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Ein Werdender - Zweiter Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Zweiter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Zweiter Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Teil

Fortsetzung

Sechstes Kapitel

1

»Ich fahre selbstverständlich hin!« entschied ich, während ich eilig heimging. »Sofort fahre ich hin. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich sie allein treffe: ob sie allein ist, oder ob jemand bei ihr ist, – das ist ganz einerlei: ich lasse sie herausrufen. Sie wird mich empfangen; sie wird sich wundern, aber sie wird mich empfangen. Und wenn sie mich nicht empfangen will, so bestehe ich darauf, daß sie mich empfängt, ich lasse ihr sagen, es wäre etwas sehr Dringendes. Sie wird glauben, es handle sich um irgendeine Nachricht wegen des Dokumentes, und wird mich empfangen. Und ich werde die ganze Wahrheit über Tatjana erfahren. Und dann . . . und was dann? Wenn ich im Unrecht bin, werde ich sie um Verzeihung bitten, und wenn ich im Recht bin und sie schuldig ist, dann ist ja sowieso alles aus! Wie es auch sei – es ist immer alles aus! Was riskiere ich also? Nichts riskiere ich. Ich fahre hin! Ich fahre hin!«

Aber . . . Ich werde es nie vergessen und mich immer voll Stolz dessen erinnern, daß ich nicht hingefahren bin! Niemand wird es erfahren, ich werde es in mein Grab mitnehmen; aber ist es nicht genug, daß ich es weiß, und daß ich in solch einem Augenblick einer so edlen Gesinnung fähig war! »Das ist eine Versuchung, aber ich werde sie bestehen«, entschloß ich mich endlich, nachdem ich mich auf mich selbst besonnen hatte. »Er hat mich durch eine Tatsache in Versuchung führen wollen, aber ich habe ihm nicht geglaubt und den Glauben an ihre Reinheit nicht aufgegeben! Und wozu sollte ich hinfahren, wonach sollte ich mich erkundigen? Warum mußte sie denn so unbedingt an mich glauben, wie ich an sie, warum muß sie an meine ›Reinheit‹ glauben? Warum sollte sie sich nicht vor meiner ›leichten Erregbarkeit‹ fürchten und sich deshalb Tatjana als Wächter hinsetzen? Soviel Vertrauen habe ich mir in ihren Augen noch nicht verdient. Schön, mag sie es nicht wissen, daß ich Vertrauen verdiene, daß ich alle ›Versuchungen‹ besiege, daß ich den übeln Nachreden über sie keinen Glauben schenke: dafür weiß ich es selbst und achte mich deswegen. Ich achte meine eignen Gefühle. O ja, sie hat es zugelassen, daß ich das alles vor Tatjana Pawlowna aussprach, sie hat Tatjana dabei sein lassen, sie wußte, daß Tatjana dasaß und horchte (denn die konnte ja gar nicht anders als horchen), sie wußte, daß die andere über mich lachte, – das ist fürchterlich, fürchterlich ist das! Aber . . . aber wenn sie das einfach nicht vermeiden konnte? Was hätte sie in der Lage damals tun sollen, und wie darf ich sie deswegen anklagen? Ich selbst habe sie heute früh ja auch angelogen, wegen der Sache mit Kraft, ich habe sie ja doch auch betrogen, weil ich es eben auch unmöglich vermeiden konnte, und ich habe sie in aller Unschuld, gegen meinen eignen Willen, angelogen. Ach Gott,« rief ich auf einmal mit einem schmerzlichen Erröten, »was habe ich selber, ich selber, soeben getan; habe ich nicht derselben Tatjana Andeutungen über sie gemacht, habe ich nicht eben Wersilow die ganze Geschichte erzählt? Aber was sage ich? Das ist ein großer Unterschied. Hier handelte es sich nur um das Dokument; ich habe Wersilow eigentlich doch nur von dem Dokument erzählt, weil ich ihm überhaupt weiter nichts zu erzählen hatte und zu erzählen haben konnte. Hab' ich es ihm nicht gleich zu allem Anfang gesagt und ihm ausdrücklich versichert, daß da ›von gar nichts die Rede‹ sein könne? Er ist doch ein Mensch, der so etwas versteht. Hm . . . Aber dennoch, was für einen Haß gegen diese Frau er selbst heute noch in sich trägt! Und was für ein Drama sich damals zwischen ihnen abgespielt haben mag, und aus welchen Motiven? Natürlich aus Eigenliebe! Wersilow kann ja auch gar keines anderen Gefühls fähig sein, als grenzenloser Eigenliebe!«

Jawohl, dieser letzte Gedanke brach damals in mir hervor, und ich bemerkte ihn nicht einmal. Solche Gedanken gingen damals, einer immer als logische Folge des andern, durch meinen Kopf; und dabei war ich mir selber gegenüber ganz ehrlich; ich machte keine Winkelzüge, ich betrog mich selber nicht; und wenn ich in jener Minute auf so mancherlei nicht kam, so war das nur eine Folge mangelnder Klugheit, und nicht etwa Jesuitismus mir selbst gegenüber.

