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Ein Werdender - Zweiter Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Zweiter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Zweiter Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
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Zehntes Kapitel

1

Ich halte es für notwendig, noch einmal dem Gange der Ereignisse vorzugreifen und dem Leser wenigstens einiges im voraus zu erklären, weil sich hier in den logischen Fluß der Erzählung so viele Zufälligkeiten mischen, daß man den Faden nicht entwirren kann, wenn man sie nicht im voraus klarstellt. Es handelte sich eben um jene »Mörderschlinge«, von der Tatjana Pawlowna sich hatte ein Wörtchen entschlüpfen lassen. Diese Schlinge bestand darin, daß Anna Andrejewna den dreistesten Schritt riskierte, den man sich in ihrer Lage überhaupt vorstellen kann. In der Tat – ein Charakter! Wenn auch der alte Fürst, angeblich, weil sein Gesundheitszustand es verlangte, damals rechtzeitig nach Zarskoje-Selo in Sicherheit gebracht worden war, so daß sich das Gerücht von seiner geplanten Ehe mit Anna Andrejewna noch nicht in der Gesellschaft hatte verbreiten können und sozusagen im Keime erstickt worden war, so wäre doch dieser alte schwache Mann, mit dem man sonst alles anfangen konnte, durch nichts in der Welt dazu zu bewegen gewesen, von seiner Idee abzustehen und Anna Andrejewna, die ihm ihren Antrag gemacht hatte, untreu zu werden. In solchen Dingen war er durchaus der Ritter, die Möglichkeit war also gar nicht ferne, daß er sich früher oder später auflehnen und mit unwiderstehlicher Energie an die Ausführung seiner Absicht gehen könnte, was ja sehr oft vorkommt, und gerade bei schwachen Charakteren, weil es bei diesen eine gewisse Grenzlinie gibt, über die man sie nicht hinausführen darf. Außerdem erkannte er sehr gut, wie heikel Anna Andrejewnas Situation war, vor der er die höchste Achtung hatte, und sah die Möglichkeit sehr wohl ein, daß in der Gesellschaft Klatschereien, boshafte Histörchen und üble Nachreden gegen sie in Umlauf kommen könnten. Was ihn fürs erste noch beruhigte und zurückhielt, war der Umstand, daß Katerina Nikolajewna noch nie mit einer Silbe oder einer Anspielung in seiner Gegenwart Anna Andrejewna angegriffen oder auch nur ein Wort gegen seine Absicht, sie zu heiraten, gesagt hatte. Im Gegenteil, sie war gegen die Braut ihres Vaters außerordentlich liebenswürdig und aufmerksam. Auf die Weise kam Anna Andrejewna in eine sehr kitzliche Lage, denn ihr feiner weiblicher Instinkt ließ sie klar erkennen, daß sie durch die kleinste üble Nachrede gegen Katerina Nikolajewna, die der Fürst gleichfalls anbetete, und jetzt sogar mehr als je zuvor, weil sie so edelmütig und respektvoll ihre Zustimmung zu seiner Heirat gegeben hatte – also mit der kleinsten üblen Nachrede gegen sie hätte Anna Andrejewna alle seine zärtlichen Gefühle beleidigt und sich selber sein Mißtrauen, vielleicht sogar seinen Unwillen zugezogen. Das also war das Schlachtfeld, auf dem der Kampf bisher getobt hatte: beide Gegnerinnen wetteiferten miteinander an Taktgefühl und Geduld, und der Fürst wußte schließlich nicht mehr, über welche von beiden er mehr staunen solle; und schließlich ging es ihm, wie es allen Leuten zu gehen pflegt, deren Herz schwach aber zärtlich ist: er begann darunter zu leiden und schob sich selber ganz allein die Schuld an allem zu. Seine Melancholie soll direkt krankhaft geworden sein; seine Nerven gerieten jetzt erst richtig in Unordnung, und statt daß er sich in Zarskoje erholt hätte, soll er damals schon drauf und dran gewesen sein, sich ins Bett zu legen.

Ich will hier beiläufig noch etwas erwähnen, was ich erst viel später erfahren habe. Bjoring soll Katerina Nikolajewna direkt vorgeschlagen haben, den Alten ins Ausland zu schaffen und ihn durch irgendwelche falschen Vorspiegelungen dazu zu überreden, gleichzeitig aber in der Gesellschaft inoffiziell die Nachricht zu verbreiten, daß er seinen Verstand gänzlich verloren hätte; im Auslande müßte man sich dann ein ärztliches Zeugnis dafür verschaffen. Aber das hätte Katerina Nikolajewna um keinen Preis gewollt; das ist mir wenigstens nachher versichert worden. Sie hätte diesen Plan unwillig zurückgewiesen. Das alles sind nur Gerüchte, die ich von ganz fernstehender Seite erfahren habe, aber ich schenke ihnen Glauben.

Und nun, als die Sache für Anna Andrejewna gänzlich verfahren zu sein schien, da erfährt sie auf einmal von Lambert, daß ein Brief existiert, in dem seine Tochter schon einen Juristen befragt hat, auf welche Weise sie ihren Vater für irrsinnig erklären lassen könnte. Ihre Rachsucht und ihr Stolz wurden dadurch im höchsten Grade geweckt. Wenn sie ihrer früheren Gespräche mit mir gedachte und sich eine Menge geringfügiger Umstände zurückrief, konnte sie nicht gut an der Wahrheit dieser Mitteilung zweifeln. Und da reifte in diesem energischen, unbeugsamen Frauenherzen unwiderstehlich der Plan zu einem endgültigen Schlage. Ihr Plan war, ganz plötzlich, ohne alle vorbereitenden Schritte und Worte, dem Fürsten alles zu sagen, ihn zu erschrecken, ihn zu erschüttern, ihm klarzumachen, daß ihm das Irrenhaus sicher bevorstünde; und wenn er sich sträuben, sich entrüsten und es nicht glauben würde – dann wollte sie ihm den Brief seiner Tochter zeigen: »Da! Die Absicht der Unzurechnungsfähigkeitserklärung hat schon einmal bestanden; wieviel näher liegt sie jetzt, wo man diese Ehe um jeden Preis verhindern will.« Und so wollte sie dann den erschrockenen und zerschmetterten alten Herrn aufpacken und nach Petersburg bringen – direkt in meine Wohnung.

Sie riskierte damit furchtbar viel, aber sie baute fest auf ihre Macht. Ich will hier einen Augenblick von meiner Erzählung abschweifen und, sehr weit vorgreifend, mitteilen, daß sie sich in der Wirkung ihres Schlages nicht getäuscht hatte; im Gegenteil, die Wirkung übertraf noch alle ihre Erwartungen. Die Nachricht von diesem Briefe wirkte auf den alten Fürsten vielleicht viel stärker, als sie selber und wir alle angenommen hätten. Ich hatte bis dahin auch noch nicht gewußt, daß der Fürst bereits früher etwas von diesem Briefe gehört hatte; aber er hatte nach Art aller schwachen und schüchternen Naturen den Gerüchten darüber keinen Glauben geschenkt und sich mit aller Gewalt dagegen gewehrt, damit seine Ruhe nicht gestört würde; ja, mehr noch: er hatte sich selber wegen seiner unvornehmen Leichtgläubigkeit Vorwürfe gemacht. Ich füge gleich hinzu, daß die Tatsache der Existenz des Briefes auch auf Katerina Nikolajewna ungleich stärker wirkte, als ich selbst damals ahnte . . . Kurz, dieses Papier war von weit größerer Bedeutung, als ich selber, der es doch in der Tasche trug, damals voraussetzte. Aber damit greife ich schon gar zu weit vor.

Aber warum, wird man fragen, sollte er gerade in meine Wohnung gebracht werden? Warum wollte sie den Fürsten in unsere jämmerlichen Zimmerchen bringen und ihn am Ende durch dieses kümmerliche Milieu stutzig machen? Wenn sie ihn schon nicht in sein eigenes Haus bringen konnte (denn dort hätte man ihr natürlich sofort einen Strich durch die Rechnung machen können), warum brachte sie ihn dann nicht in eine andere »vornehme« Wohnung, wie Lambert vorgeschlagen hatte? Aber darin lag ja eben die ganze Gefahr und die ganze Aussicht von Anna Andrejewnas gewagtem Unternehmen.

