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Ein Werdender - Zweiter Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Zweiter Band - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Zweiter Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
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Zwölftes Kapitel

1

Und endlich traf ich Tatjana Pawlowna! Ich erzählte ihr kurz und gut alles – alles, was sich auf das Dokument bezog, und alles bis zur letzten Kleinigkeit, was heute in meiner Wohnung geschehen war. Wenn sie selber auch diese Ereignisse nur zu gut begriff und alles aus zwei Worten hätte entnehmen können, so nahm uns die Verständigung darüber doch vielleicht zehn Minuten. Ich sprach allein, ich sagte die ganze Wahrheit und schämte mich nicht. Sie saß schweigend und regungslos, gerade aufgerichtet wie eine Stricknadel auf ihrem Stuhle, die Lippen zusammengepreßt, ohne den Blick von mir zu verwenden, und gespannt lauschend. Als ich aber ausgesprochen hatte, sprang sie auf einmal so hastig von ihrem Stuhle auf, daß ich gleichfalls aufsprang.

»Ach, du junger Hund! So war dieser Brief also wirklich in deine Tasche eingenäht, und eingenäht hat ihn diese Gans von einer Maria Iwanowna! Ach ihr scheußlichen Ekel! So bist du also hergekommen, um Herzen zu bezwingen, um die vornehme Gesellschaft zu besiegen. Du wolltest dich an Satan Iwanowitsch dafür rächen, daß du ein unehelicher Sohn bist?«

»Tatjana Pawlowna,« rief ich, »lassen Sie das Zanken! Vielleicht sind gerade Sie, mit Ihrem Zanken, von Anfang an die Ursache meiner Erbitterung hier gewesen. Ja, ich bin ein unehelicher Sohn, und ich wollte mich vielleicht wirklich dafür rächen, daß ich ein unehelicher Sohn bin, und vielleicht wirklich an irgendeinem Satan Iwanowitsch, weil der Satan selber ja nicht herausbringen kann, wer da die Schuld trägt; aber bedenken Sie: ich habe den Pakt mit den Halunken zurückgewiesen und meine Leidenschaften besiegt! Ich werde schweigend das Dokument vor sie hinlegen und davongehen, ohne auch nur ein Wort von ihr zu erwarten; Sie werden selber Zeuge sein!«

»Gib her, gib den Brief sofort her, leg' ihn sofort hier auf den Tisch! Ja, du schwindelst am Ende gar?«

»Er ist in meine Tasche eingenäht; Maria Iwanowna hat ihn selbst eingenäht; und als ich mir hier einen neuen Rock hatte machen lassen, hab' ich ihn aus dem alten herausgenommen und ihn selber in den neuen Rock eingenäht; hier ist er, fühlen Sie nur, ich schwindle nicht!«

»Gib her, hol' ihn heraus!« drängte Tatjana Pawlowna stürmisch.

»Um keinen Preis, das sag' ich Ihnen noch einmal; ich werde ihn in Ihrem Beisein vor sie hinlegen und davongehen, ohne auf ein einziges Wort von ihr zu warten; aber sie muß es wissen und mit eignen Augen sehen, daß ich, ich selbst ihn ihr übergebe, freiwillig, ohne Nötigung und ohne Lohn.«

»Schon wieder solche Fatzkereien? Immer noch verknallt in sie, du junger Hund?«

»Sagen Sie mir so viel Schnödigkeiten, wie Sie wollen; ich mag das ja verdient haben, aber ich nehme es nicht übel. Oh, mag ich ihr doch als ein kleiner Junge erscheinen, der ihr aufgelauert und ein Komplott gegen sie geplant hat; aber sie soll erkennen, daß ich mich selbst überwunden habe und ihr Glück über alles in der Welt gestellt habe! Macht nichts, Tatjana Pawlowna, macht nichts! Ich rufe mir zu: Courage und Hoffnung! Mag nun dies mein erster Schritt ins Leben hinaus gewesen sein, aber er ist gut ausgegangen, er ist vornehm ausgegangen. Und was ist dabei, daß ich sie liebe,« fuhr ich verzückt und mit leuchtenden Augen fort, »ich schäme mich dessen nicht: Mama ist ein Engel vom Himmel, sie aber ist die Königin der Erde! Wersilow wird zu Mama zurückkehren: und mich vor ihr zu schämen, habe ich keinen Grund; ich habe ja doch gehört, was sie und Wersilow zueinander gesagt haben, ich stand hinter der Portiere . . . Oh, wir sind alle drei ›Kollegen im Wahnsinn‹! Ja! wissen Sie denn, von wem dies Wörtchen stammt: ›Kollegen im Wahnsinn‹? Es stammt von ihm, von Andrej Petrowitsch! Und wissen Sie auch, daß wir hier vielleicht mehr als drei Wahnsinnskollegen sind? Ich möchte doch wetten, daß Sie, als vierte, zu den Wahnsinnskollegen gehören! Wissen Sie was: ich möchte wetten, daß Sie selber ihr Leben lang in Andrej Petrowitsch verliebt waren und es vielleicht heute noch sind . . .«

Ich sag' es noch einmal: ich war verzückt und befand mich in einer Art Glückstaumel, aber ich konnte meine Rede nicht zu Ende führen: sie faßte mich plötzlich, mit gleichsam unnatürlicher Geschwindigkeit, in die Haare und duckte meinen Kopf zweimal aus aller Kraft abwärts . . . dann ließ sie mich plötzlich fahren, sie ging in eine Ecke, stellte sich mit dem Gesicht zur Wand und verhüllte ihr Gesicht mit dem Taschentuche.

»Junger Hund! Riskier' es nicht, mir das noch einmal zu sagen!« sagte sie schluchzend.

Das kam mir so unerwartet, daß ich natürlich starr war. Ich stand da und sah sie an und wußte noch nicht, was ich tun solle.

»Pfui, du Esel! Komm her und gib mir dummer Gans einen Kuß,« sagte sie plötzlich, lachend und weinend, »und riskier' es nicht, riskier' es nie, das noch einmal zu mir zu sagen . . . Und dich hab' ich lieb und hab' dich mein Leben lang liebgehabt . . . du Esel.«

Ich küßte sie. Ich bemerke hierzu in Klammern: von dieser Zeit her schreibt sich meine Freundschaft mit Tatjana Pawlowna.

