Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fjodr Michailowitsch Dostojewski >

Ein Werdender - Zweiter Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Zweiter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/dostojew/werdend2/werdend2.xml
typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Zweiter Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20110409
modified20170607
projectid40eaed34
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel

1

Das hatte nur noch gefehlt. Ich nahm meinen Pelz, warf ihn mir im Gehen um und lief mit dem Gedanken die Treppe hinunter: »Sie hat mir gesagt, ich soll zu ihm gehen; wo treffe ich ihn jetzt aber?«

Aber neben allem andern war ich damals durch die Frage erregt: »Warum glaubt sie, jetzt sei etwas Neues eingetreten, und er werde sie jetzt in Ruhe lassen? Natürlich deshalb, weil er Mama heiraten wird; aber was ist mit ihr? Freut sie sich, daß er Mama heiratet, oder ist sie im Gegenteil darüber unglücklich? Kam am Ende ihr hysterischer Anfall daher? Warum kann ich nicht dahinterkommen?«

Ich führe diesen zweiten Gedanken, der damals in mir auftauchte, buchstäblich an, der Erinnerung wegen: er ist von Bedeutung. Dieser Abend war schicksalschwanger. Und man muß unwillkürlich an eine Vorherbestimmung glauben: ich hatte noch nicht hundert Schritte in der Richtung nach Mamas Wohnung gemacht, als ich plötzlich mit dem zusammenstieß, den ich suchte. Er ergriff mich an der Schulter und hielt mich fest.

»Bist du es!« rief er freudig erregt und gleichzeitig in einem eigenen großen Erstaunen. – »Stell dir vor, ich war bei dir,« begann er hastig, »ich hab' dich gesucht, ich hab' nach dir gefragt – dich brauchte ich jetzt gerade, und niemand anders auf der weiten Gotteswelt! Dein Beamter hat mir weiß Gott was vorgeschwindelt; aber du warst nicht da, und ich ging fort und vergaß sogar, dir zu hinterlassen, du möchtest ohne Säumen zu mir kommen, – und was glaubst du? – ich ging mit der unerschütterlichen Überzeugung weiter, daß das Schicksal dich mir jetzt, wo ich dich so notwendig brauche, ganz bestimmt in den Weg führen würde; und richtig bist du der erste, der mir begegnet! Komm mit zu mir; du bist noch niemals bei mir gewesen.«

Kurz, wir hatten uns gegenseitig gesucht, und wir hatten alle beide etwas Ähnliches erlebt. Wir gingen sehr eilig weiter.

Unterwegs sagte er nur ein paar kurze Worte darüber, daß er Mama in Tatjana Pawlownas Obhut gelassen hätte. Er führte mich an der Hand. Er wohnte nicht weit von da, und wir waren bald am Ziele. Ich war in der Tat noch nie bei ihm gewesen. Es war eine kleine Wohnung von drei Zimmern, die er (oder, richtiger gesagt, Tatjana Pawlowna) einzig und allein wegen jenes »Säuglings« gemietet hatte. Diese Wohnung hatte früher auch ganz unter Tatjana Pawlownas Aufsicht gestanden, und das Kind hauste darin mit seiner Wärterin (jetzt aber außerdem noch Darja Onisimowna); es war da aber auch immer schon ein Zimmer für Wersilow reserviert gewesen, und zwar das erste, in das man gelangte; es war ziemlich geräumig und recht gut und behaglich möbliert, als eine Art Lese- und Arbeitszimmer. In der Tat sah man da auf dem Tische, im Schranke und auf Büchergestellen Bücher in großer Anzahl (während in Mamas Wohnung fast überhaupt keine waren); auch beschriebene Blätter fanden sich und verschnürte Päckchen von Briefen, – kurz, alles vereinigte sich zu dem Eindruck, daß man hier einen schon lange bewohnten Winkel vor sich hätte; und ich weiß, daß Wersilow auch früher schon (wenn auch ziemlich selten) zeitweise ganz in diese Wohnung übergesiedelt und manchmal sogar wochenlang dort geblieben war. Das erste, was mir in die Augen fiel, war ein Porträt von Mama, das in einem geschnitzten Rahmen aus kostbarem Holz über dem Schreibtisch hing – eine Photographie, die sicherlich im Auslande aufgenommen war, und ihrem außergewöhnlichen Format nach zu urteilen, sehr viel Geld gekostet haben mußte. Ich hatte vorher von diesem Porträt nichts gewußt und nie etwas gehört; und was mich besonders daran überraschte, war die für eine Photographie ganz erstaunliche Ähnlichkeit, die sozusagen seelische Ähnlichkeit, – kurz, es war, als sei das ein wirkliches Porträt von der Hand eines Künstlers, und kein mechanischer Abklatsch. Kaum hatte ich das Zimmer betreten, als ich auch schon ganz unwillkürlich davor haltmachte.

»Nicht wahr? Nicht wahr!« sagte plötzlich Wersilow hinter mir.

Das sollte heißen: »Nicht wahr, wie ähnlich!« Ich drehte mich nach ihm um und war von seinem Gesichtsausdruck überrascht. Er war ziemlich blaß, sein Blick aber brannte und war fest, leuchtend gleichsam vor Glück und Kraft; solchen Ausdruck hatte ich noch nie an ihm gesehen.

»Ich hatte nicht gewußt, daß Sie Mama so lieben!« sagte ich plötzlich, selber ganz hingerissen.

Er lächelte glücklich, wenn in seinem Lächeln auch zugleich ein Leidenszug lag, oder, besser gesagt, etwas im höheren Sinne Menschliches . . . Ich kann das nicht so ausdrücken; aber hochentwickelte Menschen können, glaube ich, kein triumphierend und sieghaft glückliches Gesicht machen. Ohne mir zu antworten, nahm er das Bild mit beiden Händen von den Nägeln, hielt es vor sein Gesicht, küßte es und hängte es behutsam wieder an die Wand.