Das Wichtigste war, dem Fürsten sofort nach seiner Ankunft das Dokument vorzuzeigen; aber ich lieferte das Dokument um keinen Preis aus. Da nun keine Zeit zu verlieren war, so entschloß sich Anna Andrejewna, im Vertrauen auf ihre Macht, die Sache auch ohne das Dokument anzufangen, wenn sie den Fürsten nur direkt zu mir bringen könnte. Und warum das? Eben zu dem Zweck, mit demselben Schritt auch mich zu fangen, oder, wie das Sprichwort sagt, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Sie rechnete damit, auch auf mich durch diesen plötzlichen Stoß, durch diese Erschütterung, durch die Überraschung zu wirken. Sie spekulierte darauf, daß ich, wenn ich den alten Herrn bei mir sähe, wenn ich seinen Schrecken und seine Hilflosigkeit sähe und ihre gemeinsamen Bitten vernähme, – daß ich dann nachgeben und das Dokument ausliefern würde! Ich muß bekennen – ihre Berechnung war klug und listig, psychologisch; mehr noch: sie wäre fast vom Erfolge gekrönt worden . . . Was den Alten betraf, so überredete sie ihn zur Flucht durch eben dasselbe, wodurch sie ihn auch veranlaßt hatte, ihr zu glauben, und das auf ihr bloßes Wort hin: nämlich dadurch, daß sie ihm einfach erklärte, sie würde ihn zu mir bringen. Das alles habe ich später erfahren. Schon die Mitteilung ganz allein, daß jenes Dokument in meinem Besitze wäre, hatte in seinem ängstlichen Herzen die letzten Zweifel an der Wahrheit dieser Tatsache zerstört – so viel Liebe und Vertrauen zu mir besaß er!

Ich muß noch bemerken, daß Anna Andrejewna selber keinen Augenblick daran zweifelte, daß sich das Dokument noch in meinem Besitz befände, und daß ich es nicht aus der Hand gegeben hätte. Sie faßte eben meinen Charakter falsch auf und rechnete in zynischer Weise auf meine Unschuld, meine Harmlosigkeit, ja auf meine Sentimentalität; und auf der andern Seite rechnete sie, selbst für den Fall, daß ich mich entschließen sollte, den Brief zum Beispiel Katerina Nikolajewna auszuliefern, damit, daß ich das nur unter ganz bestimmten Umständen tun würde, und eben diesen Umständen wollte sie durch diesen unerwarteten Schlag, diesen Überfall, zuvorkommen.

Und schließlich hatte auch Lambert sie in dem allen noch bestärkt. Ich habe schon gesagt, daß Lamberts Situation gerade damals äußerst kritisch war: ihm, der Anna Andrejewna betrügen wollte, lag alles daran, mich von ihr wegzulocken, damit ich das Dokument gemeinsam mit ihm an Frau Achmakowa verkaufte, was ihm aus gewissen Gründen vorteilhafter schien. Da ich aber das Dokument bis zum letzten Augenblick um keinen Preis herausgab, beschloß er, im äußersten Notfall selbst Anna Andrejewna in die Hand zu arbeiten, um nicht am Ende ganz leer auszugehen; und deshalb drängte er sich ihr mit seinen Dienstleistungen bis zur letzten Stunde geradezu auf, und ich weiß, daß er ihr sogar angeboten hatte, ihr, wenn es nötig wäre, einen Geistlichen für die Trauung zu verschaffen . . . Aber Anna Andrejewna hatte ihn mit einem Lächeln der Verachtung gebeten, davon nicht zu sprechen. Lambert fand sie furchtbar plump und erregte mit der Zeit ihren heftigsten Widerwillen; aber aus Vorsicht ließ sie sich dennoch seine Dienste gefallen, die unter anderem in Spionage bestanden. Beiläufig, ich weiß auch heute noch nicht genau, ob Piotr Ippolitowitsch, mein Hausherr, bestochen war oder nicht, und ob er von ihnen damals etwas für seine Dienste bekommen hat, oder ob er nur so einfach aus Freude an der Intrige gemeinsame Sache mit ihnen gemacht hat; jedenfalls aber spionierte auch er mir nach, und seine Frau gleichfalls – das weiß ich bestimmt.

Der Leser wird jetzt verstehen, daß ich, wenn ich auch teilweise darauf vorbereitet war, doch durchaus nicht hätte erraten können, daß ich morgen oder übermorgen den alten Fürsten in meiner Wohnung und in einer solchen Umgebung wiedersehen würde. Und ich hätte ja auch eine solche Kühnheit bei Anna Andrejewna durchaus nicht voraussetzen können! Mit Worten kann man viel sagen und allerlei Andeutungen machen, aber sich wirklich dazu entschließen, an die Ausführung gehen – nein, das muß ich sagen, dazu gehört wirklich Charakter!

 

2

Ich fahre fort.

Am nächsten Morgen erwachte ich spät; ich hatte außergewöhnlich tief und traumlos geschlafen, was mich sehr wunderte, und so fühlte ich mich denn beim Erwachen moralisch wieder sehr frisch, ganz als ob der gestrige Tag gar nicht gewesen wäre. Zu Mama wollte ich fürs erste nicht, sondern wollte mich direkt in die Friedhofskirche begeben und dann nachher, nach der Trauerfeier, mit Mama nach Hause fahren und den ganzen Rest des Tages bei ihr verbringen. Ich war fest davon überzeugt, daß ich ihn heute jedenfalls bei Mama treffen würde, früher oder später – aber ganz bestimmt.

Alphonsina und der Hausherr waren längst ausgegangen. Meine Wirtin wollte ich nach nichts fragen; ich war überhaupt entschlossen, alle Beziehungen zu den Leuten abzubrechen und sogar so schnell wie möglich auszuziehen; deshalb verriegelte ich meine Tür sofort wieder, sobald ich meinen Kaffee bekommen hatte. Aber auf einmal klopfte es; zu meinem Erstaunen war das Trischatow.

Ich öffnete ihm sogleich und bat ihn erfreut, näherzutreten; aber er wollte nicht hereinkommen.

»Nur zwei Worte zwischen Tür und Angel! . . . Oder ich komme vielleicht doch besser hinein, denn ich glaube, hier darf man leise sprechen; setzen will ich mich aber nicht bei Ihnen. Sie wundern sich über meinen alten Paletot: Lambert hat mir den Pelz weggenommen.«

Er hatte in der Tat einen schäbigen, alten und für ihn viel zu langen Paletot an. Er stand mit einem eigen finsteren und traurigen Gesicht vor mir, die Hände in den Taschen, den Hut auf dem Kopfe.

»Ich setze mich nicht, ich setze mich nicht. Hören Sie, Dolgorukij, ich weiß nichts Genaueres, aber ich weiß soviel: Lambert plant irgendeinen Streich gegen Sie, er soll bald und ganz bestimmt ausgeführt werden – das weiß ich genau. Sehen Sie sich also vor! Der Pockennarbige hat sich mir gegenüber verplappert – der Pockennarbige, Sie wissen ja . . .? Aber er hat nicht gesagt, um was es sich handelt, ich kann Ihnen also nicht mehr sagen. Ich wollte Sie nur warnen. Leben Sie wohl!«

»Aber setzen Sie sich doch, lieber Herr Trischatow! Ich bin zwar in Eile, aber ich freue mich so, daß Sie gekommen sind . . .« rief ich.

