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Ein Werdender - Zweiter Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Zweiter Band - Kapitel 11
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typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Zweiter Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
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Sechstes Kapitel

1

Ich bitte noch einmal darum, im Auge zu behalten, daß mir der Kopf ein wenig brummte; sonst hätte ich wohl anders gesprochen und gehandelt. In diesem Laden, natürlich in einem Hinterzimmer, konnte man Austern essen, und wir nahmen an einem Tischchen Platz, das mit einem ordinären, schmutzigen Tischtuche bedeckt war. Lambert bestellte Champagner; das Glas mit dem kalten, goldfarbenen Weine stand vor mir und sah mich verführerisch an; aber ich war ärgerlich.

»Siehst du, Lambert, vor allen Dingen ärgert es mich, daß du glaubst, du könntest mich noch immer herumkommandieren wie damals bei Touchard; und dabei bist du selber hier der Bediente von allen andern.«

»Schafskopf! Na, stoß an!«

»Du hältst es nicht einmal der Mühe für wert, dich vor mir zu verstellen; wenn du es wenigstens noch verbergen wolltest, daß du mich besoffen machen willst.«

»Quatsch, du bist ja besoffen. Du mußt nur noch ein bißchen trinken, dann wirst du schon lustiger. Nimm doch das Glas, nimm's schon!«

»Was heißt: nimm's schon? Ich gehe einfach, und damit Schluß!«

Und ich erhob mich in der Tat. Er wurde schrecklich böse.

»Da hat dich nur dieser Trischatow gegen mich aufgehetzt: ich habe schon gesehen, wie ihr da zusammen getuschelt habt. Du bist ganz einfach ein Esel, kann ich dir nur sagen. Alphonsine ekelt sich schon, wenn er ihr bloß in die Nähe kommt . . . Er ist ein Ekel. Ich will dir mal erzählen, was der für einer ist.«

»Du hast mir das schon gesagt. Du kommst immer und ewig mit deiner Alphonsine; du bist schrecklich beschränkt.«

»Beschränkt?« fragte er und verstand mich nicht. »Die sind jetzt zu dem Pockengesicht übergegangen. Das ist die Sache! Deswegen hab' ich ihnen den Marsch geblasen. – Das sind Spitzbuben. Dies Pockengesicht ist ein schlechter Kerl und verdirbt die auch. Ich habe von ihnen nichts anderes verlangt, als daß sie sich immer anständig benehmen.«

Ich setzte mich, ergriff wie mechanisch das Glas und trank einen Schluck.

»Ich stehe an Bildung hoch über dir«, sagte ich. Aber er war nur froh, daß ich mich gesetzt hatte und füllte sogleich wieder mein Glas.

»Aber du hast ja doch Angst vor ihnen?« stichelte ich weiter (ich war in dem Augenblick wohl ekliger als er selber). »Andrejew hat dir den Hut heruntergehauen, und du hast ihm fünfundzwanzig Rubel dafür gegeben.«

»Jawohl, das habe ich, aber er wird mir das schon noch entgelten. Die machen ein Komplott gegen mich; aber ich kriege sie schon klein . . .«

»Der Pockennarbige scheint dich ja sehr zu beunruhigen. Und weißt du, ich glaube, ich bin der einzige, der dir überhaupt noch geblieben ist. Alle deine Hoffnungen gründen sich jetzt nur noch auf mich ganz allein – was?«

»Ja, Arkascha, da hast du recht: du bist der einzige Freund, der mir geblieben ist; das hast du ausgezeichnet gesagt!« Er klopfte mir auf die Schulter.

Was sollte man mit so einem plumpen Tropf anfangen; er war gänzlich unkultiviert und nahm meinen Hohn für eine Schmeichelei!

»Du könntest mir aus einer schlimmen Situation helfen, wenn du ein guter Kamerad sein wolltest, Arkadij«, fuhr er fort und sah mich herzlich an.

»Wodurch könnte ich dir helfen?«

»Du weißt schon selber, wodurch. Ohne mich würdest du die Sache anfassen wie ein Narr und alles wahrscheinlich höchst dumm machen; aber ich würde dir dreißigtausend Rubel verschaffen, und wir würden Halbpart machen, du weißt selber genau, wie. Na, sag' mal selber: wer bist du denn? Du hast nichts – weder Namen, noch Familie, und da kannst du nur gleich einpacken; aber wenn du soviel Geld hast, kannst du weiß Gott was für eine Karriere machen!«

Ich staunte nur so über seine Methode. Ich hatte ganz bestimmt geglaubt, er würde allerlei schlaue Winkelzüge machen, er aber sagte mir alles ganz geradeheraus, als ob ich ein ganz dummer Junge wäre. Ich beschloß, ihn weiter anzuhören, aus Vorurteilslosigkeit und . . . aus fürchterlicher Neugier.

»Sieh mal, Lambert: du verstehst das nicht, aber ich habe mich entschlossen, dich anzuhören, weil ich keine Vorurteile kenne«, verkündete ich mit fester Stimme und trank wieder einen Schluck. Lambert goß sofort nach.

»Siehst du, Arkadij: wenn sich ein Mensch wie Bjoring mir gegenüber erdreistet hätte, mich in Gegenwart einer Dame, die ich vergötterte, zu beschimpfen und zu schlagen, ich weiß nicht, was ich getan hätte! Aber du hast es ruhig eingesteckt, und ich ekle mich einfach vor dir: du bist ein Waschlappen!«

»Wie darfst du dir erlauben, zu behaupten, Bjoring hätte mich geschlagen!« schrie ich und wurde rot. »Da habe ich ihn eher geschlagen als er mich.«

»Nein, er hat dich geschlagen; nicht du ihn.«

»Schwindel, ich habe ihm noch dazu heftig auf den Fuß getreten!«

»Aber er hat dich mit dem Arm zurückgestoßen und hat den Bedienten gesagt, sie sollten dich 'rausschmeißen . . . Und sie hat dabeigesessen und aus der Kutsche zugesehen und dich ausgelacht; sie weiß, daß du keinen Vater hast, und daß man dich ungestraft beleidigen darf.«

»Ich weiß nicht, Lambert . . . Das ist eine Dummejungenunterhaltung, deren ich mich schäme. Das sagst du nur, um mich aufzuhetzen, und zwar so plump und geradeheraus, als ob du einen Bengel von sechzehn Jahren vor dir hättest. Du steckst mit Anna Andrejewna unter einer Decke!« schrie ich, zitternd vor Wut, und schlürfte dabei mechanisch einen Schluck Wein nach dem andern.

»Anna Andrejewna ist eine schlaue Kanaille! Sie haut dich übers Ohr, und mich, und die ganze Welt! Ich habe auf dich gewartet, weil du die Sache besser mit der andern einfädeln kannst.«

»Mit was für einer andern?«

»Mit Madame Achmakowa. Ich weiß alles. Du hast mir selber gesagt, daß sie Angst vor dem Brief hat, den du in Händen hast . . .«

»Was für ein Brief . . . alles bloß Schwindel . . . Hast du sie gesehen?« stammelte ich verwirrt.

