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Ein Werdender - Zweiter Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Zweiter Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
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Siebentes Kapitel

1

Ich erwachte in der Frühe, so gegen acht Uhr, verschloß schleunigst meine Tür, setzte mich ans Fenster und grübelte wieder. So saß ich bis zehn Uhr. Die Magd hatte unterdessen zweimal bei mir angeklopft, aber ich hatte sie fortgeschickt. Schließlich – es ging schon auf elf – klopfte es wieder. Ich wollte schon wieder hinausrufen, man solle mich in Ruhe lassen, aber diesmal war es Lisa. Hinter ihr trat auch die Magd ein; sie brachte mir Kaffee und machte sich mit dem Heizen des Ofens zu schaffen. Die Magd fortschicken konnte ich nicht; so ging ich die ganze Zeit, während Fiokla Holz aufschichtete und das Feuer schürte, mit großen Schritten in meinem kleinen Zimmer auf und nieder; ich begann kein Gespräch und gab mir sogar Mühe, Lisa überhaupt nicht anzusehen. Die Magd tat alles zwar unbeschreiblich langsam, und absichtlich, wie alle Mägde, wenn sie merken, daß ihre Herrschaften etwas besprechen wollen, was sie nicht hören dürfen. Lisa hatte sich auf den Stuhl am Fenster gesetzt und verfolgte mich mit den Augen.

»Dein Kaffee wird kalt«, sagte sie plötzlich.

Ich sah sie an: nicht die geringste Verlegenheit, – vollkommenste Ruhe, um ihren Mund sogar ein Lächeln!

»O Weiber!« konnte ich mich nicht enthalten zu sagen, und zuckte die Achseln. Endlich war die Magd mit dem Ofen fertig und wollte jetzt anfangen, aufzuräumen, aber ich schickte sie ärgerlich hinaus Und konnte endlich die Tür hinter ihr verschließen.

»Sag' mir bitte, warum du wieder die Tür zuschließt?« fragte Lisa.

Ich trat vor sie hin:

»Lisa, könnte ich denn ahnen, daß du mich so betrügen würdest!« rief ich plötzlich, ohne überhaupt daran gedacht zu haben, auf diese Weise anzufangen; und es gab diesmal keine Tränen, sondern es war ein geradezu böses Gefühl, das mir plötzlich ins Herz stach, so böse, wie ich es selbst nicht erwartet hätte. Lisa wurde rot, antwortete aber nicht, sondern sah mir nur immer gerade in die Augen.

»Nein, Lisa, nein; oh, wie dumm ich war! Aber war ich denn so dumm? Alle Anzeichen haben sich ja erst gestern zu einem großen Berge vereinigt; und woher hätte ich vorher etwas wissen sollen? Weil du die Stolbejews besuchtest und diese . . . Darja Onisimowna? Aber ich hielt dich für rein wie die Sonne, Lisa, wie hätte ich auf so etwas kommen sollen? Weißt du noch wie ich dich damals, vor zwei Monaten, in seiner Wohnung traf, und wie wir beide dann durch den Sonnenschein gingen und froh waren . . . War es damals schon im Gange? War es im Gange?«

Sie antwortete mit einem bejahenden Nicken.

»So hast du mich also schon damals betrogen! Da ist nicht meine Dummheit schuld, Lisa, eher schon mein Egoismus, nicht meine Dummheit, der Egoismus meines Herzens und – und, sagen wir, mein Glauben an die Reinheit. Oh, ich bin immer überzeugt davon gewesen, ihr alle stündet hoch über mir, – und nun . . .! Und schließlich, gestern noch, heute vor einem Tage, konnte ich mir das noch gar nicht vorstellen, trotz aller Anzeichen . . . Ja, und ich hatte gestern auch wirklich ganz andre Dinge im Kopfe!«

Und da mußte ich auf einmal an Katerina Nikolajewna denken, und wieder stach mich etwas marternd wie eine Nadel ins Herz, und ich wurde über und über rot. Natürlich konnte ich in solch einem Augenblick nicht gut sein.

»Ja, weswegen willst du dich eigentlich rechtfertigen? Ich habe den Eindruck, Arkadij, daß du dich zu rechtfertigen suchst, aber weswegen eigentlich?« fragte Lisa leise und sanft, aber mit sehr festem und überzeugtem Ausdruck.

»Wieso: weswegen? Ja, was soll ich jetzt eigentlich tun? – um nur diese eine Frage zu nehmen! Aber du sagst: ›weswegen?‹ Ich weiß nicht, wie ich hier handeln soll! Ich weiß nicht, wie Brüder in solchen Fällen zu handeln pflegen . . . Ich weiß, daß man die Verführer mit der Pistole in der Hand zur Heirat zwingt . . . Ich will handeln, wie es einem Manne von Ehre geziemt! Aber ich weiß ja eben nicht, wie ein Mann von Ehre in solchem Falle handelt! . . . Warum ich das nicht weiß? Weil wir nicht adlig sind, und er ist ein Fürst und sucht sich in seinen Kreisen seinen Weg: er wird auf uns ehrsame Bürgersleute überhaupt nicht hören. Wir beide sind ja nicht einmal Geschwister, sondern Gott weiß was für Bankerte, ohne Namen, die Kinder eines Hofknechtes; und heiraten Fürsten etwa Mädchen aus dem Hofgesinde? Oh, solch ein Schmutz! Und dazu sitzt du da und wunderst dich noch über mich.«

»Ich glaube dir, daß du leidest«, sagte Lisa und errötete wieder. »Aber du überstürzest dich und quälst dich selber.«

»Ich überstürze mich? Ja, bin ich denn in dieser Angelegenheit für dich noch immer nicht spät genug gekommen? Muß ich das dir sagen, Lisa, gerade dir?« rief ich ausbrechend und jetzt endlich in vollem Zorn. »Und wieviel Schmach habe ich deswegen erduldet, und wie hat dieser Fürst mich verachten müssen! Oh, jetzt ist mir alles klar, und ich habe das ganze Bild deutlich vor Augen: er war fest überzeugt davon, ich wäre schon längst hinter dein Verhältnis mit ihm gekommen, aber ich schwieg und spielte mich hochnäsig auf und renommierte mit meiner ›Ehre‹ – siehst du, selbst das hat er von mir glauben können! Und für meine Schwester, für die Schande meiner Schwester nähme ich Geld an! Das war es, was ihm Ekel einflößte, wenn er es sah, und darin gebe ich ihm durchaus recht; wenn einer täglich einen Schuft sehen und bei sich empfangen muß, weil er ›ihr Bruder‹ ist, und wenn dieser Kerl dann noch von Ehre spricht . . . Das kann einem das Herz wohl ausdörren, selbst sein Herz! Und du hast das alles zugelassen, du hast mich nicht gewarnt! Er hat mich so tief verachtet, daß er mit einem Stebelkow über mich sprach, und daß er gestern zu mir selber sagte, er hätte Wersilow und mich, uns alle beide, hinauswerfen wollen. Und dieser Stebelkow! ›Anna Andrejewna ist ja doch genau so Ihre Schwester wie Lisaweta Makarowna‹, ja, und dann hat er mir noch nachgerufen: ›Mein Geld ist besser.‹ Und ich, ich habe mich rüpelhaft bei ihm auf dem Diwan geräkelt und habe mich seinen Bekannten aufgedrängt, der Teufel soll sie holen, als wäre ich ihresgleichen! Und du hast das alles zugelassen! Wahrscheinlich weiß Darsan jetzt auch schon die ganze Geschichte, wenigstens nach dem Ton zu urteilen, den er gestern abend angeschlagen hat . . . Alle wissen es, alle, nur ich nicht!«

»Kein Mensch weiß etwas, er hat es keinem von seinen Bekannten erzählt oder überhaupt erzählen können,« unterbrach mich Lisa, »und von diesem Stebelkow weiß ich nur, daß Stebelkow ihn peinigt, und daß dieser Herr Stebelkow höchstens etwas hat erraten können . . . Und von dir habe ich öfters mit ihm gesprochen, und er hat mir ohne weiteres geglaubt, daß du nichts wüßtest, und ich weiß wirklich nicht, warum und wie diese Sache gestern zwischen euch entstanden sein kann.«

