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Ein Werdender - Zweiter Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Zweiter Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
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Fünftes Kapitel

1

Als ich Anna Andrejewna gemeldet wurde, warf sie sofort ihre Näharbeit hin und kam mir eilig bis ins erste Zimmer entgegen, – was früher niemals geschehen war. Sie streckte mir beide Hände hin und errötete plötzlich. Dann führte sie mich ohne ein Wort hinein, setzte sich wieder zu ihrer Handarbeit und nötigte mich auf einen Stuhl neben sich; aber sie nähte nicht weiter, sondern sah mich immer mit derselben warmen Anteilnahme an, ohne ein Wort zu sagen.

»Sie haben Darja Onisimowna zu mir geschickt«, begann ich geradeheraus, ein wenig peinlich berührt von dieser gar zu sehr auf Effekt berechneten Teilnahme, wenn schon sie mir auf der andern Seite auch schmeichelte.

Sie fing plötzlich an zu sprechen, ohne auf meine Frage zu antworten.

»Ich habe alles gehört, ich weiß alles. Diese furchtbare Nacht . . . Oh, wieviel haben Sie ausstehen müssen! Ist es denn wirklich wahr, ist es wahr, daß man Sie besinnungslos aufgefunden hat, halb erfroren?«

»Das hat Ihnen . . . Lambert . . .«, stammelte ich und wurde rot.

»Er hat mir damals alles erzählt, aber ich habe auf Sie gewartet. Oh, wie erschrocken er war, als er zu mir kam! In Ihrer Wohnung . . . da, wo Sie krank gelegen haben, wollte man ihn nicht zu Ihnen lassen . . . Das war doch eine sonderbare Begegnung . . . Ich weiß freilich nicht, wie das alles zugegangen ist, aber er hat mir alles von jener Nacht erzählt: er hat mir gesagt, Sie hätten, gleich als Sie zur Besinnung gekommen waren, von mir gesprochen und . . . von Ihrer Ergebenheit gegen mich. Ich war zu Tränen gerührt, Arkadij Makarowitsch, und weiß wirklich nicht, wodurch ich mir eine so warme Anteilnahme von Ihnen verdient habe, und noch dazu in dieser Lage, in der Sie selber waren! Sagen Sie, ist Herr Lambert ein Jugendfreund von Ihnen?«

»Ja, damals . . . war ich, offen gestanden, ziemlich unvorsichtig und habe ihm damals vielleicht etwas zuviel gesagt.«

»Oh, von dieser schwarzen, schrecklichen Intrige hätte ich auch ohne ihn erfahren! Ich habe immer, immer schon so eine Ahnung gehabt, daß diese Leute Sie so weit bringen würden. Sagen Sie, ist es wahr, daß Bjoring sich erdreistet hat, seine Hand gegen Sie zu erheben?«

Sie sprach so, als ob ich einzig und allein durch Bjoring und durch sie dort an die Mauer geraten wäre. Sie hat ja auch recht, dachte ich bei mir, aber ich brauste auf:

»Wenn er seine Hand gegen mich aufgehoben hätte, so wäre er nicht ungezüchtigt von der Stelle gegangen, und ich säße jetzt nicht hier vor Ihnen, ohne mich gerächt zu haben«, erwiderte ich hitzig. Ich hatte den Eindruck, daß sie mich zu irgendeinem Zwecke reizen, mich gegen jemand aufhetzen wollte (es ist ja übrigens klar, gegen wen); und doch tappte ich in die Schlinge.

»Wenn Sie sagen, sie hätten es vorausgesehen, daß man mich so weit bringen würde, so muß ich bemerken, daß das auf Katerina Nikolajewnas Seite selbstverständlich nur Mißtrauen gegen mich war . . . allerdings ist es ja richtig, daß sich ihre gute Meinung über mich etwas gar zu schnell in dieses Mißtrauen verwandelt hatte . . .«

»Gar zu schnell, das ist es ja eben!« fiel mir Anna Andrejewna mit einem geradezu begeisterten Mitgefühl ins Wort. »Oh, wenn Sie wüßten, was da jetzt erst für eine Intrige im Gange ist! Ach, Arkadij Makarowitsch, es muß Ihnen natürlich schwerfallen, die ganze Peinlichkeit meiner Lage zu begreifen«, sagte sie errötend und schlug die Augen nieder. »Seit damals, eben seit jenem Morgen, als wir uns zum letzten Male gesehen haben, habe ich einen Schritt getan, den nicht jedermann so zu verstehen und so zu begreifen vermag, wie ihn ein Mensch wie Sie verstanden hätte, ein Mensch mit Ihrem noch unangemessenen Verstande, Ihrem liebevollen, unverdorbnen, frischen Herzen. Seien Sie überzeugt, lieber Freund, ich bin sehr wohl imstande, Ihre Ergebenheit gegen mich zu schätzen, und werde Ihnen mit ewiger Dankbarkeit lohnen. Die Gesellschaft wird natürlich den Stein wider mich aufheben, und sie hat es schon getan. Aber selbst wenn die Menschen recht hätten von ihrem jammervollen Standpunkte aus, wer hätte das Recht, wer dürfte es wagen, sich über mich zum Richter zu setzen? Mein Vater hat mich verlassen, als ich noch ein Kind war; wir Wersilows sind ein altes, vornehmes russisches Geschlecht, und doch sind wir heimatlos, und ich lebe von fremdem Brote, das ich der Gnade andrer verdanke. Ist es da nicht ganz natürlich, daß ich mich an den wende, der mir schon von klein auf den Vater ersetzt hat, dessen Güte ich seit so vielen Jahren an mir erfahren habe? Meine Gefühle für ihn kennt Gott allein, er mag sie richten, den Urteilsspruch der Welt über meinen Schritt weise ich zurück! Und wenn nun da außerdem noch eine ganz eigennützige, schwarze Intrige im Spiele ist und die eigne Tochter eine Verschwörung anzettelt, um ihren vertrauensvollen, edelmütigen Vater ins Unglück zu stürzen, – darf man das denn dulden? Nein, mag ich selbst meinen guten Ruf aufs Spiel setzen, aber ich rette ihn! Ich bin bereit, einfach als Pflegerin bei ihm zu leben, seine Wärterin, seine Krankenschwester zu sein; aber die kalte, weltliche, schmutzige Berechnung soll nicht triumphieren!«

Sie hatte mit außerordentlicher Lebhaftigkeit gesprochen, und die war ja wahrscheinlich zur Hälfte gespielt, aber trotzdem war sie doch ehrlich, denn ich sah deutlich, bis zu welchem Grade diese Sache sich ihres ganzen Menschen bemächtigt hatte. Oh, ich fühlte wohl, daß sie log (wenn sie auch ehrlich log: man kann auch ehrlich lügen) und daß sie in diesem Augenblick schlecht war; aber es ist erstaunlich, wie es so mit den Frauen ist: diese scheinbare Anständigkeit, diese höheren Formen, diese abweisende gesellschaftliche Vornehmheit und hochmütige Keuschheit, – das alles brachte mich aus dem Konzept, und ich begann ihr in allen Punkten recht zu geben, das heißt, solange ich bei ihr saß; wenigstens – raffte ich mich nicht dazu auf, ihr zu widersprechen. Oh, der Mann befindet sich der Frau gegenüber direkt im Zustande moralischer Sklaverei, namentlich, wenn er großherzig ist! Eine Frau kann einem großherzigen Manne alles einreden. »Sie und Lambert – du lieber Gott!« dachte ich bei mir und sah sie zweifelnd an. Übrigens, um gleich alles zu sagen: ich bin auch heute noch nicht imstande, sie zu verurteilen; in ihr Herz konnte ja wirklich nur Gott allein sehen; und außerdem ist der Mensch eine so komplizierte Maschine, daß man in gewissen Fällen nichts davon begreift, noch dazu, wenn dieser Mensch eine Frau ist.

»Anna Andrejewna, was erwarten Sie eigentlich von mir?« fragte ich aber doch ziemlich energisch.