Ich kam in sehr aufgeräumter Stimmung nach Hause, obgleich mir ziemlich wirr im Kopfe war. Aber ich scheute mich, meinen Zustand zu analysieren, und gab mir die größte Mühe, mich abzulenken. Ich ging sofort zu meiner Wirtin hinein: wirklich war zwischen ihr und ihrem Manne ein schrecklicher Krakeel im Gange. Sie war eine hochgradig schwindsüchtige kleine Beamtenfrau und vielleicht ganz gutherzig, aber, wie alle Schwindsüchtigen, entsetzlich launenhaft. Ich begann sogleich zum Frieden zu reden, und ging auch zu dem Zimmerherrn hinein, einem rüpelhaften, pockennarbigen Schafskopf, einem kolossal selbstgefälligen Bankbeamten, namens Tscherwiakow, den ich selber nicht ausstehen konnte, mit dem ich mich aber trotzdem ganz gut stand, weil ich klein genug war, mich oft mit ihm zusammen über Piotr Ippolitowitsch lustig zu machen. Ich überredete ihn, doch nicht auszuziehen, und in Wirklichkeit hätte er sich wohl sowieso nicht entschlossen, umzuziehen. Das Ende vom Liede war, daß ich die Wirtin vollkommen beruhigte; außerdem gelang es mir, ihr das Kopfkissen wunderbar bequem zu richten. »Piotr Ippolitowitsch kann es mir nie so recht machen«, sagte sie hämisch. Dann gab ich mich in der Küche noch mit ihren Senfpflastern ab und strich ihr eigenhändig zwei wundervolle Pflaster. Der arme Piotr Ippolitowitsch schaute mich nur so mit neidischen Augen an, aber ich erlaubte ihm nicht einmal sie mit einem Finger zu berühren, und erntete als Lohn Dankestränen von ihr. Und auf einmal, weiß ich noch, wurde mir das alles so zuwider, und ich empfand plötzlich, daß es durchaus nicht Gutherzigkeit war, was mich die Kranke so gut pflegen hieß, sondern etwas andres, ganz etwas andres.

Ich wartete mit nervöser Ungeduld auf Matwej; ich hatte beschlossen, an diesem Abend zum letzten Male mein Glück zu versuchen und . . . Und, von dieser Absicht ganz abgesehen, ich fühlte ein zwingendes Bedürfnis, zu spielen; ich hätte es sonst nicht ausgehalten. Wenn ich nicht sonst irgendwohin gefahren wäre, ich hätte mich vielleicht nicht überwunden und wäre doch zu ihr gefahren. Matwej mußte bald kommen; aber auf einmal öffnete sich die Tür, und herein trat ein unerwarteter Besuch: Darja Onisimowna. Ich runzelte die Stirn und wunderte mich. Sie kannte meine Adresse, weil sie früher einmal in Mamas Auftrage zu mir gekommen war. Ich nötigte sie auf einen Stuhl und sah sie fragend an. Sie sagte kein Wort, sondern sah mir nur in die Augen und lächelte unterwürfig.

»Lisa schickt Sie wohl?« Diese Frage fiel mir endlich ein.

»Nein, ich komme nur so.«

Ich teilte ihr mit, daß ich gleich fort müsse; sie antwortete mir noch einmal, sie wäre »nur so« gekommen und ginge gleich wieder. Und, ich weiß nicht warum, auf einmal tat sie mir leid. Ich muß hier erwähnen, daß sie von seiten der Meinen, von Mama und besonders von Tatjana Pawlowna, viel Anteilnahme erfahren hatte; aber nachdem die Meinen sie bei Frau Stolbejewa untergebracht hatten, hatten sie sie beinahe vergessen, ausgenommen etwa Lisa, die oft nach ihr sah. Die Ursache dafür hatte, glaube ich, in ihr selber gelegen, denn sie besaß ein auffallendes Talent, sich abzusondern und zu verkriechen, trotz aller ihrer Unterwürfigkeit und ihres schüchternen Lächelns. Mir persönlich war dieses Lächeln und der sichtlich künstliche Ausdruck ihres Gesichts sehr unsympathisch, und ich hatte auch schon gefunden, sie habe Olla nicht gerade lange nachgetrauert. Heute aber tat sie mir, ich weiß nicht warum, leid.

Und auf einmal, ohne ein Wort zu sprechen, warf sie sich hin, senkte den Kopf, streckte plötzlich beide Arme aus, umfaßte meinen Leib und legte ihr Gesicht auf meine Knie. Sie ergriff meine Hand, ich glaubte schon, um sie zu küssen, aber sie legte sie sich über die Augen, und heiße Tränen ergossen sich in Strömen über sie. Sie zitterte nur so vor Schluchzen, weinte aber lautlos. Das Herz zog sich mir zusammen, wenn ich mich auch gleichzeitig ärgerte. Aber sie umschlang mich voller Zutrauen, ohne Furcht, daß ich böse werden könnte, trotzdem sie mich vorher so furchtsam und sklavisch angelächelt hatte. Ich bat sie, sie möge sich doch nur beruhigen.

»Lieber, Teurer, ich weiß nicht, was ich anfangen soll. Wenn es schummerig wird, kann ich's nicht mehr aushalten; wenn es schummerig wird, halt ich's nicht mehr aus, dann jagt's mich nur so auf die Straße, wo es dunkel ist. Und was mich jagt, das ist die Einbildung. Ich hab' nun mal so 'ne Einbildung im Kopf, daß ich – wenn ich nur hinausgeh', daß ich sie dann auf einmal auf der Straße treffen muß. Ich gehe, und mir ist so, als ob ich sie sehe. Das heißt, es gehen da ganz andre Leute, aber ich gehe mit Absicht hinterher und denk' mir: ist sie das nicht, die da, ist das nicht meine Olla? Und so denk' ich und denk' ich. Und zuletzt werd' ich ganz dumm, ich torkele nur immer so gegen die Leute, und mir ist ganz übel. Wie 'ne Besoffne torkle ich, und die Leute schimpfen recht. Ich behalte schon alles für mich und gehe zu keinem hin. Und wo ich auch hingeh', es wird mir nur noch schlechter. Und jetzt bin ich hier an Ihrem Haus vorbeigekommen und hab' mir gedacht: ›Ich will mal zu ihm 'raufgehn; er ist der beste von allen, und er ist auch damals dabei gewesen.‹ Teuerster, verzeihen Sie mir armer, unnützer Person; ich geh' auch gleich weg und will . . .«

Sie stand plötzlich auf und hatte es sehr eilig. Und gerade in diesem Augenblick kam Matwej; ich nahm sie in meinem Schlitten mit und setzte sie unterwegs bei sich zu Hause, vor Frau Stolbejewas Wohnung, ab.