»Oh, ich habe ihm gestern wenigstens meine Schuld zurückgezahlt und habe wenigstens diese Last vom Herzen! Lisa, weiß Mama es? Ach ja, wie sollte sie es nicht wissen: gestern, gestern ist sie ja gegen mich losgefahren! . . . Ach, Lisa! Ja, findest du wirklich, daß du in allem recht hast, gibst du dir denn gar keine Schuld? Ich weiß nicht, wie man heutzutage über solche Dinge urteilt und wie du darüber denkst; ich meine, was mich angeht, deine Mutter, deinen Bruder, deinen Vater . . . Weiß Wersilow es?«

»Mama hat ihm nichts gesagt: er fragt nicht, wahrscheinlich mag er nicht fragen.«

»Er weiß es, aber er will es nicht wissen; das ist so . . . das sieht ihm so ähnlich! Nun, du magst deinen Bruder als Komödianten verlachen, deinen Dummkopf von Bruder, wenn er von Pistolen spricht; aber die Mutter, die Mutter? Hast du wirklich nicht daran gedacht, Lisa, daß das für Mama ein Vorwurf sein muß? Die ganze Nacht habe ich mich damit gequält; Mamas erster Gedanke muß jetzt doch sein: ›Das geschieht mir, weil auch ich mich vergangen habe; wie die Mutter, so die Tochter!‹«

»Oh, wie böse und hart du das gesagt hast!« rief Lisa, und Tränen brachen aus ihren Augen. Sie stand auf und ging schnell zur Tür.

»Nein, bleib!« rief ich, legte den Arm um sie, führte sie wieder zu ihrem Platze und setzte mich neben sie, ohne die Hand fortzunehmen.

»Das hatte ich mir schon gedacht, als ich herkam, daß alles so kommen würde; ich wußte, du würdest sicherlich das Bedürfnis haben, ich sollte mich selbst anklagen. Nun schön, ich klage mich an. Nur aus Stolz habe ich eben geschwiegen und nichts gesagt; aber um dich und Mama tut es mir viel mehr weh als um mich selber, es tut mir so leid . . .« Sie sprach nicht zu Ende und brach plötzlich in heiße Tränen aus.

»Hör' auf, Lisa, das ist nicht nötig, nichts ist nötig. Ich bin nicht dein Richter. Lisa, und Mama? Sag', weiß sie es schon lange?«

»Ich denke mir, sie weiß es schon lange; aber ich selbst hab' es ihr erst kürzlich gesagt, als das passierte«, brachte sie leise hervor, mit niedergeschlagenen Augen.

»Und sie?«

»Sie sagte zu mir: ›Trag es!‹« sagte Lisa noch leiser.

»Ach, Lisa, ja, trag es! Tu dir nur nichts an, bewahre dich Gott davor!«

»O nein!« entgegnete sie fest und hob die Lider und sah mich wieder an.

»Sei ganz ruhig,« fügte sie hinzu, »so ist die Sache gar nicht.«

»Lisa, Liebste, ich sehe nur eins: daß ich von der Sache gar nichts weiß, aber dafür habe ich erst jetzt erfahren, wie lieb ich dich habe. Nur eins verstehe ich nicht, Lisa: alles ist mir klar, nur eins verstehe ich durchaus nicht: warum hast du dich in ihn verliebt? Wie konntest du dich in so einen Menschen verlieben? Das ist die Frage?«

»Und wahrscheinlich hast du dich damit auch die ganze Nacht gequält?« lächelte Lisa still.

»Nein, warte, Lisa, das ist eine dumme Frage, und du lachst mich aus; lach' nur, aber muß man denn da nicht staunen? Du und er, ihr seid ja solche Gegensätze! Ich hab' ihn studiert: er ist finster, mißtrauisch, vielleicht ist er ein sehr guter Mensch, meinetwegen, aber dafür ist er wie kein zweiter geneigt, an allem zuerst das Schlechte zu sehen (in der Beziehung ist er übrigens genau wie ich!). Er hat einen ungeheuern Respekt vor Vornehmheit und Korrektheit – das gebe ich zu, das sehe ich; aber das ist, glaube ich, doch mehr platonisch. Oh, er leidet ewig an Reue, er verflucht sich sein Leben lang ununterbrochen und schlägt sich vor die Brust, aber dabei bessert er sich niemals; übrigens ist er vielleicht auch in dieser Beziehung wie ich. Tausend Vorurteile und verkehrte Ideen, und – nicht eine Idee! Er strebt nach großen Taten und macht sich in Kleinigkeiten schmutzig. Verzeih, Lisa, ich bin natürlich ein Narr: mit dem, was ich da sage, kränke ich dich, und ich weiß das; ich verstehe das so . . .«

»Das Porträt würde stimmen,« lächelte Lisa, »aber du bist um meinetwillen zu böse auf ihn, deswegen stimmt auch wieder nichts daran. Dir gegenüber war er von allem Anfang an mißtrauisch, und du konntest ihn daher nicht sehen, wie er ist; mir aber hat er schon in Luga . . . Er hat nichts mehr gesehen, als nur mich, schon seit der Zeit in Luga. Ja, er ist mißtrauisch und krankhaft, und ohne mich hätte er den Verstand verloren; und wenn er mich verließe, würde er den Verstand verlieren oder sich erschießen; ich glaube, das hat er eingesehen und weiß es«, fügte Lisa halb für sich und in Gedanken verloren hinzu. – »Jawohl, er ist immer schwach, aber diese Art schwacher Menschen ist manchmal zu einer außerordentlich starken Tat fähig . . . Wie sonderbar war das, was du von der Pistole sagtest, Arkadij: solche Dinge tun hier gar nicht not, und ich weiß selber ganz genau, wie es kommen wird. Ich werde ihm nicht nachlaufen, aber er wird mir nachlaufen. Mama weint und sagt: ›Wenn du ihn heiratest, wirst du unglücklich, er wird dich dann nicht mehr lieben.‹ Daran glaube ich nicht; unglücklich werde ich vielleicht, aber er hört nicht auf, mich zu lieben. Das war nicht der Grund, daß ich ihm immer nein gesagt habe, sondern etwas ganz andres. Seit zwei Monaten sage ich ihm nein, aber heute habe ich zu ihm gesagt: ja, ich werde deine Frau. Arkascha, weißt du auch, gestern« – ihre Augen strahlten, und sie schlang beide Arme um meinen Hals – »gestern ist er zu Anna Andrejewna gegangen und hat ihr gerade heraus, ganz offen, gesagt, er könne sie nicht lieben . . . Ja, er hat ihr ganz reinen Wein eingeschenkt, und dieser Gedanke liegt jetzt hinter ihm! Er selbst hat an diesem Gedanken nie teilgehabt, das hat sich alles bloß Fürst Nikolaj Iwanowitsch ausgeklügelt, und gedrängt dazu haben ihn seine Quälgeister, dieser Stebelkow und noch einer . . . Siehst du, und dafür habe ich ihm heute ja gesagt. Lieber Arkadij, er lädt dich dringend ein, und du sollst das nicht übelnehmen nach dem, was gestern geschehen ist: er ist heute nicht recht wohl und bleibt den ganzen Tag zu Hause. Er ist wirklich nicht gesund, Arkadij, glaub' nicht, daß das eine Ausrede wäre. Er hat mich ausdrücklich hergeschickt und mich gebeten, dir zu sagen, er sehne sich nach dir, er habe dir viel zu sagen, und hier bei dir, in dieser Wohnung würde das nicht recht gehen! Also, leb' wohl! Ach, ich geniere mich, es dir zu sagen, aber ich habe mich auf dem Wege hierher so schrecklich gefürchtet, du könntest mich nicht mehr liebhaben; ich habe mich unterwegs immerzu bekreuzt, und dabei bist du so gut, so lieb! Das vergesse ich dir nie! Jetzt will ich zu Mama. Und du hab' ihn wenigstens ein bißchen lieb; willst du?«

Ich umarmte sie mit Wärme und sagte zu ihr:

»Lisa, ich glaube, du bist ein starker Charakter. Ja, und ich glaube dir auch, daß nicht du ihm, sondern daß er dir nachläuft, aber trotz alledem . . .«

»Aber trotz alledem: ›warum hast du dich in ihn verliebt – das ist die Frage!‹« fiel Lisa ein und lachte plötzlich schelmisch wie in früherer Zeit; und dies: »Das ist die Frage!« brachte sie genau in meinem Tonfall hervor. Und dabei hob sie den Zeigefinger vor die Augen, genau wie ich es bei diesen Worten zu tun pflegte. Wir küßten uns zum Abschied, aber als sie draußen war, zog sich mir schon wieder das Herz zusammen.

