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Ein Werdender - Erster Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Erster Band - Kapitel 9
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typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Erster Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
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Achtes Kapitel

1

Am nächsten Morgen wollte ich so früh wie möglich aufstehen. Gewöhnlich standen wir so gegen acht auf, das heißt ich, meine Mutter und meine Schwester; Wersilow ließ sich es bis halb zehn im Bette wohl sein. Genau um halb neun pflegte meine Mutter mir den Kaffee zu bringen. Aber diesmal wartete ich den Kaffee nicht ab und drückte mich Schlag acht Uhr aus dem Hause. Ich hatte mir schon am Abend einen allgemeinen Operationsplan für diesen ganzen Tag zurechtgelegt. Trotzdem ich leidenschaftlich entschlossen war, diesen Plan ohne Zaudern zur Tat werden zu lassen, empfand ich schon im voraus, daß er in den allerwichtigsten Punkten viel Unsicheres und Unbestimmtes enthielt, und deshalb war ich die ganze Nacht beinah im Halbschlaf, lag förmlich in Fieberphantasien, hatte sehr viele Träume und schlief fast kein einziges Mal richtig ein. Trotzdem stand ich am Morgen frischer und munterer auf als je. Meine Mutter zu treffen wollte ich in allererster Linie vermeiden. Ich konnte mit ihr über nichts anderes reden als über das bekannte Thema und hatte Furcht, mich am Ende durch irgendeinen neuen und unerwarteten Eindruck von dem Ziel ablenken zu lassen, das ich mir gesetzt hatte.

Der Morgen war kalt, und ein feuchter, milchiger Nebel, lag über allem. Ich weiß nicht warum, aber der frühe, geschäftige Petersburger Morgen gefällt mir immer, so häßlich er aussieht, und diese ganze an ihre Geschäfte eilende egoistische und immer nachdenkliche Menschheit hat für mich, um acht Uhr früh, etwas besonders Anziehendes. Besonders liebe ich es unterwegs, eilend, entweder selbst eine sachliche Frage an irgend jemand zu richten oder selbst von einem andern nach irgend etwas gefragt zu werden: Frage und Antwort sind immer so kurz, klar, logisch und werden gewechselt, ohne daß man stehenbleibt und fast immer in freundschaftlicher Form, und man ist so gern bereit, zu antworten, wie zu keiner anderen Tageszeit. Der Petersburger wird mitten am Tage und gegen Abend weniger mitteilsam, und mehr noch, er wird geneigter, einen anzuschnauzen und auszulachen; ganz anders ist es früh am Morgen, noch vor der Arbeit, zu der nüchternsten und ernsthaftesten Tageszeit. Ich habe das beobachtet.

Ich ging wieder nach der Petersburger Seite hinüber. Da ich um zwölf Uhr unbedingt wieder auf der Fontanka bei Wasin sein mußte (den man am sichersten um zwölf Uhr traf), so eilte ich sehr und hielt mich nicht einen Moment auf, obgleich ich die größte Lust hatte, irgendwo Kaffee zu trinken. Außerdem mußte ich auch Jefim Sweriow unbedingt treffen; ich ging wieder zu ihm und wäre wirklich um ein Haar zu spät gekommen: er war schon mit seinem Kaffee fertig und im Begriff auszugehen.

»Welcher Wind treibt dich so oft zu mir?« empfing er mich, ohne aufzustehen.

»Das werde ich dir gleich erklären.«

Jeder frühe Morgen, darunter auch der in Petersburg, übt auf die menschliche Natur eine ernüchternde Wirkung. Mancher flammende nächtliche Traumgedanke verdampft im Licht und in der Kälte des Morgens sogar vollkommen, und ich selbst habe es manchmal erlebt, daß ich am Morgen meiner nächtlichen Phantasien, die ich noch eben gehegt, und manchmal auch meiner nächtlichen Taten, mit Selbstvorwürfen und Scham gedachte. Aber beiläufig möchte ich hierbei erwähnen, daß ich den Petersburger Morgen, mag er auch als der prosaischste auf der ganzen Erdkugel erscheinen, – beinahe für den phantastischsten der Welt halte. Das ist meine persönliche Anschauung, oder sagen wir besser, mein persönlicher Eindruck, aber ich stehe dafür ein. An einem solchen Petersburger Morgen, mit seiner Fäulnis, seiner Feuchtigkeit, seinem Nebel, muß sich der wilde Traumgedanke eines Puschkinschen Hermann aus der »Pique-Dame«, glaub' ich, noch festigen und bestärken. (Dieser Hermann ist übrigens eine kolossale Persönlichkeit, ein ungewöhnlicher, echt Petersburger Typus, – ein Typus aus der Petersburger Periode!) Mir ist in diesem Nebel hundertmal die sonderbare aber unabweisliche Phantasie aufgestiegen: »Was aber, wenn dieser Nebel sich teilt und aufwärts steigt? Wird nicht mit ihm auch diese verfaulte, schleimige Stadt aufwärts steigen, wird sie sich nicht erheben mit dem Nebel und schwinden wie Rauch? Und wird nicht nur der ehemalige finnische Sumpf übrigbleiben, und mitten darin vielleicht zur Zier der Eherne Reiter auf dem heiß schnaufenden abgejagten Rosse?« Kurz und gut, ich kann meine Eindrücke nicht in Worte fassen, weil das alles Phantasie ist, – eine Art von Poesie, und also wohl Unsinn; nichtsdestoweniger stieß und stößt mir oft noch eine schon gänzlich sinnlose Frage auf: »Da hasten und jagen sie nun alle, aber wer weiß, vielleicht ist das alles nur ein Traum von irgend jemand, und hier ist nicht ein einziger wirklicher, richtiger Mensch, nicht eine einzige wirkliche Tat? Es wird auf einmal einer aufwachen, der dies alles träumt – und alles wird plötzlich verschwinden.« Aber ich bin abgeschweift.

Eins will ich gleich sagen: es gibt Ideen und Träume in jedem Leben, die scheinbar so exzentrisch sind, daß man sie auf den ersten Blick für hellen Wahnsinn halten muß. Mit einer solchen Phantasie kam ich an diesem Morgen zu Sweriow – zu Sweriow, weil ich sonst niemand in Petersburg hatte, an dem ich mich in diesem Fall hätte wenden können. Und dabei war Jefim gerade der Mensch, an den ich mit solch einem Vorschlag zu allerletzt herangetreten wäre, wenn ich die Wahl gehabt hätte. Als ich ihm gegenüber Platz genommen hatte, kam es mir selber so vor, als ob ich, der personifizierte Fiebertraum, der personifizierten goldenen Mittelmäßigkeit und Prosa gegenübersäße. Aber auf meiner Seite war die Idee und das richtige Gefühl, auf seiner Seite bloß das praktische Argument: so was tut man doch nicht. Kurz und gut, ich erklärte ihm klipp und klar, ich hätte außer ihm in Petersburg niemand, den ich in einer ungewöhnlichen Ehrenangelegenheit als Sekundanten schicken könnte; er wäre mein alter Freund und hätte daher kein Recht, sich zu weigern, und fordern wollte ich den Gardeleutnant Fürst Sokolskij, weil er vor reichlich einem Jahre meinen Vater, Wersilow, in Ems geohrfeigt habe. Ich bemerke hierbei, daß Jefim ganz genau über alle meine Familienverhältnisse Bescheid wußte und über meine Beziehungen zu Wersilow und fast über alles, was ich selbst von Wersilow wußte; ich hatte es ihm bei verschiedenen Gelegenheiten mitgeteilt, natürlich mit Ausnahme einiger Geheimnisse. Er saß da und hörte zu, struppig wie gewöhnlich, wie ein Rabe im Käfig, schweigsam und ernsthaft, aufgeplustert, mit seinen gesträubten weißblonden Haaren. Ein unbewegliches, spöttisches Lächeln wich nicht von seinen Lippen. Dieses Lächeln war um so ekliger, als es durchaus unbeabsichtigt, unwillkürlich war; man sah, daß er sich in diesem Augenblick mir an Verstand und Charakter bedeutend überlegen fühlte. Ich hatte ihn auch in Verdacht, daß er mich außerdem noch wegen der gestrigen Szene bei Dergatschow verachtete; das mußte auch so sein: Jefim ist der Haufe, Jefim ist die Gasse, und das beugt sich immer nur vor dem Erfolge.

»Und Wersilow weiß gar nichts davon?« fragte er.

»Selbstverständlich nicht.«

»Was für ein Recht hast du denn eigentlich, dich in seine Angelegenheiten zu mischen. Das erstens. Und zweitens: was willst du damit beweisen?«

Ich hatte diesen Einwand vorausgesehen und erklärte ihm gleich, es wäre durchaus nicht so dumm, wie er meine. Erstens würde diesem frechen Kerl von einem Fürsten damit bewiesen, daß es auch in unserem Stande Leute gebe, die einen Begriff von Ehre hätten, und zweitens würde Wersilow beschämt und erhielte eine Lektion. Und drittens und hauptsächlich: gesetzt selbst den Fall, daß Wersilow recht gehabt haben sollte, als er auf Grund irgendwelcher Überzeugungen den Fürsten nicht gefordert und sich entschlossen hätte, die Ohrfeige einzustecken, so würde er wenigstens sehen, daß es ein Wesen gäbe, das in so hohem Grade fähig wäre, die ihm zugefügte Beleidigung zu empfinden, als wäre sie ihm selbst zugefügt, und daß dieses Wesen bereit wäre, selbst sein Leben für seine Interessen zu opfern . . . trotzdem es sich jetzt für ewig von ihm trennen wollte . . .