»Wieso? Was bedeutet diese Frage, Arkadij Makarowitsch?«

»Mir scheint nach allem . . . und nach einigen anderen Erwägungen . . .« sagte ich verwirrt, »Sie haben doch zu mir geschickt, weil Sie irgend etwas von mir erwarten. Also um was handelt es sich denn eigentlich?«

Sie beantwortete meine Frage nicht und fing sofort wieder an zu sprechen, ebenso schnell und lebhaft wie zuvor:

»Aber ich bin zu stolz, ich bringe es nicht über mich, mich mit unbekannten Leuten, wie mit diesem Herrn Lambert, auf Erklärungen und Abmachungen einzulassen. Meine Situation ist auf die Schneide gestellt, sie ist fürchterlich, Arkadij Makarowitsch! Ich bin von den Ränken dieser Frau auf allen Seiten umstellt, und ich muß deshalb schlaue Winkelzüge machen – und das ist mir einfach unerträglich. Ich erniedrige mich fast bis zu Intrigen und habe auf Sie gewartet wie auf meinen Erlöser. Man kann mich nicht anklagen, weil ich sehnsüchtig ausschaue, um wenigstens einen Freund zu finden; und konnte ich also anders, als mich über diesen Freund freuen? Über den, der selbst in jener Nacht, als er beinahe erfroren war, meiner gedachte und immer nur meinen Namen auf den Lippen hatte, – der Mann muß mir doch ergeben sein, das ist doch klar. Das waren meine Gedanken diese ganze Zeit über, und deswegen habe ich auf Sie gehofft.«

Sie sah mir mit ungeduldig fragendem Ausdruck in die Augen. Und richtig, mir fehlte wieder der Mut, ihren Glauben zu zerstreuen und ihr gerade heraus zu erklären, daß Lambert sie beschwindelt hatte, und daß ich ihm damals durchaus nicht gesagt hatte, ich wäre ihr so ganz besonders ergeben, und daß ich durchaus nicht »nur ihren Namen« auf den Lippen gehabt hatte. So bekräftigte ich durch mein Schweigen gewissermaßen Lamberts Lüge. Oh, ich bin überzeugt davon, daß sie selber es nur zu klar durchschaute, daß Lambert übertrieben, ja, sie einfach angelogen hatte, einzig und allein, um einen plausibeln Vorwand zu haben, sie aufzusuchen und Beziehungen mit ihr anzuknüpfen; und als sie mir so in die Augen sah, als wäre sie überzeugt davon, ich hätte das alles gesagt und wäre ihr wirklich so ergeben, da wußte sie natürlich genau, daß ich's nicht wagen würde, zu widersprechen, sozusagen aus Takt, und weil ich noch so jung war. Ob ich übrigens mit dieser Vermutung recht habe oder nicht, weiß ich nicht. Vielleicht bin ich auch nur schrecklich verdorben.

»Mein Bruder wird für mich eintreten«, sagte sie plötzlich erregt, als sie sah, daß ich keine Antwort gab.

»Ich höre, Sie sind mit ihm in meiner Wohnung gewesen«, stammelte ich verwirrt.

»Ja, der unglückliche Fürst Nikolaj Iwanowitsch kann ja jetzt vor dieser ganzen Intrige oder, besser gesagt, vor seiner leiblichen Tochter, eigentlich nirgend hinflüchten als in Ihre Wohnung, das heißt, in die Wohnung eines Freundes: er hat ja doch wohl das Recht, Sie wenigstens für seinen Freund zu halten! . . . Und wenn Sie überhaupt etwas für ihn tun wollen, so tun Sie das, – wenn Sie es vermögen, wenn genug Großmut und Kühnheit in Ihrem Herzen wohnt . . . und schließlich, wenn Sie überhaupt in Wahrheit etwas tun können. Oh, das geschähe nicht für mich, nicht für mich, sondern für diesen unglücklichen alten Mann, der der einzige ist, der Sie wirklich aufrichtig liebt, der Sie liebgewonnen hat wie seinen eignen Sohn, der sich auch heute noch immer nach Ihnen sehnt! Für mich erwarte ich gar nichts, nicht einmal von Ihnen – wenn sogar mein leiblicher Vater mir einen so hinterlistigen, einen so boshaften Streich gespielt hat.«

»Ich dächte, Andrej Petrowitsch . . .« wollte ich anfangen.

»Andrej Petrowitsch,« unterbrach sie mich mit einem bittern Lächeln, »Andrej Petrowitsch hat mir damals auf meine ganz offne Frage hin sein Ehrenwort gegeben, er hätte nie die geringsten Absichten auf Katerina Nikolajewna gehabt, und ich war auch fest davon überzeugt, als ich meinen Schritt tat, aber dabei erwies es sich, daß er nur so lange ruhig blieb, bis er das erste Wort von einem Herrn Bjoring vernahm.«

»So ist das nicht!« rief ich. »Es hat einen Augenblick gegeben, wo auch ich beinahe an seine Liebe zu dieser Frau glaubte; aber so ist das nicht . . . Ja, und selbst wenn es so wäre, so finde ich doch: jetzt könnte er darüber doch wirklich vollkommen beruhigt sein . . . da dieser Herr doch den Laufpaß erhalten hat.«

»Welcher Herr?«

»Bjoring.«

»Wer hat Ihnen das gesagt? Vielleicht hat dieser Herr noch nie so viel Einfluß gehabt wie jetzt«, lächelte sie giftig; ich hatte sogar den Eindruck, als ob sie mich spöttisch mustere.

»Darja Onisimowna hat es mir gesagt«, stammelte ich in einer Verwirrung, die ich nicht zu verbergen imstande war, und die sie nur zu gut bemerkte.

»Darja Onisimowna ist eine sehr nette Person, und ich kann ihr selbstverständlich nicht verbieten, mich gern zu haben, aber sie hat keine Mittel und Wege, Dinge zu erfahren, die sie nichts angehen.«

Mein Herz zog sich zusammen; und wenn sie darauf gerechnet hatte, meinen Unwillen zu entflammen, so gelang es ihr insofern, als der Unwille in mir zu sieden begann, aber kein Unwille gegen jene Frau, sondern fürs erste nur gegen Anna Andrejewna selber. Ich erhob mich.

»Als ehrlicher Mensch muß ich Ihnen gleich sagen, Anna Andrejewna, daß Ihre Erwartungen . . . in bezug auf mich . . . sich leicht als sehr hinfällig erweisen könnten . . .«

»Ich erwarte von Ihnen, daß Sie für mich eintreten,« sagte sie und sah mich fest an, »für mich, die von allen verlassen ist . . . für Ihre Schwester, wenn Sie so wollen, Arkadij Makarowitsch!«

Noch einen Augenblick, und sie hätte angefangen zu weinen.

»Nun, dann warten Sie lieber nicht, weil ›vielleicht‹ nichts davon eintreten könnte«, stammelte ich, unbeschreiblich peinlich berührt.

»Wie soll ich Ihre Worte verstehen?« sagte sie schon etwas gar zu besorgt.

»Daß ich fortgehe von euch allen, und – damit basta!« schrie ich auf einmal beinahe wütend, »und das Dokument – zerreiße ich. Leben Sie wohl!«

Ich verbeugte mich vor ihr und ging schweigend hinaus, wagte aber dabei kaum, sie anzusehen; aber ich war noch nicht die Treppe hinunter, als Darja Onisimowna mich einholte und mir einen zwiefach zusammengefalteten Briefbogen überreichte. Woher auf einmal Darja Onisimowna kam und wo sie während meiner Unterredung mit Anna Andrejewna gesteckt haben mochte, – das ist mir völlig unklar. Sie sagte kein Wort, sondern steckte mir nur das Papier zu und lief wieder hinauf. Ich entfaltete das Blatt: Lamberts Adresse stand genau und deutlich darauf geschrieben, und das Blättchen war sichtlich schon seit ein paar Tagen bereit gehalten worden. Mir fiel auf einmal ein, daß ich damals, als Darja Onisimowna bei mir gewesen war, zu ihr gesagt hatte, ich wüßte nicht, wo Lambert wohne, aber natürlich nur in dem Sinne: »Ich weiß es nicht und will es nicht wissen.« Jetzt aber hatte ich Lamberts Adresse schon von Lisa erfahren, die ich eigens gebeten hatte, sich im Adreßbureau danach zu erkundigen. Dies Vorgehen Anna Andrejewnas deuchte mich schon reichlich offenherzig, ja, zynisch: obgleich ich ihr meine Unterstützung rundweg abgeschlagen hatte, schickte sie mich direkt zu Lambert, als ob sie mir auch nicht für einen Groschen glaube. Mir wurde nur zu klar, daß ihr alles Wissenswerte über das Dokument schon bekannt war, – und durch wen sonst als durch Lambert, zu dem sie mich ja deshalb auch hinschickte, um alles mit ihm zu vereinbaren.