»Weißt du,« sagte er, »photographische Aufnahmen werden sehr selten ähnlich, und das ist leicht zu verstehen: denn das Original selbst, das heißt, jeder Mensch, ist sich selber außerordentlich selten ähnlich. Das Gesicht eines Menschen zeigt nur in seltnen Augenblicken seinen beherrschenden Zug, seinen charakteristischsten Gedanken. Der Künstler studiert ein Gesicht und errät diesen beherrschenden Gedanken, wenn er in dem Augenblick, wo er das Gesicht malt, auch gar nicht darauf zu sehen ist. Die Photographie aber nimmt den Menschen, wie er gerade ist, und es ist sehr möglich, daß zum Beispiel Napoleon, in gewissen Momenten photographiert, dumm ausgesehen hätte, und Bismarck weichlich. Hier aber, bei diesem Porträt, hat die Sonne Sophia mit ihrem beherrschenden Ausdruck angetroffen, – dem Ausdruck schamhafter, sanfter Liebe und ein wenig banger, scheuer Keuschheit. Ja, aber wie glücklich war sie damals auch, als sie endlich davon überzeugt war, daß ich den brennenden Wunsch hatte, ein Porträt von ihr zu besitzen! Wenn diese Aufnahme auch nicht vor sehr langer Zeit gemacht ist, so war sie damals doch noch jünger und hübscher; aber dabei hatte sie damals schon diese eingefallnen Wangen, diese Runzeln auf der Stirn, diese scheue Schüchternheit des Blicks, die jetzt bei ihr mit den Jahren gleichsam wächst – je länger, je mehr. Wirst du es glauben, lieber Freund? Ich kann sie mir jetzt überhaupt kaum mit einem andern Gesicht vorstellen, und doch war auch sie einmal jung und reizend! Die russische Frau wird schnell häßlich, ihre Schönheit leuchtet nur wie ein Blitz auf, und das ist wahrhaftig nicht nur eine ethnographische Eigenheit ihres Typus, sondern das kommt auch daher, daß sie ohne Vorbehalt zu lieben versteht. Die russische Frau gibt alles auf einmal hin, wenn sie liebt – den Augenblick und ihr Schicksal, die Gegenwart und die Zukunft: sie versteht nicht zu sparen, sie sammelt nicht in die Scheunen, und ihre Schönheit geht bald für den dahin, den sie liebt. Diese eingefallnen Wangen – das ist auch Schönheit, die für mich dahingegangen ist, für meinen flüchtigen Genuß. Du freust dich, daß ich deine Mutter geliebt habe, und du hast vielleicht nicht einmal geglaubt, daß ich sie geliebt habe? Ja, lieber Freund, ich habe sie sehr geliebt, und habe ihr doch nur Böses getan mein Lebtag . . . Sieh, da ist noch ein Porträt – sieh dir das auch an.«

Er nahm es vom Tische und reichte es mir. Es war gleichfalls eine Photographie, in bedeutend kleinerem Format, in einen schmalen, ovalen Holzreifen gefaßt, – das hagre, schwindsüchtige und dennoch schöne Gesicht eines jungen Mädchens; nachdenklich und trotzdem gleichzeitig ganz sonderbar gedankenleer. Die regelmäßigen Züge einer durch viele Generationen verfeinerten Rasse, aber sie machten einen krankhaften Eindruck: es sah aus, als hätte sich dieses Wesens plötzlich ein starrer Gedanke bemächtigt, der ihm eben darum zur Pein wurde, weil er ihm über die Kraft ging.

»Das . . . das ist das Mädchen, das Sie da draußen heiraten wollten, und das an der Schwindsucht starb . . . ihre Stieftochter?« sagte ich ein wenig zaghaft.

»Ja, die ich heiraten wollte, die an der Schwindsucht starb, ihre Stieftochter. Ich wußte, daß du davon gehört hattest . . . alle diese Klatschgeschichten. Übrigens, außer Klatschgeschichten – hättest du gar nichts erfahren können. Stell das Bild hin, lieber Freund, es war eine arme Irrsinnige, und weiter nichts.«

»Vollkommen irrsinnig?«

»Oder idiotisch; übrigens glaube ich: wohl irrsinnig. Sie bekam ein Kind von Fürst Sergej Petrowitsch (aus Irrsinn, nicht aus Liebe); das ist einer von Fürst Sergej Petrowitschs schlechtesten Streichen, das Kind ist jetzt hier, in dem Zimmer da, und ich hab' es dir schon lange einmal zeigen wollen. Fürst Sergej Petrowitsch dürfte sich nicht erlauben, hierherzukommen und das Kind zu sehen: das ist die Abrede, die wir noch im Auslande getroffen haben. Ich habe es mit Zustimmung deiner Mutter zu mir genommen. Gleichfalls mit Zustimmung deiner Mutter wollte ich damals diese . . . Unglückliche heiraten . . .«

»Ist denn solche Zustimmung möglich?« sagte ich leidenschaftlich.

»O ja! Sie hat es mir erlaubt: man kann auf eine Frau eifersüchtig sein, aber das war doch keine Frau.«

»Sie war vielleicht für niemand eine Frau, für Mama war sie es doch! Nie im Leben glaube ich, daß Mama nicht eifersüchtig gewesen wäre!« rief ich.

»Du hast ganz recht. Das erriet ich, als alles schon beschlossen war, das heißt, nachdem sie ihre Zustimmung gegeben hatte. Aber lassen wir das. Es wurde nichts aus der Sache, weil Lydia starb; und wenn sie am Leben geblieben wäre, wäre vielleicht auch nichts daraus geworden; und Mama darf mir heute noch das Kind nicht sehen. Das ist nur eine Episode. Lieber Freund, ich habe dich hier schon lange erwartet. Ich habe schon lange davon geträumt, wie wir hier zusammenkommen würden; weißt du, wie lange? Seit zwei Jahren träume ich davon.«

Er sah mich ehrlich und aufrichtig an, mit einer Herzenswärme, die sich ohne Vorbehalt zeigte. Ich ergriff seine Hand:

»Warum haben Sie gezögert, warum haben Sie mich nicht schon lange gerufen? Wenn Sie wüßten, was geschehen ist . . . und was nicht geschehen wäre, wenn Sie mich schon lange gerufen hätten! . . .«

In diesem Augenblick wurde der Samowar gebracht, und gleichzeitig brachte Darja Onisimowna das schlafende kleine Kind herein.