»Ach ja! Was treib' ich denn!« rief sie plötzlich und schlug sich vor die Stirn. »Was sagst du da: der alte Fürst in deiner Wohnung? Ist das denn wahr?«

»Verlassen Sie sich darauf.«

»Ach, du mein Gott! Ach, mir ist ganz übel!« rief sie und drehte sich und fuhr im Zimmer herum. »Und die machen da mit ihm, wozu sie Lust haben! Das heilige Gewitter soll doch in diese Schafsköpfe schlagen! Und seit heute früh schon. Ei, ei, Anna Andrejewna! Ei, ei, die Nonne! Und diese Person da, diese Militrisa, hat noch keinen Dunst davon!«

»Was für eine Militrisa?«

»Na, die Königin der Erde, das sogenannte Ideal! Hu, und was macht man jetzt?«

»Tatjana Pawlowna!« rief ich und kam auf einmal zur Besinnung, »wir reden lauter dummes Zeug und vergessen die Hauptsache: ich bin ja gekommen, um Katerina Nikolajewna zu holen, und die sitzen da jetzt alle und warten darauf, daß ich wiederkomme.«

Und ich erklärte ihr, daß ich ihr bei der Auslieferung des Dokumentes die einzige Bedingung stellen wolle, sie sollte ihr Wort geben, sich ungesäumt mit Anna Andrejewna zu versöhnen und sogar ihre Zustimmung zu dieser Heirat zu geben . . .

»Wundervoll!« unterbrach mich Tatjana Pawlowna. »Das ist's ja, was ich ihr schon hundertmal gepredigt habe. Er stirbt ja doch vor der Hochzeit – heiraten tut sie ihn also sowieso nicht, und wenn er ihr in seinem Testament Geld hinterlassen will, der Anna, so steht es ja sowieso schon drin und ist ihr verschrieben . . .«

»Ist es denn Katerina Nikolajewna wirklich nur ums Geld zu tun?«

»Nein, sie hatte nur immer Angst, die Anna hätte das Dokument, und ich hatte diese Angst auch. Darum haben wir sie auch überwacht. Sie wollte nicht, daß ihr alter Vater solchen Stoß bekäme; aber diesem Wurstdeutschen, dem Bjoring, war es natürlich auch ums Geld zu tun.«

»Und daraufhin bringt sie es noch über sich, diesen Bjoring zu heiraten?«

»Ja, was machst du mit so einer Gans? Was mal eine Gans ist, bleibt auch eine Gans in alle Ewigkeit. Weißt du, ihre Ruhe will sie mit ihm haben; sie sagt: ›Irgendeinen muß man doch heiraten, und da dürfte er so im ganzen der geeignetste sein‹; na, wir werden ja sehen, wie geeignet der im ganzen wird. Nachher wird sie sich schon die Haare raufen; aber dann ist es zu spät.«

»Ja, warum lassen Sie das denn zu? Sie lieben sie ja doch; Sie haben ihr ja doch ins Gesicht gesagt, Sie wären verliebt in sie!«

»Ich bin verliebt in sie, und ich liebe sie mehr als euch alle zusammengenommen, aber trotz alledem ist sie eine blödsinnige Gans!«

»Also, dann laufen Sie jetzt und holen Sie sie, und wir bringen alles zum Abschluß und führen sie dann zu ihrem Vater.«

»Das geht ja nicht, das geht ja nicht, Närrchen! Das ist ja die Geschichte! Ach! was soll man tun? Ach, mir ist ganz übel!« Sie fuhr wieder im Zimmer herum und nahm dabei doch ihr Plaid in die Hand. »A–ach, wenn du vor vier gekommen wärst; aber jetzt ist es acht, und sie ist vorhin zu den Pelistschows zum Diner gefahren und wollte nachher mit ihnen in die Oper.«

»Herrgott, kann man denn nicht in die Oper laufen . . . nein, das geht nicht! Was wird denn jetzt aus dem alten Herrn? Er kann ja leicht heute nacht sterben!«

»Hör' mal: geh du nicht dahin, geh zu Mama und nächtige da, und morgen früh . . .«

»Nein, um keinen Preis lasse ich den alten Herrn allein, mag daraus werden, was da wolle.«

»Nein, laß ihn nicht allein; da hast du sehr recht. Und ich, weißt du . . . ich will doch zu ihr hinlaufen und ihr einen Brief hinterlassen . . . weißt du, ich schreibe es so, daß kein andrer es versteht (sie versteht mich schon!), ich schreibe ihr, daß das Dokument da ist, und daß sie morgen Punkt zehn Uhr früh bei mir sein soll – aber pünktlich! Sei unbesorgt, sie kommt, auf mich hört sie schon: und dann bringen wir alles auf einmal ins glatte. Und du lauf jetzt und mach' dem Alten den Kasperl vor, was Zeug und Leder hält, bring' ihn zu Bett, vielleicht macht er es doch noch bis morgen früh! Und auch Anna Andrejewna jage du keinen Schrecken ein, schließlich hab' ich sie ja doch auch lieb; du bist ungerecht gegen sie, weil du da etwas nicht verstehen kannst: sie ist beleidigt, sie ist von klein auf beleidigt worden; ach, und alle kommt ihr mir über den Hals! Und vergiß es nicht, sag' ihr von mir, ich selber hätte mich ihrer Sache angenommen, ich selber, und von ganzem Herzen, und sie solle ganz ruhig sein, und ihr Stolz würde keine Einbuße erleiden . . . Weißt du, wir haben uns in den letzten Tagen ganz verkrakeelt, uns beinahe angespuckt und geschimpft! Na, lauf . . . Halt, wart' einmal, zeig' noch einmal deine Tasche her . . . ist es auch wahr, ist es auch wahr? Ach, ist es denn wirklich wahr?! Ja, gib mir den Brief doch wenigstens für die Nacht; was brauchst du ihn? Laß ihn da, ich fress' ihn nicht? Du könntest ihn am Ende während dieser Nacht aus den Händen lassen . . . du könntest dich anders besinnen?«

»Um keinen Preis«, schrie ich. »Da, fühlen Sie her, sehn Sie, aber ihn dalassen . . . um keinen Preis!«

»Ja, ein Papier ist drin.« Sie fühlte mit der Hand danach. »A–ach, also, schön, geh dann, und ich laufe vielleicht doch noch zu ihr ins Theater, da hast du ganz recht! Ja, so lauf doch, lauf!«

»Warten Sie, Tatjana Pawlowna, was macht Mama?«

»Sie lebt noch.«

»Und Andrej Petrowitsch?«

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Das geht schon wieder vorüber!«

Ich lief nach Hause, ermutigt und voller Hoffnung, wenn es mir auch nicht ganz so geglückt war, wie ich es mir gedacht hatte. Aber, o weh, das Schicksal wollte es anders, und mich erwartete ganz etwas anderes – es gibt wahrlich ein Fatum in der Welt.

