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Ein Werdender - Zweiter Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Zweiter Band - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Zweiter Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel

Schluß

1

Jetzt ist seit dieser Szene schon ein halbes Jahr vergangen, viel Wasser ist seitdem ins Meer geflossen, vieles ist ganz anders geworden, und für mich hat schon lange ein neues Leben begonnen . . . Aber ich will auch dem Leser alles erklären.

Für mich wenigstens war es damals, und auch noch lange nachher, die wichtigste Frage: wie konnte sich Wersilow mit einem Menschen wie Lambert verbünden, und was für einen Zweck hat er dabei verfolgt? Allmählich ist mir das einigermaßen klar geworden: ich glaube, Wersilow hat in jenen Augenblicken, das heißt, an jenem letzten Tage und am Tage vorher, überhaupt kein festes Ziel im Auge haben können, und ich glaube sogar, er hat sich überhaupt nichts überlegt, sondern gleichsam in einem Wirbel von Gefühlen gehandelt. Übrigens, einen richtigen Wahnsinn gebe ich durchaus nicht zu, um so mehr, als er auch heute durchaus nicht wahnsinnig ist. Aber den »Doppelgänger« gebe ich durchaus zu. So ein Doppelgängerbewußtsein ist, wenigstens nach dem Buche eines medizinischen Sachverständigen, das ich nachher eigens gelesen habe, – so ein Doppelgängerbewußtsein ist nichts andres als der erste Grad einer schon recht ernsthaften Geistesstörung, die zu einem ziemlich schlimmen Ende führen kann. Hatte ja doch auch Wersilow selber, in jener Szene damals bei Mama, uns jene »Spaltung« seiner Gefühle und seines Willens mit schrecklicher Offenheit erklärt. Aber ich wiederhole es noch einmal: jene Szene bei Mama, das Zerschmettern des Heiligenbildes, mag ja unstreitig unter dem Einfluß einer wirklichen Willensspaltung vor sich gegangen sein, aber mir hat die ganze Zeit seitdem immer so etwas gedämmert, als ob nebenbei auch eine Art von schadenfroher Symbolik mit im Spiele gewesen wäre, eine Art Haß gegenüber den Erwartungen dieser Frauen, eine Art Erbitterung über ihre Rechte und eine Art Furcht vor einer Verurteilung durch sie; und so mag denn zur Hälfte er selbst und zur Hälfte der Doppelgänger das Heiligenbild zerschmettert haben! »So sollen auch eure Erwartungen zerbrochen werden!« Kurz, wenn auch der Doppelgänger vorhanden war, so war es doch zum Teil einfach Komödie . . . Aber das alles ist bloß eine Annahme von mir; es zuverlässig zu entscheiden, wäre schwer.

Es ist wahr, obwohl er Katerina Nikolajewna vergötterte, hatte doch ehrlichstes und tiefstes Mißtrauen gegenüber ihrem moralischen Werte immer tiefe Wurzeln in ihm. Ich glaube bestimmt, daß er damals hinter der Tür nur auf ihre Erniedrigung vor Lambert gewartet hat. Aber wünschte er sich das, selbst wenn er darauf wartete? Ich sage es noch einmal: ich bin fest davon überzeugt, daß er nichts wollte und nicht einmal klar denken konnte. Er wollte einfach dort sein und nachher hervorstürzen und ihr irgend etwas sagen und sie vielleicht – sie vielleicht beleidigen, und sie vielleicht auch morden . . . Alles konnte damals geschehen; nur wußte er, als er mit Lambert hinkam, nichts von dem, was geschehen würde. Ich betone: der Revolver gehörte Lambert; er selber war ohne Waffen gekommen. Dann sah er ihren würdigen Stolz und ertrug vor allem Lamberts schurkisches Benehmen und seine Drohungen gegen sie nicht mehr: er stürzte hervor, und dann verlor er eben den Verstand. Wollte er sie in dem Augenblick erschießen? Ich glaube, er wußte es selbst nicht, aber er hätte sie sicherlich erschossen, wenn wir seinen Arm nicht weggerissen hätten.

