäre nicht verbrannt, sondern existiere und würde noch zum Vorschein kommen, – jener Zeile, über die ich ungesäumt aufs neue nachzugrübeln begonnen hatte, sobald ich nach dem Fieber wieder zu Bewußtsein und Verstand gekommen war. Aber, o weh! Bei den ersten Schritten in der Praxis, und fast bevor ich überhaupt einen Schritt tat, bemerkte ich, wie schwer und unmöglich es ist, an solchen Vorsätzen festzuhalten: am Tage nach meiner ersten Begegnung mit Makar Iwanowitsch geriet ich durch einen ganz unerwarteten Umstand in höchste Erregung.

 

2

In diese Erregung wurde ich durch einen unerwarteten Besuch von Darja Onisimowna, der Mutter der verstorbenen Olla, versetzt. Ich hatte von Mama bereits gehört, daß sie während meiner Krankheit zweimal dagewesen war und sich sehr für mein Befinden interessiert hatte. Ob diese »gute Frau«, wie Mama sie immer nannte, eigentlich meinetwegen gekommen war, oder bloß nach einer früheren Gewohnheit Mama besucht hatte, – danach hatte ich nicht gefragt. Mama pflegte mir immer von allen Vorgängen im Hause zu erzählen, wenn sie mir die Suppe brachte und mich fütterte (als ich noch nicht selber essen konnte), – sie tat das, um mich zu zerstreuen: ich aber bemühte mich, demgegenüber jedesmal zu zeigen, daß ich mich für diese Nachrichten wenig interessierte; so hatte ich sie auch wegen Darja Onisimowna nicht nur nicht näher ausgefragt, sondern überhaupt kein Wort darüber gesagt.

Es war so gegen elf Uhr; ich hatte gerade aus dem Bett aufstehen und mich in den Lehnstuhl am Tische setzen wollen, als sie ins Zimmer trat. Ich blieb absichtlich im Bette. Mama war oben mit irgend etwas sehr beschäftigt und war nicht heruntergekommen, sie zu begrüßen; deshalb war ich auf einmal allein mit ihr. Sie setzte sich mir gegenüber auf den Stuhl am Fußende; dabei lächelte sie und sagte kein Wort. Ich sah eine Art Gesellschaftsspiel, wer am längsten schweigen könne, voraus; überhaupt hatte ihr Kommen mich höchlichst geärgert. Ich nickte ihr nicht einmal zu und sah ihr starr in die Augen: aber sie sah mich gleichfalls starr an.

»Langweilen Sie sich nicht allein in der; Wohnung, seit der Fürst fort ist?« fragte ich plötzlich: ich hatte die Geduld verloren.

»Nein, ich bin jetzt gar nicht mehr in der Wohnung. Anna Andrejewna hat mir jetzt die Pflege des Kindes verschafft.«

»Welches Kindes?«.

»Des Kindes von Andrej Petrowitsch«, brachte sie in vertraulichem Flüstertone hervor und schaute sich nach der Tür um.

»Aber ich dächte doch, Tatjana Pawlowna . . .«

»Ja, auch Tatjana Pawlowna und Anna Andrejewna, alle zwei, und Lisaweta Makarowna auch, und Ihre liebe Frau Mama . . . alle. Alle nehmen sie Anteil daran. Tatjana Pawlowna und Anna Andrejewna sind jetzt sehr befreundet miteinander.«

Das war eine Neuigkeit. Sie wurde ordentlich munter beim Sprechen. Ich sah sie haßerfüllt an.

»Sie sind sehr munter geworden, seit Sie das letztemal bei mir waren.«

»Ach ja.«

»Sie haben auch zugenommen, glaube ich?«

Sie sah mich mit sonderbarem Ausdruck an:

»Ich habe sie sehr liebgewonnen, sehr.«

»Wen denn?«

»Ja, eben Anna Andrejewna. Sehr lieb. So ein edles Fräulein, und so gescheit . . .«

»Na also! Na, und sie, wie geht's ihr!«

»Anna Andrejewna ist sehr ruhig, sehr.«

»Ruhig war sie ja immer.«

»Ja, immer.«

»Wenn Sie mir mit Klatschgeschichten kommen,« schrie ich plötzlich, – ich konnte mich nicht mehr halten – »so merken Sie sich, daß ich mich um nichts kümmre, ich habe mich entschlossen, mich . . . um nichts, um niemand mehr zu kümmern, mir ist alles gleich – ich gehe auf und davon! . . .«

Ich verstummte, weil ich wieder zu mir kam. Mich deuchte es eine Erniedrigung, ihr gleichsam meine neuen Pläne mitzuteilen. Aber sie hörte mich ohne Staunen und ohne Erregung an; dann folgte wieder das Schweigespiel. Plötzlich stand sie auf, ging zur Tür und schaute ins Nebenzimmer. Als sie sich davon überzeugt hatte, daß sich dort niemand befand, und daß wir allein waren, kam sie ganz ruhig wieder zurück und setzte sich auf ihren früheren Platz.

»Das machen Sie gut!« lachte ich plötzlich auf.

»Werden Sie Ihre Wohnung bei dem Herrn Beamten behalten?« fragte sie auf einmal, beugte sich ein wenig zu mir vor und senkte ihre Stimme, genau, als wäre das die wichtigste Frage, wegen der sie eigentlich gekommen war.

»Meine Wohnung? Ich weiß nicht. Vielleicht ziehe ich auch um . . . Wie soll ich das wissen?«

»Ihre Wirtsleute warten mit Sehnsucht auf Sie; der Herr Beamte ist ordentlich ungeduldig, und seine Frau auch. Andrej Petrowitsch hat ihnen versichert, Sie kämen bestimmt wieder.«

»Ja, aber was interessiert Sie denn das?«

»Anna Andrejewna wollte das auch gern wissen und äußerte ihre große Zufriedenheit damit, daß Sie bleiben wollten.«

»Aber woher weiß sie denn so genau, daß ich ganz bestimmt in der Wohnung bleibe?«

Ich wollte hinzufügen: »Und warum interessiert sie das?« – aber ich unterdrückte diese Frage aus Stolz.

»Auch Herr Lambert hat es ihr versichert.«

»Wa–a–as?«

»Herr Lambert hat es auch Andrej Petrowitsch ganz bestimmt versichert, daß Sie bleiben würden, und hat es auch Anna Andrejewna versichert.«

Es schüttelte mich ordentlich. Was für wundersame Begebenheiten! So kannte Lambert also schon Wersilow, Lambert hatte sich an Wersilow heranmachen können, – Lambert und Anna Andrejewna, – er hatte sich auch schon an sie heranmachen können! Eine Hitze überflog mich, aber ich schwieg. Ein ungeheurer Strom von Stolz überflutete mein Herz, von Stolz, oder was weiß ich wovon. Aber ich sagte in dem Augenblick plötzlich zu mir selber: »Wenn ich jetzt nur noch ein Wort der Erklärung verlange, dann verwickle ich mich wieder in diese Welt und komme nie dazu, mit diesen Leuten entschieden zu brechen.« Der Haß kochte in meinem Herzen. Ich beschloß mit aller Kraft zu schweigen und lag, ohne mich zu rühren; sie blieb gleichfalls eine ganze Minute stumm.