»Ich setze mich nicht, nein, ich setze mich nicht; und daß Sie sich über mich freuen, das werde ich nicht vergessen. Ach, Dolgorukij, wozu soll man den Leuten etwas vormachen: ich habe mich bewußt und aus freien Stücken zu jeder Schlechtigkeit bereit erklärt, zu Gemeinheiten, daß ich mich schäme, sie vor Ihnen auszusprechen. Wir sind jetzt beim Pockennarbigen angestellt. Leben Sie wohl. Ich bin es nicht wert, in Ihrem Zimmer zu sitzen.«

»Ach, hören Sie doch auf, Trischatow, lieber Freund . . .«

»Nein, sehen Sie, Dolgorukij: ich bin frech gegen jedermann, und jetzt soll ein lustiges Leben anfangen. Ich lasse mir bald einen noch feineren Pelz machen und werde mit den feinsten Trabern fahren. Aber ich werde das Bewußtsein haben, daß ich mich bei Ihnen doch nicht gesetzt habe, weil ich mich selber richtig beurteilt habe: weil ich zu gemein für Sie bin. Das wird mir doch immerhin eine wohltuende Erinnerung sein, wenn ich um den Preis meiner Ehre lustig lebe. Leben Sie wohl, leben Sie also wohl. Auch die Hand gebe ich Ihnen nicht; nicht einmal Alphonsina nimmt ja meine Hand. Und eine Bitte: kommen Sie mir nicht nach, und suchen Sie mich auch nicht auf; wir haben unseren Kontrakt.«

Und damit drehte sich der sonderbare junge Mensch um und ging. Ich hatte nur keine Zeit, aber ich faßte den bestimmten Entschluß ihn schleunigst aufzusuchen, sowie ich meine Angelegenheiten in Ordnung gebracht hätte.

Weiter will ich von diesem ganzen Vormittage nichts erzählen, wenngleich so manches noch der Erwähnung wert wäre. Wersilow war zur Beerdigung nicht in der Kirche, und nach den Mienen der Meinen zu schließen, hatte man wohl schon vor der Wegschaffung des Sarges aus der Wohnung wissen können, daß man ihn in der Kirche nicht zu erwarten brauchte. Mama betete andächtig und gab sich ganz dem Gebete hin. Am Grabe waren sonst nur noch Tatjana Pawlowna und Lisa. Aber ich will nichts, gar nichts davon erzählen. Nach der Beerdigung fuhren wir alle heim und setzten uns zu Tisch, und wiederum konnte ich aus ihren Mienen schließen, daß er auch zu Tisch nicht erwartet wurde. Als wir aufstanden, ging ich auf Mama zu, umarmte sie herzlich und gratulierte ihr zum Geburtstage; das tat Lisa denn auch.

»Höre, Arkadij,« flüsterte mir Lisa verstohlen zu, »sie erwarten ihn.«

»Das kann ich mir denken, Lisa, man merkt es.«

»Er wird ganz bestimmt kommen.«

Sie haben also genaue Nachrichten, dachte ich bei mir, fragte aber nicht weiter. Wenn ich auch meine Gefühle nicht beschreiben will, so muß ich doch sagen, daß sich diese rätselhaften Vorgänge, trotzdem ich mich innerlich so frisch fühlte, plötzlich wieder wie ein Stein auf mein Herz legten. Wir setzten uns im Wohnzimmer alle zu Mama um den runden Tisch. Oh, wie wohl tat es mir, bei ihr zu sitzen und sie anzusehen! Mama bat mich plötzlich, ich sollte etwas aus dem Evangelium vorlesen. Ich las ein Kapitel aus Lukas. Sie weinte nicht und war nicht einmal besonders traurig, aber ihr Gesicht war mir noch nie so geistig belebt erschienen. In ihrem stillen Blick leuchtete eine Idee, aber ich konnte nicht das geringste davon bemerken, daß sie etwa voll Aufregung auf etwas wartete. Der Faden des Gespräches riß ab: es wurden viele Erinnerungen an den Verstorbenen ausgetauscht, auch Tatjana Pawlowna erzählte so manches von ihm, wovon ich bisher noch keine Ahnung gehabt hatte. Und überhaupt, wenn ich das aufzeichnen wollte: es gäbe da des Interessanten genug. Selbst Tatjana Pawlowna trug eine ganz andere Miene zur Schau, als gewöhnlich: sie war still und sehr freundlich und, was die Hauptsache ist, gleichfalls sehr ruhig, wenn sie auch viel sprach, um Mama auf andere Gedanken zu bringen. Ein kleiner Umstand aber ist mir nur zu genau im Gedächtnis geblieben: Mama saß auf dem Diwan, und links vom Diwan, auf einem runden Nebentischchen, lag ein Heiligenbild, das aussah, als läge es zu einem besonderen Zwecke da – ein altertümliches Heiligenbild ohne Silberfassung, nur mit silbernen Heiligenscheinen um die Häupter der beiden dargestellten Heiligen. Dieses Heiligenbild hatte Makar Iwanowitsch gehört – das wußte ich, und ich wußte auch, daß der Verstorbene sich nie von diesem Bilde getrennt und es für wundertätig gehalten hatte. Tatjana Pawlowna warf mehrmals einen Blick danach hinüber.

»Hör' mal, Sophia,« sagte sie plötzlich, vom Gegenstande des Gespräches abspringend, »warum liegt das Heiligenbild so da; sollte man es nicht auf dem Tisch aufstellen, man kann es ja an die Wand lehnen und ein Lämpchen davor anzünden?«

»Nein, lassen wir es lieber so, wie es ist«, sagte Mama.

»Du hast ganz recht. Es würde sonst gar so feierlich aussehen . . .«

Ich verstand damals kein Wort davon, es handelte sich aber darum, daß dies Heiligenbild schon vor langer Zeit von Makar Iwanowitsch mündlich Andrej Petrowitsch vermacht worden war; und Mama wollte es ihm jetzt übergeben.

Es war schon fünf Uhr nachmittags; wir unterhielten uns weiter, und plötzlich sah ich etwas wie ein Erzittern über Mamas Gesicht gehen; sie richtete sich hastig auf und begann zu lauschen, während Tatjana Pawlowna, die gerade sprach, ruhig weiterredete und nichts bemerkte. Ich wendete mich sogleich nach der Tür um und erblickte einen Augenblick darauf in der Tür Andrej Petrowitsch. Er war nicht über die Haupttreppe, sondern über die Küchentreppe, durch die Küche und den Gang gekommen, und von uns allen hatte nur Mama seinen Schritt vernommen. Jetzt beschreibe ich die ganze wahnsinnige Szene, die nun folgte, Geste für Geste, Wort für Wort; sie war nur kurz.

Erstlich fiel mir keinerlei Veränderung in seinem Gesicht auf, wenigstens so auf den ersten Blick nicht. Gekleidet war er wie immer, das heißt, beinahe stutzerhaft. In der Hand hatte er einen kleinen, aber kostbaren Strauß von frischen Blumen. Er trat heran und überreichte ihn mit einem Lächeln Mama; die sah ihn mit schreckhaftem Zweifel an, nahm aber den Strauß, und auf einmal färbte eine leichte Röte ihre blassen Wangen, und in ihren Augen strahlte die Freude.

»Ich habe gewußt, daß du es so aufnehmen würdest, Sonja«, sagte er. Da wir bei seinem Eintritt alle aufgestanden waren, setzte er sich an den Tisch auf Lisas Stuhl, der links von Mamas Platze stand, ohne zu bemerken, daß er einen fremden Stuhl einnahm. Auf die Weise kam er direkt neben das Tischchen zu sitzen, auf dem das Heiligenbild lag.

»Guten Tag alle miteinander. Sonja, ich wollte dir heute unbedingt diesen Strauß bringen, zum Geburtstag; deshalb bin ich auch nicht zur Beerdigung gekommen, weil ich nicht mit einem Strauß zu dem Toten kommen wollte; und ich weiß ja, du hast mich selber nicht zur Beerdigung erwartet. Der Alte wird sich über diese Blumen nicht ärgern, da er uns ja selber die Freude zum Vermächtnis gemacht hat; nicht wahr? Ich denke mir, er ist jetzt irgendwo hier im Zimmer?«

Mama sah ihn mit einem sonderbaren Blick an; Tatjana Pawlowna schüttelte es förmlich.

»Wer soll hier im Zimmer sein?« fragte sie.