»Halt, schrei nicht so, meine Tante kann das nicht leiden. Sag' mir doch, mit diesem selben Fürsten Sokolskij hat Wersilow ja einen Erbschaftsprozeß, nicht wahr? Das wäre eine ganz neue und originelle Art, Prozesse zu gewinnen: man knallt den Gegner einfach im Duell nieder.«

Ich erkläre ihm en toutes lettres, er sei einfach dumm und ein frecher Kerl, und es bewiese nur seine Selbstgefälligkeit und Gewöhnlichkeit, wenn sein spöttisches Lächeln immer mehr und mehr wüchse, und er könne doch wohl nicht annehmen, die Erwägung wegen des Prozesses wäre nicht auch in meinem Kopfe aufgegangen, und zwar schon von Anfang an, sondern hätte nur seinen gedankenreichen Kopf eines Besuches für würdig erachtet. Und dann teilte ich ihm mit, daß der Prozeß schon gewonnen, außerdem würde er nicht mit dem Fürsten Sokolskij geführt, sondern mit den Fürsten Sokolskij. Wenn also der eine Fürst fallen sollte, würden immer noch die anderen übrigbleiben, aber trotzdem würde es zweifellos gut sein, die Forderung um die Frist für die Einlegung der Revision zu verschieben (obgleich die Fürsten wohl gar nicht Revision einlegen würden), aber um den äußeren Anstand zu wahren. Nach Ablauf dieser Frist würde dann das Duell stattfinden; ich wäre jetzt auch mit dem Gedanken hergekommen, daß das Duell nicht gleich stattfinden könne, aber ich hätte mich doch eines Sekundanten versichern müssen, weil ich keinen hätte und mit niemand bekannt wäre, damit ich dann später wenigstens einen hätte, und mir Zeit genug bliebe, mir einen zu suchen, falls er, Jefim, es nicht tun wollte. Das wäre der Grund, weswegen ich gekommen.

»Na, dann komm doch dann und frag' mich, aber so läuft er zehn Werst wegen nichts und wieder nichts.«

Er stand auf und nahm seine Mütze.

»Und dann willst du's tun?«

»Nein, ich tu's nicht, selbstverständlich nicht.«

»Warum?«

»Ich tu's schon allein deshalb nicht, weil du mir diese ganze Zwischenzeit tagtäglich auf die Bude laufen wirst, wenn ich jetzt ja sage. Und vor allen Dingen ist das alles Blech, weiter nichts. Und glaubst du, ich will mir deinetwegen meine Karriere verderben? Und wenn der Fürst mich auf einmal fragt: ›Wer schickt Sie her?‹ – ›Herr Dolgorukij‹ – ›Und was geht diesen Herrn Dolgorukij Wersilow an?‹ – Dann muß ich ihm deinen Stammbaum erklären, was? Er wird mir ja ins Gesicht lachen!«

»Dann schlag ihm in die Fresse!«

»Geschwätz!«

»Hast du Angst? Du bist so groß; du warst auf dem Gymnasium der stärkste.«

»Ich hab' Angst, natürlich, ich hab' Angst. Und der Fürst wird sich schon deshalb nicht mit dir schlagen, weil man sich nur mit seinesgleichen schlägt.«

»Ich bin ebenso wie er ein Gentleman nach meinem Bildungsgrad, ich gehöre zu den privilegierten Klassen, ich bin seinesgleichen . . . im Gegenteil, er ist nicht meinesgleichen.«

»Nein, du bist noch klein.«

»Wieso klein?«

»Na, klein; wir beide sind noch klein, und er ist groß.«

»Du Schafskopf! Ich darf nach dem Gesetz schon seit einem Jahr heiraten.«

»Na, dann heirate, aber du bist doch noch nicht trocken hinter den Ohren: du bist ja noch im Wachsen!«

Ich begriff natürlich, daß er sich über mich lustig machen wollte. Zweifellos könnte ich diese dumme Anekdote auch unerzählt lassen, und es wäre sogar besser, wenn sie im Dunkel der Unbekanntheit stürbe, auch ist sie widerlich in ihrer Kleinlichkeit und Überflüssigkeit, wenn sie auch ziemlich ernsthafte Folgen hatte.

Aber um mich noch mehr zu bestrafen, will ich sie ganz erzählen. Als ich durchschaut hatte, daß Jefim sich über mich lustig machte, erlaubte ich mir, ihn mit der rechten Hand, oder richtiger gesagt, mit der rechten Faust gegen die Schulter zu stoßen. Da packte er mich an meinen Schultern, drehte mich mit dem Gesicht nach unten und – bewies mir durch die Tat, daß er wirklich der stärkste bei uns auf dem Gymnasium gewesen war.

 

2

Der Leser wird sich natürlich denken, daß ich in der schrecklichsten Stimmung gewesen wäre, als ich Jefim verließ, aber er irrt sich. Ich begriff zu gut, daß hier eine Schuljungen-, eine Gymnasiastenaffäre passiert war, daß aber der Ernst der Sache unangetastet weiterbestand. Meinen Morgenkaffee trank ich schon auf Wasilij-Ostrow, ich vermied absichtlich das gestrige Wirtshaus auf der Petersburger Seite; dieses Wirtshaus und die Nachtigall darin waren mir doppelt verhaßt geworden. Eine sonderbare Eigenheit: ich bin fähig, Orte und Sachen zu hassen, als ob es Menschen wären. Dafür habe ich in Petersburg auch einige glückliche Orte, das heißt Orte, an denen ich einmal aus irgendeinem Grunde glücklich war, – und was tu' ich? Ich hüte diese Orte und vermeide sie absichtlich möglichst lange, um sie später, wenn ich einmal ganz einsam und unglücklich sein werde, aufsuchen und dort trauern und zurückdenken zu können. Als ich meinen Kaffee getrunken, ließ ich Jefim und seinem gesunden Menschenverstand vollauf Gerechtigkeit widerfahren. Jawohl, er war praktischer als ich, aber schwerlich realer veranlagt. Ein Realismus, dessen Horizont nur bis zur eigenen Nasenspitze geht, ist gefährlicher als die unklugste Phantasterei, weil er blind ist. Aber wenn ich auch Jefim Gerechtigkeit widerfahren ließ (und er dachte sich in derselben Minute wahrscheinlich, ich ginge die Straßen entlang und schimpfte) – ich wich deswegen doch nicht einen Finger breit von meiner Überzeugung, und das tu' ich auch heute noch nicht. Ich habe Leute gesehen, die beim ersten kalten Wasserstrahl nicht nur von ihren Taten zurücktraten, sondern sogar von ihrer Idee, und dann fangen sie selber an zu verlachen, was sie vor kaum einer Stunde für heilig gehalten; oh, wie leicht geht ihnen das von der Hand! Mochte Jefim, selbst dem Wesen der Sache nach, mehr Recht haben als ich, und mochte ich dümmer sein als alles, was dumm ist, und mochte ich vielleicht nur posiert haben, trotz alledem gab es aber in der tiefsten Tiefe der Sache einen Punkt, auf den ich mich nur zu stellen brauchte, um gleichfalls im Rechte zu sein: etwas Richtiges lag auch in meinem Standpunkte, und was die Hauptsache war, etwas, was sie nie verstehen konnten.

In Wasins Wohnung auf der Fontanka, bei der Semionowbrücke, langte ich fast Punkt zwölf Uhr an, traf ihn aber nicht zu Hause. Das Bureau, in dem er arbeitete, lag auf Wasilij-Ostrow, aber er pflegte zu ganz bestimmten Stunden nach Hause zu kommen, unter anderem auch fast regelmäßig um zwölf Uhr. Weil außerdem gerade Feiertag war, hatte ich angenommen, ich würde ihn ganz bestimmt treffen; da ich ihn nicht traf, beschloß ich zu warten, trotzdem ich ihn zum erstenmal besuchte.