Seine Wunde war nicht tödlich und heilte, aber er hat ziemlich lange daran darniedergelegen – selbstverständlich bei Mama. Heute, wo ich diese Zeilen niederschreibe, herrscht bei uns draußen der Frühling, wir stehen in der Mitte des Monats Mai, es ist ein herrlicher Tag, und unsre Fenster sind offen. Mama sitzt neben ihm; er streichelt ihr die Wangen und die Haare und sieht ihr ergriffen in die Augen. Oh, das ist nur noch die Hälfte des Wersilow von früher; von Mama geht er nicht mehr fort, und er wird niemals mehr von ihr gehen. Er hat sogar die »Gabe der Tränen« empfangen, um einen Ausdruck des unvergeßlichen Makar Iwanowitsch aus dessen Erzählung von dem Kaufmann zu gebrauchen. Übrigens glaube ich, daß Wersilow lange leben wird. Uns gegenüber ist er jetzt vollkommen schlicht und aufrichtig, wie ein Kind, ohne im übrigen seine Gemessenheit und Zurückhaltung eingebüßt zu haben, und ohne überflüssige Worte zu machen. Sein Geist und seine moralische Weltanschauung sind ihm geblieben; dabei ist alles, was an Idealem in ihm gelebt hatte, noch stärker hervorgetreten. Ich sag es gerade heraus: ich habe ihn nie so liebgehabt wie jetzt, und es tut mir leid, daß ich keine Zeit und keinen Platz habe, mehr von ihm zu sprechen. Übrigens will ich doch einen Fall erzählen, der sich kürzlich ereignet hat (oh, es gibt deren genug): Zu den großen Fasten war er schon genesen, und in der sechsten Woche erklärte er, er wolle sich durch Fasten und Kirchenbesuch aufs Abendmahl vorbereiten. Seit dreißig Jahren wohl oder länger noch hatte er nicht mehr kommuniziert. Mama war selig; es wurde also Fastenkost bereitet, übrigens in ziemlich kostspieliger, verfeinerter Gestalt. Ich hörte am Montag und am Dienstag aus dem Nebenzimmer, wie er vor sich hinsang: »Siehe, der Bräutigam kommet . . .« und sich für die Weise und die Verse begeisterte. An diesen zwei Tagen sprach er ein paarmal sehr schön von der Religion; aber am Mittwoch nahm der heilige Wandel ein plötzliches Ende. Es hatte ihn plötzlich etwas gestört, irgendein »komischer Kontrast«, wie er es lachend nannte. Irgend etwas im Äußern des Geistlichen oder in den rituellen Formen hatte sein Mißfallen erregt; kaum war er aber wieder zu Hause, da sagte er mit einem stillen Lächeln: »Liebe Freunde, ich liebe den lieben Gott sehr, aber dazu bin ich nicht fähig.« An demselben Tage gab es zu Mittag schon Roastbeef. Aber ich weiß, daß Mama sich auch jetzt noch häufig neben ihn setzt und mit leiser Stimme und stillem Lächeln mit ihm manchmal von den abstraktesten Dingen zu sprechen beginnt; sie hat sich jetzt auf einmal ihm gegenüber ein Herz gefaßt, aber wie das gekommen ist, das weiß ich nicht. Sie setzt sich neben ihn und spricht mit ihm, meist im Flüsterton. Er lauscht ihr lächelnd, streichelt ihre Haare, küßt ihre Hände, und vollkommenstes Glück leuchtet auf seinem Gesicht. Manchmal hat er auch fast hysterische Anfälle. Dann nimmt er ihre Photographie, dieselbe die er an jenem Abend geküßt hat, betrachtet sie mit Tränen in den Augen, küßt sie, schwelgt in Erinnerungen, ruft uns alle zu sich; aber er spricht in solchen Augenblicken nur wenig . . . Katerina Nikolajewna hat er gleichsam ganz vergessen und ihren Namen nicht ein einziges Mal ausgesprochen. Daß er Mama heiraten wolle, davon ist bei uns auch nie wieder die Rede gewesen. Er sollte zuerst im Sommer ins Ausland gebracht werden; aber Tatjana Pawlowna bestand darauf, daß er nicht reise, und er selbst hat auch keine Lust dazu gehabt. Den Sommer wollen sie auf dem Lande verbringen, irgendwo in einer Villa in der Nähe von Petersburg. Beiläufig: wir leben fürs erste noch alle von Tatjana Pawlownas Geld. Eins möchte ich noch sagen: es tut mir sehr leid, daß ich mir in diesen Aufzeichnungen häufig genug erlaubt habe, von dieser Frau despektierlich und von oben herab zu sprechen. Aber ich habe mich beim Schreiben immer möglichst in den Zustand des Augenblicks zurückversetzt, den ich gerade beschrieb. Wie ich nun jetzt am Ende meiner Aufzeichnungen stehe und die letzte Zeile niedergeschrieben ist, fühle ich auf einmal, wie ich mich eben durch den Prozeß des Zurückrufens und Niederschreibens jener Erlebnisse zu einem andern Menschen erzogen habe. Vieles, was ich da geschrieben habe, verleugne ich heute, insbesondre den Ton mancher Zeilen und Seiten, aber ich streiche und verbessere nicht ein einziges Wort.

Ich habe gesagt, daß er Katerina Nikolajewna noch mit keinem Worte erwähnt hat; aber ich glaube sogar, er ist vielleicht vollkommen geheilt. Von Katerina Nikolajewna sprechen nur Tatjana Pawlowna und ich manchmal, und auch das nur ganz insgeheim. Jetzt ist Katerina Nikolajewna im Auslande; ich habe sie vor ihrer Abreise gesehen und bin mehrere Male bei ihr gewesen. Aus dem Auslande habe ich schon zwei Briefe von ihr bekommen und auch beantwortet. Aber über den Inhalt unsrer Briefe und darüber, wovon wir beim Abschied gesprochen haben, bevor sie abreiste, bewahre ich Schweigen: das ist schon eine ganz andre Geschichte, eine ganz neue Geschichte, und sie liegt vielleicht noch ganz weit in der Zukunft. Selbst gegen Tatjana Pawlowna hülle ich mich über manche Dinge in Schweigen! Aber genug davon! Ich füge nur noch hinzu, daß Katerina Nikolajewna nicht verheiratet ist und die Reise jetzt mit Pelistschows zusammen macht. Ihr Vater ist gestorben, und sie ist eine sehr reiche Witwe. Augenblicklich ist sie in Paris. Ihr Bruch mit Bjoring erfolgte schnell und wie ganz von selbst, daß heißt, auf die natürlichste Weise von der Welt. Übrigens will ich das doch erzählen.