»Der Tote. Lassen wir das. Ihr wißt ja: ein Mensch, der an alle diese Wunder nicht so recht glaubt, ist immer ganz besonders zu allerhand Aberglauben geneigt . . . Aber ich will lieber von dem Strauß sprechen: wie ich ihn eigentlich hergebracht habe – das begreife ich nicht. Sicher dreimal hat mich unterwegs die Lust angewandelt, ihn in den Schnee zu werfen und mit den Füßen zu zertreten.«

Mama erzitterte.

»Eine unbezwingliche Lust dazu wandelte mich an. Hab' Nachsicht mit mir, Sonja, und mit meinem armen Kopfe. Und diese Lust hatte ich, weil er zu schön ist. Gibt es etwas Schöneres auf der Welt als Blumen? Ich trug sie mitten durch Schnee und Frost. Unser Frost und die Blumen – was für ein Gegensatz! Übrigens, das wollte ich nicht sagen: ich wollte den Strauß einfach zertreten, weil er hübsch ist. Sonja, wenn ich jetzt auch wieder verschwinde, ich kehre sehr bald wieder zurück, denn ich glaube, mir wird Angst werden – und wer wird mich von meiner Angst heilen, woher soll ich einen Engel nehmen wie Sonja? . . . Was habt ihr da für ein Heiligenbild? Ach ja, vom Verstorbenen, ich weiß schon. Es ist ein Erbstück von ihm, vom Großvater her; er hat sich sein Lebtag nicht davon getrennt; ich weiß, ich erinnere mich, er hat es mir vermacht; das weiß ich sehr genau . . . es muß, glaube ich, von Altgläubigen stammen . . . zeigt doch mal her:!«

»Er nahm das Heiligenbild in die Hand, hielt es gegen das Licht und sah es aufmerksam an, aber nur ein paar Sekunden, dann legte er es hin, jetzt aber vor sich auf den Tisch. Ich war erstaunt, aber alle diese sonderbaren Reden kamen so plötzlich, daß ich zu gar keiner Überlegung gelangte. Ich weiß nur noch, daß ein krankhaftes Schmerzgefühl mein Herz ergriff. Mamas Schrecken verwandelte sich in Zweifel und Mitleid; sie sah vor allen Dingen den unglücklichen Menschen in ihm; es war auch früher schon manchmal vorgekommen, daß er so sonderbare Reden geführt hatte wie jetzt. Lisa wurde plötzlich – ich wußte nicht, warum – sehr bleich und machte mir mit sonderbarer Miene ein Zeichen mit dem Kopfe. Am erschrockensten aber war Tatjana Pawlowna.

»Aber was haben Sie denn, liebster Andrej Petrowitsch?« fragte sie behutsam.

»Liebe Tatjana Pawlowna, ich weiß wirklich nicht, was mit mir ist. Regen Sie sich nicht auf, ich weiß ja noch, daß Sie Tatjana Pawlowna sind, und daß Sie eine gute Seele sind. Ich bin übrigens nur auf einen Augenblick gekommen; ich wollte bloß Sonja ein gutes Wort sagen und suche nach einem Wort, wenn auch mein Herz voll ist von Worten, die ich nicht auszusprechen weiß; es sind ja auch freilich recht sonderbare Worte. Ihr müßt wissen, ich habe so ein Gefühl, als ob sich mein ganzer Mensch einfach spalte«, sagte er und sah uns alle mit einem furchtbar ernsten Gesicht und in ganz aufrichtiger Mitteilsamkeit an. »Es ist wirklich wahr, ich spalte mich innerlich und habe eine entsetzliche Angst davor. Es ist, als ob ein Doppelgänger neben einem stünde; man selber ist klug und vernünftig, der andere neben einem will aber durchaus irgendeinen Unsinn begehen, und manchmal etwas sehr Lustiges; und auf einmal bemerkt man, daß man selber diesen lustigen Unsinn begehen will, Gott weiß warum; das heißt: man will es, ohne zu wollen, man will es, obgleich man sich aus allen Kräften dagegen stemmt. Ich hab' einmal einen Arzt gekannt, der bei der Beerdigung seines Vaters in der Kirche plötzlich anfing zu pfeifen. Ich habe mich tatsächlich gefürchtet, heute zur Beerdigung zu kommen, weil sich, ich weiß nicht warum, in meinem Kopfe die sichere Überzeugung festgesetzt hatte, ich würde auf einmal anfangen zu pfeifen oder zu lachen wie dieser unglückliche Doktor, mit dem es ein ziemlich böses Ende nahm . . . Und ich weiß wahrhaftig nicht, warum ich heute immer an diesen Doktor denken muß; ich muß an ihn denken und werde ihn auf keine Weise los. Siehst du, Sonja, da halte ich nun wieder dies Heiligenbild,« er hatte es genommen und drehte es zwischen seinen Fingern, »und siehst du, ich habe jetzt brennende Lust, es gleich, in dieser Sekunde, dort an den Ofen zu schleudern, an diese Ecke da. Ich bin überzeugt, daß es dann in zwei Teile zerspringt – nicht mehr und nicht weniger.«

Das merkwürdigste war, daß er das ohne den geringsten Schein von Verstellung, ja, ohne Aufregung sagte; er sagte es ganz einfach, aber um so furchtbarer wirkte es; und er schien sich in der Tat schrecklich vor irgend etwas zu fürchten; ich bemerkte auf einmal, daß seine Hände ein wenig zitterten.

»Andrej Petrowitsch!« schrie Mama auf und schlug die Hände zusammen.

»Laß das, laß das Bild liegen, Andrej Petrowitsch, laß es liegen, leg' es hin!« rief Tatjana Pawlowna und sprang auf. »Zieh dich aus und leg' dich ins Bett! Arkadij, zum Doktor!«

»Aber . . . aber wie ihr euch aufregt!« sagte er leise und ließ einen forschenden Blick über uns alle wandern. Dann stemmte er auf einmal beide Ellbogen auf den Tisch und stützte den Kopf in die Hände.

»Ich erschrecke euch, aber tut mir eine Liebe, liebe Freunde: laßt mir einen Augenblick Ruhe, setzt euch wieder hin und seid ganz ruhig – eine Minute bloß! Sonja, ich bin durchaus nicht gekommen, dir das zu sagen; ich bin gekommen dir etwas mitzuteilen, aber ganz etwas anderes. Lebe wohl, Sonja, ich gehe wieder auf die Wanderung, wie ich schon ein paarmal von dir gegangen bin . . . Natürlich komme ich schon wieder einmal zu dir zurück – in dem Sinne bist du das Unvermeidliche. Zu wem sollte ich auch sonst gehen, wenn alles aus ist? Glaube mir, Sonja, ich bin jetzt zu dir gekommen als zu meinem guten Engel, und durchaus nicht wie zu einem Feinde: was wärst du mir auch für ein Feind, was wärst du mir für ein Feind! Glaube nur nicht, ich wäre mit der Absicht gekommen, das Heiligenbild zu zerbrechen; denn weißt du was, Sonja, ich habe doch Lust, es zu zerbrechen . . .«

Als Tatjana Pawlowna vorhin gerufen hatte: »Laß das Heiligenbild liegen«, da hatte sie ihm das Bild fortgenommen, und sie hielt es jetzt in ihrer Hand. Auf einmal, bei seinem letzten Worte, sprang er hastig auf, riß Tatjana das Heiligenbild blitzschnell aus der Hand, holte heftig aus und schleuderte es aus aller Kraft an die Ecke des Kachelofens. Das Heiligenbild zersprang genau in zwei Teile . . . Er wendete sich plötzlich nach uns um, und sein bleiches Gesicht wurde auf einmal ganz rot, fast blaurot, und jedes Fältchen in seinem Gesichte zitterte und verzerrte sich:

»Nehmt es nicht als Symbol, Sonja, ich habe nicht Makars Vermächtnis zerschlagen; ich habe nur so zerschlagen, um zu zerschlagen . . . Und ich kehre dennoch zu dir zurück, zu dir, meinem letzten guten Engel! Übrigens aber, nimm es auch als Symbol; denn das war es doch sicherlich! . . .«

