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Ein Werdender - Zweiter Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Zweiter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Zweiter Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
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Neuntes Kapitel

1

Aber ich erwachte am Morgen in frischerer und herzlicherer Stimmung. Ich machte mir sogar unwillkürlich ganz aufrichtige Vorwürfe darüber, daß ich gestern gewisse Partien seiner »Beichte« nicht mit dem genügenden Ernst und ein wenig von oben herab angehört hatte. Wenn diese Beichte auch zum Teil ein bißchen durcheinander gegangen war, wenn auch manche seiner Enthüllungen ziemlich nebelhaft und sogar verdreht gewesen waren, so mußte ich doch bedenken, daß er sich nicht auf eine oratorische Ansprache vorbereitet hatte, als er mich gestern zu sich gebeten hatte. Er hatte mir nur eine große Ehre angetan, als er sich in einem solchen Augenblick an mich als seinen einzigen Freund wendete und das werde ich ihm nie vergessen. Im Gegenteil, seine Beichte war »ergreifend« gewesen, mag man wegen dieses Ausdruckes noch so sehr über mich lachen, und wenn zuweilen etwas Zynisches oder sogar etwas gewissermaßen Lächerliches dabei mit unterlief, so war ich eben zu vorurteilsfrei, um nicht auch den Realismus zu begreifen und ihm sein Recht werden zu lassen – ohne im übrigen eine Befleckung des Ideals zu dulden. Das Wichtigste war; daß ich endlich hinter diesen Menschen gekommen war, und ich bedauerte es sogar teilweise und ärgerte mich darüber, daß sich das alles als so einfach erwiesen hatte: ich hatte diesen Mann in meinem Herzen immer auf ein sehr hohes Postament gestellt, bis in die Wolken hinauf, und sein Schicksal in den Mantel des unbedingt Geheimnisvollen gekleidet, so daß ich mir bisher natürlich immer gewünscht hatte, diese »Truhe« möchte »auf viel verzwicktere Weise« zu öffnen sein. Übrigens lag ja auch in seiner Begegnung mit ihr und in seinen zweijährigen Leiden ziemlich viel Verzwicktes; »er wollte kein Fatum über seinem Leben haben; er mußte frei sein und nicht ein Sklave des Fatums; weil er zum Sklaven des Fatums wurde, mußte er Mama kränken, die da in Königsberg saß . . .« Außerdem hielt ich diesen Mann in jedem Fall für einen Propheten: er trug in seinem Herzen das goldne Zeitalter und kannte die Zukunft des Atheismus; und nun zerbrach und entstellte die Begegnung mit ihr alles! Oh, ich wurde ihr nicht untreu, aber dennoch nahm ich Partei für ihn. Mama zum Beispiel, so sagte ich mir, wäre seinem Schicksal in keiner Hinsicht hindernd in den Weg getreten, nicht einmal, wenn er sie geheiratet hätte. Das begriff ich; das war ganz etwas andres, als die Begegnung mit dieser Frau. Es war ja richtig, Mama hätte ihm trotzdem nicht die Ruhe gegeben, aber das wäre ja nur um so besser gewesen: solche Leute muß man anders beurteilen, mag ihr Leben auch ewig so bleiben; und das ist durchaus keine Ungeheuerlichkeit; im Gegenteil, eine Ungeheuerlichkeit wäre es, wenn sie sich beruhigten oder überhaupt dem Durchschnitt der Menschen ähnlich würden. Seine Lobsprüche auf den Adel und sein Ausspruch: »Je mourrai gentilhomme« beirrten mich nicht im geringsten: ich bedachte, was für eine Art gentilhomme das war; das war ein Typus, der alles dahingab und zum Verkünder des Weltbürgertums und des beherrschenden russischen Gedankens von der »Einigung aller Ideen« wurde. Und wenn das alles selbst Unsinn war, das heißt, die »Einigung aller Ideen« (was ja natürlich undenkbar ist), so war doch schon allein das eine gut, daß er sein Leben lang eine Idee angebetet hatte, und nicht das dumme goldne Kalb. Du lieber Gott! Meine eigne »Idee« fiel mir ein . . . Und ich, ich selber . . .? Hatte ich vielleicht das goldne Kalb angebetet, war es das Geld, um das es mir dabei zu tun war? Ich schwöre, daß es mir nur um die Idee zu tun war! Ich schwöre, ich würde mir nicht einen Stuhl, nicht ein Sofa mit Samt überziehen und würde als Besitzer von hundert Millionen genau so meinen Teller Suppe mit Rindfleisch essen wie heute auch!

Ich zog mich an und hatte es sehr eilig, zu ihm zu kommen. Es zog mich unwiderstehlich hin. Ich muß hinzufügen, daß ich auch wegen seiner Bemerkung über das »Dokument« fünfmal beruhigter war als gestern. Erstens hoffte ich, mich mit ihm darüber auszusprechen, und zweitens, was war denn dabei, daß Lambert sich auch an ihn herangemacht und über irgend etwas Rücksprache mit ihm genommen hatte? Aber der Hauptgrund meiner Freude lag in einem mächtigen Gefühl: das war der Gedanke, daß er »sie nicht mehr liebte«; hiervon war ich ganz fest überzeugt und hatte das Gefühl, als hätte jemand einen fürchterlichen schweren Stein von meinem Herzen gewälzt. Ich weiß sogar noch, daß mir damals eine ganz sonderbare Vermutung in den Sinn kam: es handelte sich eben um die Ungeheuerlichkeit und Sinnlosigkeit jenes letzten Wutausbruches bei ihm, als er die Geschichte mit Bjoring erfahren hatte, und um die Absendung seines damaligen beleidigenden Briefes; eben dieser heftige Ausbruch war vielleicht gleichsam eine Prophezeiung und ein Vorläufer dieser radikalen Wandlung in seinen Gefühlen und seiner nahen Rückkehr zum gesunden Verstande gewesen; das könnte ungefähr so wie bei einer Krankheit sein, dachte ich mir, und er hätte eben auf diesem Wege zu dem entgegengesetzten Standpunkte gelangen müssen – eine medizinische Krisis also und weiter nichts! – Dieser Gedanke machte mich glücklich.

»Und mag sie doch, mag sie über ihr Schicksal bestimmen, wie sie will, mag sie ihren Bjoring heiraten, soviel sie will, wenn nur er, wenn nur mein Vater, mein Freund, sie nicht mehr liebt!« rief ich. Übrigens lag da in meinen eignen Gefühlen noch irgendein Geheimnis verborgen; aber ich will es hier, in meinen Aufzeichnungen, nicht breit treten.

Und nun genug davon. Jetzt will ich den ganzen Schrecken, der darauf folgte, und diese ganze Konstellation von Tatsachen ohne weitere Reflexionen wiedergeben.

 

2

Um zehn Uhr, als ich eben im Begriffe war fortzugehen – natürlich zu ihm –, erschien Darja Onisimowna. Ich fragte sie freudig erregt, ob er sie geschickt hätte, und erfuhr zu meinem Ärger, daß durchaus nicht er sie schickte, sondern daß sie von Anna Andrejewna kam, und daß sie, Darja Onisimowna, »die Wohnung schon bei Tagesanbruch verlassen« hatte.

»Welche Wohnung?«

»Ja, die Wohnung . . . Wo Sie gestern waren. Diese Wohnung ist jetzt ja doch auf meinen Namen gemietet, und bezahlen tut sie Tatjana Pawlowna . . .«

»Ach was, das ist mir doch gleich!« unterbrach ich sie ärgerlich. »Ist er denn wenigstens zu Hause? Treffe ich ihn jetzt?«

Und zu meiner Verwunderung erfuhr ich von ihr, daß er das Haus noch vor ihr verlassen hätte; sie also »bei Tagesanbruch«, und er noch früher.