 

2

Seit letzter Zeit besuchte ich den Roulettezirkel eines Herrn Serstschikow. Früher hatte ich schon drei andre Zirkel besucht, immer mit dem Fürsten, der mich in diese Häuser »eingeführt« hatte. In einem dieser Zirkel wurde hauptsächlich Pharao gespielt, und zwar um sehr hohe Summen. Aber da hatte ich mich nicht wohl gefühlt: ich sah, daß es da ganz schön war, wenn man viel Geld hatte; und außerdem kamen mir da zuviel hochnäsige Leute und zuviel Vertreter der vornehmen »jeunesse dorée« hin. Das war es eben, was der Fürst liebte; er liebte es ja auch, zu spielen, aber er liebte es auch, mit diesem Gesindel in Berührung zu kommen. Ich hatte es an diesen Abenden wohl bemerkt, daß er sich, wenn er auch zusammen mit mir gekommen war, doch im Laufe des Abends von mir entfernte und mich mit niemand »aus seinen Kreisen« bekannt machte. Und ich benahm mich ganz unbeholfen und lenkte manchmal dadurch sogar die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich. Am Spieltische machte es sich manchmal so, daß ich mit jemand ins Gespräch kam; aber versuchte ich es einmal, am nächsten Tage, in demselben Zimmer, solch ein Herrchen zu begrüßen, mit dem ich mich tags vorher nicht nur unterhalten, sondern mit dem ich sogar gelacht hatte, für den ich sogar mit Glück auf zwei Karten gesetzt hatte, dann – wird man es glauben? – erkannte er mich einfach nicht mehr. Schlimmer noch: er sah mich mit affektiertem Erstaunen an und ging lächelnd an mir vorüber. Deshalb blieb ich dort bald weg und besuchte jetzt mit Leidenschaft eine Kloake – ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll. Es war ein ziemlich unbedeutender, kleiner Roulettezirkel, der von einer Kokotte geleitet wurde, obschon sie selber sich nie im Spielzimmer zeigte. Dort herrschte ein recht ungezwungener Ton, und wenn auch Offiziere und reiche Kaufleute da verkehrten, ging es doch recht schmierig zu, was übrigens auf viele Leute vielleicht gerade anziehend wirkte. Außerdem hatte ich dort häufig Glück. Aber später stellte ich meine Besuche dort ein, nachdem einmal eine widerliche Geschichte passiert war, die in der wildesten Hitze des Spiels begonnen hatte und in eine Prügelei zwischen zwei Spielern ausgeartet war. Und nun begann ich den Serstschikowschen Zirkel zu besuchen, in den mich wiederum der Fürst eingeführt hatte. Dieser Herr Serstschikow war ein Stabsrittmeister außer Diensten, und der Ton, der in seinem Spielzimmer herrschte, war ganz erträglich, militärisch, peinlich empfindlich in der Beobachtung alles dessen, was mit der Ehre zusammenhing, kurz und sachlich. Lästige Ulkbrüder zum Beispiel und starke Trinker gab es nicht. Außerdem wurde durchaus nicht zum Spaß gespielt. Es wurde Pharao und Roulette gespielt. Vor diesem Abend, dem 15. November, war ich im ganzen zweimal dort gewesen, und Serstschikow kannte mich, glaube ich, schon vom Sehen; aber Bekannte hatte ich dort gar keine. Und, als wäre es ein Verhängnis, erschienen auch der Fürst und Darsan erst um Mitternacht: sie waren zuerst im Pharaozirkel des vornehmen Gesindels gewesen, den ich nicht mehr besuchte. So war ich an diesem Abend wie ein Fremder in einer fremden Menge.