Mein Gedankengang war der: die Sache mit dem Briefe wegen der Erbschaft ist eine Gewissenssache, und wenn ich Wasin zum Richter drüber mache, beweise ich damit ohne weiteres, wie hoch ich ihn schätze; und das muß ihm natürlich schmeicheln. Selbstverständlich lag mir dieser Brief in Wirklichkeit schwer auf der Seele, und ich war in der Tat überzeugt, daß ich die Entscheidung eines unbeteiligten Dritten nötig hätte; aber ich habe trotzdem so eine Art Verdacht, daß ich auch damals schon ohne eine Hilfe von außen mich aus dieser Schwierigkeit hätte herausfinden können. Und was die Hauptsache ist, ich wußte das selbst; nämlich, ich hatte weiter nichts zu tun, als den Brief Wersilow selbst einfach in die Hand zu geben; und er mochte dann tun was er wollte, – das war die Lösung. Sich selbst zum höchsten Richter und zum entscheidenden Faktor in einer Sache von der Art zu machen, war sogar im höchsten Grade inkorrekt. Wenn ich mir die Sache dadurch vom Halse schaffte, daß ich den Brief, und zwar schweigend, einfach in Wersilows Hand legte, so hätte ich schon dadurch ganz allein gewonnenes Spiel, weil ich mich damit auf einen Standpunkt stellte, der mich Wersilow überlegen machte; denn ich würde, soweit es mich anginge, auf alle Vorteile aus dieser Erbschaft verzichten (denn mir, als dem Sohne Wersilows, mußte natürlich irgend etwas von diesem Geld zufallen, wenn auch nicht gleich, so doch später einmal), und ich würde mir auf diese Weise für immer einen moralisch überlegenen Blick auf Wersilows künftige Handlungsweise sichern. Es würde mir auch niemand Vorwürfe darüber machen können, daß ich die Fürsten ruiniert hätte, weil ja das Dokument keine entscheidende Bedeutung hätte. Das alles überlegte ich und machte es mir ganz klar, während ich so in Wasins leerem Zimmer saß, und auf einmal kam mir sogar die Idee in den Kopf, ich wäre bei allem meinem Drange, Wasin um Rat zu fragen, wie ich handeln sollte, am Ende nur zu dem Zweck zu ihm gekommen, um ihn sehen zu lassen, was für ein kolossal edler und uneigennütziger Mensch ich wäre, und also wohl, um mich eben dadurch an ihm für meine gestrige Selbsterniedrigung ihm gegenüber zu rächen.

Als mir das alles zu Bewußtsein kam, ärgerte ich mich sehr; nichtsdestoweniger ging ich nicht fort, sondern blieb, obgleich ich genau wußte, daß mein Ärger mit jeden fünf Minuten nur wachsen würde.

Zunächst mißfiel mir Wasins Zimmer plötzlich ganz furchtbar. »Zeig' mir dein Zimmer, und ich will dir sagen, was für einen Charakter du hast«, es ist ja richtig, das könnte man sagen. Wasin bewohnte ein möbliertes Zimmer bei augenscheinlich armen Leuten, die daraus ein Geschäft machten und außer ihm wohl noch andere Abmieter hatten. Ich kenne diese engen, notdürftig möblierten Zimmerchen, die doch den Anspruch machen, komfortabel auszusehen; da fehlt nie der gepolsterte Diwan vom Trödelmarkt, den man lieber nicht von der Stelle rückt, weil er sonst umfallen könnte; das Waschtischchen und das eiserne Bett hinter einem Schirm. Wasin war sichtlich der beste und zuverlässigste Zimmerherr; so einen allerbesten Zimmerherrn hat jede Wirtin, und er genießt immer eine Vorzugsbehandlung; bei ihm wird sorgfältiger aufgeräumt und rein gemacht, über seinem Diwan hängt irgendeine billige Lithographie, unter seinem Tisch breitet sich ein schwindsüchtiger kleiner Teppich. Menschen, die diese schäbige Reinlichkeit und, was die Hauptsache ist, die gefällige Hochachtung solcher Wirtinnen gern haben, – sind an sich verdächtig. Ich war überzeugt, daß der Ruf, der beste Zimmerherr zu sein, Wasin selbst schmeichelte. Ich weiß nicht, warum, aber der Anblick dieser beiden mit Büchern vollgestapelten Tische begann mich langsam wütend zu machen. Die Bücher, die Papiere, das Tintenfaß – alles befand sich in der widerwärtigsten Ordnung, deren Ideal mit der Weltanschauung der wackeren Wirtin und ihrer Dienstmagd zusammenfallen mußte. Bücher waren genug da, und nicht etwa Zeitungen und Zeitschriften, sondern wirkliche Bücher, – und er las sie sichtlich und setzte sich wahrscheinlich zum Lesen und Schreiben mit einer äußerst wichtigen und sorgfältigen Miene hin. Ich weiß nicht, ich habe es lieber, wenn die Bücher unordentlich herumliegen; da wird wenigstens aus der Beschäftigung mit ihnen keine heilige Handlung gemacht. Wahrscheinlich war dieser Wasin sehr höflich gegen jeden Besuch, aber sicherlich sagte jede Geste von ihm zu dem Besuch: »Also jetzt will ich dir ein Stündchen opfern, aber nachher, wenn du fort bist, gehe ich wieder an meine Arbeit.« Wahrscheinlich konnte man sich mit ihm sehr interessant unterhalten und manches Neue von ihm hören, aber – »ich unterhalte mich jetzt mit dir, und ich will dich schon interessieren, aber wenn du fort bist, dann kommt für mich erst wirklich das Interessante an die Reihe . . .« Und trotzdem ging und ging ich nicht, sondern saß und saß. Zu der Überzeugung, daß ich seinen Rat überhaupt nicht nötig hätte, war ich schon endgültig gekommen.

Ich saß vielleicht schon eine Stunde und länger und saß am Fenster auf einem von den zwei Rohrstühlen, die da am Fenster standen. Mich machte auch der Umstand wütend, daß die Zeit verstrich, und ich mußte noch vor Abend eine Wohnung für mich finden. Ich wollte ein paarmal aus Langerweile irgendein Buch vornehmen, tat es aber nicht; der Gedanke allein, mich zu zerstreuen, verdoppelte das widrige Gefühl, das ich empfand. Über eine Stunde hatte die außerordentliche Stille gedauert, da begann ich auf einmal, irgendwo ganz in der Nähe, hinter der Tür, die durch den Diwan verstellt war, unwillkürlich und immer deutlicher ein Flüstern zu vernehmen, das allmählich lauter wurde. Es sprachen zwei Stimmen, allem Anschein nach Frauenstimmen, das hörte man, aber Worte zu unterscheiden war ganz unmöglich; und dennoch begann ich aus Langerweile gewissermaßen zuzuhören. Klar war, daß die Unterhaltung lebhaft und leidenschaftlich geführt wurde, und daß es sich nicht um Schnittmuster handelte: sie suchten sich über irgend etwas zu einigen, oder sie stritten, oder die eine Stimme redete zu und bat, und die andere hörte nicht darauf und widersprach. Es mußten andere Zimmermieter sein. Bald wurde mir die Sache langweilig, und mein Ohr gewöhnte sich daran, so daß ich wohl weiter zuhörte, aber nur ganz mechanisch, und zeitweise ganz vergaß, daß ich zuhörte; da geschah plötzlich etwas ganz Außergewöhnliches. Es war, als wäre jemand mit beiden Füßen zugleich von einem Stuhl hinuntergesprungen oder plötzlich vom Stuhle aufgesprungen und hätte mit den Füßen gestampft: dann ertönte ein Stöhnen, und auf einmal ein Schrei, oder eigentlich nicht mal ein Schrei, sondern mehr ein Kreischen, das tierisch und wütend war und dem es schon vollkommen gleichgültig zu sein schien, ob es gehört wurde oder nicht. Ich stürzte zur Tür und machte sie auf; im selben Augenblick öffnete sich noch eine Tür am Ende des Ganges, die Türe der Wirtin, wie ich später erfuhr, und aus ihr schauten zwei neugierige Köpfe heraus. Allein der Schrei verstummte sofort, und dann ging die Tür neben mir, die Tür meiner Nachbarinnen auf einmal auf, und eine, wie mir schien, junge Frau stürzte schnell heraus und lief die Treppe hinunter. Und die andere, eine bejahrte Frau, wollte sie zurückhalten, konnte es aber nicht und stöhnte nur hinter ihr her:

»Olla, Olla, wohin? Ach Gott!«

Aber als sie unsere beiden Türen offen sah, schloß sie die ihre hastig bis auf eine Ritze, durch die sie nach der Treppe hin horchte, bis Ollas enteilende Schritte ganz verstummt waren. Ich kehrte zu meinem Fenster zurück. Alles war wieder still. Ein müßiger Zufall und vielleicht eine ganz lächerliche Sache, und ich dachte weiter nicht daran.

Etwa eine Viertelstunde darauf erscholl auf dem Gange, direkt vor Wasins Tür, eine fidele laute Männerstimme. Jemand ergriff die Klinke der Tür und öffnete sie so weit, daß ich auf dem Gange einen hochgewachsenen Mann erkennen konnte, der mich augenscheinlich auch schon erblickt hatte und mich sogar musterte, sich aber dabei über den ganzen Gang hin, die Klinke in der Hand, weiter mit der Wirtin unterhielt. Die Wirtin rief ihre Antworten mit einem dünnen und lustigen Stimmchen herüber, und schon an ihrer Stimme merkte man, daß sie den Besucher bereits lange kannte, daß sie ihn verehrte und schätzte, als soliden Gast wie als lustigen Herrn. Der lustige Herr schrie und scherzte, aber es drehte sich nur darum, daß Wasin nicht zu Hause war, daß er ihn absolut nicht treffen konnte, daß ihm das schon von Geburt an vorherbestimmt wäre, und daß er wieder, wie neulich, warten wollte. Und das alles erschien der Wirtin zweifellos kolossal geistreich. Endlich trat der Gast ein und machte die Türe dabei sperrangelweit auf.

