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Ein Werdender - Erster Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Erster Band - Kapitel 6
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typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Erster Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
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Fünftes Kapitel

1

Meine Idee ist – ein Rothschild zu werden! Ich fordere den Leser auf, ruhig und ernst zu bleiben.

Ich wiederhole es, meine Idee ist, ein Rothschild zu werden, ebenso reich zu werden wie Rothschild; nicht einfach reich, sondern gerade wie Rothschild. Weswegen, wozu, was ich damit eigentlich für Ziele verfolge – davon wird später die Rede sein. Zunächst will ich beweisen, daß die Erreichung meines Zieles mit mathematischer Sicherheit garantiert ist.

Es ist eine sehr einfache Sache, ihr ganzes Geheimnis liegt in diesen zwei Worten: Hartnäckigkeit und Ausdauer.

»Da erfahren wir nichts Neues,« wird man mir sagen, »jeder Familienvater in Deutschland predigt das seinen Kindern, aber dabei ist Ihr Rothschild (das heißt, der verstorbene James Rothschild, der Pariser, von dem ich spreche) der einzige in seiner Art geblieben, und die Familienväter zählen nach Millionen.«

Auf so einen Einwurf würde ich antworten:

»Sie behaupten, das wäre nichts Neues, das wüßten Sie schon lange, aber dabei wissen Sie gar nichts. Es ist ja richtig, in einem Punkt haben Sie recht; wenn ich gesagt habe, diese Sache wäre ›sehr einfach‹, so habe ich vergessen, hinzuzufügen, daß sie zu gleicher Zeit furchtbar schwer ist. Alle Religionen und Sittenlehren in der Welt laufen auf den einen Satz hinaus: ›Du sollst die Tugend lieben und das Laster meiden.‹ Was könnte anscheinend einfacher sein? Aber tun Sie doch eine tugendhafte Tat oder meiden Sie doch auch nur ein einziges von Ihren Lastern, versuchen Sie es mal – nun, und –? Und genau so ist es hiermit.«

Das ist der Grund, warum die unzähligen Familienväter im Laufe unzähliger Jahrhunderte diese beiden wunderbaren Wörter immer wiederholen konnten, in denen das ganze Geheimnis beschlossen liegt, und daß Rothschild dennoch der einzige in seiner Art blieb; Also: das ist durchaus nicht dasselbe, und die Familienväter predigen durchaus nicht meinen Gedanken.

Von Hartnäckigkeit und Ausdauer haben auch sie zweifellos gehört; aber zur Erreichung meines Zieles können Hartnäckigkeit und Ausdauer im Sinne der Familienväter nicht dienen.

Schon der eine Ausdruck »Familienväter« – ich spreche nicht von den deutschen allein – der Umstand, daß so ein Mensch Familie hat, daß er lebt, wie alle leben, daß er Ausgaben hat wie alle, Pflichten wie alle andern – schon das bedeutet für ihn, daß er kein Rothschild werden kann, sondern immer ein begrenzter, mittelmäßiger Mensch bleiben muß. Ich verstehe es nur zu gut, daß einer, der ein Rothschild wird oder auch nur einer werden will, aber nicht im Sinne der Familienväter, sondern ernsthaft – daß so einer schon mit diesem Entschluß ganz von selbst aus der Gesellschaft austritt.

Vor ein paar Jahren stand in den Zeitungen, auf einem Wolgadampfer wäre ein Bettler gestorben, der in Lumpen einhergegangen war und um Almosen gebeten hatte; jedermann dort kannte ihn. Nach seinem Tode fand man gegen dreitausend Rubel in Banknoten in seinen Bettelrock eingenäht. Und kürzlich habe ich wieder von einem Bettler gelesen, der von adliger Abkunft war, in den Wirtshäusern herumlief und um Almosen bat. Er wurde verhaftet, und es fanden sich bei ihm gegen fünftausend Rubel. Daraus ergeben sich ganz von selbst zwei Schlüsse: erstens, daß die Hartnäckigkeit im Sparen, wenn man auch nur Kopeke auf Kopeke legt, ganz kolossale Resultate erzielt (die Zeit hat hierbei gar nichts zu bedeuten), und zweitens, daß die primitivste, ungeklügeltste Form des Geldsammelns, wenn man sie nur mit Ausdauer und ohne jede Unterbrechung betreibt, mit mathematischer Sicherheit zum Erfolg führen muß.

Und dabei gibt es vielleicht reichlich viele achtbare, kluge und sparsame Leute, die (soviel sie sich darum plagen mögen) weder drei noch fünf Tausende haben, und die sie doch überaus gern haben möchten. Woher kommt das? Die Antwort ist klar: weil nicht ein einziger von ihnen, so gern er es auch wollte, so viel Willen besitzt, um zum Beispiel, wenn er es sich auf keine andere Weise verdienen kann, selbst zum Bettler zu werden, weil keiner von ihnen, selbst wenn er Bettler geworden ist, hartnäckig genug ist, um die ersten Kopeken, die er bekommt, nicht gleich für ein überflüssiges Stück Brot für sich oder seine Familie auszugeben. Und bei dieser Methode, Geld zu verdienen, das heißt, beim Betteln, darf man, wenn man soviel Geld zusammenhäufen will, nur von Brot und Salz leben und nach weiter gar nichts Verlangen tragen; wenigstens fasse ich das so auf. So haben es auch sicherlich die oben erwähnten Bettler gemacht, das heißt, sie haben nur trockenes Brot gegessen und fast ausschließlich unter freiem Himmel gelebt. Zweifellos haben sie nicht die Absicht gehabt, Rothschilds zu werden; es waren bloß Harpagons oder Pliuschkins in ihrer reinsten Erscheinungsform, weiter nichts; aber auch beim bewußten Geldzusammenraffen in einer ganz anderen Form, mit dem Ziele, ein Rothschild zu werden, braucht man nicht weniger Energie und Willenskraft als diese beiden Bettler. Ein Familienvater bringt diese Kraft nicht auf. Die Kräfte auf der Welt sind verschieden geartet, besonders die Kraft des Wollens und Strebens hat sehr mannigfache Abstufungen. Es gibt eine Temperatur, bei der das Wasser zu sieden anfängt, es gibt auch eine Temperatur, bei der das Eisen in Rotglut gerät.