»Selbstverständlich halten sie alle, vom ersten bis zum letzten, mich für einen dummen Jungen, ohne Willen und ohne Charakter, mit dem man alles anfangen kann!« dachte ich entrüstet.

 

2

Nichtsdestoweniger ging ich sofort zu Lambert. Wo hätte ich sonst auch meine Neugierde hintragen sollen? Lambert wohnte, wie es sich ergab, sehr weit entfernt, im Kosoj-Pereulok, beim Sommergarten, und immer noch in demselben Chambre garnie; aber damals, als ich ihm davongelaufen war, hatte ich so wenig auf den Weg und die Entfernungen geachtet, daß ich, als Lisa mir vor vier Tagen die Adresse gebracht hatte, sehr erstaunt gewesen war und es fast nicht hatte glauben wollen, daß er dort wohne. Während ich noch die Treppe zum dritten Stock hinaufstieg, bemerkte ich an der Flurtür zwei junge Leute und dachte mir, sie hätten wohl vor mir geklingelt und warteten darauf, daß ihnen geöffnet würde. Während ich hinaufstieg, standen sie beide mit dem Rücken gegen die Tür und betrachteten mich aufmerksam. »Hier werden möblierte Zimmer vermietet, und sie wollen natürlich irgendeinen andern Mieter besuchen«, dachte ich bei mir, mit gerunzelter Stirn, während ich auf sie zuging. Mir wäre es sehr unangenehm gewesen, bei Lambert jemand anders anzutreffen. Ich bemühte mich, sie nicht anzusehen und streckte meine Hand nach der Klingel aus.

»Attendez!« rief mir der eine zu.

»Ach bitte, warten Sie noch mit dem Klingeln«, sagte der andre junge Mensch mit heller, sanfter Stimme und dehnte dabei die Worte ein wenig. »Wir sind gleich fertig, und dann klingeln wir zusammen; wollen Sie?«

Ich ließ meine Hand sinken. Sie waren beide noch sehr junge Leute, so zwischen zwanzig und zweiundzwanzig; sie waren dort an der Tür mit etwas Sonderbarem beschäftigt; ich suchte verwundert dahinterzukommen, was es wäre. Der, der »attendez« gerufen hatte, war ein sehr hoch aufgeschossener Bursche, er maß wenigstens sechs Fuß und sah hager und elend aus, war aber sehr muskulös, hatte einen im Verhältnis zu seiner Größe sehr kleinen Kopf und trug einen komisch finstern Ausdruck zur Schau, auf einem Gesicht, das ein wenig pockennarbig und durchaus nicht besonders dumm, vielmehr sogar sympathisch war. Seine Augen hatten einen übertrieben durchdringenden Blick von ganz überflüssiger und unnützer Entschlossenheit. Er war sehr schlecht angezogen: ein alter wattierter Mantel mit einem schäbigen kleinen Waschbärkragen, der ihm viel zu kurz und sichtlich nicht für ihn gemacht war; schlechte, beinah bäurische Stiefel und auf dem Kopfe ein schrecklich zerbeulter, fuchsig gewordener Zylinder. Man sah ihm den Schmutzbarthel von weitem an: die unbehandschuhten Hände waren schmierig, die langen Nägel zeigten Trauerränder. Im Gegensatz dazu war sein Begleiter wie ein Stutzer gekleidet, soweit man nach seinem leichten Marderpelz, seinem eleganten Hut und den neuen hellen Handschuhen urteilen konnte, die seine kleinen schlanken Hände bekleideten; er war etwa so groß wie ich, und sein frisches, jugendliches Gesicht trug einen außerordentlich liebenswürdigen Ausdruck.

Der lange Bursche zerrte sich seine Krawatte vom Halse – ein furchtbar schäbiges und schmieriges Band, eigentlich nur eine Litze, und der hübsche Junge zog eine andre, neue, eben erst gekaufte schwarze Krawatte aus der Tasche und band sie dem langen Burschen um, der ihm gehorsam und mit schrecklich ernstem Gesicht seinen endlos langen Hals entgegenreckte und dabei seinen Mantel von den Schultern gleiten ließ.

»Nein, das geht nicht, wenn das Hemd so dreckig ist,« sagte der Hübsche, »es macht nicht nur keinen Effekt, sondern es sieht so noch dreckiger aus. Ich habe dir doch gesagt, du sollst ein Vorhemd anziehen. Ich bringe es nicht fertig . . . können Sie es vielleicht?« wendete er sich plötzlich an mich.

»Was?« fragte ich.

»Ja, sehen Sie: ihm die Krawatte binden. Sehen Sie, man muß es irgendwie so einrichten, daß man sein dreckiges Hemd nicht sieht, sonst ist der ganze Effekt zum Teufel; was soll man tun? Ich habe ihm die Krawatte extra gekauft, beim Friseur Philippe, für einen Rubel.«

»Hast du – den Rubel . . .?« murmelte der Lange.

»Ja; ich habe keine Kopeke mehr. – Sie können es also auch nicht? Na, dann werden wir Alphonsinchen bitten müssen.«

»Zu Lambert?« fragte der Lange mich auf einmal in scharfem Tone.

»Allerdings«, antwortete ich ihm ebenso energisch und sah ihm in die Augen.

»Dolgorowky?« fragte er abermals, in demselben Ton und mit derselben Stimme.

»Nein, nicht Korowkin«, antwortete ich ebenso scharf; denn ich hatte nicht richtig gehört.

»Dolgorowky?!« schrie der Lange beinahe und trat fast drohend auf mich zu. Sein Freund fing zu lachen an.

»Er sagt Dolgorowky, nicht Korowkin«, erklärte er mir. »Wissen Sie, die Franzosen im ›Journal des Débats‹ verdrehen die russischen Namen so oft . . .«

»In der ›Indépendance‹«, maulte der Lange.

»Na, meinetwegen auch in der ›Indépendance‹. Statt Dolgorukij schreiben sie zum Beispiel Dolgorowky – das hab' ich selber gelesen, und W–w nennen sie immer Comte Wallonieff.«

»Doboyny!« schrie der Lange.

»Ja, den Namen Doboyny haben sie da auch; ich habe es selber gelesen, und wir haben beide darüber gelacht: irgendeine russische Madame Doboyny, im Auslande . . . Aber sag' mir mal, wozu erzählst du jetzt das alles«, wendete er sich plötzlich an den Langen.

»Entschuldigen Sie, sind Sie Herr Dolgorukij?«

»Ja, ich heiße Dolgorukij, aber woher wissen Sie das?«

Der Lange flüsterte dem hübschen Jungen auf einmal etwas ins Ohr, der runzelte die Stirn und machte eine verneinende Bewegung; aber der Lange wendete sich plötzlich an mich:

»Monsieur le prince, vous n'avez pas de rouble d'argent pour nous, pas deux, mais un seul, voulez-vous?«

»Ach, was du für ein Lump bist«, rief der Junge.

»Nous vous rendons«, schloß der Lange, der die französischen Worte plump und ungewandt hervorbrachte.

»Sie müssen wissen, er ist ein Zyniker,« lächelte der Jüngere mich an, »und Sie denken vielleicht, er kann kein Französisch? Er spricht wie ein Pariser, er parodiert aber nur die Russen, die in Gesellschaften so furchtbar gern ganz laut Französisch miteinander sprechen und doch keine Ahnung davon haben . . .«

»Dans les wagons«, erläuterte der Lange.