»Was macht Fürst Nikolaj Iwanowitsch?« fragte ich plötzlich, als hätte ich den Verstand verloren. Die Sache war die, daß ich natürlich fragte, um das Thema zu wechseln, dabei stellte ich aber wiederum gerade die Hauptfrage und kehrte damit wie ein Irrsinniger selber wieder in die Welt zurück, der zu entfliehen ich so krampfhaft entschlossen war.

»Der Fürst ist in Zarskoje-Selo. Der Fürst ist nicht ganz wohl, und in der Stadt herrschen um die Jahreszeit ja diese Fieber; alle haben ihm geraten, nach Zarskoje zu ziehen, in sein eignes Haus dort, weil die Luft dort so gut ist.«

Ich antwortete nicht.

»Anna Andrejewna und die Frau Generalin besuchen ihn jeden dritten Tag!« Ich schwieg hartnäckig.

»Und so befreundet sind die beiden jetzt, und Anna Andrejewna äußert sich so freundlich über Katerina Nikolajewna . . .«

Ich schwieg immer noch.

»Und Katerina Nikolajewna hat sich wieder in die Welt ›gestürzt‹, ein Fest nach dem andern, Katerina Nikolajewna glänzt förmlich; man sagt, sogar die Herren bei Hofe sollen alle in sie verliebt sein . . . und mit Herrn Bjoring ist es ganz aus, und aus der Hochzeit wird nichts; das sagen alle . . . seitdem damals die Sache war.«

Das hieß also: seit Wersilows Brief. Ich zitterte am ganzen Leibe, sagte aber kein Wort.

»Anna Andrejewna bedauert die Sache mit Fürst Sergej Petrowitsch so sehr und Katerina Nikolajewna auch, und alle meinen, er wird freigesprochen werden, und der andre, der Stebelkow, verurteilt . . .«

Ich sah sie voll Haß an. Sie stand auf und beugte sich plötzlich über mich:

»Anna Andrejewna hat mir besonders aufgetragen, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen«, flüsterte sie mir ganz leise zu, »und mir dringend aufgetragen, ich soll Sie bitten, gleich zu ihr zu kommen, sobald Sie nur ausgehen können. Leben Sie wohl! Werden Sie nur gesund, ich werde es ihr schon sagen . . .«

Sie ging. Ich setzte mich im Bette auf, der kalte Schweiß trat mir auf die Stirn, aber ich fühlte keinen Schrecken: die mir unbegreifliche, ungeheuerliche Nachricht über Lambert und seine Ränke zum Beispiel erschreckte mich durchaus nicht, wenn ich es mit dem vielleicht unsinnigen Entsetzen verglich, mit dem ich während meiner Krankheit und der ersten Tage meiner Genesung an meine Begegnung mit ihm in jener Nacht zurückgedacht hatte. Im Gegenteil, in jenem wirren ersten Augenblick, damals im Bette, gleich nachdem Darja Onisimowna gegangen war, hielt ich mich beim Gedanken an Lambert gar nicht auf, sondern . . . am meisten hatte mich die Nachricht über sie ergriffen, über ihren Bruch mit Bjoring, über das Glück, das sie in der Welt mache, über ihre Feste, ihren Erfolg, ihren »Glanz«. »Katerina Nikolajewna glänzt förmlich«, klangen mir Darja Onisimownas Worte in den Ohren. Und ich fühlte auf einmal, daß ich mit allen meinen Kräften nicht aus diesem Wirbel hinauskonnte, obgleich ich so stark gewesen war, zu schweigen und Darja Onisimowna nicht auszufragen, nachdem ich ihre sonderbaren Geschichten vernommen hatte. Ein unbezwinglicher Durst nach diesem Leben, nach dem Leben der andern hatte mein ganzes Inneres ergriffen und . . . und noch ein andrer wollüstiger Durst, der sich in meinem Gefühl bis zum höchsten Glück, bis zum quälendsten Schmerz steigerte. Meine Gedanken wirbelten gleichsam im Kreise, aber ich ließ sie wirbeln. »Was soll ich da groß überlegen!« sagte mein Gefühl. »Aber sogar Mama hat mir verschwiegen, daß Lambert da war,« dachte ich in zusammenhanglosen Gedankenbruchstücken, »das hat ihr Wersilow beigebracht, daß sie schweigen sollte . . . Und wenn ich sterben muß, ich frage Wersilow nicht nach Lambert!« – »Wersilow,« ging es mir wieder durch den Kopf, »Wersilow und Lambert, oh, wieviel Neues sich da angesponnen hat! Ein famoser Kerl, der Wersilow! Er hat diesem Deutschen, dem Bjoring, einen gesunden Schrecken eingejagt mit seinem Briefe; er hat sie verleumdet, la calomnie . . . il en reste toujours quelque chose, und dieser deutsche Höfling hat eine Heidenangst vor dem Skandal – hahaha . . . ihr ist's auch eine gute Lehre!« – »Lambert . . . hat sich Lambert nicht am Ende auch an sie heranmachen können? Kunststück! Warum sollte sie sich auch nicht mit ihm ›einlassen‹?«

Und dann schob ich auf einmal alle diese unsinnigen Gedanken beiseite und wühlte meinen Kopf verzweifelt in die Kissen. »Das kann ja nicht sein!« rief ich mit plötzlicher Entschlossenheit, sprang aus dem Bette, zog Pantoffeln und Schlafrock an und begab mich direkt in Makar Iwanowitschs Zimmer, als wäre da der Blitzableiter für alle Versuchungen, der Rettungsanker, an den ich mich klammern könnte.

In der Tat ist es möglich, daß ich diesen Gedanken damals aus tiefster Seele empfand; weshalb wäre ich denn sonst so unaufhaltsam und plötzlich aus dem Bette gesprungen und in dieser Gemütsverfassung zu Makar Iwanowitsch gerannt?

 

3

Aber bei Makar Iwanowitsch traf ich ganz wider Erwarten Besuch, – Mama und den Doktor. Weil ich beim Hinübergehen, Gott weiß warum, fest davon überzeugt gewesen war, daß ich den Alten, genau wie gestern, allein treffen würde, so blieb ich auf der Schwelle in stumpfer Verwunderung stehen. Aber ich hatte noch keine Zeit gehabt, ein ärgerliches Gesicht zu machen, als auch schon Wersilow erschien und hinter ihm plötzlich noch Lisa . . . Also hatte sich das ganze Haus bei Makar Iwanowitsch versammelt und gerade in einem Augenblick, wo es mir »gar nicht paßte«!