»Sieh ihn dir an,« sagte Wersilow, »ich hab' ihn lieb und hab' ihn jetzt mit Absicht hereinbringen lassen, damit du ihn dir auch ansiehst. So, und nun tragen Sie ihn wieder hinauf, Darja Onisimowna. Setz dich da zum Samowar. Ich werde mir vorstellen, wir hätten ewig so zusammengelebt und uns jeden Abend getroffen, ohne uns je zu trennen. Laß mich dich ansehen: setz dich so, daß ich dein Gesicht sehen kann. Wie ich es liebe, dein Gesicht! Wie habe ich mir damals schon dein Gesicht ausgemalt, als ich dich noch aus Moskau erwartete! Du fragst, warum ich dich nicht schon lange gerufen habe? Warte mal, das wirst du jetzt vielleicht noch nicht verstehen.«

»Aber hat denn wirklich nichts als nur der Tod dieses alten Mannes Ihnen jetzt auf einmal die Zunge gelöst? Das ist so sonderbar . . .«

Aber wenn ich auch so sprach, so sah ich ihn doch liebevoll an. Wir redeten miteinander wie zwei Freunde, im höchsten und vollsten Sinne des Wortes. Er hatte mich hierher mitgenommen, um mir etwas zu erklären, zu erzählen, sich wegen irgend etwas zu rechtfertigen; aber dabei war, schon vor dem ersten Worte, alles erklärt und gerechtfertigt. Was ich jetzt auch noch von ihm gehört hätte – das Resultat war schon erreicht, und wir empfanden das beide mit warmem Glücksgefühl und sahen einander an.

»Nicht eben der Tod dieses alten Mannes,« antwortete er, »nicht dieser Todesfall allein; es ist noch etwas, was jetzt damit zusammengefallen ist . . . Möge Gott diesen Augenblick segnen und unser Leben, hinfort und auf lange! Lieber Freund, reden wir miteinander. Ich komme immer von der Hauptsache ab, ich schweife ab, ich will von einer bestimmten Sache sprechen und komme auf tausend nebensächliche Einzelheiten. So geht's immer, wenn das Herz einem voll ist . . . Aber reden wir jetzt miteinander; die Zeit ist gekommen, und ich bin schon lange ganz verliebt in dich, lieber Junge . . .«

Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und musterte mich noch einmal.

»Wie sonderbar das ist! Wie sonderbar es ist, das zu hören!« sagte ich, in Seligkeit schwimmend.

Und da auf einmal, weiß ich noch, erschien auf seinem Gesicht plötzlich sein gewöhnlicher Ausdruck – diese eigne Mischung von Trauer und Spott, die ich so gut kannte. Er raffte sich zusammen und begann, ein wenig angestrengt gleichsam, zu sprechen.

 

2

»Siehst du, Arkadij, nehmen wir einmal an, ich hätte dich früher gerufen . . . Was hätte ich dir da sagen sollen? In dieser Frage liegt meine ganze Antwort.«

»Das heißt, Sie wollen sagen, daß Sie jetzt Mamas Mann und mein Vater sind, damals . . . Sie hätten wohl in bezug auf meine soziale Stellung früher nicht gewußt, was Sie mir hätten sagen sollen? Meinen Sie es so?«

»Lieber Freund, nicht nur in der Beziehung hätte ich nicht gewußt, was ich dir sagen sollte: ich hätte über so manches Schweigen bewahren müssen. Und sehr viel daran ist sogar ganz lächerlich und geradezu beschämend, weil es einem Hokuspokus verzweifelt ähnlich sieht, dem allerärmlichsten Jahrmarktshokuspokus. Lieber Gott, wie hätten wir einander denn früher verstehen sollen, wenn ich mich selber erst seit heute verstehe, seit fünf Uhr nachmittags, genau zwei Stunden vor Makar Iwanowitschs Tode. Du siehst mich unangenehm berührt und zweifelnd an? Sei ganz ruhig: ich werde dich über das Faktum aufklären; aber was ich gesagt habe, stimmt ganz genau: mein ganzes Leben hat aus Irrfahrten und Zweifeln bestanden, und auf einmal wird das alles gelöst, am soundsovielten des und des Monats um fünf Uhr nachmittags! Das könnte einen direkt kränken, nicht wahr? Und die Zeit gehört nicht gerade dem fernsten Altertum an, wo es mich wirklich sehr ernsthaft gekränkt hätte.«

Ich hörte ihn in der Tat voll schmerzlichen Zweifels an; es trat dabei der alte bekannte Ausdruck Wersilows so stark zutage, dem ich an jenem Abend lieber nicht begegnet wäre, nachdem schon solche Worte gesprochen waren. Auf einmal rief ich:

»Ach Gott! Sie haben irgend etwas von ihr bekommen . . . um fünf Uhr, heute?«

Er sah mich scharf an und war sichtlich von meinem Ausrufe überrascht, vielleicht aber auch von dem Ton, den ich auf die Worte »von ihr« gelegt hatte.