Es war ein gut angezogener Herr, der augenscheinlich beim ersten Schneider arbeiten ließ, »herrschaftlich«, wie man sagt, aber dabei sah er doch nichts weniger als herrschaftlich aus, trotz seines sehr sichtbaren Wunsches, so auszusehen. Er war nicht so sehr ungezwungen, als von einer gewissen natürlichen Dreistigkeit, was immerhin noch weniger herausfordernd wirkt als eine Dreistigkeit, die einer sich vor dem Spiegel einstudiert hat. Seine dunkelblonden, leicht ergrauten Haare, seine schwarzen Brauen, sein großer Bart und seine großen Augen gaben ihm nicht nur nichts Charakteristisches, sondern verliehen ihm vielmehr geradezu etwas Allgemeines, jedermann Ähnliches. Solch ein Mensch lacht und ist leicht bereit zu lachen, aber man wird, weiß Gott warum, niemals froh in seiner Gesellschaft. So ein Mensch lacht einen Moment, dann schneidet er eine sehr wichtige Miene, die er dann wieder plötzlich mit einer spaßhaften oder listig zwinkernden vertauscht, aber das alles geschieht ganz unvermittelt und grundlos . . . Übrigens hat es gar keinen Sinn, ihn so im voraus zu beschreiben. Ich habe diesen Herrn nachher viel besser und näher kennengelernt, und deshalb schildere ich ihn jetzt ganz unwillkürlich viel genauer und mit besserer Erkenntnis, als ich sie damals hatte, als er die Tür aufmachte und ins Zimmer trat. Aber auch jetzt noch würde es mir schwerfallen, irgend etwas Genaues und Bestimmtes von ihm zu sagen, denn bei dieser Art Leute ist eben die Hauptsache das Undefinierbare, Unvermittelte und Unbestimmte, das sie haben.

Noch hatte er sich nicht gesetzt, als mir auf einmal die Idee kam, das müßte Wasins Stiefvater oder so jemand sein, ein gewisser Herr Stebelkow, von dem ich schon etwas gehört hatte, aber so flüchtig, daß ich nicht hätte sagen können, was es gewesen: ich erinnerte mich nur noch, daß es nicht gerade zu seinen Gunsten gesprochen hatte. Ich wußte, daß Wasin früh Waise geworden war und lange unter seiner Vormundschaft gestanden hatte, daß er sich aber schon längst von seinem Einfluß frei gemacht hatte, daß ihre Ziele und ihre Interessen ganz verschieden geartet waren, und daß sie in jeder Beziehung ganz getrennt lebten. Ich wußte auch noch, daß dieser Herr Stebelkow einiges Kapital besaß, und sogar, daß er eine Art Spekulant und Geldmann war – kurz und gut, ich hatte vielleicht schon Genaueres von ihm gehört, es aber wieder vergessen. Er maß mich mit seinem Blick, ohne mich übrigens zu begrüßen, stellte seinen Zylinderhut auf den Tisch vor dem Diwan, stieß den Tisch kräftig mit dem Fuß zur Seite und setzte sich nicht etwa, sondern fläzte sich einfach auf den Diwan, auf den ich mich nicht zu setzen getraut hatte, daß er nur so zitterte, streckte seine Beine aus, hob die Spitze seines rechten Lackstiefels in die Luft und betrachtete ihn wohlgefällig. Natürlich drehte er sich dann gleich zu mir um und maß mich mit seinen großen etwas starren Augen.

»Ich kann ihn nicht treffen!« nickte er mir leichthin zu.

Ich schwieg.

»Er ist nicht ganz zuverlässig! Er hat seine eigene Ansicht von der Sache. Von der Petersburger Seite?«

»Das heißt, Sie kommen von der Petersburger Seite?« fragte ich ihn.

»Nein, danach frage ich Sie.«

»Ich . . . ich komme grade von der Petersburger Seite, aber woher wissen Sie das denn?«

»Woher? Hm.« Er zwinkerte mir zu, hielt es aber nicht der Mühe wert, sich näher zu erklären.

»Das heißt, ich wohne nicht auf der Petersburger Seite, aber ich war jetzt auf der Petersburger Seite und komme daher.«

Er fuhr fort schweigend zu lächeln, mit einem gewissen bedeutsamen Lächeln, das mir furchtbar mißfiel. In diesem Zublinzeln lag etwas Dummes.

»Bei Herrn Dergatschow?« fragte er.

»Was ist bei Dergatschow?« Ich machte große Augen.

Er sah mich sieghaft an.

»Ich kenne ihn nicht.«

»Hm.«

»Wie es Ihnen beliebt«, erwiderte ich. Er wurde mir mit der Zeit direkt eklig.

»Hm, ja–wohl. Nein, gestatten Sie mal; Sie kaufen in einem Laden eine Sache, in einem anderen Laden, nebenan, kauft ein anderer Käufer eine andere Sache, was glauben Sie wohl, was er kauft? Geld, – bei einem Kaufmann, den man Wucherer nennt . . . denn Geld ist auch eine Sache, und der Wucherer ist auch ein Kaufmann . . . Folgen Sie mir?«

»Also meinetwegen, ich folge.«

»Ein dritter Käufer geht vorbei, zeigt auf den einen Laden und sagt: ›Das ist gediegen‹, zeigt auf den anderen Laden und sagt: ›Das ist nicht gediegen,‹ Was kann ich daraus für einen Schluß über diesen Käufer ziehen?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Nein, gestatten Sie. Ich sage das beispielsweise; ein gutes Beispiel ist das halbe Leben. Ich gehe auf dem Newskij-Prospekt und bemerke, daß drüben auf dem anderen Trottoir ein Herr geht, dessen Charakter ich gern definieren möchte. Wir gehen so, jeder auf seiner Straßenseite, bis dahin, wo die Morskaja abzweigt, und gerade an der Stelle, wo das Englische Magazin ist, sehen wir einen dritten Herrn, der gerade von einem Wagen überfahren worden ist. Jetzt passen Sie gut auf: ein vierter Herr geht vorüber und möchte den Charakter von uns allen dreien definieren, auch von dem Überfahrenen, in bezug auf praktische Begabung und Gediegenheit . . . Folgen Sie mir noch?«

»Entschuldigen Sie schon, nur mit großer Mühe.«

»Gut! das hatte ich mir auch gedacht. Ich gehe jetzt zu einem anderen Thema über. Ich bin öfter in meinem Leben in deutschen Badeorten gewesen, in Mineralbädern, – in welchen, das tut nichts zur Sache. Ich gehe also in so einem Badeort herum und sehe da Engländer. Mit einem Engländer, das wissen Sie, ist es schwer Bekanntschaft anzuknüpfen; aber nach zwei Monaten, als die Kur beendet ist, sind wir einmal alle in den Bergen, wir steigen in größerer Gesellschaft, mit Bergstöcken, auf einen Berg – wie er heißt, tut nichts weiter zur Sache. An einem Kreuzweg, das heißt, an einer Etappe, und zwar da, wo die Mönche den Chartreuselikör fabrizieren, – merken Sie sich das wohl, – sehe ich einen Eingeborenen stehen, allein, schweigsam vor sich hinschauend. Ich möchte zu einem Schluß über seine Gediegenheit kommen; was glauben Sie nun, werde ich mich deswegen an die Engländerhorde wenden, mit der ich zusammen bin, einzig und allein deswegen, weil ich es in dem Badeorte nicht zustande gebracht habe, mich mit ihnen zu unterhalten?«

»Wie soll ich das wissen. Entschuldigen Sie, aber es fällt mir sehr schwer, Ihnen zu folgen.«

»Schwer?«

»Ja, Sie ermüden mich.«

»Hm.« Er blinzelte mir zu und machte eine Handbewegung, die sichtlich etwas Triumphierendes und Sieghaftes haben sollte; dann zog er ganz solid und ruhig eine Zeitung aus der Tasche, die er augenscheinlich gerade erst gekauft hatte, entfaltete sie, begann auf der letzten Seite zu lesen und schien mich vollständig in Ruhe lassen zu wollen. Fünf Minuten lang sah er mich überhaupt nicht an.

»Brestograjew-Aktien sind doch nicht gefallen, was? Nein, sie sind gestiegen, nein, sie steigen! Da weiß ich viele, die dadurch hereingefallen sind.«

Er sah mich interessiert und offen an.

»Ich verstehe noch nicht viel von diesen Börsensachen«, erwiderte ich.

»Sie leugnen es?«

»Was?«

»Das Geld.«

»Ich leugne das Geld nicht, aber . . . aber mir scheint, zuerst kommt die Idee, dann das Geld.«

»Das heißt, erlauben Sie mal . . . Also, ein Mensch hat eigenes Kapital . . .«

»Zuerst die höhere Idee, dann das Geld; ohne eine höhere Idee würde die Gesellschaft mit ihrem Geld zugrunde gehen.«

Ich weiß nicht, weshalb ich anfing mich zu erhitzen. Er schaute mich etwas stumpf, wie verwirrt an, aber auf einmal zog sich sein Gesicht, zu einem äußerst vergnügten und schlauen Lachen in die Breite.