Das ist ebenso schwer, wie ins Kloster zu gehen, so schwer wie die Selbstüberwindung asketischer Mönchsorden. Hier geht es ums Gefühl, nicht um die Idee. Und warum? Wozu? Ist das denn moralisch, und ist es nicht ganz ungeheuerlich, sein Leben lang in groben Gewändern zu gehen und nichts als Schwarzbrot zu essen, wenn man so einen Haufen Geld bei sich trägt? Von diesen Fragen später, jetzt will ich nur klarmachen, daß es möglich ist, mein Ziel zu erreichen.

Als ich mir »meine Idee« ausgedacht hatte (und in der Rotglut besteht sie eben), begann ich mich zu prüfen, ob ich fähig wäre zu Kloster und Askese. Zu diesem Zwecke genoß ich den ganzen ersten Monat hindurch nur Brot und Wasser. Ich brauchte nicht mehr als zweieinhalb Pfund Schwarzbrot für den Tag. Um das durchführen zu können, mußte ich Nikolaj Semionowitsch betrügen, der sehr klug war, und Maria Iwanowna, die mir wohlwollte. Ich bestand darauf, daß mir das Essen in mein Zimmer gebracht wurde, zu ihrer Betrübnis und zur zweifelnden Verwunderung des sehr korrekten Nikolaj Semionowitsch; dort schaffte ich das Essen einfach beiseite: die Suppe goß ich zum Fenster hinaus, in die Nesseln oder sonstwohin, das Fleisch warf ich entweder durchs Fenster dem Hunde zu, oder ich wickelte es in ein Stück Papier, steckte es in die Tasche und brachte es nachher fort, und so mit allem übrigen. Da mir zum Mittagessen natürlich viel weniger als zweieinhalb Pfund Brot heraufgeschickt wurde, so kaufte ich mir heimlich für mein eigenes Geld welches dazu. Das hielt ich einen Monat aus und verdarb mir nur vielleicht ein bißchen meinen Magen dabei; im nächsten Monat fügte ich die Suppe zum Brot, und morgens und abends je ein Glas Tee – und ich kann versichern, so habe ich ein ganzes Jahr gelebt, vollkommen gesund und zufrieden und moralisch in einem Taumel und einer fortwährenden heimlichen Ekstase. Nicht nur, daß es mir um die Speisen nicht leid tat, nein, ich war geradezu in einer Verzückung. Als das Jahr zu Ende war und ich mich überzeugt hatte, daß ich jedes beliebige Fasten ertragen konnte, begann ich wieder zu essen wie sie und ging zu Mittag zu ihnen hinunter. Aber mit dieser Probe war ich noch nicht zufrieden und machte noch eine zweite. Als Taschengeld, für meine kleinen Ausgaben, bekam ich außer dem Geld für meinen Unterhalt, das direkt an Nikolaj Semionowitsch gezahlt wurde, monatlich fünf Rubel. Ich beschloß, nur die Hälfte dieses Geldes auszugeben. Das war eine sehr schwere Prüfung, aber nach zwei Jahren, als ich in Petersburg ankam, befanden sich in meiner Tasche, außer anderem Geld, siebzig Rubel, die ich mir nur auf diese Art erspart hatte. Das Resultat dieser beiden Versuche war für mich einfach gewaltig: ich hatte jetzt die sichere Gewißheit, daß ich genug Willenskraft besaß, um mein Ziel zu erreichen, und darin, ich wiederhole, liegt meine ganze Idee begründet – alles andere sind jämmerliche Kleinigkeiten.

 

2

Aber betrachten wir auch die Kleinigkeiten.

Ich habe meine beiden Versuche beschrieben; in Petersburg machte ich, wie schon bekannt, einen dritten – ich ging auf eine Auktion und verdiente mit einem Schlage sieben Rubel fünfundneunzig Kopeken. Natürlich, das war kein wirklicher Versuch, sondern nur eine Spielerei, ein kleines Amüsement; ich hatte Lust, eine Minute aus der Zukunft vorwegzunehmen und zu erproben, wie ich dann umhergehen und handeln würde. Überhaupt hatte ich den wirklichen Beginn meines Werkes von allem Anfang an, schon in Moskau, bis dahin verschoben, wo ich gänzlich frei sein würde; ich wußte gut genug, daß ich wenigstens zum Beispiel erst mit dem Gymnasium fertig sein müßte. (Die Universität hatte ich, wie schon bekannt, geopfert.) Unstreitig, ich reiste in einem geheimen Zorn nach Petersburg; ich hatte eben das Gymnasium absolviert und war zum erstenmal frei geworden, und da auf einmal sah ich, daß Wersilows Angelegenheiten mich für unbestimmte Zeit vom Beginn meines Werkes abzogen! Aber wenn ich auch zornig war, so kam ich doch ohne die geringste Unruhe meines Zieles wegen hin.

Es ist ja richtig, die praktische Kenntnis fehlte mir; aber ich hatte alles drei Jahre lang ununterbrochen überdacht und konnte keinen Zweifel haben. Ich hatte es mir tausendmal vorgestellt, wie ich anfangen würde: ich würde auf einmal, wie vom Himmel gefallen, in einer von unsern beiden Hauptstädten auftreten (ich hatte mir für den Anfang unsere Hauptstädte ausgesucht und in erster Linie Petersburg, dem ich nach einiger Überlegung den Vorzug gegeben hatte), und so würde ich denn dastehen, wie vom Himmel gefallen, aber vollkommen frei, von niemand abhängig, gesund und mit einem heimlichen Schatz von hundert Rubel in der Tasche als erstes Anlagekapital. Ohne diese hundert Rubel wollte ich nicht anfangen, weil ich sonst auch schon die erste Periode des Erfolges gar zu weit hinausschieben müßte. Außer den hundert Rubeln brachte ich, wie schon bekannt, Mut, Hartnäckigkeit, Ausdauer, die vollste Einsamkeit und das tiefste Geheimnis mit. Die Einsamkeit war die Hauptsache; ich habe bis zur letzten Minute keinerlei Beziehungen zu anderen Menschen oder Verbindungen mit ihnen leiden können; im allgemeinen gesprochen, ich hatte beschlossen, mit der Ausführung meiner Idee unbedingt ganz allein anzufangen, das ist mein sine qua. Die Menschen bedrücken mich, und wenn ich innerlich unruhig wäre, müßte diese Unruhe meinem Ziele schädlich sein. Und es ist mir bis heute, mein Leben lang, immer so gegangen; wenn ich davon träumte, wie ich mit den Leuten umgehen würde, so dachte ich mir immer sehr kluge Dinge aus; aber sobald es in Wirklichkeit dazu kam, benahm ich mich in der dümmsten Weise. Ich bekenne das mit Unwillen und aufrichtig; ich habe mich mit Worten immer selbst ausgegeben, und darum beschloß ich, dem Umgang mit Menschen zu entsagen. Ich gewinne dadurch Unabhängigkeit, Seelenruhe, Klarheit in der Verfolgung meines Zieles.

