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Ein Werdender - Erster Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Erster Band - Kapitel 7
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typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Erster Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
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Sechstes Kapitel

1

Meine Hoffnungen erfüllten sich nicht ganz: ich traf sie nicht allein; Wersilow war freilich nicht da, aber bei meiner Mutter saß Tatjana Pawlowna – immerhin ein fremder Mensch. Die Hälfte meiner edelmütigen Stimmung verflog mit einem Ruck. Merkwürdig, wie schnell es bei mir in solchen Fällen geht und wie wetterwendisch ich bin; ein Sandkorn oder ein Haar genügt, und das Gute ist fort, und das Böse ist an seine Stelle getreten. Meine schlechten Eindrücke weichen, zu meinem Bedauern, nicht so schnell, obschon ich durchaus nicht nachtragend bin. Als ich eintrat, hatte ich den blitzartigen Eindruck, daß meine Mutter im selben Moment ihre Unterhaltung mit Tatjana Pawlowna, die augenscheinlich recht lebhaft gewesen war, abgebrochen hatte. Meine Schwester war erst eine Minute vor mir von ihrer Arbeit heimgekommen und war noch in ihrem Kämmerchen.

Unsere Wohnung bestand aus drei Zimmern. Das Zimmer, in dem wir gewöhnlich alle saßen, das Wohnzimmer, lag in der Mitte und war ziemlich groß und sah beinahe anständig aus. Es befanden sich darin immerhin ein paar weiche rote Diwans, die übrigens sehr verschlissen aussahen (Wersilow duldete keine Überzüge), einige Teppiche, ein paar Tische und überflüssige Tischchen. Dann lag zur Rechten Wersilows Zimmer, ein enges, schmales, einfenstriges Gelaß; darin stand ein elender Schreibtisch, auf dem sich einige unbenutzte Bücher und in Vergessenheit geratene Schriftstücke herumtrieben, und vor dem Tisch ein nicht minder elender Polstersessel, an dem eine Feder zerbrochen war, die in einem spitzen Winkel herausstand, und über die Wersilow oftmals ächzte und schimpfte. In demselben Kabinett wurde ihm auch auf einem weichen und ebenfalls abgenützten Diwan sein Nachtlager hergerichtet; er haßte sein Kabinett und tat, glaube ich, nichts darin, sondern zog es vor, ganze Stunden lang müßig im Wohnzimmer zu sitzen. Linker Hand von dem Wohnzimmer lag wieder ein Zimmer: dort schliefen meine Mutter und meine Schwester. Das Wohnzimmer betrat man von einem Korridor aus, an dessen Ende eine Tür in die Küche führte; dort hauste die Köchin Lukeria, und wenn sie kochte, erfüllte sie die ganze Wohnung unbarmherzig mit einem Qualm von verbranntem Fett. Es gab Minuten, wo Wersilow sein Leben und sein Schicksal mit lauter Stimme verfluchte, und in dieser einen Beziehung fühlte ich durchaus mit ihm; ich hasse diese Gerüche gleichfalls, obwohl sie zu mir gar nicht hinaufdrangen, denn ich wohnte oben unter dem Dache, in einem Stübchen, zu dem ich auf einer riesig steilen, schmalen, knarrenden Treppe hinaufstieg. Zu erwähnen war da nur ein halbrundes Fenster, die schrecklich niedrige Decke, ein mit Wachstuch überzogener Diwan, auf den mir Lukeria für die Nacht ein Laken breitete und ein Kissen legte, an sonstigen Möbeln waren nur noch zwei Stück da: ein höchst primitiver Tisch aus rohen Brettern und ein durchgesessener Rohrstuhl.

Übrigens hatten wir trotz alledem noch einige Überbleibsel ehemaligen Komforts; so stand zum Beispiel im Wohnzimmer eine sehr hübsche Porzellanlampe, an der Wand hing ein vorzüglicher Stich nach der Dresdener Madonna, und ihr gegenüber, an der anderen Wand, eine teure Photographie der Bronzetüren des Doms von Florenz in riesigem Format. In demselben Zimmer hing in der Ecke ein großer Heiligenschrein mit alten Familienheiligenbildern, unter denen eins (das Bild »Allerheiligen«) eine große silbervergoldete Einfassung hatte – es war das, das sie versetzen wollten – und ein anderes (das Bild der Mutter Gottes) zeigte eine Samteinfassung mit Perlen bestickt. Vor den Heiligenbildern hing ein Lämpchen, das an jedem Feiertag angezündet wurde. Wersilow waren die Heiligenbilder, bezüglich ihrer inneren Bedeutung, offenbar sehr gleichgültig, nur manchmal kniff er die Augen, sichtlich an sich haltend, vor dem Lichte des Lämpchens zusammen, das von der vergoldeten Einfassung reflektiert wurde und klagte leichthin darüber, daß das schlecht für seine Augen wäre, verwehrte es aber meiner Mutter dennoch nicht, es anzuzünden.

Ich trat für gewöhnlich schweigend und verdrossen ein, wenn ich nach Hause kam, schaute in eine Ecke und grüßte manchmal beim Eintreten überhaupt nicht. Ich war sonst immer früher heimgekommen als heute, und das Mittagessen wurde mir dann nach oben gebracht. Als ich heute eintrat, sagte ich auf einmal: »Guten Abend, Mama«, was ich früher niemals getan hatte; aber dennoch konnte ich mich aus Verlegenheit auch heute nicht überwinden, sie dabei anzusehen, und setzte mich auf einen Stuhl am entgegengesetzten Ende des Zimmers. Ich war sehr ermüdet, aber daran dachte ich nicht.

»Kommt dieser Flegel noch immer so lümmelhaft zu Ihnen herein wie früher?« zeterte Tatjana Pawlowna gegen mich los; Schimpfworte hatte sie sich auch früher schon erlaubt: das war zwischen ihr und mir gewissermaßen zur Gewohnheit geworden.

»Guten Abend«, antwortete meine Mutter in einem Tone, als wäre sie ganz fassungslos darüber, daß ich sie begrüßt hatte.

»Das Essen ist längst fertig,« fuhr sie fort und war ganz verwirrt, »die Suppe wird wohl kalt geworden sein, aber ich will gleich die Koteletts . . .« Sie wollte hastig aufstehen und in die Küche gehen, und vielleicht zum erstenmal in diesem ganzen Monat überkam es mich plötzlich wie Scham, daß sie gar so hurtig aufsprang, um mich zu bedienen; bis dahin hatte ich das doch selbst von ihr verlangt.

»Danke schön, Mama, ich hab' schon gegessen. Wenn ich nicht störe, möchte ich mich hier ein bißchen verschnaufen.«

»Oh . . . Natürlich! . . . Warum denn nicht . . .? Bleiben Sie nur sitzen . . .«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Mama, ich werde keinen Krakeel mehr mit Andrej Petrowitsch anfangen«, fiel ich ihr plötzlich ins Wort . . .

»Ach, du lieber Herrgott, wie edel von ihm!« schrie Tatjana Pawlowna. »Aber liebste Sonja – sagst du denn wirklich noch immer Sie zu ihm? Was ist er denn für ein großer Herr, daß man ihm solche Ehrungen erweisen muß, und noch dazu seine leibliche Mutter! Es ist doch lächerlich, du bist ja ganz verlegen vor lauter Respekt vor ihm; das ist ja ein Spott und eine Schande!«

»Mama, es wäre mir selbst sehr angenehm, wenn Sie mich duzen wollten.«

»Oh . . . Ja, schön, ja, das will ich auch,« verhaspelte sich meine Mutter: »ich – ich hab' es ja vorher nicht . . . aber jetzt werde ich es mir schon merken.«

Sie war über und über rot geworden. Ihr Gesicht hatte entschieden etwas außergewöhnlich Anziehendes . . . Ihr Gesicht hatte einen treuherzig-naiven, aber durchaus nicht einfältigen Ausdruck, es war etwas blaß und blutleer. Ihre Wangen waren sehr mager, sogar eingefallen, und über ihre Stirne begannen sich schon zahlreiche Runzeln zu ziehen, aber um die Augen hatte sie noch keine, und die ziemlich großen Augen leuchteten immer in einem stillen, ruhigen Licht, das mich vom ersten Tage an zu ihr hingezogen hatte. Ich hatte es auch gern, daß in ihrem Gesicht nichts Betrübtes und Gedrücktes lag; ganz im Gegenteil, ihr Ausdruck wäre sogar heiter gewesen, wenn sie sich nicht so oft aufgeregt hätte, manchmal ohne jede Veranlassung; sie erschrak oft und fuhr wegen nichts und wieder nichts von ihrem Sitz auf, oder sie horchte ängstlich, wenn ein neues Gesprächsthema aufgenommen wurde, bis sie sich überzeugt hatte, daß alles gut blieb wie zuvor. Es ist alles gut – hieß bei ihr eben, daß alles »beim Alten« blieb. Wenn nur keine Veränderung eintrat, wenn nur nichts Neues geschah, und mochte es auch ein glückliches Ereignis sein! . . . Man hätte denken können, sie wäre als Kind einmal eingeschreckt worden. Außer ihren Augen gefiel mir auch noch das Oval ihres länglichen Gesichtes, und ich glaube, wenn ihre Backenknochen nur um eine Idee schmäler gewesen wären, hätte man sie, nicht etwa nur in ihrer Jugend, sondern auch heute noch hübsch finden können. Sie war jetzt erst neununddreißig, aber in ihren dunkelblonden Haaren schimmerten schon viele weiße Fäden.

Tatjana Pawlowna sah sie mit ausgesprochenem Unwillen an.