»Ich hab' sie gesehen. Sie ist hübsch. Très belle; Geschmack hast du schon.«

»Ich weiß, daß du sie gesehen hast; aber mit ihr zu sprechen hast du dich nicht getraut, und ich wünsche, daß du dich auch nicht getraust, von ihr zu sprechen.«

»Du bist noch ein Junge, und sie macht sich lustig über dich – das ist das ganze. Wir haben in Moskau auch so einen Tugendspiegel wie sie in der Arbeit gehabt: ach, wie hoch die die Nase getragen hat! Aber wie sie dann schön zu zittern angefangen hat, als wir drohten, wir würden alles erzählen, und wie sie gleich schön Order pariert hat! Und wir haben beides bekommen: das Geld und – du weißt schon, was noch! Jetzt ist sie wieder die unnahbare Weltdame – ach, du Teufel, wie hoch droben sie ist, und was für eine Kutsche sie hat; und wenn du gesehen hättest, in was für einer Spelunke das passiert ist! Du weißt noch nichts vom Leben; wenn du wüßtest, vor was für Spelunken sich die nicht fürchten . . .«

»Ich habe mir das gedacht«, murmelte ich unwillkürlich.

»Verdorben sind sie bis in die Spitzen der Fingernägel; du hast keine Ahnung, wozu die alles imstande sind! Alphonsine ist mal in so einem Hause gewesen, sie hat sich einfach geekelt davor.«

»Ich habe mir das gedacht«, stimmte ich abermals zu.

»Und du läßt dich schlagen und hast noch Mitleid mit ihr . . .«

»Lambert, du bist ein Spitzbube, du bist ein verdammter Halunke«, schrie ich, plötzlich gleichsam zur Besinnung kommend und zitternd vor Zorn. »Das alles habe ich schon geträumt; da standest du mit Anna Andrejewna zusammen . . . Oh, du bist ein verdammter Halunke! Hast du wirklich geglaubt, daß ich so ein Schuft wäre? Deswegen habe ich ja davon geträumt, weil ich schon wußte, daß du mir das sagen würdest. Und schließlich kann das alles auch nicht so einfach sein, daß du mir das alles so ganz glatt und einfach vorreden könntest!«

»Sieh mal, sieh, wie wild! Ta-ta-ta!« rief Lambert mit triumphierendem Lachen. »Na, alter Freund Arkaschka, jetzt weiß ich glücklich alles, was ich wissen muß. Deswegen hab' ich ja gerade auf dich gewartet. Hör' mal, was ich dir sage: du bist also verliebt in sie und möchtest dich an Bjoring rächen – das war es, was ich wissen mußte. Ich habe mir das auch schon gedacht, die ganze Zeit, die ich auf dich gewartet habe. Ceci posé, cela change la question. Um so besser, daß sie selber in dich verliebt ist. So heirate sie denn, ohne jedes Zögern, das ist das gescheiteste. Und was anderes kannst du auch gar nicht, du hast das beste Teil erwählt. Und eins merke dir, Arkadij, du hast einen Freund, mit dem du alles machen kannst, und das bin ich. Und dieser Freund wird dir auch helfen und wird euch unter die Haube bringen: und wenn ich alles, was dazu nötig ist, aus der Unterwelt holen müßte, Arkaschka! Und dafür schenkst du dann nachher schon einem alten Freunde dreißig Tausender für seine Mühe, was? Ich helfe dir, da brauchst du keine Angst zu haben. Ich kenne alle Pfiffe in solchen Sachen, du kriegst ihre ganze Mitgift ausgezahlt; und dann bist du ein reicher Mann und hast eine große Karriere vor dir.«

Wenn sich mir auch der Kopf drehte, so sah ich Lambert doch voller Staunen an. Er sprach ganz ernsthaft, das heißt: ernsthaft ist vielleicht nicht das richtige Wort; aber was die Möglichkeit betraf, mich mit ihr zu verheiraten, so sah ich deutlich, daß er selber ganz fest davon überzeugt und von dieser Idee sogar höchlichst begeistert war. Selbstverständlich merkte ich gleichzeitig, daß er mich zu ködern versuchte wie einen kleinen Jungen (ich glaube doch, daß ich es auch damals schon bemerkte); aber der Gedanke einer Ehe mit ihr erfüllte mich so ganz, daß ich, obschon ich mich über Lambert wunderte, weil er an so ein Phantasiegebilde glauben konnte, – daß ich doch gleichzeitig selber hingerissen daran glaubte, ohne übrigens auch nur einen Moment das Bewußtsein davon zu verlieren, daß sich das alles natürlich niemals verwirklichen könnte. Das alles vertrug sich so auf ganz sonderbare Weise in meinem Innern miteinander.

»Ja, ist das denn möglich?« stammelte ich.

»Warum denn nicht? Du zeigst ihr das Dokument – sie bekommt Angst und heiratet dich, damit sie ihr Geld nicht verliert.«

Ich entschloß mich, Lambert in seinen Gemeinheiten nicht zu unterbrechen, weil er sie mir so harmlos mitteilte, daß er überhaupt nicht ahnte, daß ich mich plötzlich dagegen empören könnte; aber ich murmelte nur etwas davon, daß ich sie nicht heiraten wolle, wenn ich sie nur mit Gewalt dazu bringen könnte.

»Ich will sie um keinen Preis mit Gewalt zwingen; wie kannst du so gemein sein, so etwas überhaupt von mir zu glauben?«

»Sieh mal, sieh! Sie heiratet dich ja doch ganz von selber: du brauchst ja gar nichts zu machen, sie erschrickt schon ganz von selber und heiratet dich. Und sie heiratet dich schon ganz allein deswegen, weil sie in dich verliebt ist«, überhaspelte sich Lambert.

»Das ist Schwindel. Du machst dich bloß über mich lustig. Woher weißt du, daß sie in mich verliebt ist?«

»Sicher ist sie das. Ich weiß es. Anna Andrejewna glaubt das auch. Ich sage es dir ganz im Ernst und der Wahrheit gemäß, daß Anna Andrejewna das auch glaubt. Und dann werde ich dir noch etwas erzählen, wenn du mal zu mir nach Hause kommst, eine Sache, aus der du klar erkennen wirst, daß sie verliebt in dich ist. Alphonsine ist in Zarskoje gewesen; sie hat es da gleichfalls erfahren . . .«

»Was konnte sie denn da erfahren?«

»Komm nur mit mir nach Hause: sie wird es dir selber erzählen, und du wirst dich sehr darüber freuen. Ja, und in welcher Beziehung hast du denn hinter irgendeinem andern zurückzustehen? Du bist ein hübscher Kerl, hast gute Manieren . . .«

»Ja, gute Manieren hab' ich«, flüsterte ich fast atemlos. Mein Herz klopfte, und das kam natürlich nicht bloß vom Wein.