»Na, dann wird er jetzt wohl wiedergekommen sein?«

»Nein, er ist sicherlich nicht wiedergekommen«, sagte sie und sah mich dabei mit demselben spitzen und lauernden Blick an und genau so unverwandt wie bei ihrem Besuche, den ich schon beschrieben habe, damals, als ich noch krank im Bette lag. Besonders reizte mich dabei, daß ich dahinter wieder allerhand Geheimnisse und Albernheiten stecken sah, und daß diese Leute sichtlich nicht ohne Geheimniskrämerei und pfiffige Mätzchen auskommen konnten.

»Warum sagen Sie: er wird wahrscheinlich nicht wiederkommen. Was meinen Sie damit? Er ist zu Mama gegangen – das ist das Ganze!«

»Ich w–weiß n–nicht.«

»Und was verschafft mir also die Ehre?«

Sie teilte mir mit, sie käme gerade von Anna Andrejewna, die mich zu sich bitten lasse und mich ganz bestimmt sofort erwarte, »sonst könnte es leicht zu spät sein«. Über dieses neue Rätsel geriet ich schon ganz außer mir:

»Wieso zu spät? Ich mag nicht kommen und ich komme nicht! Ich laß nicht mehr jeden mit mir machen, was er will! Auf Lambert soll sie ruhig spucken – das sagen Sie ihr nur wörtlich, und wenn sie mir ihren Lambert schickt, dann schmeiß' ich ihn die Treppe 'runter – das sagen Sie ihr nur wörtlich!«

Darja Onisimowna erschrak ungeheuer.

»Ach, nein doch!« sagte sie und trat auf mich zu, die Handflächen flehend gegeneinander gelegt. »Lassen Sie sich doch Zeit und sein Sie nicht so schnell. Es ist eine sehr wichtige Sache, für Euer Gnaden selber sehr wichtig, für Anna Andrejewna auch, und für Andrej Petrowitsch, und für Ihre Frau Mama – für alle . . . Besuchen Sie Anna Andrejewna doch bitte gleich, weil Anna Andrejewna um keinen Preis länger warten kann . . . das versichre ich Ihnen auf Ehrenwort . . . und dann werden Sie schon Ihren Entschluß fassen.«

Ich sah sie mit Staunen und Widerwillen an.

»Unsinn, gar nichts wird sein, ich komme nicht!« rief ich eigensinnig und voll Schadenfreude, »jetzt geht alles auf ganz neue Weise! Ja, wie könnten Sie das aber verstehen? Leben Sie wohl, Darja Onisimowna, ich komme gerade nicht, ich frage Sie gerade nicht aus. Sie bringen mich nur aus dem Konzept. Ich will gar nicht hinter Ihre Geheimnisse kommen.«

Da sie aber nicht ging und ruhig stehenblieb, nahm ich meinen Pelz und meine Mütze, ließ sie mitten im Zimmer stehen und ging selber. In meinem Zimmer befanden sich keinerlei Briefe und Papiere, und ich hatte auch früher mein Zimmer fast nie verschlossen, wenn ich ausging. Aber ich war noch nicht bis zur Haustür gekommen, als mir mein Wirt, Piotr Ippolitowitsch, barhäuptig und in der Interimsuniform, die Treppe herunter nachgelaufen kam.

»Arkadij Makarowitsch! Arkadij Makarowitsch!«

»Was wollen Sie denn noch?«

»Wollen Sie gar keine Anordnungen treffen, bevor Sie gehen?«

»Nein.«

Er sah mich in sichtlicher Unruhe mit einem bohrenden Blick an.

»Wegen der Wohnung zum Beispiel?«

»Was ist mit der Wohnung? Ich habe Ihnen ja doch die Miete rechtzeitig geschickt?«

»Ach nein, nicht wegen des Geldes«, lächelte er auf einmal breit und bohrte immer noch seine Augen in meine.

»Ja, was haben Sie eigentlich alle?« schrie ich in der höchsten Wut. »Was wollen Sie denn schon wieder?«

Er wartete noch ein paar Sekunden, immer mit der Miene, als erwarte er irgend etwas von mir.

»Also Sie werden Ihre Anordnungen später treffen . . . wenn Sie jetzt nicht in der Stimmung sind«, murmelte er und lächelte noch breiter. »Also leben Sie wohl, ich muß jetzt auch auf mein Bureau.«

Er lief die Treppe wieder hinauf. Natürlich konnte einen das auf allerhand Gedanken bringen. Ich lasse absichtlich nicht den kleinsten Strich von dem ganzen kleinlichen Unsinn damals aus, weil eben jeder Strich nachher zu dem Bilde, das sich ergab, gehörte und in ihm seinen Platz fand, wovon der Leser sich selbst überzeugen wird. Und es ist in der Tat wahr, daß mich das alles damals aus dem Konzept brachte. Wenn ich so aufgeregt und erbittert war, so lag das eben daran, daß ich in den Worten dieser Leute jenen intriganten und geheimnistuerischen Ton wiederfand, der mir so zuwider geworden war und mich an die früheren Geschichten erinnerte. Aber ich fahre fort.

Wersilow war nicht zu Hause und war in der Tat schon bei Tagesanbruch fortgegangen. »Natürlich zu Mama!« blieb ich hartnäckig bei meiner Meinung. Die Wärterin, ein ziemlich dummes Frauenzimmer, mochte ich nicht ausfragen, und sonst befand sich niemand in der Wohnung. Ich eilte zu Mama und muß bekennen: ich war in einer solchen Unruhe, daß ich mir auf halbem Wege eine Droschke nahm. Bei Mama war er seit gestern abend nicht mehr gewesen. Bei Mama waren nur Tatjana Pawlowna und Lisa. Als ich gekommen war, begann Lisa sich gleich zum Ausgehen fertigzumachen.

Sie saßen alle oben in meinem »Sarge«. In unserm Wohnzimmer unten lag Makar Iwanowitsch auf dem Tische, und neben ihm betete irgendein alter Mann langsam den Psalter herunter. Ich will jetzt von nichts mehr sprechen, was nicht direkt zur Sache gehört, muß aber bemerken, daß der Sarg, den sie schon besorgt hatten und der im Wohnzimmer stand, durchaus nicht billig war: er war zwar schwarz, aber doch mit Samt beschlagen, und die Sargdecke war aus kostbarem Stoffe – ein Luxus, der der Persönlichkeit und den Anschauungen des Alten schlecht entsprach; aber das war Mamas und Tatjana Pawlownas dringender Wunsch gewesen, die sich darüber ins Einvernehmen gesetzt hatten.

Ich hatte selbstverständlich nicht erwartet, sie in fröhlicher Stimmung anzutreffen; aber die ganz sonderbare Gedrücktheit und Trauer, in der ein gut Teil Sorge und Unruhe enthalten war, die ich in ihren Augen las, verwunderten mich sogleich, und ich war sofort überzeugt, daß »wahrscheinlich nicht der Tote allein« die Veranlassung dazu wäre. Ich sage noch einmal: alles dessen erinnere ich mich ganz genau.

Ungeachtet dessen umarmte ich Mama zärtlich und fragte sofort nach ihm. In Mamas Augen blitzte sogleich eine erregte Neugier auf. Ich erwähnte kurz, daß wir gestern den ganzen Abend bis tief in die Nacht hinein zusammengesessen hätten, daß er aber heute schon vor Tagesanbruch von Hause fortgegangen wäre, obschon er mich gestern beim Abschied aufgefordert hätte, so früh wie möglich zu ihm zu kommen. Mama antwortete kein Wort darauf, Tatjana Pawlowna aber benutzte einen unbewachten Moment und drohte mir mit dem Finger.

