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Ein Werdender - Zweiter Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Zweiter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Zweiter Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
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Achtes Kapitel

1

Da wir damals den ganzen Abend miteinander sprachen und bis in die Nacht hinein zusammen saßen, so kann ich nicht alles aufzeichnen, was gesprochen wurde. Ich gebe nur das wieder, was mich damals endlich über einen rätselhaften Punkt in seinem Leben aufklärte.

Ich möchte damit beginnen, daß für mich kein Zweifel darüber besteht, daß er Mama liebte, und wenn er sie verließ und bei seiner Abreise »sein Zusammenleben mit ihr aufgab«, so geschah es natürlich nur deshalb, weil er ihrer überdrüssig geworden war oder so etwas Ähnliches, was übrigens jedem Menschen in der Welt passieren kann, und wofür eine Erklärung immer sehr schwer zu finden ist. Im Auslande, übrigens erst nach längerer Zeit, begann er plötzlich Mama aus der Entfernung wieder zu lieben, das heißt, in Gedanken, und ließ sie kommen. Man wird vielleicht sagen: »Er hat sich was in den Kopf gesetzt«, aber ich behaupte etwas andres: nach meiner Überzeugung lag aller Ernst darin, der überhaupt in einem menschlichen Leben enthalten sein kann, trotz alles scheinbaren Snobismus, dessen Vorhandensein ich teilweise ja auch zugeben will. Aber ich schwöre, daß ich seine europäische Trauer ohne jedes Schwanken nicht nur auf die gleiche Stufe mit irgendeiner modernen praktischen Wirksamkeit auf dem Gebiete des Eisenbahnbaues stelle, sondern sogar unvergleichlich viel höher. Seine Liebe zur Menschheit erkenne ich als ein ganz aufrichtiges und tiefes Gefühl ohne jeden Hokuspokus an, und seine Liebe zu Mama für etwas vollkommen Unbestreitbares, wenn auch vielleicht ein wenig Phantastisches. Im Auslande »in seiner Trauer und seinem Glück«, und, füge ich hinzu, in der strengsten mönchischen Abgeschiedenheit (diese Einzelheit erfuhr ich erst später von Tatjana Pawlowna) erinnerte er sich plötzlich an Mama – und erinnerte sich eben gerade ihrer »eingefallen Wangen« und ließ sie sogleich kommen.

»Lieber Freund,« brach es unter anderm plötzlich aus ihm hervor, »ich erkannte auf einmal, daß mein Streben im Dienste meiner Idee mich, als moralisch vernünftiges Wesen, durchaus nicht von der Verpflichtung entband, im Laufe meines Lebens doch wenigstens einen Menschen praktisch glücklich zu machen.«

»Sollte wirklich ein so löschpapierner Gedanke die Ursache für das alles gewesen sein?« fragte ich zweifelnd.