Wenn ich einen Leser hätte, und der hätte alles gelesen, was ich bisher von meinen Erlebnissen erzählt habe, so brauchte ich ihm zweifellos nicht noch weitläufig zu erklären, daß ich für keinerlei Art von geselligem Verkehr geschaffen bin. Ich verstehe mich überhaupt gar nicht in Gesellschaft zu benehmen. Wenn ich irgendwo hinkomme, wo viele Menschen sind, habe ich immer ein Gefühl, als elektrisierten mich alle die Blicke. Es ist einfach wie ein Krampf, wie ein physischer Krampf, selbst in Theatern und an ähnlichen Orten, von Privathäusern ganz zu schweigen. In allen diesen Spielsälen und Zirkeln habe ich mir nicht die geringste Haltung zu erwerben verstanden: bald sitze ich da und mache mir Vorwürfe, weil ich so übertrieben weich und höflich bin, bald springe ich auf und begehe ohne jeden Grund Grobheiten. Und dabei verstehen es doch im Vergleich zu mir so nichtsnutzige Bengel sich auf diesem Boden mit erstaunlicher Haltung zu bewegen – und eben das erboste mich am meisten, so daß ich meine Kaltblütigkeit in immer höherm Grade einbüßte. Ich sage es gerade heraus: nicht nur heute, sondern auch damals schon war mir schließlich diese ganze Gesellschaft, ja, wenn ich alles sagen soll, selbst das Gewinnen zum Ekel und zur Qual geworden. Direkt zur Qual. Ich empfand natürlich einen außerordentlichen Genuß dabei, aber dieser Genuß mußte sich durch die Qual durcharbeiten; das alles, das heißt, diese Leute, das Spiel und vor allem ich selber in meiner Beziehung zu ihnen, erschien mir fürchterlich schmutzig. »Sobald ich gewonnen habe, spucke ich sofort auf das alles!« sagte ich jedesmal zu mir, wenn ich nach einer durchspielten Nacht am hellen Morgen in meiner Wohnung schlafen ging. Und was nun wieder das Gewinnen betrifft: man muß bedenken, daß ich gar keine Leidenschaft für das Geld hatte. Das heißt, ich will nicht das jämmerliche Gewäsch wiederkäuen, das bei solchen Erklärungen üblich ist: ich hätte nur des Spieles wegen gespielt, wegen der Aufregung, um des Vergnügens, des Risikos willen, und durchaus nicht wegen des pekuniären Gewinnes. Ich hatte das Geld furchtbar nötig, und wenn das auch nicht mein Weg war und nicht meine Idee, ich hatte mich damals trotzdem entschlossen, so oder so, es auf diesem Wege zu probieren, nur als Versuch. Mich führte dabei immer der eine starke Gedanke in die Irre: »Du hast ja doch bewiesen, daß du sicherlich Millionär werden kannst, nur weil du den dazu notwendigen starken Charakter besitzest; du hast ja die Probe auf deinen Charakter gemacht; so zeige dich auch hier: sollte man für die Roulette denn wirklich mehr Charakter brauchen als für deine Idee?« Das war es, was ich mir immer wieder sagte. Ich halte bis heute an der Überzeugung fest, daß man beim Hasardspiel, wenn man die Energie hat ganz ruhig zu bleiben und sich auf diese Weise die Schärfe seines Verstandes und seiner Berechnung bewahrt – daß man dann unbedingt die Plumpheit des blinden Zufalls besiegen und gewinnen muß. Da ich das glaubte, mußte es mich ja nur immer mehr aufregen, wenn ich sah, wie ich von Minute zu Minute meine Energie verlor und mich fortreißen ließ wie ein ganz kleiner Junge. »Ich, der ich das Hungern habe ertragen können, ich kann mich, nicht einmal bei so einer Dummheit in der Hand behalten!« Das war es, was mich reizte. Und dazu das Bewußtsein, daß ich, so lächerlich und gering ich erscheinen mochte, dennoch jenen Schatz an Kraft in mir trug, der alle diese Leute in Zukunft einmal zwingen würde, ihre Meinung über mich zu ändern, dieses Bewußtsein – und so war es fast schon seit meinen in Erniedrigung verlebten Kinderjahren – dieses Bewußtsein bildete damals die einzige Quelle meines Lebens, mein Licht und meine innre Würde, meine Waffe und meinen Trost; sonst hätte ich mir vielleicht schon als Knabe das Leben genommen. Und deshalb mußte ich ja erbittert gegen mich selber sein, wenn ich sah, in was für ein klägliches Wesen ich mich am Spieltisch verwandelte. Das war auch der Grund, weshalb ich nicht mehr vom Spiel lassen konnte: jetzt erkenne ich das ganz klar. Außer diesem, dem wichtigsten Umstand, litt auch meine kleinliche Eigenliebe: der Spielverlust demütigte mich vor dem Fürsten, vor Wersilow, – obgleich dieser es nicht der Mühe für wert hielt, ein Wort darüber zu verlieren, – sogar vor Tatjana – so dachte ich, fühlte ich. Und noch ein Bekenntnis: ich war schon verdorben; es fiel mir schwer, auf mein Mittagessen von sieben Gängen in einem feinen Restaurant zu verzichten, und auf Matwej, auf das englische Magazin, auf die gute Meinung meines Parfümeurs. Ich gestand mir das auch damals schon, schob es aber mit einer wegwerfenden Handbewegung beiseite; heute schreibe ich es nur mit tiefem Erröten nieder.

 

3

Wie ich so allein hineinkam und mich unter einem Haufen ganz fremder Menschen befand, ließ ich mich an einer Ecke des Tisches nieder und setzte nur kleine Beträge; so saß ich zwei Stunden, ohne mich vom Platze zu rühren. Das Spiel war während dieser zwei Stunden ein absoluter Dreck, – gar nichts Rechtes. Ich ließ ganz erstaunliche Chancen vorbeigehen und gab mir Mühe, mich nicht zu erhitzen, sondern durch Kaltblütigkeit und Zuversicht zu gewinnen. Das Resultat war, daß ich schließlich in zwei Stunden weder verloren noch gewonnen hatte: von den dreihundert Rubeln hatte ich zehn, fünfzehn Rubel verloren. Dieses klägliche Ergebnis machte mich wütend, und außerdem passierte noch eine unangenehme und sehr widerliche Sache. Ich weiß sehr wohl, daß man in diesen Roulettezirkeln häufig Diebe trifft, das heißt, keine Diebe von der Straße, sondern einfach unter den bekannten Spielern. Ich bin zum Beispiel überzeugt, daß der bekannte Spieler Aferdow ein Dieb ist; er spielt noch heute eine Rolle in Petersburg: ich habe ihn erst kürzlich mit seinem eignen Ponygespann fahren sehen, aber er ist ein Dieb und hat mich bestohlen. Aber auf diese Geschichte komme ich später zurück; an diesem Abend gab es nur ein Vorspiel dazu: ich saß diese ganzen zwei Stunden an einer Ecke des Tisches, und zu meiner Linken saß die ganze Zeit ein schäbiger Elegant, wenn ich nicht irre, ein Jüdchen; er ist übrigens irgendwo angestellt, schriftstellert außerdem, und seine Sachen werden sogar gedruckt. Im allerletzten Augenblick gewann ich auf einmal zwanzig Rubel. Die zwei roten Scheine lagen vor mir; da sehe ich auf einmal, wie dieses Jüdchen die Hand ausstreckt und sich ganz gemütlich einen von meinen Scheinen aneignet. Ich wollte das verhindern, aber er erklärt mir auf einmal mit einem ganz frechen Gesicht und ohne auch nur die Stimme zu erheben, dies wäre sein Gewinn, er hätte soeben auch gesetzt und gewonnen; er hätte übrigens gar keine Lust, sich mit mir weiter darüber zu unterhalten, sagte er, und wendete sich ab. Und als ob es der Teufel gewollte hätte, war ich gerade in dem Moment in einer ganz dummen Verfassung: ich hatte einen großen Entschluß gefaßt, deshalb pfiff ich auf die Sache, stand hastig auf und ging fort; ich hatte einfach keine Lust, mich mit ihm zu streiten, und schenkte ihm meinen roten Schein. Und es wäre auch schwierig gewesen, diesem frechen Diebesgesicht etwas zu beweisen, weil der Augenblick verpaßt war; das Spiel hatte schon seinen Fortgang genommen. Und eben dies war ein sehr großer Fehler von mir, dessen Folgen sich später zeigen sollten: drei, vier Spieler in unsrer Nachbarschaft hatten unsern Wortwechsel gehört und waren, als sie sahen, daß ich mich so leicht zufrieden gab, wohl zu der Meinung gekommen, ich wäre selber solch ein Herr. Es war genau zwölf Uhr; ich ging ins Nebenzimmer, dachte nach, machte mir einen neuen Plan zurecht, kam wieder zurück und wechselte mein Papiergeld beim Bankhalter in goldne Halbimperiale um. Ich hatte etwas über vierzig Stück. Ich teilte sie in zehn Häufchen ab und beschloß, zehnmal hintereinander auf Zero zu setzen, jedesmal vier Halbimperiale. »Gewinne ich, so ist das mein Glück, verliere ich – um so besser; ich spiele nie mehr wieder.« Ich muß bemerken, daß in diesen ganzen zwei Stunden nicht ein einziges Mal Zero herausgekommen war und infolgedessen kein Mensch mehr auf Zero setzte.