 

2

Schon auf der Treppe vernahm ich einen lauten Lärm in unsrer Wohnung, und die Flurtür stand offen. Im Korridor stand ein mir unbekannter Bedienter in Livree. Piotr Ippolitowitsch und seine Frau befanden sich gleichfalls im Korridor, schienen über etwas höchst erschrocken zu sein und auf irgend etwas zu warten. Die Tür zum Zimmer des Fürsten stand offen, und von dort scholl eine Donnerstimme heraus, die ich sogleich erkannte – es war Bjorings Stimme. Ich hatte noch nicht zwei Schritte machen können, als ich auf einmal sah, wie Bjoring und sein Begleiter, der Baron R., derselbe, der als Kartellträger bei Wersilow gewesen war, den verweinten, zitternden Fürsten auf den Korridor herausführten. Der Fürst schluchzte laut und umarmte und küßte Bjoring. Bjorings Geschrei galt Anna Andrejewna, die hinter dem Fürsten gleichfalls auf den Korridor herausgeeilt war; er bedrohte sie und stampfte, glaube ich, mit den Füßen – kurz, der rohe deutsche Soldat kam zum Vorschein, ungeachtet seiner Zugehörigkeit »zu den höchsten Kreisen«. Es zeigte sich nachher, daß er, Gott weiß warum, in der Einbildung lebte, Anna Andrejewna sei in dieser Angelegenheit geradezu mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt gekommen und werde sich wegen dieser Entführung ganz bestimmt vor Gericht verantworten müssen. Aus Unkenntnis der Tatsachen bauschte er sie auf, wie es vielen Leuten zu gehen pflegt, und glaubte infolgedessen, er hätte das Recht, sich höchst unmanierlich aufzuführen. Er war eben noch gar nicht zum Überblick über die Sachlage durchgedrungen: wie sich später erwies (und ich komme später darauf zurück), war er durch einen anonymen Brief benachrichtigt worden und war gleich im Zustande des wilden Mannes hergerast, in dem auch die gescheitesten Leute von dieser Nationalität manchmal geneigt sind, sich zu raufen wie die Schuster. Anna Andrejewna hatte diesen ganzen Überfall mit größter Würde aufgenommen, aber das hatte ich selbst nicht mehr gesehen. Ich sah nur, wie Bjoring, als er den alten Mann auf den Korridor herausgeführt hatte, diesen plötzlich in den Händen des Barons R. ließ, sich heftig nach Anna Andrejewna umwendete und sie, wahrscheinlich als Antwort auf irgendeine Bemerkung von ihr, folgendermaßen anschrie:

»Sie sind eine Intrigantin! Sie wollen nur sein Geld! Von diesem Augenblick an sind Sie gesellschaftlich unmöglich, und Sie werden sich vor Gericht zu verantworten haben!«

»Sie sind es, der diesen unglücklichen Kranken ausnutzt und ihn bis zum Wahnsinn gebracht hat . . . und mich schreien Sie nur an, weil ich eine Frau bin und niemand mich verteidigt . . .«

»Ach ja! Sie sind seine Braut, seine Braut!« lachte Bjoring roh und voll Wut auf.

»Baron, Baron . . . Chère enfant, je vous aime«, schluchzte der Fürst und streckte seine Arme nach Anna Andrejewna aus.

»Kommen Sie, Fürst, kommen Sie: das war ein Komplott gegen Sie, vielleicht sogar gegen Ihr Leben!« schrie Bjoring.

»Oui, oui, je comprends, j'ai compris au commencement . . .«

»Fürst,« rief Anna Andrejewna mit erhobener Stimme, »Sie beleidigen mich und dulden es, daß man mich beleidigt!«

»Packen Sie sich!« schrie Bjoring sie plötzlich an. Das ertrug ich nicht.

»Lump!« brüllte ich ihn an. »Anna Andrejewna, ich trete für Sie ein!«

Die Einzelheiten dessen, was nun folgte, will und kann ich nicht beschreiben. Es war eine schreckliche und häßliche Szene, und ich hatte plötzlich gleichsam den Verstand verloren. Ich glaube, ich stürzte auf ihn zu und schlug ihn, wenigstens gab ich ihm einen heftigen Stoß. Er schlug mich gleichfalls aus aller Kraft auf den Kopf, so daß ich zu Boden stürzte. Als ich wieder zu mir kam, lief ich ihnen die Treppe hinunter nach; ich weiß noch, daß mir das Blut aus der Nase floß. An der Anfahrt wartete ein Wagen auf sie, und während sie dem Fürsten hineinhalfen, lief ich zum Wagen hin, und stürzte mich, obgleich mich der Bediente zurückstieß, wieder auf Bjoring. Ich weiß nicht mehr, wie dann die Polizei dazukam. Bjoring packte mich am Kragen und befahl dem Schutzmann barsch, mich auf die Wache zu bringen. Ich schrie, er müsse mitkommen, um ein gemeinsames Protokoll aufzunehmen; und man solle sich nicht unterstehen, mich so beinahe aus meiner Wohnung fortzuschleppen. Aber weil die Sache auf der Straße vor sich ging, nicht in der Wohnung, und ich schrie, schimpfte und um mich schlug wie ein Betrunkener, und weil Bjoring in Uniform war, packte der Schutzmann mich. Da aber geriet ich in Wut, ich widersetzte mich nach Kräften und schlug, glaube ich, auch den Schutzmann. Dann waren auf einmal, weiß ich noch, zwei Schutzleute da und nahmen mich mit. Ich habe nur noch eine schwache Erinnerung daran, wie ich in ein dunstiges, vollgerauchtes Zimmer gebracht wurde, in dem sich eine bunt zusammengewürfelte Menge von Menschen befanden, die zum Teil standen, zum Teil saßen, zum Teil warteten, zum Teil schrieben; ich schrie auch hier weiter und verlangte die Aufnahme eines Protokolles. Aber es drehte sich ja nicht mehr um das Protokoll, sondern der Fall hatte sich durch Auflehnung und Widerstand gegen die Staatsgewalt kompliziert. Und ich sah zudem greulich aus. Jemand rief mich auf einmal barsch an. Der Schutzmann klagte mich als Urheber der Schlägerei an und erzählte von dem Herrn Oberst . . .