»Du wirst das alles erfahren,« sagte er mit einem sinnenden Lächeln, »und ich werde dir natürlich nichts verhehlen, was du wissen mußt, denn deswegen habe ich dich doch hierher mitgenommen; aber für den Augenblick verschieben wir das alles noch! Siehst du, lieber Freund, ich habe es schon lange gewußt, daß es bei uns Kinder gibt, die sich schon seit ihrer frühesten Kindheit in Gedanken über ihre Familie vergraben, weil sie gekränkt sind durch die Unvornehmheit ihrer Väter oder ihres Milieus. Ich habe diese in Gedanken Vergrabnen schon in meiner Schulzeit bemerkt und habe damals geglaubt, das alles käme daher, weil sie den Neid zu früh kennenlernten. Weil ich jedoch selbst ein so in Gedanken vergrabnes Kind war, aber . . . entschuldige, lieber Freund; ganz sonderbar, wie zerstreut ich bin . . . Ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen, in welch einer ständigen Sorge um dich ich hier die ganze Zeit geschwebt habe. Ich habe in dir immer jener Kleinen einen gesehen, die aber schon das Bewußtsein ihrer Begabung haben und sich absondern. Auch ich habe, genau wie du, meine Schulkameraden niemals geliebt. Es steht schlimm um solche Naturen, die einzig und allein auf ihre Kräfte und ihre Träume gestellt sind und dabei jenen leidenschaftlichen, verfrühten und beinahe rachsüchtigen Durst nach Vornehmheit in sich verspüren, ja – eben ›rachsüchtig‹. Aber genug davon, lieber Freund: ich bin wieder abgeschweift . . . Ich habe mir schon lange, bevor ich dich liebgewann, deine einsamen, verschüchterten Träume ausgemalt . . . Aber genug davon: ich habe vergessen, womit ich eigentlich angefangen hatte. Übrigens mußte das alles einmal gesagt werden. Und früher, früher . . .? Was hätte ich dir da eigentlich sagen können? Jetzt fühle ich deinen Blick auf mir ruhen und weiß: der mich da ansieht, ist mein Sohn; aber selbst gestern hätte ich noch nicht glauben können, daß ich jemals so wie heute mit meinem Jungen zusammensitzen und mit ihm reden würde.«

Er war in der Tat sehr zerstreut geworden und zugleich sonderbar ergriffen von irgend etwas.

»Ich brauche jetzt nicht zu träumen und zu phantasieren, mir ist es jetzt auch an Ihnen genug! Ich folge Ihnen!« sagte ich und ergab mich ihm ganz.

»Mir willst du folgen? Aber meine Wanderfahrten sind ja gerade beendet, und gerade seit heute: du kommst zu spät, lieber Freund. Der heutige Tag ist das Finale des letzten Aktes, und der Vorhang fällt. Dieser letzte Akt hat sich sehr in die Länge gezogen. Angefangen hat er schon vor sehr langer Zeit – damals, als ich das letztemal ins Ausland entfloh. Damals warf ich alles hinter mich, und du mußt wissen, lieber Freund, daß ich damals mein Zusammenleben mit deiner Mutter aufgab und ihr das auch mitteilte. Das mußtest du erfahren. Ich erklärte ihr damals, ich ginge für immer fort, und sie würde mich niemals wiedersehen. Das Schlimmste aber war, daß ich sogar vergaß, ihr Geld dazulassen. Auch an dich habe ich nicht einen Augenblick gedacht. Ich fuhr mit der Absicht fort, in Westeuropa zu bleiben, lieber Freund, und niemals wieder heimzukehren. Ich wanderte aus.«

»Wohl zu Alexander Herzen? Um sich der Propaganda im Auslande zu widmen? Sie sind doch wahrscheinlich Ihr Leben lang an irgendeiner Verschwörung beteiligt gewesen?« rief ich; ich konnte nicht schweigen.

»Nein, lieber Freund, ich war an gar keiner Verschwörung beteiligt. Aber deine Augen funkeln ja ordentlich; ich liebe deine plötzlichen Ausrufe, lieber Freund. Nein, ich ging damals lediglich aus Melancholie auf und davon, es hatte mich plötzlich eine Melancholie befallen. Es war die Melancholie des russischen Edelmanns – ich weiß es wahrhaftig nicht besser auszudrücken. – Die aristokratische Melancholie – und weiter nichts.«

»Die Aufhebung der Leibeigenschaft . . . die Befreiung des Volkes?« murmelte ich, ganz außer Atem.

»Die Aufhebung der Leibeigenschaft? Du glaubst, ich hätte der Leibeigenschaft nachgetrauert? Ich hätte die Befreiung des Volkes nicht ertragen können? O nein, lieber Freund, wir waren ja doch auch selber die Befreier gewesen. Ich wanderte ohne jeden Groll aus. Ich war ja eben Friedensrichter gewesen und hatte mich aus allen Kräften um die Versöhnung der Gegensätze gemüht, ganz uneigennützig, ich reiste nicht einmal deshalb fort, weil mir mein Liberalismus übel gelohnt worden war. Uns allen ist damals übel gelohnt worden, das heißt, eben wieder den Leuten meines Schlages. Ich bin eher in Stolz hinausgezogen als in Reue, und glaube mir, nichts lag mir ferner als der Gedanke, es wäre nun Zeit für mich, mein Leben als bescheidner Schuhflicker zu beschließen. Je suis gentilhomme avant tout et je mourrai gentilhomme! Aber trotzdem war mir traurig zumute. Wir sind unser in Rußland vielleicht gegen tausend; vielleicht wirklich nicht mehr, aber das genügt ja auch vollkommen, damit die Idee nicht sterbe. Wir sind die Träger einer Idee, lieber Freund! . . . Lieber Freund, ich sage dir das, weil ich die sonderbare Hoffnung hege, du wirst diesen ganzen Galimathias verstehen. Ich habe dich aus einer Laune meines Herzens zu mir gebeten: ich habe schon lange davon geträumt, dir etwas zu sagen . . . dir, und gerade dir! Übrigens, aber . . . übrigens . . .«

»Nein, sagen Sie es,« rief ich, »ich sehe wieder das ehrliche Gefühl in Ihrem Gesichte . . . Wie war es, hat Europa Ihnen damals eine Auferstehung bereitet? Ja, und was war das eigentlich, Ihre ›aristokratische Melancholie‹? Verzeihen Sie, Teuerster, ich verstehe das noch nicht recht.«

»Ob mir Europa eine Auferstehung bereitet hat? Ich bin ja doch selber damals hingefahren, um Europa zu beerdigen!«

»Beerdigen?« fragte ich verwundert.

Er lächelte.