»Du bist ein hübscher Kerl, du bist gut angezogen.«

»Ja, gut angezogen bin ich.«

»Und du bist ein guter Kerl . . .«

»Ja, ein guter Kerl bin ich.«

»Warum sollte sie nicht ja sagen? Und Bjoring nimmt sie ohne Geld ja doch nicht, und du hast es ja in der Hand, sie arm zu machen – deswegen wird sie auch erschrecken, und du kannst sie heiraten und dich dadurch an Bjoring rächen. Du hast mir ja doch selbst in jener Nacht, als du so erfroren warst, gesagt, daß sie in dich verliebt ist.«

»Sollte ich dir das wirklich gesagt haben? Nein, das hab' ich sicherlich nicht gesagt.«

»Doch!«

»Das war im Fieberdelirium. Wahrscheinlich hab' ich dir damals auch etwas von dem Dokument gesagt?«

»Ja, du hast gesagt, daß du so einen Brief hast; und ich habe mir gedacht: wie kann er, wenn er den Brief in der Hand hat, seinen Vorteil so aus dem Auge lassen?«

»Das sind ja alles Phantasien, und ich bin durchaus nicht so dumm, das alles zu glauben«, murmelte ich. »Erstens ist da der Altersunterschied, und zweitens trage ich doch gar keinen vornehmen Namen.«

»Sie nimmt dich schon; sie kann gar nicht anders als dich nehmen, wenn so viel Geld auf dem Spiele steht – laß mich nur machen. Und außerdem liebt sie dich ja doch. Du weißt ja, der alte Fürst ist dir sehr geneigt; durch seine Protektion kannst du Gott weiß was für Verbindungen anknüpfen; und was du da sagst, daß du aus keiner vornehmen Familie bist, so ist das heutzutage auch durchaus nicht notwendig: sobald du erst mal Geld hast – dann steigst du auch auf, du steigst auf und bist in zehn Jahren ein Millionär, daß ganz Rußland von dir widerhallt; was brauchst du also für einen Namen dazu? In Österreich kann man sich den Baron kaufen. Aber wenn du sie heiratest, nimm sie fest in die Hand. Man muß sie tüchtig hernehmen. Wenn eine Frau einen Mann liebt, liebt sie es, von ihm unter dem Daumen gehalten zu werden. Die Frau liebt am Manne den Charakter. Und mit dem Briefe erschreckst du sie so, daß sie von der Stunde an wissen wird, daß du Charakter hast. ›Aha,‹ wird sie sagen, ›er ist noch so jung, aber er hat Charakter.‹«

Ich saß ganz konfus da. Mit keinem andern Menschen hätte ich mich zu so einem dummen Gespräch erniedrigt. Aber hier trieb mich eine Art wollüstigen Durstes an, es zu führen. Zudem war Lambert so dumm und gemein, daß man sich vor ihm nicht schämen konnte.

»Nein, weißt du, Lambert,« sagte ich plötzlich, »sag' was du willst, aber das meiste davon ist Unsinn; ich habe nur darum mit dir darüber gesprochen, weil wir alte Kameraden sind und uns nicht voreinander zu genieren brauchen; einem andern gegenüber hätte ich mich nie so tief erniedrigt. Und vor allem möchte ich wissen, warum du so bestimmt versicherst, daß sie mich liebt? Das mit dem Kapital eben hast du sehr gut gesagt; aber siehst du, Lambert, du kennst die vornehme Gesellschaft nicht: bei diesen Leuten beruht alles auf ganz patriarchalischen Beziehungen, auf der Vornehmheit der Familie sozusagen, und deswegen wird es ihr jetzt doch genierlich sein, solange sie meine Fähigkeiten noch nicht kennt und nicht weiß, was ich noch alles im Leben erreichen werde. Aber, Lambert, ich verhehle dir durchaus nicht, daß da in der Tat ein Punkt vorhanden ist, der einem Hoffnung geben könnte. Siehst du: sie könnte mich aus Dankbarkeit heiraten, weil ich sie damit von dem Haß eines ganz bestimmten Menschen befreien würde. Und sie fürchtet sich vor diesem Menschen sehr.«

»Ach, du meinst deinen Vater? Also er liebt sie so sehr?« fuhr Lambert auf einmal mit außerordentlicher Neugier auf.

»Ach nein!« rief ich. »Wie schrecklich bist du doch, Lambert, und gleichzeitig wie dumm! Könnte ich denn, wenn er sie liebte, die Absicht haben, sie zu heiraten? Wir sind doch immerhin Vater und Sohn, da würde ich mich doch scheuen . . . Er liebt Mama, Mama liebt er; ich habe gesehen, wie er sie umarmt hat, und früher hab' ich selber gedacht, er liebte Katerina Nikolajewna, jetzt aber weiß ich ganz genau, daß er sie vielleicht einmal geliebt hat, daß er sie jetzt aber schon lange haßt . . . und sich an ihr rächen will; und sie fürchtet sich vor ihm, denn ich kann dir nur sagen, Lambert: er kann fürchterlich werden, wenn er sich rächen will. Er wird dann beinahe wahnsinnig. Wenn er auf sie zornig ist, dann fliegt er auf alles. Das ist eine Feindschaft von der alten Art: um erhabene Prinzipien. Unsere Zeit pfeift auf allgemeine Prinzipien; unsere Zeit kennt keine allgemeinen Prinzipien, sondern nur persönliche Zufälle. Ach, Lambert, du hast ja keine Ahnung: du bist dumm wie ein Stiefel; ich erzähle dir hier von Prinzipien, und du verstehst wahrscheinlich kein Wort davon. Du bist fürchterlich ungebildet. Weißt du noch, wie du mich gehauen hast? Heute bin ich stärker als du – weißt du das auch?«

»Arkaschka, komm mit zu mir nach Hause! Wir wollen uns einen lustigen Abend machen und noch eine Flasche trinken, und Alphonsine singt uns etwas zur Gitarre vor.«

»Nein, ich mag nicht. Hör' mal, Lambert, ich habe eine ›Idee‹. Wenn die Sache nicht glückt, und ich heirate nicht, so ergebe ich mich ganz meiner Idee; du aber hast keine Idee.«