»Ich komme, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen«, sagte ich und ging direkt auf Makar Iwanowitsch zu.

»Ich danke dir schön, lieber Freund, ich hatte dich erwartet: ich wußte, daß du kommen würdest! Ich habe heute nacht an dich gedacht.«

Er blickte mir freundlich in die Augen, und ich konnte sehen, daß er mich wohl von allen Anwesenden am liebsten hatte, aber ich bemerkte auch gleich im ersten Augenblick und ganz unwillkürlich, daß sein Gesicht zwar heiter war, aber daß seine Krankheit trotzdem während der Nacht Fortschritte gemacht hatte. Der Doktor hatte ihn gerade vorher sehr gründlich untersucht. Ich erfuhr später, daß dieser Doktor (derselbe junge Mensch, mit dem ich mich so gezankt hatte und in dessen Behandlung Makar Iwanowitsch vom Tage seiner Ankunft an war), – daß der Doktor diesem Patienten große Aufmerksamkeit widmete und, – ich weiß die medizinischen Fachausdrücke nicht – kurz und gut, er hatte eine ganze Kombination von allerlei Krankheiten in ihm entdeckt. Makar Iwanowitsch stand schon, das sah ich auf den ersten Blick, in den engsten freundschaftlichen Beziehungen zu ihm; mir gefiel das gleich nicht; und im übrigen war ich in dem Augenblick natürlich überhaupt nicht sehr angenehm aufgelegt.

»Ja, Alexander Semionowitsch, wie geht es denn heute unserm lieben Patienten?« erkundigte sich Wersilow. Wenn ich nicht so aufgeregt gewesen wäre, so hätte ich nichts Wichtigeres zu tun gehabt, als furchtbar neugierig die Art des Verkehrs zwischen Wersilow und dem alten Manne zu beobachten, worüber ich mir auch schon tags vorher allerhand Gedanken gemacht hatte. Vor allem überraschte mich jetzt Wersilows ungewöhnlich weicher und liebenswürdiger Gesichtsausdruck, der etwas durchaus Aufrichtiges hatte. Ich glaube, ich habe es schon einmal irgendwo gesagt, daß Wersilows Gesicht überraschend schön werden könnte, sobald er sich nur halbwegs ungekünstelt gab.

»Ja, wir zanken uns in einem fort«, erwiderte der Doktor.

»Mit Makar Iwanowitsch? Das kann ich nicht glauben: mit ihm kann man sich gar nicht zanken.«

»Er gehorcht ja nicht: nachts will er nicht schlafen . . .«

»Na, hör' schon auf, Alexander Semionowitsch, und schimpf nicht so viel«, lachte Makar Iwanowitsch. »Na, wie ist's, Andrej Petrowitsch; wie ist die Sache mit unsrer Mamsell ausgegangen? – Sie ächzt und stöhnt schon den ganzen Morgen und ist in solcher Unruhe«, fügte er hinzu und zeigte auf Mama.

»Ach ja, Andrej Petrowitsch,« rief Mama, in der Tat sehr beunruhigt, »erzähle nur schnell und quäle uns nicht lange; wie ist es für die Ärmste ausgegangen?«

»Ja, man hat unsre Mamsell verurteilt!«

»Ach!« rief Mama.

»Ja, aber nach Sibirien kommt sie nicht, sei nur ganz unbesorgt – fünfzehn Rubel Strafe muß sie zahlen, weiter nichts; es war das reine Theater!«

Er setzte sich, auch der Doktor nahm Platz. Ihr Gespräch bezog sich auf Tatjana Pawlowna, und ich wußte noch gar nichts von dieser Geschichte. Ich saß links von Makar Iwanowitsch, Lisa hatte sich mir gegenüber zu seiner Rechten niedergelassen; sie trug sich sichtlich mit einem eignen, besondern, neuen Kummer und hatte auch wohl eben deswegen Mama aufgesucht; ihr Gesicht zeigte einen unruhigen, erregten Ausdruck. In diesem Moment wechselten wir ganz zufällig einen Blick, und ich dachte plötzlich bei mir: »Wir sind beide beschimpft, und ich muß den ersten Schritt zu einer Annäherung tun.« Mein Herz wurde ihr gegenüber plötzlich weich. Wersilow begann derweil von den Ereignissen des heutigen Morgens zu erzählen.

Die Sache war die, daß Tatjana Pawlowna an jenem Morgen einen Prozeß mit ihrer Köchin vor dem Friedensgericht gehabt hatte. Es war eine höchst alberne Geschichte; ich habe schon erwähnt, daß die boshafte Finnin zuweilen, wenn sie sich geärgert hatte, wochenlang schweigen konnte; sie antwortete dann auf alle Fragen ihrer Herrin nicht ein einziges Wort; ich habe auch schon von Tatjana Pawlownas Schwäche ihr gegenüber erzählt, und daß sie sich von ihr alles gefallen ließ und sie um keinen Preis ein für allemal an die Luft setzen wollte. Alle diese psychologischen Kaprizen bei alten Jungfern und alten Weibern überhaupt erscheinen mir im höchsten Grade verächtlich und durchaus nicht weiter beachtenswert, und wenn ich die Geschichte hier dennoch erwähne, so geschieht es nur, weil diese Köchin später, im weitern Verlaufe meiner Erzählung, noch eine nicht unwichtige und ziemlich verhängnisvolle Rolle spielen wird. Na also, schließlich war eines schönen Tages Tatjana Pawlowna die Geduld gerissen und sie hatte der eigensinnigen Finnin eine Ohrfeige gegeben, was früher noch nie passiert war. Die Finnin hatte auch daraufhin nicht den leisesten Laut von sich gegeben, aber sie hatte sich noch an demselben Tage mit einem Herrn in Verbindung gesetzt, der in demselben Hinterhaus wohnte, irgendwo in einem Loch im Erdgeschosse; das war ein Marineleutnant außer Diensten, namens Osiotrow, der sich mit allerhand Vertretungen vor Gericht befaßte und selbstverständlich immer gleich zum Prozeß zu hetzen pflegte: schlug er sich doch auf die Weise notdürftig durchs Leben. Das Ende vom Liede war, daß Tatjana Pawlowna vor den Friedensrichter geladen wurde, und Wersilow hatte als Zeuge zur Feststellung des Tatbestandes gleichfalls erscheinen müssen.