»So ein Grünling! Und so vor ihm zu zittern! Du bist einfach lächerlich, Sophia; direkt ärgern kann mich so was, weißt du!«

»Ach, Tatjana Pawlowna, warum sind Sie denn jetzt so zu ihm! Ach so, Sie machen am Ende nur Spaß, wie?« fügte meine Mutter hinzu, als sie auf Tatjana Pawlownas Gesicht etwas wie Lächeln bemerkte. Tatjana Pawlownas Geschimpfe konnte man allerdings manchmal nicht gut ernst nehmen, aber sie lächelte jetzt (wenn sie überhaupt lächelte) natürlich nur über meine Mutter, denn sie liebte ihre Güte sehr und hatte zweifellos schon bemerkt, wie glücklich sie in diesem Augenblick über meine Nachgiebigkeit war.

»Man kann natürlich nicht umhin zu bemerken, daß Sie über einen herfallen, Tatjana Pawlowna, und noch dazu heute, wo ich beim Hereinkommen ›Guten Abend, Mama‹, gesagt habe, was ich sonst nie getan habe«, hielt ich endlich für nötig, ihr zu entgegnen.

»Man stelle sich das vor,« sprudelte sie sofort los, »er hält das für wunder was für eine Tat! Man soll wohl vor dir auf die Knie fallen, weil du einmal in deinem Leben höflich gewesen bist? Und das ist mir auch so eine Höflichkeit! Warum stierst du in die Ecke, wenn du hereinkommst? Als ob ich nicht wüßte, wie du sie anbrummst und anknurrst! Und mir hättest du ruhig auch Guten Tag sagen können, ich habe deine Windeln getrocknet und bin deine Patin.«

Ich würdigte sie natürlich keiner Antwort. Im selben Augenblick kam gerade meine Schwester herein und ich wandte mich schleunigst an sie:

»Lisa, ich habe heute Wasin gesehen, und er hat mich nach dir gefragt. Kennt ihr euch?«

»Ja, von Luga her, im vorigen Jahr«, erwiderte sie ganz schlicht, setzte sich neben mich und sah mich freundlich an. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte geglaubt, sie würde nur so auffahren, wenn ich von Wasin spräche. Meine Schwester war blond, hellblond, in der Haarfarbe weder nach dem Vater noch nach der Mutter; aber die Augen und das Oval des Gesichtes hatte sie fast ganz von der Mutter. Eine sehr gerade, kleine regelmäßige Nase; übrigens noch eine Besonderheit – viele kleine Sommersprossen im Gesicht, was bei meiner Mutter durchaus nicht der Fall war. Von Wersilow hatte sie sehr wenig, höchstens die Feinheit des Knochenbaues, den kleinen Wuchs und ein pompöses Etwas im Gang. Mit mir nicht die geringste Ähnlichkeit, wir waren zwei entgegengesetzte Pole.

»Ich hab' den drei Monate lang gekannt«, fügte Lisa hinzu.

»Den hast du gekannt, Lisa? Es heißt ›ihn‹, und nicht ›den‹. Verzeih, liebe Schwester, daß ich dich verbessere, aber ich bin sehr betrübt, daß deine Erziehung gänzlich vernachlässigt zu sein scheint.«

»Diese Bemerkung in Gegenwart deiner Mutter ist eine Gemeinheit von dir«, fuhr Tatjana Pawlowna los, »und du lügst, sie ist gar nicht vernachlässigt worden.«

»Ich sage gar nichts gegen Mama«, fiel ich ihr scharf ins Wort. »Sie müssen wissen, Mama, daß ich Lisa anschaue wie Ihr zweites Ich; Sie haben aus ihr denselben Schatz an Güte und Charakter gemacht, der Sie wahrscheinlich selbst waren, und heute noch sind, und ewig sein werden . . . Ich spreche nur von der äußeren Politur, von allen den gesellschaftlichen Dummheiten, die übrigens unentbehrlich sind. Ich bin nur darüber unwillig, daß Wersilow dich wahrscheinlich überhaupt nicht verbessern würde, wenn er hörte, daß du ›den‹ statt ›ihn‹ sagtest, – so hochnäsig und gleichgültig ist er gegen uns. Das ist's, was mich in Wut bringt.«

»Er selbst ist wie ein junger Bär, aber andern Leuten will er Politur beibringen. Erlauben Sie sich nicht noch einmal, hoher Herr, in Gegenwart Ihrer Mutter ›Wersilow‹ zu sagen, und ebensowenig in meiner Gegenwart, – ich dulde es nicht!« rief Tatjana Pawlowna mit funkelnden Augen.

»Mama, ich habe heute mein Gehalt bekommen, fünfzig Rubel, nehmen Sie es bitte! Hier!«

Ich ging zu ihr und gab ihr das Geld; sie war gleich wieder in größter Aufregung.

»Ach, ich weiß nicht, wie ich das annehmen soll!« stieß sie hervor und hatte förmlich Angst, das Geld zu berühren. Ich verstand sie nicht.

»Aber um Himmels willen, Mama, wenn ihr beide mich in der Familie als Sohn und Bruder anseht, so . . .!«

»Ach, ich habe dir gegenüber ein so schlechtes Gewissen, ich möchte dir etwas gestehen, aber ich hab' wirklich so eine Angst vor dir . . .«

Sie sagte das mit einem schüchternen, stammelnden Lächeln; ich verstand sie wieder nicht und fiel ihr ins Wort:

»Übrigens, Mama, wissen Sie, daß heute der Prozeß zwischen Andrej Petrowitsch und den Sokolskijs vor Gericht entschieden worden ist?«

»Ach ja, ich weiß!« schrie sie auf und schlug vor Schreck beide Handflächen vor ihrer Brust zusammen (ihre gewöhnliche Geste).

»Heute?« rief Tatjana Pawlowna und zitterte nur so, »aber das ist doch ganz unmöglich, das hätte er doch gesagt. Dir hat er's doch gesagt?« wandte sie sich zu meiner Mutter.

»Ach, nein, daß es heute wäre, hat er nicht gesagt. Ja, und ich habe schon die ganze Woche so eine Angst. Wenn wir nur verlieren würden, ich wollte dem Himmel danken; wenn es nur vorbei wäre, und alles wieder beim Alten!«

»So hat er's also nicht mal Ihnen gesagt, Mama!« rief ich. »Was ist das für ein Mensch! Da sieht man es gleich wieder, wie gleichgültig und hochnäsig er ist. Was habe ich eben erst gesagt?«

»Es ist entschieden? Und wie? Wie hat das Gericht entschieden? Und wer hat es denn dir gesagt?« fiel Tatjana Pawlowna über mich her, »so rede doch!«

»Da kommt er ja selbst! Vielleicht erzählt er es Ihnen«, verkündete ich, als ich gerade seinen Schritt auf dem Gange vernahm, und setzte mich schleunigst neben Lisa.

»Lieber Bruder, schone die Mutter um Gottes willen, sei geduldig gegen Andrej Petrowitsch«, flüsterte mir meine Schwester ins Ohr.

»Gewiß, gewiß, ich bin schon mit dem festen Entschluß nach Hause gekommen«, entgegnete ich und drückte ihr die Hand.

Lisa warf mir einen höchst mißtrauischen Blick zu, und sie sollte damit recht behalten.

 

2

Er trat ein, sehr zufrieden mit sich, so zufrieden, daß er es nicht einmal nötig fand, seine Stimmung irgendwie zu verhehlen. Er hatte es sich in der letzten Zeit überhaupt angewöhnt, sich uns gegenüber sehr offen und ohne jede Umstände zu geben, und nicht nur in bezug auf seine schlechten, sondern auch in bezug auf seine lächerlichen Eigenschaften, was doch sonst wirklich jedermann ängstlich vermeidet; und dabei war er sich ganz klar bewußt, daß wir das alles bis zum kleinsten Zuge verstehen mußten. Im Laufe des letzten Jahres war er, wie Tatjana Pawlowna mir einmal sagte, hinsichtlich seiner Kleidung sehr zurückgekommen: er war zwar anständig angezogen, aber seine Anzüge waren alt und durchaus nicht elegant. Ich weiß, daß er es fertig brachte, seine Wäsche zwei Tage lang zu tragen, worüber meine Mutter geradezu traurig war; sie hielten das für ein Opfer, und die ganze Schar der ihm ergebenen Frauenzimmer sah eine große Tat darin. Er trug immer weiche, breitkrämpige schwarze Hüte; als er in der Tür seinen Hut abnahm, sprang ein ganzer Busch dichten, aber stark angegrauten Haares auf seinem Kopf nur so empor. Ich liebte es, sein Haar zu beobachten, wenn er den Hut abnahm.

»Guten Abend; alle da; sogar er ist dabei? Ich habe seine Stimme schon vom Flur gehört; gewiß auf mich geschimpft, denk' ich mir?«

Es war bei ihm immer ein Zeichen von guter Laune, wenn er mit mir seine Witzchen machte. Ich antwortete selbstverständlich nicht, Lukerja trat ein, brachte ein großes Paket mit allerlei Einkäufen und legte es auf den Tisch.

»Sieg, Tatjana Pawlowna! Der Prozeß ist gewonnen, und Revision einlegen werden die Fürsten wohl kaum. Ich habe gewonnen! Ich hab' auch gleich jemand gefunden, der mir tausend Rubel geliehen hat. Sophia, leg' die Arbeit weg, verdirb dir die Augen nicht. Lisa, du kommst wohl von der Arbeit?«

»Ja, Papa«, erwiderte Lisa mit freundlicher Miene; sie nannte ihn Vater; ich tat das um keinen Preis der Welt.