»Leb' wohl, Arkadij«, sagte Lisa plötzlich und verließ eilig das Zimmer. Ich lief ihr natürlich nach; sie erwartete mich an der Flurtür.

»Ich dachte mir schon, daß du nachkommen würdest«, flüsterte sie hastig.

»Lisa, was ist hier los?«

»Ich weiß es selber nicht, aber los ist sicherlich eine ganze Menge. Wahrscheinlich die Katastrophe der ›ewigen Geschichte‹. Er ist nicht gekommen, aber sie haben irgendwelche Nachrichten über ihn. Dir erzählen sie nichts davon, da sei ganz ruhig; und du frage sie nicht aus, wenn du gescheit bist; Mama ist ganz zerschlagen. Ich habe sie auch nach nichts gefragt. Lebe wohl!«

Sie öffnete die Tür.

»Lisa, aber hast du denn nicht selber auch irgendwas?« rief ich und folgte ihr auf den Flur hinaus. Ihre schrecklich niedergeschlagne, verzweifelte Miene schnitt mir ins Herz. Sie machte nicht nur ein böses, sondern ein geradezu erbittertes Gesicht, lächelte gallig und machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Wenn er nur stürbe – ich würde Gott danken!« rief sie mir von der Treppe aus zu und ging. Damit meinte sie Fürst Sergej Petrowitsch; der lag damals bewußtlos in hitzigem Fieber.

»Die ewige Geschichte! Was denn für eine ewige Geschichte?« dachte ich trotzig; und dabei bekam ich auf einmal brennende Lust, ihnen wenigstens einen Teil meiner Eindrücke von seiner nächtlichen Beichte, ja, die Beichte selber, mitzuteilen. »Sie denken jetzt irgend etwas Häßliches von ihm – so mögen sie denn alles erfahren!« ging es mir durch den Kopf.

Ich weiß noch, daß ich meine Erzählung sehr geschickt einzuleiten wußte. Auf ihren Gesichtern erschien sofort eine ungeheure Neugier. Dieses Mal bohrte auch Tatjana Pawlowna ihre Augen nur so in mich hinein; Mama dagegen war zurückhaltender; sie war sehr ernst, aber ein leises, schönes, wenn auch sonderbar hoffnungsloses Lächeln schimmerte dennoch auf ihrem Gesicht und verließ es während meiner ganzen Erzählung fast nicht einen Augenblick. Ich sprach natürlich in gutem Stil, wenn ich auch wußte, daß sie es kaum verstehen würden. Zu meinem Erstaunen suchte Tatjana Pawlowna keine Händel mit mir, sie fragte mich nicht nach Einzelheiten aus und warf keine pfiffigen Fragen dazwischen, wie es sonst immer ihre Gewohnheit war, wenn ich irgend etwas erzählte. Sie preßte nur hier und da die Lippen zusammen und zwinkerte mit den Augen, als bemühe sie sich sehr, hinter etwas zu kommen. Zeitweise kam es mir sogar so vor, als verständen sie alles; aber das war ja fast unmöglich. Ich erzählte zum Beispiel von seinen Anschauungen, von seiner gestrigen Begeisterung, von seiner Begeisterung für Mama, von seiner Liebe zu Mama, davon, wie er ihr Bild geküßt hatte . . . Als sie das hörten, tauschten sie schweigend einen schnellen Blick aus, Mama wurde feuerrot; aber sie blieben stumm wie zuvor. Und dann . . . dann konnte ich natürlich in Mamas Gegenwart den wichtigsten Punkt nicht berühren, das heißt: seine Begegnung mit ihr und so weiter, und besonders natürlich ihren gestrigen Brief an ihn und seine moralische »Wiedergeburt« auf den Brief hin; und das war ja eben die Hauptsache, so daß alle seine gestrigen Gefühle, durch die ich Mama eine solche Freude hatte machen wollen, natürlich unverständlich blieben, was ja aber auch wieder nicht meine Schuld war: denn alles, was sich erzählen ließ, hatte ich sehr schön erzählt. Ich schloß in großen Zweifeln; ihr Schweigen wurde auch jetzt nicht unterbrochen, und mir wurde sehr unbehaglich in ihrer Gesellschaft.

»Jetzt wird er wohl wieder zu Hause sein, oder am Ende sitzt er auch bei mir und wartet auf mich«, sagte ich und erhob mich, um zu gehen.

»Geh nur, geh nur!« bestärkte mich Tatjana Pawlowna energisch.

»Bist du unten gewesen?« fragte Mama mich halb im Flüsterton, als ich mich von ihr verabschiedete.

»Natürlich, ich habe an seinem Lager gekniet und für ihn gebetet. Was für ein ruhiges, vornehmes Gesicht er hat, Mama! Ich danke Ihnen, Mama, daß Sie an seinem Sarg nichts gespart haben. Mir ist das zuerst sonderbar vorgekommen, aber dann dachte ich mir gleich, daß ich selbst es ganz ebenso gemacht hätte.«

»Kommst du morgen in die Kirche?« fragte sie – und ihre Lippen bebten.

»Was für eine Frage, Mama!« sagte ich verwundert. »Ich komme natürlich auch heute zum Totensegen, und komme außerdem noch einmal; und . . . dann ist ja morgen auch Ihr Geburtstag, Mama, Liebste! Wenn er nur drei Tage länger gelebt hätte, wäre er auch noch dabei gewesen!«

Ich ging hinaus, erfüllt von einem schmerzlichen Staunen: wie konnte man so eine Frage stellen – ob ich zum Totenamt in die Kirche käme oder nicht? Und wenn sie also schon von mir so dachten, was würden sie dann wohl erst von ihm denken?

Ich wußte, daß Tatjana Pawlowna hinter mir her laufen würde, und machte an der Flurtüre absichtlich halt; sie aber stieß mich, als sie mich eingeholt hatte, mit der Hand ins Treppenhaus hinaus und schloß die Tür hinter sich.

»Tatjana Pawlowna, das bedeutet also, daß Sie Andrej Petrowitsch weder heute noch morgen erwarten? Ich bin ganz erschrocken . . .«

»Halt den Mund! Eine große Wichtigkeit, daß du erschrocken bist! Sag mal: was hast du eigentlich für dich behalten, als du von dem gestrigen Quatsch erzähltest?«

Ich hielt es nicht für nötig, es zu verheimlichen, und erzählte ihr, fast ein wenig aufgebracht gegen Wersilow, die ganze Geschichte von Katerina Nikolajewnas gestrigem Briefe an ihn und der Wirkung dieses Briefes, das heißt also, von seiner Wiedergeburt zu einem neuen Leben. Zu meiner Verwunderung überraschte die Tatsache der Absendung dieses Briefes sie durchaus nicht, und ich erriet, daß sie wohl schon davon wußte.

»Das ist ja Schwindel!«

»Nein, das ist kein Schwindel.«

»Sieh mal, sieh!« lächelte sie giftig und einigermaßen nachdenklich. »Wiedergeburt! Was der alles fertig bringt! Ist es wahr, daß er das Bild geküßt hat?«

»Es ist wahr, Tatjana Pawlowna.«

»Hat er es wirklich herzlich geküßt, war das nicht bloß Anstellerei?«

»Anstellerei? Tut er das überhaupt jemals? Schämen Sie sich, Tatjana Pawlowna; Sie haben ein unfeines Herz, ein echt weibliches Herz.«

Ich sagte das hitzig, aber sie hörte mich gleichsam nicht: sie stand wieder da und dachte eine Zeitlang nach, trotzdem es im Treppenhause sehr kalt war. Ich hatte meinen Pelz an, sie war nur im Kleide.