 

2

Ich zeichne dies hier nur für mich auf: es gab, nachdem Lisa gegangen war, Momente, wo die unerwartetsten Gedanken in ganzen Scharen durch meinen Kopf zogen, und ich war sogar sehr befriedigt von ihnen. »Na, wozu zerbreche ich mir den Kopf,« dachte ich, »was kümmert's mich? So etwas passiert beinahe jedem. Was ist denn Lisa groß passiert! Bin ich, ich, verpflichtet, die ›Ehre der Familie‹ zu retten?« – Ich erwähne alle diese Einzelheiten, um zu zeigen, wie wenig gefestigt ich noch war in meinen Begriffen von gut und böse. Mich rettete nur mein Gefühl: ich wüßte, daß Lisa unglücklich war, da Mama unglücklich war, und ich wußte das mit dem Gefühl, wenn ich an sie dachte, und deshalb fühlte ich auch, daß alles, was da geschehen war, nicht gut sein konnte.

Jetzt muß ich vorausschicken, daß sich die Ereignisse von diesem Tage an bis zur Katastrophe meiner Erkrankung in solcher Geschwindigkeit jagten, daß es mir selber, wenn ich daran zurückdenke, höchst erstaunlich vorkommt, daß ich ihnen habe standhalten können, daß mich mein Schicksal nicht erdrückt hat. Die Ereignisse nahmen mir die Kraft meines Verstandes und selbst meiner Gefühle, und wenn ich schließlich nicht standgehalten und ein Verbrechen begangen hätte – (und es hat an diesem Verbrechen nicht mehr viel gefehlt), so hätten mich die Geschworenen wahrscheinlich freigesprochen. Aber ich will mir Mühe geben, das alles streng geordnet aufzuzeichnen, wenn ich auch gleich sagen muß, daß es damals in meinen Gedanken wenig geordnet aussah. Die Ereignisse rasten daher wie ein Sturmwind, und die Gedanken wirbelten in meinem Kopfe wie dürre Blätter im Herbst. Da ich nur aus fremden Gedanken bestand – wo hätte ich eigne hernehmen sollen, als ich sie zu einem selbständigen Entschlüsse brauchte? Und ich hatte niemand, der mich angeleitet hätte.

Zum Fürsten beschloß ich am Abend zu gehen, um mich ganz frei mit ihm über alles auszusprechen, und bis zum Abend blieb ich zu Hause. Als es schon dämmerte, brachte mir die Stadtpost schon wieder ein Schreiben von Stebelkow, drei Zeilen nur, worin er mich dringend und »inständig« bat, ihn am nächsten Morgen zu besuchen, etwa um elf Uhr, in »höchst wichtigen Angelegenheiten«; ich würde selbst sehen, daß er mich »nicht wegen einer Kleinigkeit« bemüht hätte. Ich überlegte mir die Sache und beschloß je nach den Umständen zu handeln; denn bis morgen war ja noch viel Zeit.

Es war schon acht Uhr; ich wäre längst gegangen, aber ich wartete die ganze Zeit auf Wersilow: ich hatte das Bedürfnis, ihm allerlei zu sagen, und mein Herz brannte. Aber Wersilow war nicht gekommen und kam nicht. Bei Mama und Lisa konnte ich mich noch nicht wieder zeigen, und ich hatte auch das Gefühl, Wersilow würde wohl den ganzen Tag nicht zu Hause gewesen sein. Ich ging zu Fuß, und als ich schon unterwegs war, kam ich auf den Gedanken, in die Kellerkneipe hineinzusehen, wo wir gestern gewesen waren. Und richtig saß da Wersilow auf demselben Platze wie gestern.

»Ich hatte mir gedacht, daß du kommen würdest«, sagte er mit einem sonderbaren Lächeln und mit einem sonderbaren Blick auf mich. Es war ein böses Lächeln, und ich hatte es so schon lange nicht mehr an ihm gesehen.

Ich setzte mich an den kleinen Tisch und erzählte ihm zuerst die Geschichte vom Fürsten und Lisa mit allen Einzelheiten und ebenso den gestrigen Auftritt zwischen mir und dem Fürsten nach dem Roulettespiel; ich vergaß auch meinen Gewinn an der Roulette nicht. Er hörte mich aufmerksam bis zu Ende an und fragte mich über den Entschluß des Fürsten aus, Lisa zu heiraten.

»Pauvre enfant, es ist sehr leicht möglich, daß sie damit gar nichts gewinnt. Aber wahrscheinlich kommt das überhaupt nicht zustande . . . Übrigens, er wäre fähig . . .«

»Sagen Sie mir eins, offen, wie einem Freunde: Sie haben das doch gewußt, haben es geahnt?«

»Lieber Freund, was konnte ich dabei tun? Das alles ist eine Gefühlssache und die Gewissenssache eines fremden Menschen, wenn es sich dabei auch um dieses arme Mädel handelt. Ich sage dir noch einmal: ich habe mich zuzeiten gerade genug in fremde Gewissen eingedrängt – das ist das undankbarste Geschäft, das es gibt! Im Unglück hilfreich zu sein, das weise ich nicht ab, soweit es in meiner Kraft steht und so gut ich es verstehe. Aber du, lieber Freund, hast also wirklich die ganze Zeit auch nicht das geringste geahnt?«

»Aber wie konnten Sie denn,« rief ich, heftig auffahrend, »wie konnten Sie, wenn Sie auch nur ein Fünkchen Verdacht hatten, ich könnte etwas von Lisas Verhältnis mit dem Fürsten wissen, und wo Sie zugleich sahen, daß ich Geld vom Fürsten annahm, – wie konnten Sie da mit mir sprechen, mit mir zusammensitzen, mir die Hand geben, – mir, den Sie für einen Schurken halten mußten; denn ich möchte doch wetten, Sie glaubten sicherlich, ich wüßte alles und ließe mich vom Fürsten für meine Schwester bezahlen!«

»Das ist nun wieder eine Gewissenssache«, lächelte er. – »Und woher weißt du,« fügte er mit einer eigen rätselhaften Wärme eindringlich hinzu, »woher weißt du, ob ich nicht dieselbe Furcht empfunden habe wie du gestern in einem andern Falle, die Furcht, mein ›Ideal‹ zu verlieren und statt meines heißblütigen und ehrlichen Jungen einen Taugenichts vor mir zu sehen? Diese Befürchtung hatte ich, und darum schob ich den Augenblick hinaus. Warum kannst du hinter mir statt Trägheit und Verschlagenheit nicht irgend etwas Harmloseres suchen, möge es auch dumm sein, aber doch etwas Edleres. Que diable! Ich bin nur zu oft dumm und unedel. Was hätte ich denn schon an dir gehabt, wenn du nun einmal solche Anlagen gehabt hättest? Zureden und bessern wollen zeugt in solchen Fällen von niedriger Gesinnung; du hättest in meinen Augen jeden Wert verloren, und wenn du dich auch gebessert hättest . . .«

»Aber Lisa tut Ihnen doch leid, oder tut sie Ihnen nicht leid?«

»Sehr leid tut sie mir, lieber Freund. Woraus schließt du, daß ich so gefühllos wäre? . . . Im Gegenteil, ich bemühe mich aus allen Kräften . . . Na, und wie ist's mit dir, wie stehen deine Angelegenheiten?«

»Lassen wir meine Angelegenheiten aus dem Spiel, ich kenne jetzt keine eignen Angelegenheiten. Sagen Sie, warum bezweifeln Sie, daß er sie heiraten wird? Er war gestern bei Anna Andrejewna und hat ihr gesagt, daß er die Sache endgültig ablehne . . . na, eben von dieser dummen Idee . . . der Idee, auf die Fürst Nikolaj Iwanowitsch verfallen ist – daß sie sich heiraten sollten. Er hat das endgültig abgelehnt.«

»So? Wann war das denn? Und von wem hast du das eigentlich gehört?« erkundigte er sich neugierig. Ich erzählte ihm alles, was ich wußte.