»Müde?«

»O ja.«

»Laß doch die Arbeit, geh morgen nicht wieder hin, und gib es ganz auf.«

»Ach Papa, es ist mir aber lieber.«

»Wenn ich dich bitte . . .! Ich kann es absolut nicht leiden, wenn Frauen arbeiten, Tatjana Pawlowna.«

»Wie soll man denn ohne Arbeit leben? Und gerade die Frauen sollen nicht arbeiten? . . .«

»Ich weiß schon, ich weiß schon, das ist ja alles sehr schön und richtig, und ich bin im voraus ganz einverstanden; aber – ich spreche in erster Linie von Handarbeiten. Denken Sie sich, das ist bei mir wohl einer von meinen krankhaften, richtiger gesagt, anormalen Kindheitseindrücken. In meinen dunkeln Erinnerungen aus meinem fünften und sechsten Jahr sehe ich am häufigsten – natürlich mit Widerwillen – eine Versammlung von klugen, strengen, unfreundlichen Frauen um einen runden Tisch herum, auf dem Scheren, Stoffe, Schnitte und Modenbilder liegen. Und alle reden sie und machen sie, und schütteln gewichtig und langsam die Köpfe, und messen, und überlegen, und schneiden zu. Alle diese freundlichen Gesichter, die mich so gern sehen, sind auf einmal unnahbar; wenn ich nur ein bißchen lustig bin, werde ich sofort vor die Türe gesetzt. Sogar meine arme alte Wärterin, die mich an der Hand hält, antwortet nicht auf mein Schreien und Zupfen, sie schaut und horcht, als sänge da ein Paradiesvogel. So ist mir diese Strenge und Gewichtigkeit kluger Frauen, bevor sie mit dem Zuschneiden anfangen, bis heute eine förmlich qualvolle Vorstellung geblieben. Tatjana Pawlowna, Sie schneiden furchtbar gerne zu, – so aristokratisch das aber auch sein mag, ich habe die Frauen am liebsten, die überhaupt nicht arbeiten. Fühl' du dich nur nicht getroffen dadurch, Sophia! . . . Ach, wozu auch! Die Frau ist auch ohne das eine große Macht. Das weißt du übrigens auch selbst, Sonja. Wie denken Sie darüber, Arkadij Makarowitsch, Sie wollen mir wahrscheinlich widersprechen?«

»Nein, durchaus nicht,« erwiderte ich, »besonders gut finde ich Ihre Behauptung, daß die Frau eine große Macht sei. Freilich verstehe ich nicht ganz, warum Sie das mit der Arbeit in Verbindung bringen? Daß man aber nicht umhin kann, zu arbeiten, wenn man kein Geld hat – das wissen Sie ja selbst.«

»Aber jetzt genug davon,« wendete er sich an meine Mutter, die nur so strahlte (als er sich zu mir wendete, hatte sie geradezu gebebt), »mach es wenigstens so, daß ich keine Handarbeiten zu sehen kriege, die erste Zeit wenigstens, tu's mir zuliebe. Arkadij, du bist ja ein moderner junger Mann, und als solcher vermutlich ein bißchen sozialistisch angehaucht; na also, lieber Freund, willst du mir glauben, daß die Leute aus dem ewig schuftenden einfachen Volk es sind, die den Müßiggang am allermeisten lieben?«

»Die Erholung vielleicht, aber nicht den Müßiggang.«

»Nein, eben den Müßiggang, das absolute Nichtstun; darin liegt ihr Ideal! Ich habe einen Menschen gekannt, der sich ewig placken mußte, freilich gehörte er nicht zum einfachen Volk; er war ein ziemlich hochentwickelter Mensch und verstand es; vom Einzelnen auf das Allgemeine zu schließen. Er träumte sein Leben lang, vielleicht jeden Tag, schmatzend und gerührt vom vollkommensten Müßiggang, er führte sozusagen sein Ideal bis zum Absoluten fort – unendliche Unabhängigkeit, ewige Freiheit, zu träumen und müßig die Welt zu betrachten. So ging es fort, bis er unter der Arbeit gänzlich zusammenbrach; gutzumachen war da nichts mehr; er starb im Krankenhaus. Ich bin manchmal ganz ernsthaft zu dem Schluß gekommen, daß das Gerede von dem Genuß der Arbeit von den Leuten aufgebracht worden sein muß, die selber nichts tun, natürlich von den tugendhaften unter ihnen. Das ist so eine von den ›Genfer Ideen‹ aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts. Tatjana Pawlowna, vorgestern habe ich eine Anzeige aus der Zeitung ausgeschnitten, da ist sie (er zog ein Stückchen Papier aus der Westentasche), – das ist auch so etwas zum Kapitel der unzähligen Studenten, die in den klassischen Sprachen und der Mathematik bewandert und bereit sind, nach auswärts zu gehen, oder in einer Dachstube zu unterrichten, und überhaupt zu allem. Also hören Sie: ›Lehrerin bereitet für alle Lehranstalten vor (merken Sie auf, für alle) und gibt Unterricht in Arithmetik‹, – bloß eine Zeile, aber die ist auch klassisch! Sie bereitet für alle Unterrichtsanstalten vor – also ist die Arithmetik doch wohl selbstverständlich einbegriffen? Nein, die Arithmetik erwähnt sie besonders. Das . . . das ist schon der nackte Hunger, das ist schon die letzte Stufe der Not. Das Rührende daran ist eben diese Unkenntnis: es ist ja ganz klar, sie hat sich niemals zur Lehrerin ausgebildet, und sie ist wohl kaum imstande, einem auch nur das geringste beizubringen. Aber sie denkt sich: immer zu, und schleppt ihren letzten Rubel in die Expedition und läßt drucken, sie bereite für alle Lehranstalten vor und gebe außer dem allen noch Unterricht in der Arithmetik. Per tutto mundo e in altri siti.«

»Ach, Andrej Petrowitsch, könnte man ihr denn nicht helfen! Wo wohnt sie?« rief Tatjana Pawlowna.

»Ach, von der Sorte gibt's so viele!« Er steckte die Adresse wieder in die Tasche. »Ich hab' euch was mitgebracht, in dem Paket, – für dich, Lisa, und für Sie, Tatjana Pawlowna; Sophia und ich lieben keine Süßigkeiten. Vielleicht aber du, junger Mann. Ich hab' es selbst alles eingekauft, bei Jelisejew und bei Balle. Wir haben lange genug ›am Hungertuche genagt‹, wie Lukeria sagt. (NB. Keiner von uns allen hatte je am Hungertuch genagt.) Hier sind Trauben, Konfekt, Duchessebirnen und Erdbeerkuchen, und einen famosen Likör hab' ich auch mitgebracht, und Nüsse auch. Merkwürdig, wie gern ich heute noch Nüsse esse, Tatjana Pawlowna, ganz wie als Kind, und gerade die ganz ordinären. Lisa ist darin meine Tochter; sie knackt auch gern Nüsse wie ein Eichhörnchen. Es gibt aber wirklich nichts Famoseres, Tatjana Pawlowna, als die Erinnerungen, die manchmal in mir auftauchen, wie ich im Wald im Busch saß und mir selber Nüsse pflückte . . . Die Tage sind schon beinahe herbstlich, aber klar, manchmal ist es schon recht frisch, man versteckt sich im Dickicht, schweift durch den Wald, es riecht nach Blättern . . . Ich sehe einen mitfühlenden Zug in Ihrem Gesicht, Arkadij Makarowitsch?«

»Meine ersten Kinderjahre habe ich auch auf dem Lande verlebt.«

»So? Ich denke doch, du warst in Moskau . . . wenn ich mich nicht irre.«

»Er lebte bei den Andronikows in Moskau, als Sie damals hinkamen; aber vorher war er bei Ihrer seligen Tante, Warwara Stepanowna, auf dem Lande«, fiel Tatjana Pawlowna ein.

»Sophia, da ist das Geld, schließ es ein. In den nächsten Tagen bekomm' ich fünftausend. Es ist mir schon versprochen.«

»Also haben die Fürsten gar keine Aussichten mehr?« fragte Tatjana Pawlowna.

»Nicht die geringste, Tatjana Pawlowna.«

»Ich habe immer mit Ihnen gefühlt, Andrej Petrowitsch, und mit allen Ihren Angehörigen und bin eine Freundin Ihres Hauses, aber wenn mir die Fürsten auch ganz fremd sind, lieber Gott, sie tun mir doch leid. Seien Sie mir darum nicht böse, Andrej Petrowitsch.«

»Ich beabsichtige nicht, mit ihnen zu teilen, Tatjana Pawlowna.«

»Natürlich, Sie kennen meine Gedanken, Andrej Petrowitsch, sie hätten sich verglichen, wenn Sie ihnen das bei Beginn des Prozesses vorgeschlagen hätten, mit ihnen zu teilen; jetzt ist es natürlich zu spät. Im übrigen erlaube ich mir kein Urteil . . . Ich meinte nur, weil der Verstorbene sie doch wahrscheinlich nicht in seinem Testament übergangen hätte.«

»Er hätte sie nicht nur nicht übergangen, sondern ihnen wahrscheinlich alles vermacht; übergangen hätte er wahrscheinlich mich ganz allein, wenn er die Sache noch hätte machen und ein Testament in aller Form hätte aufsetzen können; aber so wie es ist, ist das Gesetz auf meiner Seite – und fertig! Teilen kann ich nicht und will ich nicht, Tatjana Pawlowna, und Schluß damit.«

Er stieß dies sogar mit einer gewissen Wut hervor, was er sich selten erlaubte. Tatjana Pawlowna verstummte. Meine Mutter schlug betrübt die Augen nieder; Wersilow wußte, daß sie Tatjana Pawlownas Ansicht billigte.