»Wie heißen Sie?« schrie mich jemand an.

»Dolgorukij,« brüllte ich.

»Fürst Dolgorukij?«

Ganz außer mir, antwortete ich mit einem furchtbar ordinären Schimpfwort, und dann . . . dann, weiß ich noch, wurde ich »zur Ernüchterung« in eine dunkle Kammer geschleppt. Oh, ich protestiere nicht. Alle Welt hat erst kürzlich in den Zeitungen die Beschwerde eines Herrn gelesen, der eine ganz Nacht gefesselt in Haft verbracht hat, gleichfalls in der Ernüchterungszelle, aber der war, glaube ich, nicht einmal schuldig, ich aber war schuldig. Ich warf mich auf die Pritsche neben zwei besinnungslos schnarchende Individuen. Mein Kopf schmerzte, in meinen Schläfen hämmerte es, mein Herz klopfte heftig. Ich muß, glaube ich, das Bewußtsein verloren und phantasiert haben. Ich weiß nur noch, daß ich mitten in der schwarzen Nacht erwachte und mich auf der Pritsche aufsetzte. Auf einmal fiel mir alles wieder ein, und ich sah alles im Zusammenhange; ich stemmte die Ellbogen auf die Knie, stützte den Kopf in die Hände und versank in tiefes Sinnen.

Oh, ich will meine Gefühle nicht schildern, und ich habe auch keine Zeit dazu; aber eins muß ich doch erwähnen: ich habe vielleicht nie innerlich freudigere Augenblicke durchlebt, als während jener Minuten der Einkehr, mitten in der schwarzen Nacht, auf der Pritsche, im Haftlokal. Das mag dem Leser vielleicht sonderbar erscheinen, wie eine Art Schönrednerei, aus dem Wunsche hervorgegangen, durch Originalität zu glänzen, – aber es war doch alles so, wie ich es sage. Es war einer jener Augenblicke, die vielleicht jeder Mensch erlebt, die einem aber nur einmal im Leben zuteil werden. In solchen Augenblicken entscheidet man über sein Schicksal, gewinnt man eine Weltanschauung und sagt sich einmal für sein ganzes Leben: »Da ist die Wahrheit, und den Weg mußt du gehen, um zu ihr zu kommen.« Ja, jene Augenblicke wurden das Licht meiner Seele. Ich war beleidigt worden von dem anmaßenden Herrn Bjoring und hatte die Aussicht, morgen von jener Dame aus der großen Welt beleidigt zu werden, und ich wußte so genau, daß ich schreckliche Rache an ihnen nehmen könnte, aber ich beschloß, mich nicht zu rächen. Ich entschloß mich, so groß die Versuchung dazu war, das Dokument nicht zu veröffentlichen, es nicht etwa aller Welt zu zeigen (welcher Gedanke auch schon in meinem Kopfe gebrodelt hatte); ich sagte mir aufs neue, daß ich morgen diesen Brief vor sie hinlegen, und, wenn es sein müßte, an Stelle von Dank ihr spöttisches Lächeln entgegennehmen würde; aber trotzdem würde ich kein Wort sagen und auf immer von ihr gehen . . . Übrigens hat es keinen Zweck, das hier breitzutreten. Über alles, was morgen hier mit mir geschehen würde, wie man mich der Behörde vorführen, und was die mit mir machen würde, daran zu denken, vergaß ich beinahe. Ich bekreuzte mich andächtig, streckte mich auf die Pritsche und sank in hellen Kinderschlaf.

Ich erwachte spät, als es schon Tag war. Ich befand mich allein in der Zelle. Ich setzte mich und wartete schweigend, ziemlich lange, vielleicht eine Stunde; ich glaube, es wird so gegen neun Uhr gewesen sein, als ich plötzlich geholt wurde. Ich könnte mich in ausführlichen Einzelheiten ergehen, es ist aber der Mühe nicht wert, weil das alles jetzt nebensächlich ist; ich habe jetzt nur noch die Hauptsache zum Abschluß zu bringen. Ich will nur bemerken, daß man zu meinem größten Erstaunen überraschend höflich mit mir umging: ich wurde nach allerhand gefragt, ich antwortete allerhand, und dann wurde ich sogleich aus der Haft entlassen. Ich ging schweigend hinaus und las in den Augen der Leute mit Befriedigung ein gewisses Staunen über einen Menschen, der sogar in einer solchen Situation das Gefühl seiner Würde nicht verloren hatte. Wenn ich das nicht deutlich bemerkt hätte, würde ich es hier nicht niederschreiben. Am Ausgang erwartete mich Tatjana Pawlowna. Ich will mit zwei Worten erklären, warum ich damals so gut davonkam.

In aller Frühe, vielleicht schon um acht Uhr, war Tatjana Pawlowna in meine Wohnung gekommen, das heißt, zu Piotr Ippolitowitsch, immer noch in dem Glauben, den Fürsten dort vorzufinden, und da hatte sie auf einmal die Kunde von allen Schrecknissen des gestrigen Abends, und, was die Hauptsache war, von meiner Verhaftung vernommen. Sofort war sie zu Katerina Nikolajewna gelaufen (die gestern schon, nach ihrer Rückkehr vom Theater, ihren Vater in seinem Hause wiedergesehen hatte), hatte sie geweckt, sie aufgeschreckt und von ihr meine sofortige Befreiung verlangt. Mit ein paar Zeilen von ihr war sie dann gleich zu Bjoring gelaufen und hatte von ihm sogleich ein andres Schreiben »an die zuständige Stelle« erlangt, in der Bjoring selber dringend darum ersuchte, mich sofort freizulassen, da ich »infolge eines Mißverständnisses« verhaftet worden wäre. Mit diesem Schreiben war sie dann auf die Wache gekommen, und ihrer Bitte war Folge gegeben worden.

 

3

Jetzt fahre ich in der Schilderung der Hauptsache fort.