»Das ist kein löschpapierner Gedanke. Aber übrigens – meinetwegen! Dort kam aber eben alles zusammen: ich liebte deine Mutter ja doch wirklich, aufrichtig, und nicht aus löschpapiernen Erwägungen. Wenn ich sie nicht so geliebt hätte, dann hätte ich sie doch nicht kommen lassen, sondern ich hätte irgendeinen Deutschen oder eine Deutsche ›beglückt‹, die mir gerade in den Weg gelaufen wären, wo ich mir diese Idee doch schon einmal ausgedacht hatte. Aber um jeden Preis wenigstens ein Wesen in seinem Leben glücklich zu machen, auf welche Weise es auch sei, aber jedenfalls praktisch, das möchte ich wirklich als ein Gebot für jeden höher entwickelten Menschen aufstellen; ähnlich, wie ich es jedem Bauern im Hinblick auf die Entwaldung Rußlands zum Gesetz oder zur Pflicht machen möchte, in seinem Leben wenigstens einen Baum zu pflanzen; übrigens wird ein Baum wohl zu wenig sein, man könnte wohl auch jedem befehlen, jedes Jahr einen Baum zu pflanzen. Der höher entwickelte Mensch, der einer höheren Idee lebt, wird häufig ganz vom Realen abgelenkt, er wird lächerlich, launisch und kalt, ich kann dir sogar sagen – ganz einfach dumm, und nicht nur gegenüber dem praktischen Leben, sondern zum Schluß sogar dumm in seinen Theorien. Auf diese Weise würde die Verpflichtung, sich mit irgend etwas Praktischem zu beschäftigen und irgendein lebendiges Wesen glücklich zu machen, dem Wohltäter selber nützen und ihn auffrischen. Als Theorie ist das sehr lächerlich; aber wenn das ins praktische Leben eingeführt würde und zum Brauche würde, so wäre es durchaus nicht dumm. Ich habe das am eignen Leibe erfahren: sobald ich mir diese Idee von dem neuen Gebot zu entwickeln begann – und anfangs selbstverständlich nur halb scherzhaft –, begann ich auf einmal die ganze Größe der Liebe zu deiner Mutter zu erkennen, die in meinem Herzen ganz im verborgnen ruhte. Bis dahin hatte ich überhaupt noch nicht begriffen, daß ich sie liebte. Solange ich mit ihr gelebt hatte, hatte ich mich nur an ihr gefreut, solange sie hübsch war, und sie nachher durch meine Launen gequält. Erst in Deutschland begriff ich, daß ich sie liebte. Es begann mit ihren eingefallnen Wangen, an die ich habe nie denken können, und die ich manchmal nicht einmal habe sehen können, ohne einen Schmerz im Herzen zu empfinden – einen buchstäblichen, wirklichen, physischen Schmerz. Es gibt schmerzhafte Erinnerungen, lieber Freund, die uns wirklichen Schmerz machen; fast jeder Mensch kennt das, nur vergessen es die Leute wieder; aber es geschieht manchmal, daß es ihnen plötzlich wieder einfällt – es braucht nur irgendein kleiner Zug zu sein – und daß sie dann nicht mehr davon loskommen. Ich begann mir tausend Einzelheiten aus meinem Leben mit Sonja ins Gedächtnis zurückzurufen; schließlich fielen sie mir von selber ein und drängten sich mir in Massen auf und hätten mich fast totgequält, während ich auf sie wartete. Besonders quälte mich die Erinnerung an ihre ewige Unterwürfigkeit mir gegenüber und daran, daß sie sich ihr Lebtag für weit unter mir stehend gehalten hatte – stell' dir vor – sogar in physischer Beziehung. Sie genierte sich und wurde rot, wenn ich manchmal ihre Hände und Finger ansah, die ja durchaus nicht aristokratisch sind. Und nicht bloß ihre Finger, sie schämte sich ihres ganzen Äußern, trotzdem ich ja doch ihre Schönheit liebte. Sie war mir gegenüber immer schamhaft bis zur Scheu, das Schlimme aber war, daß hinter dieser Schamhaftigkeit immer eine Art Entsetzen hervorlugte. Kurz, sie hielt sich neben mir immer für etwas ganz Nichtiges oder sogar für etwas beinahe Unanständiges. Wahrhaftig, manchmal in der ersten Zeit habe ich gedacht, sie halte mich immer noch für ihren Herrn und fürchte sich deshalb vor mir; aber das war ganz etwas andres. Und dabei kann ich es dir beschwören, daß sie fähiger als sonst irgendein Mensch war, meine Fehler zu erkennen, und daß ich überhaupt