»Das ist die Emser Ohrfeige!« dachte ich so bei mir. Das Dokument, das ich von Kraft erhalten hatte und in der Tasche trug, würde ein trauriges Schicksal haben, wenn es ihm in die Hände fiele. Ich empfand auf einmal wieder, daß ich das alles auf dem Halse hatte; dieser Gedanke, in Verbindung mit allem andern, wirkte natürlich erregend auf mich.

»Arkadij, es wäre mir lieb, wenn du dich besser kleidetest, lieber Freund; du bist ja nicht schlecht angezogen, aber für die Zukunft könnte ich dir einen sehr guten Schneider empfehlen. Ein Franzose, sehr reell, der auch Geschmack hat.«

»Ich möchte Sie ersuchen, mir nie wieder derartige Vorschläge zu machen«, knurrte ich, auf einmal böse.

»Wieso?«

»Ich finde selbstverständlich nichts Demütigendes dabei, aber wir sind durchaus nicht in einem solchen Einvernehmen, sondern ganz im Gegenteil, wir sind sehr verschiedener Ansicht. So zum Beispiel werde ich schon von morgen ab nicht mehr zum alten Fürsten gehen, weil der nicht die geringste Arbeit für mich hat!«

»Ja, darin, daß du hingehst und bei ihm bist – darin liegt doch deine Arbeit.«

»Diese Auffassung hat für mich etwas Demütigendes.«

»Das begreife ich nicht: und übrigens, wenn du gar so heikel bist, brauchst du ja kein Gehalt von ihm anzunehmen, du kannst ja so hingehen. Ich sag' dir, du kränkst ihn furchtbar; er hat schon eine starke Neigung zu dir gefaßt, glaub' es mir . . . Übrigens, wie du willst . . .«

Die Sache war ihm sichtlich unangenehm.

»Sie sagen: nimm kein Geld an, und dabei habe ich dank Ihrer Freundlichkeit heute schon einen schlechten Streich gemacht. Sie haben mir vorher nichts gesagt, und ich habe heute von ihm das Gehalt für den verflossenen Monat verlangt.«

»So hast du also schon darüber verfügt; und ich muß gestehen, ich habe nicht gedacht, daß du es tun würdest; was seid ihr jungen Leute heutzutage doch geschäftsklug! Es gibt keine Jugend mehr, Tatjana Pawlowna.«

Er giftete sich furchtbar; und ich war auch sehr böse.

»Ich mußte mich ja eben auch mit Ihnen auseinandersetzen . . . dazu haben Sie mich gezwungen, – ich weiß jetzt nicht, wovon ich existieren soll.«

»Hör' mal, Sophia, gib Arkadij doch gleich seine sechzig Rubel wieder; und du, lieber Freund, nimm mir diese schnelle Abrechnung nicht übel. Ich seh' es dir am Gesicht an, du hast irgendeinen Plan im Kopf, und brauchst . . . ein Anlagekapital . . . oder so was . . .«

»Ich weiß nicht, was auf meinem Gesicht zu lesen ist, aber ich hätte es von Mama wahrhaftig nicht erwartet, daß sie Ihnen von diesem Geld erzählen würde, wo ich sie doch so gebeten habe«, sagte ich und sah meine Mutter mit funkelnden Augen an. Ich kann gar nicht beschreiben, wie verletzt ich mich fühlte.

»Arkascha, lieber Junge, verzeih mir um Gottes willen, ich konnte gar nicht anders, ich mußte . . .«

»Lieber Freund, bilde dir nur nicht ein, sie hätte mir deine Geheimnisse erzählt,« wendete er sich an mich, »und dann ist es auch nur in der besten Absicht geschehen – einfach die Freude der Mutter, mit dem guten Herzen ihres Sohnes renommieren zu können. Aber glaub' es mir ruhig, ich hätte auch so erraten, daß du ein Kapitalist bist. Alle deine Geheimnisse stehen auf deinem ehrlichen Gesicht geschrieben. Er hat ›seine Idee‹, Tatjana Pawlowna, ich hab's Ihnen ja gesagt.«

»Lassen wir mein ehrliches Gesicht aus dem Spiel;« knurrte ich weiter, »ich weiß, daß Sie einen häufig durch und durch schauen können, obwohl Sie manchmal nicht weiter sehen, als ein Hühnerschnabel reicht, – und ich habe mich schon öfters gewundert über Ihren durchdringenden Blick. Also ja, ich habe ›meine Idee‹. Daß Sie diesen Ausdruck gebraucht haben, ist natürlich nur eine Zufälligkeit, aber ich habe durchaus keine Angst, es einzugestehen: ich habe eine ›Idee‹. Ich habe durchaus keine Angst und schäme mich dessen nicht.«

»Nein, nur nicht schämen, das ist das Wichtigste.«

»Aber trotz alledem werde ich sie Ihnen nie mitteilen.«

»Das heißt, mich der Ehre einer Mitteilung nicht würdig halten. Ist auch ganz überflüssig, ich kenne das Wesentliche deiner Idee auch so; auf jeden Fall ist es so ein:

›Ich will in Wüsten fliehn . . .‹

Tatjana Pawlowna! Ich denke mir – er will . . . ein Rothschild werden, oder so was, und sich in seine einsame Größe zurückziehen. Selbstverständlich wird er uns und Ihnen großmütig eine Pension aussetzen, mir wird er übrigens vielleicht auch keine aussetzen, – aber mag dem sein, wie es will, wir haben ihn eben nur so gesehen. Er ist uns aufgegangen wie der junge Mond – kaum ist er da, so geht er schon wieder unter.«

Ich bebte innerlich. Selbstverständlich war das alles Zufall: er wußte gar nichts und hatte von ganz etwas anderem geredet, wenn er auch Rothschild erwähnt hatte; aber wie konnte er meine Gefühle so genau definieren: meinen Plan, mit ihnen zu brechen und fortzugehen? Er erriet alles im voraus und wollte die Tragik der Tatsache von vornherein mit seinem Zynismus beschmutzen. Daß er sich schrecklich giftete, daran war kein Zweifel möglich.

»Mama! verzeihen Sie, daß ich so aufgefahren bin, zumal man vor Andrej Petrowitsch ja sowieso nichts verbergen kann«, lachte ich heuchlerisch auf und bemühte mich wenigstens für den Augenblick, alles in einen Scherz zu verkehren.

»Das beste, lieber Freund, ist, daß du eben gelacht hast. Es läßt sich kaum beschreiben, wie sehr dadurch jeder Mensch gewinnt, schon rein äußerlich. Ich spreche im vollsten Ernst. Tatjana Pawlowna, er sieht doch immer so aus, als hätte er etwas so Wichtiges im Kopf, daß er selbst dadurch förmlich geniert ist.«

»Ich möchte sie ernstlich bitten, etwas taktvoller zu sein, Andrej Petrowitsch.«

»Du hast sehr recht, lieber Freund; aber es muß einmal ausgesprochen werden, ein für allemal, damit es erledigt und abgetan ist. Du bist aus Moskau zu uns gekommen, um dich sofort auf die Hinterbeine zu setzen, – das ist es, was wir bis jetzt von dem Zwecke deines Hierseins wissen. Daß du gekommen bist, um uns durch irgend etwas in Staunen zu versetzen, – das erwähnte ich selbstverständlich gar nicht erst. Ferner sitzest du einen ganzen Monat bei uns und knurrst uns an, und dabei bist du doch sichtlich ein gescheiter Mensch und könntest als solcher wissen, daß man sich durch solch ein Geknurre an den Leuten nicht für ihre Nichtigkeit rächen kann. Du versteckst dich immer, während dein ehrliches Gesicht und deine roten Wangen klar dafür zeugen, daß du jedermann mit der vollkommensten Unschuld in die Augen sehen könntest. Er ist ein Hypochonder, Tatjana Pawlowna; wenn ich nur verstehen könnte, warum sie heutzutage alle Hypochonder sind!«

»Sie haben ja nicht einmal gewußt, wo ich meine ersten Jahre verbracht habe, – wie sollten Sie wissen, wodurch ein Mensch zum Hypochonder wird?«

»Aha, so läuft der Hase: du bist gekränkt, weil ich vergessen konnte, wo du damals gewohnt hast!«

»Nicht im geringsten, schieben Sie mir keine Dummheiten unter. Mama, Andrej Petrowitsch hat mich eben belobt, weil ich gelacht habe; also, lachen wir doch – was soll man so dasitzen! Wenn Sie Lust haben, erzähle ich ein paar Anekdoten aus meinem Leben? Um so mehr, als Andrej Petrowitsch nicht das geringste von meinen Erlebnissen weiß.«

Es kochte in mir. Ich wußte, daß wir nie wieder so wie heute zusammensitzen würden, und daß ich dies Haus nie wieder betreten würde, wenn ich es das nächste Mal verlassen hätte, – und so konnte ich mich denn, am Vorabend aller dieser Ereignisse, nicht halten. Er selbst hatte mich herausgefordert, mit solch einem Finale zu schließen.

»Das ist natürlich sehr nett, wenn es nur wirklich lustig wird,« bemerkte er und musterte mich mit einem durchdringenden Blick, »du bist dort, wo du deine Kindheit verbracht hast, ein bißchen klobig geworden, teurer Freund, übrigens bist du aber immerhin doch noch recht manierlich. Er ist sehr nett heute, Tatjana Pawlowna, und es ist schön von Ihnen, daß Sie dies Paket endlich aufgemacht haben.«

Aber Tatjana Pawlowna runzelte ihre Brauen, sie wendete sich nicht einmal nach ihm um, packte weiter aus und verteilte die Süßigkeiten auf herbeigeholte Teller. Auch meine Mutter saß in bangen Zweifeln da, denn sie verstand und ahnte, daß die Sache zwischen uns kein gutes Ende nehmen würde. Meine Schwester stieß mich noch einmal an.