»Na ja, auch in den Eisenbahnwagen: Gott, wie du langweilig bist! Da ist doch nichts zu erklären. Eine merkwürdige Liebhaberei, den Idioten zu spielen!«

Ich hatte unterdessen einen Rubel hervorgeholt und ihn dem Langen gegeben.

»Nous vous rendons«, sagte der, steckte den Rubel ein, wendete sich plötzlich zur Tür und machte sich mit einem regungslosen, ernsthaften Gesichte daran, mit der Spitze seines riesigen, plumpen Stiefels dagegen zu donnern; aber dabei war er nicht im geringsten erregt . . .

»Ach, du kriegst nur wieder Krakeel mit Lambert!« sagte der Junge unruhig. »Dann klingeln Sie doch lieber!«

Ich klingelte, aber der Lange donnerte mit seinem Stiefel trotzdem weiter.

»Ah, sacré. . .«, hörte man auf einmal Lamberts Stimme hinter der Tür, und er öffnete schnell.

»Dites donc, voulez-vous que je vous casse la tête, mon ami?« schrie er den Langen an.

»Mon ami, voilà Dolgorowky, l'autre mon ami«, sagte der Lange wichtig und ernst und sah dem zornroten Lambert recht frech in die Augen. Als der mich erblickte, verwandelte er sich gleichsam ganz.

»Du bist's, Arkadij! Endlich! Na, bist du denn gesund, bist du endlich wieder gesund?«

Er ergriff meine Hände und drückte sie kräftig; kurz, er war so aufrichtig entzückt, daß ich mich für den Augenblick sehr geschmeichelt fühlte und sogar etwas wie Zuneigung für ihn verspürte.

»Mein erster Weg führt zu dir!«

»Alphonsine!« schrie Lambert.

Sie sprang sofort hinter dem Wandschirm hervor.

»Le voilà!«

»C'est lui!« rief Alphonsine, schlug die Hände zusammen und wollte, als sie die Arme wieder ausgebreitet hatte, auf mich losstürzen und mich umarmen, aber Lambert verteidigte mich.

»Na, na, na; tout-beau!« schrie er ihr zu, wie einem kleinen Hunde. »Du, Arkadij, ich habe mich heute mit ein paar jungen Leuten verabredet, wir wollen bei den Tataren Mittag essen. Ich lasse dich nicht los, du mußt mitkommen. Wir essen zu Mittag; und denen da gebe ich gleich einen Tritt – und dann sprechen wir uns aus. Aber tritt näher, tritt näher. Wir gehen gleich, ich muß nur einen Augenblick . . .«

Ich trat ein, trat mitten in jenes Zimmer, schaute mich um und suchte mir die Szene von damals zurückzurufen. Lambert zog sich schnell hinter dem Wandschirm um. Der Lange und sein Freund waren uns gefolgt, trotz dessen, was Lambert gesagt hatte. Wir waren alle stehengeblieben.

»Mademoiselle Alphonsine, voulez-vous me baiser?« maulte der Lange.

»Mademoiselle Alphonsine«, wollte der Jüngere anfangen, indem er ihr die Krawatte hinhielt, aber sie stürzte sich wütend auf die beiden:

»Ah, le petit vilain!« schrie sie den Jüngeren an. »Ne m'approchez pas, ne me salissez pas, et vous, le grand dadais, je vous flanque à la porte tous les deux, savez-vous cela?«

Trotzdem sie den Jüngeren voll Verachtung und Ekel abwehrte, als fürchte sie sich in der Tat, sich an ihm zu beschmutzen (was ich durchaus nicht begreifen konnte, weil er so hübsch war und auch, als er den Pelz abgelegt hatte, so gut angezogen aussah) – also, trotzdem bat sie der Jüngere eindringlich, seinem langen Freunde die Krawatte zu binden und ihm vorher ein reines Vorhemd von Lambert anzuknöpfen. Sie nahm diesen Vorschlag mit solchem Unwillen auf, daß sie fast mit den Fäusten auf ihn losgegangen wäre, aber Lambert, der das hinter dem Wandschirm gehört hatte, rief ihr zu, sie solle sie nicht aufhalten und solle tun, was sie verlangten. »Sonst gehen sie überhaupt nicht mehr weg«, fügte er hinzu, und Alphonsine holte sofort ein Vorhemd und begann dem Langen die Krawatte zu binden, ohne noch eine Spur von Ekel zu zeigen. Und er streckte ihr, genau wie vorhin auf der Treppe, seinen Hals entgegen, während sie die Krawatte band.

»Mademoiselle Alphonsine, avez-vous vendu votre bologne?« fragte er.

»Qu'est-ce que ça, ma bologne?«

Der Jüngere erklärte, »ma bologne« bedeute den Bologneser.

»Tiens, quel est ce baragouin?«

»Je parle comme une dame russe sur les eaux minérales«, bemerkte le grand dadais, der immer noch mit vorgerecktem Halse dastand.

»Qu'est-ce que ça qu'une dame russe sur les eaux minérales et . . . où est donc votre jolie montre que Lambert vous a donné« wendete sie sich plötzlich an den Jüngeren.

»Was, ist die Uhr schon wieder fort?« rief Lambert ärgerlich hinter dem Wandschirm hervor.

»Aufgefressen!« maulte le grand dadais.

»Ich hab' sie für acht Rubel verkauft: sie war ja Silber vergoldet, und Sie haben gesagt, sie wäre von Gold. Solche Uhren kosten jetzt im Laden auch bloß sechzehn Rubel«, sagte der Jüngere zu Lambert; er rechtfertigte sich sichtlich nur mit Unlust.

»Das muß ein Ende haben!« fuhr Lambert noch ärgerlicher fort. »Junger Freund, ich kaufe Ihnen nicht Kleider und schöne Sachen, damit Sie sie ihrem langen Freunde nachschmeißen . . . Was haben Sie ihm da schon wieder für eine Krawatte gekauft?«

»Die kostet nur einen Rubel; die ist nicht von Ihrem Geld. Er hatte überhaupt keine Krawatte, und einen Hut müssen wir ihm auch noch kaufen.«

»Quatsch!« sagte Lambert, jetzt schon ernstlich böse. »Ich hab' ihm auch für einen Hut genug gegeben; und er hat gleich Austern und Champagner bestellt. Er stinkt; er ist ein Schmutzfink; man kann ihn nirgends mitnehmen. Wie soll ich ihn zum Essen mitnehmen?«

»Mit einer Droschke«, maulte der dadais. »Nous avons un rouble d'argent que nous avons prêté chez notre nouvel ami.«

»Gib ihnen nichts, Arkadij!« schrie Lambert wieder.

»Erlauben Sie mal, Lambert; ich verlange jetzt sofort von Ihnen zehn Rubel«, sagte der Junge so zornig, daß er ganz rot wurde, was ihn doppelt hübsch machte. »Erlauben Sie sich nicht, noch einmal so dumme Sachen zu sagen, wie jetzt eben zu Dolgorukij. Ich verlange zehn Rubel, um Dolgorukij gleich seinen Rubel wiedergeben zu können, und für den Rest kaufe ich einen Hut für Andrejew – Sie werden selber sehen.«

Lambert kam hinter dem Schirm hervor.

»Da sind drei gelbe Lappen, drei Rubel, und mehr gibt es nicht bis Dienstag, und seht euch vor . . . sonst . . .«

Le grand dadais riß ihm das Geld nur so aus der Hand.

»Dolgorowky, da ist der Rubel, nous vous rendons avec beaucoup de grâce. Petja, komm!« rief er seinem Freunde zu, und dann schwang er auf einmal die beiden Scheine durch die Luft, sah Lambert recht frech ins Gesicht und brüllte aus Leibeskräften:

»Ohé, Lambert! Où est Lambert, as-tu vu Lambert?«

»Seht euch vor, seht euch vor!« brüllte Lambert in fürchterlichster Wut. Ich sah wohl: dahinter mußte irgendeine Beziehung auf etwas früher Passiertes stecken, wovon ich nichts wußte; ich stand höchst erstaunt dabei. Der Lange aber ließ sich durch Lamberts Zorn nicht im geringsten einschüchtern; im Gegenteil, er brüllte noch lauter: »Ohé, Lambert!« Mit diesem Schlachtruf gingen sie ins Treppenhaus hinaus. Lambert wollte ihnen nachstürzen, kehrte aber wieder um.