»Ich würde dir gern einen Auftrag geben, schade nur, daß du so wahnsinnig dumm bist«, sagte sie voll Verachtung und in einer Art Ärger. »Hör' mal, geh du doch zu Anna Andrejewna und schau, was da bei ihr eigentlich im Werke ist . . . Aber nein, geh lieber nicht hin; Tolpatsch bleibt Tolpatsch! Drück' dich, marsch, was stehst du da herum wie ein Werstpfahl?«

»Nein, ich geh' auch ganz bestimmt nicht zu Anna Andrejewna! Anna Andrejewna hat schon selber nach mir geschickt.«

»So! Darja Onisimowna natürlich?« Sie wendete sich hastig nach mir um; sie war schon im Begriffe gewesen, zu gehen, und hatte sogar schon die Tür geöffnet, schlug sie jetzt aber wieder zu.

»Um keinen Preis geh' ich zu Anna Andrejewna!« wiederholte ich mit wollüstiger Bosheit, »ich gehe deshalb nicht hin, weil Sie mich soeben einen Tolpatsch genannt haben, und dabei war ich noch nie so scharfsichtig wie heute. Alle Ihre Geschichten liegen für mich klar auf der Hand; aber zu Anna Andrejewna geh ich doch nicht!«

»Das habe ich doch gewußt!« rief sie, aber durchaus nicht als Entgegnung auf meine Worte, sondern in Fortsetzung ihres eignen Gedankenganges. »Jetzt werden sie sie also ganz umstellen und die Mörderschlinge ganz zuziehen.«

»Wen? Anna Andrejewna?«

»Schafskopf!«

»Von wem sprechen Sie denn? Doch nicht am Ende gar von Katerina Nikolajewna? Was denn für eine Mörderschlinge?« Ich war furchtbar erschrocken. Eine dunkle, aber entsetzliche Ahnung erfüllte mein ganzes Innre. Tatjana Pawlowna sah mich durchdringend an.

»Aber was ist eigentlich mit dir los?« fragte sie plötzlich. »Hast du da auch irgendwie die Finger drin? Ich hab' auch von dir etwas munkeln hören – du, sieh dich vor!«

»Hören Sie mich an, Tatjana Pawlowna: ich werde Ihnen ein schreckliches Geheimnis mitteilen, aber nicht jetzt, jetzt hab' ich keine Zeit: morgen unter vier Augen; aber dafür müssen Sie mir jetzt die ganze Wahrheit sagen, und was es mit dieser Mörderschlinge auf sich hat . . . ich zittre ja . . .«

»Ich spuck' auf dein Zittern!« rief sie. »Was willst du mir denn morgen noch für ein Geheimnis erzählen? Ja, solltest du da am Ende wirklich noch was wissen?« fragte sie und durchbohrte mich mit einem forschenden Blick. »Du hast ihr doch damals selber geschworen, Kraft hätte den Brief verbrannt.«

»Tatjana Pawlowna, ich sag Ihnen noch einmal, quälen Sie mich nicht«, fuhr ich für mein Teil gleichfalls in meinem Thema fort, ohne auf ihre Frage zu antworten; denn ich war außer mir. »Sehn Sie, Tatjana Pawlowna, daß Sie mir etwas verbergen, das kann die Sache noch viel schlimmer machen . . . er war doch gestern im Zustande einer vollkommnen, der vollkommensten Wiedergeburt!«

»Ach, scher dich zum Kuckuck, Hanswurst! Er selber ist ja auch verliebt wie ein Spatz – Vater und Sohn in dieselbe! Pfui, ekelhafte Bagage!«

Sie verschwand und schlug ärgerlich die Tür zu. Wütend über den nackten, schamlosen Zynismus ihrer letzten Worte – einen Zynismus, zu dem nur eine Frau imstande ist – lief ich tief beleidigt davon. Aber wie ich schon versprochen habe: ich will meine verwirrten Gefühle nicht beschreiben; ich will jetzt nur noch die Tatsachen erzählen, die alles Weitre entscheiden. Selbstverständlich ging ich im Vorübergehen wieder in seine Wohnung hinauf und erfuhr von der Wärterin, er wäre überhaupt noch nicht wieder dagewesen.

»Und kommt er denn überhaupt nicht?«

»Weiß der liebe Gott!«

 

3

Tatsachen, Tatsachen! . . . Aber wird sich der Leser darin zurechtfinden? Ich weiß noch, wie mich selber damals eben diese Tatsachen überwältigten und mich zu keiner ruhigen Überlegung kommen ließen, so daß am Ende dieses Tages mein Kopf einfach verwirrt war. Deshalb nur noch zwei, drei vorgreifende Worte!

Alle meine Qual lag in der Erwägung: wenn er gestern eine Wiedergeburt erlebt hat, und wenn er sie nicht mehr liebt, wo müßte er in diesem Falle wohl sein? Antwort: zu allererst bei mir, den er gestern in seine Arme geschlossen hat, und in zweiter Linie bei Mama, deren Bild er gestern geküßt hat. Und nun war er, statt einen dieser beiden natürlichen Schritte zu tun, schon seit Tagesanbruch nicht mehr zu Hause und war irgendwohin verschwunden, und Darja Onisimowna hatte irgend so etwas phantasiert, er würde »schwerlich wiederkommen«. Nicht genug damit: Lisa erzählte etwas von einer Katastrophe der »ewigen Geschichte« und davon, daß Mama gewisse Nachrichten über ihn hätte, und zwar die allerneuesten: außerdem sind sie dort ohne Zweifel von Katerina Nikolajewnas Brief unterrichtet (das hatte ich selber sehr wohl bemerkt) und glauben trotzdem nicht an seine »Wiedergeburt zu einem neuen Leben«, wenn sie mir auch mit Interesse zugehört haben. Mama ist ganz zerschlagen, und Tatjana Pawlowna macht giftige Witze über den Ausdruck »Wiedergeburt«. Wenn das nun alles so ist, so bedeutet das, daß in ihm über Nacht wieder eine Wandlung vorgegangen sein muß, eine neue Krisis, – und das nach der gestrigen Verzückung, der gestrigen Rührung, dem gestrigen Pathos! Also ist seine ganze »Wiedergeburt« zerplatzt wie eine Seifenblase, und er rast vielleicht irgendwo in derselben Wut herum wie damals, als er die erste Nachricht über Bjoring erhalten hatte. Da ist die Frage, was aus Mama, aus mir, aus uns allen werden wird und . . . und – was schließlich aus ihr werden wird? Was ist das für eine »Mörderschlinge«, von der Tatjana unversehens gesprochen hat, als sie mich zu Anna Andrejewna schicken wollte? Dort muß also diese »Mörderschlinge« liegen – bei Anna Andrejewna! Warum aber bei Anna Andrejewna? Selbstverständlich gehe ich sofort zu Anna Andrejewna; ich habe das nur aus Trotz und in der Wut gesagt, daß ich nicht hinwolle; sofort gehe ich hin. Aber was hat doch Tatjana gleich von dem »Dokument« gesagt? Und hat er nicht gestern selbst zu mir gesagt: »Verbrenne das Dokument!«?