in meinem ganzen Leben keiner Frau begegnet bin, die ein so feines und ahnendes Herz gehabt hätte wie sie. Oh, wie unglücklich sie war, wenn ich in der ersten Zeit, als sie noch hübsch war, von ihr verlangte, sie sollte sich putzen. Ihre Eitelkeit und noch irgendein andres Gefühl wurde dadurch verletzt: sie begriff, daß sie nie eine Dame werden konnte, und daß sie in einem ihr fremden Kostüm immer lächerlich wirken würde. Sie, als Frau, wollte nicht lächerlich aussehen in ihren Kleidern, und sie begriff sehr gut, daß jede Frau ihre Kleidung tragen muß, was Tausende und Hunderttausende von Frauen nie begreifen werden – weil sie sich immer nur nach der Mode anziehen. Sie fürchtete sich vor meinem spöttischen Blick – das ist es! Aber besonders traurig war mir die Erinnerung an ihren tief verwunderten Blick, den ich während unsres ganzen Zusammenlebens so häufig hatte auf mir ruhen fühlen: es hatte sich darin ein vollkommnes Begreifen ihrer Lage und der Zukunft, die sie erwartete, ausgesprochen, so daß es mir selber manchmal unter diesem Blick schwer ums Herz geworden war, obgleich ich gestehen muß, daß ich mich damals in Gespräche mit ihr nicht eingelassen und dies alles ein bißchen sehr von oben herab behandelt hatte. Und du mußt wissen: sie war nicht etwa immer so scheu und verschüchtert wie heute; auch jetzt kommt es noch vor, daß sie plötzlich lustig und hübsch wird, als wäre sie noch zwanzig; aber damals in jungen Jahren liebte sie es manchmal sehr, zu schwatzen und zu lachen, in Gesellschaft von ihresgleichen natürlich – mit den Mädchen und mit Nachbarinnen; und wie sie zusammenfuhr, wenn ich sie manchmal beim Lachen überraschte, wie sie plötzlich rot wurde und mich scheu ansah! Einmal, nicht lange vor meiner Abreise ins Ausland, das heißt, fast am Tage, bevor ich mein Zusammenleben mit ihr aufgeben wollte, kam ich in ihr Zimmer und traf sie allein: sie saß ohne Arbeit an ihrem Tischchen, hatte den Arm auf den Tisch gestützt und war tief in Gedanken. Es kam sonst fast nie vor, daß sie so ohne Arbeit gesessen hatte. Es glückte mir, mich ganz leise auf den Zehenspitzen an sie heranzuschleichen und sie plötzlich zu umarmen und zu küssen . . . Sie sprang auf – und ich werde nie den Ausdruck des Entzückens, des Glücks in ihrem Gesicht vergessen; aber auf einmal trat an seine Stelle ein heftiges Erröten, und ihre Augen funkelten. Weißt du, was ich in diesem funkelnden Blicke las? ›Du hast mir ein Almosen gegeben – jawohl!‹ Sie begann krampfhaft zu schluchzen, unter dem Vorgeben, ich hätte sie erschreckt; aber ich machte mir selbst damals schon meine Gedanken darüber. Und überhaupt, alle solche Erinnerungen sind etwas sehr Schweres, lieber Freund. Das ist etwas Ähnliches, wie es einem mit manchen Dichtungen von großen Künstlern geht, in denen manchmal auch so schmerzhafte Szenen vorkommen, daß man ihrer sein Leben lang mit einem Schmerzgefühl gedenkt – zum Beispiel: der letzte Monolog Othellos bei Shakespeare, oder wie Eugen Onegin sich vor Tatjana niederwirft, oder jene Begegnung des entsprungenen Sträflings mit den kleinen Mädchen in der kalten Nacht am Brunnen aus den ›Misérables‹ von Victor Hugo; das sticht einem einmal ins Herz, und die Wunde bleibt für immer. Oh, wie ich damals auf Sonja wartete und mich danach sehnte, sie recht bald in meine Arme zu schließen! In zitternder Ungeduld träumte ich von einem ganz neuen Lebensprogramm; ich träumte davon, in langsamer, methodischer Arbeit die beständige Furcht vor mir aus ihrem Herzen auszurotten, ihr ihren persönlichen Wert klarzumachen, und alles, worin sie sogar über mir steht. Oh, ich wußte ja auch damals nur zu genau, daß ich zu allen Zeiten deine Mutter immer anfing zu lieben, sowie wir uns getrennt hatten, und daß ich immer plötzlich kalt gegen sie wurde, wenn wir wieder beisammen waren; aber damals war es etwas andres, damals war es ganz etwas andres.«