»Lieber Freund Arkadij, meine Seele ist jetzt müde geworden, und mein Geist hat sich aufgelehnt. Niemals werde ich meine ersten Augenblicke damals in Europa vergessen. Ich hatte auch schon früher in Europa gelebt, aber damals war eine ganz eigne Zeit, und ich war noch niemals in so trostloser Trauer und . . . mit solcher Liebe hinausgegangen, wie in jener Zeit. Ich will dir einen von meinen ersten Eindrücken damals erzählen, einen Traum, den ich damals hatte, einen richtigen Traum. Das war noch in Deutschland. Ich hatte eben Dresden verlassen, hatte in der Zerstreutheit vergessen, auf der Station auszusteigen, wo ich hätte umsteigen müssen, und war so auf eine verkehrte Linie gekommen. Ich wurde sofort abgesetzt; es war drei Uhr nachmittags an einem hellen Tage. Ich befand mich in einem kleinen deutschen Städtchen. Man wies mich nach dem Gasthaus. Ich hatte lange zu warten: der nächste Zug ging erst um elf Uhr nachts. Ich war mit diesem Abenteuer sogar zufrieden, denn ich hatte durchaus keine Eile, irgendwohin zu kommen. Ich irrte nur so umher, lieber Freund, ich irrte nur so umher. Das Gasthaus war jämmerlich und klein, lag aber ganz im Grünen und war rings von Blumenbeeten umgeben, wie das in Deutschland so üblich ist. Mir wurde ein enges Zimmerchen angewiesen, und da ich die ganze Nacht unterwegs gewesen war, schlief ich nach dem Mittagessen, so um vier Uhr nachmittags, ein.

Ich hatte einen Traum, der mir ganz unerwartet kam, weil mir noch nie etwas Ähnliches geträumt hatte. In der Dresdner Galerie befindet sich ein Bild von Claude Lorrain, das im Kataloge ›Acis und Galathea‹ heißt; ich aber habe es immer ›das goldne Zeitalter‹ genannt, warum, weiß ich selber nicht. Ich hatte es auch schon früher gesehen, und jetzt, vor drei Tagen auf der Durchreise, war es mir wieder aufgefallen. Und dieses Bild sah ich im Traume, aber nicht als Bild, sondern als wirkliche Landschaft. Ich weiß übrigens nicht recht, was mir eigentlich geträumt hat: es war genau wie auf jenem Bilde – ein Winkel des griechischen Archipels, und auch die Zeit war gleichsam um dreitausend Jahre zurückgewichen; blaue, schmeichelnde Wellen, Inseln und Klippen, ein blühendes Gestade, ein Blick in herrliche Weiten, eine untergehende lockende Sonne – nicht mit Worten zu schildern. Dieser Ort ist der europäischen Menschheit als ihre Wiege im Gedächtnis geblieben, und der Gedanke daran erfüllte gleichsam auch meine Seele mit einem Gefühl warmer Heimatliebe. Hier war das irdische Paradies der Menschheit: die Götter stiegen vom Himmel und vermischten sich mit den Töchtern der Erde . . . Oh, dort lebten schöne Menschen! Glücklich und unschuldig erwachten sie und schliefen wieder ein, die Wiesen und Haine waren erfüllt von ihren Liedern und fröhlichen Rufen; ein großer Überschuß an ungenützten Kräften wurde zu Liebe und harmloser Freude. Die Sonne überströmte sie mit Wärme und Licht und freute sich ihrer schönen Kinder . . . Wundersamer Traum, erhabner Irrtum der Menschheit! Das goldne Zeitalter ist der unwahrscheinlichste unter allen Träumen, die je geträumt worden sind, aber die Menschen haben ihr ganzes Leben und alle Kräfte für ihn dahingegeben, für ihn sind die Propheten gestorben und erschlagen worden, ohne ihn wollen die Völker nicht leben und können sie selbst nicht sterben! Und dieses ganze große Gefühl durchlebte ich gleichsam in diesem Traume; die Klippen und das Meer und die schrägen Strahlen der sinkenden Sonne – das alles sah ich gleichsam noch, als ich erwachte und meine Augen aufschlug, die buchstäblich in Tränen schwammen. Ich weiß noch, wie freudig bewegt ich war. Ein Glücksgefühl, das mir noch fremd gewesen war, ging durch mein Herz, so stark, daß es beinahe zum Schmerz wurde; das war die allgemeine Liebe zur ganzen Menschheit. Es war inzwischen ganz Abend geworden; in das Fenster meines kleinen Zimmers fiel durch die Blätter der Blumen auf dem Fensterbrett eine Garbe von schrägen Sonnenstrahlen und übergoß mich mit Glanz. Und siehst du, lieber Freund, so verwandelte sich mir die untergehende Sonne des ersten Tages der europäischen Menschheit, die ich in meinem Traume gesehen hatte, sogleich, als ich erwachte, in Wahrheit in die untergehende Sonne des letzten Tages der europäischen Menschheit! Gerade damals erscholl über Europa gleichsam der Ton eines Grabgeläutes. Ich spreche nicht bloß vom Kriege und von der Zerstörung der Tuilerien; ich hatte auch ohnedies gewußt, daß alles vergehen mußte, das ganze Antlitz der alten europäischen Welt, früher oder später; aber ich, als russischer Europäer, konnte das nicht gutwillig hinnehmen. Ja, sie hatten damals gerade die Tuilerien verbrannt . . . Oh, reg' dich nicht auf, ich weiß, daß das eine logische Tat war, und begreife die Unwiderstehlichkeit der daherstürmenden Idee nur zu gut; aber als Träger des höchsten russischen Kulturgedankens konnte ich das nicht gutwillig hinnehmen, weil eben der höchste russische Gedanke die Versöhnung aller Ideen miteinander ist. Und wer in der ganzen Welt konnte damals so einen Gedanken verstehen: ich irrte einsam umher. Ich spreche nicht von mir persönlich – ich spreche vom russischen Gedanken. Da war Zank und Streit und Logik; der Franzose war eben Franzose, und weiter nichts, der Deutsche war Deutscher, und weiter nichts, und das mit größerer Anspannung ihrer Kräfte als jemals während ihrer ganzen Geschichte; also hat der Franzose Frankreich nie größern Schaden getan als damals, und ebenso der Deutsche seinem Deutschland! Damals gab es in ganz Europa nicht einen einzigen Europäer! Nur ich allein hätte, vor alle Petroleusen gestellt, ihnen ins Gesicht sagen können, daß die Niederbrennung der Tuilerien ein Fehler war; und nur ich allein hätte, vor alle rachsüchtigen Konservativen gestellt, diesen Rächern sagen können, daß die Zerstörung der Tuilerien zwar ein Verbrechen, aber trotzdem eine logische Tat war. Und das alles, lieber Junge, aus dem Grunde, weil ich, als Russe, damals in Europa der einzige Europäer war. Ich spreche nicht von mir – ich spreche vom russischen Gedanken im ganzen. Ich irrte umher, lieber Freund, ich irrte umher und wußte genau, daß ich schweigen und weiter umherirren mußte. Und doch war mir traurig zumute. Lieber Junge, ich kann nicht anders, ich habe Respekt vor meinem Adel. Du lachst, glaub' ich, darüber?«