Das waren meine Gedanken, die mich gleichfalls wie eine Mörderschlinge würgten; aber das wichtigste war: ich brauchte ihn. Mit ihm wäre ich gleich ins klare gekommen – Das fühlte ich; wir hätten einander mit zwei Worten verstanden. Ich hätte seine Hände genommen und sie gedrückt; ich hätte in meinem Herzen feurige Worte gefunden, – das glaubte ich in meinen Träumen sicher zu wissen. Oh, ich hätte seine Raserei überwunden! . . . Aber wo war er, wo war er? Und richtig, gerade in einem solchen Augenblick, wo ich so erregt war, mußte mir Lambert in die Quere kommen! Als ich nur noch ein paar Schritte von meiner Wohnung entfernt war, begegnete mir auf einmal Lambert; er schrie vor Freude, als er mich erblickte, und faßte mich am Arm:

»Dreimal war ich schon bei dir . . . Enfin! Komm mit zum Frühstück!«

»Halt! Du warst bei mir? Ist Andrej Petrowitsch nicht bei mir?«

»Kein Mensch! Laß sie doch alle laufen! Du bist ein Schafskopf, daß du gestern so wütend warst; du warst besoffen, und ich muß dir etwas Wichtiges mitteilen; ich habe heute famose Nachrichten über die Sache bekommen, die wir gestern besprochen haben . . .«

»Lambert,« unterbrach ich ihn außer Atem und hastig und unwillkürlich ein bißchen deklamierend, »wenn ich jetzt hier mit dir stehen geblieben bin, so hab' ich es nur getan, um für immer mit dir zu brechen. Ich hab' dir das gestern schon gesagt, aber du verstehst mich doch immer noch nicht. Lambert, du bist kindisch und dumm wie ein Franzose. Du glaubst immer, das ginge noch so wie bei Touchard, und ich wäre noch so dumm wie bei Touchard . . . Aber ich bin nicht mehr so dumm wie bei Touchard . . . Ich war gestern betrunken, aber nicht vom Wein, sondern weil ich sowieso aufgeregt war; und wenn ich dich in deinem Geschwätz bestärkt habe, so geschah es nur aus List, um dir deine Gedanken herauszulocken. Ich habe dich hineingelegt, und du hast dich gefreut, und du hast alles geglaubt und alles ausgeplaudert. – Weißt du: sie zu heiraten, das ist so ein Blödsinn, daß das kein Gymnasiast aus der Vorbereitungsklasse glaubt. Ist es denkbar, daß ich so etwas geglaubt hätte? Aber du hast es geglaubt! Du hast es geglaubt, weil du keinen Zutritt in die vornehme Gesellschaft hast und keine Ahnung davon hast, wie es in der vornehmen Gesellschaft hergeht. So etwas wird in der vornehmen Gesellschaft nicht so einfach gemacht, und es ist ganz unmöglich, daß sie so einfach – hingeht und heiratet . . . Jetzt will ich dir ganz genau sagen, was du möchtest: du willst mich zu dir nach Hause bringen, um mich betrunken zu machen, damit ich dir das Dokument ausliefere und mich mit dir auf irgendeinen Gaunerstreich gegen Katerina Nikolajewna einlasse! Du täuschst dich aber! Ich komme nie im Leben zu dir, und merk' dir noch eins: dieses Papier wird ihr schon morgen oder allerspätestens übermorgen ausgeliefert, weil dieses Dokument ihr gehört, weil sie es geschrieben hat, und ich selber werde es ihr persönlich übergeben; und wenn du wissen willst, wo, so kann ich dir sagen, daß das durch Tatjana Pawlownas Vermittlung geschehen wird, die eine gute Bekannte von ihr ist; in Tatjana Pawlownas Wohnung, in Tatjana Pawlownas Gegenwart werde ich ihr das Dokument aushändigen und gar nichts dafür verlangen. Und jetzt: marsch, verschwinde für ewig aus meinen Augen, sonst . . . sonst, Lambert, könnte ich dir weniger höflich kommen . . .«

Als ich das gesagt hatte, zitterte ich am ganzen Leibe wie im Schüttelfrost. Es ist eine sehr verhängnisvolle und schlechte Angewohnheit, die einem nur immer Schaden bringen kann, wenn man sich zu leicht fortreißen läßt. Der Teufel ritt mich, daß ich mich ihm gegenüber so erhitzte und am Ende meiner Rede, während ich jedes Wort deutlich artikulierte und meine Stimme immer mehr erhob, plötzlich in eine solche Hitze geriet, daß ich ihm höchst überflüssigerweise erzählte, ich würde ihr das Dokument in Tatjana Pawlownas Gegenwart und in deren Wohnung ausliefern. Aber ich hatte auf einmal eine so große Lust bekommen, ihn zu verblüffen! Als ich so geradeheraus von dem Dokument geschwatzt und seinen dummen Schrecken gewahrt hatte, war mir auf einmal die Lust gekommen, ihn durch genaues Eingehen auf Einzelheiten noch mehr zu zerschmettern. Und eben diese weibische, renommistische Geschwätzigkeit war in der Folge die Ursache schrecklichen Unglücks; denn diese Einzelheit über Tatjana Pawlowna und ihre Wohnung hatte sich sofort in seinem Kopfe festgesetzt, wie es bei einem Spitzbuben und so in kleinen Dingen praktischen Menschen ja auch nicht anders möglich war; höheren und wichtigeren Dingen gegenüber ist so ein Mensch unfähig und begreift nichts davon, aber für solche Kleinigkeiten hat er trotzdem einen feinen Instinkt. Hätte ich von Tatjana Pawlowna geschwiegen, so wäre großes Unglück vermieden worden. Im ersten Augenblick aber, nachdem er das gehört hatte, verlor er die Fassung gänzlich.

»Hör' mal,« murmelte er, »Alphonsine . . . Alphonsine wird dir was vorsingen . . . Alphonsine war bei ihr; hör' mal: ich habe einen Brief, etwas, was so gut wie ein Brief ist, worin die Achmakowa von dir spricht, der Pockennarbige hat ihn mir verschafft, du weißt doch: der Pockennarbige – und nun wirst du schon sehen, du wirst schon sehen, komm nur mit!«

»Schwindel, zeig' mir den Brief!«

»Er ist zu Hause, Alphonsine hat ihn, komm mit!«

Selbstverständlich log er und phantasierte sich irgend etwas zusammen, in zitternder Angst, ich könnte ihm davonlaufen; aber ich ließ ihn plötzlich mitten auf der Straße stehen, und als er mir folgen wollte, machte ich halt und drohte ihm mit der Faust. Aber er war schon in Gedanken stehengeblieben und – ließ mich gehen: in seinem Kopfe war vielleicht schon ein neuer Plan aufgetaucht.

Aber die Überraschungen und Begegnungen rissen heute nicht ab . . . Und wenn ich mir diesen unglückseligen Tag ins Gedächtnis zurückrufe, habe ich immer ein Gefühl, als hätten sich alle diese Überraschungen und unerwarteten Ereignisse ein Stelldichein gegeben und wären auf einmal gleichsam aus einem verwunschenen Füllhorn über mein Haupt niedergeprasselt. Ich hatte kaum die Tür zu meiner Wohnung geöffnet, als ich, noch im Vorzimmer, mit einem jungen Manne zusammenstieß: er war hochgewachsen, hatte ein längliches, blasses Gesicht, sah hochmütig und »elegant« aus und trug einen kostbaren Pelz. Er hatte einen Kneifer auf der Nase, nahm ihn aber, als er mich erblickte, ab (augenscheinlich aus Höflichkeit), lüftete mit der Hand liebenswürdig seinen Zylinder und sagte, übrigens ohne stehenzubleiben, mit einem weltmännischen Lächeln: »Ha, bonsoir« zu mir und ging an mir vorüber die Treppe hinunter. Wir erkannten einander sofort, obgleich ich ihn erst ein einziges Mal in meinem Leben ganz flüchtig gesehen hatte, in Moskau. Es war Anna Andrejewnas Bruder, der Kammerjunker, der junge Wersilow, Wersilows Sohn, und also wohl auch so eine Art Bruder von mir. Meine Wirtin geleitete ihn (der Wirt war noch nicht wieder aus dem Bureau zurückgekehrt). Sobald er draußen war, stürzte ich mich nur so auf sie:

»Was tut der hier? Ist er in meinem Zimmer gewesen?«

»Keine Spur! Er hat mich aufgesucht . . .« sagte sie kurz und trocken und ging in ihr Zimmer.