»Hm,« stieß er nachdenklich hervor und schien sich im stillen etwas auszurechnen, »also muß das so ziemlich eine Stunde vor einer andern Erklärung gewesen sein. Hm . . . na ja, natürlich, eine derartige Erklärung zwischen ihnen mag ja stattgefunden haben . . . obgleich ich freilich weiß, daß bisher in dieser Sache weder von der einen noch von der andern Seite irgend etwas gesagt oder getan worden war . . . Ja, es genügen ja zwei Worte, um sich zu erklären. Nun pass' mal auf,« lächelte er auf einmal ganz sonderbar, »ich will dir jetzt eine sehr interessante, ja, sogar höchst merkwürdige Neuigkeit erzählen: wenn dein Fürst gestern Anna Andrejewna einen Antrag gemacht hätte (dem ich mich, da ich die Sache mit Lisa ahnte, aus allen Kräften widersetzt hätte, entre nous soit dit), so hätte ihm Anna Andrejewna sicherlich und auf jeden Fall sofort einen Korb gegeben. Mir scheint, du hast Anna Andrejewna sehr gern, du verehrst und schätzest sie? Das ist sehr nett von dir, und deshalb wirst du dich wohl für sie freuen: sie will sich nämlich verheiraten, lieber Freund, und soweit ich ihren Charakter beurteilen kann, wird sie ganz sicher heiraten, und ich – na, ich gebe ihr natürlich meinen Segen.«

»Sie heiratet? Wen denn?« rief ich ungeheuer erstaunt.

»Rate einmal! Also ich will dich nicht quälen: den Fürsten Nikolaj Iwanowitsch, deinen lieben alten Herrn.«

Ich sah ihn mit großen Augen an.

»Sie muß sich mit diesem Gedanken schon lange getragen haben, und natürlich hat sie die Sache mit der höchsten Kunst von allen Seiten bearbeitet«, fuhr er schleppend und jede Silbe einzeln aussprechend fort. »Ich nehme an, das muß genau eine Stunde nach dem Besuche des ›Fürsten Seriosha‹ gewesen sein. (Also so zur unrechten Zeit hat er sich vergaloppiert!) Sie ist einfach zu Fürst Nikolaj Iwanowitsch gegangen und hat ihm einen Antrag gemacht.«

»Was heißt: ›sie hat ihm einen Antrag gemacht‹? Sie meinen: er hat ihr einen Antrag gemacht?«

»Wie käme er dazu! Sie, sie selber, das ist's ja, und deshalb ist er jetzt ganz weg vor Seligkeit. Er soll jetzt dasitzen und sich immer nur wundern, daß er nicht selbst auf die Idee gekommen ist. Ich höre, er soll sogar krank geworden sein, auch vor Seligkeit wahrscheinlich.«

»Hören Sie, Sie sagen das so spöttisch . . . Ich kann es fast nicht glauben. Ja, und wie konnte sie ihm denn den Antrag machen? Was hat sie denn gesagt?«

»Sei überzeugt, lieber Freund, daß ich mich aufrichtig darüber freue,« erwiderte er und machte auf einmal ein erstaunlich ernstes Gesicht, »alt ist er ja natürlich, aber heiraten kann er doch, nach Gesetz und Sitte, und sie – das ist eben wieder die Sache eines fremden Gewissens, genau das, was ich dir schon öfter gesagt habe, lieber Freund. Übrigens ist sie durchaus kompetent, ihre eignen Ansichten zu haben und ihre eignen Entschlüsse zu fassen. Und was so eigentlich die Einzelheiten und die Worte betrifft, mit denen sie ihren Antrag gemacht hat, da kann ich dir keine Auskunft geben, lieber Freund. Aber sie wird das schon verstanden haben, und vielleicht besser, als wir zwei es uns ausmalen können. Das beste an der ganzen Geschichte ist, daß sie nichts von einem Skandal hat, alles das ist très comme il faut in den Augen der Welt. Es ist natürlich sehr durchsichtig, daß sie sich damit eine Position hat schaffen wollen, aber sie ist dessen auch wert. Das alles, lieber Freund, ist durchaus im Stil der besten Gesellschaft. Und ihren Antrag hat sie sicher in vornehmster, korrektester Weise gemacht. Sie ist ein Typus von Sittenstrenge, lieber Freund, eine jungfräuliche Nonne, wie du einmal gesagt hast; eine ›kluge Jungfrau‹, wie ich sie schon lange nenne. Sie ist doch beinah ein Art von Pflegetochter von ihm, das weißt du ja, und hat mehr als einmal seine Güte an sich erfahren. Sie hat mir schon lange versichert, daß sie ihn ›verehre und hochschätze, mit ihm fühle und sympathisiere‹, na, und was dergleichen mehr ist; ich war also teilweise sogar darauf vorbereitet. Mir hat das alles, in ihrem Namen und auf ihre Bitte hin, mein Sohn, ihr Bruder Andrej Andrejewitsch mitgeteilt, den du, soviel ich weiß, nicht kennst, und den ich genau alle halbe Jahre einmal sehe. Er billigt ihren Schritt respektvoll.«

»So ist es schon öffentlich? Herrgott, ich bin ganz starr!«

»Nein, das ist durchaus noch nicht öffentlich, bis auf weitres wenigstens . . . ich weiß da nicht Bescheid, ich halte mich ganz abseits. Aber wahr ist das alles.«

»Aber was wird jetzt Katerina Nikolajewna . . .? Was meinen Sie: wird Bjoring nicht ziemlich hart an diesem Brocken schlucken?«

»Ja, das weiß ich nun wieder nicht . . . Was sollte ihm dabei nicht passen? Aber, du kannst es mir glauben: Anna Andrejewna ist auch in der Beziehung ein hochgradig korrekter Mensch. Ja, was das für ein Mensch ist, diese Anna Andrejewna! Direkt vorher hat sie sich doch gestern früh bei mir erkundigt, ob ich die verwitwete Frau Achmakowa liebte oder nicht? Du weißt wohl noch, daß ich dir das gestern einigermaßen verwundert mitteilte. Sie konnte ja doch nicht den Vater heiraten, wenn ich die Tochter geheiratet hätte? Verstehst du das jetzt?«

»Ach, wirklich!« rief ich. »Aber konnte sich denn Anna Andrejewna wirklich im Ernst einbilden, daß Sie . . . den Wunsch hegen könnten, Katerina Nikolajewna zu heiraten?«

»Augenscheinlich doch, lieber Freund; übrigens aber . . . übrigens wird es für dich wohl Zeit, dahin zu gehen, wo du hinwillst. Weißt du, ich habe solche Kopfschmerzen. Ich werde mir mal die ›Lucia‹ vororgeln lassen. Ich liebe die Feierlichkeit des Stumpfsinns; übrigens aber habe ich dir das schon erzählt . . . Ich wiederhole mich in ganz lächerlicher Weise . . . Übrigens gehe ich vielleicht auch woanders hin. Ich hab' dich sehr lieb, lieber Freund, aber jetzt leb' wohl; wenn ich Kopfweh habe oder Zahnschmerzen, dann lechze ich immer nach Einsamkeit.«

In seinem Gesicht erschien ein gequälter Zug; ich glaube es heute gern, daß ihm damals der Kopf weh tat, gerade der Kopf . . .