»Na, denen geb' ich auch bald einen Tritt! Die kosten mehr, als man von ihnen hat . . . Komm, Arkadij! Ich hab' mich so schon versäumt. Es erwartet mich da einer, den ich . . . auch brauche . . . Auch so ein Viehstück . . . Das sind alles Viehstücke! Packzeug, Packzeug!« fing er wieder an zu schreien und knirschte beinah mit den Zähnen; plötzlich aber gewann er seine Haltung zurück.

»Ich bin froh, daß du endlich gekommen bist. Alphonsine, keinen Schritt aus dem Hause! Komm!«

Unten erwartete ihn ein eleganter gemieteter Fiaker. Wir stiegen ein; und selbst unterwegs konnte er immer noch nicht seine Wut auf diese jungen Leute bezwingen und sich ganz beruhigen. Ich wunderte mich, daß ihm das so ernstlich nahe ging und auch darüber, daß die andern Lambert so respektlos behandelten, und daß er beinahe etwas wie Angst vor ihnen hatte. Nach dem alten Eindruck aus der Knabenzeit, der sich in mich hineingefressen hatte, deuchte es mich immer, alle müßten sich vor Lambert fürchten; ja trotz aller meiner Unabhängigkeit fürchtete ich mich damals wohl selber vor Lambert.

»Ich kann dir nur sagen, das ist lauter fürchterliches Packzeug,« schimpfte Lambert weiter, »wirst du es glauben, dieser Lange, der ekelhafte Kerl, hat mich schön blamiert vor drei Tagen in einer feinen Gesellschaft. Er pflanzt sich vor mir auf und schreit: ›Ohé, Lambert!‹ In einer feinen Gesellschaft! Alle lachen über mich und wissen genau: er tut es, damit ich ihm Geld gebe – stell' dir vor! Ich hab' es ihm geben müssen. Oh, das sind Halunken! Wirst du es glauben, er war Junker in einem Regiment und ist geschaßt worden, da kannst du dir vorstellen, daß er gebildet ist: er ist in einem guten Hause groß geworden, stell' dir vor! Er hat Ideen, er könnte . . . Ach, zum Teufel! Und er ist stark wie Herkules. Er ist schon brauchbar, aber nicht sehr. Und du siehst ja selbst: er wäscht sich die Hände nicht. Ich habe ihn einer Dame empfohlen, einer vornehmen alten Dame, und habe ihr gesagt, er bereue seinen Lebenswandel und wolle sich aus Gewissensbissen umbringen, aber er geht zu ihr hin, setzt sich und fängt an zu pfeifen. Und der andre, der hübsche, ist der Sohn von einem General; seine Familie will nichts von ihm wissen, ich habe ihn direkt dem Gericht aus den Fingern gerissen, ich hab' ihn gerettet, und er lohnt es mir so. Hier gibt es nichts Gescheites! Ich geb' ihnen schon noch einmal einen Tritt, einen Tritt geb' ich ihnen!«

»Sie wissen meinen Namen: hast du mit ihnen von mir gesprochen?«

»Ich war so dumm. Weißt du, wenn man so nach dem Essen zusammensitzt, da geht einem mal der Mund durch . . . Es kommt noch eine fürchterliche Kanaille hin. Weißt du, das ist schon wirklich eine fürchterliche Kanaille und furchtbar schlau; das sind hier alles Spitzbuben; hier gibt es nicht einen anständigen Menschen! Na, wenn ich erst mit einer Sache fertig bin, dann . . . Was ißt du denn gern? Na, das ist ja egal, man ißt dort ausgezeichnet. Ich bezahle, sei ganz ruhig. Schön, daß du gut angezogen bist. Ich kann dir Geld geben. Komm nur immer. Stell' dir vor, ich hab' ihnen Essen und Trinken gegeben, jeden Tag Fischpastete; die Uhr, die er verkauft hat – das ist schon das zweitemal. Dieser Kleine, Trischatow heißt er, – du hast ja gesehen, Alphonsine ekelt sich davor, ihn bloß anzusehen, und läßt ihn nicht in ihre Nähe kommen – und im Restaurant, in Gegenwart von Offizieren, sagt er auf einmal: ›Ich will Schnepfen.‹ Ich habe Schnepfen für ihn bestellt. Aber ich streich' es ihm schon noch an.«

»Weißt du noch, Lambert, wie wir beide in Moskau damals in die Kneipe fuhren und wie du mich in der Kneipe mit der Gabel piektest, und wie du damals fünfhundert Rubel hattest?«

»Ja, freilich! O Teufel, freilich weiß ich das noch! Ich hab' dich gern . . . Das kannst du mir glauben. Dich hat kein Mensch gern, aber ich habe dich gern; ich ganz allein, vergiß das nicht . . . Der andre, der dorthin kommt, der Pockennarbige, – das ist eine furchtbar schlaue Kanaille; antworte ihm gar nicht, wenn er mit dir zu reden anfängt, und wenn er dich fragt, antworte ihm nur dummes Zeug, oder halt lieber den Mund . . .«

Wenigstens fragte er mich infolge seiner Aufregung unterwegs über gar nichts aus. Ich fühlte mich sogar gekränkt, daß er meiner so sicher war und gar nicht auf die Vermutung kam, ich könnte mißtrauisch gegen ihn sein; mir schien es so, als hätte er die dumme Idee, er könnte mich noch immer so kommandieren wie in alten Zeiten. »Und außerdem ist er fürchterlich ungebildet«, dachte ich bei mir, als wir das Restaurant betraten.

 

3

In diesem Restaurant, auf der Morskaja, hatte ich auch früher schon verkehrt, in der Zeit, da ich am tiefsten gesunken und ganz verderbt gewesen war; und deshalb gab es mir einen Stich, als ich diese Räume wiedersah und diese Kellner, die mich interessiert musterten und in mir einen früheren Stammgast wiedererkannten; und ebenso wirkten Lamberts rätselhafte Freunde auf mich, in deren Gesellschaft ich mich so auf einmal befand und zu denen ich schon wie untrennbar gehörte; nicht zum wenigsten aber auch das dunkle Vorgefühl, daß ich mich hier freiwillig auf allerhand Gemeinheiten einließ und sicherlich mit etwas Häßlichem endigen würde . . . Es kam ein Moment, wo ich beinahe wieder gegangen wäre; aber dieser Moment ging vorüber, und ich war noch da.

Jener »Pockennarbige«, vor dem Lambert sich, Gott weiß warum, so fürchtete, erwartete uns schon. Es war ein Mann mit einer von jenen dumm-geschäftigen Physiognomien, die ich schon fast seit meinen ersten Kinderjahren verabscheue; er mochte fünfundvierzig Jahre zählen, war mittelgroß, hatte leicht ergraute Haare und ein geradezu widerlich glattrasiertes Gesicht, das außerordentlich flach und böse war und an beiden Wangen von kleinen, wohlabgezirkelten grauen Bartkoteletten in Gestalt kleiner Würstchen begrenzt wurde. Selbstverständlich war er langweilig, ernsthaft, wortkarg und sogar sehr von oben herab, wie alle solche Leute, ich weiß nicht warum, zu sein pflegen. Er musterte mich sehr aufmerksam, sagte aber kein Wort; und Lambert war so dumm, daß er uns, trotzdem wir uns an denselben Tisch setzten, nicht miteinander bekannt machte und der andre mich also für einen der Erpresser aus Lamberts Gefolge halten konnte. Mit den beiden jungen Leuten (die beinahe gleichzeitig mit uns eingetroffen waren) sprach der Fremde gleichfalls während der ganzen Mahlzeit kein Wort, aber man konnte trotzdem deutlich sehen, daß er sie sehr genau kannte. Er sprach nur mit Lambert, ich weiß nicht, worüber, und auch dieses Gespräch wurde fast im Flüstertone geführt, und auch hier sprach Lambert beinahe allein; der Pockennarbige äußerte sich nur in abgerissenen, grimmigen Worten, die immer wie Ultimata klangen. Er benahm sich äußerst hochmütig und war böse und höhnisch, während Lambert im Gegensatz dazu in großer Aufregung war und ihm die ganze Zeit sichtlich gute Worte gab, wahrscheinlich, um ihn zu irgendeiner Unternehmung zu überreden. Einmal streckte ich meine Hand nach einer Rotweinflasche aus; da ergriff der Pockennarbige, der vorher kein Wort mit mir gewechselt hatte, plötzlich eine Flasche Sherry und reichte sie mir.