Ich setzte im Stehen, stumm, mit gerunzelter Stirn und zusammengebissenen Zähnen. Beim dritten Satze schon meldete Serstschikow mit lauter Stimme Zero, heute überhaupt zum erstenmal. Mir wurden hundertvierzig Halbimperiale in Gold aufgezählt. Ich hatte noch sieben Einsätze und setzte weiter, dabei aber begann sich alles um mich zu drehen und zu tanzen.

»Kommen Sie hierher!« rief ich über den ganzen Tisch hin einem Spieler zu, neben dem ich kürzlich gesessen hatte, einem Herrn mit grauem Schnurrbart, rotem Gesicht und im Frack, der schon seit ein paar Stunden mit unbeschreiblicher Ausdauer kleine Beträge setzte und Einsatz um Einsatz verlor. »Kommen Sie hierher! Hier ist das Glück!«

»Meinen Sie mich?« entgegnete vom andern Ende des Tisches der Schnauzbart mit wie drohender Verwunderung.

»Jawohl! Da unten verspielen Sie ja alles bis aufs Hemd!«

»Das geht Sie nichts an, und ich ersuche Sie, mich in Ruhe zu lassen!«

Aber ich konnte nicht mehr an mich halten. Mir gegenüber an der andern Seite des Tisches saß ein älterer Offizier. Er betrachtete meinen Goldhaufen und sagte leise zu seinem Nachbarn:

»Merkwürdig, Zero. Nein, zu Zero könnte ich mich nicht entschließen.«

»Entschließen Sie sich nur, Herr Oberst!« rief ich und setzte wieder.

»Ich bitte Sie gleichfalls, mich in Ruhe zu lassen und Ihre guten Ratschläge für sich zu behalten«, sagte er scharf und schneidend. »Sie benehmen sich hier recht geräuschvoll.«

»Ich rate Ihnen gut; na, wollen Sie wetten, daß jetzt wieder Zero herauskommt: zehn Goldstücke – da liegen sie, haben Sie Lust?«

Und ich schob zehn Halbimperiale hin.

»Wetten? Auf zehn Goldstücke? Meinetwegen«, sagte er trocken und streng. »Ich wette mit Ihnen, daß diesmal nicht Zero herauskommt.«

»Zehn Louisdor, Oberst.«

»Was heißt das: zehn Louisdor?«

»Zehn Halbimperiale, Oberst; im höhern Stil nennt man das Louisdor.«

»Dann sagen Sie eben: Halbimperiale, und lassen Sie Ihre Scherze mit mir.«

Ich rechnete selbstverständlich nicht darauf, diese Wette zu gewinnen: es standen sechsunddreißig Chancen gegen eine, daß Zero nicht herauskommen würde; ich wettete aber erstens, um mich aufzuspielen, und zweitens, weil ich durch irgend etwas die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich lenken wollte. Ich sah nur zu deutlich, daß mich hier aus irgendeinem Grunde kein Mensch leiden konnte, und daß man mich das mit besonderm Behagen fühlen ließ. Die Roulette drehte sich, – und wie groß war das allgemeine Erstaunen, als wieder Zero herauskam! Alle schrien direkt auf. Und nun benebelte mich das Glück des Gewinners vollständig. Wieder wurden mir hundertundvierzig Halbimperiale aufgezählt. Serstschikow fragte mich, ob ich nicht einen Teil in Banknoten ausgezahlt haben wolle; aber ich murmelte darauf nur etwas Unverständliches, weil ich buchstäblich nicht mehr ruhig und ordentlich sprechen konnte. Mein Kopf drehte sich, und die Knie knickten mir ein. Ich fühlte plötzlich, daß ich gleich furchtbar viel auf eine Karte setzen würde; und außerdem hatte ich das Bedürfnis, noch irgend etwas zu tun, noch irgendeine Wette vorzuschlagen, irgend jemand ein paar Tausender aufzuzählen. Mechanisch wühlte ich mit der Hand in meinem Haufen von Banknoten und Goldstücken und konnte mich nicht dazu aufraffen, sie zu zählen. In diesem Augenblick bemerkte ich, daß hinter mir der Fürst und Darsan standen: sie waren gerade aus ihrem Pharaozirkel gekommen; dort hatten sie sich, wie ich später erfuhr, leer und kahl gespielt.