»Nein, ich lache nicht,« sagte ich mit ergriffner Stimme, »ich lache durchaus nicht: Sie haben mit Ihrer Vision eines goldnen Zeitalters mein Herz erschüttert, und seien Sie überzeugt, ich beginne Sie zu verstehen. Aber vor allem bin ich darüber froh, daß Sie soviel Respekt vor sich selbst haben. Ich beeile mich, Ihnen das zu sagen. Ich hätte das nie von Ihnen erwartet!«

»Ich habe dir schon gesagt, lieber Freund, daß ich deine plötzlichen Ausrufe liebe,« sagte er wieder und lächelte über meinen naiven Ausbruch; dabei erhob er sich von seinem Stuhl und begann, ohne es selbst zu bemerken, im Zimmer auf und ab zu gehen. Ich stand gleichfalls auf. Er fuhr in seiner seltsamen Ausdrucksweise, aber tief von seinem Gedanken durchdrungen, zu sprechen fort.

 

3

»Jawohl, mein Junge, ich sage es dir noch einmal: ich kann nicht anders, ich habe Respekt vor meinem Adel. Bei uns zulande hat sich mit den Jahrhunderten ein ganz neuer Kulturtypus herausgebildet, den man sonst in der ganzen Welt nicht wiederfindet – es ist der Typus des Leidens um alle in der ganzen Welt. Das ist ein russischer Typus; da er sich aber in der höchsten Kulturstufe des russischen Volkes herausgebildet hat, so habe ich also die Ehre, ihm anzugehören. Er schließt das künftige Rußland in sich. Wir sind unser vielleicht im ganzen nicht mehr als tausend – vielleicht einige mehr, vielleicht weniger – aber das ganze Rußland hat bisher nur dazu gelebt, um diese tausend Menschen zu erzeugen. Man kann sagen, das wäre wenig genug, man kann sich darüber entrüsten, daß soviel Jahrhunderte und soviel Millionen Menschen um dieser tausend willen weggeworfen seien. Meiner Überzeugung nach ist das nicht wenig.«

Ich hörte ihm gespannt zu. Da trat seine Überzeugung, die Richtung seines ganzen Lebens zutage. Was er von den »tausend Menschen« gesagt hatte, zeichnete ihn so plastisch! Ich fühlte es, daß seine Mitteilsamkeit mir gegenüber irgendeiner von außen gekommnen Erschütterung entsprang. Er hielt mir alle diese feurigen Reden und liebte mich dabei gewiß, aber der Anlaß, aus dem er so auf einmal zu sprechen anfing und gerade mit mir hatte sprechen wollen, blieb für mich noch immer im Dunkeln.

»Ich wanderte aus,« fuhr er fort, »und es war mir um nichts leid, was ich hinter mir ließ. Alle Dienste, die in meinen Kräften lagen, hatte ich Rußland geleistet, während ich in der Heimat gelebt hatte; nun ich auf- und davonging, diente ich ihm weiter, ich gab meiner Idee nur ein weitres Feld. Aber indem ich Rußland auf diese Weise diente, leistete ich ihm weit größere Dienste, als wenn ich weiter nichts als nur der Russe gewesen wäre, genau wie damals der Franzose weiter nichts war als der Franzose, und der Deutsche – nichts als der Deutsche. In Europa versteht man das fürs erste noch nicht. Europa hat vornehme Typen des Franzosen, des Engländers, des Deutschen geschaffen, aber von seinem künftigen Menschen weiß es noch so gut wie gar nichts. Und ich glaube, es will fürs erste auch noch gar nichts von ihm wissen. Und das ist ja selbstverständlich: sie sind unfrei, wir dagegen sind frei. Ich ganz allein in Europa, mit meiner russischen Melancholie, war damals frei.

Lieber Freund, beachte etwas Eigentümliches wohl: jeder Franzose kann nicht nur seinem Vaterlande, sondern sogar der gesamten Menschheit nur unter der Voraussetzung Dienste leisten, daß er soviel wie möglich Franzose bleibt, – genau so ist es mit dem Engländer und mit dem Deutschen. Nur der Russe allein hat, – und das sogar heute schon, also viel früher, als die allgemeine Summe gezogen werden kann, – nur der Russe, sage ich, hat schon die Gabe empfangen, um so mehr Russe zu werden, je mehr er Europäer wird. Das ist eben der wesentlichste nationale Unterschied zwischen uns und allen andern, und bei uns ist es in dieser Hinsicht wie sonst nirgends. Ich bin in Frankreich ein Franzose, in Gesellschaft des Deutschen – ein Deutscher, mit dem alten Griechen – ein Grieche; und eben dadurch bin ich im höchsten Grade ein Russe. Eben dadurch bin ich ein echter Russe und diene ich Rußland am besten, weil ich seine beherrschende Idee repräsentiere. Ich bin Pionier dieser Idee. Ich bin damals ausgewandert; aber habe ich deswegen etwa Rußland verlassen? Nein, ich habe ihm weiter gedient. Und mag ich auch nichts getan haben in Europa, mag ich auch nur fortgegangen sein, um umherzuirren (und ich wußte, daß ich nur dazu fortging), aber auch das war schon genug, daß ich mit meiner Idee und meiner Erkenntnis fortging. Ich trug meine russische Melancholie dahin. Oh, es war nicht nur das Blut, das damals vergossen wurde, was mich erschreckte, und auch nicht die Zerstörung der Tuilerien war es, sondern alles, was darauf folgen mußte. Ihnen steht noch ein langer Streit bevor, denn sie sind noch zu sehr Deutsche und Franzosen und haben die Aufgabe, die ihnen in diesen Rollen beschieden ist, noch nicht erfüllt. Aber auch heute noch tut mir alle diese Zerstörung weh. Dem Russen ist Europa ebenso teuer wie Rußland; jeder Stein Europas ist uns lieb und teuer. Europa ist genau so unser Vaterland gewesen wie Rußland. Oh, mehr noch! Man kann Rußland nicht heißer lieben, als ich es liebe, aber ich habe mir nie einen Vorwurf daraus gemacht, daß Venedig, Rom, Paris, daß die Schätze ihrer Wissenschaften und Künste, daß ihre ganze Geschichte mir teurer ist als Rußland. Oh, uns Russen sind diese fremden alten Steine köstlich, diese Wunder der alten Gotteswelt, diese Trümmer heiliger Wunderwerke; sie sind uns sogar teurer als ihnen selber! Sie haben jetzt andre Gedanken und andre Gefühle, und sie schätzen die alten Steine nicht mehr . . . Der Konservative kämpft dort um weiter nichts als um seine Existenz; und selbst den Petroleusen ist es bloß um das Recht auf ihr Stück Brot zu tun. Nur Rußland lebt nicht für sich selbst, sondern für die Idee, und du wirst mir zugeben, lieber Freund: es ist eine bedeutsame Tatsache, daß schon beinah ein Jahrhundert vergangen ist, seit Rußland in der Tat nicht für sich selbst, sondern einzig und allein für Europa lebt! Und jene? Oh, ihnen sind noch schreckliche Qualen bestimmt, ehe denn sie das Reich Gottes schauen werden.«