»Schön, schön, das erzählst du mir dann; komm mit!«

»Nein!« sagte ich und stand auf. »Ich mag nicht, und ich tu' es nicht. Ich komme schon zu dir, aber du bist ein Halunke. Ich gebe dir die dreißigtausend – sehr schön; aber ich bin reiner und stehe höher als du . . . Ich sehe ja doch, daß du mich in jeder Hinsicht übers Ohr hauen willst. Und an sie auch nur zu denken, verbiete ich dir ganz einfach: sie steht hoch über allen andern, und deine Pläne – das ist so eine Niedrigkeit, daß ich mich einfach über dich wundere, Lambert. Ich will heiraten – das steht auf einem andern Plan, aber ich brauche kein Kapital, ich verachte dies Kapital. Ich würde ihr Kapital nicht annehmen, wenn sie es mir auf den Knien überreichen wollte . . . Aber heiraten, heiraten, das steht auf einem andern Plan. Und weißt du, das hast du ganz gut gesagt, daß man sie unterm Daumen halten muß. Lieben, leidenschaftlich lieben, mit aller Größe des Gefühls, die nur beim Manne zu finden ist und dessen eine Frau überhaupt gar nicht fähig sein kann, aber gleichzeitig Despot sein – das ist gut. Denn du mußt wissen, Lambert, die Frauen lieben den Despotismus. Du, Lambert, kennst die Frauen. Sonst aber bist du erstaunlich dumm, in jeder Beziehung. Und weißt du, Lambert, du bist nicht ganz so schlecht, wie man meinen könnte, du bist einfältig. Ich habe dich gern. Ach, Lambert, warum bist du so ein Lump? Sonst könnten wir so ein nettes Leben zusammen führen! Weißt du, Trischatow ist nett.«

Alle diese zusammenhanglosen Sätze stammelte ich, als wir schon auf der Straße waren, Oh, ich lasse hier auch nicht die geringste Kleinigkeit aus, damit der Leser sieht, wie leicht ich damals fallen konnte, und gleich in was für einen Schmutz, – trotz aller meiner Begeisterung, trotz meiner Schwüre und Gelöbnisse, die Wiedergeburt und Vornehmheit zu suchen. Und ich schwöre: wenn ich nicht ganz und vollkommen davon überzeugt wäre, daß ich heute schon ein ganz anderer Mensch bin und mir im praktischen Leben einen Charakter erworben habe, so würde ich das alles dem Leser um keinen Preis gestehen.

Wir traten aus dem Laden; Lambert hatte den Arm leicht um mich gelegt und stützte mich. Auf einmal sah ich ihn an und bemerkte fast dieselbe Miene wie damals an jenem Morgen, denselben festen, forschenden, furchtbar aufmerksamen und höchst nüchternen Blick von damals, als er mich erstarrt aufgefunden und mich, den Arm genau so um mich geschlungen, zur Droschke geführt und mit Augen und Ohren auf mein zusammenhangloses Gestammel gelauscht hatte. Trunkene Leute, die noch nicht vollkommen betrunken sind, haben oft ganz plötzlich Augenblicke der vollkommensten Ernüchterung.

»Für kein Geld komm ich mit zu dir!« sagte ich energisch und mit klarer Stimme; dabei sah ich ihn spöttisch an und schob ihn mit der Hand beiseite.

»Ach, geh doch, Alphonsine soll uns Tee machen, geh doch!«

Er war fest überzeugt, daß ich ihm nicht entkommen würde; er umarmte und stützte mich mit einer Art Wollust, wie sein hilfloses Opfer; und ich war ja auch natürlich der, den er nötig hatte, und gerade an diesem Abend und in solch einem Zustande! Später wird es ganz klar werden, weswegen.

»Ich mag nicht!« sagte ich noch einmal. »Kutscher!«

Sofort kam ein Mietschlitten herangejagt, und ich sprang hinein.

»Wo willst du hin? Was ist denn mit dir los!« brüllte Lambert furchtbar erschrocken und faßte mich an meinem Pelz.

»Daß du dir nicht erlaubst, mir nachzufahren!« schrie ich. »Daß du mir vom Leibe bleibst!« In diesem Augenblick zog das Pferd an, und mein Pelz wurde Lambert aus der Hand gerissen.

»Ganz egal, du kommst ja doch!« brüllte er wütend hinter mir her.

»Ich komme, wenn ich mag – das ist mein freier Wille!« schrie ich ihm zu und sah mich aus dem Schlitten nach ihm um.

 

2

Er verfolgte mich nicht, natürlich nur, weil gerade kein zweiter Schlitten zur Hand war; auf diese Weise gelang es mir, ihm aus den Augen zu kommen. Ich für mein Teil fuhr bloß bis zum Heumarkt, dort stieg ich aus und entließ den Schlitten. Ich hatte ein starkes Bedürfnis, noch spazierenzugehen. Ich verspürte weder Müdigkeit noch stärkere Trunkenheit, ich war nur ungeheuer munter; ich fühlte einen großen Kraftüberschuß, ich fühlte mich fähiger als je zu jedem Unternehmen und hatte zahllose angenehme Gedanken im Kopfe.

Mein Herz klopfte heftig und laut – ich hörte jeden Schlag. Und alles deuchte mich so schön, so leicht. Als ich an der Hauptwache am Heumarkt vorüberkam, hatte ich schreckliche Lust, zum Posten hinzugehen und ihn zu umarmen. Es war Tauwetter, der Platz war schwarz und stank, aber mir gefiel auch der Platz ausgezeichnet.

»Jetzt gehe ich nach dem Obuchow-Prospekt hinunter,« dachte ich bei mir, »dann biege ich links ein und mache einen Umweg über die Semionow-Kaserne, das ist famos. Den Pelz habe ich offen – warum nimmt ihn mir eigentlich niemand weg; wo sind denn die Diebe? Auf dem Heumarkt soll es doch Diebe geben; sie sollen doch kommen, vielleicht gebe ich ihnen den Pelz. Was brauche ich einen Pelz? Ein Pelz ist ein Eigentum. La propriété, c'est le vol. Was für ein Unsinn übrigens, und wie schön alles ist! Schön, daß es taut. Was soll der Frost? Der Frost ist gänzlich überflüssig. Schön auch, lauter Unsinn mit sich zu schleppen! Was hab' ich doch gleich zu Lambert von den Prinzipien gesagt? Ich habe gesagt, es gäbe keine allgemeinen Prinzipien, es gäbe bloß persönliche Zufälle; das war ein Schwindel von mir, ein Erzschwindel! Das habe ich absichtlich getan, bloß um ein bißchen zu forcieren. Ich schäm' mich ein bißchen, aber übrigens – das macht nichts; ich mach' es schon wieder gut. Schämen Sie sich doch nicht, Arkadij Makarowitsch, quälen Sie sich weiter nicht, Arkadij Makarowitsch, Sie gefallen mir. Sie gefallen mir sogar ausgezeichnet, lieber junger Freund. Schade, daß Sie ein kleiner Lump sind . . . und . . . und . . . ach ja . . . ach!«

Ich blieb plötzlich stehen, und mein ganzes Herz ächzte vor Entzücken:

»Herrgott! Was hat er da gesagt? Er hat gesagt, sie liebt mich. Oh, er ist ja ein Spitzbube, eine Menge davon war gelogen; das hat er gesagt, damit ich bei ihm übernachte. Aber vielleicht ist es doch anders. Er sagte ja, Anna Andrejewna meine dasselbe . . . Bah! Ja, und Darja Onisimowna hat ihm vielleicht auch irgend etwas auskundschaften können: sie läuft da auch überall herum. Und warum bin ich eigentlich nicht zu ihm gefahren? Ich hätte alles erfahren! Hm! Er hat einen Plan, und ich habe das alles bis zum letzten Zuge vorausgeahnt. Mein Traum! Fein ausgedacht, Herr Lambert, aber das ist Schwindel, so wird das nicht sein. Aber vielleicht doch! Aber vielleicht doch! Und kann er mich vielleicht verheiraten? Vielleicht kann er es trotz allem. Er ist naiv und glaubt daran. Er ist dumm und kühn wie alle praktischen Leute. Dummheit und Kühnheit vereint – das ist eine große Macht. Und gestehen Sie nur ruhig, Arkadij Makarowitsch, daß Sie Angst vor diesem Lambert gehabt haben! Und wozu braucht er anständige Menschen? Ganz ernsthaft hat er gesagt: ›Es gibt hier nicht einen anständigen Menschen!‹ Und du selber – was bist du denn? Ach, was rede ich! Als ob die Spitzbuben keine anständigen Menschen nötig hätten! Bei Schurkereien braucht man die anständigen Leute noch notwendiger als sonst überall. Haha! Das haben Sie bis heute nur noch nicht gewußt, Arkadij Makarowitsch, in Ihrer vollkommenen Harmlosigkeit. Herrgott! Und wenn er mich wirklich mit ihr verheiratete!«

Ich blieb wiederum stehen. Ich muß hier eine Dummheit bekennen (da sie schon weit hinter mir liegt), ich muß bekennen, daß ich schon lange vor jener Zeit hatte heiraten wollen – das heißt, ich hab' es eigentlich nicht gewollt, und es wäre nie geschehen (und es wird auch in Zukunft nie geschehen, mein Wort darauf!), aber ich hatte schon oft und lange vor jener Zeit davon geträumt, wie schön es sein müßte, zu heiraten – unzählige Male, besonders abends vor dem Einschlafen. Das hatte schon in meinem sechzehnten Jahre angefangen. Ich hatte auf dem Gymnasium einen Kameraden, einen Altersgenossen von mir, er hieß Lawrowskij und war ein sehr netter, stiller, hübscher Junge, der sich übrigens durch nichts weiter auszeichnete. Ich redete fast nie ein Wort mit ihm. Da saßen wir eines Abends ganz zufällig allein nebeneinander, und er war sehr in Gedanken und sagte dann plötzlich zu mir: »Ach, Dolgorukij, wie denken Sie darüber: sollte man nicht eigentlich gerade jetzt heiraten? Es ist doch wahr: wann soll man denn heiraten, wenn nicht jetzt? Jetzt wäre gerade die allerbeste Zeit, und doch ist es einem jetzt ganz unmöglich!« Und das sagte er mit einem so offenen Gesicht. Und ich stimmte ihm sogleich aus vollem Herzen zu, denn ich hatte selber auch schon über allerlei nachgegrübelt. Und nachher trafen wir uns mehrere Tage hintereinander und sprachen immer von diesem einen, ganz insgeheim – und immer nur von dem einen. Und dann – ich weiß nicht, wie es kam – kamen wir auseinander und sprachen nicht mehr davon. Und seit der Zeit fing ich an davon zu träumen. Das ist ja selbstverständlich kaum der Erwähnung wert, ich wollte damit nur zeigen, in wie frühe Jahre so etwas manchmal zurückreicht . . .

»Es gibt nur einen einzigen ernsthaften Einwand«, träumte ich so vor mich hin, während ich weiterging. »Selbstverständlich, der geringfügige Altersunterschied bildet kein Hindernis, aber die Sache ist: sie ist eben eine Aristokratin, und ich heiße ›einfach Dolgorukij‹! Das ist sehr schlimm! Hm! Wenn Wersilow Mama heiratet, könnte er da nicht bei der Regierung ein Gesuch einreichen, mich adoptieren zu dürfen . . . sozusagen wegen der Verdienste des Vaters . . . Er war ja im Staatsdienst, also wird er wohl auch Verdienste haben; er ist Friedensrichter gewesen . . . Oh, hol' mich der Teufel, was für eine Gemeinheit!«

Das rief ich plötzlich ganz laut und blieb auf einmal wieder stehen: zum drittenmal; jetzt aber, als wäre ich in den Boden geschlagen. Die ganze Qual des erniedrigenden Bewußtseins, daß ich mir solche Schmach hatte wünschen können wie die Änderung meines Namens durch eine Adoption, dieser Verrat an meiner ganzen Kindheit – das alles zerstörte fast augenblicklich meine ganze gute Laune, meine ganze Freude war verflogen wie Rauch. »Nein, das sage ich keinem Menschen wieder,« dachte ich mir mit einem tiefen Erröten, »daß ich so tief sinken konnte, das kommt davon, daß ich . . . verliebt und dumm bin . . . Nein, wenn Lambert in irgendeinem Punkte recht hat, ist es in dem Punkte, daß heutzutage, in unserer Zeit, in erster Reihe der Mensch selber steht, und in der zweiten sein Geld. Das heißt, nicht sein Geld, sondern sein Vermögen. Wenn ich mich mit so einem Kapital in der Hand auf die Erfüllung meiner ›Idee‹ verlege, dann wird in zehn Jahren ganz Rußland von mir widerhallen, und ich werde mich an allen rächen können. Und bei ihr viel Komplimente machen, das hat wirklich keinen Zweck, auch darin hat Lambert wieder recht. Sie wird Angst bekommen und mich einfach nehmen. Sie wird auf die einfachste und gemeinste Weise ja sagen und wird mich nehmen. ›Du hast keine Ahnung, keine Ahnung hast du, in was für einer Spelunke das passiert ist!‹« Die Worte Lamberts von vorhin fielen mir ein. »Und so ist es auch,« sagte ich zu mir, »Lambert hat in jeder Hinsicht recht, tausendmal mehr recht als Wersilow und ich und als alle Idealisten! Er ist ein Realist. Sie wird sehen, daß ich Charakter habe und wird sagen: ›Ah, er hat Charakter!‹ Lambert ist ein Schuft, und ihm kommt es nur darauf an, dreißigtausend Rubel aus mir herauszuziehen, aber trotzdem ist er in Wirklichkeit doch mein einziger Freund. Eine andere Art Freundschaft gibt es nicht und kann es nicht geben, das alles haben sich bloß die unpraktischen Leute ausgedacht. Und ich setze sie damit ja auch gar nicht herunter; setze ich sie vielleicht herunter? Durchaus nicht: so sind eben alle Weiber! Kann es denn überhaupt ein Weib ohne einen Schuß Gemeinheit geben? Deshalb muß das Weib auch den Mann über sich haben, deswegen ist sie als ein untergeordnetes Wesen geschaffen. Das Weib, das ist das Laster und die Versuchung, der Mann aber, der ist Edelmut und Großherzigkeit. Und so wird es bleiben von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und daß ich im Begriff stehe, das ›Dokument‹ auszunutzen, – das bedeutet gar nichts. Das hindert mich gar nicht, doch edel und großherzig zu sein. Schillers im Stande vollkommener Reinheit gibt es nicht – das ist bloß ausgedacht. Was macht das bißchen Schmutz, wenn nur mein Ziel erhaben ist! Das wäscht sich alles wieder ab, das wird alles wieder gutgemacht!«

Ich sag' es noch einmal: man verzeihe mir, daß ich meine ganzen trunkenen Phantasien von damals bis zum letzten Worte hier anführe. Das ist natürlich nur der Extrakt meiner Gedanken von damals, aber ich glaube, ich habe sie wörtlich so gedacht, wie ich sie niederschreibe. Ich mußte sie anführen, weil ich mich zum Schreiben hingesetzt habe, um über mich selber das Urteil zu sprechen. Und was sollte ich verurteilen, wenn nicht dies? Kann irgend etwas im Leben ernsthafter sein? Der Wein entschuldigte mich auch nicht. In vino veritas.