»Nein, so geht das nicht!« schrie ich. »Antworten Sie mir gefälligst: was hat er hier gewollt?«

»Ach du lieber Gott! Wozu muß ich Ihnen denn immer erzählen, weshalb die Leute zu mir kommen! Wir können, dächte ich, doch auch unsre Geschäfte dabei haben. Der junge Mensch wollte vielleicht Geld aufnehmen und hat sich bei mir nach einer Adresse erkundigt. Ich kann ihm das ja vielleicht schon beim vorigen Mal versprochen haben . . .«

»Wieso beim vorigen Mal?«

»Ach, du lieber Gott! Er ist doch nicht zum erstenmal hier!

Sie verschwand. Was mir besonders auffiel, war, daß der Ton sich hier ganz verändert hatte: sie begannen unhöflich gegen mich zu werden. Es war klar, daß hier wieder ein Geheimnis steckte; die Geheimnisse häuften sich mit jedem Schritte, den ich tat, mit jeder Stunde. Das erstemal war der junge Wersilow mit seiner Schwester dagewesen, mit Anna Andrejewna, während ich krank gelegen hatte, dessen erinnerte ich mich nur zu gut, ebenso der sonderbaren Bemerkung, die Anna Andrejewna mir gegenüber gestern hatte fallen lassen: daß der alte Fürst vielleicht in meiner Wohnung absteigen würde . . . Aber das alles war so konfus und so unwahrscheinlich, daß ich mir dabei fast gar nichts denken konnte. Ich schlug mir vor die Stirn und setzte mich nicht einmal hin, um mich auszuruhen, sondern lief sogleich zu Anna Andrejewna: sie war nicht zu Hause, und vom Portier erhielt ich die Auskunft, sie wäre nach Zarskoje gefahren und würde frühestens morgen um dieselbe Zeit wieder zu Hause sein.

Sie also war nach Zarskoje gefahren, selbstverständlich zum alten Fürsten, und ihr Bruder besichtigte derweil meine Wohnung! »Nein, das soll nicht geschehen,« knirschte ich, »und wenn dort wirklich eine Mörderschlinge gelegt wird, so will ich die ›arme Frau‹ verteidigen!«

Von Anna Andrejewnas Hause kehrte ich nicht in meine Wohnung zurück, denn in meinem erhitzten Gehirn tauchte auf einmal die Erinnerung an jene Kellerwirtschaft auf, die Andrej Petrowitsch manchmal in seinen düstern Stunden aufzusuchen pflegte. Ich freute mich, daß mir das eingefallen war, und eilte hastig hin; die Uhr war vier, und es fing schon an zu dämmern. In der Kneipe teilte man mir mit, er wäre dagewesen, hätte sich aber nicht lange aufgehalten, und wäre wieder gegangen, doch wäre es möglich, daß er wiederkäme. Ich faßte plötzlich den festen Entschluß, auf ihn zu warten, und bestellte mir ein Mittagessen; das war doch wenigstens eine Hoffnung.

Ich verzehrte mein Mittagessen und aß ohne Hunger sogar noch mehr, um mir dadurch das Recht zu erwerben, möglichst lange dableiben zu können; ich glaube, ich werde ungefähr vier Stunden dagesessen haben. Ich will meine Verstimmung und meine fieberhafte Ungeduld nicht beschreiben; es zuckte und zitterte gleichsam alles in meinem Innern. Diese Drehorgel, diese Gäste, – oh, diese ganze Trübseligkeit hat sich vielleicht für Lebenszeit in mein Herz geprägt! Ich will auch die Gedanken nicht schildern, die durch meinen Kopf wirbelten; wie eine Wolke von trocknen Blättern im Herbste, in die ein Windstoß gefahren ist; es war wirklich etwas Ähnliches, und ich muß bekennen: zuzeiten fühlte ich, daß die gesunde Vernunft mich zu verlassen begann.

Was mich aber direkt wie ein körperlicher Schmerz peinigte (selbstverständlich nur nebenbei, als Begleitung zu meiner hauptsächlichen Pein) – das war eine zudringliche, giftige Erinnerung – zudringlich wie eine giftige Herbstfliege, an die man nicht denkt, die aber immer um einen herumschwirrt, einen belästigt und einen dann plötzlich schmerzhaft sticht. Es war die Erinnerung an ein Erlebnis, von dem ich noch keinem Menschen auf Erden ein Wort erzählt habe. Ich will es hier niederschreiben, weil es ja doch irgendwo erzählt werden muß.

 

4

In Moskau, als es schon beschlossene Sache war, daß ich nach Petersburg gehen sollte, wurde mir von Nikolaj Semionowitsch mitgeteilt, ich sollte das Eintreffen meines Reisegeldes abwarten. Von wem das Geld kommen solle, danach erkundigte ich mich nicht; ich wußte, daß Wersilow es mir schicken würde, und da ich damals Tag und Nacht mit klopfendem Herzen und großartigen Plänen von meiner Begegnung mit Wersilow träumte, so hatte ich ganz aufgehört, laut von ihm zu sprechen, selbst Maria Iwanowna gegenüber. Ich muß übrigens erwähnen, daß ich selber auch Geld für die Reise besessen hätte; aber trotzdem entschloß ich mich, zu warten; unter anderm, weil ich glaubte, das Geld würde mit der Post kommen.

Und da kam eines schönen Tages Nikolaj Semionowitsch nach Hause und teilte mir (seiner Gewohnheit gemäß kurz und ohne lange Redensarten) mit, ich solle mich morgen um elf Uhr in der Miasnizkaja, in das Haus und die Wohnung des Fürsten W–skij begeben: dort würde mir der Kammerjunker Wersilow, Andrej Petrowitschs Sohn, der soeben aus Petersburg angekommen und beim Fürsten W–skij, einem alten Freunde vom Lyzeum her, abgestiegen sei, mein Reisegeld übergeben. Das könnte einem als eine sehr feine Sache erscheinen: es war doch vollkommen natürlich, daß Wersilow seinen Sohn mit diesem Auftrage betraute, statt das Geld durch die Post zu schicken; aber diese Mitteilung erschütterte und erregte mich in ganz unnatürlicher Weise. Es war ja kein Zweifel, daß Wersilow mich auf die Weise in Beziehungen zu seinem Sohne, meinem Bruder, bringen wollte; darin zeigten sich deutlich die Absichten und die Gefühle des Mannes, von dem ich träumte; aber es tat sich hier für mich eine sehr schwer zu beantwortende Frage auf: »Wie werde und wie muß ich mich bei dieser gänzlich unerwarteten Begegnung benehmen, und könnte meine persönliche Würde dabei nicht in irgendeiner Weise Schaden leiden?«

Am nächsten Tage, Schlag elf Uhr, fand ich mich in der Wohnung des Fürsten W–skij ein, einer Junggesellenwohnung, die aber, das sah ich auf den ersten Blick, luxuriös eingerichtet war, mit Dienern in Livree. Ich blieb im Vorzimmer stehen. Aus den inneren Zimmern vernahm ich lautes Sprechen und Lachen: der Fürst hatte außer dem Kammerjunker auch noch andre Gäste. Ich beauftragte einen Diener, mich zu melden, und brauchte dabei, glaube ich, ziemlich hochmütige Ausdrücke: wenigstens musterte er mich, als er hineinging, um mich zu melden, auf ganz sonderbare Art, es wollte mich sogar bedünken, nicht mit dem gebührenden Respekt. Zu meiner Verwunderung brauchte er außerordentlich lange zu seiner Meldung, vielleicht fünf Minuten; und währenddessen dauerte das Gelächter drinnen fort, und man konnte Bruchstücke der Unterhaltung bis hier heraus vernehmen.