Ich muß bekennen, ich hörte ihm in großer Verwirrung zu; selbst der Ton seiner Rede erschreckte mich, wenn ich auch schon von den Gedanken allein äußerst überrascht sein mußte. Ich fürchtete mich wie krankhaft, eine Lüge zu hören. Plötzlich sagte ich mit strenger Stimme:

›Sie sagten soeben: ›Das Reich Gottes.‹ Ich habe gehört, Sie wären draußen ein Verkündiger Gottes gewesen und hätten Büßerketten getragen?«

»Meine Ketten laß nur in Ruhe,« lächelte er, »das ist etwas ganz andres. Damals habe ich noch gar nicht ›verkündigt‹; aber um ihren Gott trauerte ich; das ist die Wahrheit. Sie hatten damals den Atheismus proklamiert . . . ein Häuflein von ihnen, aber das ist ja ganz egal; das waren nur die ersten vorgeschobenen Patrouillen, aber es war doch der erste radikale Schritt – das ist das Wichtige daran. Das war wieder ihre Logik; aber die Logik ist etwas, was immer trauern macht. Ich gehörte einer andern Kultur, und mein Herz wollte das nicht gutwillig dulden. Diese Undankbarkeit, mit der sie der Gottesidee den Abschied gaben, dies Auspfeifen und Werfen mit Schmutz war mir unerträglich. Die Schusterhaftigkeit dieses Prozesses stieß mich ab. Übrigens geht es im praktischen Leben immer recht schusterhaft zu, selbst wenn ein noch so glühendes Streben nach dem Ideal vorhanden ist, und ich hätte das natürlich wissen können; aber ich war eben immerhin ein Mensch von anderm Typus: ich war frei in der Auswahl, und sie nicht – und ich weinte, ich weinte für sie, ich weinte um die alte Idee, und ich weinte vielleicht wirkliche Tränen, ohne Schönrederei.«

»Sie hatten also so einen starken Glauben an Gott?« fragte ich mißtrauisch.

»Lieber Freund, diese Frage gehört vielleicht nicht ganz hierher. Nehmen wir an, mein Glaube wäre auch nicht besonders stark gewesen, deswegen hätte ich doch nicht umhin gekonnt, um die Idee zu trauern. Ich hab' es mir zuzeiten nicht vorstellen können, wie der Mensch ohne Gott leben solle, und ob das überhaupt jemals möglich sein würde. Mein Herz ist immer zum Schluß gekommen, daß es unmöglich wäre; aber für einen gewissen Zeitabschnitt wird es vielleicht doch möglich sein . . . Für mich besteht gar kein Zweifel, daß so eine Zeit kommen wird; aber davon habe ich mir immer ein ganz andres Bild gemacht . . .«

»Was denn für ein Bild?«

Es ist ja richtig: er hatte schon vorher erklärt, daß er glücklich wäre; selbstverständlich kam viel von dem, was er sagte, aus einer Art von Verzückung; so fasse ich viel von dem auf, was er damals sagte. Alles, was wir damals besprachen, kann ich mich natürlich nicht entschließen, dem Papier anzuvertrauen, schon weil ich diesen Mann achte; aber ein paar Striche des seltsamen Bildes, das ich ihm so entlockte, möchte ich hier doch nachzeichnen. Besonders diese »Büßerketten« hatten mich schon immer und diese ganze Zeit geplagt, und ich wollte darüber ins reine kommen – deshalb setzte ich ihm so zu. Ein paar von den phantastischen und außerordentlich seltsamen Ideen, die er damals äußerte, sind für ewig in mein Herz geprägt.