Das alles erzählte Wersilow so lustig und spaßhaft, daß selbst Mama darüber lachen mußte; er stellte Tatjana Pawlowna, den Marineleutnant und die Köchin sogar mimisch dar. Die Köchin hatte vor Gericht gleich zu Anfang erklärt, sie bäte um eine Geldstrafe. »Denn wenn das gnädige Fräulein eingesteckt wird, für wen soll ich dann kochen?« Auf die Fragen des Richters hatte Tatjana Pawlowna äußerst hochnäsig geantwortet, ohne es überhaupt der Mühe wert zu finden, sich zu verteidigen; im Gegenteil, sie hatte folgendermaßen geschlossen: »Ich habe sie geschlagen und werde sie noch ganz anders schlagen«, wofür sie denn auch gleich wegen Ungebühr vor Gericht in eine Ordnungsstrafe von drei Rubel genommen worden war. Der Marineleutnant, ein langer, dünner, junger Mensch hatte eine große Rede zur Verteidigung seiner Klientin beginnen wollen, hatte sich dabei aber blamiert und war aus dem Konzept gekommen, so daß der ganze Gerichtssaal vor Lachen gebrüllt hatte. Die Verhandlung war bald beendigt, und Tatjana Pawlowna war verurteilt worden, der beleidigten Maria fünfzehn Rubel zu bezahlen. Sie hatte ohne Verzug ihr Portemonnaie gezogen und das Geld zahlen wollen, und der Marineleutnant hatte sich dabei sofort genähert und die Hand hingehalten, um sein Honorar in Empfang zu nehmen, aber Tatjana Pawlowna hatte seine Hand zur Seite gestoßen, das heißt, eigentlich mehr geschlagen, und sich zu Marja gewendet. Die hatte aber gesagt: »Lassen Sie es gut sein, gnädiges Fräulein, es ist der Mühe nicht wert, schreiben Sie es auf Rechnung, und mit dem da rechne ich schon selber ab.« – »Guck mal, Marja, was für ein langes Laster du dir engagiert hast!« hatte Tatjana Pawlowna gesagt, auf den Marineleutnant gezeigt und sich dabei schrecklich gefreut, daß Marja endlich wieder mit ihr sprach. – »Ja, der ist schon ein langes Laster, gnädiges Fräulein«, hatte Marja mit schlauem Gesicht geantwortet. »Haben Sie die Kotelettes für heute mittag mit Erbsen bestellt, ich hab' es vorhin nicht genau gehört: ich hatte solche Eile, aufs Gericht zu kommen?« – »Ach nicht doch, Marja, mit Sauerkraut; laß es aber freundlichst nicht wieder anbrennen, wie gestern.« – »Nein, heute gebe ich mir ganz besondre Mühe, gnädiges Fräulein; küss' die Hand.« Und sie hatte ihrer Herrin zum Zeichen der Versöhnung die Hand geküßt. Kurz und gut, der ganze Gerichtssaal hatte sich die Seiten gehalten.

»Nein, wie die Tatjana Pawlowna auch ist!« sagte Mama kopfschüttelnd und war sehr befriedigt über diese Nachrichten und durch die Art, wie Andrej Petrowitsch sie erzählt hatte; dabei warf sie aber verstohlen einen beunruhigten Blick nach Lisa hinüber.

»Eine Mamsell mit Charakter war sie von jung auf«, lachte Makar Iwanowitsch.

»Galle und Mangel an Beschäftigung«, diagnostizierte der Doktor.

»Bin ich die mit dem Charakter, bin ich die mit der Galle und dem Mangel an Beschäftigung?« fragte Tatjana Pawlowna, die plötzlich zu uns ins Zimmer trat und sehr zufrieden mit sich zu sein schien. »Du, mein lieber Alexander Semionowitsch, brauchst wirklich nicht solchen Unsinn zu reden; du hast mich schon gekannt, als du zehn Jahre alt warst und könntest wissen, ob ich wirklich so wenig zu tun habe, und auf die Galle hin kurierst du mich selber schon ein ganzes Jahr und kannst mich nicht gesund machen, darum würde ich an deiner Stelle nicht so viel davon reden. Na, jetzt habt ihr euch wirklich lange genug über mich aufgehalten; ich danke dir schön, Andrej Petrowitsch, daß du dir die Mühe gemacht hast, für mich aufs Gericht zu laufen. Na, wie geht es, Makaruschka, ich bin nur gekommen, um nach deinem Befinden zu fragen, durchaus nicht nach dem dieses Jünglings . . .« (Sie deutete auf mich, klopfte mir aber im gleichen Augenblick freundschaftlich auf die Schulter; ich hatte sie noch nie so gut aufgelegt gesehen.)

»Na, wie steht's?« sagte sie dann und wendete sich plötzlich mit besorgt gerunzelter Stirn an den Doktor.

»Er will sich ja nicht zu Bett legen, und wenn er so dasitzt, erschöpft er sich nur.«

»Ich sitze ja nur so ein bißchen, wenn Leute da sind«, murmelte Makar Iwanowitsch mit wie kindlich bittendem Gesichtsausdruck.

»Ja, das haben wir freilich gern, freilich haben wir das gern; das haben wir zu gern, die Leute um uns zu versammeln und ein bißchen zu schwatzen; ich kenn' meinen Makaruschka schon«, sagte Tatjana Pawlowna.

»Hat der es eilig, ach, du lieber Gott,« lächelte der Alte wieder und wendete sich zum Doktor, »nicht mal reden willst du einen lassen; warte doch ein bißchen, laß mich aussprechen: ich leg' mich schon hin, Freundchen, aber bei unsereins sagt man: ›Wenn du dich erst mal legst, stehst du vielleicht nicht mehr auf, – siehst du nun, was da für mich noch hinterm Berge steht?‹«

»Na ja, das dachte ich mir, der Bauernaberglaube: ›Leg' ich mich hin, wozu soll's gut sein? Dann steh' ich auch nicht mehr auf,‹ – ja, die Angst haben unsre Leute aus dem Volke oft genug, und darum machen sie ihre Krankheiten lieber stehenden Fußes ab, statt ins Spital zu gehen. Und Sie, Makar Iwanowitsch, haben einfach Sehnsucht, Sehnsucht nach der freien Weite, nach der breiten Landstraße – das ist Ihre ganze Krankheit; Sie sind es nicht mehr gewohnt, lange an einer Stelle zu bleiben. Sie sind ja doch ein sogenannter Pilger? Na, und die Landstreicherei wird bei unserm Volke fast zur Leidenschaft. Das habe ich bei Leuten aus dem Volke schon öfter beobachtet. Unser Volk ist in erster Linie ein Vagabundenvolk.«

»Also ist der Makar nach deiner Ansicht ein Vagabund?« fiel ihm Tatjana Pawlowna ins Wort.