 

3

»Ich will euch allen nur erzählen,« begann ich, scheinbar höchst ungezwungen, »wie ein Vater seinem lieben Sohn zum erstenmal begegnete; passiert ist das eben da, ›wo du deine Kindheit verbracht hast‹ . . .«

»Lieber Freund, wird das aber . . . nicht langweilig? Du weißt ja: tous les genres . . .«

»Machen Sie kein so finsteres Gesicht, Andrej Petrowitsch, ich will gar nicht auf das hinaus, was Sie glauben. Ich will nur, daß alle lachen.«

»Möge Gott dich hören, lieber Freund. Ich weiß ja, du liebst uns alle und . . . und du wirst uns den Abend nicht verderben wollen«, brachte er in einem gemachten, nachlässigen Ton hervor.

»Das haben Sie wohl auch in meinem Gesicht gelesen, daß ich Sie liebe?«

»Ja, zum Teil hab' ich's auch in deinem Gesicht gelesen.«

»Na ja, und ich habe es längst in Tatjana Pawlownas Gesicht gelesen, daß sie in mich verliebt ist. Schaun Sie mich doch nicht an, wie 'n wildes Tier, Tatjana Pawlowna, lachen Sie lieber! Lachen Sie lieber!«

Sie wendete sich auf einmal schnell nach mir um und sah mich eindringlich an, vielleicht eine halbe Minute lang:

»Sieh dich vor!« drohte sie mir mit dem Finger, aber so ernst, daß sich das gar nicht mehr auf meinen dummen Spaß beziehen konnte, sondern eine Warnung vor etwas anderem sein mußte: »Willst du wirklich schon anfangen?«

»Andrej Petrowitsch, so wissen Sie es wirklich nicht mehr, wie wir uns zum erstenmal im Leben begegnet sind?«

»Ich hab' es, weiß Gott, vergessen, lieber Freund, und bitte dich von Herzen, es mir zu verzeihen. Ich weiß nur, daß das schon sehr lange her sein muß, und daß, daß . . . ja, wo war's doch gleich?«

»Mama, und erinnern Sie sich nicht, wie Sie einmal auf dem Lande bei mir waren, ich kann damals sechs oder sieben Jahre gewesen sein, und was mir das wichtigste ist, sind Sie dort auf dem Lande wirklich einmal bei mir gewesen, oder schwebt mir das nur so wie in einem Traum vor, daß ich Sie dort das erstemal gesehen hätte? Das hab' ich Sie schon längst fragen wollen, aber ich hab's immer wieder verschoben: jetzt ist die Zeit gekommen.«

»Gewiß, Arkaschenka, gewiß! Jawohl, ich bin dreimal dort bei Warwara Stepanowna zu Besuch gewesen; als ich das erstemal da war, warst du höchstens ein Jahr alt, beim zweitenmal vier, und beim letztenmal warst du schon sechs.«

»Na also, und danach wollte ich Sie schon den ganzen Monat fragen.«

Meine Mutter wurde ordentlich rot, so schnell strömten die Erinnerungen auf sie ein, und sie fragte mich warm:

»Arkaschenka, kannst du dich denn wirklich noch auf mich in der Zeit besinnen?«

»Ich besinne mich auf nichts und weiß nichts, mir ist nur ein Etwas aus Ihrem Gesicht mein Lebtag in meinem Herzen zurückgeblieben, und dann ist mir das Bewußtsein geblieben, daß Sie meine Mutter waren. Ich sehe jenes ganze Gut jetzt wie im Traume vor mir, ich hatte sogar meine Pflegemutter vergessen. Von jener Warwara Stepanowna war mir nur deswegen ein Schimmer von Erinnerung geblieben, weil sie immer an Zahnschmerzen litt und die Wangen verbunden hatte. Ich weiß noch, daß ums Haus herum riesige Bäume standen, Linden glaub' ich, und dann schien manchmal die Sonne so stark durch die offenen Fenster, und dann war da ein Lattenzaun, an dem Blumen blühten, ein schmaler Weg . . . und Sie, Mama, seh' ich nur in einem Moment klar vor mir, als ich dort in der Kirche das Abendmahl bekam, und Sie hoben mich auf, damit ich das Sakrament empfangen und den Kelch küssen konnte, – das war im Sommer, und eine Taube flog oben quer durch die Kuppel, zu einem Fenster herein, zum andern hinaus . . .«

»Herrgott! Ja, so war das auch alles,« rief meine Mutter und schlug die Hände zusammen, »auch die Taube seh' ich noch wie heute. Direkt vor dem Kelch fuhrst du auf und schriest: ›eine Taube, eine Taube!‹«

»Ihr Gesicht, oder irgend etwas in ihm, der Ausdruck, ist in meinem Gedächtnis so fest haftengeblieben, daß ich Sie fünf Jahre später in Moskau sofort erkannte, obgleich mir damals kein Mensch sagte, daß Sie meine Mutter wären. Aber als ich Andrej Petrowitsch zum erstenmal sah, das war damals, als ich von den Andronikows fortgenommen wurde; bei denen hatte ich bis dahin still und vergnügt fünf Jahre hintereinander dahingelebt. Ich erinnere mich noch bis in die kleinsten Einzelheiten an ihre Dienstwohnung und alle diese Damen und Fräulein, die jetzt hier alle so alt geworden sind, und an das volle Haus, und an Andronikow selbst, wie er allen Proviant fürs Haus, Geflügel, Zander und Spanferkel, selbst in allerlei Paketchen aus der Stadt mitbrachte, und bei Tische tat er, statt seiner Frau, die sich immer sehr vornehm hatte, die Suppe auf, und der ganze Tisch lachte immer darüber, und er war der erste dabei. Und die Damen dort lehrten mich Französisch, aber das liebste waren mir Krylows Fabeln, ich konnte eine Menge von ihnen auswendig und deklamierte Andronikow jeden Tag eine Fabel vor. Ich ging einfach in sein kleines Kabinett, ob er nun zu tun hatte oder nicht. Na, und so einer Fabel verdanke ich auch meine Bekanntschaft mit Ihnen, Andrej Petrowitsch. Ich sehe, es dämmert Ihnen was.«

»Ja, mir schwant so was, lieber Freund, da hast mir damals irgendwas aufgesagt . . . eine Fabel, oder etwas aus Gribojedows Komödie ›Verstand bringt Leiden‹, glaub' ich? Was du übrigens für ein Gedächtnis hast!«

»Gedächtnis! Das fehlte noch! An dies eine habe ich ja mein Leben lang ganz allein gedacht.«

»Schön, schön, lieber Freund, du machst mich ja ordentlich munter.«

Er lächelte sogar, und sogleich lächelten auch meine Mutter und meine Schwester. Das Vertrauen kehrte zurück; aber Tatjana Pawlowna, die die Teller mit Süßigkeiten auf den Tisch gestellt und sich in eine Ecke gesetzt hatte, sah mich weiterhin mit bösem Blick scharf an.

»Das war so«, fuhr ich fort. »Eines schönen Morgens erschien auf einmal bei uns die Freundin meiner Kindheit, Tatjana Pawlowna, die in meinem Leben immer plötzlich, wie im Theater, aufgetaucht ist, ich wurde in einen Wagen gesetzt und in ein herrschaftliches Haus gebracht, in eine luxuriöse Wohnung. Sie waren damals bei Frau Fanariotowa abgestiegen, Andrej Petrowitsch, in ihrem leerstehenden Hause, das sie früher einmal von Ihnen gekauft hatte; sie selbst war damals im Auslande. Ich hatte bisher immer Blusen getragen; jetzt wurde mir auf einmal ein hübsches blaues Jackett und sehr feine Wäsche angezogen. Tatjana Pawlowna pusselte den ganzen Tag an mir herum und kaufte eine Menge Sachen für mich; ich ging unermüdlich durch alle die leeren Zimmer und bewunderte mich in allen Spiegeln. Und auf die Art geriet ich am nächsten Morgen, so um neun, auf meiner Wanderung durch die Wohnung ganz unvermutet auch in Ihr Kabinett. Ich hatte Sie schon am Tage vorher gesehen, als ich grade angekommen war, aber nur ganz flüchtig auf der Treppe. Sie kamen die Treppe herunter, um sich in den Wagen zu setzen und auszufahren; Sie waren damals ganz allein nach Moskau gekommen, nach einer langen Abwesenheit, und nur für kurze Zeit, so daß sich alles um Sie riß und Sie fast überhaupt nicht zu Hause waren. Als Sie Tatjana Pawlowna und mich erblickten, ließen Sie nur ein gedehntes: ›Ah!‹ hören und blieben nicht einmal stehen.«

»Er erzählt das mit viel Liebe«, bemerkte Wersilow, zu Tatjana Pawlowna gewendet; die aber drehte den Kopf zur Seite und antwortete nicht.