»Lieber Freund,« begann er mit einem sinnenden Lächeln, »ich male mir aus, daß der Kampf schon zu Ende und der Streit beigelegt wäre. Nach den Verfluchungen, den schrillen Pfiffen und dem Werfen mit Schmutz ist eine Stille eingetreten, und die Menschen sind allein geblieben, wie sie es sich gewünscht hatten: die frühere große Idee hat sie allein gelassen; die große Quelle der Kräfte, die sie bisher genährt und erwärmt hatte, ist untergegangen wie die majestätische, lockende Sonne auf jenem Bilde von Claude Lorrain, nur daß es hier schon gleichsam der letzte Tag der Menschheit wäre. Und die Menschen hätten plötzlich begriffen, daß sie allein geblieben wären, und hätten auf einmal eine große Verwaistheit empfunden. Mein lieber Junge, ich habe mir die Menschen nie undankbar und verdummt vorstellen können. Die verwaisten Menschen würden sich sofort enger und liebevoller aneinander drängen; sie würden sich an den Händen fassen und begreifen, daß sie jetzt ganz allein alles füreinander wären! Die große Idee der Unsterblichkeit wäre verschwunden, und man müßte sie durch ein andres ersetzen, und der ganze große Überschuß der früheren Liebe zu dem, der die Unsterblichkeit war, würde sich bei allen der Natur, der Welt, den Menschen, allem sinnlich Wahrnehmbaren zuwenden. Sie würden die Erde und das Leben unwiderstehlich liebgewinnen, und um so mehr, je mehr sie allmählich die Überzeugung von ihrer Vergänglichkeit und Endlichkeit gewinnen würden, und das mit einer ganz besondern, ganz neuen Liebe. Sie würden in der Natur allerlei Wunder und Geheimnisse bemerken und entdecken, von denen sie früher nichts geahnt hätten, denn sie würden die Natur mit neuen Augen sehen, wie ein Verliebter seine Geliebte ansieht. Sie würden erwachen und eilen, einander zu küssen, sie würden sich beeilen, zu lieben, in der Erkenntnis, daß ihre Tage kurz wären, daß das alles wäre, was ihnen geblieben sei. Sie würden füreinander arbeiten, und jeder würde seinen ganzen Verdienst der Allgemeinheit geben und wäre einzig und allein darin glücklich. Jedes Kind auf Erden würde es wissen und fühlen, daß jeder Mensch zu ihm wie Vater und Mutter wäre. ›Vielleicht ist morgen mein letzter Tag,‹ würde jeder denken, wenn er in die sinkende Sonne sähe, ›aber was macht das! Ich sterbe, aber alle die andern bleiben hier, und nach ihnen ihre Kinder.‹ Und dieser Gedanke, daß die andern bleiben und nach wie vor einander lieben und um einander zittern würden, er würde den Gedanken an ein Widerfinden nach dem Tode ersetzen. Oh, sie würden sich beeilen zu lieben, um die große Trauer in ihren Herzen zu beschwichtigen. Sie wären stolz und kühn für sich selber, aber zaghaft für einander; jeder würde für das Leben und das Glück jedes andern zittern. Sie würden zärtlich gegeneinander sein und sich dessen nicht schämen, wie heute, und würden einander streicheln wie Kinder. Wenn sie sich begegnen würden, würden sie einander mit tiefem, sinnendem Blick ins Auge sehen, und in ihrem Blick läge Liebe und Trauer . . .«

»Lieber Freund,« unterbrach er sich plötzlich mit einem Lächeln, »das sind alles Phantasiegebilde, dazu noch recht unwahrscheinliche; aber ich habe sie mir schon zu oft ausgemalt, weil ich mein Leben lang ohne das nicht leben konnte und immer daran denken mußte. Ich spreche nicht von meinem Glauben: mein Glaube ist groß, ich bin Deist, philosophischer Deist, wie unser ganzes Tausend, das glaube ich wenigstens, aber . . . aber es ist merkwürdig, daß dieses Phantasiegemälde immer mit einer Vision abschloß, in der Art des Heineschen Christus auf dem Meere. Ich wurde ohne Ihn nicht fertig, ich mußte mir Ihn vorstellen, wie Er schließlich unter die verwaisten Menschen treten würde. Er trat zu ihnen, streckte ihnen die Hände entgegen und sprach: ›Wie konntet ihr Seiner vergessen?‹ Und da fiel es gleichwie eine Binde von allen Augen, und es erscholl die große, feierliche Hymne der neuen und letzten Wiedergeburt . . .«

»Genug davon, lieber Freund; und meine ›Büßerketten‹, das ist dummes Zeug; zerbrich dir den Kopf nicht darüber. Und dann noch eins: du weißt, daß ich mit meinem Munde schamhaft und nüchtern bin; wenn ich mich jetzt habe hinreißen lassen, so ist es . . . aus allerlei Gemütsbewegungen heraus geschehen, und dann – weil du mir gegenüber saßest; mit keinem andern werde ich jemals so sprechen. Das füge ich zu deiner Beruhigung hinzu.«

Aber ich war ergriffen; von der Lüge, die ich befürchtet hatte, war nichts zu verspüren gewesen, und besonders froh war ich darüber, daß es mir jetzt ganz klar geworden war, daß er in Wirklichkeit getrauert und gelitten und in Wahrheit und ohne Zweifel viel geliebt hatte – und das war mir das Wertvollste von allem. Ich brachte ihm dies Gefühl voll Ergriffenheit zum Ausdruck.

»Aber wissen Sie was,« fügte ich plötzlich hinzu, »ich glaube, trotz aller Ihrer Trauer müssen Sie damals doch außerordentlich glücklich gewesen sein?«

Er lachte vergnügt auf.

»Du bist heute besonders fein in deinen Bemerkungen«, sagte er. »O ja, ich war glücklich, aber konnte ich denn unglücklich sein mit dieser Trauer? Es gibt nichts Freieres und Glücklicheres als den russisch-europäischen Irrwanderer, als unser Tausend. Ich sag' das wahrhaftig nicht im Scherz, es steckt viel Ernst dahinter. Ich hätte meine Trauer um kein andres Glück vertauscht. In diesem Sinne bin ich immer glücklich gewesen, lieber Freund, mein Leben lang. Und vor Glück lernte ich damals ja auch deine Mutter zum erstenmal in meinem Leben lieben.«

»Wieso zum erstenmal in Ihrem Leben?«

»Ja, es ist so. Wie ich so umherirrte und trauerte, gewann ich sie plötzlich so lieb wie noch nie zuvor und ließ sie sofort kommen.«

»Oh, erzählen Sie mir auch davon, erzählen Sie mir von Mama.«

»Ja, deswegen habe ich dich ja zu mir gebeten,« lächelte er vergnügt, »und weißt du, ich hatte schon gefürchtet, du hättest mir den Verrat an Mama um Herzens oder irgendeiner kleinen Verschwörung willen verziehen . . .«

 

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.