Ungeachtet der entsetzlichen Petersburger Preise hatte ich ein für allemal beschlossen, nicht mehr als fünfzehn Kopeken täglich für Essen auszugeben und wußte, daß ich mein Wort halten würde. Diese Frage wegen des Essens hatte ich mir lange und umständlich überlegt; so hatte ich zum Beispiel beschlossen, hier und da einmal zwei Tage nacheinander nichts als Brot und Salz zu essen, aber mit dem Vorbehalt, am dritten Tage wieder ausgeben zu dürfen, was ich mir in den beiden anderen erspart hatte; ich meinte, das würde besser für meine Gesundheit sein als die ewig gleiche Fastenkost auf Grundlage des Minimums von fünfzehn Kopeken. Außerdem brauchte ich, um leben zu können, einen Winkel, buchstäblich einen Winkel, nur damit ich mich nachts ausschlafen konnte und hier und da einmal bei ganz entsetzlichem Wetter auch tags eine Unterkunft hätte. Leben wollte ich auf der Straße und war im Notfall auch bereit, in den Asylen für Obdachlose zu übernachten, wo man außer seinem Lager ein Stück Brot und ein Glas Tee bekommt. Oh, ich würde es nur zu gut verstehen, mein Geld zu verstecken, damit es mir in meinem Winkel oder in den Asylen nicht gestohlen würde, ja, nicht einmal eine Ahnung sollte man davon haben, dafür verbürge ich mich! Auf der Straße habe ich einmal gehört, wie einer lustig sagte: »Mir soll man was stehlen? Ich hab' nur Angst, daß ich nicht am Ende einem andern was stehle.« Natürlich eigne ich mir für mich aus diesem Satze nur die Vorsichtigkeit und Listigkeit an; zu stehlen beabsichtige ich nicht. Mehr noch, ich hatte noch in Moskau, vielleicht am ersten Tage meiner »Idee«, fest beschlossen, nicht einmal Geld auf Pfänder und gegen Prozente zu verleihen; dazu sind die Juden da und solche Russen, die weder Verstand noch Charakter haben. Pfänder und Prozente – das ist nur was für ordinäre Menschen.

Was die Kleidung betraf, so hatte ich beschlossen, immer zwei Anzüge zu haben: einen für alle Tage und einen guten. Wenn ich sie mir einmal angeschafft hätte, so würde ich sie lange tragen, davon war ich überzeugt; ich habe mich zweieinhalb Jahre extra im Hinblick hierauf geübt, meine Kleider lange zu tragen, und ich habe sogar das Geheimnis entdeckt: damit Kleider immer neu bleiben und sich nicht abtragen, muß man sie so oft wie möglich bürsten, fünf-, sechsmal am Tage. Vor der Bürste fürchtet das Tuch sich nicht, ich spreche aus Erfahrung, sondern es fürchtet sich vor Staub und Schmutz. Staub besteht eben ganz einfach aus Steinen, wenn man ihn unter dem Mikroskop ansieht, und eine Bürste mag noch so hart sein, sie besteht doch im Grunde beinah aus einer Art Wolle. In gleicher Weise hatte ich mich geübt, meine Stiefel sehr zu schonen: das Geheimnis besteht darin, daß man den Fuß behutsam mit der ganzen Sohle auf einmal auf den Boden setzt und sein Körpergewicht dabei so schnell wie möglich auf die betreffende Seite legt. Lernen kann man das in vierzehn Tagen, nachher tut man es schon ganz unwillkürlich. Auf diese Weise halten die Stiefel, durchschnittlich gerechnet, um ein Drittel der Zeit länger. Das ist eine Erfahrung zweier Jahre.

Und dann mußte also meine eigene Tätigkeit beginnen.

Ich ging von der Vorstellung aus: ich habe hundert Rubel. In Petersburg gibt es so viel Auktionen, Ausverkäufe, Trödelläden und bedürftige Menschen, daß es ganz unmöglich ist, eine Sache, die man für soundso viel gekauft hat, nicht etwas teuerer verkaufen zu können. Für das Album habe ich einen Gewinn von sieben Rubel fünfundneunzig Kopeken auf ein Anlagekapital von zwei Rubel und fünf Kopeken erzielt. Diesen ungeheuren Gewinn habe ich ohne das geringste Risiko erzielt: ich sah es dem Käufer an den Augen an, daß er nicht zurücktreten würde. Selbstverständlich verstehe ich nur zu gut, daß das nur ein Zufall war; aber solche Zufälle suche ich ja eben, deswegen habe ich ja beschlossen, auf der Straße zu leben. Nun, und mögen solche Zufälle auch sehr selten sein; ganz gleich, meine erste Regel wird sein: niemals etwas zu riskieren, und meine zweite: unbedingt jeden Tag wenigstens ein bißchen mehr als das Minimum zu verdienen, das ich für meinen Unterhalt ausgeben muß, so daß mein Kapital ununterbrochen wächst.