Und er verließ plötzlich eilends das Zimmer, er ging wieder durch die Küche hinaus (wo er seinen Pelz und seine Mütze gelassen hatte). Ich will nicht ausführlich schildern, was mit Mama geschah: zu Tode erschrocken stand sie da und rang die Hände über ihrem Haupte, und auf einmal schrie sie ihm nach:

»Andrej Petrowitsch, komm doch wenigstens und nimm Abschied von mir, Liebster!«

»Er kommt schon, Sophia, er kommt schon! Mach' dir keine Sorgen!« schrie Tatjana Pawlowna, am ganzen Körper zitternd vor einem schrecklichen Wutanfall, einer direkt tierischen Wut. »Du hast es ja gehört, er hat es selber versprochen, daß er wiederkommt! Laß den Hanswurst doch noch ein letztes Mal bummeln gehen. Er wird schon noch alt – wer wird ihn dann auch, wenn er nicht mehr auf den Füßen stehen kann, warten, als du, seine alte Wärterin? Das sagt er ja selber ganz offen heraus, er entblödet sich nicht . . .«

Was uns andere angeht, so war Lisa ohnmächtig geworden. Ich hatte ihm nachlaufen wollen, war dann aber zu Mama gestürzt. Ich umschlang sie und hielt sie in meinen Armen. Lukeria kam mit einem Glas Wasser für Lisa gelaufen. Aber Mama kam bald wieder zu sich; sie ließ sich auf den Diwan sinken, bedeckte das Gesicht mit den Händen und fing an zu weinen.

»Aber, aber . . . aber so lauf ihm doch nach!« schrie plötzlich Tatjana Pawlowna, gleichsam zur Besinnung kommend, aus Leibeskräften. »Lauf, lauf . . . hol' ihn ein, geh ihm keinen Schritt von der Seite, lauf, lauf!« rief sie und riß mich mit aller Gewalt von Mama los. »Ach, dann lauf ich lieber gleich selber!«

»Ach ja, Arkascha, lauf ihm schnell nach!« rief plötzlich auch Mama.

Ich lief Hals über Kopf hinaus, gleichfalls durch die Küche und den Hof, aber er war schon nicht mehr zu sehen. In der Ferne bewegten sich auf dem Trottoir schwarze Schatten von Menschen; ich eilte ihnen nach und sah jedem ins Gesicht, den ich überholte. So lief ich bis zur nächsten Straßenkreuzung.

»Auf Irrsinnige ist man nicht böse,« fuhr es mir auf einmal durch den Sinn, »und Tatjana war ja wie ein wildes Tier vor Wut auf ihn; also ist er durchaus nicht irrsinnig« . . . Oh, ich hatte immer das Gefühl, daß dies doch eine symbolische Tat gewesen war, und daß er mit irgend etwas hatte ein Ende machen wollen wie mit diesem Heiligenbilde, und daß er uns das hatte zeigen wollen, Mama und uns allen. Aber auch der »Doppelgänger« hatte sicherlich neben ihm gestanden; daran gab es keinen Zweifel . . .

 

3

Er war aber nirgends zu sehen, und in seine Wohnung zu laufen, hätte keinen Sinn gehabt; ich konnte mir doch wirklich nicht vorstellen, daß er so einfach nach Hause gegangen wäre. Plötzlich fiel mir etwas ein, und ich rannte, was ich konnte, zu Anna Andrejewna.

Anna Andrejewna war schon wieder zurück, und ich wurde sogleich vorgelassen. Ich ging hinein und nahm mich zusammen, so gut ich konnte. Ohne mich zu setzen, erzählte ich ihr geradeheraus, was eben für eine Szene passiert war, also die Sache mit dem »Doppelgänger«. Niemals vergesse und verzeihe ich ihr die gierige, aber mitleidlos ruhige und selbstsichere Neugier, mit der sie mich, gleichfalls stehend, anhörte.

»Wo ist er? Sie wissen es vielleicht?« schloß ich, bei meiner Meinung beharrend. »Zu Ihnen hat mich gestern Tatjana Pawlowna geschickt . . .«

»Ich habe Sie gestern zu mir bitten lassen. Gestern war er in Zarskoje, er war auch bei mir. Und jetzt,« sie sah auf die Uhr, »jetzt ist es sieben . . . Also ist er jetzt wahrscheinlich bei sich zu Hause.«

»Ich sehe, daß Sie alles wissen – also sprechen Sie, sprechen Sie!« rief ich.

»Ich weiß viel, alles aber weiß ich nicht. Es hat natürlich keinen Sinn, es Ihnen zu verheimlichen« . . . Sie maß mich mit einem sonderbaren Blicke, lächelnd und gleichsam kalkulierend. »Gestern früh hat er Katerina Nikolajewna, als Antwort auf ihren Brief, einen formellen Heiratsantrag gemacht.«

»Das ist nicht wahr!« rief ich mit großen Augen.

»Der Brief ist durch meine Hände gegangen; ich selbst habe ihn ihr unerbrochen übergeben. Diesmal hat er ›ritterlich‹ gehandelt und mir nichts verheimlicht.«

»Anna Andrejewna, ich verstehe kein Wort davon!«

»Es ist natürlich schwer zu verstehen, aber er macht es wie ein Spieler, der sein letztes Goldstück auf den Tisch wirft und den Revolver schon schußfertig in der Tasche hat – das ist der Sinn seines Antrages. Neun Chancen von zehn sprechen dafür, daß sie den Antrag nicht annimmt; aber auf diese eine unter zehn Chancen hat er dennoch gerechnet, und ich muß gestehen: das ist sehr interessant . . . Übrigens kann das auch eine Art Anfall gewesen sein, eben derselbe ›Doppelgänger‹, wie Sie es eben so gut bezeichnet haben.«

»Und Sie lachen dazu? Und kann ich denn glauben, daß der Brief durch Ihre Hände gegangen wäre? Sie sind ja doch die Braut ihres Vaters? Schonen Sie mich, Anna Andrejewna!«

»Er bat mich, meine Zukunft seinem Glück zu opfern, oder eigentlich: gebeten hat er nicht. Das ging alles ohne viel Worte vor sich, ich hab' es nur alles in seinen Augen gelesen. Ach, du lieber Gott, was ist denn auch groß dabei: er ist doch auch zu Ihrer Mutter nach Königsberg gefahren, sie um ihre Zustimmung zu seiner Heirat mit Madame Achmakowas Stieftochter zu bitten. Das war ja doch genau dasselbe, wie daß er mich gestern zu seiner Bevollmächtigten und Vertrauten wählte.«

Sie war ein wenig bleich. Und ihre Ruhe hielt sich nur durch diesen gemachten Sarkasmus aufrecht. Oh, in dem Augenblick verzieh ich ihr viel, wie ich so allmählich zum Verständnis der Sache gelangte. Eine Minute lang überlegte ich; sie wartete schweigend.

»Wissen Sie was,« lachte ich plötzlich auf, »Sie haben den Brief deshalb übermittelt, weil für Sie nicht das geringste dabei zu befürchten war; denn aus dieser Ehe wird nichts. Aber er? Und schließlich sie? Selbstverständlich wird sie seinen Antrag ablehnen, und dann . . . was kann dann geschehen? Wo ist er jetzt, Anna Andrejewna?« rief ich. »Hier ist jede Minute kostbar, jede Minute kann ein Unglück geschehen!«

»Er ist bei sich zu Hause, wie ich Ihnen schon sagte. In seinem gestrigen Briefe an Katerina Nikolajewna, den ich überbrachte, bat er sie für jeden Fall um eine Zusammenkunft in seiner Wohnung, und zwar heute um sieben Uhr abends. Und sie hat zugesagt.«

»Sie in seiner Wohnung? Wie ist das möglich?«

»Wieso denn? Die Wohnung gehört ja doch Darja Onisimowna: sie können sich doch sehr gut als ihre Gäste da treffen . . .«

»Aber sie fürchtet sich vor ihm . . . er kann sie erschießen!«

Anna Andrejewna lächelte bloß.