»Ah, Darsan,« rief ich ihm zu, »hier sitzt das Glück! Setzen Sie auf Zero!«

»Bin ganz ausgebeutelt, habe kein Geld!« erwiderte er trocken; und der Fürst tat einfach, als ob er mich nicht erkenne und bemerke.

»Hier ist Geld!« rief ich und zeigte auf meinen Goldhaufen. »Wieviel brauchen Sie?«

»Na, zum Teufel!« rief Darsan und wurde puterrot. »Ich wüßte nicht, daß ich Sie um Geld ersucht hätte.«

»Sie werden gerufen«, sagte Serstschikow und zog mich am Ärmel.

Der mich da schon ein paarmal und fast grob angerufen hatte, war der Oberst, der bei der Wette mit mir zehn Halbimperiale verloren hatte.

»Nehmen Sie gefälligst!« schrie er, ganz rot vor Zorn. »Es fällt mir nicht ein, noch lange hier herumzustehen; und sonst sagen Sie nachher, Sie hätten es nicht bekommen. Zählen Sie nach.«

»Ich glaub' Ihnen schon, ich glaub' Ihnen schon, Oberst, ich glaub' Ihnen, ohne zu zählen; bitte, schreien Sie mich nur nicht so an und ärgern Sie sich nicht«, sagte ich und wog das Häuflein Gold, das er mir gegeben hatte, in der Hand.

»Verehrtester, dürfte ich Sie ersuchen, mit Ihrer Begeisterung sonst jemand an den Hals zu springen und nicht mir«, schrie der Oberst scharf. »Ich habe nicht mit Ihnen zusammen die Schweine gehütet!«

»Komisch, daß man so was hereinläßt. – Was ist das eigentlich für ein Mensch? – Irgend so ein Jüngling . . .« So wurde rundum halblaut gesprochen.

Aber ich hörte nicht darauf, ich setzte blindlings, und schon nicht mehr auf Zero. Ich setzte einen ganzen Packen regenbogenfarbiger Scheine auf die ersten achtzehn Nummern.

»Kommen Sie, Darsan«, hörte ich hinter mir die Stimme des Fürsten.

»Nach Hause?« fragte ich und wendete mich nach ihnen um. »Warten Sie auf mich: wir fahren zusammen, ich mache Feierabend.«

Mein Einsatz gewann; das war ein großer Gewinn. »Basta!« rief ich und begann mit zitternden Händen das Gold zusammenzuraffen und in meine Taschen zu stecken, ohne zu zählen; ich bog mit den Fingern ungeschickt die Haufen von Banknoten zusammen, die ich alle auf einmal in meine Seitentasche stecken wollte. Plötzlich legte sich Aferdows dicke, beringte Hand, der gleich neben mir an meiner rechten Seite saß und gleichfalls um hohe Einsätze gespielt hatte, auf drei von meinen regenbogenfarbigen Banknoten und deckte sie zu.

»Gestatten Sie, das gehört nicht Ihnen«, sagte er langsam, streng und deutlich, übrigens aber mit sehr milder Stimme.

Und dieses nun war jenes Vorspiel, das später, nach einigen Tagen, solche Folgen nach sich zu ziehen bestimmt war. Heute kann ich bei meiner Ehre schwören, daß diese drei Hundertrubelnoten mir gehörten, damals aber wollte es mein Pech, daß ich zwar überzeugt war, sie gehörten mir, daß aber trotzdem noch ein Zehntel Zweifel in mir war, und für einen anständigen Menschen bedeutet das alles; und ich bin ein anständiger Mensch. Die Hauptsache war, daß ich damals noch nicht genau wußte, daß Aferdow ein Dieb war; ich wußte damals noch nicht einmal seinen Namen, so daß ich in jenem Augenblick wirklich meinen konnte, ich hätte mich getäuscht, und jene drei Hundertrubelnoten gehörten nicht zu dem Gelde, das mir soeben aufgezählt worden war. Ich hatte meinen Geldhaufen die ganze Zeit nicht gezählt, sondern alles immer nur mit den Händen zusammengerafft; und vor Aferdow hatte die ganze Zeit gleichfalls Geld gelegen, und direkt neben dem meinen, aber das war wohlgeordnet und gezählt. Und schließlich war Aferdow hier bekannt, er wurde für reich gehalten, und man begegnete ihm mit Achtung: dies alles übte denn auch seinen Einfluß auf mich, und ich protestierte wieder nicht. Das war ein sehr schwerer Fehler! Die Hauptschweinerei lag darin, daß ich so begeistert war.

»Es tut mir unendlich leid, daß ich das nicht ganz genau weiß; aber ich bin der festen Überzeugung, daß das mein Geld ist«, sagte ich, und meine Lippen zitterten vor Unwillen. Diese Worte riefen sofort ein Murren hervor.

»Um so etwas zu behaupten, muß man es ganz genau wissen, und Sie sagten eben selber, daß Sie es nicht genau wüßten«, sagte Aferdow unerträglich hochnäsig.

»Ja, wer ist das eigentlich? – Soll man sich das eigentlich gefallen lassen?« hörte man verschiedene Stimmen rufen.

»Das passiert Ihnen nicht zum erstenmal; vorhin mit Rechberg war auch so eine Geschichte mit einem Zehnrubelschein«, sagte eine niederträchtige Stimme in meiner Nähe.

»Na, lassen wir's, lassen wir's!« rief ich. »Ich sage nichts dagegen, nehmen Sie es nur! Fürst . . . wo ist denn der Fürst und Darsan geblieben? Fort? Meine Herren, haben Sie nicht gesehen, wohin der Fürst und Darsan gegangen sind?« Ich hatte endlich mein ganzes Geld zusammengerafft, ein paar Halbimperiale hatte ich noch nicht in die Tasche stecken können und hielt sie in der Hand; so eilte ich dem Fürsten und Darsan nach. Der Leser wird wohl sehen, daß ich mich nicht schone und mich in diesem Augenblick genau so zeichne, wie ich damals war, bis zur letzten Häßlichkeit, damit man versteht, was nachher daraus entstand.