Als Tatjana Pawlowna mich glücklich hatte, setzte sie mich in eine Droschke und brachte mich zu sich nach Hause, dort bestellte sie sogleich den Samowar; sie selber wusch mich und bürstete meine Kleider bei sich in der Küche aus. In der Küche sagte sie laut zu mir, um halb zwölf Uhr würde Katerina Nikolajewna persönlich bei ihr erscheinen – das hatten sie vorhin miteinander verabredet – um mich zu treffen. Und das hörte also Marja. Ein paar Minuten darauf brachte sie den Samowar herein, und abermals zwei Minuten darauf, als Tatjana Pawlowna sie rief, gab sie keine Antwort: es ergab sich, daß sie ausgegangen war. Ich bitte den Leser, dies zu beachten; das war, nehme ich an, ungefähr um dreiviertel zehn Uhr. Wenn sich Tatjana Pawlowna auch darüber ärgerte, daß sie so, ohne zu fragen, verschwunden war, so glaubte sie doch nur, sie wäre zum Krämer hinübergegangen, und vergaß die Sache dann fürs erste gänzlich. Ja, und was fragten wir denn auch danach; wir sprachen ununterbrochen, denn wir hatten ja unser Thema; und so beachtete zum Beispiel ich Marjas Verschwinden ganz und gar nicht; ich bitte den Leser, auch das im Gedächtnis zu behalten.

Und ich war ohnehin halb benebelt; ich sprach ihr von meinen Gefühlen, und was die Hauptsache war, wir warteten auf Katerina Nikolajewna, und der Gedanke, daß ich ihr in einer Stunde endlich gegenüberstehen würde, und noch dazu in einem so entscheidenden Augenblick meines Lebens, machte mich zittern und beben. Endlich, als ich zwei Tassen Tee getrunken hatte, erhob sich Tatjana Pawlowna plötzlich, nahm die Schere vom Tisch und sagte:

»Gib deine Tasche her, wir müssen den Brief herausholen – du kannst sie doch nicht in ihrem Beisein aufschneiden.«

»Jawohl!« rief ich und knöpfte meinen Rock auf.

»Wer hat das denn so zusammengepruddelt? Wer hat das vernäht?«

»Ich, Tatjana Pawlowna, ich selbst.«

»Ja, das sieht man, daß du's selber gemacht hast. Na, da ist es . . .«

Wir holten den Brief heraus; es war noch der alte Umschlag, aber darin steckte ein unbeschriebenes Stück Papier.

»Was heißt das?« rief Tatjana Pawlowna und drehte es zwischen den Fingern . . . »Was hast du?«

Aber ich stand sprachlos und bleich da . . . und ließ mich plötzlich kraftlos auf einen Stuhl fallen; wahrhaftig, mich wandelte beinah eine Ohnmacht an.

»Was ist denn los?« schrie Tatjana Pawlowna, »wo ist denn nun dein Brief?«

»Lambert!« rief ich, plötzlich alles erratend, und sprang auf und schlug mir vor die Stirn.

Hastig und atemlos erzählte ich ihr alles – von jener Nacht bei Lambert – und von unserm Komplott; übrigens hatte ich ihr dieses Komplott schon gestern eingestanden.

»Gestohlen! Gestohlen!« schrie ich, mit den Füßen stampfend und mir die Haare raufend.

»Verflucht!« sagte Tatjana Pawlowna plötzlich, als sie den Zusammenhang begriffen hatte. »Wieviel Uhr ist's?«

Es war kurz vor elf.

»Ach, und Marja ist nicht da! . . . Marja, Marja!«

»Was wünscht das gnädige Fräulein?« erscholl auf einmal Marjas Stimme aus der Küche.

»Bist du da? Ja, was machen wir denn nun! Ich renne zu ihr . . . Ach, du, Trödelfritz, Trödelfritz!«

»Und ich will zu Lambert!« brüllte ich, »ich bringe ihn um, wenn es sein muß!«

»Gnädiges Fräulein,« quäkte plötzlich Marja aus der Küche herein, »da ist eine Person, die muß Sie sehr notwendig sprechen . . .«

Aber sie war mit ihrem Satze noch nicht fertig, als die »Person« schon selber mit Schreien und Heulen hastig aus der Küche hereinstürzte. Es war Alphonsinka. Ich will die Szene nicht in allen Einzelheiten schildern; die ganze Szene war Schwindel und Komödie, aber ich muß bemerken, daß Alphonsinka sie wundervoll spielte. Mit Reuetränen und Zorngebärden rasselte sie etwas davon herunter (auf französisch selbstverständlich), daß sie selber damals meine Tasche aufgetrennt und den Brief entwendet hätte, jetzt sei er in Lamberts Händen, und Lambert wolle gemeinsam mit »diesem Räuber, cet homme noir«, madame la générale irgendwohin locken und sie erschießen, jetzt, in einer Stunde . . . sie hätte das alles von ihnen erfahren und sich plötzlich entsetzlich erschreckt, weil sie bei ihnen eine Pistole, »le pistolet«, gesehen hätte, und sie wäre darum jetzt hierher zu uns gestürzt, wir sollten kommen, sie retten, den andern zuvorkommen . . . »Cet homme noir . . .«

Kurz, das alles schien außerordentlich glaubwürdig, sogar die Dummheit mancher Erklärungen Alphonsinkas diente dazu, die Glaubwürdigkeit zu erhöhen.

»Was für ein homme noir!« schrie Tatjana Pawlowna.

»Tiens, j'ai oublié son nom . . . Un homme affreux . . . Tiens, Versiloff.«

»Wersilow, das kann nicht sein!« schrie ich.

»Nein, das kann schon sein!« kreischte Tatjana, »ja, sprechen Sie doch, Liebste, machen Sie keine Sprünge, rudern Sie nicht mit den Armen; was wollen die beiden da machen? Liebste, setzen Sie es uns vernünftig auseinander: das glaube ich doch nicht, daß die auf sie schießen wollen?«

Die »Liebste« erklärte es folgendermaßen (NB.: es war alles Schwindel, das sage ich noch einmal): Wersilow würde hinter der Tür sitzen, und Lambert würde ihr, wenn sie hereinkäme, »cette lettre« zeigen, und dann würde Wersilow hervorstürzen, und sie würden sie . . . »Oh, ils feront leur vengeance!« Sie, Alphonsinka, hätte Angst bekommen, weil sie selbst an der Sache beteiligt wäre, und »cette dame, la générale« würde ganz bestimmt kommen, weil sie ihr eine Kopie des Briefes zugeschickt hätten und sie also gleich sehen würde, daß sie den Brief wirklich besäßen; darum würde sie zu ihnen kommen, und den Brief an sie hätte Lambert allein unterzeichnet, und von Wersilow wüßte sie nichts; und Lambert hätte sich ihr als ein Herr vorgestellt, der eben aus Moskau angekommen wäre, im Auftrag einer Moskauer Dame, »une dame de Moscou« (NB. Maria Iwanowna!).