»Katerina Nikolajewna hat sich bei aller Furcht, die ich auch schon an ihr bemerkt habe, doch immer, noch von früheren Zeiten her, eine gewisse Ehrfurcht vor Andrej Petrowitsch und eine Art Bewunderung für seine strengen Anschauungen und seinen hochfliegenden Geist bewahrt. Dieses Mal wollte sie sich ihm anvertrauen, um für immer mit ihm zum Abschluß zu gelangen. Er hat ihr nämlich in seinem Briefe sein feierlichstes Ritterwort gegeben, daß sie nichts zu befürchten hätte . . . Kurz, ich habe die Ausdrücke des Briefes nicht mehr im Kopfe, aber sie glaubte ihm . . . sozusagen, weil es das letztemal sein soll . . . sie erwiderte seine Gefühle sozusagen mit den heroischsten Gefühlen. Es kann da so eine Art von ritterlichem Wettstreit von beiden Seiten geben.«

»Aber der Doppelgänger, der Doppelgänger!« rief ich. »Er ist ja doch wahnsinnig geworden!«

»Als sie ihm gestern diese Zusammenkunft zusagte, hat Katerina Nikolajewna diese Möglichkeit wahrscheinlich nicht vorausgesehen.«

Ich drehte mich plötzlich um und rannte davon . . . Zu ihm, zu ihnen, selbstverständlich! Aber ich kehrte noch einmal für einen Augenblick in ihr Zimmer zurück.

»Ja, freilich, Sie brauchen ja nichts weiter, als daß er sie niederschießt«, schrie ich sie an und verließ eilig das Haus.

Trotzdem ich am ganzen Leibe zitterte wie im hitzigsten Fieber, betrat ich die Wohnung leise, von der Küche aus, und bat flüsternd, man möchte mir Darja Onisimowna herausrufen, aber da kam sie auch schon selber heraus und bohrte einen gespannt forschenden Blick in mein Gesicht.

»Er . . . Es ist niemand zu Hause.«

Aber ich erklärte ihr geradezu und genau in hastigem Flüsterton, daß ich alles von Anna Andrejewna erfahren hätte und geradeswegs von Anna Andrejewna käme.

»Darja Onisimowna, wo sind sie?«

»Sie sind da im Wohnzimmer, wo Sie vorgestern gesessen haben, an dem Tische . . .«

»Darja Onisimowna, lassen Sie mich hinein!«

»Ja, wie ist denn das möglich?«

»Nicht hinein, sondern ins Vorzimmer. Darja Onisimowna, vielleicht ist das Anna Andrejewnas eigener Wille. Wenn sie das nicht gewollt hätte, hätte sie mir doch nicht gesagt, daß sie hier sind. Sie werden mich schon nicht hören . . . sie selbst will es so . . .«

»Und wenn sie es nicht will?« fragte Darja Onisimowna und wendete ihren bohrenden Blick nicht von mir.

»Darja Onisimowna, ich denke immer noch an Ihre Olla . . . lassen Sie mich hinein.«

Ihre Lippen und ihr Kinn erzitterten plötzlich:

»Liebster Freund, um Ollas willen . . . weil du ein Herz hast . . . Aber laß du Anna Andrejewna nicht im Stich, Lieber! Du läßt sie nicht im Stich, was? Du läßt sie doch nicht im Stich?«

»Ich lasse sie schon nicht im Stich!«

»Gib mir dein heiliges Ehrenwort, daß du nicht zu ihnen hineinläufst und nicht anfängst zu schreien, wenn ich dich da hinführe?«

»Ich schwöre es bei meiner Ehre, Darja Onisimowna!«

Sie faßte mich an einem Rockzipfel und geleitete mich in ein dunkles Zimmer, das an das Zimmer stieß, in dem sie saßen; sie führte mich auf dem weichen Teppich fast lautlos an die Tür, stellte mich direkt an die zusammengezogene Portiere, schob ein Zipfelchen der Portiere zur Seite und zeigte mir die beiden.

Ich blieb da, sie ging. Selbstverständlich blieb ich. Ich war mir vollkommen klar darüber, daß ich horchte, daß ich ein fremdes Geheimnis belauschte, aber ich blieb. Wie hätte ich denn auch nicht bleiben sollen: und der Doppelgänger?! Er hatte ja doch vor meinen Augen das Heiligenbild zerschlagen!

 

4

Sie saßen einander gegenüber, an demselben Tische, wo ich gestern mit ihm auf seine »Wiedergeburt« getrunken hatte; ich konnte ihre Gesichter genau sehen. Sie trug ein schlichtes, schwarzes Kleid und war schön und dem Anschein nach ruhig wie immer. Er sprach, und sie hörte ihm mit außerordentlicher und zuvorkommender Aufmerksamkeit zu. Vielleicht sah man ihr übrigens doch eine gewisse Furchtsamkeit an. Er für sein Teil war schrecklich erregt. Ich kam mitten in ein schon begonnenes Gespräch, und deshalb verstand ich eine Zeitlang kein Wort. Ich erinnere mich, wie sie dann auf einmal fragte:

»Und ich war die Ursache?«

»Nein, die Ursache war ich selbst«, erwiderte er. »Sie sind nur unschuldig schuldig. Sie wissen doch, daß man unschuldig schuldig sein kann? Das ist immer die unverzeihlichste Schuld, und sie zieht fast immer ihre Strafe nach sich«, fügte er mit einem sonderbaren Auflachen hinzu. »Und ich habe wahrhaftig einen Augenblick lang gedacht, ich hätte Sie ganz vergessen, und lachte einfach über meine törichte Leidenschaft . . . aber das wissen Sie ja. Und schließlich, was kümmert mich der Mensch, den Sie heiraten wollen? Ich habe Ihnen gestern einen Antrag gemacht; verzeihen Sie mir das, es war eine Albernheit, aber trotzdem wüßte ich nicht, was ich sonst hätte tun sollen . . . Was hätte ich machen können, als diese Albernheit? Ich weiß es nicht . . .«

Er lachte bei diesen Worten verloren auf und hob plötzlich seine Augen zu ihr empor; bis dahin hatte er gleichsam beiseite gesprochen. Wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre, dies Lachen hätte mich erschreckt, das fühlte ich. Er erhob sich plötzlich von seinem Stuhle:

»Sagen Sie mir: wie konnten Sie sich entschließen, hierher zu kommen?« fragte er auf einmal, als besänne er sich auf die Hauptsache. »Meine Einladung und mein ganzer Brief war eine Albernheit . . . Warten Sie, ich kann es wohl noch erraten, wie das so kam, daß Sie einwilligten zu kommen; warum Sie aber wirklich gekommen sind – das ist die Frage. Sollten Sie denn wirklich einzig und allein aus Angst gekommen sein?«

»Ich bin gekommen, um Sie wiederzusehen«, sagte sie und beobachtete ihn mit ängstlicher Vorsicht. Sie schwiegen beide vielleicht eine halbe Minute lang. Wersilow ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen und begann mit stiller, aber ergriffener, fast zitternder Stimme:

»Ich habe Sie furchtbar lange nicht gesehen, Katerina Nikolajewna, so lange, daß ich es fast schon nicht mehr für möglich gehalten hätte, je wieder, wie jetzt, bei Ihnen zu sitzen, Ihr Gesicht zu sehen und Ihre Stimme zu hören . . . Zwei Jahre haben wir uns nicht gesehen, zwei Jahre nicht miteinander gesprochen. Daß ich wieder einmal mit Ihnen sprechen könnte, hätte ich mir nun gar niemals gedacht. Nun also: was vergangen ist, ist vergangen, und was heute ist – das wird morgen entschwunden sein, wie Rauch – also mag es denn! Ich bin einverstanden damit, denn auch hier weiß ich nicht, was ich sonst tun sollte, aber gehen Sie jetzt nicht so fort, ohne daß irgend etwas geschehen wäre,« fügte er auf einmal fast flehend hinzu, »wenn Sie mir schon ein Almosen gewährt haben und gekommen sind, so gehen Sie nicht so ohne alles: beantworten Sie mir eine Frage.«

»Welche Frage?«

»Wir werden uns ja nie wiedersehen – was kann Ihnen also daran liegen? Sagen Sie mir die Wahrheit, ein für allemal; beantworten Sie mir eine Frage, die gescheite Menschen nie stellen würden: haben Sie mich wenigstens irgendwann einmal geliebt oder habe ich . . . mich getäuscht?«

Sie wurde feuerrot.