Ich war überrascht. Die Frage: »Und sie?« tauchte in mir auf.

»Nun, und . . .? Wie fiel Ihre Begegnung mit Mama damals aus?« fragte ich vorsichtig.

»Damals? Ja, die Begegnung hat damals ja gar nicht stattgefunden. Sie ist ja damals nur mit Mühe und Not nach Königsberg gekommen, und dort blieb sie dann auch, ich aber war am Rhein. Ich fuhr nicht zu ihr, sondern schrieb ihr, sie solle dort bleiben und auf mich warten. Wiedergesehen haben wir uns erst viel später, oh, sehr lange nachher, als ich zu ihr fuhr und sie um ihre Erlaubnis zu jener Heirat bat . . .«

 

2

Des weiteren will ich nur noch die wesentlichsten Tatsachen wiedergeben, das heißt, selbstverständlich nur, soweit sie mir selber klar geworden sind; er erzählte mir das alles selber auch nicht mehr im Zusammenhange. Seine Art, zu sprechen, wurde zehnfach so unzusammenhängend und ungeordnet, sobald er an diesen Punkt gekommen war.

Er war plötzlich Katerina Nikolajewna begegnet, eben zu der Zeit, als er auf Mama wartete, im Augenblick, wo seine Ungeduld aufs höchste gestiegen war. Sie waren damals alle am Rhein, in einem Bade, und brauchten eine Kur. Katerina Nikolajewnas Mann war schon so gut wie tot, wenigstens hatten die Ärzte ihn schon zum Tode verurteilt. Schon bei der ersten flüchtigen Begegnung fiel sie ihm auf, bezauberte ihn gleichsam durch irgend etwas. Das war ein Fatum. Merkwürdig ist, daß ich mich heute, wo ich dies niederschreibe und an jenen Abend zurückdenke, nicht daran erinnern kann, daß er auch nur ein einziges Mal in seiner Erzählung das Wort »Liebe« gebraucht oder gesagt hätte, er sei »verliebt« gewesen. Des Wortes »Fatum« dagegen erinnre ich mich deutlich.