»Wersilow, was? Er hat es doch erwischt, er hat's erwischt! Gestern hat das Gericht gesprochen, was?«

Ich merkte auf einmal und ganz unerwarteterweise, daß er schon lange wußte, wer ich war, und daß er vielleicht noch so manches andere wußte. Ich verstehe nur nicht, warum ich auf einmal rot wurde und ihn ganz dumm anstarrte, ohne die Augen von ihm zu wenden. Er triumphierte sichtlich, als ob er mich höchst listig auf irgend etwas ertappt und erwischt hätte.

»Nein,« sagte er und zog beide Augenbrauen hoch, »fragen Sie mich nur nach Herrn Wersilow! Was habe ich eben von der Gediegenheit gesagt! Vor anderthalb Jahren hätte er durch die Geschichte mit dem Kind einen großartigen Schnitt machen können, – jawohl, aber er verpaßte die Sache, jawohl!«

»Was für ein Kind?«

»Der Säugling, den er jetzt irgendwo heimlich aufziehen läßt, nun bekommt er gar nichts dafür . . . und darum . . .«

»Was für ein Säugling? Was soll das heißen?«

»Natürlich sein Kind, sein eigenes, von Mademoiselle Lydia Achmakowa . . . ›Ein reizendes Mädchen, das liebte mich heiß‹ . . . Phosphorzündhölzer – was?«

»Was für ein Unsinn, was für ein Blech! Er hat nie ein Kind von der Achmakowa gehabt!«

»Holla! Und wo war ich denn? Ich bin doch auch Doktor und Geburtshelfer. Mein Name ist Stebelkow, haben Sie noch nicht von mir gehört? Es ist ja richtig, ich hatte damals allerdings schon lange nicht mehr praktiziert, aber einen praktischen Rat in einer praktischen Sache konnte ich schon geben.«

»Sie sind Geburtshelfer . . . Sie haben die Achmakowa entbunden?«

»Nein, ich habe die Achmakowa durchaus nicht entbunden! Da in der Vorstadt lebte ein Doktor Grantz, ein armer Teufel mit großer Familie, einen halben Taler bekam er bezahlt, das ist so die Taxe dort bei den Ärzten, und er war außerdem noch ganz unbekannt, so tat er es denn an meiner Stelle . . . Ich hatte ihn auch empfohlen, damit die Sache im Dunkel der Unbekanntheit bliebe. Folgen Sie? Und ich habe Andrej Petrowitsch nur auf eine Frage von ihm einen praktischen Rat gegeben, auf eine höchst diskrete Frage, unter vier Augen. Aber Andrej Petrowitsch wollte lieber zwei Hasen fangen.«

Ich lauschte ihm mit größter Verwunderung.

»›Wer zwei Hasen nachjagt, fängt keinen‹, sagt ein populäres, oder besser gesagt, bäuerisches Sprichwort. Ich möchte sagen: Ausnahmen, die sich ununterbrochen wiederholen, werden zur allgemeingültigen Regel. Er jagte einem anderen Hasen nach, oder, um es in gutes Russisch zu übersetzen: einer anderen Dame – und das Resultat war Null. Hat man mal etwas fest, so soll man's auch halten. Wo alles auf eine Beschleunigung der Sache ankam, druckste er lange herum. Wersilow ist so ein ›Weiberprophet‹ – so bezeichnete das damals der junge Fürst Sokolskij mir gegenüber sehr hübsch. Nein, kommen Sie nur zu mir! Wenn Sie viel über Wersilow erfahren wollen, kommen Sie nur zu mir.«

Er ergötzte sich sichtlich daran, wie ich so dasaß, den Mund offen vor Staunen. Niemals hatte ich auch nur das geringste von diesem kleinen Kinde gehört. Und eben in diesem Augenblick schlug die Tür bei unseren Nachbarinnen zu, jemand trat eilig in ihr Zimmer.

»Wersilow wohnt Semionowskij-Polk, Moshajsker Straße, Haus Litwinow, Nummer 17, ich war selbst im Adreßbureau!« schrie eine laute, erregte Frauenstimme; wir konnten jedes Wort verstehen. Stebelkow zog die Augenbrauen hoch und hob einen Finger über seinem Kopf empor.

»Wir sprechen hier von ihm, und da ist er schon am Werk . . . Da haben wir die Ausnahmen, die sich ununterbrochen wiederholen! Quand on parle d'une corde . . .«

Er lief schnell, hüpfend zum Diwan, setzte sich und begann an der Tür zu horchen, vor der der Diwan stand. Ich war auch ungeheuer überrascht. Ich sagte mir, daß diese lauten Worte wohl von derselben jungen Frau gekommen waren, die vorhin in solcher Aufregung fortgelaufen war. Aber wie kam Wersilow auch in diese Geschichte hinein? Auf einmal erscholl wieder das Kreischen von vorhin, das Gekreisch eines wie vor Zorn tierischen Menschen, dem man irgend etwas nicht geben, oder den man von irgend etwas zurückhalten wollte. Der einzige Unterschied gegen vorhin war, daß das Geschrei und Gekreisch länger anhielten. Man hörte einen Kampf, einzelne hastige, schnelle Worte: »Ich will nicht, gib es mir wieder, gleich gibst du's mir wieder!« – oder so was Ähnliches – ich weiß es nicht mehr genau. Und dann stürzte sich, wieder wie vorhin, jemand hastig zur Tür und öffnete sie. Beide Nachbarinnen liefen auf den Gang hinaus, wobei sichtlich, wie vorhin, eine die andere zurückzuhalten versuchte. Stebelkow, der schon lange vom Diwan aufgesprungen war und mit Genuß gehorcht hatte, sprang zur Tür und lief höchst ungeniert auf den Gang hinaus, direkt auf die Nachbarinnen los. Selbstverständlich eilte ich auch an die Tür. Aber sein Erscheinen auf dem Gang hatte wie ein kalter Wasserstrahl gewirkt: die Nachbarinnen waren schleunigst verschwunden und hatten die Tür hinter sich mit lautem Knall zugeschlagen. Stebelkow wollte ihnen nachstürzen, blieb aber stehen, hob einen Finger, lächelte und überlegte; diesmal bemerkte ich in seinem Lächeln etwas sehr Häßliches, Dunkles und Bösartiges. Er erblickte die Wirtin, die wieder in ihrer Tür stand, und lief schnell auf Zehenspitzen zu ihr hinüber. Als er vielleicht zwei Minuten mit ihr getuschelt und natürlich Auskunft erhalten hatte, kehrte er, jetzt würdevoll und entschlossen, in das Zimmer zurück, nahm seinen Zylinderhut vom Tische, warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel, strich sich durch die Haare und begab sich voll selbstbewußter Würde, ohne mir auch nur einen Blick zu schenken, zu den Nachbarinnen. Einen Moment horchte er, indem er das Ohr an die Tür lehnte und gleichzeitig der Wirtin sieghaft zublinzelte, die ihm mit dem Finger drohte und den Kopf schüttelte, als wollte sie sagen: »Oh, Sie Schelm, Sie!« Endlich nahm er eine entschieden zartfühlende Miene an, ja er krümmte sich direkt vor Zartgefühl, und klopfte mit den Fingerknöcheln bei den Nachbarinnen an. Man hörte eine Stimme:

»Wer ist da?«

»Könnte ich Sie vielleicht in einer äußerst wichtigen Angelegenheit sprechen?« sagte Stebelkow laut und würdevoll.

Sie zauderten, öffneten aber doch, anfangs nur ein bißchen, vielleicht zu einem Viertel; aber Stebelkow ergriff sofort energisch die Klinke und ließ sie nicht wieder zumachen. Es entspann sich eine Unterhaltung, Stebelkow sprach laut und drängte dabei weiter ins Zimmer hinein; ich erinnere mich seiner Worte nicht, aber er sprach von Wersilow, sagte, er könnte ihnen Mitteilungen machen, ihnen alles erklären – »nein, fragen Sie mich nur«, »nein, wenden Sie sich nur an mich« – und dergleichen. Er wurde sehr bald eingelassen. Ich kehrte zu dem Diwan zurück und fing an zu horchen, konnte aber nicht alles verstehen, ich hörte nur, daß viel von Wersilow die Rede war. Am Tonfall seiner Stimme hörte ich, daß Stebelkow das Gespräch schon beherrschte, daß er nicht mehr einschmeichelnd, sondern überlegen und breitspurig sprach, etwa wie vorhin mit mir: »Folgen Sie auch?« – »merken Sie sich das wohl!« Übrigens mußte er außerordentlich freundlich gegen die Frauen sein. Schon zweimal war sein lautes Gelächter erdröhnt, und wahrscheinlich durchaus am unrechten Platze, denn zugleich mit seiner Stimme und sie zuweilen übertönend erklangen die Stimmen der beiden Frauen, die durchaus keinen lustigen Klang hatten, insbesondere die Stimme der jüngeren, die vorhin gekreischt hatte: sie sprach viel, nervös, schnell, klagte sichtlich jemand an und beschwerte sich über ihn, gleichsam Gericht und Richter suchend. Aber Stebelkow ließ nicht nach, er erhob seine Stimme mehr und mehr und lachte öfter und öfter; solche Leute verstehen es nicht, andere anzuhören. Ich verließ den Diwan bald, weil ich mich schämte zu horchen, und begab mich auf meinen alten Platz am Fenster, auf den Rohrstuhl, zurück. Ich war überzeugt, daß Wasin gar nichts von diesem Herrn hielt, daß er aber, sowie ich eine Meinung über ihn äußern würde, mit ernster Würde für ihn eintreten und erbaulich bemerken würde, »das wäre ein Mann der Praxis, einer von den heutigen Geschäftsleuten, und man dürfte ihn nicht von unserem allgemeinen und abstrakten Gesichtspunkt aus verurteilen«. In diesem Augenblick war ich übrigens, weiß ich noch, moralisch ganz wie zerschlagen, mein Herz klopfte, und ich wartete zweifellos auf etwas. Es vergingen vielleicht zehn Minuten, und auf einmal, es war mitten in einem schmetternden Lachausbruch, sprang jemand, ganz wie vorhin, vom Stuhle auf, dann ertönten Schreie von beiden Frauen, ich hörte auch Stebelkow aufspringen, etwas sagen, in einem ganz veränderten Tonfall, als wollte er sich rechtfertigen, als bäte er, ihn ausreden zu lassen . . . Aber man ließ ihn nicht ausreden: es erschollen zornige Rufe: »Hinaus! Sie Nichtsnutz, Sie gemeiner Mensch!« Kurz, es war klar, daß er hinausgeworfen wurde. Ich öffnete die Tür gerade in dem Augenblick, als er aus dem Zimmer der Nachbarinnen auf den Gang heraussprang, und es sah aus, als würde er buchstäblich, das heißt von ihren Händen, hinausgestoßen. Als er mich erblickte, zeigte er auf mich und schrie:

»Da ist Wersilows Sohn! Wenn Sie mir nicht glauben wollen, hier steht sein Sohn, sein eigener Sohn! Bitte schön!« Und er faßte mich, ohne lange zu fragen, am Arm.

»Da ist sein Sohn, sein leiblicher Sohn!« wiederholte er, ohne im übrigen eine nähere Erklärung hinzuzufügen.

Die junge Person stand auf dem Gange, die ältliche einen Schritt hinter ihr, in der Tür. Ich habe nur behalten, daß dies arme Mädchen ganz hübsch war, sie zählte etwa zwanzig Jahre, sah aber elend und kränklich aus, ihre Haare waren rötlich, und ihr Gesicht wies eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner Schwester auf; dieser Zug fuhr mir sogleich durch den Kopf und ist in meinem Gedächtnis haftengeblieben; nur ist Lisa nie so unsinnig wütend gewesen, hätte es wohl nie sein können, wie dieses Mädchen, als ich ihr jetzt gegenüberstand: ihre Lippen waren weiß, die hellgrauen Augen funkelten, sie zitterte vor Empörung am ganzen Leibe. Ich erinnere mich, daß ich selbst mich in meiner ungeheuer dummen und unwürdigen Situation äußerst unbehaglich fühlte, ich wußte absolut nicht, was ich sagen sollte, und das verdanke ich diesem Frechling.

»Was geht mich das an, ob es sein Sohn ist! Wenn er mit Ihnen zusammen ist, ist er ein Halunke. Wenn Sie der Sohn dieses Herrn Wersilow sind, so richten Sie Ihrem Vater von mir aus, daß er ein Halunke ist, ein niedriger, gemeiner Mensch, daß ich sein Geld nicht brauche . . . Da, und da, und da, bringen Sie ihm sofort dies Geld!«

Sie zog eilig ein paar Banknoten aus der Tasche, aber die ältere (das heißt ihre Mutter, wie sich nachher herausstellte) ergriff ihre Hand:

»Olla, aber vielleicht ist es gar nicht wahr, vielleicht ist er gar nicht sein Sohn!«

Olla warf einen schnellen Blick nach mir, überlegte einen Moment, musterte mich voll Verachtung und ging wieder in ihr Zimmer zurück, aber bevor sie die Türe zuschlug, auf der Schwelle, schrie sie Stebelkow noch einmal wütend an:

»Hinaus!«

Und stampfte sogar mit dem Fuße auf. Dann knallte die Tür zu und wurde diesmal verschlossen. Stebelkow, der mich noch immer an der Schulter hielt, hob den Finger, zog den Mund zu einem langen, nachdenklichen Lächeln breit und durchbohrte mich mit einem fragenden Blick.

»Ich finde Ihr Benehmen gegen mich lächerlich und unanständig«, knurrte ich unwillig.

Aber er hörte nicht auf mich, trotzdem er kein Auge von mir verwandte.

»Das müßte man ge-nau aus-kund-schaften!« murmelte er nachdenklich.

»Aber wie konnten Sie sich erlauben, mich da hineinzuziehen? Was soll das alles? Was ist das für ein Frauenzimmer? Sie haben mich einfach an der Schulter gepackt und hingeschleppt, – was soll das eigentlich heißen?«

»Ach, Teufel! So eine, der man ihre Unschuld geraubt hat . . . ›eine sich oft wiederholende Ausnahme‹ – folgen Sie auch?«

Und er spießte mich mit seinem Finger gegen die Brust.

»Ach, Teufel!« sagte ich und stieß seinen Finger weg.

Er aber begann, und zwar ganz überraschend, zu lachen, leise, unhörbar, lange, lustig. Endlich setzte er seinen Hut auf und bemerkte mit plötzlich ganz verändertem, schon wieder finsterem Ausdruck und gerunzelten Brauen:

»Man müßte es der Wirtin sagen . . . man müßte sie aus der Wohnung hinauswerfen – das ist's, und zwar möglichst schnell, sonst machen sie hier noch . . . Na, Sie werden's ja sehen! Denken Sie dran, was ich sage, Sie werden's schon sehen! Teufel!« sagte er, auf einmal wieder ganz lustig, »wollen Sie denn noch auf Grischa warten?«

»Nein, ich warte nicht länger«, erwiderte ich entschlossen.

»Na, es ist auch egal . . .«

Und ohne auch nur noch einen Laut von sich zu geben, ging er hinaus und die Treppe hinunter. Er würdigte die Wirtin, die augenscheinlich Erklärungen und Mitteilungen von ihm erwartete, nicht eines einzigen Blickes. Ich nahm gleichfalls meinen Hut, bat die Wirtin, auszurichten, daß ich, Dolgorukij, dagewesen, und lief die Treppe hinunter.

 

3

Ich hatte nur Zeit verloren. Als ich draußen war, machte ich mich sofort auf die Wohnungssuche; aber ich war zerstreut, streifte mehrere Stunden lang durch allerlei Straßen und besah mir wohl fünf, sechs möblierte Zimmer, bin aber überzeugt, daß ich an zwanzig vorbeigegangen bin, ohne sie zu bemerken. Was mich noch mehr ärgerte, war, daß ich mir nie vorgestellt hatte, daß es so schwer wäre, eine Wohnung zu suchen. Lauter Zimmer, wie das von Wasin, sogar noch bedeutend schlechter, dabei ungeheure Preise, das heißt, im Verhältnis zu meinen Mitteln. Ich verlangte direkt nach irgendeinem Winkel, um nur etwas Billiges zu bekommen, aber man gab mir voll Verachtung zu verstehen, dann müßte ich schon in »die Winkel« gehen. Außerdem waren überall eine Menge höchst sonderbarer Zimmerherren, die ich nur anzusehen brauchte, um mir zu sagen, daß ich mich neben ihnen nicht einleben könnte – ich hätte sogar noch zugezahlt, um nicht neben ihnen wohnen zu müssen. Da waren ausgelassene und neugierige Herren ohne Röcke, in bloßen Westen, mit struppigen Bärten. In einem winzigen Zimmer saßen ihrer zehn Stück bei Karten und Bier, und daneben sollte ich ein Zimmer mieten! An anderen Stellen antwortete ich selbst auf die Fragen der Wirte so ungeschickt, daß sie mich erstaunt ansahen, und in einer Wohnung bekam ich sogar geradezu Krakeel. Übrigens hat es keinen Zweck, alle diese Nichtigkeiten zu beschreiben; ich will nur sagen, daß ich furchtbar abgespannt wurde und schließlich in irgendeiner Garküche etwas zu mir nahm, als es schon fast dämmerig geworden war. Es stand jetzt endgültig bei mir fest, hinzugehen und Wersilow den Brief wegen der Erbschaft zu übergeben (ohne alle Erklärungen), dann wollte ich oben meine Sachen in meinen Handkoffer und ein Bündel packen und für die Nacht, wenn's nicht anders ging, in ein Gasthaus gehen. Ich wußte, daß es am Ende des Obuchowprospektes, in der Gegend des Triumphtores, Einkehrhäuser gab, wo man schon für dreißig Kopeken ein Zimmerchen allein bekommen konnte; für die eine Nacht beschloß ich das auszugeben, um nur nicht mehr bei Wersilow übernachten zu müssen. Als ich schon am Technischen Institut war, fiel es mir auf einmal, Gott weiß warum, ein, zu Tatjana Pawlowna hinaufzugehen, die da gegenüber wohnte. Der eigentliche Vorwand für mich, sie aufzusuchen, war wiederum jener Brief wegen der Erbschaft, aber der unbezwingliche Drang, sie zu besuchen, den ich empfand, hatte natürlich andere Gründe, die ich übrigens auch heute noch nicht recht zu erklären wüßte: in meinem Kopfe war ein Wirrwarr von »einem kleinen Kinde«; »von Ausnahmen, die zur ständigen Regel werden«. Wollte ich mich aussprechen, oder mich zanken, oder einfach losweinen – ich weiß es nicht, jedenfalls stieg ich zu Tatjana Pawlowna hinauf. Ich war bisher nur ein einziges Mal bei ihr gewesen, gleich nach meiner Ankunft aus Moskau, um etwas von meiner Mutter auszurichten, und weiß noch, daß ich damals nur meinen Auftrag bestellt hatte und sogleich wieder gegangen war, ohne mich nur für einen Augenblick zu setzen, wozu sie mich auch gar nicht aufgefordert hatte.