So träumte ich und hatte mich so tief in meine Phantasien verkrochen, daß ich überhaupt nicht bemerkt hatte, wie ich schließlich nach Hause, das heißt zu Mamas Wohnung, gelangt war. Ich merkte es selbst dann noch nicht, als ich die Wohnung betrat; aber sowie ich in unser winziges Vorzimmer gekommen war, begriff ich auf einmal, daß bei uns etwas Außergewöhnliches geschehen sein mußte. Ich hörte, daß in den Zimmern laut gesprochen und geschrien wurde, und daß Mama weinte. In der Tür hätte mich beinahe Lukeria umgerannt, die hastig aus Makar Iwanowitschs Zimmer in die Küche lief. Ich warf meinen Pelz ab und ging zu Makar Iwanowitsch hinein, weil dort alle versammelt waren.

Da standen Wersilow und Mama. Mama lag in seinen Armen, und er drückte sie innig an sich. Makar Iwanowitsch saß wie gewöhnlich auf seiner Fußbank, aber so sonderbar kraftlos, daß Lisa ihn mit Gewalt an den Schultern halten mußte, damit er nicht fiel; und man sah sogar, daß er sich immer weiter seitwärts neigte und fallen wollte. Ich trat hastig näher und erriet mit Zittern die Wahrheit: der Alte war tot.

Er war gerade gestorben, eine Minute vielleicht, bevor ich eingetreten war. Zehn Minuten vorher hatte er sich noch genau so gefühlt wie immer. Lisa war allein bei ihm gewesen; sie hatte bei ihm gesessen und ihm von ihrem Kummer erzählt, und er hatte ihr, genau wie gestern, den Kopf gestreichelt. Auf einmal hatte er (wie Lisa erzählte) zu zittern begonnen, hatte aufstehen wollen, hatte schreien wollen und war dann allmählich nach links zu Boden gesunken. »Eine Ruptur des Herzens!« meinte Wersilow. Lisa hatte aufgeschrien, daß es durchs ganze Haus geschallt hatte, und eben daraufhin waren alle herbeigestürzt – und das alles eine kleine Minute, bevor ich heimgekommen war.

»Arkadij!« rief mir Wersilow zu, »lauf sofort zu Tatjana Pawlowna. Sie muß ganz bestimmt zu Hause sein. Bitte sie, sofort herzukommen. Nimm eine Droschke. Schnell, ich beschwöre dich . . .«

Seine Augen funkelten – ich weiß das noch ganz genau. In seinem Gesicht bemerkte ich nichts von reiner Trauer oder von Tränen – es weinten nur Mama, Lisa und Lukeria. Im Gegenteil, ich weiß noch sehr genau, daß sein Gesicht einen überraschenden Ausdruck von außerordentlicher Aufregung, ja von Verzückung trug. Ich lief, um Tatjana Pawlowna zu holen.

Es ist, wie man von früher her wissen wird, kein weiter Weg. Ich nahm keine Droschke, sondern lief den ganzen Weg, ohne einmal anzuhalten. In meinem Kopfe war ein Durcheinander, sogar etwas wie Verzückung. Ich begriff, daß etwas Entscheidendes geschehen war. Meine Betrunkenheit war gänzlich, bis zum letzten Hauche, verschwunden und mit ihr alle unedlen Gedanken, als ich bei Tatjana Pawlowna klingelte.

Die Finnin öffnete mir.

»Niemand zu Hause!« sagte sie und wollte die Tür gleich wieder schließen.

»Was heißt: niemand zu Hause?« Ich drängte mich mit Gewalt ins Vorzimmer. »Das ist doch nicht möglich! Makar Iwanowitsch ist gestorben!«

»Wa–as!« hörte ich auf einmal Tatjana Pawlownas Stimme durch die geschlossene Tür ihres Wohnzimmers schallen.

»Jawohl, gestorben! Makar Iwanowitsch ist gestorben! Andrej Petrowitsch bittet Sie, sofort hinzukommen!«

»Das ist ja Schwindel! . . .«

Der Riegel wurde zurückgeschoben, aber die Tür öffnete sich nur eine halbe Spanne weit.

»Was sagst du da? Erzähl' mal! . . .«

»Ich weiß selber nicht, ich bin eben erst nach Hause gekommen, und da war er schon tot. Andrej Petrowitsch sagt: eine Ruptur des Herzens!«

»Sofort, im Augenblick. Lauf, sag', ich komme gleich: marsch, marsch, marsch! Was stehst du denn noch da?«

Aber ich hatte durch die kaum geöffnete Tür deutlich gesehen, daß jemand plötzlich hinter der Portiere hervorgekommen war, die Tatjana Pawlownas Bett verbarg, und daß dieser jemand nun in der Tiefe des Zimmers hinter Tatjana Pawlowna stand. Ganz mechanisch und instinktiv ergriff ich die Klinke und ließ sie die Tür nicht mehr schließen.

»Arkadij Makarowitsch! Ist es wirklich wahr, daß er gestorben ist?« erklang eine mir wohlbekannte, ruhige, fließende, metallische Stimme, vor der mein ganzes Innere auf einmal erzitterte: man hörte aus ihrer Frage heraus, daß ihr hier etwas naheging und ihr Herz erregte.

»Na, wenn schon . . .« sagte Tatjana Pawlowna und riß die Tür weit auf, »wenn schon . . . dann werdet nur miteinander fertig, wie ihr mögt. Ihr habt es nicht anders gewollt!«

Sie lief hastig davon und warf sich im Laufen ihr Kopftuch und ihren Pelz über; dann rannte sie die Treppe hinunter. Wir blieben allein. Ich warf meinen Pelz ab, trat ein und schloß die Tür hinter mir. Sie stand vor mir wie damals, bei jenem Rendezvous, mit hellen Augen, und streckte mir wie damals beide Hände entgegen. Mir knickten die Knie ein; und ich sank ihr buchstäblich zu Füßen.