»Oh, durchaus nicht in dem Sinne; ich habe das Wort im weitesten Sinne angewendet. Natürlich gibt es religiöse Vagabunden, gottesfürchtige Leute, aber Vagabunden sind sie deshalb doch. Vagabunden im guten, im achtbaren Sinne, aber immerhin Vagabunden . . . Ich sage das von der Warte des Mediziners aus . . .«

»Ich kann Sie nur versichern,« wendete ich mich plötzlich an den Doktor, »daß eher Sie und ich Vagabunden sind, und wir alle, soviel wir unser hier versammelt sind, und nicht dieser alte Mann, von dem wir beide noch viel lernen könnten, denn er hat einen festen Rückhalt im Leben, wir andern aber, soviel unser da sind, haben keinen festen Rückhalt im Leben . . . Übrigens, wie sollten Sie das begreifen können!«

Das hatte ich entschieden in ziemlich scharfem Tone gesagt, aber das war ja auch meine Absicht gewesen, seitdem ich hier war. Eigentlich weiß ich nicht, weswegen ich so lange dasaß, wo ich doch so sinnlos aufgeregt war.

»Was hast du denn schon wieder?« fragte Tatjana Pawlowna und sah mich mißtrauisch an. »Na, Makar Iwanowitsch,« fuhr sie fort und zeigte mit dem Finger auf mich, »was sagst du denn zu dem da?«

»Gott segne ihn, er ist ein gescheiter Kopf«, sagte der Alte mit ernstem Gesicht, – aber bei den Worten »ein gescheiter Kopf« fing auf einmal fast die ganze Gesellschaft an zu lachen. Ich verbiß es mir mit Mühe und Not; am lautesten von allen lachte der Doktor. Recht schlimm war es, daß ich damals noch nichts von einer Verabredung wußte, die sie vorsichtshalber getroffen hatten: Wersilow, der Doktor und Tatjana Pawlowna waren vor drei Tagen übereingekommen, alles daranzusetzen, um Mama von ihren schlimmen Vorahnungen und Befürchtungen in bezug auf Makar Iwanowitsch abzulenken; sein Zustand war nämlich viel hoffnungsloser, als ich damals vermutete. Aus diesem Grunde spaßten sie auch alle so viel und gaben sich Mühe, recht oft zu lachen. Nur war der Doktor leider dumm und verstand infolgedessen natürlich nicht zu spaßen: daraus entstand später diese ganze Geschichte. Wenn ich gleichfalls von ihrer Verabredung unterrichtet gewesen wäre, hätte ich natürlich die Geschichte nicht angerührt, zu der es so kam. Lisa wußte auch nichts von der Abmachung.

Ich saß da und hörte nur mit halbem Ohre zu; sie sprachen und lachten, ich aber hatte Darja Onisimowna und ihre Neuigkeiten im Kopfe und konnte nicht davon loskommen; mir war, als sähe ich sie immer noch dasitzen und mich anschauen und dann behutsam aufstehen und einen Blick ins Nebenzimmer werfen. Schließlich fingen sie alle auf einmal laut zu lachen an: Tatjana Pawlowna hatte, ich weiß nicht in welchem Zusammenhange, den Doktor einen gottlosen Menschen genannt: »Na, ihr Herren Doktoren seid ja doch alle durch die Bank gottlose Menschen! . . .«

»Makar Iwanowitsch!« schrie der Doktor und stellte sich auf die ungeschickteste Weise beleidigt und tat, als ob er ihn zum Richter aufrufe: »Bin ich gottlos oder nicht?«

»Ob du gottlos bist? Nein, du bist nicht gottlos,« erwiderte der Alte gemessen, nachdem er ihn lange und fest angesehen hatte, »nein, Gott sei Dank!« Er schüttelte den Kopf. »Du bist ein heitrer Mensch.«

»Und wer heiter ist, kann also überhaupt nicht gottlos sein?« fragte der Doktor ironisch.

»Das ist in seiner Art ein Gedanke«, bemerkte Wersilow, ohne dabei aber im geringsten zu lachen.

»Das ist ein starker Gedanke!« rief ich unwillkürlich, durch diese Idee überrascht. Der Doktor sah uns fragend an.

»Vor diesen Gelehrten, eben vor diesen Professoren (sie hatten vorher wahrscheinlich irgend etwas von Professoren gesprochen),« begann Makar Iwanowitsch ein wenig eingeschüchtert, »vor diesen Leuten habe ich anfangs eine furchtbare Angst gehabt: ich wagte nicht mit ihnen zu sprechen, weil ich am meisten Furcht vor den Gottlosen hatte. Ich dachte bei mir: ich habe bloß eine Seele; wenn ich die verderbe, kann ich mir keine andre suchen; na, aber dann sprach ich mir gut zu: ›Sie sind ja doch keine Götter,‹ dachte ich mir, ›sondern genau so arme, niedrige Menschen wie unsereins.‹ Ja, und natürlich war auch meine Neugier groß: ›Ich kann da,‹ dachte ich mir, ›erfahren, was das eigentlich ist, die Gottlosigkeit?‹ Nur, liebe Freunde, ist mir nachher selbst diese Neugier gänzlich vergangen.«

Er verstummte, hatte aber die Absicht, weiterzureden, immer mit demselben stillen, gemessenen Lächeln. Es gibt eine Einfalt, die allen und jedem vertraut ist und keinen Spott erwartet. Solche Leute sind immer beschränkt, weil sie bereit sind, das Kostbarste aus ihrem Herzen vor dem ersten besten auszubreiten, der ihnen in den Weg läuft. Aber bei Makar Iwanowitsch kam noch etwas andres dazu, und noch etwas andres trieb ihn zum Sprechen, nicht nur die Harmlosigkeit der Einfalt: ich sah aus seinen Augen den Propagandisten hervorschauen. Ich verstand mit großem Vergnügen das leise, sogar ein wenig verschlagene Lächeln, mit dem er den Doktor und vielleicht auch Wersilow ansah. Diese Unterhaltung war sichtlich eine Fortsetzung früherer Dispute, die sie in diesen Tagen gehabt hatten: aber es sollte zum Unglück dasselbe verhängnisvolle Wörtchen darin vorkommen, das mich gestern elektrisiert hatte und das mich zu einem Ausbruch verleitete, den ich noch heute bedaure.