Man wird mir sagen: »das sind alles nur Träume, du kennst die Straße nicht und wirst beim ersten Schritt schon übervorteilt werden.« Aber ich besitze Willen und Charakter, und die Wissenschaft der Straße ist eine Wissenschaft wie jede andere, sie muß sich einem ergeben, wenn man sie mit Ausdauer und Aufmerksamkeit betreibt und Fähigkeiten mitbringt. Im Gymnasium war ich bis zur obersten Klasse immer unter den ersten, ich war ein ausgezeichneter Mathematiker. Wie kann man denn die Erfahrung und die Wissenschaft der Straße so götzendienerisch überschätzen, daß man mir den sicheren Mißerfolg prophezeit? So was sagen immer nur die Leute, die noch nie einen Versuch in irgendeiner Richtung gemacht haben, die keine Art von Leben angefangen, sondern immer nur im Fertigen vegetiert haben. »Einer hat sich die Nase gebrochen, also muß sie sich jeder andere unbedingt auch brechen!« Nein, ich breche mir meine nicht. Ich habe Charakter, und wenn ich gut aufpasse, lerne ich schon noch alles. Kann man sich denn überhaupt vorstellen, daß einer mit der ausdauerndsten Hartnäckigkeit, mit dem ausdauerndsten Scharfblick, mit der ausdauerndsten Überlegung und Berechnung, mit der größten ununterbrochenen Tätigkeit und Lauferei – daß es einer durch das alles nicht herausbringen sollte, wie man es machen muß, um täglich zwanzig Kopeken zu verdienen? Die Hauptsache ist, ich bin entschlossen, meinen Gewinn nie gewaltsam auf ein Maximum treiben zu wollen, nein, ich will immer ruhig bleiben. Nachher, später, wenn ich erst das erste Tausend habe und das zweite, dann werde ich natürlich ganz von selbst aufhören, den Vermittler und den Käufer und Wiederverkäufer auf der Straße zu spielen. Natürlich weiß ich noch zu wenig von Börse, Aktien, Bankiergeschäften und alledem. Aber dafür weiß ich so gut, wie ich fünf Finger an der Hand habe, daß ich alle diese Börsen- und Bankiergeschäfte zu ihrer Zeit so gut verstehen werde, wie kein anderer, und daß diese Wissenschaft mir sehr leicht fallen wird, einfach weil mich meine Sache dahin führen wird. Ist denn dazu wirklich so viel Verstand nötig? Was kann einem da alle salomonische Weisheit nützen: Charakter muß einer haben; Kenntnisse, Gewandtheit, Wissen kommen ganz von selbst. Man darf nur nicht aufhören zu »wollen«.

Die Hauptsache ist: nichts riskieren. Und das versteht nur einer, der Charakter hat. Erst kürzlich kam mir hier, in Petersburg, eine Subskriptionsliste auf Eisenbahnaktien in die Hand; die Leute, die damals subskribieren konnten, haben viel daran verdient. Eine Zeitlang stiegen die Aktien rapid! Und jetzt setzen wir einmal den Fall, irgend jemand, dem es nicht gelungen ist, zu subskribieren, und der sehr gern welche haben möchte, sieht solche Aktien in meinen Händen und schlägt mir vor, er will sie mir abkaufen und mir dafür eine Prämie von soundso viel Prozenten zahlen. Ich würde sie ihm unbedingt sofort verkaufen. Selbstverständlich würde man über mich lachen: »wenn du noch gewartet hättest, so hättest du vielleicht den zehnfachen Betrag verdient.« – Sehr richtig, aber meine Prämie ist schon deshalb sicherer, weil ich sie in der Tasche habe, während die Ihre noch in der Luft herumfliegt. – Man wird mir sagen, auf diese Weise verdiente man nicht viel; – pardon, das ist ja gerade der Fehler, der Fehler aller unserer großen Spekulanten. Die Wahrheit lautet: Ausdauer und Hartnäckigkeit im Verdienen und vor allem im Behalten bedeutet unendlich viel mehr als momentane Coups, mögen sie auch hundert und aberhundert Prozente einbringen.

Kurz vor der französischen Revolution trat in Paris ein gewisser Law auf und heckte ein im Prinzip geniales Projekt aus (das nachher bei der Ausführung jämmerlich verkrachte). Ganz Paris war in Aufregung; Laws Aktien gingen wie warme Semmeln ab, man riß sich um sie. In dem Hause, wo die Subskriptionsliste aufgelegt war, strömte das Geld von ganz Paris zusammen, wie aus einem Sack; aber endlich reichte auch das Haus nicht mehr: das Publikum drängte sich auf der Straße – alle Berufe, Stände, Lebensalter: Bourgeois, Edelleute und ihre Kinder, Gräfinnen, Marquisen, öffentliche Frauenzimmer – alles keilte sich zu einem erregten, halbverrückten Klumpen zusammen, es war, als wären sie alle von tollen Hunden gebissen; Rang, Vorurteile, Rassenunterschiede, Stolz, sogar die Ehre und der gute Name – alles wurde in einen Dreck gestampft; alles wurde geopfert (sogar von Frauen), um nur ein paar Aktien zu bekommen. Die Subskription wurde schließlich auf der Straße fortgesetzt, aber man hatte keine Unterlage zum schreiben. Da schlug man einem Buckligen vor, seinen Buckel für eine Zeitlang als Tisch herzuleihen. Der Bucklige willigte ein – man kann sich vorstellen, wie viel er sich dafür zahlen ließ. Kurze Zeit darauf (sehr kurze Zeit sogar) machten alle Bankerott, alles verkrachte, die ganze Idee ging zum Teufel und die Aktien hatten nicht mehr den geringsten Wert. Wer hatte dabei gewonnen? Nur der Bucklige, eben weil er keine Aktien genommen hatte, sondern bare Louisdors. Nun, ich bin eben jener Bucklige! Ich habe genug Kraft gehabt, zu fasten und mir Kopeke für Kopeke zweiundsiebzig Rubel zu ersparen; es wird auch dazu reichen, daß ich im Wirbelwind des Erwerbsfiebers, der alle ergriffen hat, auf meinen Füßen stehen bleibe und den sicheren Verdienst dem großen vorziehe. Ich bin nur in Kleinigkeiten kleinlich, in großen Sachen – nie. Zur Geduld in kleinen Dingen hat es mir oft an Charakter gemangelt; selbst nachdem meine »Idee« schon geboren war, aber für große Dinge werde ich immer genug Charakter haben. Wenn meine Mutter mir damals morgens, bevor ich zum alten Fürsten ging, kaltgewordenen Kaffee vorsetzte, wurde ich wütend und sagte ihr Grobheiten, und dabei war ich derselbe Mensch, der einen ganzen Monat nur von Brot und Wasser gelebt hatte.

Mit einem Wort, es wäre unnatürlich, wenn ich nicht Geld verdienen sollte, wenn ich nicht lernen sollte, wie man das macht. Und unnatürlich wäre es auch, ich wiederhole es, unnatürlich, wenn einer nicht Millionär werden sollte, der ununterbrochen und gleichmäßig Geld aufhäuft, der ununterbrochen Acht gibt und die Nüchternheit seines Denkens bewahrt, der ewig enthaltsam, ökonomisch und von einer Energie ist, die alles überflügelt. Wodurch hat sich jener Bettler sein Geld erworben, als durch den Fanatismus seines Charakters und seiner Hartnäckigkeit? Bin ich vielleicht schlechter, als dieser Bettler? »Und schließlich, mag ich auch gar nichts erreichen, mag meine Berechnung falsch sein, mag ich verspielen und zugrunde gehen, ganz einerlei – ich gehe meinen Weg. Ich gehe ihn, weil ich nun einmal will.« Das habe ich schon gesagt, als ich noch in Moskau war.