An dem Morgen, als jene furchtbare Szene stattfand, hatte der »Pockennarbige«, derselbe, in dessen Dienste Trischatow und sein Freund getreten waren, Bjoring von dem gefährlichen Anschlage unterrichtet. Und das war so gekommen: Lambert hatte ihn doch zur Teilnahme an dem Unternehmen bewogen und ihm, als er sich des Dokumentes bemächtigt hatte, alle Einzelheiten und alle näheren Umstände des Unternehmens mitgeteilt und zuletzt auch das allerletzte Moment ihres Planes, das heißt, die von Wersilow ersonnene Kombination, durch die Tatjana Pawlowna betrogen werden sollte. Aber im entscheidenden Augenblick hatte es der Pockennarbige vorgezogen, von Lambert abzufallen, da er vernünftiger als alle andern war und er hier die Möglichkeit eines Kapitalverbrechens befürchtete. Und was die Hauptsache war: er hielt die Dankbarkeit Bjorings für etwas viel Verläßlicheres als den Plan des tappigen und hitzigen Lambert und des vor Leidenschaft fast verrückten Wersilow. Das alles habe ich später von Trischatow erfahren. Übrigens kenne und verstehe ich das Verhältnis Lamberts zum Pockennarbigen nicht, und weiß nicht, warum er nicht ohne ihn auskommen konnte. Aber weit interessanter dünkt mich diese andre Frage: wozu brauchte Lambert Wersilow, da er, Lambert, doch schon das Dokument in Händen hatte und sehr wohl auch ohne ihn hätte fertig werden können? Die Antwort darauf weiß ich heute genau. Er brauchte Wersilow erstens, weil er die Verhältnisse und Gelegenheiten so gut kannte, und, was die Hauptsache war, er brauchte Wersilow, um im Falle, daß Lärm oder irgendein Unglück daraus entstünde, die ganze Verantwortlichkeit auf ihn abzuwälzen. Und da Wersilow kein Geld begehrte, so hielt Lambert seine Hilfe für durchaus wünschenswert. Aber Bjoring erschien damals nicht zur rechten Zeit. Er kam erst eine Stunde, nachdem der Schuß gefallen war, als Tatjana Pawlownas Wohnung schon wieder ein ganz andres Bild darbot. Nämlich: etwa fünf Minuten, nachdem Wersilow blutüberströmt auf den Teppich gestürzt war, hatte sich Lambert, den wir alle für tot gehalten hatten, aufgerichtet und war aufgestanden. Er hatte sich erstaunt umgesehen, hatte dann plötzlich den Zusammenhang begriffen und war, ohne ein Wort zu sagen, in die Küche hinausgegangen, hatte dort seinen Pelz angezogen und war dann für immer verschwunden. Das »Dokument« ließ er auf dem Tische liegen. Wie ich höre, ist er nicht einmal krank gewesen, sondern war nur ein wenig unpäßlich: der Schlag mit dem Revolver hatte ihn betäubt und sein Blut fließen lassen, ihm aber weiter keinen Schaden getan. Inzwischen war Trischatow schon nach dem Doktor gelaufen; aber bevor der Arzt eintraf, kam auch Wersilow zum Bewußtsein, und noch früher schon hatte Tatjana Pawlowna Katerina Nikolajewna zu sich gebracht und war mit ihr in deren Wohnung gefahren. So befanden sich, als Bjoring angestürzt kam, in Tatjana Pawlownas Wohnung nur ich, der Arzt, der kranke Wersilow und Mama, zu der Trischatow gleichfalls gelaufen war, und die, obgleich noch krank, doch ganz außer sich herbeigeeilt war. Bjoring sah uns mit mißtrauischen Augen an; und sobald er erfahren hatte, daß Katerina Nikolajewna schon nach Hause gefahren war, war er ihr nachgeeilt, ohne auch nur ein Wort mit uns zu wechseln.

Er war stutzig geworden; er sah klar, daß jetzt Skandal und Gerede beinahe unvermeidlich waren. Ein großer Skandal wurde übrigens nicht daraus, es liefen nur Gerüchte um. Jenen Schuß ganz zu verheimlichen, gelang nicht – das ist ja richtig; aber das Wesentliche der ganzen Geschichte, ihr eigentlicher Zusammenhang, blieb so gut wie unbekannt; die Nachforschungen ergaben nur folgendes: ein gewisser W., ein Familienvater von fast fünfzig Jahren, hätte, von einer unglücklichen Liebe zu einer hochachtbaren Dame ergriffen, die seine Gefühle nicht geteilt hätte, ihr in wilder Leidenschaft eine Liebeserklärung gemacht und dabei in einem Irrsinnsanfall auf sich selbst geschossen. Weiter drang nichts an die Öffentlichkeit, und in dieser Gestalt kam die Nachricht auch als dunkles Gerücht in die Zeitungen, ohne Namen, nur mit den Anfangsbuchstaben. Wenigstens weiß ich, daß zum Beispiel auf Lambert durchaus kein Verdacht fiel. Nichtsdestoweniger wurde Bjoring, der die Wahrheit kannte, stutzig. Und gerade damals mußte er, als ob das Schicksal das gewollt hätte, von jener Zusammenkunft unter vier Augen erfahren, die Katerina Nikolajewna zwei Tage vor der Katastrophe dem in sie verliebten Wersilow gewährt hatte. Das erregte ihn sehr, und er ließ sich Katerina Nikolajewna gegenüber zu der unvorsichtigen Bemerkung hinreißen, nun wundre es ihn nicht mehr, daß ihr so phantastische Geschichten passieren könnten. Katerina Nikolajewna gab ihm daraufhin sofort den Laufpaß, ohne Zorn, aber auch ohne Schwanken. Ihre abergläubische Meinung, eine Vernunftehe mit diesem Menschen würde das beste für sie sein, war wie Rauch verflogen. Sie mag ihn ja wohl auch schon lange vorher durchschaut haben, und vielleicht hatten sich infolge der Erschütterung, die sie erlitten hatte, auch plötzlich manche ihrer Ansichten und Gefühle geändert. Aber des weiteren will ich auch hierüber Stillschweigen bewahren. Ich füge nur noch hinzu, daß Lambert nach Moskau verschwand; und ich höre, daß er dort bei irgend etwas erwischt worden ist. Und Trischatow habe ich schon lange, fast seit damals schon, aus den Augen verloren, so sehr ich mich selbst heute noch bemühe, seine Spur aufzufinden. Er verschwand nach dem Tode seines Freundes, »le grand dadais«, der sich erschossen hat.