»Vor gottlosen Menschen,« fuhr der Alte gesammelt fort, »würde ich vielleicht noch heute Angst haben; nur, lieber Alexander Semionowitsch, ist die Sache die: einem Gottlosen bin ich überhaupt noch nie in meinem Leben begegnet, aber vielen Unruhigen bin ich begegnet – so benennt man sie richtiger. Es gibt allerhand Leute darunter; man stellt sich nicht vor, was alles für Leute; große und kleine, dumme und gelehrte, und sogar Leute von der einfachsten Abkunft gibt es darunter, und alle sind sie unruhig. Denn sie lesen ihr ganzes Leben lang und legen das Gelesene aus, wenn sie sich an der Süßigkeit der Bücher gesättigt haben, und dabei bleiben sie immer im Zweifel und können zu keinem Schluß kommen. Manch einer verirrt sich dabei ganz und kann sich selber nicht mehr sehen. Manch einer verhärtet sich mehr als ein Stein, aber in seinem Herzen brodeln die Träume; andre wieder werden gefühllos und leichtsinnig und suchen nur über alles ihr spöttisches Gelächter zu lachen. Manch einer sucht sich aus den Büchern nur die Blumen heraus, und das auch nur nach seinem eignen Geschmack; dabei ist er aber unruhig und weiß sich keinen Weg. Und ich sag' es noch einmal: da macht die Langeweile viel. Ein kleiner Mann leidet Not, es fehlt ihm am Brot, er weiß nicht, wie er seine Kinderchen durchbringen soll, er schläft auf hartem Stroh, aber doch ist sein Herz fröhlich und leicht; er sündigt wohl auch und führt häßliche Reden, aber dennoch ist sein Herz leicht. Aber so ein großer Herr hat zu essen und zu trinken genug, er sitzt auf einem Haufen Gold, aber in seinem Herzen bleibt immer der Gram. Manch einer hat alle Wissenschaften durchforscht – aber sein Teil bleibt der Gram. Ich denk' es mir so: je mehr Klugheit einer erwirbt, um so mehr Langeweile hat er auch. Ja, und um nur eines zu nehmen: lehren tun sie, solange die Welt steht, aber was haben sie uns denn Gutes gelehrt, daß davon die Welt zur schönsten und fröhlichsten und aller Freuden vollen Wohnung geworden wäre? Und noch eins sag' ich: sie haben die Vornehmheit nicht, und sie wollen sie nicht einmal haben; und wenn sie alle zugrunde gehen, jeder lobt die Art, auf die er zugrunde geht; sich aber an die einzige Wahrheit zu wenden, daran denkt er nicht; aber ein Leben ohne Gott ist eine einzige Qual. Und so kommt es, daß wir das verfluchen, wovon wir erleuchtet werden, und wissen es selber nicht einmal. Ja, und was hat es auch für einen Sinn: es kann keinen Menschen geben, der sich nicht vor etwas beugte; solch ein Mensch könnte sich selber nicht ertragen, und kein Mensch könnte das. Und wenn einer sich von Gott wendet, so betet er einen Götzen an, – mag er nun von Holz sein oder von Gold, oder mag er ein Gedanke sein. Götzendiener sind das alles, nicht aber Gottlose, so muß man sie nennen. – Aber sollte es denn keine Gottlosen geben? Es gibt Leute, die geradezu gottlos sind, nur sind sie viel gefährlicher als jene, weil sie mit dem Namen Gottes auf den Lippen daherkommen. Ich habe öfters von solchen Leuten gehört, aber begegnet bin ich noch nie einem. Liebe Freunde, es gibt schon solche Leute, und ich denke mir, es muß sie auch geben.«

»Es gibt welche, Makar Iwanowitsch,« bekräftigte plötzlich Wersilow, »es gibt solche Leute und es muß sie auch geben!«

»Sicherlich gibt es sie und ›muß es sie geben!‹« entriß es sich mir unaufhaltsam und erregt, ich weiß nicht, warum: aber mich hatte Wersilows Ton mitgerissen, und irgendein Gedanke fesselte mich, den das Wort »es muß sie auch geben« erweckt hatte. Dieses Gespräch war mir ganz unerwartet gekommen. Aber in diesem Augenblick geschah etwas gleichfalls ganz Unerwartetes.

 

4

Es war ein selten klarer Tag; der Vorhang in Makar Iwanowitschs Zimmer war auf Anordnung des Doktors gewöhnlich den ganzen Tag nicht aufgezogen worden; jetzt aber befand sich an dem Fenster kein Vorhang mehr, sondern nur eine kurze Gardine, die den obersten Teil des Fensters frei ließ; diese Änderung war deshalb vorgenommen worden, weil es den Alten bedrückt hatte, daß ihn der Vorhang früher die Sonne überhaupt nicht hatte sehen lassen. Und wie wir nun so dasaßen, kam auf einmal der Augenblick, wo plötzlich der Sonnenschein Makar Iwanowitsch direkt ins Gesicht fiel. Er hatte das im Eifer des Gespräches anfangs gar nicht beachtet, dann aber, während er sprach, den Kopf ein paarmal mechanisch zur Seite geneigt, weil das grelle Licht seine kranken Augen sehr reizte und angriff. Mama, die neben ihm stand, hatte schon ein paarmal unruhig nach dem Fenster geblickt; man hätte das Fenster einfach ganz verhängen sollen, aber, um das Gespräch nicht zu stören, wollte sie versuchen, die Fußbank, auf der Makar Iwanowitsch saß, ein bißchen nach rechts herüberzuziehen: man brauchte sie nur eine oder höchstens zwei Spannen weiter zu rücken. Sie hatte sich schon ein paarmal gebückt und an die Fußbank gegriffen, hatte sie aber nicht bewegen können; die Bank mit Makar Iwanowitsch darauf rührte sich nicht. Makar Iwanowitsch hatte ihre Bemühungen gespürt und ein paarmal unbewußt versucht, sich zu erheben, aber seine Beine gehorchten ihm nicht. Mama plagte sich aber doch immer weiter und zog daran; und da schließlich machte das alles Lisa furchtbar böse. Ich hatte ein paar funkelnde, zornige Blicke von ihr aufgefangen, hatte aber im ersten Augenblick nicht gewußt, worauf ich sie beziehen solle, und zudem war ich von dem Gespräche sehr in Anspruch genommen. Da auf einmal höre ich, wie sie mit scharfer Stimme Makar Iwanowitsch beinah anschreit:

»Ja, erheben Sie sich doch wenigstens ein bißchen: Sie sehen doch, wie Mama sich anstrengt!«

Der Alte warf einen schnellen Blick auf sie, verstand sofort, was sie wollte, und versuchte sich hastig zu erheben; es wurde aber nichts daraus: er kam vielleicht eine Spanne hoch und fiel wieder auf die Bank zurück.

»Ich kann nicht, Liebe«, antwortete er Lisa gleichsam klagend und sah sie mit einer eignen, ergebnen Demut an.

»Lisa!« schrie nun Tatjana Pawlowna. Makar Iwanowitsch machte mit der größten Kraftanstrengung noch einen Versuch.