Ich wartete natürlich stehend, denn ich wußte sehr gut, daß es sich für mich, der »ebensogut ein Herr war wie irgend jemand«, nicht geziemt hätte, und daß es einfach unmöglich gewesen wäre, wenn ich mich im Vorzimmer in Gegenwart der Bedienten gesetzt hätte. Von selbst aber, ohne besondre Aufforderung, wollte ich um keinen Preis nähertreten, aus Stolz; es war vielleicht ein etwas übertriebener Stolz, aber das war ganz gut so.

Zu meiner Verwunderung erlaubten es sich die beiden Bedienten, die noch im Vorzimmer waren, sich in meiner Gegenwart zu setzen. Ich wendete mich ab, um das nicht bemerken zu müssen, und begann trotzdem am ganzen Leibe zu zittern; plötzlich drehte ich mich um, ging auf den einen Bedienten zu und befahl ihm, mich »sofort« noch einmal zu melden. Trotz meiner strengen Miene und meiner außerordentlichen Erregtheit, schaute mich der Bediente träge an, ohne sich zu erheben, und ließ den andern für sich antworten:

»Sie sind gemeldet, sein Sie ganz unbesorgt.«

Ich beschloß, nur noch eine Minute zu warten, oder womöglich noch kürzere Zeit, und dann – ganz bestimmt wieder zu gehen. Ich bemerke, daß ich durchaus anständig angezogen war: mein Anzug und mein Paletot waren auf jeden Fall neu und die Wäsche von tadelloser Frische, wofür sich eigens bei diesem Besuche Maria Iwanowna persönlich interessiert hatte. Was aber diese Bedienten betrifft, so habe ich erst viel später, als ich schon in Petersburg war, zuverlässig erfahren, daß sie schon am Abend vorher von dem Diener, den der junge Wersilow mitgebracht hatte, die Mitteilung empfangen hatten, es würde »so eine Art von unehelichem Bruder, so ein Student« erscheinen. Das weiß ich heute ganz genau.

Die Minute verging. Es ist ein sonderbares Gefühl, wenn man mit einem Entschlusse ringt und sich nicht entschließen kann. »Soll ich gehn oder nicht, soll ich gehn oder nicht?« fragte ich mich jede Sekunde, fast im Fieber; auf einmal erschien der Diener wieder, der gegangen war, mich zu melden. In seiner Hand flatterten vier rote Scheine, vierzig Rubel.

»Bitte, hier sind vierzig Rubel!«

Ich fuhr auf. Das war eine Beleidigung . . .! Ich hatte die ganze vorige Nacht nur von dieser von Wersilow zuwege gebrachten Begegnung zwischen zwei Brüdern geträumt, ich hatte die ganze Nacht im Fieber darüber gegrübelt, wie ich mich benehmen müßte, um mir nichts zu vergeben – dem ganzen Ideenkreise nichts zu vergeben, den ich mir in meiner Abgeschiedenheit erworben hatte, und auf den ich in jedem Kreise hätte stolz sein dürfen, mochte er sein, wie er wollte. Ich hatte davon geträumt, wie vornehm, stolz und melancholisch ich sein würde, vielleicht sogar in Gesellschaft des Fürsten W–skij, und wie ich auf diese Weise mit einem Schlage in diese Kreise eingeführt sein würde – oh, ich schone mich nicht, aber das schadet nichts: gerade so mit allen Einzelheiten muß man so etwas schildern! Und auf einmal werden mir vierzig Rubel durch einen Bedienten ins Vorzimmer gebracht, dazu noch, nachdem man mich zehn Minuten hat warten lassen, dazu soll ich sie noch direkt so aus der Hand, aus diesen Bedientenfingern entgegennehmen, nicht einmal von einem Tablett, nicht einmal in einem Kuvert!

Ich schrie den Bedienten so an, daß er zusammenfuhr und einen Schritt zurücktrat; ich befahl ihm, das Geld sofort zurückzubringen, der Herr möchte es »gefälligst selber« bringen – kurz, was ich verlangte, drückte ich nicht sehr klar aus, und der Bediente verstand mich natürlich nicht recht. Aber ich schrie so, daß er trotzdem wieder hineinging. Außerdem hatten sie drinnen, glaub' ich, mein Geschrei vernommen – Sprechen und Lachen verstummten plötzlich.

Fast in demselben Augenblick vernahm ich Schritte, würdevolle, langsame, leise Schritte, und in der Tür des Vorzimmers erschien die hohe Gestalt eines hübschen, hochmütig dreinschauenden jungen Mannes (er war mir damals noch hagrer und blasser erschienen als bei der heutigen Begegnung) – er kam übrigens nicht einmal bis an die Tür, sondern blieb im andern Zimmer, vielleicht noch eine Elle von der Tür entfernt, stehen. Er war in einem prächtigen, rotseidnen Schlafrock und in Pantoffeln, auf der Nase hatte er einen Kneifer. Ohne ein Wort zu sagen, richtete er den Kneifer auf mich und begann mich zu mustern. Ich machte, schäumend vor Wut, einen Schritt auf ihn zu, stellte mich in herausfordernder Haltung vor ihm hin und sah ihm trotzig ins Gesicht. Aber er musterte mich nur einen Augenblick lang, bloß zehn Sekunden vielleicht; plötzlich kräuselte ein unmerkliches aber trotzdem giftiges Lächeln seine Lippen; eben das machte es so giftig, daß es kaum merklich war: er drehte sich schweigend um und ging wieder hinein, wieder ohne jede Hast, genau so gemessen und leise, wie er gekommen war. Oh, diese Leute verstehen das. Beleidigen schon von klein auf, schon von Hause her, sie lernen schon von ihren Müttern, wie man beleidigt! Ich verlor natürlich die Fassung . . . Oh, warum habe ich damals meine Fassung verloren!

Fast in demselben Augenblick erschien wieder derselbe Bediente mit denselben Banknoten in der Hand:

»Bitte, nehmen Sie; das wird Ihnen aus Petersburg geschickt; Sie persönlich zu empfangen, ist dem Herrn leider unmöglich. – Wenn Sie vielleicht ein andres Mal vorsprechen, wenn der Herr mehr Zeit haben.« Ich fühlte, daß er den letzten Satz von sich aus hinzugefügt hatte. Ich war noch immer ganz abwesend. Ich nahm das Geld und ging auf die Tür zu; nur, weil ich so geistesabwesend war, nahm ich das Geld, denn ich hätte es nicht nehmen sollen; der Bediente aber, der mich natürlich verhöhnen wollte, erlaubte sich eine echt bedientenhafte Ungezogenheit: er riß die Tür vor mir dienstbeflissen auf, hielt sie sperrangelweit offen und sagte wichtig und mit Betonung, als ich an ihm vorüberging:

»Bitte!«

»Lump!« brüllte ich ihn an und holte mit der Hand aus, schlug aber nicht zu. »Und dein Herr ist gleichfalls ein Lump! Das meldest du ihm sofort,« fügte ich hinzu und ging schnell in den Hausflur hinaus.