»Versuchen Sie den da«, sagte er dabei. Da erriet ich auf einmal, daß er sicher schon alles irgendwie Wissenswerte über mich wußte – meine Geschichte so gut wie meinen Namen, und vielleicht auch, was Lambert mit mir vorhatte. Der Gedanke, daß er mich für einen dienstbaren Geist Lamberts halten könnte, ließ die Wut abermals in mir emporkochen; in Lamberts Gesicht aber zeigte sich die höchste und dümmste Beunruhigung, sobald der andre nur das Wort an mich richtete. Der Pockennarbige bemerkte das sehr gut und fing an zu lachen. »Selbstverständlich haben die alle Lambert in den Händen,« dachte ich bei mir und haßte ihn in diesem Augenblick aus vollem Herzen. So saßen wir allerdings die ganze Mahlzeit über an einem Tisch, bildeten aber dennoch zwei getrennte Gruppen: am Fenster saßen der Pockennarbige und Lambert einander gegenüber, am andern Ende ich neben dem schmierigen Andrejew, und mir gegenüber Trischatow. Lambert hatte es sehr eilig mit dem Servieren der Gänge und trieb den Kellner alle Augenblicke zur Eile. Als der Champagner gebracht wurde, hielt er mir plötzlich sein Glas herüber.

»Auf dein Wohl! Stoßen wir an!« unterbrach er sein Gespräch mit dem Pockennarbigen.

»Erlauben Sie mir auch, mit Ihnen anzustoßen?« fragte der hübsche Trischatow und hielt mir sein Glas über den Tisch hin entgegen. Bis zum Champagner war er auffallend nachdenklich und schweigsam gewesen. Der dadais hatte überhaupt noch kein Wort gesagt, sondern war stumm gewesen und hatte viel gegessen.

»Mit Vergnügen«, sagte ich zu Trischatow. Wir stießen an und tranken aus.

»Ich für mein Teil trinke nicht auf Ihr Wohl,« sagte der dadais und wendete sich plötzlich zu mir herum, »nicht weil ich Ihnen Böses gönnte, sondern damit Sie heute hier nicht mehr trinken.« Er sagte das düster und gewichtig. »Sie haben auch mit drei Gläsern genug. – Ich sehe, Sie betrachten meine ungewaschne Faust,« fuhr er fort und legte die Faust vor sich auf den Tisch, »ich wasche sie nicht und vermiete sie so ungewaschen an Lambert zum Einschlagen fremder Hirnschalen, in Fällen, die für Lambert peinlich sind.« Und als er das gesagt hatte, drosch er plötzlich mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß alle Teller und Gläser tanzten. Außer unserm waren noch vier Tische in diesem Zimmer besetzt: von Offizieren und anderen Herren von vornehmer Haltung. Das Restaurant war gerade in Mode. Für einen Augenblick verstummten alle Gespräche, und aller Augen wendeten sich in unsre Ecke: ich täusche mich wohl auch nicht, wenn ich sage, daß wir schon lange etwas Aufsehen erregt hatten. Lambert wurde puterrot.

»Was, fängt er schon wieder an? Ich dächte doch, ich hab' Sie gebeten, sich doch wenigstens einigermaßen zu benehmen, Nikolaj Semionowitsch«, flüsterte er Andrejew wutentbrannt zu. Der musterte ihn mit einem langen, langsam wandernden Blick.

»Ich will nicht, daß mein neuer Freund Dolgorowky heute hier zuviel trinkt«, sagte er.

Lambert wurde noch wütender. Der Pockennarbige hörte schweigend, aber mit sichtlicher Befriedigung zu. Andrejews Ausfall war ihm aus irgendeinem Grunde angenehm. Ich ganz allein verstand nicht, weshalb ich eigentlich nicht mehr trinken sollte.

»Das macht er nur, damit ich ihm Geld gebe! Sie bekommen noch sieben Rubel, verstanden, nach dem Essen – nur lassen Sie uns in Ruhe fertig essen und blamieren Sie uns nicht«, rief Lambert ihm knirschend zu.

»Aha!« blökte der dadais sieghaft. Das entzückte den Pockennarbigen geradezu, und er begann boshaft zu kichern.

»Hör' mal, du bist schon sehr . . .«, sagte Trischatow unruhig und mit fast leidendem Ausdruck zu seinem Freunde; er wollte ihn sichtlich zurückhalten. Andrejew verstummte, aber nicht für lange; das paßte ihm nicht in seinen Kram. Durch einen Tisch von uns getrennt, fünf Schritte entfernt, speisten zwei Herren, die sich lebhaft miteinander unterhielten. Es waren zwei sehr kritisch aussehende Herren in mittleren Jahren. Der eine war lang und sehr dick, der andre gleichfalls sehr dick, aber klein. Sie unterhielten sich auf polnisch über die neuesten Ereignisse in Paris. Der dadais hatte sie schon lange neugierig beobachtet und hinübergehorcht. Der Kleinere von den Polen erschien ihm augenscheinlich als eine komische Figur, und er hatte sogleich einen Haß auf ihn geworfen, wie es bei Leuten, die an der Galle oder an der Leber leiden, so häufig ohne jede besondre Veranlassung vorzukommen pflegt. Plötzlich sprach der kleine Pole den Namen des Deputierten Madier de Montjeau aus, sprach ihn aber nach der Gewohnheit sehr vieler Polen polnisch aus, das heißt mit dem Ton auf der vorletzten Silbe; er sagte also nicht Madiér de Montjeáu, sondern Mádier de Móntjeau. Mehr brauchte es für den dadais nicht. Er wendete sich an die Polen, richtete sich mit Elan auf und sagte artikuliert und laut, als richte er eine Frage an sie:

»Madiér de Montjeáu?«

Die Polen drehten sich wütend nach ihm um.

»Wie beliebt?« schrie der große, dicke Pole drohend auf russisch. Der dadais wartete einen Augenblick.

»Madiér de Montjeáu?« rief er dann noch einmal, daß es durch den ganzen Saal schallte, ohne weiter irgendeine Erklärung für seine Worte zu geben, genau so dumm, wie er vorhin an der Tür drohend auf mich zugetreten war und mehrmals: »Dolgorowky« gerufen hatte. Die Polen sprangen auf, Lambert stürzte hinter dem Tisch hervor und wollte auf Andrejew zu, ließ ihn dann aber stehen, lief zu den Polen hin und begann sie untertänigst um Entschuldigung zu bitten.

»Das sind Hanswurste, Panie, das sind Hanswurste!« sagte der kleine Pole voller Verachtung und rot vor Zorn wie eine Möhre. »Man kann bald nicht mehr herkommen!« – Auch sonst im Saale entstand eine Unruhe, es wurde teilweise gleichfalls gemurrt, hauptsächlich aber wurde gelacht.

»Kommen Sie mit . . . bitte . . . kommen Sie!« murmelte Lambert, der vollkommen die Fassung verloren hatte und sich Mühe gab, Andrejew auf irgendeine Weise aus dem Lokale zu entfernen. Der musterte Lambert prüfend und erriet, daß dieser wohl gleich jetzt mit dem Gelde herausrücken würde; so willigte er denn ein, mit ihm zu gehen. Wahrscheinlich hatte er schon mehr als einmal durch solche schamlose Kniffe bei Lambert Geld herausgeschlagen. Trischatow wollte ihnen schon nachlaufen, sah dann aber mich an und blieb da.

»Ach, wie ekelhaft!« sagte er und bedeckte seine Augen mit den feinen Fingerchen.