»Nehmen Sie Ihren Krückstock, neben Ihnen liegt er, mit dem Krückstock kommen Sie schon hoch!« sagte Lisa noch einmal hart.

»Das ist auch wahr«, sagte der Alte und griff sogleich hastig nach dem Stocke.

»Man muß ihm einfach aufhelfen«, sagte Wersilow und erhob sich; auch der Doktor und Tatjana Pawlowna sprangen auf, aber sie hatten ihm noch nicht beispringen können, als sich Makar Iwanowitsch, der sich aus aller Kraft auf den Stock gestützt hatte, auf einmal erhob und in freudigem Triumphe dastand und um sich blickte:

»Also, nun bin ich doch aufgestanden!« sagte er beinahe stolz und lachte vergnügt. »Ich danke dir auch schön, Liebe; du hast mich zu Verstand gebracht; und ich dachte schon, die lieben Füße gehorchten mir gar nicht mehr . . .«

Aber er blieb nicht lange stehen, er hatte noch nicht ausgesprochen, als plötzlich der Krückstock, auf den er sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers lehnte, auf dem Teppich ausrutschte; und da die »lieben Füße« ihn so gut wie gar nicht unterstützten, stürzte er von seiner ganzen Höhe zu Boden. Das war fast grausig anzusehen, weiß ich noch. Alle schrien auf und stürzten hinzu, um ihn aufzuheben, aber er hatte sich Gott sei Dank nichts getan; er war nur schwer und laut auf beide Knie gestürzt, hatte aber doch vermocht, die rechte Hand vor sich auf den Boden zu stemmen und sich so zu halten. Er wurde aufgehoben und aufs Bett gesetzt. Er war sehr bleich, nicht vor Schrecken, sondern von der Erschütterung. (Der Doktor hatte bei ihm außer allem andern auch ein Herzleiden konstatiert.) Mama war vor Schrecken außer sich. Und auf einmal wendete sich Makar Iwanowitsch, immer noch ganz bleich, mit zitternden Gliedern und gleichsam noch nicht wieder ganz bei Bewußtsein, zu Lisa und sagte mit fast zärtlicher stiller Stimme zu ihr:

»Nein, Liebe, die lieben Füße tragen mich wahrhaftig nicht mehr!«

Ich kann nicht beschreiben, was für einen Eindruck das auf mich machte. Die Sache war die, daß bei diesen Worten des armen Alten nicht die Spur einer Klage oder eines Vorwurfes mitklang; ganz im Gegenteil: man merkte deutlich, daß er von Anfang an wirklich nicht das geringste Bösartige in Lisas Worten gefunden hatte, sondern es statt dessen für ganz gerecht gehalten hatte, daß sie ihn anschrie, das heißt, er fand, diese Zurückweisung hätte er für sein Verschulden reichlich verdient. Das alles wirkte auf Lisa sehr heftig. Als er gestürzt war, war sie wie alle andern aufgesprungen und hatte leichenblaß dagestanden und selbstverständlich Schmerz empfunden, weil sie die Veranlassung zu dem allen war; als sie aber diese Worte hörte, wurde sie plötzlich, fast momentan, glühend rot vor Scham und Reue.

»Jetzt ist's genug!« kommandierte auf einmal Tatjana Pawlowna. »Das kommt nur von dem ewigen Geschwätz! Es ist Zeit, auseinanderzugehen; wozu soll das führen, wenn der Doktor selber mit dem Geschwätz anfängt!«

»Freilich«, stimmte Alexander Semionowitsch ihr zu, der sich um den Kranken zu schaffen machte. »Das war nicht recht von mir, Tatjana Pawlowna, er braucht Ruhe!«

Aber Tatjana Pawlowna hörte nicht auf ihn: sie musterte Lisa wohl eine halbe Minute lang schweigend und verbissen.

»Komm her, Lisa, und gib mir einen Kuß, wenn du Lust hast; ich altes, dummes Frauenzimmer!« sagte sie dann unvermittelt.

Und sie küßte sie, ich weiß nicht weswegen, aber eben das war es, was sich gehörte; ich wäre am liebsten selber auf Tatjana Pawlowna zugestürzt und hätte ihr einen Kuß gegeben. Es war jetzt nicht am Platze, Lisa durch Vorwürfe nur noch tiefer niederzudrücken, sondern es war viel richtiger, das neue, schöne Gefühl, das jetzt sicherlich in ihr geboren wurde, mit Freude zu begrüßen und sie zu beglückwünschen. Aber statt mich allen diesen Gefühlen hinzugeben, sprang ich plötzlich auf und rief, jedes Wort hart betonend:

»Makar Iwanowitsch, Sie haben heute wieder das Wort ›Vornehmheit‹ gebraucht, und ich habe mich gerade gestern und alle die Tage mit diesem Worte abgequält . . . und habe mich überhaupt mein Leben lang damit gequält, ich wußte früher nur nicht, daß es das war. Und dieses Zusammentreffen der gleichen Worte halte ich für einen Wink des Schicksals, fast für ein Wunder . . . Ich erkläre hier in Ihrer Gegenwart . . .«

Aber die anderen taten mir sofort Einhalt. Ich wiederhole es: ich wußte nichts von ihrer Abrede wegen Mama und Makar Iwanowitsch; und sie hielten mich, nach früheren Erfahrungen, natürlich zu jedem Skandal in der Art für fähig.

»Hinaus mit ihm, hinaus!« schrie Tatjana Pawlowna wie ein wildes Tier. Mama zitterte vor Angst. Makar Iwanowitsch sah, daß alle erschraken und erschrak selber auch.

»Arkadij, laß das!« rief Wersilow strenge.

»Mir, meine Herrschaften,« schrie ich noch lauter, »mir erscheint es einfach scheußlich, wenn ich Sie alle neben diesem reinen Kinde ansehe« (ich deutete auf Makar). »Nur eine Heilige sehe ich – das ist Mama, aber selbst sie . . .«

»Sie regen ihn auf!« sagte der Doktor eindringlich.

»Ich weiß, daß die ganze Welt wider mich ist«, stotterte ich (oder etwas Ähnliches), aber blickte noch einmal rundum und sah dann Wersilow herausfordernd an.

»Arkadij!« schrie er noch einmal, »genau so eine Szene hat hier schon einmal stattgefunden. Ich beschwöre dich, nimm dich zusammen!«

Ich kann nicht beschreiben, mit was für einem tiefen Gefühl er das sagte. Eine außerordentliche, aufrichtige, tiefe Traurigkeit sprach aus seinem Gesicht. Das Erstaunlichste war, daß er schuldbewußt dreinschaute: ich war der Richter, und er der Verbrecher. Das alles machte mich vollends toll.