»Auf morgen«, sagte ich.

»Was heißt das: auf morgen, und was wird morgen sein?« sagte er mit einem schiefen Lächeln.

»Ich komme zu Ihnen, oder Sie zu mir.«

»Ich komme nicht zu dir, aber du wirst zu mir gestürzt kommen . . .«

In seinem Gesicht lag dabei ein ganz auffallend böser Zug, aber was kümmerte ich mich viel um ihn: so eine Neuigkeit!

 

3

Der Fürst war in der Tat nicht wohl und saß allein zu Hause, den Kopf mit einem nassen Handtuch umwunden. Er hatte mich sehr ungeduldig erwartet; aber es war nicht nur sein Kopf, der schmerzte, vielmehr litt der ganze Mensch moralische Schmerzen. Ich möchte hier gleich wieder etwas vorwegnehmen: diese ganze Zeit, und so fort bis zur Katastrophe, schickte es sich für mich so, daß ich ununterbrochen mit Leuten zusammengeriet, die so aufgeregt waren, daß sie alle fast für geistesgestört gelten konnten, und daß ich selber ganz unwillkürlich von ihnen gewissermaßen angesteckt werden mußte. Ich bekenne, daß ich mit bösen Gefühlen zu ihm kam, und ich schämte mich dabei sehr, weil ich gestern vor ihm in Tränen ausgebrochen war. Aber trotzdem wußten Lisa und er mich so geschickt herumzukriegen, daß ich einfach nicht sah, was für ein Dummkopf ich war. Kurz und gut, als ich zu ihm ins Zimmer trat, tönten in meinem Inneren ganz falsche Saiten. Aber alles dieses Künstliche und Falsche fiel sehr bald von mir ab. In einer Beziehung muß ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: sobald sein Argwohn gefallen und in Trümmer gegangen war, gab er sich auch ganz; dann äußerten sich bei ihm Züge einer beinah kindlichen Zutunlichkeit, Zutraulichkeit und Liebe. Er küßte mich unter Tränen und begann sofort von unserer Angelegenheit zu sprechen . . . Ja, er hatte mich wirklich sehr nötig gehabt: in seinen Reden und in seinem Gedankengange herrschte eine außerordentliche Verwirrung.

Er äußerte den bestimmten Entschluß, Lisa zu heiraten, und zwar sobald wie möglich. »Daß sie nicht adlig ist, hat mich nicht eine Sekunde beirrt, das dürfen Sie mir ruhig glauben,« sagte er zu mir, »mein Großvater war mit einem Hofmädchen verheiratet, das Sängerin an dem Privattheater eines benachbarten Gutsbesitzers gewesen war, das der aus seinen Leibeigenen gebildet hatte. Selbstverständlich hat meine Familie auf mich Hoffnungen ganz bestimmter Art gesetzt, aber denen muß sie jetzt entsagen, und es wird deswegen auch nicht den geringsten Kampf geben. Ich will mit allem brechen, ein für allemal brechen mit allem, was mich heute fesselt! Alles muß anders werden, alles muß neu werden! Ich verstehe selber nicht, warum Ihre Schwester sich in mich verliebt hat; aber natürlich, ich würde ohne sie heute vielleicht nicht mehr auf dieser Erde herumlaufen. Ich schwöre es Ihnen aus tiefstem Herzen: ich sehe heute in meiner Begegnung mit ihr in Luga die Hand der Vorsehung. Ich denke mir, sie gewann mich wegen der ›grenzenlosen Tiefe meines Falles‹ lieb . . . können Sie das übrigens verstehen, Arkadij Makarowitsch?«

»Vollkommen!« sagte ich in höchst überzeugtem Ton. Ich saß im Lehnstuhl am Tische, und er ging im Zimmer auf und ab.

»Ich muß Ihnen die Geschichte davon, wie wir uns kennenlernten, ganz erzählen, ohne irgend etwas zu verhehlen. Den Anlaß gab das Geheimnis, das ich in mir trage; sie ist die einzige, die davon etwas weiß, weil ich es sonst niemand habe anvertrauen können. Und bis zum heutigen Tage weiß weiter kein Mensch davon. Nach Luga kam ich damals mit Verzweiflung im Herzen; ich wohnte bei Frau Stolbejewa, warum, weiß ich nicht, ich suchte wohl die tiefste Einsamkeit. Ich hatte damals gerade den Dienst im –schen Regiment quittiert. In dieses Regiment war ich nach meiner Rückkehr aus dem Auslande eingetreten, nach meinem damaligen Renkontre mit Andrej Petrowitsch. Ich hatte damals Geld, führte im Regiment ein Leben auf großem Fuße, hatte eine offene Hand; aber meine Regimentskameraden mochten mich nicht, obgleich ich mir Mühe gab, keinem zu nahe zu treten. Ich muß Ihnen überhaupt gestehen, daß mich mein Leben lang kein Mensch gemocht hat. Nun hatten wir im Regiment einen Kornett, einen gewissen Stepanow; er war, offen gesagt, ein seltener Hohlkopf, ein ganz unbedeutender und sogar geradezu stupider Mensch, der sich wirklich durch nichts auszeichnete. Seine Anständigkeit war übrigens über jeden Zweifel erhaben. Er hatte sich an mich angeschlossen, ich genierte mich weiter nicht vor ihm, er saß ganze Tage bei mir in den Ecken herum, ohne ein Wort zu sagen., aber in durchaus würdiger Haltung; er war bescheiden und störte mich nie. Einmal erzählte ich ihm eine Anekdote, die gerade umlief, die ich aber mit allerlei dummem Zeug ausschmückte: daß ich nämlich der Tochter des Obersten nicht gleichgültig sei, und daß der Oberst, der auf mich als Schwiegersohn rechne, natürlich alles tue, was ich wolle . . . Kurz und gut, ich will von den Einzelheiten nicht sprechen, aber aus dieser Sache entstand nachher eine sehr verwickelte und höchst ekelhafte Klatscherei. Sie ging nicht von Stepanow aus, sondern von meinem Burschen, der gehorcht und alles gut behalten hatte, weil darin eine komische Szene vorkam, die die junge Dame kompromittierte. Und eben dieser Bursche wies bei dem Verhör vor den Offizieren, als die Klatscherei an den Tag gekommen war, auf Stepanow hin: das heißt darauf, daß ich es Stepanow erzählt hätte. Stepanow kam in eine Lage, daß er unmöglich ableugnen konnte, was er gehört hatte: es war eine Ehrensache. Da ich aber zwei Drittel von der Geschichte frei erfunden hatte, waren die Kameraden sehr aufgebracht, und der Regimentskommandeur befahl uns zu sich und stellte eine Untersuchung an. Und da eben wurde in aller Gegenwart an Stepanow die Frage gerichtet, ob er das gehört habe oder nicht. Und er sagte die ganze Wahrheit aus. Nun, und was tat ich darauf, ich, der Fürst aus tausendjährigem Hause? Ich leugnete und sagte Stepanow gerade ins Gesicht, er habe gelogen, ich sagte freilich auf ganz höfliche Weise aus, das heißt, in dem Sinne, als hätte er mich ›nicht richtig verstanden‹ . . . Ich übergehe wiederum die Einzelheiten, aber der Vorteil meiner Lage lag darin, daß Stepanow mich oft besucht hatte und ich daher, nicht ohne einige Wahrscheinlichkeit für mich zu haben, die Sache so darstellen konnte, als ob er aus gewissen selbstsüchtigen Beweggründen mit meinem Burschen gemeinsame Sache gemacht hätte. Stepanow sah mich daraufhin nur schweigend an und zuckte die Achseln. Ich sehe seinen Blick noch und werde ihn nie vergessen. Und dann wollte er ungesäumt um seinen Abschied einkommen; aber was denken Sie, was geschah? Sämtliche Offiziere wie ein Mann machten ihm einen gemeinsamen Besuch und überredeten ihn, zu bleiben. Vierzehn Tage darauf trat ich aus dem Regiment aus: kein Mensch hatte mich hinausgedrängt, niemand hatte mir nahegelegt, meinen Abschied zu nehmen; ich hatte Familienverhältnisse vorgeschützt. Damit war die Sache beendet. Anfangs machte ich mir nichts daraus und war sogar böse auf die andern; ich lebte in Luga, machte Lisaweta Makarownas Bekanntschaft, aber nachher, erst als ein Monat darüber verflossen war, begann ich mit meinem Revolver zu liebäugeln und dachte oft an den Tod. Ich sehe ja alles immer sehr düster an, Arkadij Makarowitsch. Ich setzte einen Brief auf an meinen Regimentskommandeur und die Kameraden, in dem ich meine Lüge offen bekannte und Stepanows Ehre rehabilitierte. Und als der Brief fertig war, stellte ich mir die Frage: ›Soll ich ihn abschicken und leben bleiben, oder soll ich ihn abschicken und sterben?‹ Ich für mich hätte diese Frage nie gelöst. Der Zufall, der blinde Zufall näherte mich, nach einem hastigen und seltsamen Gespräche mit ihr, auf einmal Lisaweta Makarowna. Sie hatte auch vorher schon Frau Stolbejewa besucht; wir hatten uns getroffen, uns begrüßt und nur selten ein Wort gewechselt. Und auf einmal gestand ich ihr alles. Und da war es eben, daß sie mir ihre Hand reichte.«