Ich klingelte; ihre Köchin öffnete mir sogleich und ließ mich schweigend eintreten. Alle diese Einzelheiten sind notwendig zum Verständnis dessen, wie es zu dieser verrückten Sache kommen konnte, die auf alles Künftige einen so ungeheuren Einfluß haben sollte. Zunächst muß ich also von der Köchin sprechen. Das war eine bösartige stupsnasige Finnin; sie haßte, glaub' ich, ihre Herrin, Tatjana Pawlowna; diese dagegen konnte sich von ihr nicht trennen; es war so eine Leidenschaft, wie alte Jungfern sie für alte triefnasige Möpse oder ewig schlafende Katzen empfinden. Die Finnin krakeelte und war grob gegen ihre Herrin, oder sie sprach nach irgendeinem Streit wochenlang überhaupt kein Wort, um Tatjana Pawlowna zu strafen. Vermutlich hatte ich gerade so einen schweigsamen Tag getroffen, denn sie antwortete nicht mal auf meine Frage: »Ist das gnädige Fräulein zu Hause?«, die ich, das weiß ich noch ganz genau, an sie richtete, und ging schweigend in ihre Küche. Daraufhin war ich überzeugt, daß ihr Fräulein zu Hause wäre, ging in das Zimmer, und als ich dort niemand fand, schickte ich mich an zu warten, überzeugt, daß Tatjana Pawlowna gleich aus ihrem Zimmer eintreten würde; weswegen hätte die Köchin mich sonst wohl eingelassen? Ich setzte mich nicht und wartete zwei, drei Minuten; es war schon stark dämmerig, und Tatjana Pawlownas dunkle, kleine Wohnung erschien noch unbehaglicher durch die Menge von Kattun, der überall herumhing. Zwei Worte über diese jammervolle kleine Wohnung, damit man die Örtlichkeit versteht, wo die Sache geschah. Tatjana Pawlowna konnte sich infolge ihres eigensinnigen, befehlshaberischen Charakters und ihrer alten Gutsbesitzergewohnheiten nicht darein finden, in möblierten Zimmern bei anderen Leuten zu wohnen, und hatte diese Parodie einer Wohnung gemietet, um für sich allein und ihr eigener Herr zu sein. Diese zwei Zimmer glichen ganz zwei aneinandergeschobenen Kanarienvogelbauern, eins war kleiner als das andere, sie lagen im dritten Stock und gingen auf den Hof hinaus. Wenn man die Wohnung betrat, kam man zunächst auf einen engen Gang, von etwa anderthalb Faden Breite; links davon lagen die erwähnten Vogelbauer, und geradeaus, am Ende des Ganges, war die Tür zur Küche. Die anderthalb Kubikfaden Luft, die ein Mensch für zwölf Stunden braucht, hielten diese zwei Zimmer vielleicht, mehr aber schwerlich. Sie waren geradezu monströs niedrig, aber was das Dümmste war – die Fenster, die Türen, die Möbel, alles, alles war mit Kattun behängt oder verziert, mit sehr schönem französischen Kattun, der zierlich zu Festons arrangiert war, aber dadurch erschien das Zimmer doppelt so dunkel und sah aus wie das Innere eines Reisewagens. In dem Zimmer, wo ich wartete, konnte man sich noch umdrehen, obschon alles mit Möbeln verbarrikadiert war, und, wie ich sagen muß, ganz guten Möbeln; da waren eingelegte Tischchen mit Bronzebeschlägen, Kästchen, eine elegante und sehr reiche Toilette. Das andere Zimmer aber, aus dem ich sie jeden Augenblick eintreten zu sehen erwartete, das Schlafzimmer, das von diesem Zimmer durch einen Vorhang abgeschlossen war, bestand, wie sich nachher erwies, buchstäblich nur aus einem Bett. Alle diese Einzelheiten sind notwendig, damit man die Dummheit begreift, die ich machte.

Ich wartete also und machte mir keine Gedanken weiter, als auf einmal geklingelt wurde. Ich hörte, wie die Köchin mit schleppenden Schritten den Gang entlang ging und schweigend, wie vorhin mich, die Ankömmlinge einließ. Es waren zwei Damen, die beide laut sprachen, aber wie groß war mein Erstaunen, als ich an der Stimme in der einen Tatjana Pawlowna erkannte, und in der andern eben jene Frau, der zu begegnen ich in diesem Augenblick am allerwenigsten vorbereitet war, und noch dazu hier, in dieser Umgebung! Täuschen konnte ich mich nicht: ich hatte diese tönende, starke metallische Stimme gestern freilich im ganzen nur drei Minuten lang gehört, aber sie hatte sich meiner Seele eingeprägt. Ja, das war die »Frau von gestern«. Was sollte ich jetzt tun? Diese Frage richte ich nicht etwa an den Leser, ich stelle mir nur jene Minute von damals wieder vor Augen, und ich bin auch heute noch völlig außerstande, zu erklären, wie es kam, daß ich mich auf einmal hinter den Vorhang stürzte und mich in Tatjana Pawlownas Schlafzimmer befand. Kurz und gut, ich versteckte mich und war kaum verschwunden, als sie auch schon eintraten. Warum ich ihnen nicht entgegenging, sondern mich versteckte – das weiß ich nicht; alles geschah ganz unverhofft, ohne daß ich mir im entferntesten Rechenschaft darüber abgelegt hätte.

Als ich ins Schlafzimmer gesprungen war und mich über das Bett gebeugt hatte, bemerkte ich sogleich, daß eine Tür aus dem Schlafzimmer in die Küche führte, es gab also wohl einen Ausweg aus dem Malheur, und ich konnte ihnen entwischen, aber – o Schrecken! – die Tür war verschlossen, und der Schlüssel stak nicht. In meiner Verzweiflung setzte ich mich auf das Bett; mir stand es klar vor Augen, daß ich jetzt natürlich würde horchen müssen, und schon aus den ersten Sätzen, aus den ersten Lauten der Unterhaltung erriet ich, daß die Unterredung diskreter und heikler Natur war. Oh, natürlich, ein ehrenhafter und vornehmer Mensch hätte auch jetzt noch aufstehen, vortreten und mit lauter Stimme sagen müssen: »Halt, hier bin ich!« und hätte, ohne das Lächerliche seiner Situation zu beachten, an ihnen vorbei hinausgehen müssen; aber ich stand nicht auf und ging nicht hinaus; ich traute mich nicht, ich zeigte mich als erbärmlicher Feigling.

»Aber teuerste Katerina Nikolajewna, Sie machen mich wirklich ganz traurig,« flehte Tatjana Pawlowna, »beruhigen Sie sich hierüber doch ein für allemal, das paßt ja auch so gar nicht zu Ihrem Naturell. Wo Sie sind, ist überall Freude, und jetzt auf einmal . . . Aber mir, denk' ich, werden Sie doch auch jetzt noch trauen; Sie wissen ja doch, wie sehr ich Ihnen ergeben bin. Ihnen nicht weniger als Andrej Petrowitsch, dem ich, das verhehle ich vor niemand, ewig ergeben sein werde . . . Also glauben Sie mir doch, ich schwöre es Ihnen auf Ehre und Gewissen, jenes Dokument befindet sich nicht in seinen Händen und vielleicht überhaupt in keines Menschen Händen; er ist solcher Ränke überhaupt nicht fähig, es ist einfach sündhaft, daß Sie ihn in dem Verdacht haben. Sie haben sich beide diese Feindschaft nur selbst zusammenphantasiert . . .«

»Das Dokument existiert, und er ist zu allem fähig. Ja, und . . . gestern komm' ich hinein, und das erste, was mir begegnet, ist – ce petit espion, den er dem Fürsten aufgehängt hat.«

»Ach, ce petit espion. Erstens ist er überhaupt kein espion, weil ich es war, ich, die darauf bestand, ihn zum Fürsten zu bringen, denn sonst wäre er in Moskau übergeschnappt oder Hungers gestorben, – sehen Sie, solche Auskunft bekommen wir über ihn von dort; und vor allen Dingen ist dieses ungehobelte Jungchen ein vollkommener kleiner Narr, wie sollte der sich zum Spion eignen?«

»Jawohl, ein Narr ist er, was übrigens kein Hindernis zu sein braucht, daß er auch ein Schurke sein könnte. Ich war nur zu wütend, sonst hätte ich mich gestern totgelacht: er wurde bleich, kam herangelaufen, machte Kratzfüße, fing an französisch zu sprechen. Aber Maria Iwanowna hat mir in Moskau versichert, er wäre eine Art Genie. Und daß jener unselige Brief wohlbehalten existiert und sich irgendwo in den allergefährlichsten Händen befindet – das habe ich in Maria Iwanownas Augen gelesen.«