»Ich sehe Sie noch, blühend und hübsch, wie Sie damals waren, als wäre es heute gewesen. Sie sind in diesen neun Jahren erstaunlich alt und verbraucht geworden; entschuldigen Sie, bitte, daß ich so aufrichtig bin; übrigens waren Sie auch damals schon siebenunddreißig, aber ich konnte mich gar nicht satt sehen an Ihnen, was hatten Sie für wundervolle Haare, fast kohlschwarz, mit einem blanken Glanz darauf, ohne eine Spur des Ergrauens; ein Schnurrbart und ein Backenbart, die reine Juwelierarbeit, – ich weiß es nicht anders auszudrücken: das Gesicht von einer matten Blässe, nicht kränklich-blaß wie jetzt, sondern wie es jetzt Ihre Tochter Anna Andrejewna hat, die ich neulich kennenzulernen die Ehre hatte; feurige und dunkle Augen und blitzende Zähne, besonders wenn Sie lachten. Sie lachten eben grade, wie Sie mich so musterten, als ich zu Ihnen hereinkam; ich konnte damals noch nicht so viel Unterschiede machen, und Ihr Lächeln heiterte mir das Herz auf. Sie trugen an dem Morgen einen dunkelblauen Samtkittel mit einer gestickten solferinofarbenen Schärpe über einem kostbaren Hemd mit Alençonspitzen; Sie standen vor dem Spiegel und studierten den letzten Monolog Tschazkijs und insbesondere seinen letzten Ruf:

Den Wagen, meinen Wagen!«

»Ach Gott ja,« rief Wersilow, »er hat wahrhaftig recht. Ich hatte es damals, obschon ich nur für kurze Zeit in Moskau war, übernommen, den Tschazkij in einer Liebhabervorstellung bei Alexandra Petrowna Witowtowa zu spielen, weil Shilejko krank geworden war!«

»Hatten Sie das wirklich vergessen?« lachte Tatjana Pawlowna.

»Er hat mich wieder daran erinnert! Offengestanden, die paar Tage damals in Moskau sind vielleicht die schönste Zeit in meinem Leben gewesen! Wir alle waren damals noch so jung . . . und warteten alle mit solch einer Glut . . . Ganz unerwartet traf ich damals in Moskau soviel . . . Aber erzähl' nur weiter, lieber Freund. Diesmal hast du sehr wohl daran getan, daß du so ausführlich warst . . .«

»Ich stand da, schaute Ihnen zu und rief auf einmal: ›Ausgezeichnet, der richtige Tschazkij!‹ – Sie drehten sich mit einem Ruck nach mir um und fragten: ›Ja, was weißt du denn schon von Tschazkij?‹ – und dann setzten Sie sich auf den Diwan und machten sich in vorzüglichster Stimmung an Ihren Kaffee, – Sie sahen einfach zum Küssen aus. Und dann erzählte ich Ihnen, daß bei den Andronikows alle sehr viel lasen, daß die Damen viele Verse auswendig wüßten, daß sie ganze Szenen aus ›Verstand bringt Leiden‹ zusammen aufführten, daß wir in der verflossenen Woche alle zusammen abends laut die ›Memoiren eines Jägers‹ gelesen hätten, daß ich Krylows Fabeln am meisten liebte und sie auswendig wisse. Und Sie sagten, ich sollte Ihnen etwas aus dem Kopf hersagen, und ich deklamierte ›Die wählerische Braut‹:

Ein junges Mädchen träumt sich einmal einen Mann.«

»Ja, ja, ja, jetzt weiß ich wieder alles,« rief Wersilow, »aber, lieber Freund, ich sehe auch dich noch ganz deutlich vor mir: du warst damals so ein netter Junge, ein sehr manierlicher flotter Junge sogar, und ich kann dir mein heiliges Ehrenwort geben, du hast dich in diesen neun Jahren auch nicht grade zum Vorteil verändert.«

Jetzt fingen aber alle, selbst Tatjana Pawlowna, an zu lachen. Es war ja klar, daß Andrej Petrowitsch sich einen kleinen Scherz erlaubte und mir mit gleicher Münze für meine boshafte Bemerkung zurückzahlte, daß er so alt geworden sei. Alle wurden ganz lustig; und es war ja auch sehr hübsch gesagt.

»Je weiter ich deklamierte, desto freundlicher lächelten Sie, aber ich war noch nicht bis zur Mitte gekommen, da sagten Sie, ich sollte ein bißchen warten, klingelten und befahlen dem eintretenden Diener, Tatjana Pawlowna herzubitten. Die kam auch sofort angelaufen und sah so vergnügt aus, daß ich, der sie am Tage vorher gesehen hatte, sie fast nicht wiedererkannte. In Tatjana Pawlownas Gegenwart fing ich ›Die wählerische Braut‹ noch einmal an und führte meinen Vortrag glänzend zu Ende. Selbst Tatjana Pawlowna lächelte, und Sie, Andrej Petrowitsch, riefen sogar: bravo! und bemerkten begeistert, es wäre ja weiter nichts Erstaunliches gewesen, wenn ein gescheiter Junge in meinen Jahren die Fabel von der Grille und der Ameise gut vorgetragen hätte. Aber mit dieser Fabel wäre es doch ganz was anderes:

›Ein junges Mädchen träumt sich einmal einen Mann,
Da ist nichts Böses dran.‹

›Hören Sie nur, wie er das sagt:

Da ist nichts Böses dran!‹

– Kurz und gut, Sie waren entzückt. Und dann fingen Sie auf einmal mit Tatjana Pawlowna an französisch zu sprechen, sie wurde mit einem Ruck verdrießlich und widersprach Ihnen, ja, sie erhitzte sich sogar sehr dabei. Aber da es ganz unmöglich ist, Andrej Petrowitsch zu widersprechen, wenn er sich einmal was in den Kopf gesetzt hat, so führte mich Tatjana Pawlowna schleunigst in ihr Zimmer hinüber: Gesicht und Hände wurden mir frisch gewaschen, ich bekam frische Wäsche an, wurde pomadisiert, und sogar Locken wurden mir eingelegt. Und dann gegen Abend zog sich Tatjana Pawlowna selbst ziemlich elegant an, so elegant, wie ich's bei ihr nie erwartet hätte, und nahm mich in einem Wagen mit. Ich kam zum erstenmal in meinem Leben in ein Theater, es war das Liebhabertheater bei Frau Witowtowa; Lichter, Kronleuchter, Damen, Militärs, Generale, junge Mädchen, der Vorhang, die Stuhlreihen, – nichts der Art hatte ich bisher gesehen. Tatjana Pawlowna suchte sich ein äußerst bescheidenes Plätzchen in einer der hintersten Reihen und setzte mich neben sich. Es waren natürlich auch Kinder da und Kinder wie ich, aber ich achtete überhaupt auf gar nichts, sondern wartete nur mit angehaltenem Atem auf den Beginn der Vorstellung. Als Sie auftraten, Andrej Petrowitsch, war ich begeistert, begeistert bis zu Tränen, – warum, weshalb, weiß ich selber nicht. Warum diese Tränen der Begeisterung? – Das war es, was mir so fremdartig erschien, wenn ich in diesen neun Jahren daran zurückdachte! Mit angehaltenem Atem folgte ich dem Gang der Handlung; ich verstand davon natürlich nur, daß sie ihn betrogen hatte, daß dumme und unwürdige Leute sich über ihn lustig machten, die nicht wert waren, ihm die Schuhriemen zu lösen. Als er auf dem Balle deklamierte, begriff ich, daß er erniedrigt und beleidigt war, daß er allen diesen traurigen Leuten Vorwürfe machte, daß er groß war – groß! Natürlich förderte auch die Vorbereitung bei den Andronikows mein Verständnis, aber – auch Ihr Spiel, Andrej Petrowitsch! Ich sah zum erstenmal ein Theater! Bei der Schlußszene aber, als Tschazkij rief:

›Den Wagen, meinen Wagen!‹

(und Sie brachten das erstaunlich heraus), da sprang ich von meinem Stuhl auf und klatschte, zugleich mit dem ganzen Saal, der vom Applaus widerhallte, und schrie aus aller Kraft meiner Lungen: bravo! Und ich weiß noch, wie heute, daß ich im selben Moment etwas wie einen Stecknadelstich in ›der Fortsetzung meines Rückens‹ verspürte, es war Tatjana Pawlowna, die mich wütend kniff, aber ich achtete nicht darauf! Selbstverständlich brachte mich Tatjana Pawlowna, als das Stück aus war, sofort nach Hause: ›Zum Tanz kannst du ja doch nicht dableiben, und ich hab' weiter nichts davon, als daß ich nun auch nach Hause muß!‹ zischten Sie mich während der Heimfahrt die ganze Zeit an, Tatjana Pawlowna. Ich lag die ganze Nacht wie im Fieber, und am nächsten Tage, um zehn Uhr, stand ich schon vor Ihrem Kabinett, aber die Türe war verschlossen; es waren Leute bei Ihnen, und Sie verhandelten mit ihnen über Geschäfte; dann fuhren Sie gleich für den ganzen Tag aus, bis in die tiefe Nacht – so bekam ich Sie denn nicht zu Gesicht! Was ich Ihnen sagen wollte – hab' ich jetzt natürlich vergessen und wußte es wohl auch damals nicht, aber ich hatte den glühenden Wunsch, Sie möglichst bald zu sehen. Aber den Tag darauf geruhten Sie schon um acht Uhr nach Serpuchow hinauszufahren. Sie hatten damals gerade Ihr Gut im Gouvernement Tula verkauft, um sich mit Ihren Gläubigern auseinanderzusetzen, aber immerhin hatten sie noch ein ganz appetitliches Sümmchen in der Hand, deswegen beehrten Sie damals auch Moskau mit Ihrem Besuch, das Sie vorher hatten meiden müssen, aus Furcht vor Ihren Gläubigern; und nur dieser Grobian in Serpuchow wollte sich als einziger von Ihren Gläubigern nicht mit der Hälfte der Summe, die Sie ihm schuldeten, abfinden lassen. Tatjana Pawlowna antwortete nicht einmal auf meine Fragen, ›das geht dich gar nichts an, übermorgen bringe ich dich in die Pension; mach' dich bereit, nimm deine Hefte, bring' deine Bücher in Ordnung, du könntest jetzt auch wirklich bald lernen deinen Koffer selber zu packen, bild' du dir nur nicht ein, daß du den Kavalier mit den gepflegten Händen spielen mußt, hoher Herr‹, und so und so, und dies und das, Sie haben mich in diesen drei Tagen schon recht freundlich auf den Trab gebracht, Tatjana Pawlowna! Und das Ende war, daß ich in die Pension zu Touchard kam, Andrej Petrowitsch, verliebt in Sie und unschuldig wie ich war. Und mag das alles auch als ganz dummer Zufall erscheinen, das heißt, meine Begegnung damals mit Ihnen, aber glauben Sie mir, ich wollte nachher, ein halbes Jahr später, von Touchard aus zu Ihnen entfliehen!«