»Wie hat sie die Frage gelöst?«

»Ich habe den Brief nicht abgeschickt. Sie sagte mir, ich solle ihn nicht abschicken. Sie begründete das so: wenn ich den Brief abschickte, so täte ich damit natürlich eine edle Tat, eine Tat, edel genug, um allen Schmutz von mir abzuwaschen, und noch edler. Aber ob ich selber dabei nicht zugrunde ginge? Ihre Meinung war, daß jeder daran zugrundegehen müsse, weil damit die Zukunft vernichtet und die Wiedergeburt zu einem neuen Leben unmöglich gemacht sei. Und außerdem hätte Stepanow ja wohl unter der Sache zu leiden gehabt, gewiß; aber er wäre ja sowieso vom Offizierkorps rehabilitiert worden. Kurz und gut, ihre Argumente waren paradox; aber sie hielt mich aufrecht, und ich gab mich ganz in ihre Hand.«

»Ihre Entscheidung war jesuitisch, aber echt weiblich!« rief ich. »Sie hat Sie schon damals geliebt!«

»Das war es ja, was mir als die Wiedergeburt zu einem neuen Leben erschien. Ich gab mir das Wort, ein andrer Mensch zu werden, mein Leben von Grund auf neu zu bauen, es mir zu verdienen in meinen eignen und in ihren Augen, und – womit hat das geendet? Das Ende ist, daß ich hier mit Ihnen die Roulettezirkel besuche, daß wir Pharao spielen; diese Erbschaft hat meine guten Vorsätze über den Haufen geworfen, ich habe wieder auf eine Karriere gehofft, habe mich über alle diese Menschen gefreut, über meine Traber . . . ich habe Lisa gequält – oh, über die Schande!«

Er rieb sich mit der Hand die Stirn und ging im Zimmer auf und ab.

»Wir beide leiden unter dem üblichen russischen Schicksal, Arkadij Makarowitsch: Sie wissen nicht, was Sie tun sollen, und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ein Russe braucht nur eben ein bißchen aus dem offiziellen, ihm durch die Sitte zum Gesetz gewordenen Geleise zu geraten, – dann weiß er gleich nicht mehr, was er tun soll. Im Geleise ist alles so klar: Einnahmen, Rang, gesellschaftliche Stellung, Equipage, Visiten, Beruf, Frau – aber es braucht nur eine Kleinigkeit zu kommen, – und was bin ich? Ein Blatt, das der Wind verweht. Ich weiß nicht, was ich tun soll! Diese zwei Monate hindurch habe ich mich aus aller Kraft bemüht, mich im Geleise zu halten, ich gewann das Geleise wieder lieb, es zog mich ins Geleise. Sie kennen noch nicht die ganze Tiefe meines erneuten Falls: ich liebte Lisa, ich liebte sie ehrlich, und dabei dachte ich doch an Frau Achmakowa!«

»Ist das wirklich wahr?« rief ich schmerzlich bewegt. »Übrigens, Fürst, da wir gerade dabei sind: was war das, was Sie mir gestern über Wersilow gesagt haben, daß er Sie zu irgendeiner Gemeinheit gegen Katerina Nikolajewna aufgehetzt hätte?«

»Ich übertreibe da vielleicht auch und tue ihm mit meinem Argwohn vielleicht ebenso unrecht, wie ich Ihnen unrecht getan habe. Lassen wir das! Und glauben Sie wirklich, ich hätte in dieser ganzen Zeit, von den Tagen in Luga an, vielleicht nicht ein hohes Lebensideal vor Augen gehabt? Ich schwöre Ihnen, es hat mich nicht verlassen und hat mir immer vorgeschwebt, ohne in meinem Herzen etwas von seinem Glanze zu verlieren. Ich bin des Gelübdes eingedenk geblieben, das ich vor Lisaweta Makarowna abgelegt habe, des Gelübdes, ein andrer Mensch zu werden. Sie können mir wirklich glauben: Andrej Petrowitsch sagte mir nichts Neues, als er gestern hier über den Adel sprach. Mein Ideal steht mir fest vor den Augen: ein paar Dutzend Desiatinen Land (soviel und nicht mehr, denn mir bleibt schon fast nichts mehr von der Erbschaft); dazu ein vollständiger, ganz vollständiger Bruch mit der Gesellschaft und mit jeder Karriere; ein schlichtes Landhaus, Weib und Kind, und ich selbst ein Pflüger oder etwas in der Art. Oh, in unsrer Familie ist das nichts Neues: der Bruder meines Vaters hat mit eigner Hand den Pflug geführt, mein Großvater auch. Wir sind Fürsten seit tausend Jahren und ebenso alter Adel wie die Rohan, aber wir sind Bettler. Und das würde ich auch meine Kinder lehren: ›Vergiß es dein Leben lang nicht, daß du ein Edelmann bist, daß in deinen Adern das geheiligte Blut russischer Fürsten fließt, aber schäme dich dessen nicht, daß dein Vater mit eigner Hand den Boden gepflügt hat: er hat das als Fürst getan.‹ Ich würde ihnen kein Vermögen hinterlassen, außer diesem Stückchen Land, aber dafür würde ich ihnen die höchste Bildung zuteil werden lassen, das würde ich einfach für meine Pflicht halten. Oh, Lisa würde mir helfen, und die Kinder, und die Arbeit; oh, wie hab' ich mit ihr von dem allen geträumt, hier geträumt, eben hier in diesen Zimmern: und doch! Ich dachte zu derselben Zeit an Frau Achmakowa, ohne diese Frau überhaupt zu lieben, und an die Möglichkeit einer gesellschaftlich glänzenden, reichen Heirat! Und erst als mir gestern Nastschokin die Geschichte mit diesem Bjoring erzählt hatte, entschloß ich mich, zu Anna Andrejewna zu gehen.«

»Aber Sie haben Sie doch aufgesucht, um ihr abzusagen? Das ist doch eine ehrenhafte Tat, sollte ich glauben?«

»Glauben Sie?« er blieb vor mir stehen. »Nein, Sie kennen meine Natur noch nicht! Oder . . . oder ich selber kenne da manches nicht: denn es muß mehr als eine Natur in mir leben. Ich habe Sie aufrichtig lieb, Arkadij Makarowitsch, und außerdem habe ich Ihnen diese zwei Monate hindurch schweres Unrecht getan, und deshalb will ich, daß Sie, als Lisas Bruder, das alles erfahren: ich bin mit der Absicht zu Anna Andrejewna gegangen, ihr einen Antrag zu machen, und nicht, um ihr abzusagen.«