»Wirklich sehr ekelhaft«, flüsterte der Pockennarbige, der jetzt nicht mehr belustigt, sondern geärgert aussah. Lambert kam mit fast leichenblassem Gesichte zurück und begann mit lebhaften Gesten dem Pockennarbigen etwas in die Ohren zu wispern. Der hatte inzwischen dem Kellner gesagt, er solle möglichst schnell den Kaffee servieren; er hörte nur widerwillig auf Lambert; er wollte augenscheinlich möglichst schnell fortkommen. Und dabei war die ganze Sache doch nur ein einfacher Dummejungenstreich gewesen. Trischatow kam mit seiner Kaffeetasse zu mir herüber und setzte sich neben mich.

»Ich hab' ihn sehr gern«, begann er mit einem so offnen Gesicht, als hätte er hierüber mit mir schon hundertmal gesprochen. »Sie glauben nicht, wie unglücklich Andrejew ist. Er hat die Mitgift seiner Schwester verschlemmt und vertrunken, und er hat überhaupt alles, was sie besaßen, in dem einen Jahre verschlemmt und vertrunken, in dem er im Dienst war; und ich sehe ihm an, daß ihn das jetzt quält. Und daß er sich nicht wäscht, – das ist bloß Verzweiflung. Und er hat furchtbar sonderbare Ideen: er sagt plötzlich zu einem, ein Spitzbube und ein ehrlicher Mensch, das wäre alles eins, und da gäbe es gar keinen Unterschied: und darum müsse man überhaupt nichts tun, nichts Gutes und nichts Schlechtes, oder vielmehr: es wäre ganz gleich, man könnte auch Gutes tun oder Schlechtes, das gescheiteste aber wäre, herumzuliegen, ohne auch nur einmal im Monat die Kleider zu wechseln, und zu trinken und zu essen und zu schlafen – und weiter nichts. Aber glauben Sie mir, das sagt er nicht bloß so. Und wissen Sie, ich glaube sogar: diese ganzen Albernheiten eben hat er nur deshalb gemacht, weil er endgültig mit Lambert brechen wollte. Er hat es mir erst gestern gesagt. Wollen Sie es glauben: manchmal nachts, oder wenn er lange allein sitzt, fängt er an zu weinen, und wissen Sie, er weint so ganz sonderbar, wie sonst kein Mensch weint; er schluchzt so laut, er schluchzt schrecklich, und, wissen Sie, das tut einem noch weher . . . Und dann ist er doch so groß und so stark, und auf einmal fängt er ganz laut zu weinen an. Was für ein armer Teufel, nicht wahr? Ich will ihn retten, aber ich bin ja selber so ein schlechter Kerl, so ein verkommener Bengel, daß Sie es nicht glauben würden! Würden Sie mich empfangen, Dolgorukij, wenn ich Sie einmal aufsuchen würde?«

»Oh, kommen Sie nur, ich hab' Sie sogar sehr gern.«

»Weswegen denn? Na; also ich danke Ihnen. Hören Sie mal, trinken wir noch ein Glas! Übrigens, was rede ich da? Trinken Sie lieber nichts mehr. Da hat er sehr recht gehabt, als er sagte, Sie dürften nichts mehr trinken,« nickte er mir plötzlich bedeutsam zu, »aber ich trinke doch noch ein Glas. Bei mir macht es nichts mehr; und wollen Sie es glauben, daß ich mir nichts versagen kann? Man braucht mir nur zu sagen, ich könnte nicht mehr in den Restaurants dinieren, dann bin ich zu allem bereit, bloß um nur wieder dinieren zu können. Oh, ich versichere Sie, wir haben den ehrlichen Willen, anständige Menschen zu sein, aber wir verschieben es nur immer, und . . .

Die Jahre vergehen, die herrlichsten Jahre!

Ich habe furchtbare Angst – er hängt sich noch einmal auf. Er geht hin und sagt keinem ein Wort davon. Er ist so ein Mensch. Heutzutage hängen sich alle auf – was weiß ich! – vielleicht gibt's viele Leute, wie wir sind? Ich zum Beispiel kann ohne überflüssiges Geld einfach nicht leben. Aufs Überflüssige kommt es mir viel mehr an als aufs Notwendige. Sagen Sie, lieben Sie Musik? Ich schwärme dafür. Ich werde Ihnen etwas vorspielen, wenn ich zu Ihnen komme. Ich spiele sehr gut Klavier und habe sehr lange Musik studiert. Ganz ernsthaft studiert. Wenn ich eine Oper komponieren würde, würde ich das Sujet aus dem ›Faust‹ nehmen. Ich liebe dieses Thema sehr. Ich komponiere mir immer die Szene im Dome, bloß so im Kopf komponiere ich sie mir. Ein gotischer Dom, von innen gesehen; Chöre, Hymnen; Gretchen tritt ein; natürlich – mittelalterliche Hymnen, daß man das ganze fünfzehnte Jahrhundert heraushört. Gretchen ist in Verzweiflung; zuerst ein Rezitativ, leise, aber schrecklich, qualvoll, und die Chöre dröhnen düster, streng, teilnahmlos:

Dies irae, dies illa!

Und auf einmal – die Stimme des Teufels, die Arie des Teufels. Er ist unsichtbar, bloß eine Stimme, neben den Hymnen, gleichzeitig mit den Hymnen, fast zusammenfallend mit ihnen, und dabei doch ganz etwas andres – so irgendwie müßte man das machen. Eine lange, unermüdliche Arie, für Tenor, unbedingt für Tenor. Sie fängt leise an, zärtlich: ›Erinnerst du dich, Gretchen, wie du, noch unschuldig, ein Kind noch, mit deiner Mutter in diese Kirche kamst und Gebete lalltest aus dem alten Buche?‹ Aber die Arie wird immer stärker, immer leidenschaftlicher, immer wilder; die Noten werden höher: Tränen sind darin, Schmerz, unerschöpflicher unentrinnbarer Schmerz, und zuletzt die Verzweiflung: ›Keine Vergebung, Gretchen, keine Vergebung hier für dich!‹ Gretchen will beten, aber ihrer Brust entringen sich nur Schreie – wissen Sie, wenn es in der Brust so zittert vor Tränen – aber Satans Arie verstummt immer noch nicht, sondern bohrt sich immer tiefer in ihr Herz, wie eines Messers Schärfe, immer höher schwingt sich der Ton – und plötzlich reißt er ab mit dem fast geschrienen: ›Alles zu Ende, du bist verdammt!‹ Gretchen sinkt in die Knie, sie ringt die Hände – und dann kommt ein Gebet, etwas ganz Kurzes, halb rezitativ, aber naiv, ohne jede Künstelei, etwas im höchsten Grade Mittelalterliches, vier Verse, im ganzen bloß vier Verse – in ›Stradella‹ kommen so ein paar Noten vor – und beim letzten Ton fällt sie in Ohnmacht. Große Verwirrung. Sie wird aufgehoben, hinausgetragen – und da setzt auf einmal ein donnernder Chor ein. Das müßte gleichsam ein Schlag von Stimmen sein, ein begeisterter, sieghafter, erdrückender Chor, etwa wie bei uns: ›dori-no-si-ma tschinmi‹ (den von Engelsscharen auf Speeren dahingetragenen . . .), so daß alles in seinen Grundfesten erzittert, und dann läuft alles in ein feierliches, jauchzendes Hosianna aus! – Gleichsam ein Aufschrei des ganzen Weltalls, und sie wird weiter und weiter getragen, und dann fällt der Vorhang! Nein, wissen Sie, wenn ich nur könnte, würde ich schon etwas machen! Leider kann ich nur überhaupt gar nichts mehr, ich träume nur immer. Ich träume immer und träume; mein ganzes Leben hat sich in einen einzigen Traum verwandelt, auch nachts träume ich. Ach, Dolgorukij, haben Sie den ›Old curiosity shop‹ von Dickens gelesen?«