Und dies war natürlich auch ein Fatum. Er hatte es nicht gewollt, er »hatte nicht lieben wollen«. Ich weiß nicht, ob ich das klar auszudrücken verstehen werde; aber sein ganzes Innre empörte sich eben gegen das Fatum, dagegen, daß ihm das hatte passieren können. Alles, was an Freiheit in ihm war, war auf einmal durch diese Begegnung vernichtet, und dieser Mann war auf ewig an eine Frau gefesselt, der nicht das geringste an ihm lag. Er wehrte sich gegen diese Sklaverei der Leidenschaft. Ich muß es jetzt gerade heraussagen: Katerina Nikolajewna ist ein Typus, der sich unter Weltdamen selten findet, – ein Typus, den es in diesem Kreise vielleicht überhaupt nicht gibt. Sie ist im höchsten Grade der Typus einer schlichten und aufrichtigen Frau. Ich habe gehört, das heißt, ich weiß ganz genau, daß sie eben dadurch in der Gesellschaft so unwiderstehlich wirkte, wenn sie sich in ihr zeigte (häufig genug zog sie sich ganz aus ihr zurück). Wersilow glaubte natürlich damals bei seiner ersten Begegnung mit ihr nicht, daß sie so wäre, sondern glaubte vielmehr das gerade Gegenteil, das heißt, daß sie eine Heuchlerin und Jesuitin wäre. Ich möchte hier vorgreifend ihr Urteil über ihn anführen: sie versicherte, er hätte überhaupt gar nicht anders von ihr denken können, »denn ein Idealist, wenn er auch mit der Nase auf die Wirklichkeit gestoßen wird, ist immer eher als jeder andre geneigt, jede Schlechtigkeit zu glauben.« Ich weiß nicht, ob dies auf die Idealisten im allgemeinen zutrifft, auf ihn aber traf es natürlich durchaus zu. Ich will hier auch gleich mein eigenes Urteil hersetzen, das mir einfiel, während ich ihm damals zuhörte: ich dachte mir, er hätte Mama wohl mehr mit einer sozusagen humanen, allgemein menschlichen Liebe geliebt als mit der einfachen Liebe, mit der man eine Frau für gewöhnlich liebt; und sobald er dann einer Frau begegnete, die er mit dieser einfachen Liebe lieben mußte, lehnte er sich sogleich gegen diese Liebe auf – am wahrscheinlichsten dünkt es mich, daß es geschah, weil er das eben nicht gewohnt war. Übrigens ist es. sehr gut möglich, daß dieser Gedanke nicht zutrifft; ihm habe ich ihn natürlich verschwiegen. Ihn auszusprechen, wäre unzart gewesen; und ich kann auch beschwören, daß er in einem Zustande war, in dem er beinahe der Schonung bedurfte: er war sehr erregt: hie und da brach er seine Erzählung plötzlich ab und schwieg minutenlang, während er mit bösem Gesicht im Zimmer auf und ab ging.

Sie hatte damals sein Geheimnis gar bald durchschaut; oh, es mag auch sein, daß sie absichtlich mit ihm kokettierte: selbst die reinsten Frauen pflegen in solchen Fällen schlecht zu sein; das ist bei ihnen ein unüberwindlicher Instinkt. Es endete zwischen ihnen mit einem erbitterten Bruche, und er, glaube ich, wollte sie erschießen; er jagte ihr einen furchtbaren Schrecken ein und hätte sie vielleicht erschossen, »aber das alles verwandelte sich in Haß«. Und nun kam eine seltsame Periode: er ergab sich auf einmal einer sonderbaren Idee: sich zu kasteien, »weißt du, mit der Disziplin, die die Mönche anwenden. Man bezwingt allmählich und durch methodische Übung seinen Willen. Man fängt mit den lächerlichsten und kleinsten Sachen an und überwindet schließlich seinen Willen vollkommen und wird auf diese Weise frei.« Er fügte hinzu, bei den Mönchen wäre das eine durchaus ernsthafte Sache, weil es durch tausendjährige Erfahrung zur Wissenschaft ausgebildet wäre. Das interessanteste aber ist, daß er sich auf die Idee dieser »Disziplin« nicht etwa stürzte, um von Katerina Nikolajewna freizukommen, sondern in der ganz festen Überzeugung, er liebe sie nicht nur nicht mehr, sondern hasse sie vielmehr mit größter Heftigkeit. Er glaubte so fest an seinen Haß gegen sie, daß er sogar plötzlich auf den Gedanken kam, sich in ihre Stieftochter zu verlieben, die vom Fürsten betrogen worden war, und sie zu heiraten; er redete sich seine neue Liebe äußerst erfolgreich ein und machte die arme Idiotin wahnsinnig verliebt in sich, und schenkte ihr durch diese Liebe für die letzten Monate ihres Lebens das vollkommenste Glück. Warum er, statt an sie, damals nicht an Mama gedacht hat, die immer noch in Königsberg auf ihn wartete, ist mir unklar geblieben . . . Im Gegenteil, Mama vergaß er plötzlich ganz und gar und schickte ihr nicht einmal mehr Geld zum Leben, so daß Tatjana Pawlowna sie damals retten mußte; und plötzlich fuhr er dann doch zu Mama, sie um ihre Erlaubnis zu bitten, jenes Mädchen heiraten zu dürfen, unter dem Vorwande, so eine Braut wäre überhaupt gar keine Frau. Oh, vielleicht ist das alles bloß das Bild eines »Romanhelden«, wie ihn Katerina Nikolajewna später einmal genannt hat; aber warum sind dann solche »löschpapiernen Menschen« (wenn sie wirklich löschpapieren sind) dennoch fähig, in so realer Weise zu leiden und geradezu tragisch zu werden? An jenem Abend übrigens dachte ich ein wenig anders darüber, und mich erschütterte dieser Gedanke.