»Ist das möglich? Aber Lisa sagte mir doch . . .«

»Ich habe Lisa belogen.«

»Gestatten Sie, bitte: Sie haben ihr einen formellen Antrag gemacht, und Anna Andrejewna hat nein gesagt? War es so? War es so? War es so? Die Einzelheiten sind für mich von höchster Wichtigkeit, Fürst.«

»Nein, ich habe ihr überhaupt keinen Antrag gemacht, aber nur deswegen nicht, weil ich gar nicht dazu kam; sie selber sagte es mir ungefragt, – natürlich sagte sie es mir nicht so gerade heraus, aber sie gab es mir ziemlich durchsichtig und deutlich auf ›delikate‹ Art zu verstehen, daß diese Idee von vornherein unmöglich sei.«

»Das ist also so gut, als ob Sie ihr gar keinen Antrag gemacht hätten, und Ihr Stolz ist nicht gekränkt worden!«

»Können Sie die Sache wirklich so ansehen? Und der Richter in meinem eignen Gewissen, und Lisa, die ich betrogen habe und . . . doch einfach verlassen wollte, das ist doch klar! Und das Gelübde, das ich mir selber und der ganzen Reihe meiner Ahnen geleistet habe, ein neuer Mensch zu werden und alle meine früheren Schlechtigkeiten wieder gutzumachen! Ich bitte Sie inständig, sagen Sie ihr nichts davon. Das ist vielleicht das einzige, was sie mir nicht verzeihen könnte! Ich bin seit gestern ganz krank. Und das Schlimmste ist, daß jetzt wohl alles aus sein wird, und daß der letzte Fürst Sokolskij wird ins Zuchthaus wandern müssen. Arme Lisa! Ich habe Sie den ganzen Tag mit Sehnsucht erwartet, Arkadij Makarowitsch, um Ihnen, als dem Bruder Lisas, das zu sagen, was sie selbst noch nicht weiß. Ich bin ein Kriminalverbrecher und an der Fälschung von Aktien der –er Eisenbahn beteiligt.«

»Was ist das wieder! Was, ins Zuchthaus?« Ich sprang auf und sah ihn entsetzt an. Auf seinem Gesicht lag tiefer, düstrer, hoffnungsloser Gram.

»Setzen Sie sich«, sagte er und setzte sich selber auf den Stuhl mir gegenüber. »Zuerst muß ich Ihnen die Tatsachen mitteilen: es ist jetzt gut ein Jahr her, es war in demselben Sommer, als in Ems die Sache mit Lydia und Katerina Nikolajewna passierte und als ich nachher nach Paris ging; und es passierte eben damals, als ich für zwei Monate in Paris war. In Paris war mir natürlich das Geld ausgegangen. Da erschien im rechten Augenblick Stebelkow, den ich übrigens von früher kannte. Er gab mir Geld und versprach, mir noch mehr zu geben, aber er bat mich für sein Teil auch, ich solle ihm helfen: er brauchte einen Künstler, der Zeichner, Graveur, Lithograph und Chemiker und Techniker wäre, und zwar – zu ganz besondern Zwecken. Über diese Zwecke äußerte er sich gleich von Anfang an ziemlich deutlich. Warum auch nicht! Er kannte meinen Charakter; – mich belustigte das alles nur. Die Sache war, daß ich noch von der Schulbank her einen Herrn kannte, der jetzt als russischer Emigrant irgendwo in Hamburg lebt; übrigens war er von Abstammung kein Russe. In Rußland war er schon einmal in einen Prozeß wegen gefälschter Wertpapiere verwickelt gewesen. Und eben auf diesen Menschen rechnete Stebelkow, aber er brauchte eine Empfehlung an ihn und wendete sich deswegen an mich. Ich gab ihm zwei Zeilen mit und dachte dann nicht mehr daran. Dann traf ich ihn noch einmal und noch einmal, und er gab mir damals im ganzen so ziemlich dreitausend Rubel. Ich vergaß diese ganze Geschichte buchstäblich. Und hier habe ich die ganze Zeit von ihm Geld auf Wechsel und Pfänder genommen, und er ist vor mir gekrochen wie ein Sklave; und gestern auf einmal erfahre ich zum erstenmal von ihm, daß ich ein Kriminalverbrecher bin.«

»Wann? Gestern?«

»Ja, gestern, als wir in der Frühe den lauten Wortwechsel in meinem Zimmer hatten, gerade bevor Nastschokin kam. Er erdreistete sich zum erstenmal und sofort ganz unverblümt, mir von Anna Andrejewna zu sprechen. Ich holte aus, um ihm ins Gesicht zu schlagen, aber er sprang plötzlich auf und erklärte mir, ich wäre solidarisch mit ihm, ich solle nicht vergessen, daß ich sein Helfershelfer sei und genau so ein Spitzbube wie er, – kurz und gut, wenn das auch nicht seine Worte waren, das war der Sinn.«

»So ein Unsinn, das sind aber doch Hirngespinste?«

»Nein, das sind keine Hirngespinste. Er war heute bei mir und hat mir die Sache eingehender erklärt. Diese Aktien sind längst im Umlauf und werden noch weiter in Umlauf gesetzt, aber hier und da scheint man der Sache schon auf die Spur gekommen zu sein. Ich habe ja natürlich direkt nichts mit der Sache zu tun, aber Stebelkow sagte zu mir: ›Ja, aber trotz alledem waren Sie doch so freundlich, mir damals den Brief zu geben.‹«

»Aber Sie wußten doch nicht, zu welchem Zweck, oder wußten Sie das?«

»Ich wußte es«, sagte der Fürst leise und schlug die Augen nieder. »Das heißt, sehn Sie: ich wußte es und wußte es auch wieder nicht. Ich amüsierte mich drüber, mir kam die Sache spaßhaft vor. Ich dachte mir damals nichts Schlimmes, um so mehr, als ich gar keine falschen Aktien nötig hatte, und weil ich ja auch keine fälschen wollte. Aber, sehn Sie, die dreitausend Rubel, die er mir damals gab, hat er mir nachher nicht einmal in Rechnung gestellt, und ich habe das geduldet. Und übrigens – woher wollen Sie das wissen? – Vielleicht bin ich auch ein Falschmünzer. Ich mußte es ja doch wissen, ich bin doch kein kleines Kind mehr; ich wußte es, aber mir kam es spaßhaft vor, und so arbeitete ich diesen Schuften und Zuchthäuslern in die Hände . . . und ließ mich dafür bezahlen! Also bin ich wohl doch ein Falschmünzer!«

»Oh, Sie übertreiben; Sie sind nicht von jeder Schuld freizusprechen, aber trotzdem übertreiben Sie!«

»Da ist vor allen Dingen ein gewisser Shibelskij, ein junger Mensch, der beim Gericht angestellt ist, so eine Art kleiner Winkeladvokat. Er ist auch irgendwie an dieser Geschichte mit den Aktien beteiligt und hat mich später im Auftrage jenes Herrn in Hamburg aufgesucht, in ganz nebensächlichen Angelegenheiten selbstverständlich, ich weiß wirklich selber nicht mehr, weswegen, der Aktien geschah überhaupt nicht Erwähnung . . . Aber die Sache ist die: er besitzt zwei Dokumente von meiner Hand, bloß kurze Briefe von zwei Zeilen, aber sie sprechen natürlich auch gegen mich; das habe ich heute ganz genau gemerkt. Stebelkow erklärt nun, dieser Shibelskij wäre an allem schuld: er hat Unterschlagungen gemacht, Gott weiß was für Gelder unterschlagen, Staatsgelder, glaub' ich, aber er hat die Absicht, noch mehr zu unterschlagen und dann ins Ausland durchzubrennen; und nun braucht er wenigstens achttausend Rubel, um durchbrennen zu können. Mein Anteil an der Erbschaft reicht hin, um Stebelkow zu befriedigen, aber Stebelkow sagt, ich müsse auch Shibelskij befriedigen . . . Kurz und gut, ich soll ihm meinen Anteil an der Erbschaft abtreten und noch zehntausend Rubel draufzahlen, – das ist das letzte Wort dieser Herren. Dafür soll ich dann meine beiden Briefe wiederbekommen. Sie stecken unter einer Decke, das ist ganz klar.«