Der Fürst und Darsan waren schon die Treppe hinuntergegangen, ohne meinem Rufen und Schreien die geringste Beachtung zu schenken. Ich hatte sie schon fast eingeholt, aber ich hielt mich noch einen Moment bei dem Portier auf und drückte ihm drei Halbimperiale in die Hand, weiß der Kuckuck, warum; er sah mich verwundert an und dankte nicht einmal. Aber mir war das ganz gleich, und wenn auch Matwej dagewesen wäre, ich hätte ihm wohl die ganze Handvoll Goldstücke gegeben; ja, ich glaube, ich hatte sogar die Absicht, das zu tun, aber wie ich auf die Vortreppe hinaustrat, fiel mir plötzlich ein, daß ich ihn vorhin nach Hause geschickt hatte. In demselben Augenblick fuhr der Traber des Fürsten vor, und er stieg in den Schlitten.

»Ich fahre mit, Fürst, ich will zu Ihnen!« rief ich, ergriff die Schlittendecke und schlug sie zurück, um einzusteigen; aber auf einmal sprang Darsan an mir vorüber in den Schlitten, und der Kutscher riß mir die Decke aus der Hand und packte die Herren ein.

»Zum Teufel!« schrie ich rasend vor Zorn. Das sah ja aus, als hätte ich, wie ein Bedienter, die Decke für Darsan aufgehalten.

»Nach Hause!« rief der Fürst.

»Halt!« brüllte ich und hielt mich am Schlitten fest; aber das Pferd zog an, und ich kollerte in den Schnee. Mir war sogar, als ob sie laut lachten. Ich sprang auf, nahm mir sogleich eine Droschke, die gerade des Weges kam, und jagte nach dem Hause des Fürsten, wobei ich meinen Gaul alle Augenblicke durch Rufe antrieb.

 

4

Natürlich brauchte der Gaul eine unendliche Zeit, obgleich ich dem Kutscher einen ganzen Rubel versprach. Der Kutscher peitschte die ganze Zeit darauflos, natürlich, um den Rubel herauszupeitschen. Mein Herz pochte: ich begann mit dem Kutscher zu sprechen, aber ich vermochte einfach kein vernünftiges Wort herauszubringen und brummelte nur irgendeinen Unsinn. Und in diesem Zustande stürzte ich zum Fürsten ins Zimmer! Er war gerade heimgekommen; er hatte Darsan abgesetzt und war allein. Bleich und wütend ging er in dem Zimmer auf und ab. Ich bemerke noch einmal: er hatte furchtbar viel verloren. Mich sah er mit einer Art zerstreuter Verwunderung an.

»Schon wieder Sie!« stieß er mit gerunzelten Brauen hervor.

»Um mit Ihnen zu einem Ende zu kommen, mein Herr!« sagte ich atemlos. »Wie konnten Sie sich unterstehen, mich so zu behandeln?«

Er blickte mich fragend an.

»Wenn Sie mit Darsan fahren wollten, brauchten Sie mir ja nur mitzuteilen, daß Sie mit Darsan fahren, aber Sie haben das Pferd anziehen lassen, und ich . . .«

»Ach ja, Sie sind, glaube ich, in den Schnee gefallen«, lachte er mir ins Gesicht.

»Die einzige Antwort darauf ist eine Forderung, und deshalb will ich zuerst unsre Rechnung glatt machen . . .«

Und ich begann mit zitternden Händen mein Geld hervorzuholen; ich legte es auf den Diwan, auf ein Marmortischchen und noch auf ein aufgeschlagnes Buch, das gerade dalag, in Häufchen, Händevoll, in Paketen; ein paar Goldstücke rollten auf den Teppich.

»Ach so, Sie scheinen gewonnen zu haben? . . . Ja, das merkt man an Ihrem Ton.«

Er hatte noch nie so unverschämt zu mir gesprochen. Ich war sehr bleich.

»Da . . . Ich weiß nicht, wieviel . . . Ich muß erst zählen. Ich schulde Ihnen ungefähr dreitausend Rubel . . . Oder wieviel? . . . Weniger oder mehr?«

»Ich glaube, ich habe Sie nicht aufgefordert, es zurückzuzahlen.«

»Nein, ich will es selber zurückzahlen, und Sie wissen sehr wohl, warum. Ich weiß, daß dies Paket von Hundertern tausend Rubel enthält!« Und ich begann mit zitternden Händen zu zählen, gab es aber auf. »Ganz gleich, ich weiß, daß es tausend sind. Na also, diese tausend Rubel nehm' ich für mich; alles andre, diese Haufen da, nehmen Sie als Bezahlung meiner Schuld, eines Teiles meiner Schuld: das werden gegen zweitausend Rubel sein, oder vielleicht auch mehr.«

»Aber tausend Rubel behalten Sie trotz alledem für sich?« grinste der Fürst.

»So? Brauchen Sie sie? In dem Falle . . . Ich wollte . . . Ich dachte mir, Sie würden es nicht wollen . . . Aber wenn Sie es brauchen, dann . . .«

»Nein, ich brauche es nicht.« Er drehte mir voll Verachtung den Rücken und begann wieder auf und ab zu gehen.

»Das mag überhaupt, der Teufel wissen, wie Sie darauf kommen, mir das wiederzugeben?« wendete er sich plötzlich mit sehr herausforderndem Gesichtsausdruck an mich.

»Ich zahle es zurück, weil ich Sie zur Rechenschaft ziehen will!« brüllte ich meinerseits.

»Scheren Sie sich zum Teufel mit Ihren ewigen großen Worten und Gebärden!« schrie er mich an und stampfte mit dem Fuß auf, in höchster Wut. »Ich wollte Sie beide schon lange hinauswerfen: Sie und Ihren Wersilow.«

»Sie sind ja wahnsinnig!« schrie ich. Und es sah ja auch wirklich beinah so aus.