»Das hast du sehr schön erzählt und mir alles so lebendig ins Gedächtnis zurückgerufen,« sagte Wersilow langsam, jede Silbe betonend, »aber was mir an deiner Erzählung besonders auffällt ist der Reichtum an allerlei merkwürdigen Einzelheiten, über meine Schulden zum Beispiel. Ich will gar nicht davon reden, daß das Eingehen auf diese Einzelheiten ein wenig taktlos ist, aber ich begreife nicht, woher du sie eigentlich hast?«

»Die Einzelheiten? Woher ich die habe? Ich wiederhole Ihnen, ich habe diese ganzen neun Jahre nichts weiter getan als Einzelheiten über Sie gesammelt.«

»Ein seltsames Geständnis und ein seltsamer Zeitvertreib!«

Er wendete sich um, nahm in seinem Sessel eine halb liegende Stellung an und gähnte sogar flüchtig, – ob mit Absicht oder nicht, das weiß ich nicht.

»Soll ich weiter erzählen, wie ich von Touchard zu Ihnen fliehen wollte?«

»Verbieten Sie's ihm, Andrej Petrowitsch, nehmen Sie ihn am Kragen und werfen Sie ihn hinaus«, grollte Tatjana Pawlowna.

»Es geht nicht, Tatjana Pawlowna,« antwortete Wersilow eindringlich, »Arkadij hat sich offenbar etwas vorgenommen! und so muß man ihn also unbedingt aussprechen lassen. Mag er doch! Er wird es erzählen, und dann ist er's los, Und für ihn ist es eben die Hauptsache, daß er's los wird! Fang deine neue Geschichte nur an, lieber Freund; das heißt, neu, das ist nur so ein Ausdruck von mir; sei unbesorgt, ich kenne ihr Ende.«

 

4

»Die Geschichte von meiner Flucht, das heißt, meinem Fluchtversuch, ist sehr einfach. Tatjana Pawlowna, wissen Sie noch, zwei Wochen nach meinem Eintritt schrieb Touchard einen Brief an Sie, – nicht? Aber mir hat Maria Iwanowna diesen Brief nachher gezeigt, er hatte sich auch in den Papieren des verstorbenen Andronikow gefunden. Touchard war es plötzlich aufgestoßen, daß er zu wenig Geld verlangt hätte, und er erklärte Ihnen in einem Briefe mit ›Würde‹, in seinem Institut würden Fürsten- und Senatorensöhne erzogen, und er fände, es ließe sich mit dem Rufe seines Instituts nicht vereinigen, einen Zögling von derartiger Abkunft darin zu haben, wenn man ihm dafür keine Zulage gäbe.«

»Mon cher, du dürftest . . .«

»Oh, unbesorgt, unbesorgt,« fiel ich Wersilow ins Wort, »ich will nur etwas von Touchard erzählen. Sie antworteten ihm schon von auswärts, Tatjana Pawlowna, nach vierzehn Tagen, und schlugen sein Ansuchen rundweg ab. Ich weiß noch, wie er mit ganz rotem Kopf in unser Klassenzimmer kam. Es war ein kleiner und sehr untersetzter Franzose, etwa fünfundvierzig Jahre alt, und tatsächlich aus Paris, wo er wohl Schuster gewesen war, aber er lebte schon seit unvordenklichen Zeiten in Moskau, wo er eine Staatsanstellung als französischer Lehrer hatte, er hatte sogar Titel und Würden, worauf er sehr stolz war, – ein ungeheuer ungebildeter Mensch. Wir waren sechs Zöglinge; wirklich war ein Neffe eines Moskauer Senators darunter, und wir lebten bei ihm alle wie in der Familie, mehr unter der Aufsicht seiner Frau, einer sehr manierlichen Dame, der Tochter eines russischen Beamten. Ich hatte mich in diesen zwei Wochen vor meinen Kameraden sehr wichtig gemacht, mit meinem blauen Jackett und meinem Papa Andrej Petrowitsch renommiert, und ihre Fragen, warum ich Dolgorukij hieße und nicht Wersilow, hatten mich durchaus nicht beunruhigt, eben weil ich selbst nicht wußte, warum.«

»Andrej Petrowitsch!« schrie Tatjana Pawlowna fast drohend. Meine Mutter dagegen hing an meinem Munde und wünschte sichtlich, daß ich weitererzählte.

»Ce Touchard . . . richtig, ich erinnere mich jetzt, er war so ein kleiner, zappeliger Kerl,« – sagte Wersilow gedehnt, »aber er wurde mir damals von bester Seite empfohlen . . .«

»Ce Touchard trat mit einem Briefe in der Hand ein, kam an unseren großen Eichentisch, an dem wir alle irgend etwas ochsten, packte mich kräftig an der Schulter, riß mich von meinem Stuhl in die Höhe und befahl mir, meine Hefte zu nehmen.

›Dein Platz ist nicht hier, sondern dort!‹ Mit diesen Worten deutete er nach einem winzigen Zimmerchen links vom Vorzimmer, in dem sich nur ein einfacher Tisch, ein Rohrstuhl und ein Wachstuchdiwan befanden, – genau so, wie jetzt da oben in meinem Kämmerchen. Ich ging erstaunt und ganz eingeschüchtert hinüber: ich war noch nie so grob angefaßt worden. Nach einer halben Stunde, als Touchard das Klassenzimmer verlassen hatte, begann ich zu meinen Kameraden hinüberzuschauen und mit ihnen zu lachen, sie lachten natürlich über mich, aber ich hatte keine Ahnung davon und dachte, wir lachten alle, weil wir lustig seien. Da kam auf einmal Touchard hereingestürzt, faßte mich beim Wickel und schleppte mich fort.

›Erlaub' dir nicht, zu anständigen Kindern hineinzugehen, du bist von schlechter Abkunft und nicht besser, als ein Bedienter.‹

Und er schlug mich auf meine volle, rote Backe, daß es ordentlich wehtat. Das gefiel ihm gleich sehr und er schlug mich zum zweiten- und zum drittenmal. Ich heulte los, ich war furchtbar verwundert. Eine ganze Stunde lang saß ich, die Hände vor dem Gesicht, und weinte und weinte. Es war etwas geschehen, was ich absolut nicht verstehen konnte. Ich begreife nicht, wie ein durchaus nicht bösartiger Mensch, wie Touchard, ein Ausländer, der sich noch dazu so über die Befreiung der russischen Bauern gefreut hatte, – wie so ein Mensch einen dummen kleinen Jungen wie mich schlagen könnte. Übrigens war ich nur erstaunt und nicht beleidigt; ich verstand noch nicht beleidigt zu sein. Ich dachte, ich müßte irgendeinen dummen Streich gemacht haben, wenn ich wieder brav sein würde, so würde mir schon verziehen werden und wir würden wieder alle zusammen lustig sein und auf den Hof gehen, um zu spielen und ein Leben führen, so nett wie möglich.«

»Lieber Freund, wenn ich davon nur etwas geahnt hätte . . .« sagte Wersilow gedehnt, mit dem lässigen Lächeln eines ermüdeten Menschen, »dieser Halunke von Touchard! Übrigens gebe ich die Hoffnung immer noch nicht auf, daß du alle deine Kraft zusammennimmst und uns das alles endlich verzeihst, und daß wir dann wieder ein Leben führen, so nett wie möglich.«

Er gähnte unverhohlen.

»Ich mache Ihnen ja gar keine Vorwürfe, durchaus nicht, und Sie können mir's glauben, ich klage auch Touchard nicht an!« schrie ich, ein wenig aus der Fassung gebracht. »Also, so geprügelt hat er mich etwa zwei Monate lang. Ich weiß noch, ich wollte ihn immer durch irgend etwas entwaffnen, ich stürzte mich auf ihn, um ihm die Hände zu küssen, und küßte sie auch, und weinte und weinte immer. Meine Mitschüler lachten mich aus und verachteten mich, weil Touchard mich zuweilen wie einen Dienstboten behandelte, so befahl er mir, ihm seine Kleider zu bringen, wenn er sich anzog. Dabei kam mir meine Bedientennatur instinktiv zugute: ich bemühte mich aus allen Kräften, mich dienstfertig zu erweisen, und war nicht im geringsten beleidigt, weil ich noch nichts von alledem verstand, und ich wundere mich bis zum heutigen Tage darüber, daß ich damals noch so dumm war und nicht begriff, daß ich etwas ganz anderes war, als alle anderen. Allerdings, meine Mitschüler haben mir auch damals schon vieles klargemacht, es war eine gute Schule. Schließlich kam es dahin, daß Touchard mich lieber von hinten mit dem Knie stieß, statt mir ins Gesicht zu schlagen, und als ein halbes Jahr herum war, war er sogar wieder manchmal sehr freundlich zu mir; nur nicht immer, einmal im Monat schlug er mich sicher, um mich daran zu erinnern, damit ich's nur nicht vergäße. Mit den anderen Kindern wurde ich auch bald wieder zusammengesetzt und durfte mit ihnen spielen, aber nicht ein einziges Mal in diesen dritthalb Jahren hat Touchard den Unterschied unserer sozialen Stellung vergessen, und er hat mich die ganze Zeit, nicht in übertriebenem Maße, aber doch immer zu allerhand Dienstleistungen gebraucht, ich glaube eben, damit ich's nicht vergäße.