»Ach, mir ist ganz übel! Ach, mir ist ganz übel!« rief Tatjana Pawlowna.

»Sauvez-la, sauvez-la!« schrie Alphonsinka.

Natürlich lag in dieser wahnsinnigen Erzählung auch schon auf den ersten Blick etwas Unsinniges, aber zum Überlegen hatten wir keine Zeit, weil in Wirklichkeit das alles doch wieder sehr glaubwürdig war. Man konnte ja wohl annehmen, und das mit großer Wahrscheinlichkeit, daß Katerina Nikolajewna nach Empfang von Lamberts Aufforderung zuerst zu uns kommen würde, zu Tatjana Pawlowna, um die Sache aufzuklären; aber es konnte ja auch wieder anders gehen, und sie konnte ja auch direkt zu jenen fahren, und dann war sie sicher verloren! Es war ja auch schwer zu glauben, daß sie so auf die erste Aufforderung zu dem ihr persönlich unbekannten Lambert hinstürzen würde; aber auch das konnte ja immerhin geschehen, sie konnte sich ja zum Beispiel durch die Kopie überzeugen lassen, daß jene Leute wirklich im Besitze des Briefes waren, und das hätte dasselbe Unglück im Gefolge gehabt! Und die Hauptsache war: wir hatten nicht einen Augenblick Zeit übrig, nicht einmal so viel, um zu überlegen.

»Und Wersilow ersticht sie! Wenn er sich zur Gemeinschaft mit Lambert erniedrigt hat, ersticht er sie auch! Das ist der Doppelgänger!« rief ich.

»O dieser ›Doppelgänger‹!« Tatjana Pawlowna rang die Hände. »Na ja, das ist dann nicht anders,« entschloß sie sich plötzlich, »nimm deine Mütze und deinen Pelz, und dann vorwärts marsch, alle zusammen; Liebste, bringen Sie uns sofort zu ihnen hin. Ach, das ist ein weiter Weg! Marja, Marja, wenn Katerina Nikolajewna kommt, dann sag' ihr, ich käme sofort wieder, sie solle sich setzen und auf mich warten; und wenn sie nicht warten will, dann schließ die Tür zu und halt sie mit Gewalt fest. Sag' ihr, ich hätte dir das befohlen! Hundert Rubel kriegst du, Marja, wenn du mir diesen Dienst leistest.«

Wir liefen auf die Treppe hinaus. Sicherlich hätte man sich nichts Besseres ausdenken können, weil auf jeden Fall die größte Gefahr in Lamberts Wohnung drohte; und wenn Katerina Nikolajewna wirklich vorher zu Tatjana Pawlowna käme, könnte Marja sie auf jeden Fall aufhalten. Aber trotzdem besann sich Tatjana Pawlowna, als wir schon einen Schlitten genommen hatten, doch wieder anders.

»Fahr du mit ihr mit!« rief sie mir zu und ließ mich mit Alphonsinka allein, »und da läßt du, wenn es sein muß, dein Leben für sie, verstanden! Und ich komme dir gleich nach, aber vorher will ich noch schnell bei ihr vorbei, vielleicht treffe ich sie noch; denn sag' was du willst, mir kommt die Geschichte verdächtig vor!«

Und sie fuhr schleunigst zu Katerina Nikolajewna. Ich aber fuhr mit Alphonsinka nach Lamberts Wohnung. Ich trieb den Kutscher zur Eile und fragte unterwegs Alphonsinka weiter aus, aber sie antwortete mir nur mit Ausrufen und schließlich mit Tränen. Aber Gott beschützte uns alle und rettete uns, als alles nur noch an einem Fädchen hing. Wir hatten noch nicht ein Viertel des Weges zurückgelegt, als ich plötzlich hinter mir schreien hörte: mein Name wurde gerufen. Ich schaute mich um – Trischatow jagte uns in einem Schlitten nach.

»Wohin?« schrie er erschrocken, »und mit ihr, mit Alphonsinka!«

»Trischatow!« rief ich ihm zu, »Sie haben die Wahrheit gesagt – das Unglück ist da! Ich fahre zu dem Schurken Lambert! Fahren Sie mit, es ist dann doch immer einer mehr!«

»Kehren Sie um, kehren Sie sofort um!« schrie Trischatow. »Lambert beschwindelt Sie, und Alphonsinka beschwindelt Sie. Mich schickt der Pockennarbige; sie sind nicht daheim: ich bin eben Wersilow und Lambert begegnet; sie sind zu Tatjana Pawlowna gefahren . . . sie sind jetzt dort . . .«

Ich ließ den Kutscher halten und sprang in Trischatows Schlitten hinüber. Bis zum heutigen Tage begreife ich nicht, wie ich mich so plötzlich habe entschließen können; aber ich glaubte ihm sofort und entschloß mich sofort. Alphonsinka schrie fürchterlich, aber wir ließen sie schreien, und ich weiß wirklich nicht, ob sie umkehrte und uns nachfuhr, oder ob sie nach Hause fuhr, jedenfalls habe ich sie nicht mehr gesehen.

Im Schlitten teilte mir Trischatow holterdiepolter und atemlos mit, das wäre irgendeine Machination, Lambert wäre mit dem Pockennarbigen im Einverständnis gewesen, der Pockennarbige aber wäre im letzten Augenblick von ihm abgefallen und hätte soeben selber Trischatow zu Tatjana Pawlowna geschickt, um sie vor Lambert und Alphonsinka zu warnen. Trischatow fügte hinzu, er wisse weiter nichts, weil der Pockennarbige ihm weiter nichts mitgeteilt habe, da er keine Zeit gehabt habe; er sei selbst sehr eilig gewesen irgendwohin zu kommen, und alles sei in größter Hast vor sich gegangen. »Ich sah, daß Sie davonfuhren,« fuhr Trischatow fort; »und bin Ihnen nachgejagt.« Es war natürlich klar, daß auch dieser Pockennarbige über alles Bescheid wußte, weil er Trischatow direkt zu Tatjana geschickt hatte; aber dies war schon wieder ein neues Rätsel.