 

2

Ich habe schon erwähnt, daß der alte Fürst Nikolaj Iwanowitsch tot ist. Der gute, sympathische, alte Herr ist bald nach jenen Ereignissen gestorben, das heißt, doch erst einen vollen Monat danach. Er starb in der Nacht, in seinem Bette, an einem Nervenschlag. Ich habe ihn seit dem Tage, den er in meiner Wohnung verbrachte, nicht mehr wiedergesehen. Mir wurde erzählt, er wäre in diesem Monat viel vernünftiger geworden, sogar weniger gefühlvoll, er wäre nicht mehr so ängstlich gewesen, hätte nicht mehr geweint und Anna Andrejewna mit keinem einzigen Worte erwähnt. Seine ganze Liebe hatte sich seiner Tochter zugewendet. Katerina Nikolajewna hat ihm einmal, etwa eine Woche vor seinem Ende, vorgeschlagen, mich zu seiner Unterhaltung rufen zu lassen, aber er war sogar direkt ärgerlich darüber geworden: diese Tatsache teile ich ohne alle Erläuterungen mit. Es zeigte sich nach seinem Tode, daß sein Landbesitz sich im besten Stande befand, und daß außerdem ein sehr bedeutendes Kapital vorhanden war. Gegen ein Drittel dieses Kapitals wurde, gemäß dem Testamente des alten Herrn, unter seine zahlreichen Tauftöchter verteilt; höchst sonderbar aber erschien es jedermann, daß Anna Andrejewna in dem Testamente überhaupt nicht erwähnt war: ihr Name war einfach fortgelassen. Dafür ist mir aber folgende unbestreitbare Tatsache bekannt: erst wenige Tage vor seinem Ende berief der alte Herr seine Tochter und seine beiden Freunde, Herrn Pelistschow und den Fürsten W., zu sich und beauftragte Katerina Nikolajewna im Hinblick auf die Möglichkeit seines baldigen Hintrittes, von seinem Kapital Anna Andrejewna die Summe von sechzigtausend Rubeln auszuzahlen. Er äußerte diesen seinen Willen präzis, klar und kurz, ohne irgendeinen Seufzer oder eine nähere Erklärung. Nach seinem Tode, und als die Verhältnisse geordnet waren, unterrichtete Katerina Nikolajewna Anna Andrejewna durch ihren Anwalt davon, daß sie diese sechzigtausend Rubel jederzeit erheben könne, sobald sie wolle; Anna Andrejewna aber lehnte das trocken und ohne viele Worte ab: sie weigerte sich, das Geld anzunehmen, trotz aller Versicherungen, daß dies tatsächlich der letzte Wille des Fürsten gewesen wäre. Dies Geld liegt noch immer da und wartet auf sie, und Katerina Nikolajewna hofft noch immer daß sie ihren Entschluß ändern werde; aber das wird nicht geschehen, und ich weiß das so genau, weil ich jetzt einer der nächsten Bekannten und Freunde Anna Andrejewnas bin. Ihre Weigerung hat einigen Lärm verursacht, und es ist viel davon gesprochen worden. Ihre Tante, Frau Fanariotowa, die anfangs infolge ihrer Skandalgeschichte mit dem alten Fürsten sehr kühl gegen sie geworden war, hat auf einmal ihre Meinung geändert und sie nach der Zurückweisung des Geldes feierlich ihrer vollkommensten Hochachtung versichert. Dafür hat ihr Bruder sich mit ihr deswegen endgültig überworfen. Aber wenn ich auch häufig zu Anna Andrejewna komme, so will ich doch nicht sagen, daß wir uns auf große Intimitäten einlassen; die alten Geschichten erwähnen wir überhaupt nicht; sie empfängt mich sehr gern bei sich, unterhält sich mit mir aber auf sehr abstrakte Art. Unter anderm hat sie mir versichert, sie ginge ganz bestimmt ins Kloster; das ist noch nicht lange her; aber ich glaube ihr nicht und halte das nur für ein bittres Wort.