»Ja,« schrie ich zurück, »genau so eine Szene hat schon einmal stattgefunden, als ich Herrn Wersilow begrub und ihn aus meinem Herzen riß . . . Aber später ist darauf eine Auferstehung von den Toten gefolgt, jetzt aber . . . jetzt folgt kein Morgen mehr darauf! Aber . . . aber ihr alle hier werdet noch sehen, wozu ich imstande bin: ihr laßt euch nicht träumen, was ich euch noch beweisen werde!«

Als ich das gesagt hatte, stürzte ich in mein Zimmer. Wersilow eilte mir nach . . .

 

5

Ich bekam einen Rückfall; das Fieber brach mit größter Gewalt aus, und in der Nacht phantasierte ich. Es war aber nicht alles bloß Delirium: es waren unzählige Träume, ein ganzer Zug von Träumen, Träume ohne Maßen; und davon ist ein Traum oder das Bruchstück eines Traumes mir auf Lebenszeit im Gedächtnis geblieben. Ich erzähle ihn ohne ein Wort der Erläuterung; er war prophetisch, und ich kann ihn nicht auslassen.

Ich befand mich plötzlich, mit irgendeinem großen und stolzen Plan im Herzen, in einem großen, hohen Zimmer; es war aber nicht bei Tatjana Pawlowna: ich erinnre mich jenes Zimmers sehr deutlich; das sage ich hier vorgreifend. Und ob ich gleich allein bin, fühle ich die ganze Zeit, mit Unruhe und Qual, daß jemand auf mich wartet, und daß man etwas von mir erwartet. Irgendwo hinter der Tür sitzen Leute und warten auf das, was ich tun werde. Ein unerträgliches Gefühl: »Oh, wäre ich doch allein!« Und auf einmal tritt sie herein. Sie schaut schüchtern drein, sie fürchtet sich entsetzlich, sie sucht meinen Blick. In meiner Hand halte ich das Dokument. Sie lächelt, um mich einzufangen, sie will mich durch Schmeichelei gewinnen; mir tut sie leid, aber ich beginne Ekel zu empfinden. Plötzlich bedeckt sie ihr Gesicht mit beiden Händen. Ich schleudre das »Dokument« mit unsäglicher Verachtung auf den Tisch: »Bitten Sie mich nicht! Da! Ich will von Ihnen gar nichts! Ich räche mich für allen Schimpf, der mir angetan ist, durch Verachtung!« Ich verlasse das Zimmer und verschlucke mich fast vor maßlosem Stolz. Aber an der Tür, im Dunkeln, faßt mich Lambert! »Esel, Esel!« wispert er mir mit der höchsten Eindringlichkeit zu und hält mich an der Hand fest, »sie kann einfach auf der Wasilij-Insel ein adliges Fräuleininstitut aufmachen.« (NB. das sollte heißen, daß sie das zu ihrem Unterhalt nötig hätte, wenn ihr Vater durch mich von dem Dokument erführe und sie enterbte und aus dem Hause jagte. Ich schreibe die Worte Lamberts buchstäblich nieder, wie ich sie geträumt habe.)

»Arkadij Makarowitsch sucht die ›Vornehmheit‹«, höre ich Anna Andrej etwas stille Stimme irgendwo in der Nähe, im Treppenhause, wo wir uns befinden; es liegt aber keine Anerkennung, sondern ein unerträglicher Hohn in ihren Worten. Ich gehe mit Lambert wieder ins Zimmer zurück. Aber als sie Lambert erblickt, fängt sie auf einmal an zu lachen. Mein erster Eindruck ist ein furchtbarer Schreck, ein Schreck, so stark, daß ich stehenbleibe und mich ihr nicht nähern will. Ich sehe sie an und will's nicht glauben; es ist, als hätte sie auf einmal eine Maske von ihrem Gesicht fallen lassen: es sind dieselben Züge, aber es ist, als hätte sich jeder kleinere Zug zu maßloser Gemeinheit verzerrt. »Den Kaufpreis, Gnädigste, den Kaufpreis!« schreit Lambert, und beide lachen sie noch toller, und mein Herz erstarrt: »O Gott, ist dies schamlose Weib wirklich dieselbe, die mit einem einzigen Blick mein Herz in edeln Gefühlen aufwallen lassen konnte?«

»Siehst du, wozu sie fähig sind, diese stolzen Seelen, in ihren hohen Kreisen, für Geld!« ruft Lambert. Aber nicht einmal das bringt dieses schamlose Weib in Verwirrung; sie lacht eben darüber, daß ich so erschrocken bin. Oh, sie ist bereit, den Kaufpreis zu zahlen, ich sehe es wohl und . . . und was geschieht denn mit mir? Ich fühle weder Mitleid mehr, noch Ekel; ich zittre wie noch nie in meinem Leben . . . Ein neues, unbeschreibliches Gefühl bemächtigt sich meiner, wie ich es noch nie gekannt habe, und stark ist es wie die ganze Welt . . . Oh, ich wäre um keinen Preis imstande, jetzt hinauszugehen! Oh, wie gut es mir gefällt, daß das alles so schamlos ist! Ich ergreife ihre Hände, die Berührung ihrer Hände erschüttert mich qualvoll, und ich nähere meine Lippen ihren schamlosen, roten Lippen, die vor Lachen zittern und mich rufen . . .

Oh, fort mit dieser niedrigen Erinnerung! Verfluchter Traum! Ich kann darauf schwören, daß vor diesem schmutzigen Traume in meinem Geiste nichts gelebt hat, was diesem schändlichen Gedanken auch nur ähnlich gesehen hätte. Nicht einmal irgendein unwillkürlicher Traumgedanke von der Art war je in mir wach geworden (obschon ich das »Dokument« wohleingenäht in der Tasche trug und manchmal mit einem sonderbaren Lächeln nach dieser Tasche fühlte). Woher entsprang also dies alles so auf einmal ganz und fertig? Das kam daher, weil eine Spinnenseele in mir lebte! Ich meine: das alles war schon längst geboren und kauerte in meinem verderbten Herzen, in meinem Wunsche lag es, aber bei Licht schämte sich mein Herz noch davor, und mein Verstand wagte noch nicht, sich etwas Derartiges bewußt vorzustellen. Aber im Traume stellte meine Seele aus sich selber heraus alles vor meine Augen, zeigte mir alles, was in meinem Herzen lebte, ganz genau und in einem abgerundeten Bilde und in prophetischer Form. Und war es nicht am Ende das gewesen, was ich ihnen beweisen wollte, als ich am Vormittag Makar Iwanowitschs Zimmer in solcher Hast verlassen hatte? Aber genug davon: erst an seiner Stelle mehr davon! Dieser Traum, den ich damals hatte, ist eins der merkwürdigsten Ereignisse meines Lebens.

 

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.