Meine Flucht, das heißt mein Fluchtversuch, fand etwa fünf Monate nach diesen ersten zwei Monaten statt. Und ich bin überhaupt immer sehr schwer von Entschlüssen gewesen. Wenn ich mich in mein Bett legte und die Decke über mich zog, fing ich gleich von Ihnen zu träumen an, Andrej Petrowitsch, nur von Ihnen ganz allein; ich weiß wahrhaftig nicht, warum das so war. Selbst im Traum erschienen Sie mir. Hauptsächlich träumte mir voll Leidenschaft, Sie würden auf einmal eintreten, ich würde mich an Ihre Brust stürzen, und Sie würden mich mit fortnehmen, in jenes Kabinett, und wir würden wieder ins Theater fahren. Die Hauptsache war, daß wir uns nie trennen würden, das war die Hauptsache! Und wenn ich dann in der Frühe aufwachte, waren auf einmal wieder der Spott und die Verachtung der Mitschüler da; einer von ihnen gewöhnte sich einfach daran, mich zu prügeln und sich von mir die Stiefel anziehen zu lassen; er legte mir ganz häßliche Schimpfnamen bei, in denen er besonders bemüht war, mir das Geheimnis meiner Geburt zu erklären, zur Belustigung aller Zuhörer. Und wenn dann endlich Touchard selbst auf der Bildfläche erschien, dann krampfte ein unerträgliches Gefühl mein Herz zusammen. Ich fühlte, daß mir hier nie verziehen werden würde, – oh, ich begann allmählich zu verstehen, was mir nicht verziehen werden würde und was eigentlich mein Verschulden war! Und so kam ich endlich auf die Idee, zu fliehen. Ich träumte zwei ganze Monate hindurch glühend davon, endlich faßte ich meinen Entschluß; es war im September. Ich wartete an einem Samstag, bis alle meine Mitschüler über Sonntag fortgefahren waren; unterdessen packte ich heimlich sorgsam die nötigsten Sachen in ein Bündelchen; an barem Geld besaß ich zwei Rubel. Ich wollte warten, bis es dunkel würde, dann schleiche ich mich die Treppe hinunter, dachte ich, stehle mich hinaus und gehe auf und davon. Wohin? Ich wußte, daß Andronikow schon nach Petersburg versetzt war, und beschloß, das Haus der Frau Fanariotowa auf dem Arbat aufzusuchen; die Nacht laufe ich herum und sitze irgendwo, und am Morgen frage ich jemand dort auf dem Hofe: wo ist Andrej Petrowitsch jetzt, und wenn er nicht in Moskau ist, in welcher Stadt oder in welchem Lande wohnt er jetzt? Man wird es mir doch wohl sagen. Und dann gehe ich fort, und dann frage ich irgendwo anders jemand: bei welchem Tor muß ich hinausgehen, wenn ich in die und die Stadt will, und dann geh' ich hinaus und gehe immer weiter. Ich werde immer weitergehen, übernachten werde ich irgendwo im Busch, essen will ich nur trockenes Brot, und Brot kann ich für zwei Rubel auf sehr lange Zeit genug bekommen. Am Samstag gelang es mir aber absolut nicht zu entkommen; ich mußte bis zum nächsten Tage warten, bis zum Sonntag, und, wie absichtlich, fuhren auch Touchard und seine Frau am Sonntag für den ganzen Tag fort; im ganzen Hause blieben nur ich und die Köchin Agafja zurück. Ich wartete mit furchtbarer Sehnsucht auf die Nacht; ich weiß noch: ich saß am Fenster unseres großen Zimmers und schaute auf die staubige Straße hinaus, mit ihren hölzernen Häuschen und den wenigen Menschen, die vorübergingen. Touchard wohnte weit draußen in einer abgelegenen, öden Gegend, aus dem Fenster konnte ich einen Schlagbaum sehen: Ob es wohl da richtig ist? dämmerte es in mir. Die Sonne ging so rot unter, der Himmel war so kalt, und ein scharfer Wind wirbelte den Staub auf, geradeso wie heute. Es wurde endlich ganz dunkel; ich trat vor das Heiligenbild und fing an zu beten, aber schnell – schnell, ich hatte Eile; ich nahm mein Bündelchen und schlich auf Zehenspitzen unsere knarrende Treppe hinunter, in einer schrecklichen Angst, daß mich am Ende Agafja aus ihrer Küche hören könnte. Der Schlüssel steckte, ich schloß auf, und auf einmal dehnte sich die dunkle, dunkle Nacht schwarz vor mir, wie eine unendliche, gefahrvolle Fremde, und der Wind riß mir sofort die Mütze vom Kopfe. Ich trat hinaus; auf dem anderen Trottoir erklang das heisere, betrunkene Gegröl eines Menschen, der fluchend seines Weges ging; ich stand eine Weile, schaute hinaus und drehte mich leise um, leise schlich ich nach oben, leise zog ich mich aus, versteckte mein Bündelchen und warf mich, mit dem Gesicht nach unten, hin, ohne Tränen und ohne Gedanken, und sehen Sie, von dieser Minute an hab' ich zu denken angefangen, Andrej Petrowitsch! Eben von dieser Minute an, als ich zum Bewußtsein kam, daß ich nicht nur ein Bedienter, sondern dazu noch ein Feigling war, – eben da begann meine wirkliche, regelrechte Entwicklung!«

»Und ich habe dich jetzt von dieser Minute an durch und durch erkannt, und für alle Zeit!« Damit sprang Tatjana Pawlowna plötzlich von ihrem Stuhle auf, so unerwartet, daß es mir ganz überraschend kam. »Du warst nicht nur damals ein Bedienter, du bist noch heute ein Bedienter; eine Bedientenseele bist du! Was hätte es damals Andrej Petrowitsch wohl gemacht, wenn er dich zu einem Schuster in die Lehre gegeben hätte? Es wäre sogar eine Wohltat von ihm gewesen, wenn er dich ein Handwerk hätte lernen lassen! Wer hätte von ihm mehr für dich verlangt oder gefordert? Dein Vater, Makar Iwanowitsch, hat ihn nicht etwa gebeten, sondern es beinahe von ihm gefordert, daß ihr, seine Kinder, in seinem Stande erzogen würdet. Aber nein, das ist nichts für dich, daß er dich hat das Gymnasium durchmachen lassen, und daß du, dank ihm, den privilegierten Ständen angehörst. Ei sieh mal, die Jungchen haben ihn ein bißchen aufgezogen, und da hat er geschworen, sich an der Menschheit zu rächen . . . Du Jammerlappen, du trauriger!«

Ich muß gestehen, ich war verblüfft über ihren Ausbruch. Ich stand eine Zeitlang, sah vor mich hin, und wußte nicht, was ich sagen sollte.

»Ja, wahrhaftig, Tatjana Pawlowna hat mir was Neues gesagt,« wendete ich mich schließlich mit fester Stimme an Wersilow, »ich bin wahrhaftig so sehr eine Bedientennatur, daß ich mich keinesfalls allein damit zufrieden geben kann, daß Herr Wersilow mich nicht zu einem Schuster in die Lehre gegeben hat; nicht einmal mein privilegierter Stand macht Eindruck auf mich, nein, gib mir den ganzen Wersilow, gib mir einen Vater . . . das hab' ich verlangt – also bin ich doch ein Bedienter, nicht wahr? Mama, es liegt mir schon seit acht Jahren schwer auf dem Gewissen, wie Sie damals allein zu Touchard gekommen sind, um mich zu besuchen, und wie ich Sie damals aufgenommen habe, aber hier ist nicht der Ort dazu, Tatjana Pawlowna wird mich nicht weitererzählen lassen. Morgen, Mama, sehen wir uns vielleicht noch einmal. Tatjana Pawlowna! Nun, und was wäre, wenn ich wieder solche Bedientennatur wäre, daß ich nicht einmal das zugeben könnte, daß einer bei Lebzeiten seiner Frau noch eine zweite Frau zu heiraten das Recht hätte? Und das wäre Andrej Petrowitsch doch beinahe in Ems passiert! Mama, wenn Sie nicht bei einem Manne bleiben wollen, der morgen eine andere heiraten wird, so denken Sie daran, daß Sie einen Sohn haben, der Ihnen gelobt, ewig ein ehrerbietiger Sohn zu sein, denken Sie daran und kommen Sie zu mir, ich habe nur eine Bedingung: ›Er oder ich‹, – wollen Sie? Ich verlange die Antwort nicht gleich; ich weiß, daß man auf solche Fragen nicht im Augenblick antworten kann . . .«

Aber ich kam nicht zu Ende, hauptsächlich weil ich so furchtbar erregt war und den Faden verlor. Meine Mutter war ganz weiß geworden, und es hatte ihr gleichsam die Stimme verschlagen; sie konnte kein Wort hervorbringen. Tatjana Pawlowna sprach sehr laut und sehr viel, ich konnte nicht verstehen, was sie sagte. Ein paarmal stieß sie mich auch mit der Faust an die Schulter. Ich weiß nur noch, daß sie schrie, meine Worte wären »aufgeblasen und hohl, in einer kleinen Seele aufgepäppelt und mit dem Finger herausgeknabbert«. Wersilow saß unbeweglich und sehr ernst, er lächelte nicht. Ich ging nach oben in mein Zimmer. Der letzte Blick, der mich aus dem Zimmer begleitete, war der vorwurfsvolle Blick meiner Schwester; sie sah mir nach und schüttelte streng den Kopf.

 

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