Aber ein bittres, ein in Wahrheit bittres Wort liegt mir noch insbesondre über meine Schwester Lisa zu sagen ob. Das ist wirklich ein Unglück; und was sind alle meine Mißerfolge gegenüber ihrem bittern Schicksal! Es fing damit an, daß Fürst Sergej Petrowitsch nicht genas und, noch bevor das Urteil gesprochen worden war, im Lazarett starb. Er ist noch vor Fürst Nikolaj Iwanowitsch gestorben. Lisa blieb mit ihrem künftigen Kinde allein zurück. Sie weinte nicht und war äußerlich sogar ruhig; sie wurde sanft und versöhnlich; aber die ganze ehemalige Glut ihres Herzens war plötzlich gleichsam irgendwo in den Tiefen des Innern begraben. Sie half Mama freundlich und pflegte den kranken Andrej Petrowitsch, aber sie wurde furchtbar wortkarg und schenkte keinem Menschen, ja, keiner Sache einen Blick, als wäre ihr alles gleich, als ginge sie gleichsam nur so an allem vorüber. Als Wersilows Zustand sich besserte, begann sie viel zu schlafen. Ich brachte ihr Bücher, sie las sie aber nicht; sie fing an schrecklich abzumagern. Ich wagte den Versuch nicht, sie zu trösten, wenn ich auch oft in dieser Absicht zu ihr kam; aber in ihrer Gegenwart fand ich gleichsam keine Brücke zu ihr, und ich fand auch die richtigen Worte nicht, um davon anzufangen. So ging das weiter, bis dann ein schrecklicher Unglücksfall eintrat: sie fiel unsre Treppe hinunter, nicht hoch, nur drei Stufen, aber sie hatte eine Fehlgeburt, und ihre Krankheit zog sich den ganzen Winter hin. Jetzt ist sie aus dem Bette aufgestanden, aber ihre Gesundheit hat einen Stoß für lange bekommen. Sie ist wie früher wortkarg und vergrübelt in unsrer Gesellschaft, mit Mama aber spricht sie jetzt ein wenig. Alle diese Tage hat die Frühlingssonne grell und hoch am Himmel gestanden, und ich mußte in meinem Sinn immer an jenen sonnigen Morgen im vorigen Herbst denken, an dem ich mit ihr durch die Straßen ging und wir beide froh und hoffnungsvoll waren und einander lieb hatten. O weh, was ist seitdem alles geschehen! Ich beklage mich nicht, für mich ist ein neues Leben angebrochen; aber sie? Ihre Zukunft ist mir ein Rätsel, und heute kann ich sie nicht ansehen, ohne Schmerz zu empfinden.

Vor drei Wochen gelang es mir aber doch, ihr Interesse durch eine Kunde von Wasin zu erregen. Er war endlich aus der Haft entlassen und definitiv außer Verfolgung gesetzt worden. Dieser vernünftige Mensch soll, wie man erzählt, die genauesten Aufschlüsse gegeben und die interessantesten Mitteilungen gemacht haben, die ihn in den Augen der Leute, von denen sein Schicksal abhing, vollkommen gerechtfertigt hätten. Ja, selbst sein berühmtes Manuskript erwies sich als nichts weiter als eine Übersetzung aus dem Französischen, sozusagen als Material, das er ausschließlich für sich persönlich gesammelt hatte, in der Absicht, daraus späterhin einen staatserhaltenden Artikel für eine Zeitschrift zu machen. Er ist jetzt ins Gouvernement . . . gezogen, sein Stiefvater Stebelkow aber sitzt noch immer in Untersuchungshaft wegen seines Prozesses, der, wie ich höre, je länger er dauert, immer weitre Kreise zieht und sich immer mehr kompliziert. Lisa hat diese Kunde über Wasin mit einem eigentümlichen Lächeln vernommen und dazu die Bemerkung gemacht, es hätte bei ihm auch gar nicht anders gehen können. Aber sie war sichtlich befriedigt davon – natürlich deshalb, weil die Denunziation des verstorbenen Fürsten Sergej Petrowitsch Wasin nicht geschadet hatte. Von Dergatschow und den andern habe ich hier weiter nichts zu sagen.

Ich stehe am Ende. Vielleicht möchte ein oder der andre Leser wissen: wo eigentlich meine »Idee« geblieben ist, was das eigentlich für ein neues Leben ist, das für mich begonnen hat, und von dem ich so geheimnisvoll orakle. Aber dieses neue Leben, dieser neue Weg, der sich vor mir aufgetan hat, ist ja eben meine »Idee«, dieselbe wie früher, nur hat sie jetzt eine ganz andre Gestalt angenommen, so daß man sie überhaupt nicht mehr wiedererkennen würde. Aber in meine »Aufzeichnungen« gehört das nicht mehr hinein, weil dies schon ganz etwas andres ist. Das alte Leben liegt weit hinter mir, und das neue beginnt erst gerade. Aber eins muß ich unbedingt noch sagen: Tatjana Pawlowna, meine aufrichtige und liebe Freundin, liegt mir beinahe jeden Tag mit Ermahnungen in den Ohren, ich solle unbedingt und sobald wie möglich die Universität beziehen: »Nachher, wenn du dein Studium abgeschlossen hast, denk' dir aus, was du willst, aber zuerst beende dein Studium.« Ich muß gestehen, ich ziehe ihren Vorschlag in Erwägung, weiß aber noch gar nicht, wozu ich mich entschließen werde. Ich habe ihr unter anderm den Einwand gemacht, ich hätte jetzt überhaupt nicht das Recht, zu studieren, weil ich für Mamas und Lisas Unterhalt arbeiten müßte; aber sie bietet mir hierfür ihr Geld an und versichert mir, daß es mit Leichtigkeit für die ganze Zeit meines Studiums reichen würde. Ich entschloß mich endlich, doch jemand um Rat zu fragen. Ich blickte um mich und überlegte mir die Wahl dieses Mannes sorgfältig und kritisch. Es ist Nikolaj Semionowitsch, mein ehemaliger Erzieher in Moskau, Maria Iwanownas Mann. Nicht, daß ich so sehr irgendeines Rates bedurft hätte; ich spürte einfach eine unwiderstehliche Lust, die Meinung dieses ganz fernstehenden Mannes zu hören, der sogar bis zu einem gewissen Grade ein kalter Egoist, aber unstreitig ein kluger Mensch ist. Ich schickte ihm mein ganzes Manuskript und bat ihn um Verschwiegenheit, weil ich es noch niemand gezeigt hatte, auch Tatjana Pawlowna nicht. Das Manuskript gelangte vierzehn Tage darauf mit einem ziemlich langen Briefe an mich zurück. Aus diesem Briefe will ich nur ein paar Auszüge hierhersetzen, weil ich darin eine gewisse allgemeine Anschauung und etwas finde, was gleichsam zur Erklärung dieser Aufzeichnungen dienen könnte. Ich gebe im folgenden also diese Auszüge.