 

3

Das Weinen war mir nahe, ich weiß nicht, weshalb; ich weiß nicht mehr, wie sie mich auf den Platz neben sich gebracht hat, ich weiß nur – und das ist mir eine köstliche Erinnerung – wie wir nebeneinander saßen, Hand in Hand, und hastig sprachen: sie fragte mich nach dem Alten und nach seinem Ende; und ich erzählte ihr von ihm, so daß man hätte meinen können, ich weinte um Makar Iwanowitsch, was aber doch der Gipfel der Albernheit gewesen wäre; und ich weiß, daß sie in mir eine so direkt kindische Erbärmlichkeit nicht voraussetzen konnte. Schließlich aber fiel mir diese Möglichkeit ein, und ich wurde verlegen. Heute bin ich der Ansicht, daß ich damals nur vor Begeisterung geweint habe, und denke mir, sie wird das ohne weiteres sehr gut verstanden haben; ich bin also ganz beruhigt wegen dieser Erinnerung.

Es kam mir auf einmal sehr sonderbar vor, daß sie mich so genau nach Makar Iwanowitsch ausfragte.

»Ja, haben Sie ihn denn gekannt?« fragte ich sie verwundert.

»Seit lange. Ich habe ihn nie gesehen, aber er hat auch in meinem Leben eine Rolle gespielt. Mir hat seinerzeit jener Mann viel von ihm erzählt, vor dem ich mich fürchte. Sie wissen ja, wer das ist!«

»Ich weiß jetzt nur, daß jener Mann Ihnen innerlich viel nähergestanden hat, als Sie mich früher haben wissen lassen«, sagte ich, ohne selber zu wissen, was ich eigentlich damit sagen wollte, aber ich sagte es mit einer Art von Vorwurf und mit gerunzelten Brauen.

»Sie sagen, er hat jetzt eben Ihre Mutter geküßt? Er hat sie umarmt? Haben Sie das selbst gesehen?« fragte sie weiter, ohne auf mich zu hören.

»Ja, ich hab' es gesehen; und Sie dürfen mir glauben, es geschah sicherlich aus aufrichtigem und edlem Herzen!« beeilte ich mich zu versichern, als ich ihre Freude darüber sah.

»Gott gebe es, ich würde mich für ihn freuen!« sagte sie und bekreuzte sich. »Jetzt ist er aller Fesseln ledig. Dieser herrliche Alte hat seinem Leben nur Fesseln angelegt. Jetzt, da er tot ist, wird wieder das Pflichtgefühl und . . . die Würde in ihm auferstehen, wie sie schon einmal auferstanden sind. Oh, er ist vor allen Dingen und in erster Linie großherzig, er wird dem Herzen Ihrer Mutter die Ruhe schenken, liebt er sie doch mehr als sonst etwas auf Erden, und dann wird er selbst schließlich auch die Ruhe finden, Gott sei Dank – es ist auch Zeit.«

»Er ist Ihrem Herzen teuer?«

»Sehr teuer ist er mir, wenn auch nicht in dem Sinne, in dem er es sein möchte, und in dem Sie fragen.«

»Fürchten Sie sich jetzt also für ihn oder für sich?« fragte ich plötzlich.

»Ach, das sind müßige Fragen, lassen wir das!«

»Selbstverständlich, lassen wir es; nur habe ich von dem allen nichts gewußt, gar zu wenig vielleicht; aber mögen Sie recht haben, mag jetzt alles neu sein, und wenn einer auferstehen soll, so bin ich der nächste dazu. Ich stehe mit niedrigen Gedanken vor Ihnen, Katerina Nikolajewna, und vielleicht ist es noch nicht eine Stunde her, daß ich auch eine niedrige Tat gegen Sie begangen habe, aber ich sage Ihnen, ich sitze hier neben Ihnen und verspüre nicht die geringsten Gewissensbisse. Denn jetzt ist alles verschwunden, und alles ist neu; und den Menschen, der vor einer Stunde eine Niedrigkeit gegen Sie ausgeheckt hat, kenne ich nicht mehr und will ich nicht kennen!«

»Wachen Sie auf,« lächelte sie, »Sie scheinen mir ein wenig im Fieber zu sprechen.«

»Und kann ein Mensch, der neben Ihnen sitzt, sich selber richten?« fuhr ich fort, »mag einer anständig sein, mag er niedrig sein – Sie sind immer unerreichbar wie die Sonne . . . Sagen Sie, wie konnten Sie sich mir zeigen, nach allem, was geschehen ist? Und wenn Sie noch wüßten, was vor einer Stunde geschehen ist, erst vor einer Stunde! Und was für ein Traum sich mir erfüllt hat!«

»Ich weiß wohl alles«, lächelte sie still. »Sie haben sich gerade für irgend etwas an mir rächen wollen, Sie haben geschworen, mich zugrunde zu richten und hätten doch wahrscheinlich jeden erschlagen oder niedergeschlagen, der sich erlaubt hätte, in Ihrer Gegenwart ein häßliches Wort von mir zu sagen.«

Oh, sie lächelte und scherzte: aber sie tat das nur aus unendlicher Güte, denn ich erkannte nachher klar, daß ihr Herz in jenem Augenblick ganz von ihren eigenen ungeheuern Sorgen erfüllt war, von einer so starken und mächtigen Empfindung, daß sie mit mir nur so sprechen und nur in der Weise auf meine albernen, langweiligen Fragen antworten konnte, wie man einem kleinen Kinde auf irgendeine dringende kindische Frage antwortet, um es nur irgendwie zufriedenzustellen. Ich begriff das plötzlich und wurde verlegen, aber ich konnte mich nicht mehr zufrieden geben.

»Nein,« rief ich ohne jede Selbstbeherrschung, »nein, ich habe den Menschen, der häßlich von Ihnen sprach, nicht erschlagen; im Gegenteil, ich hab' ihn noch darin bestärkt!«

»Oh, um Gottes willen, lassen Sie nur, ich will nichts hören, erzählen Sie mir nichts.« Sie streckte plötzlich die Hand aus, um mir Einhalt zu tun, und in ihrem Gesicht erschien geradezu ein Leidenszug; aber ich war schon aufgesprungen und vor sie hingetreten, um ihr alles zu gestehen; und wenn ich damals gebeichtet hätte, wäre alles das nicht geschehen, was nachher geschehen ist, denn das Ende wäre sicher gewesen, daß ich auch das letzte bekannt und ihr das Dokument ausgeliefert hätte. Aber sie fing plötzlich an zu lachen:

»Lassen Sie es, ich will nichts hören, ich will keine Einzelheiten hören! Ich kenne alle Ihre schrecklichen Verbrechen selber schon: ich möchte wetten, Sie planten, mich zu heiraten oder so etwas Ähnliches, und haben sich deswegen gerade mit irgendeinem Helfershelfer besprochen, mit einem von Ihren früheren Schulfreunden . . . Ah, ich scheine es ja erraten zu haben!« rief sie und sah mir ernsthaft ins Gesicht.

»Wie . . . wie konnten Sie das erraten?« stammelte ich wie ein Narr, in höchster Überraschung.