»Nehmen Sie sich nicht zuviel heraus! Wenn ich das dem gnädigen Herrn jetzt gleich melde, so könnten Sie sofort mit einem Briefe auf die Wache gebracht werden. Und nehmen Sie sich mit Ihren Händen ein bißchen in acht . . .«

Ich ging die Treppe hinunter. Es war eine herrschaftliche Treppe, und man konnte mich von oben die ganze Zeit sehen, drei Bediente kamen heraus und stellten sich oben am Geländer auf. Ich entschloß mich natürlich, zu schweigen: denn ich konnte mich doch unmöglich mit den Bedienten zanken. Ich ging die ganze Treppe hinunter, ohne meinen Schritt zu beschleunigen, ja ich ging wohl sogar besonders langsam.

Oh, es mag auch Philosophen geben (und Schmach über sie!), die sagen werden, das alles wäre dummes Zeug, die übertriebene Reizbarkeit eines Milchbartes, meinetwegen! – aber für mich bedeutete es eine Verwundung, und diese Wunde ist bis heute nicht vernarbt, selbst jetzt noch nicht, da ich dies niederschreibe, und da alles schon hinter mir liegt und ich meine Rache genommen habe. Oh, ich kann es beschwören: ich bin nicht nachtragend und rachsüchtig! Sicherlich, ich habe immer, wenn ich beleidigt werde, den Wunsch, mich zu rächen, und er geht sogar bis zur Krankhaftigkeit, aber ich schwöre: ich will mich immer nur durch Edelmut rächen. Mag ich mich auch nur durch Edelmut rächen, der andere muß es fühlen, er muß es verstehen, dann bin ich schon gerächt! Ich möchte hier gleich noch eines sagen: ich bin nicht rachsüchtig, aber ich bin nachtragend, wenn ich auch edelmütig bin – ob es andern wohl auch so geht? Und damals, oh, damals bin ich mit edlen Gefühlen hingegangen, mochten sie auch lächerlich sein; und ich meine: lieber lächerlich, aber edelmütig, als nicht lächerlich, aber gemein, gewöhnlich, mittelmäßig! Von dieser Begegnung mit meinem »Bruder« habe ich zu keinem Menschen ein Wort gesagt, nicht einmal zu Maria Iwanowna, nicht einmal später in Petersburg zu Lisa; diese Begegnung wirkte auf mich, als hätte ich eine Ohrfeige bekommen. Und nun auf einmal begegnet mir dieser Herr, wo ich es am wenigsten erwartet hätte, er lächelt, lüftet seinen Hut und sagt äußerst freundschaftlich: »bonsoir!« zu mir. Das gab mir natürlich zu denken . . . Aber die Wunde war wieder aufgebrochen!

 

5

Als ich so reichlich vier Stunden in dem Wirtshause gesessen hatte, sprang ich auf einmal wie in einem plötzlichen Anfall auf und lief – natürlich zu Wersilow und traf ihn natürlich wieder nicht zu Hause, er war überhaupt nicht dagewesen; die Wärterin langweilte sich und bat mich auf einmal, ich solle ihr doch Darja Onisimowna schicken. Wie mich das schon interessierte! Ich ging auch im Vorübergehen in Mamas Wohnung, ging aber nicht hinein, sondern rief Lukeria auf den Treppenabsatz heraus; von ihr erfuhr ich, daß er nicht dagewesen war und daß auch Lisa nicht zu Hause war. Ich merkte, daß auch Lukeria mich nach irgend etwas fragen und mir vielleicht gleichfalls irgendeinen Auftrag geben wollte. Wie mich das schon interessierte! Es blieb noch die letzte Hoffnung, daß er vielleicht bei mir war; aber ich glaubte schon nicht mehr daran.

Ich habe schon gesagt, daß ich meine gesunde Vernunft fast verloren hatte. Und da mußte ich nun auf einmal in meinem Zimmer Alphonsinka und meinen Wirt antreffen. Sie wollten gerade herausgehen und Piotr Ippolitowitsch hatte eine Kerze in der Hand.

»Was soll das heißen!« brüllte ich den Wirt ganz sinnlos an. »Wie dürfen Sie sich erlauben, diese Gaunerin in mein Zimmer zu lassen?«

»Tiens!« rief Alphonsinka, »et les amis?«

»Hinaus!« brüllte ich.

»Mais c'est un ours!« sagte sie und entschlüpfte in gespielter Angst in den Korridor und war sofort im Zimmer der Wirtin verschwunden. Piotr Ippolitowitsch trat, immer noch die Kerze in der Hand, mit strenger Miene auf mich zu:

»Gestatten Sie mir die Bemerkung, Arkadij Makarowitsch, daß Sie sich ganz überflüssig aufregen; bei aller Hochachtung vor Ihnen . . . Aber Mamsell Alphonsina ist keine Gaunerin, im Gegenteil, sie ist hier zu Gast, und zwar nicht bei Ihnen, sondern bei meiner Frau, mit der sie schon seit einiger Zeit Bekanntschaft geschlossen hat.«

»Wie dürfen Sie sich erlauben, sie in mein Zimmer zu lassen?« rief ich noch einmal und faßte mich an meinen Kopf, der ganz plötzlich heftig zu schmerzen begann.

»Ganz zufällig. Ich ging hinein, um das Fenster zu schließen, das ich der frischen Luft wegen geöffnet hatte; und da ich gerade in einem Gespräche mit Alphonsina Karlowna war, so ist sie einfach im Sprechen mit in Ihr Zimmer herübergekommen, sie hat mich einfach begleitet.«

»Das ist nicht wahr, Alphonsinka ist eine Spionin, und Lambert ist ein Spion! Vielleicht sind Sie selber auch ein Spion! Und Alphonsinka hat einfach bei mir etwas stehlen wollen.«

»Ganz wie Sie wollen! Heute sagen Sie dies, und morgen sagen Sie das. Ich habe meine Wohnung für eine Zeitlang vermietet, und ich selbst ziehe mit meiner Frau für die Zeit in die Kammer; also ist Alphonsina Karlowna jetzt hier beinahe ebensogut Mieterin wie Sie auch.«

»Sie haben die Wohnung an Lambert vermietet?« rief ich erschrocken.

»Nein, nicht an Lambert«, lächelte er mit dem breiten Lächeln von vorhin, nur sprach sich jetzt an Stelle des Zweifels von heute früh Sicherheit darin aus. »Ich denke mir, Sie dürften wohl selber wissen, an wen, und geben sich vergeblich Mühe, zu tun, als ob Sie es nicht wüßten, nur so zum Schein des Gerechten, und darum tun Sie auch so wütend. Gute Nacht!«

»Ja, ja, lassen Sie mich, lassen Sie mich in Ruhe!« rief ich mit abwehrenden Handbewegungen, fast in Tränen, so daß er mich plötzlich verwundert ansah; aber er ging dennoch hinaus. Ich schob den Riegel vor die Tür und warf mich auf mein Bett, das Gesicht in die Kissen gepreßt. So lag denn der erste von den drei verhängnisvollen Tagen hinter mir, die den Abschluß meiner Aufzeichnungen bilden.

 

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