 

3

». . . Und ich finde, mein mir immer treu gebliebener Arkadij Makarowitsch, daß Sie Ihre zeitweilige Muße zu nichts Nutzbringenderem hätten verwerten können, als zur Aufzeichnung dieser Ihrer ›Memoiren‹! Sie haben sich, sozusagen, bewußt Rechnung gelegt über ihre ersten, ungestümen und gewagten Schritte im Leben. Ich bin fest überzeugt, daß Sie sich durch diese Darlegung in der Tat sehr wohl ›zu einem andern Menschen haben umerziehen können‹, wie Ihr eigner Ausdruck lautet. Im eigentlichen Sinne kritische Bemerkungen erlaube ich mir selbstredend nicht im geringsten: wenn einem auch jede einzelne Seite zu denken gibt . . . So ist zum Beispiel der Umstand, daß Sie das »Dokument« so lange und so hartnäckig in der Hand behalten haben, im höchsten Grade charakteristisch . . . Aber dies ist nur eine unter hundert Bemerkungen, die ich so im stillen für mich gemacht habe. Sehr zu schätzen weiß ich es gleichfalls, daß Sie sich entschlossen haben, mir, und wie mir scheint, mir ganz allein das ›Geheimnis Ihrer Idee‹, anzuvertrauen, wie Sie selber sich ausdrücken. Aber was Ihre Bitte betrifft, ich solle Ihnen meine Meinung eben über diese ›Idee‹ mitteilen, so muß ich sie rundweg abschlagen: erstens fände sie in einem Brief nicht Platz, und zweitens bin ich selber noch nicht zur Beantwortung dieser Frage bereit und muß das selbst erst noch länger mit mir herumtragen. Ich möchte nur bemerken, daß Ihre ›Idee‹ sich durch Originalität auszeichnet, während die jungen Leute der heutigen Generation sich größtenteils nicht auf selbsterdachte, sondern auf im voraus gegebne Ideen werfen; und der Vorrat daran ist nicht gerade groß, und sie sind häufig noch dazu gefährlich. Ihre ›Idee‹ zum Beispiel hat Sie wenigstens zeitweilig vor den Ideen der Herren Dergatschow und Genossen bewahrt, die zweifellos nicht so originell sind wie die Ihre. Und schließlich bin ich im höchsten Maße mit der Ansicht der von mir hochverehrten Tatjana Pawlowna einverstanden, die ich zwar persönlich kenne, die ich aber bisher noch nicht so geschätzt hatte, wie sie es verdient. Ihr Gedanke, Sie auf die Universität zu schicken, wird für Sie vom größten Vorteil sein. Die Wissenschaft und das Leben werden die Horizonte Ihrer Gedanken und Bestrebungen in drei, vier Jahren sicherlich noch weiter stecken, und wenn sie sich nach Absolvierung der Universität wieder Ihrer ›Idee‹ zuwenden wollen, wird Sie ja niemand daran hindern.

Jetzt gestatten Sie mir selber, auch ohne daß Sie mich darum gebeten hätten, Ihnen ganz offenherzig einige Gedanken und Eindrücke auszusprechen, die mir bei der Lektüre Ihrer so offenherzigen »Aufzeichnungen« durch Herz und Sinn gegangen sind. Ja, ich bin ganz einverstanden mit Andrej Petrowitsch: man konnte Ihretwegen und Ihrer vereinsamten Jugend wegen in der Tat allerlei Befürchtungen haben. Und es gibt Ihresgleichen unter unsern jungen Leuten nicht wenige, und ihre Fähigkeiten drohen in der Tat immer sich zum Schlechten zu entwickeln – entweder zu stummer Kriecherei oder zur heimlichen Sehnsucht nach Unordnung. Aber diese Sehnsucht nach Unordnung entspringt – und sicher sogar in den meisten Fällen – vielleicht dem verheimlichten Durste nach Ordnung und ›Vornehmheit‹ – (ich gebrauche Ihren Ausdruck). Die Jugend ist schon darum rein, weil sie die Jugend ist. Vielleicht liegt in diesen so frühzeitigen Ausbrüchen der Unvernunft eben dieser Durst nach Ordnung, dieses Suchen nach Wahrheit verborgen; und wer trägt denn die Schuld daran, daß manche jungen Leute von heute diese Wahrheit und diese Ordnung in so törichten und lächerlichen Dingen suchen, daß man einfach nicht begreift, wie sie daran glauben können. Ich möchte hier gleich bemerken, daß diese interessanten jungen Leute früher, in einer noch nicht gar so weit zurückliegenden Zeit, noch vor einer Generation, – daß diese jungen Leute damals noch gar nicht so sehr zu bedauern waren, weil sie in jener Zeit fast immer damit endeten, daß sie sich später erfolgreich unsrer höchsten Kulturschicht anschlossen und mit ihr zu einem Ganzen verschmolzen. Und wenn sie auch zum Beispiel im Anfang ihrer Laufbahn erkennen mußten, wie unordentlich und zufällig ihre Existenz war, wie wenigstens ihren Familienverhältnissen alle Vornehmheit mangelte, wie sehr sie die Familientradition und die schönen, vollendeten Formen entbehrten, so war das doch nur um so besser, weil sie selber nachher bewußt darum rangen und das alles dadurch nur um so höher schätzen lernten. Heute liegen die Verhältnisse schon ganz anders – eben weil kaum eine höhere Schicht vorhanden ist, der man sich anschließen könnte.