»Ich habe Sie geliebt«, sagte sie.

Das hatte ich erwartet, daß sie so antworten würde: – o du wahrhaftigste, aufrichtigste, ehrlichste der Frauen!

»Und jetzt?« fuhr er fort.

»Jetzt liebe ich Sie nicht.«

»Und Sie lachen?«

»Nein, ich habe eben nur gelächelt, unwillkürlich, weil ich es so genau vorher wußte, daß Sie fragen würden: ›Und jetzt?‹ Und darum lächelte ich . . . weil man überhaupt lächelt, wenn man etwas vorausahnt . . .«

Mir war ganz eigentümlich zumute; ich hatte sie noch nie so vorsichtig, ja, beinahe ängstlich, und so verwirrt gesehen. Er verschlang sie mit den Augen.

»Ich weiß, daß Sie mich nicht lieben . . . und – Sie lieben mich also gar nicht?«

»Es mag sein, daß ich Sie gar nicht liebe. Ich liebe Sie nicht«, fügte sie fest hinzu, jetzt ohne Lächeln und ohne Erröten. »Ja, ich habe Sie geliebt, aber nicht lange. Meine Liebe zu Ihnen hatte damals sehr bald ein Ende . . .«

»Ich weiß, ich weiß, Sie erkannten, daß Sie bei mir nicht fanden, was Sie brauchten, aber . . . was brauchen Sie eigentlich? Erklären Sie mir das noch einmal . . .«

»Ja, hätte ich Ihnen das denn schon jemals erklärt? Was ich brauche? Ja, ich bin eben eine ganz gewöhnliche Frau; ich bin eine ruhige Frau, ich liebe . . . ich liebe heitere Menschen.«

»Heitere Menschen?«

»Sie sehen, wie ich nicht einmal mit Ihnen zu sprechen verstehe. Ich glaube, wenn Sie mich weniger zu lieben verstanden hätten, dann hätte ich Sie damals geliebt«, lächelte sie wieder zaghaft. Die vollste Aufrichtigkeit leuchtete in ihrer Antwort, und ich kann mir nicht denken, daß sie nicht begriffen hätte, daß diese Antwort die endgültigste Formel für ihr Verhältnis war, die alles erklärte und entschied. Oh, wie er das hätte verstehen sollen! Aber er sah sie an und lächelte sonderbar.

»Und Bjoring . . . Ist das ein heiterer Mensch?« fragte er weiter.

»Um ihn brauchen Sie sich durchaus keine Sorgen zu machen«, antwortete sie mit einiger Hast. »Ich heirate ihn nur, weil ich in der Ehe mit ihm am ehesten meine Ruhe haben werde. Mein ganzes Herz behalte ich für mich.«

»Ich höre, Sie sollen wieder Neigung für die Gesellschaft, die Welt gewonnen haben?«

»Nicht für die Gesellschaft. Ich weiß wohl, daß in unserer Gesellschaft genau dieselbe Unordnung herrscht wie überall; aber äußerlich sind ihre Formen noch angenehm; darum ist es, wenn man schon leben will, um am Leben vorüberzugehen, besser, dort zu leben, als sonst irgendwo.«

»Ich höre jetzt das Wort ›Unordnung‹ so oft; Sie hat wohl damals auch bei mir die Unordnung erschreckt, meine Büßerketten, meine Ideen, meine Dummheiten?«

»Nein, das war doch nicht ganz so . . .«

»Sondern . . .? Sagen Sie mir um Gottes willen alles geradeheraus.«

»Gut, ich sage es Ihnen geradeheraus, weil ich Sie für einen sehr klugen Mann halte . . . Mir ist an Ihnen immer irgend etwas lächerlich erschienen.«

Als sie das gesagt hatte, wurde sie plötzlich rot, als erkenne sie, daß sie eine gewaltige Unvorsichtigkeit begangen hatte.

»Sehen Sie, für das, was Sie mir jetzt gesagt haben, kann ich Ihnen viel verzeihen«, sagte er seltsam.

»Sie haben mich nicht aussprechen lassen,« sagte sie hastig, immer noch rot im Gesicht, »lächerlich bin in Wirklichkeit ich . . . schon, weil ich wie eine Närrin mit Ihnen spreche.«

»Nein, lächerlich sind Sie nicht, Sie sind bloß eine verderbte Weltdame!« sagte er und wurde furchtbar bleich. »Sie haben mich vorhin gleichfalls nicht aussprechen lassen, als ich Sie fragte, warum Sie gekommen wären. Wenn Sie wollen, fahre ich jetzt damit fort. Es existiert da ein gewisser Brief, ein Dokument, und vor dem haben Sie eine schreckliche Angst, weil Ihr Vater, wenn er diesen Brief in die Hand bekäme, Sie leicht bei Lebzeiten verfluchen und Sie in seinem Testamente rechtsgültig enterben könnte. Sie haben Angst vor diesem Briefe, und – Sie sind wegen dieses Briefes gekommen«, sagte er, zitternd am ganzen Leibe und beinahe zähneklappernd. Sie hörte ihn mit bekümmertem und schmerzlichem Ausdruck an.

»Ich weiß, daß Sie mir sehr viele Widerwärtigkeiten bereiten können«, sagte sie, seine Worte gleichsam von sich weisend. »Aber ich bin nicht so sehr deswegen hergekommen, um Sie zu überreden, mir nicht nachzustellen, als vielmehr, um Sie selber zu sehen. Ich kann Ihnen sogar sagen: ich habe selber seit lange den drängenden Wunsch gehabt, Sie einmal zu treffen. Aber ich habe Sie als denselben getroffen, der Sie früher waren«, fügt sie auf einmal hinzu, gleichsam fortgerissen von einem ganz bestimmten, abschließenden Gedanken, ja von irgendeinem sonderbaren, plötzlich erwachten Gefühl.

»Und Sie hatten gehofft, einen andern zu finden? Und das nach meinem Briefe, in dem ich Ihnen Ihre Verderbtheit vorgeworfen habe? Sagen Sie: sind Sie denn ohne jede Angst hierher gekommen?«

»Ich bin gekommen, weil ich Sie früher geliebt habe; aber wissen Sie was: ich bitte Sie, drohen Sie mir mit gar nichts, solange wir hier beisammen sind, erinnern Sie mich nicht an meine törichten Gedanken und Gefühle. Wenn Sie mit mir von irgend etwas anderm sprechen wollten, wäre ich froh. Lassen wir die Drohungen für nachher, und sprechen wir von etwas anderem . . . Ich bin wirklich gekommen, um Sie einen Augenblick zu sehen und zu sprechen. Nun, und wenn Sie das nicht können, dann erschießen Sie mich einfach; nur drohen Sie mir nicht und martern Sie sich nicht selber vor meinen Augen«, schloß sie und sah ihn in einer sonderbaren Erwartung an, als meinte sie, er würde sie am Ende wirklich erschießen. Er erhob sich wieder von seinem Stuhle, musterte sie mit einem brennenden Blick und sagte fest:

»Sie werden dies Haus verlassen, ohne daß Ihnen das Geringste geschehen wäre.«

»Ach so, ja, Ihr Ehrenwort!« lächelte sie.

»Nein, nicht nur, weil ich Ihnen in dem Briefe mein Ehrenwort gegeben habe, sondern weil ich die ganze Nacht an Sie denken will und werde . . .«

»Sie wollen sich martern?«

»Ich male mir immer Ihr Bild aus, wenn ich allein bin. Ich tue ja nichts als mit Ihnen sprechen. Ich fliehe in Höhlen und Wüsteneien, und, wie ein Kontrast, treten Sie sogleich vor meine Augen. Aber Sie lachen nur über mich, wie jetzt auch . . .« Er sagte das wie außer sich . . .