»Na, das war schwer! Aber genug davon, genug! Ich verzeihe Ihnen; nur lassen Sie so etwas in Zukunft sein«, sagte sie mit einer abwehrenden Handbewegung, jetzt schon sichtlich ungeduldig. »Ich bin selber eine Träumerin; wenn Sie wüßten, auf was für Auswege ich in meinen Träumen verfallen kann, in Augenblicken, wo ich mir innerlich die Zügel schießen lasse! Genug davon, Sie bringen mich aus dem Zusammenhang. Ich bin sehr froh, daß Tatjana Pawlowna gegangen ist; ich hatte große Lust, Sie einmal wieder zu treffen, aber in ihrer Gegenwart hätten wir uns nicht so aussprechen können. Ich glaube, ich habe Sie wegen dessen um Entschuldigung zu bitten, was damals passiert ist. Nicht wahr? Ich glaube wohl?«

»Sie wären schuld? Aber damals hab' ich Sie ja an ihn verraten; und was mußten Sie eigentlich von mir denken! Daran hab' ich diese ganze Zeit gedacht, alle diese Tage, seit damals, jede Minute, das habe ich gedacht und empfunden.« (Ich log ihr nichts vor.)

»Sie haben sich umsonst so gequält, ich habe damals sehr gut verstanden, wie das alles gekommen ist; Sie haben sich damals in Ihrer Freude ihm gegenüber verplaudert, Sie haben ihm gesagt, daß Sie in mich verliebt sind, und daß ich . . . na, daß ich Sie anhöre. Sie sind ja nicht umsonst zwanzig Jahre alt. Sie lieben ihn ja doch mehr als die ganze Welt, Sie suchen in ihm Ihren Freund, Ihr Ideal? Ich verstand das ausgezeichnet, aber da war es schon zu spät; o ja, ich selber war damals schuld: ich hätte Sie damals rufen lassen und Sie beruhigen sollen, aber ich hatte mich so geärgert; und ich bat, man möchte Sie bei uns nicht mehr empfangen; und so kam es zu jener Szene an der Anfahrt, und nachher erlebten Sie jene Nacht. Und hören Sie: ich habe diese ganze Zeit, genau so wie Sie, davon geträumt, mich heimlich mit Ihnen zu treffen; ich wußte nur nicht, wie ich das einrichten sollte. Und was glauben Sie, wovor ich mich am meisten gefürchtet habe? Daß Sie seinen übeln Nachreden über mich Glauben schenken könnten.«

»Niemals!« rief ich.

»Unsere früheren Begegnungen sind mir eine angenehme Erinnerung; mir ist der Jüngling in Ihnen teuer und vielleicht sogar eben diese Offenherzigkeit . . . Ich bin eben ein sehr ernster Charakter. Ich bin der ernsteste und düsterste Charakter unter allen Frauen von heute . . . hahaha! Wir sprechen uns schon noch aus, aber jetzt ist mir nicht recht gut, ich bin aufgeregt und . . . ich glaube, das ist ein kleiner hysterischer Anfall. – Aber endlich – endlich! – wird er mich in Frieden auf dieser Erde leben lassen!«

Dieser Ausruf brach ganz unwillkürlich hervor; ich begriff das sogleich und wollte ihn daher nicht aufgreifen; aber ich erzitterte am ganzen Leibe.

»Er weiß, daß ich ihm verziehen habe!« rief sie plötzlich wieder, als wäre sie allein mit sich.

»Haben Sie ihm jenen Brief denn wirklich verzeihen können? Und woher konnte er erfahren haben, daß Sie ihm verziehen haben?« rief ich; ich konnte nicht mehr an mich halten.

»Woher er es erfahren hat? Oh, er weiß es«, antwortete sie mir weiter, aber mit einer Miene, als hätte sie mich ganz vergessen und spräche mit sich selbst. »Er hat sich jetzt auf sich selber besonnen. Und wie sollte er denn auch nicht wissen, daß ich ihm verziehen habe, wo er doch mein Herz auswendig kennt? Er weiß ja doch, daß ich selber ihm ein wenig gleiche.«

»Sie?«

»Natürlich, ja, das weiß er. Oh, ich bin nicht leidenschaftlich, ich bin ruhig: aber ich wünschte mir, genau wie er, daß alle gut sein möchten . . . Es muß ja doch irgendeinen Grund haben, daß er mich liebgewonnen hat.«

»Wie konnte er dann sagen, daß in Ihnen alle Laster vereinigt wären?«

»Das hat er nur so gesagt; für sich selber, in seinem Herzen hegt er ein ganz anderes Geheimnis. Aber, nicht wahr, sein Brief war doch fürchterlich lächerlich?«

»Lächerlich!« (Ich hörte angestrengt zu; ich denke mir, sie hatte in der Tat so etwas wie einen hysterischen Anfall und . . . plauderte Dinge aus, die vielleicht durchaus nicht für mich bestimmt waren; aber ich konnte mir meine ewigen Fragen nicht verbeißen.)

»Jawohl, lächerlich, und wie hätte ich darüber gelacht, wenn . . . wenn ich mich nicht gefürchtet hätte. Aber übrigens – so ein Feigling bin ich auch nicht, glauben Sie das nicht; aber auf diesen Brief hin habe ich damals die Nacht nicht geschlafen, er ist sozusagen mit krankem Blut geschrieben . . . und was bleibt einem nach so einem Briefe noch übrig? Ich liebe das Leben, ich liebe mein Leben schrecklich, in der Hinsicht bin ich schrecklich kleinmütig . . . Ach, hören Sie,« rief sie auf einmal und stürzte auf mich zu, »gehen Sie zu ihm! Er ist jetzt allein, er kann nicht die ganze Zeit dort sein, er ist sicher irgendwohin gegangen, um allein zu sein: spüren Sie ihn gleich auf, wirklich gleich, laufen Sie zu ihm hin, zeigen Sie, daß Sie sein liebender Sohn sind, beweisen Sie, daß Sie der liebe, gute Junge sind, daß Sie mein Student sind, den ich . . . Oh, Gott möge Ihnen Glück schenken! Ich liebe niemand, das ist auch das beste für mich; aber ich wünsche allen, daß sie glücklich seien, allen, und ihm vor allen, und das soll er wissen . . . und zwar sofort, mir wäre das sehr lieb . . .«

Sie stand auf und verschwand plötzlich hinter der Portiere; auf ihrem Gesichte blitzten in diesem Augenblick Tränen (hysterische Tränen, die der krampfhafte Lachanfall hinterlassen hatte). Ich blieb aufgeregt und verwirrt allein. Ich wußte durchaus nicht, welchen Ursachen ich ihre Aufregung zuschreiben solle; ich hätte so etwas nie von ihr erwartet. Etwas in meinem Herzen krampfte sich gleichsam zusammen.

Ich wartete fünf Minuten, zehn Minuten; die tiefe Stille verwunderte mich plötzlich, ich entschloß mich, zur Tür hinauszuschauen und zu rufen. Auf mein Rufen erschien Maria und erklärte mir im gelassensten Tone, die gnädige Frau hätte sich längst angezogen und die Wohnung durch die Hintertür verlassen.

 

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