»Ihnen ist Ihre Entwicklung, Ihre seelische Reife durch Leiden und Kämpfe Ihres ganzen Lebens zuteil geworden – sie hat aber ihre ganze Vollkommenheit umsonst bekommen. Das ist eine ungerechte Ungleichheit . . . Das reizt einen gegen die Frauen auf.« Ich sagte das durchaus nicht, um ihm etwas Schmeichelhaftes zu sagen, sondern war dabei sogar ein wenig zornig und aufgebracht.

»Vollkommenheit? Vollkommenheit bei ihr? Ich sehe in ihr keine Spur von Vollkommenheit!« sagte er plötzlich, beinahe verwundert über meine Worte. »Sie ist doch eine ganz gewöhnliche Frau, sogar eine Frau unter dem Durchschnitt . . . Aber sie wäre verpflichtet, alle Vollkommenheiten zu besitzen!«

»Warum verpflichtet?«

»Weil eine Frau, die solch eine Macht besitzt, verpflichtet ist, alle Vollkommenheiten zu besitzen!« schrie er wütend.

»Das traurigste ist, daß Sie das auch jetzt noch so quält!« entfuhr es mir plötzlich ungewollt.

»Jetzt? Mich quälen?« wiederholte er abermals meine Worte und blieb vor mir stehen, in einer Art von Zweifel. Und da erleuchtete auf einmal ein stilles, langes, sinnendes Lächeln sein Gesicht, und er hob, gleichsam überlegend, einen Finger. Dann, wieder vollkommen gefaßt, nahm er einen geöffneten Brief vom Tische und warf ihn mir hin:

»Also lies! Du mußt unbedingt alles erfahren . . . und warum hast du mich auch so lange in diesem alten Unsinn herumwühlen lassen? . . . Das hat mein Herz nur wieder schlecht und böse gemacht! . . .«

Ich kann meine Verwunderung nicht beschreiben. Es war ein Brief von ihr an ihn, den sie heute geschrieben, und den er gegen fünf Uhr nachmittags erhalten hatte. Ich las ihn und zitterte dabei beinahe vor Aufregung. Er war nur kurz, aber mit einer Geradheit und Ehrlichkeit geschrieben, daß ich beim Lesen sie gleichsam vor mir sah und ihre Stimme zu hören meinte. Sie gestand ihm höchst aufrichtig (und deshalb klang es beinahe rührend) ihre Angst vor ihm und flehte ihn dann einfach an, sie »in Ruhe zu lassen«. Zum Schlusse teilte sie ihm mit, es sei nun beschlossene Sache, daß sie Bjoring heirate. Vor diesem Briefe hatte sie noch niemals an ihn geschrieben.

Und nun lasse ich folgen, was ich damals von seinen Erklärungen verstanden habe:

Sobald er damals den Brief gelesen hatte, war ihm ein ganz eigentümlicher Vorgang in seinem Innern aufgefallen: zum erstenmal in diesen verhängnisvollen zwei Jahren hatte er nicht den geringsten Haß gegen sie und nicht die geringste Erschütterung verspürt, etwa in der Weise, wie er erst kürzlich »rasend geworden« war, sowie er nur gerüchtweise etwas von Bjoring gehört hatte. »Im Gegenteil, ich habe ihr aus vollem Herzen meinen Segen gegeben«, sagte er mit tiefem Gefühl zu mir. Ich hörte diese Worte mit Entzücken. Also war alles, was an Leidenschaft und Qual in seinem Herzen gewohnt hatte, plötzlich verschwunden, wie ein Traum, wie eine zweijährige Behexung. Ohne es sich selber noch recht glauben zu können, war er vorhin zu Mama geeilt – und wie sonderbar: er war eben in dem Augenblick zu ihr gekommen, wo sie frei geworden und der Alte, der sie gestern in seine Hände gegeben hatte, gestorben war. Und eben das Zusammentreffen dieser beiden Dinge hatte seine Seele so erschüttert. Kurze Zeit darauf hatte er sich aufgemacht, mich zu suchen – und daß er sogleich an mich gedacht hat, das werde ich ihm nie vergessen.

Und ich werde auch den weiteren Verlauf jenes Abends nie vergessen. Dieser Mensch hatte sich plötzlich und gänzlich verwandelt. Wir saßen bis tief in die Nacht beisammen. Davon, wie alle diese »Mitteilungen« auf mich wirkten, werde ich an passender Stelle noch sprechen; jetzt nur noch ein paar abschließende Worte über ihn. Wenn ich heute darüber nachdenke, begreife ich sehr wohl, daß damals auf mich am hinreißendsten seine Demütigung mir gegenüber gewirkt hat, seine offene Aufrichtigkeit gegen mich, den ganz jungen Menschen! »Es war Dunst,« rief er, »aber auch er soll gesegnet sein! Ohne diese zeitweilige Blendung hätte ich vielleicht nie die ganz und für ewig einzige Königin meines Herzens entdeckt, meine Märtyrerin – deine Mutter.« Diese verzückten Worte, die unwiderstehlich aus ihm hervorbrachen, schreibe ich, besonders im Hinblick darauf nieder, was später erfolgte. Damals aber eroberte und besiegte er mein Herz damit.

Ich weiß noch, wir wurden schließlich sehr lustig. Er ließ Champagner bringen, und wir stießen auf Mama und auf »die Zukunft« an. Oh, er war so voll Leben und froh bereit, zu leben! Aber so lustig wurden wir nicht vom Weine: wir tranken jeder im ganzen nur zwei Glas. Ich weiß nicht, weswegen, aber schließlich lachten wir fast unaufhaltsam. Wir begannen von ganz fernliegenden Dingen zu sprechen; er erzählte mir Anekdoten, und ich ihm gleichfalls. Und unser Gelächter und unsre Anekdoten waren nicht im geringsten witzig oder geistreich, aber lustig waren wir doch. Er wollte mich nicht fortlassen: »Bleib noch sitzen, bleib noch ein bißchen!« sagte er wieder und wieder, und ich blieb. Er ging sogar mit und begleitete mich; der Abend war herrlich, ein leichter Frost hatte eingesetzt.

»Sagen Sie: haben Sie ihr schon geantwortet?« fragte ich ihn ganz plötzlich, als ich ihm an der Straßenkreuzung zum letztenmal die Hand schüttelte.

»Nein, noch nicht, nein, aber das ist ja auch ganz egal . . . Und noch eins: Lambert gib nur endgültig den Laufpaß, und das ›Dokument‹ zerreiße, und das so schnell wie möglich. Leb' wohl!«

Und als er das gesagt hatte, ging er plötzlich davon; ich blieb, auf meinen Platz gebannt, stehen und war so verwirrt, daß ich ihn nicht aufhalten konnte. Die Bezeichnung »das Dokument« hatte mich besonders verblüfft: von wem konnte er das, noch dazu in so genauen Ausdrücken, gehört haben, wenn nicht von Lambert? Ich kehrte in großer Verwirrung nach Hause zurück. »Ja, und wie ist denn das möglich,« fuhr es mir auf einmal durch den Sinn, »daß eine zweijährige Behexung so auf einmal verschwindet, wie ein Traum, wie ein Dunst, wie ein Phantom?«

 

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