Man wird einwenden, hier wäre überhaupt gar keine Idee vorhanden, und ebenso nichts Neues. Ich aber sage, und jetzt zum letztenmal: es liegt eine sehr große Idee und unendlich viel Neues darin.

Oh, ich habe schon so ein Vorgefühl gehabt, wie trivial alle Einwände sein würden, und wie trivial ich selbst, wenn ich meine »Idee« erläuterte. Ja, und was habe ich ausgesprochen? Nicht den hundertsten Teil habe ich ausgesprochen, ich fühle, daß es kleinlich, plump, oberflächlich und sogar jugendlicher herausgekommen ist, als es für meine Jahre paßt.

 

3

Es bleiben noch die Antworten auf die Fragen »Warum?« und »Weshalb?« und »Ist das moralisch oder nicht?« übrig, – ich habe eine Antwort darauf versprochen.

Es tut mir leid, daß ich den Leser mit einem Streich enttäuschen muß, es tut mir leid und freut mich. Möge man doch wissen, daß wirklich keine Spur von einem Gefühl der »Rache« mit meiner Idee etwas zu tun hat, nichts Byronisches, – keine Flüche, keine Waisenklagen, keine Bankerttränen, nichts, gar nichts. Kurz und gut, die romantisch veranlagte Dame, der meine Memoiren in die Hände fallen könnten, würde sogleich die Nase hängen lassen. Das ganze Ziel meiner »Idee« ist – die Einsamkeit.

»Aber Einsamkeit kann man auch erlangen, ohne sich darum zu reißen, ein Rothschild zu werden. Was hat Rothschild damit zu tun?«

»Das hat er damit zu tun, daß ich außer der Einsamkeit auch Macht haben will.«

Ich will ein kurzes Vorwort machen: der Leser wird sich vielleicht über die Aufrichtigkeit meines Bekenntnisses entsetzen und sich naiv fragen: warum errötet der Verfasser hierbei nicht? Meine Antwort ist: ich schreibe nicht, um gedruckt zu werden; und einen Leser werde ich vielleicht erst in zehn Jahren haben, wenn alles bis zu einem Grade klar geworden, vorübergegangen und erwiesen ist, daß zu einem Erröten nicht mehr die geringste Veranlassung sein wird. Und wenn ich mich daher manchmal in meinen Memoiren an einen Leser wende, so ist das nur eine Manier. Mein Leser ist nur eine gedachte Person.

Nein, nicht meine uneheliche Geburt, mit der ich bei Touchard so viel aufgezogen wurde; nicht meine traurigen Kinderjahre, kein Rächersinn und kein berechtigtes Protestgefühl haben den Keim zu meiner »Idee« gelegt; schuld daran ist ganz allein mein Charakter. – Mit zwölf Jahren, glaube ich, das heißt also, fast mit demselben Moment, wo das richtige Bewußtsein in mir erwachte, fing ich an, die Menschen nicht mehr leiden zu können. Es war eigentlich nicht, daß ich sie nicht hätte leiden können, aber sie fielen mir gewissermaßen schwer. Es ist mir selbst manchmal furchtbar traurig gewesen, in meinen reinsten Minuten, daß ich mich auch gegenüber den mir am nächsten stehenden Leuten nie habe ganz aussprechen können; das heißt, ich könnte es wohl, aber ich will nicht, ich halte mich zurück und weiß selbst nicht, warum; es hat mich oft betrübt, daß ich so mißtrauisch, verdrießlich und unumgänglich bin. Und so habe ich auch seit lange noch einen Zug an mir entdeckt: ich klage zu häufig an, ich bin zu sehr geneigt, andere Leute zu beschuldigen; aber wenn ich dieser Neigung nachgebe, folgt gleich darauf sehr oft ein anderer Gedanke, der für mich etwas erdrückend Schweres hat, und der lautet: »Bin ich nicht am Ende selber der Schuldige, und nicht sie?« Und wie oft habe ich mich grundlos beschuldigt! Um nicht genötigt zu sein, solche Fragen zu entscheiden, habe ich natürlich die Einsamkeit gesucht. Und zu alledem habe ich nichts in der Gesellschaft der Menschen gefunden, so sehr ich mich gemüht habe, und ich habe mich bemüht; wenigstens alle meine Altersgenossen, alle meine Kameraden haben sich, vom ersten bis zum letzten, niedriger erwiesen, als meine Gedanken waren; ich weiß keine einzige Ausnahme.

Jawohl, ich bin finster, ich verstecke mich ununterbrochen. Ich fühle oft den Wunsch, aus der Gesellschaft auszutreten. Ich werde den Menschen vielleicht Gutes tun, aber häufig erblicke ich nicht die geringste Ursache, ihnen Gutes zu tun. Und überhaupt sind die Menschen nicht so wundervoll, daß es sich verlohnte, sich um sie Sorgen zu machen. Warum treten sie nicht gerade und offen an mich heran, und warum bin ich unbedingt verpflichtet, selbst und als erster zu ihnen zu kommen. Das war es, wonach ich mich gefragt habe. Ich bin ein dankbares Geschöpf und habe das schon durch ein ganzes Hundert Dummheiten bewiesen. Ich möchte dem Offenen momentan mit Offenheit erwidern und gleich anfangen, ihn zu lieben. Und das habe ich auch getan; aber alle haben sie mich sofort übers Ohr gehauen und sich mit spöttischem Lächeln vor mir versteckt. Der offenste von allen war Lambert, der mich in meinen Kinderjahren so viel geprügelt hat: aber auch der war nur ein offener Schuft und Bandit; und auch diese Offenheit entsprang nur aus seiner Dummheit. Das waren so meine Gedanken, als ich nach Petersburg kam.