»Aber Liebste, Beste, Sie sagen ja doch selbst, daß sie nichts in Händen hat!«

»Das ist's ja eben, daß sie etwas hat; sie lügt bloß, und wie sie das versteht, kann ich Ihnen sagen! Vor dieser Moskauer Reise hatte ich immer noch die Hoffnung, daß überhaupt keine Papiere zurückgeblieben sein könnten, aber dort, dort . . .«

»Ach, Liebste, man behauptet ja doch das gerade Gegenteil: sie soll eine gute und vernünftige Person sein, und der Verstorbene hat sie von allen seinen Nichten am meisten geschätzt. Es ist ja wahr, ich kenne sie nicht so genau, aber – Sie hätten sie eben herumkriegen sollen, Liebste, Beste! Jemand zu besiegen, kostet Ihnen ja doch nicht das geringste; ich bin doch eine alte Schachtel – und sehen Sie, ich bin verliebt in Sie und möchte Sie gleich abküssen . . . Nun also, was konnte es Ihnen kosten, sie herumzukriegen!«

»Ich hab' sie herumgekriegt, Tatjana Pawlowna, ich hab' es versucht, ich hab' sie sogar in das hellste Entzücken versetzt, aber sie ist so ungeheuer schlau . . . Nein, das ist ja ein ganz komplizierter Charakter, so ein besonderer Moskauer Charakter. Und denken Sie mal, sie riet mir, mich an einen hier lebenden Herrn Kraft zu wenden, der früher einmal Gehilfe bei Andronikow war, vielleicht wüßte der etwas. Von diesem Herrn Kraft hatte ich schon eine Vorstellung; ich erinnere mich sogar, ihm einmal flüchtig begegnet zu sein; aber eben als sie mir von diesem Herrn Kraft sprach, eben da kam ich zu der Überzeugung, daß sie nicht einfach nichts weiß, sondern daß sie lügt und alles weiß.«

»Aber wieso denn, wieso denn? Und man könnte sich ja wirklich bei ihm erkundigen! Dieser Deutsche, dieser Kraft, ist kein Schwätzer und, soviel ich weiß, ein sehr anständiger Mensch – es ist wirklich wahr, man sollte ihn fragen! Nur, glaube ich, ist er im Augenblick nicht in Petersburg . . .«

»Oh, gestern erst bin ich zurückgekommen, und jetzt eben war ich bei ihm . . . Ich bin ja in einer solchen Aufregung zu Ihnen gekommen, alle Glieder zittern mir; liebste, beste Tatjana Pawlowna, Sie kennen ja alle Welt, ich wollte Sie bitten, ob man nicht, vielleicht aus seinen Papieren, erfahren könnte – denn Papiere wird er doch jedenfalls hinterlassen haben, in wessen Hände die jetzt wohl übergehen werden? Sie könnten am Ende wieder in irgendwelche gefährliche Hände geraten? Ich komme hergelaufen, um Sie um Rat zu fragen.«

»Ja, von was für Papieren sprechen Sie denn?« fragte Tatjana Pawlowna verständnislos. »Sie sagen ja doch, Sie kämen gerade von Kraft?«

»Ja, ja, ich war dort, eben war ich dort, aber er hat sich erschossen! Gestern abend.«

Ich sprang vom Bett auf. Ich hatte ruhig sitzenbleiben können, als ich Spion und Idiot genannt wurde, und je weiter das Gespräch fortschritt, desto unmöglicher war es mir erschienen, mich ihnen zu zeigen. Das erschien mir ganz undenkbar! Ich hatte beschlossen, mäuschenstill sitzenzubleiben, bis Tatjana Pawlowna ihren Gast hinausbegleitet hätte – wenn es mein Unglück nicht wollte, daß sie vorher selber aus irgendeinem Grunde ins Schlafzimmer kam –, und dann, wenn die Achmakowa fort wäre, dann konnte ja meinetwegen der Krakeel mit Tatjana Pawlowna losgehen! . . . Aber jetzt, als ich das von Kraft gehört hatte und vom Bett aufgesprungen war, packte es mich auf einmal am ganzen Leibe wie ein Krampf. Ich dachte an nichts, ich überlegte nichts und stellte mir nicht vor, was daraus entstehen könnte, ich trat vor, hob die Portiere auf und stand den beiden gegenüber. Es war noch hell genug, daß sie mich sehen konnten, wie ich dastand, bleich und zitternd . . . Beide schrien sie auf. Und wie hätten sie nicht aufschreien sollen?

»Kraft?« murmelte ich, zur Achmakowa gewendet. »Erschossen hat er sich? Gestern? Bei Sonnenuntergang?«

»Wo warst du? Woher kommst du?« kreischte Tatjana Pawlowna und krallte sich buchstäblich in meine Schulter. »Du hast spioniert? Du hast gehorcht?«

»Was hab' ich Ihnen eben erst gesagt?« sagte Katerina Nikolajewna, vom Diwan aufstehend und auf mich weisend.

Ich war außer mir.

»Lauter Lügen, lauter Unsinn!« unterbrach ich sie wütend. »Sie haben mich vorhin einen Spion genannt, ach, du lieber Gott! Ob's wohl der Mühe wert ist zu spionieren, ja mehr noch, überhaupt auf dieser Welt zu leben neben Leuten wie Sie! Ein edler Mensch endet durch Selbstmord, Kraft hat sich erschossen – um der Idee willen, um Hekuba . . . Übrigens, was wissen Sie von Hekuba! . . . Und hier – leben soll man zwischen Ihren Intrigen, Lügen, Betrügereien, Fußangeln . . . Genug davon!«

»Geben Sie ihm eins hinter die Ohren! Geben Sie ihm eins hinter die Ohren!« schrie Tatjana Pawlowna, und da Katerina Nikolajewna mich zwar ansah, ohne ein Auge von mir zu wenden (ich habe das alles bis zum kleinsten im Gedächtnis), aber sich nicht von der Stelle rührte, so hätte es wohl nur noch einen Moment gedauert, und Tatjana Pawlowna hätte ihren Vorschlag selbst zur Tat werden lassen. Darum erhob ich unwillkürlich meinen Arm, um mein Gesicht zu schützen; und infolge dieser Bewegung glaubte sie, ich hole selber aus.

»Also, schlag zu, schlag zu! Beweise doch, daß du ein geborener Knecht bist; du bist ja stärker als wir Frauen, was genierst du dich noch!«

»Jetzt hören Sie auf mit Ihren Verleumdungen!« schrie ich. »Ich habe meine Hand noch nie gegen ein Weib aufgehoben! Sie sollten sich schämen, Tatjana Pawlowna, Sie haben mich immer verachtet. Oh, man muß die Menschen verachten, um mit ihnen umgehen zu können. Katerina Nikolajewna, Sie lachen wohl über meine traurige Gestalt; jawohl, Gott hat mir keine Gestalt gegeben, wie Ihren Adjutanten. Und dennoch fühle ich mich nicht erniedrigt vor Ihnen, sondern im Gegenteil hoch über Ihnen . . . Na, ganz gleich, wie man sich auch ausdrücken mag, ich bin nicht schuld! Ich bin ganz unverhofft hierhergeraten, Tatjana Pawlowna; schuld ist einzig und allein Ihre Finnin, oder richtiger gesagt, Ihre Leidenschaft für sie. Weswegen hat sie mir auf meine Frage nicht geantwortet und mich einfach hier hereingeführt? Und nachher, das müssen Sie wohl selber einsehen, erschien es mir so monströs, auf einmal aus dem Schlafzimmer einer Dame hervorzubrechen, daß ich mich entschloß, Ihr giftiges Gerede lieber schweigend anzuhören und mich nicht zu zeigen . . . Sie lachen schon wieder, Katerina Nikolajewna?«

»Scher' dich hinaus, scher' dich hinaus, mach' daß du 'rauskommst!« schrie Tatjana Pawlowna und stieß mich förmlich zur Tür. »Achten Sie nicht auf sein Geschwätz, Katerina Nikolajewna; ich hab' Ihnen ja gesagt, schon in Moskau hat man ihn für überschnappt erklärt!«

»Für übergeschnappt? In Moskau? Wer denn in Moskau? – Ganz egal, genug davon. Katerina Nikolajewna! Ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist, dieses Gespräch und alles, was ich gehört habe, bleibt unter uns . . . Was kann ich dafür, daß ich Ihre Geheimnisse erfahren habe? Um so mehr, als ich meine Stellung bei Ihrem Vater morgen aufgebe, so daß Sie wegen des Dokumentes, das Sie suchen, beruhigt sein können!«

»Was heißt das? Von welchem Dokument sprechen Sie?« fragte Katerina Nikolajewna verwirrt, ja, sie wurde ganz blaß, oder vielleicht kam es mir nur so vor. Ich begriff, daß ich schon zuviel gesagt hatte.

Ich ging schnell hinaus; sie verfolgten mich schweigend mit den Augen, und höchstes Erstaunen war in ihrem Blick. Kurz und gut, ich hatte ihnen ein Rätsel aufgegeben . . .

 

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