Damit das aber nicht alles wie Kraut und Rüben aussieht, will ich, bevor ich die Katastrophe schildre, zum endgültig letzten Male vorgreifen und die ganze Wahrheit hierüber mitteilen.

 

4

Als er damals den Brief entwendet hatte, war Lambert sofort mit Wersilow in Verbindung getreten. Wie Wersilow dazu kam, sich mit Lambert zusammenzukoppeln, davon sage ich fürs erste kein Wort; davon später; die Hauptsache war, daß hier der »Doppelgänger« seine Finger im Spiel hatte! Aber als er nun mit Wersilow im Einverständnis war, lag es Lambert noch ob, Katerina Nikolajewna auf möglichst schlaue Weise an sich zu locken. Wersilow versicherte ihm direkt, daß sie nicht kommen würde. Aber Lambert hatte schon damals, als ich ihm zwei Tage vorher an jenem Abende, als ich ihn auf der Straße getroffen und in meiner Aufgeregtheit erzählt hatte, daß ich ihr den Brief in Tatjana Pawlownas Wohnung und in Tatjana Pawlownas Beisein ausliefern würde, – Lambert hatte von demselben Augenblick an eine Art Spionagedienst zur Überwachung von Tatjana Pawlownas Wohnung eingerichtet, und zwar hatte er – Marja bestochen. Er hatte Marja zwanzig Rubel geschenkt und war dann am nächsten Tage, als ihm die Entwendung des Dokumentes gelungen war, noch einmal zu Marja gekommen, hatte mit ihr seine definitiven Abmachungen getroffen und ihr für ihre Dienste zweihundert Rubel versprochen.

Deshalb also hatte Marja, als sie vorhin vernommen hatte, daß Katerina Nikolajewna um halb zwölf bei Tatjana Pawlowna sein würde, und daß auch ich da sein würde, – deshalb hatte sie sofort das Haus verlassen und war in einem Schlitten mit dieser Nachricht zu Lambert geeilt. Eben darüber hatte sie Lambert unterrichten sollen – und das war der Dienst, der von ihr erwartet wurde. Und nun war gerade in jenem Augenblick auch Wersilow bei Lambert gewesen. Und Wersilow hatte sich sofort diese teuflische Kombination ausgedacht. Geisteskranke sollen ja in gewissen Augenblicken außerordentlich schlau sein können.

Die Kombination lief darauf hinaus, uns beide, Tatjana und mich, um jeden Preis aus der Wohnung fortzulocken, wenn auch nur auf eine Viertelstunde, jedenfalls aber vor Katerina Nikolajewnas Ankunft. Und sie wollten auf der Straße warten und, sobald ich und Tatjana Pawlowna fort wären, sofort in die Wohnung eindringen, die ihnen Marja öffnen würde, und dort Katerina Nikolajewna erwarten. Alphonsinka sollte uns inzwischen mit allen Mitteln fernhalten, wo und wie sie wollte. Katerina Nikolajewna mußte, ihrem Versprechen gemäß, um halb zwölf eintreffen, also – sicherlich zweimal so früh, als wir wieder zurück sein könnten. (Selbstverständlich hatte Katerina Nikolajewna gar keine Aufforderung von Lambert erhalten, und Alphonsinka hatte uns das nur vorgelogen, und eben diesen Streich hatte Wersilow mit allen Einzelheiten erdacht, und Alphonsinka hatte nur die Rolle der erschrocknen Überläuferin gespielt.) Natürlich riskierten sie viel damit, aber sie sagten sich ganz richtig: »Gelingt es, so ist es gut; mißlingt es, so ist auch noch nichts verloren, weil wir das Dokument ja auch dann noch immer in Händen haben.« Aber es gelang, und es mußte ja auch gelingen, weil wir ja gar nicht anders konnten, als mit Alphonsinka davonrennen, schon aus der einfachen Erwägung heraus: »Und was geschieht, wenn es wahr ist?« – Ich sag' es noch einmal: zum Überlegen blieb uns keine Zeit.

 

5

Ich lief mit Trischatow in die Küche und traf Marja in höchster Angst an. Es hatte sie, als sie Lambert und Wersilow hereingelassen hatte, erschreckt, daß sie in Lamberts Händen auf einmal – einen Revolver bemerkt hatte. Wenn sie das Geld auch genommen hatte, der Revolver stimmte durchaus nicht zu ihrer Rechnung. Sie war in starken Zweifeln, und als sie mich erblickte, stürzte sie nur so auf mich zu:

»Die Generalin ist drin, und er hat eine Pistole!«

»Trischatow, Sie warten hier in der Küche,« ordnete ich an, »und wenn ich rufe, eilen Sie mir sofort, so schnell Sie können, zu Hilfe.«

Marja öffnete mir die Tür zum Korridor, und ich schlich mich in Tatjana Pawlownas Schlafzimmer – in dieselbe kleine Kammer, in der nur Tatjana Pawlownas Bett Platz hatte, und in der ich mir schon einmal, unverhofft eingesperrt, einen Spalt zwischen den Portieren gesucht hatte.

Aber im Wohnzimmer gab es schon Lärm und laute Reden; ich muß erwähnen, daß Katerina Nikolajewna genau eine Minute nach den anderen die Wohnung betreten hatte. Den Lärm und das laute Sprechen hatte ich schon in der Küche vernommen: Lambert war es, der so schrie. Sie saß auf dem Diwan; er stand vor ihr und schrie wie närrisch. Heute weiß ich, warum er sich so albern und fassungslos benahm: er hatte es furchtbar eilig und fürchtete, überrascht zu werden; später werde ich erklären, vor wem er sich eigentlich fürchtete. Den Brief hielt er in der Hand. Wersilow aber war nicht im Zimmer: ich stand bereit, bei dem ersten Zeichen von Gefahr hineinzustürzen. Ich gebe nur den Sinn der Reden wieder, vieles habe ich vielleicht auch nicht so richtig behalten; ich war damals eben zu aufgeregt, um mich an das alles bis zur letzten Einzelheit erinnern zu können.