Als ich damals von Dergatschow kam (wohin es mich weiß Gott warum gezogen hatte), ging ich auf Wasin los und sang dem, in einem Anfall von Begeisterung, sein Lob. Und was folgte dann? Noch am selben Abend fühlte ich schon, daß ich ihn jetzt viel weniger gern hatte. Warum? Eben darum, weil ich sein Lob gesungen und mich selbst dadurch vor ihm heruntergesetzt hatte. Und dabei schien mir doch, es müßte gerade das Umgekehrte der Fall sein: ein Mensch, der so gerecht und so großdenkend ist, daß er einem andern gibt, was ihm gebührt, auch wenn er sich selbst dabei etwas vergibt, so ein Mensch steht doch an wirklicher Würde beinahe höher, als sonst irgend jemand. Und doch – ich begriff das sehr wohl; aber trotzdem hatte ich Wasin jetzt weniger gern, sogar sehr viel weniger. Ich habe absichtlich ein Beispiel gewählt, das dem Leser schon bekannt war. Sogar an Kraft dachte ich mit einem bitteren und säuerlichen Gefühl zurück, weil er mich so einfach selbst hinausgeleitet hatte, und das dauerte bis zum nächsten Tage an, bis mir alles, was Kraft anging, ganz klar geworden war und ich ihm nicht mehr zürnen konnte. Wenn mich, auch noch in den untersten Gymnasialklassen, irgendein Mitschüler in einem Unterrichtsgegenstand überflügelte oder mich in witzigen Antworten übertraf, so hörte ich sofort auf, mich mit ihm abzugeben und mit ihm zu sprechen. Nicht, daß ich ihn gehaßt oder ihm Mißerfolge gewünscht hätte; ich wandte mich nur einfach von ihm ab, weil das eben in meinem Charakter lag.

Ja, ich habe mein ganzes Leben lang nach Macht gedürstet, nach Macht und Einsamkeit. Meine Träume waren davon sogar schon in einem Alter erfüllt, wo mir ganz bestimmt jedermann ins Gesicht gelacht hätte, der erfahren hätte, was in meinem Kopfe vorging. Deswegen habe ich die Heimlichkeit so lieb gewonnen. Ja, ich träumte mit meiner ganzen Kraft und so viel, daß mir keine Zeit blieb, mich mit anderen Menschen zu unterhalten; daraus schloß man, ich wäre menschenscheu, und aus meiner Zerstreutheit wurden viel häßlichere Schlüsse gezogen, aber meine roten Backen bewiesen das Gegenteil.

Besonders glücklich war ich, wenn ich im Bette lag, die Decke über mich gezogen hatte und ganz allein, in vollster Einsamkeit, ohne Menschen um mich zu sehen und ohne einen menschlichen Laut zu hören, das Leben nach meinen Träumen umzuschaffen begann. Glühendste Träumerei geleitete mich, bis zur Entdeckung meiner »Idee«, wo alle Träume, die dumm gewesen waren, auf einmal verständig wurden und aus der träumerischen Form des Romans in die kritisch denkende Form der Wirklichkeit übergingen.

Alles ergoß sich dem einen Ziel entgegen. Meine Gedanken waren übrigens auch früher nicht gar so dumm gewesen, trotz ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit und Zahl. Aber ich hatte immer Lieblingsgedanken unter ihnen gehabt . . . Übrigens ist hier nicht der Ort sie aufzuzählen.

Macht! Ich bin fest davon überzeugt, daß es sehr vielen Menschen sehr lächerlich erscheinen würde, wenn sie erführen, daß so ein »Dreck« wie ich nach Macht ringt. Aber ich kann ihnen etwas sagen, was sie noch mehr wundern wird: vielleicht schon in meinen allerersten Träumen, das heißt, fast von meiner frühesten Kindheit an, habe ich mir mich selbst nicht anders vorstellen können, als auf dem ersten Platze, überall und in allen Lebenslagen. Hier will ich ein seltsames Bekenntnis anschließen: vielleicht ist das auch noch heute der Fall. Ich bemerke dazu, daß ich nicht um Verzeihung zu bitten gedenke.

Und darin liegt auch meine »Idee«, darin liegt ihre Stärke, daß das Geld der einzige Weg ist, der sogar eine Null auf den ersten Platz führen kann. Ich bin ja vielleicht keine Null, aber ich weiß zum Beispiel aus dem Spiegel, daß mein Äußeres mir hinderlich ist, weil ich ein ordinäres Gesicht habe. Aber bin ich erst mal so reich wie Rothschild, – wer wird dann mit meinem Gesichte rechten, und werden dann nicht Tausende von Frauen, wenn ich nur pfeife, mir mit aller ihrer Schönheit an den Hals fliegen? Ich bin sogar überzeugt, daß sie mich selbst, und ganz aufrichtig, schließlich für einen schönen Mann halten würden. Ich bin vielleicht auch klug. Aber mag ich auch eine Stirn von sieben Spannen haben, sicherlich findet sich ein anderer, der eine Stirn von acht Spannen hat – und dann bin ich geliefert. Aber wenn ich ein Rothschild bin, – kann dieser kluge Kopf von acht Spannen irgend etwas neben mir bedeuten? Gar nicht zu Worte kommen lassen wird man ihn neben mir! Ich bin vielleicht geistreich; aber nehmen wir an, es stellt sich ein Talleyrand, ein Piron neben mich – und ich bin verdunkelt; aber sobald ich ein Rothschild bin – wo bleibt da ein Piron, und vielleicht auch ein Talleyrand? Das Geld ist natürlich eine despotische Macht, aber zu gleicher Zeit ist es der größte Gleichmacher, und darin liegt seine hauptsächlichste Kraft. Das Geld macht alle Ungleichheiten gleich. Zu diesen Schlüssen bin ich noch in Moskau gekommen.

Man wird in diesem Gedanken natürlich nichts als Unverschämtheit, Sucht nach Gewalt, Sucht der Nichtigkeit sehen, über die Talente zu triumphieren. Zugegeben, dieser Gedanke sei frech (und eben darum süß). Meinethalben! Man denkt, ich hätte mir damals Macht gewünscht, um andere zu erdrücken, um mich zu rächen? Das ist es eben, daß so unbedingt die ordinäre Gewöhnlichkeit handeln würde. Nein, mehr noch! Ich bin überzeugt, daß tausende von Talenten und klugen Köpfen, die sich so erhaben dünken, es nicht ertragen würden, wenn ihnen auf einmal die Rothschildschen Millionen in den Schoß fielen, und handeln würden wie die niedrigste ordinärste Gewöhnlichkeit und die anderen mehr als irgend jemand erdrücken. Meine Idee ist eine ganz andere. Ich habe keine Angst vor dem Geld; es wird mich nicht erdrücken, und mich auch nicht zwingen, andere zu erdrücken.