»Das ist doch ein offenbarer Blödsinn! Wenn die Sie denunzieren, so liefern sie sich ja selbst ans Messer! Die denken gar nicht dran, Sie zu denunzieren.«

»Das weiß ich schon. Sie drohen ja auch gar nicht damit, mich zu denunzieren: sie sagen bloß: ›Wir denunzieren Sie natürlich nicht, aber wenn die Sache aufkommt, dann . . .‹ Das sagen sie eben, weiter nichts, aber ich finde: das genügt schon! Das ist es ja nicht, worauf es ankommt: was dabei auch herauskäme, und wenn ich die Briefe auch in der Tasche hätte; aber bedenken Sie: solidarisch zu sein mit diesen Spitzbuben, mein Lebtag ihr Spießgeselle zu sein, mein ganzes Leben lang! Mein Vaterland zu belügen, meine Kinder zu belügen, Lisa zu belügen, mein eignes Gewissen zu belügen! . . .«

»Weiß Lisa es?«

»Nein, alles weiß sie nicht. Sie ertrüge es in ihrem Zustande nicht. Ich trage jetzt die Uniform meines Regimentes und wenn mir ein Soldat meines Regimentes begegnet, jeden Augenblick muß ich mir sagen, daß ich kein Recht habe, diese Uniform zu tragen.«

»Hören Sie mich an,« rief ich plötzlich, »es hat gar keinen Zweck, lange darüber zu reden; es bleibt Ihnen nur ein Weg, ein einziger Weg zur Rettung; gehn Sie zu Fürst Nikolaj Iwanowitsch, borgen Sie von ihm zehntausend Rubel, bitten Sie ihn darum, ohne ihm irgend etwas zu entdecken; dann bestellen Sie die beiden Halunken her, rechnen Sie endgültig mit ihnen ab, kaufen Sie Ihre beiden Briefe zurück . . . und die Sache ist erledigt! Die ganze Geschichte liegt dann hinter Ihnen, und Sie können zum Pfluge greifen! Schicken Sie die Phantasie zum Kuckuck und verlassen Sie sich aufs Leben!«

»Ich habe schon daran gedacht«, sagte er entschlossen. »Ich habe heute den ganzen Tag geschwankt, jetzt aber steht es fest. Ich habe nur auf Sie gewartet; ich gehe zu ihm. Wissen Sie, daß ich mein Lebtag noch keine Kopeke von Fürst Nikolaj Iwanowitsch bekommen habe? Er ist sehr gütig gegen meine Familie und . . . hat ihr das sogar durch die Tat bewiesen, aber ich selbst, ich persönlich, habe noch nie Geld von ihm bekommen. Aber jetzt bin ich dazu entschlossen . . . Sie müssen wissen, unsre Linie der Fürsten Sokolskij ist älter als die, der Fürst Nikolaj Iwanowitsch angehört: das ist die jüngere Linie, sogar bloß eine in ihrer Ebenbürtigkeit fast bestrittene Seitenlinie . . . Unsre Vorfahren lebten in Feindschaft miteinander. Als Peter der Große seine Reformen einführte, gehörte mein Ururgroßvater, der auch Peter hieß, der Sekte der Altgläubigen an und blieb ihr treu und mußte in die Wälder von Kostroma flüchten. Dieser Fürst Peter war in zweiter Ehe gleichfalls mit einer Bürgerlichen verheiratet . . . Und, sehn Sie, damals zweigten sich diese andern Sokolskijs von der Familie ab, ich aber . . . Wozu erzähle ich Ihnen das eigentlich?«

Er war sehr abgespannt und schien selbst nicht mehr recht zu wissen, was er sagte.

»Beruhigen Sie sich nur,« sagte ich, stand auf und nahm meinen Hut, »legen Sie sich zu Bett, das ist fürs erste die Hauptsache. Und Fürst Nikolaj Iwanowitsch schlägt es Ihnen bestimmt nicht ab, namentlich jetzt nicht, wo er solche Freude erfahren hat. Sie kennen die Geschichte doch, die dort passiert ist? Wirklich nicht? Ich habe die ganz absonderliche Neuigkeit gehört, daß er heiraten will; das ist ein Geheimnis, aber natürlich nicht für Sie.«

Und ich erzählte ihm die ganze Sache, während ich schon mit dem Hute in der Hand dastand. Er hatte nichts davon gewußt. Er erkundigte sich hastig nach Einzelheiten, besonders nach der Zeit, dem Orte und der Zuverlässigkeit dieser Nachricht. Ich verhehlte ihm natürlich nicht, daß die Sache, nach dem, was ich gehört hätte, gleich nach seiner gestrigen Visite bei Anna Andrejewna stattgefunden hätte. Ich kann nicht beschreiben, was für einen schmerzlichen Eindruck diese Nachricht auf ihn machte; sein Gesicht verzerrte sich und wurde gleichsam schief, ein schiefes Lächeln zog seine Lippen zitternd breit; gegen Ende meiner Erzählung wurde er furchtbar bleich und versank mit niedergeschlagnen Augen tief in Gedanken. Ich sah auf einmal nur zu deutlich, daß seine Eitelkeit durch Anna Andrejewnas Korb gestern einen schrecklichen Stoß erlitten hatte. Vielleicht sah er in seinem krankhaften Zustand in diesem Augenblick die lächerliche und demütigende Rolle gar zu deutlich vor seinen Augen, die er gestern vor diesem jungen Mädchen gespielt hatte, von dessen Einwilligung er, wie sich jetzt erwies, die ganze Zeit fest überzeugt gewesen war. Und schließlich wirkte wohl auch der Gedanke auf ihn, daß er solch eine Schlechtigkeit gegen Lisa begangen hatte, und das um nichts und wieder nichts! Es ist wirklich interessant, wofür solche Gesellschaftsmenschen einander halten und aus welchen Beweggründen sie einander achten oder nicht achten; dieser Fürst hatte doch wohl annehmen können, daß Anna Andrejewna von seinem Verhältnis mit Lisa, die doch in Wirklichkeit ihre Schwester war, unterrichtet sein müsse, oder daß sie es sicherlich einmal erfahren würde, wenn sie es noch nicht wüßte; aber »er hatte nicht an ihrem Jawort gezweifelt!«

»Und Sie konnten wirklich glauben,« sagte er plötzlich und heftete einen stolzen, hochfahrenden Blick auf mich, »daß ich, ich es jetzt fertigbrächte, nach einer solchen Mitteilung zu Fürst Nikolaj Iwanowitsch zu gehen und ihn um Geld zu bitten. Ihn, den Bräutigam des Mädchens, das mir eben einen Korb gegeben hat, – so eine Bettelhaftigkeit, so eine Bedientenhaftigkeit! Nein, jetzt ist alles zu Ende, und wenn die Hilfe dieses alten Herrn meine letzte Hoffnung war, so mag denn auch diese Hoffnung zu Ende sein.«

Innerlich und für mich stimmte ich ihm bei; aber in Wirklichkeit konnte man das doch etwas weniger streng ansehen: war denn der alte Fürst überhaupt ein Mann, ein Bräutigam? Allerhand Gedanken brodelten in meinem Kopfe. Ich hatte übrigens sowieso schon vorher die Absicht gehabt, den alten Herrn am nächsten Tage ganz bestimmt aufzusuchen. Jetzt bemühte ich mich vor allem, den Eindruck meiner Erzählung abzuschwächen und den armen Fürsten zu überreden, zu Bett zu gehen! »Schlafen Sie sich erst aus, und Ihre Gedanken werden lichter werden, Sie werden sehen!« Er drückte mir herzlich die Hand, küßte mich aber nicht, wie er vorhin getan hatte. Ich gab ihm mein Wort, ihn am nächsten Abend zu besuchen; und »dann wollen wir uns aussprechen, ja, uns aussprechen: es ist jetzt so viel, worüber wir uns aussprechen müssen.« Als Antwort darauf hatte er ein ganz eigen fatalistisches Lächeln.

 

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