»Dieser Brief ist dreißigtausend Rubel wert, und Sie wundern sich noch! Hunderttausend ist er wert, und ich verlange nur dreißigtausend!« sagte Lambert laut und furchtbar hitzig.

Katerina Nikolajewna war zwar sichtlich erschrocken, musterte ihn aber doch mit einer gewissen staunenden Verachtung.

»Ich sehe, daß mir hier etwas wie eine Falle gestellt worden ist und verstehe kein Wort davon«, sagte sie. »Aber wenn dieser Brief sich wirklich in Ihren Händen befindet . . .«

»Da ist er doch, sehen Sie selbst! Ist er es vielleicht nicht? Einen Wechsel über dreißigtausend, und – keine Kopeke weniger!« unterbrach sie Lambert.

»Ich habe kein Geld.«

»Stellen Sie einen Wechsel aus – da ist Papier. Und dann gehen Sie und treiben Sie Geld auf, ich warte noch, aber nur eine Woche – nicht länger. Wenn Sie mir das Geld bringen – gebe ich Ihnen den Wechsel zurück, und dann bekommen Sie auch den Brief.«

»Sie sprechen in einem so sonderbaren Tone mit mir. Sie täuschen sich. Dieses Dokument wird Ihnen heute noch abgenommen, wenn ich hingehe und Sie anzeige.«

»Wo denn? Ha–ha–ha! Und der Skandal? Und wenn ich den Brief dem Fürsten zeige? Wo will man ihn mir wegnehmen? Ich hebe keine Dokumente in meiner Wohnung auf. Ich stelle dieses dem Fürsten durch eine dritte Person zu. Seien Sie nicht eigensinnig, Madame, seien Sie mir dankbar, daß ich so wenig verlange, ein andrer an meiner Stelle würde noch mehr verlangen, er würde Sie noch um eine Gefälligkeit bitten . . . wissen Sie, was für eine . . . eine, die einem eine hübsche Frau nicht abschlägt, wenn sie in der Klemme ist; so eine Gefälligkeit, wissen Sie . . . He–he–he! Vous êtes belle, vous!«

Katerina Nikolajewna sprang hastig auf, wurde über und über rot und – spuckte ihm ins Gesicht. Dann wollte sie schnell auf die Tür zugehen. Und da zog dieser Esel von Lambert den Revolver. Er hatte blind wie ein beschränkter Narr an die Wirkung des Dokumentes geglaubt, das heißt – das war das Wichtige – keine Ahnung davon gehabt, mit wem er es zu tun hatte, eben weil er, wie ich schon früher gesagt, alle Menschen für ebenso traurige Kreaturen hielt, wie er selber eine war. Vom ersten Worte an hatte er durch seine Grobheit ihre Entrüstung geweckt, während sie sonst vielleicht nicht so abgeneigt gewesen wäre, sich auf die Geldfrage einzulassen.

»Nicht von der Stelle!« brüllte er, wütend, weil sie ihn angespuckt hatte, packte sie an der Schulter und hielt ihr den Revolver vor, – natürlich nur als Schreckmittel. Sie schrie auf und sank auf den Diwan. Ich stürzte ins Zimmer; aber in demselben Augenblick stürzte auch Wersilow durch die Korridortür herein. (Er hatte dort gestanden und gewartet.) Ich hatte nicht einmal Zeit zu blinzeln, als er Lambert auch schon den Revolver entrissen und ihm aus aller Kraft mit dem Revolver auf den Kopf geschlagen hatte. Lambert strauchelte und brach bewußtlos zusammen; das Blut strömte aus seiner Kopfwunde auf den Teppich.

Als sie Wersilow erblickte, wurde sie auf einmal weiß wie ein Laken; ein paar Augenblicke sah sie ihn regungslos an, in unbeschreiblichem Entsetzen; dann fiel sie plötzlich in Ohnmacht. Er stürzte sich auf sie. Das alles sehe ich jetzt wie eine Art Traum vor mir. Ich weiß noch, mit welchem Entsetzen ich damals in sein rotes, fast blaues Gesicht und seine blutunterlaufnen Augen starrte. Ich denke mir, wenn er mich auch im Zimmer bemerkt hatte, so hatte er mich doch wohl nicht erkannt. Er packte die Ohnmächtige, hob sie mit unwahrscheinlicher Kraft auf seine Arme wie eine Feder und begann sie wie ein kleines Kind sinnlos im Zimmer umherzutragen. Das Zimmer war klein, aber er wanderte von einer Ecke in die andre, offenbar ohne selbst zu wissen, warum er das tat. In einem Augenblick hatte er den Verstand verloren. Er starrte ihr dabei die ganze Zeit ins Gesicht. Ich lief ihm nach und fürchtete mich besonders wegen des Revolvers, den er anscheinend vergessen hatte und mit der rechten Hand dicht neben ihrem Kopfe hielt. Aber er stieß mich einmal mit dem Ellbogen, einmal mit dem Fuße fort. Ich wollte nach Trischatow schreien, fürchtete aber, den Wahnsinnigen dadurch zu reizen. Schließlich schlug ich rasch den Vorhang zurück, und bat ihn, sie aufs Bett zu legen. Er tat es und blieb über sie gebeugt stehen, sah ihr eine Minute lang starr ins Gesicht, bückte sich plötzlich und küßte sie zweimal auf ihre bleichen Lippen. Oh, da begriff ich, daß dieser Mensch schon ganz außer sich war. Er holte mit dem Revolver aus, um nach ihr zu schlagen, schien sich dann aber zu besinnen, faßte den Revolver beim Kolben und richtete ihn auf ihr Gesicht. In demselben Augenblick packte ich aus aller Kraft seinen Arm und schrie nach Trischatow. Ich weiß noch, wie wir beide mit ihm rangen, aber es glückte ihm, seine Hand zu befreien und den Revolver auf sich abzudrücken. Er hatte sie erschießen wollen, und danach sich selbst. Aber als wir das nicht zuließen, richtete er den Revolver direkt auf sein Herz, doch ich hatte noch Zeit, seine Hand in die Höhe zu schlagen; so traf ihn die Kugel in die Schulter. In diesem Augenblick stürzte Tatjana Pawlowna mit einem Aufschrei ins Zimmer; aber er lag schon bewußtlos auf dem Teppich neben Lambert.

 

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