Ich habe das Geld nicht nötig, oder, besser gesagt, ich habe nicht das Geld nötig, auch nicht einmal die Macht; ich habe nur nötig, was man durch die Macht erlangt und was man ohne Macht auf keine Art erlangen kann: und das ist das einsame und ruhige Kraftbewußtsein! Das ist die erschöpfendste Umschreibung der Freiheit, um die die ganze Welt sich plagt! Freiheit! Endlich steht es hier auf dem Papier, das große Wort . . . Ja, das einsame Kraftbewußtsein – das ist verlockend und herrlich. Habe ich Kraft, so bin ich ruhig. Jupiter hat den Donnerkeil in seiner Hand, und er ist ruhig! Hört man ihn etwa oft donnern? Ein Narr könnte meinen, er schliefe. Aber man setze einmal irgendeinen Literaten an Jupiters Stelle, oder ein dummes Bauernweib – es wird donnern und donnern ohne Ende.

Wenn ich erst die Macht hätte – so überlegte ich – würde ich ihrer gar nicht mehr bedürfen; ich kann versichern, daß ich selbst, aus eigenem freien Willen, überall den letzten Platz einnehmen würde. Wenn ich ein Rothschild wäre, ich ginge in einem schäbigen Paletot und mit einem Regenschirme herum. Was machte es mir, wenn ich auf der Straße angerannt würde, wenn ich eilig durch den Straßenschmutz springen müßte, um nicht von Droschken überfahren zu werden? Das Bewußtsein, daß ich das wäre, ich, der Rothschild, würde mir in solchen Momenten sogar großes Vergnügen machen. Ich weiß, daß ich das beste Essen haben kann und den ersten Koch in der ganzen Welt, und ich habe genug daran, daß ich es weiß. Ich würde ein Stück Brot mit Schinken essen und mich an meinem Bewußtsein sättigen. Ich bin sogar heute noch derselben Ansicht.

Ich werde mich nicht an die Aristokratie herandrängen, sondern sie wird sich zu mir drängen, ich werde den Weibern nicht nachlaufen, sondern sie werden zu mir strömen, wie Wasser, und mir alles anbieten, was eine Frau anzubieten hat. Die »schlechten« werden des Geldes wegen kommen und die klugen wird die Neugier herführen, einen so sonderbaren, stolzen, verschlossenen Menschen zu ergründen, der alles mit solcher Gleichgültigkeit betrachtet. Ich werde zu den einen freundlich sein und zu den andern auch, und vielleicht werde ich ihnen Geld geben, ich selbst aber werde nichts von ihnen annehmen. Neugier gebiert Leidenschaft, vielleicht werde ich auch Leidenschaft entzünden. Aber ich kann versichern, sie werden nichts von mir mitnehmen, höchstens Geschenke. Und ich werde dadurch nur doppelt interessant für sie werden

. . . Denn am Bewußtsein
Find' ich Genügen.

Sonderbar ist es, daß ich mir dies Bild (das übrigens richtig ist), schon mit siebzehn Jahren wollüstig verlockend ausgemalt habe.

Bedrücken und quälen will ich niemand und werde ich niemand; aber ich würde wissen, daß keiner mich hindern könnte, wenn ich den und den Menschen, irgendeinen Feind von mir, ruinieren wollte, im Gegenteil, alle würden mir Beihilfe leisten, und an dem Bewußtsein hätte ich wieder genug. Ich würde mich sogar an niemand rächen. Ich habe mich immer darüber gewundert, daß James Rothschild darauf eingegangen ist, Baron zu werden! Warum, wozu, wenn er auch soviel größer war, als sonst irgend jemand auf Erden? Mag mich doch irgend so ein großschnauziger General auf einer Poststation beleidigen, wo wir beide auf frische Pferde warten; wenn er wüßte, wer ich bin, liefe er hinaus und spannte mir meine Pferde eigenhändig ein und spränge herzu, um mir in meinen bescheidenen Lastwagen zu helfen! Ich habe einmal gelesen, ein ausländischer Baron oder Graf hätte in einer Wiener Eisenbahn einem dortigen Bankier vor allen Leuten seine Pantoffeln angezogen; und der Mann war so ordinär, sich das gefallen zu lassen. – Oh, mag doch, mag diese schreckliche Schönheit (jawohl: schrecklich, es gibt solche Schönheiten!) – diese Tochter einer üppigen und vornehmen Aristokratin, wenn sie zufällig mit mir auf einem Dampfschiff zusammentrifft, mag sie mich nur scheel ansehen und die Nase rümpfen und sich von oben herab verwundern, wie dieser bescheidene, häßliche Mensch mit dem Buch oder der Zeitung in der Hand es wagen konnte, hierher auf den ersten Platz zu geraten, direkt neben sie. Wenn sie nur wüßte, wer neben ihr sitzt! Und sie wird es erfahren – sie wird es erfahren und sich selbst neben mich setzen, demütig, schüchtern, freundlich, sie wird meinen Blick suchen, sie wird froh sein über ein Lächeln von mir . . . Ich setze diese jugendlichen Phantasiebildchen absichtlich hierher, um meinen Gedanken klarer auszudrücken; aber diese Bilder sind blaß und vielleicht auch trivial. Nur die Wirklichkeit kann alles rechtfertigen.

Man wird mir einwenden, eine solche Lebensweise wäre dumm; warum soll man sich kein Palais bauen, kein Haus machen, keine Gesellschaften geben, keinen Einfluß ausüben, nicht heiraten? Aber was würde dann aus dem Rothschild werden? Er würde werden wie alle. Der ganze Reiz der »Idee« würde schwinden, ihre ganze moralische Kraft. Ich habe, als Kind noch, den Monolog aus dem »Geizigen Ritter« von Puschkin auswendig gelernt; etwas höheres, was die Idee angeht, als das, hat Puschkin weder vorher noch nachher hervorgebracht! Und dieselben Gedanken sind heute noch die meinen.