»Ja; und . . .?«

»Erinnern Sie sich . . .? Warten Sie, ich trinke noch ein Glas – erinnern Sie sich noch an die eine Stelle am Schlusse, wo die beiden – der wahnsinnige Alte und das reizende dreizehnjährige Mädchen, seine Enkelin – nach ihrer phantastischen Flucht und ihren Irrfahrten endlich irgendwo ganz am Ende Englands eine Zuflucht gefunden haben, in der Nähe einer mittelalterlichen gotischen Kathedrale; und das Mädchen bekommt da ein Amt: sie muß den Besuchern die Kirche zeigen . . . Und da geht nun einmal die Sonne unter, und dieses Kind steht in der Vorhalle der Kirche, ganz umflossen von den letzten Strahlen, es steht und blickt in den Sonnenuntergang hinein, eine stille Betrachtung in seinem kindlichen Herzen, in einem Herzen, das staunt, als stünde es vor irgendeinem Rätsel, denn es ist ja auch beides gleichsam wie ein Rätsel – die Sonne als ein Gedanke Gottes, und die Kathedrale als Menschengedanke . . . nicht wahr? Ach, ich kann das nicht so ausdrücken, aber Gott liebt solche ersten Gedanken von Kindern . . . Und da neben ihr, auf den Stufen, sitzt dieser wahnsinnige Alte, ihr Großvater, und sieht sie unverwandt an . . . Wissen Sie, es ist ja gar nichts Besondres an diesem Bild bei Dickens, einfach gar nichts; aber man vergißt es im Leben nicht, und es ist im Gedächtnis von ganz Europa geblieben – warum? Das ist das Schöne! Das macht die Unschuld! Ach was, ich weiß nicht, was das ist, aber es ist schön. Ich habe, als ich noch auf dem Gymnasium war, immer Romane gelesen. Wissen Sie, ich habe eine Schwester, draußen auf unserm Gut, die ist bloß ein Jahr älter als ich . . . Ach, jetzt ist das alles schon längst verkauft, und das Gut haben wir auch nicht mehr! Ich hab' mit ihr auf der Terrasse gesessen, unter alten Linden, und da haben wir diesen Roman zusammen gelesen, und die Sonne ging da auch gerade unter, und plötzlich hörten wir auf zu lesen und sagten einander, wir wollten auch gut sein, wir wollten auch edel sein – ich stand damals vor dem Abgange von der Universität und . . . Ach, Dolgorukij, wissen Sie, so hat jeder seine Erinnerungen!«

Und plötzlich lehnte er seinen hübschen Kopf an meine Schulter und fing an zu weinen. Er tat mir sehr, sehr leid. Es ist ja richtig, er hatte viel Wein getrunken, aber er hatte doch so offen und so brüderlich mit mir gesprochen, mit so echtem Gefühl . . . In diesem Augenblick erscholl plötzlich von der Straße herein Geschrei, und starke Faustschläge donnerten an unser Fenster (es war ein großes Fenster mit einer Scheibe aus einem Stück und es befand sich im Erdgeschoß, so daß man es mit der Hand von der Straße aus erreichen konnte). Das war der hinausbeförderte Andrejew.

»Ohé, Lambert! Où est Lambert? As-tu vu Lambert?« scholl sein wildes Geschrei von der Straße herein.

»Ach, er ist also noch da! Er ist also nicht gegangen?« rief mein junger Freund und sprang auf.

»Zahlen!« rief Lambert knirschend dem Kellner zu. Ihm zitterten direkt die Hände vor Wut, während er die Rechnung machte; der Pockennarbige aber wollte nicht dulden, daß er für ihn bezahle.

»Warum denn? Ich habe Sie doch eingeladen, und Sie haben meine Einladung angenommen?«

»Nein, Sie müssen schon gestatten . . .«, sagte der Pockennarbige, zog sein Portemonnaie hervor, rechnete seinen Anteil zusammen und bezahlte für sich.

»Das nehme ich direkt übel, Semion Sidorowitsch!«

»Ich tue es aber nicht anders«, sagte Semion Sidorowitsch kurz abschneidend, nahm dann seinen Hut und verließ ganz allein, ohne sich von jemand zu verabschieden, das Zimmer. Lambert warf dem Kellner das Geld hin und lief hastig hinter ihm her, wobei er in seiner Verwirrung sogar mich ganz vergaß. Trischatow und ich gingen als die letzten hinaus. Andrejew stand wie ein Werstpfahl an der Anfahrt und wartete auf Trischatow.

»Taugenichts!« konnte sich Lambert nicht enthalten, ihm zuzurufen.

»Hoho!« brüllte Andrejew zurück und schlug ihm mit einem Hiebe seinen runden Hut herunter, daß er aufs Trottoir kollerte. Lambert lief mit blamablem Eifer hinterher und hob ihn auf.

»Vingt-cinq roubles!« sagte Andrejew und zeigte Trischatow die Banknote, die er Lambert vorhin abgerungen hatte.

»Hör' doch auf!« rief ihm Trischatow zu. »Warum spielst du dich immer so auf? Und warum knöpfst du ihm fünfundzwanzig ab? Du hattest doch nur sieben zu bekommen.«

»Warum ich es ihm abgeknöpft habe? Er hat uns ein Diner in einem Chambre séparée versprochen, mit Weibern aus Athen, aber statt der Weiber hat er uns das Pockengesicht serviert; und außerdem hab' ich nicht fertig gegessen und hab' hier in der Kälte für mindestens achtzehn Rubel gefroren. Sieben Rubel war er mir noch schuldig – also, das macht genau fünfundzwanzig.«

»Schert euch zum Teufel, alle beide!« brüllte Lambert. »Ich schmeiße euch alle beide 'raus, ich bringe euch die Flötentöne schon bei . . .«

»Lambert, ich schmeiße Sie 'raus, ich bringe Ihnen die Flötentöne schon bei!« schrie Andrejew. »Adieu, mon prince, trinken Sie nichts mehr! Petja, vorwärts marsch! Ohé, Lambert! Où est Lambert? As-tu vu Lambert?« grölte er zum letztenmal und entfernte sich mit riesigen Schritten.

»Also, ich komme mal zu Ihnen? Darf ich?« flüsterte mir Trischatow noch schnell zu und eilte seinem Freunde nach.

Ich blieb mit Lambert allein.

»Na . . . gehn wir also!« sagte er, mühsam Atem holend und fast duselig.

»Wohin soll ich gehen? Nirgend geh' ich mit dir hin!« beeilte ich mich herausfordernd zu schreien.

»Was, du willst nicht mit?« fuhr er erschrocken auf und erwachte mit einem Male gleichsam. »Ich habe ja doch nur darauf gewartet, daß wir allein bleiben!«

»Ja, wohin sollen wir denn gehen? Ich muß gestehen, mir summt es schon ein bißchen im Kopf von den drei Gläsern Champagner und den zwei Gläsern Sherry.«

»Gleich hier, gleich hier hinein; siehst du?«

»Da steht ja ›Frische Austern‹. Da riecht es so scheußlich.«

»Das ist nur, weil du vom Essen kommst; das ist der Miliutinsche Laden; Austern brauchen wir ja nicht zu essen, aber Champagner sollst du haben . . .«

»Ich mag nicht! Du willst mich besoffen machen.«

»Das haben dir die Kerle gesagt; sie machen sich bloß lustig über dich; du glaubst diesen Halunken!«

»Nein, Trischatow ist kein Halunke. Und ich verstehe mich auch schon selber vorzusehen – verstanden?«

»Was, du willst deinen eignen Kopf haben?«

»Jawohl, ich hab' mehr meinen eignen Kopf als du, denn du machst ja den gehorsamen Diener des ersten besten, der dir in den Weg läuft. Du hast uns blamiert, du hast die Polacken um Verzeihung gebeten wie ein Bedienter. Man merkt schon, daß du schon öfter in den Restaurants Keile bekommen hast.«

»Wir müssen aber doch miteinander sprechen, Schafskopf!« schrie er mit jener verachtungsvollen Ungeduld, die beinahe sagte: »Du gehörst ja doch auch zu meiner Sorte!« – »Hast du vielleicht Angst, was? Bist du mein Freund oder nicht?«

»Ich bin kein Freund von deinesgleichen, und du bist ein Spitzbube. Also komm, nur um dir zu beweisen, daß ich keine Angst vor dir habe! Pfui, wie scheußlich es da stinkt, nach Käse stinkt es! Ferkelei!«

 

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