»Sie haben mich halbtot gepeinigt, alle beide, mit Ihren dröhnenden Phrasen, Phrasen, Phrasen und wieder Phrasen! Über die Ehre zum Beispiel! Pfui Teufel! Ich wollte dem schon lange ein Ende machen . . . Ich bin froh, froh bin ich, daß der Augenblick gekommen ist. Ich hielt mich für gebunden und wurde rot, weil ich Sie empfangen mußte . . . Sie beide? Aber jetzt halte ich mich durch nichts mehr gebunden, durch nichts, damit Sie es wissen! Ihr Wersilow hat mich aufgehetzt, über Frau Achmakowa herzufallen und sie zu verleumden . . . Unterstehen Sie sich nicht, mir noch von Ehre zu sprechen. Denn Sie sind ehrlose Kerle . . . Alle beide, alle beide! Haben Sie sich nicht entblödet, von mir Geld anzunehmen?«

Mir wurde dunkel vor den Augen.

»Ich habe es angenommen, weil ich Ihr Freund war,« begann ich ganz leise, »Sie haben es mir selbst angeboten, und ich glaubte an Ihre Zuneigung . . .«

»Ich bin kein Freund von Ihresgleichen! Ich habe Ihnen Geld gegeben, aber nicht aus dem Grunde; Sie wissen selber ganz genau, weshalb.«

»Ich habe es auf Wersilows Konto genommen; das war natürlich eine Dummheit, aber . . .«

»Sie konnten nichts auf Wersilows Konto nehmen ohne seine Zustimmung . . . Ich habe Ihnen mein Geld gegeben; und Sie wußten das ganz genau; sie wußten es und nahmen es doch, und ich duldete diese widerwärtige Komödie in meinem Hause!«

»Was wußte ich? Was für eine Komödie? Weshalb haben Sie mir das Geld gegeben?«

»Pour vos beaux yeux, mon cousin!« lachte er mir gerade ins Gesicht.

»Teufel!« brüllte ich, »nehmen Sie alles, da haben Sie auch diese tausend Rubel! Jetzt sind wir quitt, und morgen . . .«

Und ich warf das Päckchen von regenbogenfarbigen Scheinen nach ihm, das ich mir für meine persönlichen Bedürfnisse zurückbehalten hatte. Das Päckchen traf seine Weste und fiel zu Boden. Er trat schnell mit drei riesigen Schritten und drohend auf mich zu.

»Wagen Sie zu behaupten,« rief er wütend und jede Silbe einzeln hervorschleudernd, »daß Sie einen ganzen Monat lang Geld von mir angenommen hätten, ohne zu wissen, daß Ihre Schwester von mir schwanger ist?«

»Was? Wie!« schrie ich auf, und meine Beine wurden plötzlich schwach, ich sank kraftlos auf den Diwan. Er selbst hat mir nachher gesagt, ich wäre buchstäblich so weiß geworden wie ein Laken. Mein Verstand verwirrte sich. Ich weiß noch, wir sahen einander lange ins Gesicht. Gleichsam ein Schrecken lief über seine Züge; er beugte sich plötzlich vor, faßte mich an den Schultern und versuchte mich aufzurichten. Ich kann sein eingefrornes Lächeln nicht vergessen; es lag Mißtrauen und Staunen darin. Er hatte eben diese Wirkung seiner Worte durchaus nicht erwartet, weil er von meiner Schuld überzeugt gewesen war.

Schließlich wurde ich ohnmächtig, aber nur für eine Minute; ich kam wieder zu mir; ich erhob mich, sah ihn an und sammelte meine Gedanken – und auf einmal offenbarte sich die ganze Wahrheit meinem Verstande, der solange geschlafen hatte! Wenn man mir das vorher gesagt und mich gefragt hätte, was ich in einem solchen Augenblick tun würde, ich hätte wahrscheinlich geantwortet, daß ich ihn in Stücke zerreißen würde. Aber es kam ganz anders, und durchaus gegen meinen Willen: ich bedeckte auf einmal mein Gesicht mit beiden Händen und begann laut und bitterlich zu weinen. Das kam so ganz von selbst! In dem jungen Manne kam auf einmal das kleine Kind zum Vorschein. Das kleine Kind beherrschte also mein Inneres damals noch gut zur Hälfte. Ich sank auf den Diwan und schluchzte. »Lisa! Lisa! Arme, unglückliche Lisa!« Der Fürst glaubte mir auf einmal alles.

»O mein Gott, wie ich Ihnen Unrecht getan habe!« rief er in tiefem Schmerz. »Oh, wie niedrig ich von Ihnen gedacht habe in meinem Mißtrauen . . . Verzeihen Sie mir, Arkadij Makarowitsch!«

Ich sprang plötzlich auf, wollte ihm irgend etwas sagen, stellte mich ihm gegenüber, sagte aber kein Wort und lief aus dem Zimmer und aus dem Hause. Ich ging zu Fuß nach Hause und erinnere mich kaum an den Heimweg. Ich warf mich im Dunkeln auf mein Bett, preßte das Gesicht ins Kissen und grübelte, grübelte. In solchen Augenblicken denkt man nie geordnet und folgerichtig. Mein Verstand und meine Phantasie hatten sich gleichsam von der Kette losgerissen, und ich weiß noch, es kamen mir ganz fernliegende Dinge in den Kopf, Gott weiß, was alles für dummes Zeug. Aber Kummer und Leid kehrten wiederum schmerzhaft und stechend in mein Gedächtnis zurück; und wieder rang ich die Hände und rief »Lisa, Lisa!« und begann wieder zu weinen. Ich weiß nicht mehr, wie ich schließlich einschlief, aber ich schlief tief und süß.

 

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