Ich möchte das durch ein Gleichnis oder sozusagen durch ein Beispiel klarer machen. Wenn ich ein russischer Romanschriftsteller wäre und Dichtertalent hätte, so würde ich mir meine Helden ganz bestimmt aus dem russischen Geburtsadel wählen, denn nur an diesem einen Kreise von russischen Kulturmenschen ist es möglich, eine schöne Ordnung aufzuzeigen und einen Eindruck von Schönheit zu geben, den ein Roman zur ästhetischen Wirkung auf den Leser so unbedingt braucht. Ich sage das durchaus nicht scherzhaft, wenn schon ich selber ja ganz und gar kein Edelmann bin, was Ihnen übrigens bekannt ist. Schon Puschkin hat sich die Stoffe für seine geplanten Romane aus den ›Überlieferungen der russischen Familie‹ ausgesucht; und glauben Sie mir, dort findet sich alles, was es bisher an Schönem bei uns zulande gegeben hat. Wenigstens findet sich dort alles auch nur einigermaßen Vollendete, was es bei uns gegeben hat. Ich sage das nicht, weil ich so bedingungslos von der absoluten Richtigkeit und Wahrhaftigkeit dieser Schönheit überzeugt wäre; aber es gab da doch zum Beispiel schon vollendete Formen für Ehre und Pflicht, wogegen es außerhalb des Adels in ganz Rußland in dieser Hinsicht nicht nur nichts Vollendetes, sondern nicht einmal irgendwo die ersten Anfänge gibt. Ich spreche als ein Mensch, der ruhig ist und nach Ruhe strebt.

Ob dieser Ehrbegriff gut, dieses Pflichtbewußtsein auf richtiger Bahn ist – das ist eine andre Frage; die Hauptsache für mich ist eben die vollendete Form und wenigstens das kleine bißchen Ordnung, und eine nicht gesetzlich vorgeschriebene, sondern eine aus sich selbst heraus erworbne Ordnung. Lieber Gott, das wichtigste für uns wäre endlich irgendeine, aber eine selbsterworbene Ordnung! Darin lag unsre Hoffnung und, sozusagen, unser Trost: doch endlich irgend etwas gebaut zu sehen, und nicht dies ewige Einreißen, nicht die ewig umherfliegenden Späne, nicht nur Bauschutt und Staub, aus denen schon seit zweihundert Jahren immer noch nichts hervorgehen will.

Sagen Sie nicht, ich sei eine Slawophile; ich sage das nur so, aus Misanthropie, weil mir schwer ums Herz ist! Denn jetzt, seit kurzer Zeit, spielen sich bei uns Vorgänge ab, die den oben geschilderten vollkommen entgegengesetzt sind. Der Schutt von unten verwächst jetzt nicht mehr mit der höheren Menschenschicht, sondern im Gegenteil, von der schönen Schicht bröckeln mit fröhlicher Eilfertigkeit Stückchen und Trümmer ab und fallen auf einen Haufen mit den Freunden der Unordnung und den Neidischen. Und es ist durchaus kein vereinzelter Fall, daß die Väter und Familienhäupter in Familien von alter Kultur heute schon über das lachen, woran ihre Kinder vielleicht noch hätten glauben wollen. Mehr noch: sie zeigen ihren Kindern begeistert ihre gierige Freude über das plötzlich proklamierte Recht auf Ehrlosigkeit, das Scharen von Menschen auf einmal Gott weiß woraus herleiten. Ich spreche nicht von echten Fortschrittlern, liebster Arkadij Makarowitsch, sondern von dem sehr zahlreichen Gesindel, von dem gesagt ist: ›Grattez le Russe et vous verrez le Tartare.‹ Und glauben Sie mir, echte Liberale, echte und weitherzige Freunde der Menschheit, gibt es bei uns durchaus nicht in der großen Zahl, wie wir plötzlich geglaubt hatten.