»Nie, niemals habe ich über Sie gelacht!« rief sie mit ergriffener Stimme, und dabei spiegelte sich auf ihrem Gesichte ein großes Mitleiden. »Wenn ich hergekommen bin, so habe ich mir die größte Mühe gegeben, es so zu machen, daß Ihnen nichts daran kränkend erscheinen könne«, fügte sie plötzlich hinzu. »Ich bin hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie beinahe liebe . . . Verzeihen Sie mir, ich habe das alles vielleicht nicht richtig gesagt«, fügte sie hastig hinzu.

Er lachte auf:

»Warum verstehen Sie es nicht, sich zu verstellen? Warum besitzen Sie diese Einfalt, warum sind Sie nicht wie alle . . . Wie kann man denn zu einem Menschen, dem man den Laufpaß gibt, sagen: ›Ich liebe Sie beinahe?‹«

»Ich habe mich nur schlecht ausgedrückt,« sagte sie hastig, »so habe ich das nicht gesagt; das kommt daher, weil ich mich vor Ihnen immer geniert habe und in Ihrer Gegenwart von unserer ersten Begegnung an mich nie habe richtig ausdrücken können. Und wenn ich es nicht so mit Worten gesagt habe, daß ich ›Sie beinahe liebe‹, aber im Gedanken war es doch fast so, – deswegen habe ich es ja auch gesagt; denn ich liebe Sie ja mit so . . . nun, so einer allgemeinen Liebe, mit der man alle Menschen liebt, und die einzugestehen man sich nie zu genieren braucht . . .«

Er hörte ihr schweigend zu, ohne den brennenden Blick von ihr zu verwenden.

»Ich beleidige Sie natürlich«, fuhr er dann fort, wie außer sich. »Das muß wohl in der Tat das sein, was man Leidenschaft nennt. Ich weiß nur das eine, daß ich in Ihrer Gegenwart fertig bin, und ohne Sie auch. Ohne Sie oder mit Ihnen, wo Sie auch sein mögen, Sie sind immer bei mir. Ich weiß auch, daß ich Sie sehr zu hassen vermag, mehr vielleicht noch als zu lieben. Übrigens, ich denke schon lange über nichts mehr nach – mir ist alles eins. Es tut mir nur leid, daß ich eine Person wie Sie lieben muß . . .«

Seine Stimme versagte; er fuhr fast atemlos fort.

»Was haben Sie? Scheint es Ihnen unheimlich, daß ich so spreche?« lächelte er mit einem blassen Lächeln. »Ich glaube, wenn ich Sie mir dadurch verdienen könnte, so würde ich irgendwo als Säulenheiliger dreißig Jahre lang auf einem Fuße stehen . . . Ich sehe, ich tue Ihnen leid; Ihr Gesicht sagt: ›Ich würde dich ja lieben, wenn ich könnte, ich kann aber nicht‹ . . . Nicht wahr? Macht nichts, ich habe keinen Stolz. Ich bin bereit, jedes Almosen von Ihnen anzunehmen, wie ein Bettler – hören Sie, jedes . . . Was hätte denn ein Bettler für einen Stolz?«

Sie stand auf und trat auf ihn zu.

»Teurer Freund!« sagte sie, ein unbeschreibliches Gefühl in ihrem Gesicht, und berührte mit der Hand seine Schulter, »ich kann solche Worte nicht hören! Ich werde mein Leben lang an Sie denken, als an einen Menschen, der mir unendlich wert ist, als an das größte Herz, als an etwas besonders Heiliges unter allem, was ich achten und lieben kann. Andrej Petrowitsch, verstehen Sie mich wohl: aus irgendeinem Grund bin ich doch heute hergekommen, Sie teurer, mir einst wie heute teurer Mensch! Ich werde nie vergessen, wie Sie bei unserer ersten Begegnung meinen Geist erschüttert haben. Lassen Sie uns als Freunde scheiden, – und der Gedanke an Sie wird mir der ernsteste und liebste bleiben mein Leben lang!«

»›Scheiden wir, dann werde ich Sie lieben‹; ich werde Sie lieben – nur scheiden müssen wir. Hören Sie,« sagte er mit totenbleichem Gesicht, »schenken Sie mir noch ein Almosen: lieben Sie mich nicht, leben Sie nicht mit mir, wir wollen uns nie sehen; ich werde Ihr Sklave sein – wenn Sie mich rufen; ich werde sofort verschwinden – wenn Sie mich nicht sehen und hören wollen, nur . . . nur heiraten Sie keinen andern!«

Mein Herz krampfte sich vor Weh zusammen, als ich diese Worte vernahm. Die naive Selbsterniedrigung dieser Bitte war um so mitleiderregender, stach einem um so mehr ins Herz, weil sie so nackt und unmöglich war. Jawohl, natürlich, er bat sie um ein Almosen! Aber konnte er denn glauben, daß sie ja sagen würde? Und dabei erniedrigte er sich bis zur Bitte, er versuchte die Bitte. Es war unerträglich, diesen letzten Grad der Verzweiflung anzusehen. Jeder Zug ihres Gesichtes verzerrte sich gleichsam vor Weh; aber bevor sie noch ein Wort sagen konnte, besann er sich wieder auf sich selbst.

»Ich vernichte Sie!« sagte er plötzlich mit einer sonderbaren, entstellten, wie fremden Stimme.

»Und wenn ich Ihnen dies Almosen gäbe,« sagte sie plötzlich energisch, »Sie würden sich später ja dafür noch viel grimmiger an mir rächen, als Sie mir heute drohen; denn Sie werden es nie vergessen, daß Sie so als Bettler vor mir gestanden haben . . . Ich kann keine Drohungen von Ihnen hören!« schloß sie fast unwillig und sah ihm beinahe herausfordernd in die Augen.

»›Drohungen von Ihnen‹, das heißt also: von so einem Bettler! Ich habe nur Spaß gemacht!« sagte er leise und lächelte. »Ich tue Ihnen nichts, haben Sie keine Angst, gehen Sie nur . . . und ich will mir alle Mühe geben, Ihnen jenes Dokument wieder zuzustellen – nur gehen Sie jetzt, gehen Sie! Ich habe Ihnen einen dummen Brief geschrieben, und Sie haben auf den dummen Brief geantwortet und sind gekommen – wir sind quitt. Da geht es hinaus«, sagte er und wies auf die Tür (sie hatte durch das Zimmer gehen wollen, in dem ich hinter der Portiere stand).

»Verzeihen Sie mir, wenn Sie können.« Sie blieb in der Tür stehen.

»Und wenn wir uns künftig einmal erst als die besten Freunde begegnen, dann werden wir wohl auch dieser Szene mit hellem Gelächter gedenken?« sagte er plötzlich; aber alle Fältchen in seinem Gesichte zitterten, wie bei jemand, der vom Fieber geschüttelt wird.

»Oh, Gott gebe es!« rief sie und legte die Handflächen vor ihrer Brust zusammen, sah dabei aber scheu in sein Gesicht und schien ergründen zu wollen, was er damit sagen wolle.

»Gehen Sie. Viel Verstand haben wir beide schon, aber Sie . . . Oh, Sie sind mir weit überlegen! Ich habe Ihnen einen wahnsinnigen Brief geschrieben, aber Sie haben sich entschlossen, herzukommen, um mir zu sagen, daß Sie ›mich beinahe lieben‹. Nein, wir sind beide ›Kollegen im Wahnsinn‹. Bleiben Sie immer so wahnsinnig, werden Sie nicht anders, dann werden wir uns noch als Freunde begegnen – das prophezeie ich Ihnen, das schwöre ich Ihnen!«

»Und dann werde ich Sie sicherlich lieben, weil ich das auch jetzt schon fühle!« Die Frau in ihr konnte sich nicht zurückhalten und warf ihm von der Schwelle her diese letzten Worte zu.

Sie ging hinaus. Ich eilte leise in die Küche, gönnte Darja Onisimowna, die mich erwartete, kaum einen Blick und begab mich die Küchentreppe hinunter und durch den Hof auf die Straße. Aber ich sah nur noch, wie sie in eine Droschke stieg, die vor der Tür auf sie gewartet hatte. Ich lief die Straße hinunter.

 

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