Aber das alles ist Philosophie; kehren wir zu unserm fingierten Romanschriftsteller zurück. Seine Lage wäre in einem solchen Falle ganz fest umschrieben: er könnte in keinem andern Stil schreiben als im historischen, weil es einen schönen Typus in unsrer Zeit nicht mehr gibt, und wenn sich auch Reste davon erhalten haben, so haben sie, nach der heute herrschenden Meinung, die Schönheit nicht mehr für sich. Oh, im historischen Stile kann man noch eine Menge äußerst sympathischer und tröstlicher Einzelheiten schildern! Man kann den Leser sogar so sehr mit sich fortreißen, daß er das historische Bild auch noch in der Gegenwart für möglich hält. Ein solches Werk von einem großen Talente würde schon nicht mehr so sehr der russischen Literatur, als vielmehr der russischen Geschichte angehören. Das wäre ein künstlerisch vollendetes Abbild einer russischen Fata Morgana, die aber tatsächlich existieren würde, solange man nicht darauf käme, daß es eine Fata Morgana ist. Dieses Bild müßte eine russische Familie aus der über dem Durchschnitt stehenden Kulturschicht durch drei Generationen im Zusammenhang mit den gleichzeitigen Ereignissen der russischen Geschichte zeigen – und der Enkel der Helden, der Vertreter der dritten Generation, könnte da als Typus der Gegenwart nicht anders dargestellt werden, als in einer etwas misanthropischen, vereinsamten und sicherlich traurigen Lebensstimmung. Er muß sogar als eine Art Sonderling erscheinen, so daß der Leser auf den ersten Blick erkennt: hier steht ein aus seiner Bahn Geschleuderter vor mir, und die Überzeugung gewinnt, daß er keine Bahn mehr vor sich hat. Blickt man noch weiter – dann wird sogar auch dieser misanthropische Enkel verschwunden sein; neue Gesichter werden auftauchen, die wir heute noch nicht kennen, und eine neue Fata Morgana. Wie aber werden diese Gesichter aussehen? Sind sie nicht schön, so ist weiterhin der russische Roman eine Unmöglichkeit. Aber, o weh! Ob dann wohl bloß der Roman eine Unmöglichkeit sein würde?

Statt in die Weite zu schweifen, greife ich nach Ihrem Manuskript. Betrachten Sie sich bitte zum Beispiel die zwei Familien des Herrn Wersilow (diesmal erlauben Sie mir schon, vollkommen aufrichtig zu sein). Erstlich: über Andrej Petrowitsch selbst will ich mich nicht weiter auslassen; aber immerhin gehört er doch zu den Familienhäuptern. Er ist ein Edelmann vom ältesten Schlage und gleichzeitig ein Pariser Kommunard. Er ist eine aufrichtig poetische Seele und liebt sein Rußland, dafür negiert er es aber auch gänzlich. Er hat gar keine Religion, aber er ist fast bereit, sein Leben zu lassen – für irgend etwas Vages, dem er selbst keinen Namen zu geben vermöchte, woran er aber mit Leidenschaft glaubt, nach dem Beispiel einer Menge von russisch-europäischen Zivilisatoren aus der Petersburger Epoche der russischen Geschichte. Aber genug von ihm selbst. Nun ist aber noch seine legitime Familie da; von seinem Sohne will ich nicht sprechen, er ist dieser Ehre nicht wert. Wer Augen hat, zu sehen, der weiß im voraus, wohin bei uns solche Taugenichtse treiben und wozu sie übrigens auch andre mitreißen. Aber da ist seine Tochter Anna Andrejewna; und wer könnte diesem jungen Mädchen den Charakter absprechen? Ein Typus von der Art der hochwürdigen Äbtissin Mitrofania – selbstverständlich will ich damit nicht prophezeien, daß sie Verbrechen begehen könnte, das wäre ungerecht von mir. Sagen Sie, Arkadij Makarowitsch, mir jetzt, daß diese Familie eine zufällige Erscheinung sei . . . ich würde mich darüber gewiß von Herzen freuen. Aber dürfte nicht im Gegenteil der Schluß zutreffend sein, daß heutzutage schon eine Menge von sicherlich vornehmen russischen Familien mit unwiderstehlicher Gewalt zu zufälligen Familien geworden ist und sich mit den wirklich zufälligen Familien in der einen Unordnung und dem einen Chaos vermengt hat? Jawohl, Arkadij Makarowitsch, Sie sind der Sprößling einer zufälligen Familie, im Gegensatz zu dem bei uns vor nicht gar so langer Zeit herrschenden Typus des jungen Mannes aus vornehmer Familie, der eine von der Ihrigen so ganz verschiedne Kindheit und Abstammung sein eigen nannte.

Ich muß gestehen, ich möchte kein Romanschriftsteller sein, der einen Helden aus einer zufälligen Familie zu schildern hätte!

Es ist eine undankbare Arbeit, und sie entbehrt der schönen Form. Und dann sind doch diese Typen in jedem Falle etwas Gegenwärtiges und können darum nicht künstlerisch abgeschlossen dargestellt werden. Es können einem große Fehler unterlaufen, Übertreibungen sind möglich und Versehen. Jedenfalls müßte man gar zuviel erraten. Aber was soll schließlich ein Schriftsteller tun, der nicht nur im historischen Stil schreiben will, und den die Trauer um das Gegenwärtige gefangenhält? Er muß erraten und . . . sich irren.

Aber solche Aufzeichnungen wie die Ihren könnten, glaube ich, als Material für ein künftiges Kunstwerk dienen, für ein künftiges Bild einer unordentlichen, aber schon vergangenen Epoche. Oh, wenn der Zorn des Tages verrauscht ist und die Zukunft da ist, dann kann ein künftiger Künstler selbst für die Darstellung der Unordnung und des Chaos von ehemals schöne Formen finden. Sehn Sie, dann wird man solche ›Aufzeichnungen‹ brauchen können wie die Ihren, und sie werden einem zum Material werden können – wenn sie nur aufrichtig sind, mögen sie selbst noch so chaotisch und zufällig sein . . . Es werden sich darin doch wenigstens ein paar richtige Züge erhalten haben, aus denen man wird erraten können, was wohl im Herzen so manches ›Halbwüchslings‹ jener wirren Zeit verborgen gelegen haben mag – wahrlich keine unnütze Kunde, denn aus den Halbwüchslingen erwachsen die Generationen . . .«

 

1875

 

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