»Aber Ihr Ideal ist doch gar zu niedrig«, wird man verachtungsvoll zu mir sagen. »Geld, Reichtum! Kommt es nicht auf den Nutzen für die Allgemeinheit an, auf humane Taten?«

Ja, woher weiß denn jemand, wie ich meinen Reichtum anwenden würde? Was ist daran unmoralisch und niedrig, daß diese Millionen aus einer Menge von jüdischen, schädlichen und schmutzigen Händen in die Hände eines nüchternen und energischen Asketen zusammenströmen, der sich scharf die Welt ansieht? Überhaupt, alle diese Zukunftsträume, alle diese Prophezeiungen – das alles klingt heute wie ein Roman, und es kann wohl sein, daß ich sie für nichts und wieder nichts niederschreibe; mag sein, daß es besser unter meinem Schädeldach geblieben wäre; ich weiß auch, daß vielleicht niemand diese Zeilen lesen wird; aber wenn sie jemand läse, würde er mir dann wohl glauben, daß ich die Rothschildschen Millionen am Ende wirklich nicht ertragen könnte? Nicht etwa weil sie mich erdrücken würden, sondern in einem ganz anderen Sinne, im entgegengesetzten Sinne. In meinen Zukunftsträumen habe ich schon mehr als einmal jenen Moment vorweggenommen, wo mein »Bewußtsein« gar zu befriedigt sein wird, und wo mir die Macht als etwas gar zu Kleines erscheinen wird. Dann werde ich – nicht aus Langerweile oder aus zielloser Blasiertheit, sondern weil ich ohne Unterlaß nach dem Großen streben werde – dann werde ich alle meine Millionen den Leuten geben; mag dann die Allgemeinheit über meinen ganzen Reichtum verfügen, und ich – ich will wieder in der großen Nichtigkeit verschwinden! Mag sein, daß ich mich sogar in jenen Bettler verwandle, der auf dem Dampfschiffe gestorben ist, nur mit dem Unterschied, daß man in meinem Kittel nichts eingenäht finden wird. Das Bewußtsein ganz allein, daß ich Millionen in diesen Händen gehalten habe und sie in den Dreck geworfen habe, würde mich in meiner Einöde nähren. Ich bin auch heute noch bereit, genau so zu denken. Jawohl, meine »Idee« – ist meine Festung, in der ich mich immer und in jedem Fall vor jedermann bergen kann, und mag ich der Bettler werden, der auf dem Dampfschiff gestorben ist. Das ist mein Gedicht! Und so sage ich denn, daß ich eben meinen lasterhaften Willen ganz brauche, – nur, um mir selbst zu beweisen, daß ich Kraft genug habe, um ihm zu entsagen.

Man wird mir ohne Zweifel einwerfen, das wäre dann schon weiter nichts als poetische Träumerei, und ich würde die Millionen nie aus den Händen lassen, wenn ich sie einmal hätte und würde mich nicht in jenen Bettler aus Saratow verwandeln. Mag sein, daß ich sie nicht aus den Händen lassen würde; ich habe nur das Ideal meines Gedankens aufgezeichnet. Aber ich will, und jetzt im vollsten Ernste, nur noch das eine sagen: wenn ich in der Aufhäufung von Reichtümern bis zu der Ziffer gelangte, die Rothschild erreicht hat, so könnte es in Wirklichkeit damit enden, daß ich mein Geld der Allgemeinheit hingäbe. (Übrigens vor Erreichung der Rothschildschen Ziffer wäre es schwer, das zu tun.) Und ich würde nicht etwa die Hälfte hergeben, weil dabei nichts als eine Niedrigkeit herauskäme: ich würde nur um die Hälfte ärmer werden und weiter nichts; nein, eben alles müßte ich fortgeben, alles bis zur letzten Kopeke, denn wenn ich dann ein Bettler wäre, würde ich mit einem Schlage doppelt so reich sein, wie Rothschild! Wenn man das nicht begreift, ist es nicht meine Schuld; auf Erklärungen lasse ich mich nicht ein.

»Das ist ja Fakirtum, das ist die Poesie der Nichtigkeit und Kraftlosigkeit!« werden die Leute sagen, »das ist der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit.« Jawohl, ich gebe zu, es mag zum Teil der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit sein, aber schwerlich die Kraftlosigkeit. Mir machte es eine furchtbare Freude, mir eben ein talentloses und mittelmäßiges Wesen vorzustellen, das der Welt gegenüberstände und lächelnd zu ihr sagte: ihr seid Galilei und Copernicus, Karl der Große und Napoleon, Puschkin und Shakespeare, ihr seid Feldmarschälle und Hofmarschälle, und hier stehe ich – die Unbegabtheit und der Vertreter der unehelichen Geburt – und dennoch bin ich höher als ihr, weil ihr euch dem selbst unterworfen habt. Ich muß bekennen, ich habe diese Phantasie so weit ausgedehnt, daß ich sogar die Bildung verwarf. Mich dünkte, es müßte noch schöner sein, wenn der betreffende Mensch von direkt schmutziger Unbildung wäre. Dieser schon etwas übertriebene Gedanke hatte damals sogar Einfluß auf meine Leistungen in der siebenten Gymnasialklasse; ich hörte eben aus Fanatismus auf zu lernen: der Mangel an Bildung wäre als eine neue Schönheit zu meinem Ideal hinzugekommen. Heute habe ich meine Meinung über diesen Punkt geändert: die Bildung ist kein Hindernis.

Ja, meine Herrschaften, ist denn ein unabhängiger Gedanke, und sei er noch so klein, etwas so Schwieriges für Sie? Gesegnet ist, wer ein Schönheitsideal besitzt, selbst wenn es irrtümlich ist! Aber ich glaube an mein Ideal. Ich habe es nur nicht richtig dargelegt, zu unverständlich, zu buchstäblich. Nach zehn Jahren würde ich es natürlich besser darlegen. Aber dies will ich mir zur Erinnerung aufbewahren.

 

4

Ich habe nun alles über meine »Idee« gesagt. Wenn ich sie schlecht und oberflächlich geschildert habe, so ist das meine Schuld, nicht die Schuld der »Idee«. Ich habe es schon im voraus gesagt, daß die einfachsten Ideen am allerschwersten zu verstehen sind; jetzt füge ich noch hinzu, daß sie auch am schwersten zu, erläutern sind, um so mehr, als ich meine »Idee« noch in ihrer vormaligen Gestalt erläutert habe. Es gibt auch ein umgekehrtes Gesetz für die Ideen: die niederen, schnellen Ideen werden ungewöhnlich schnell verstanden und sicherlich gleich vom großen Haufen, sicherlich gleich von der ganzen Gasse; nicht genug damit: sie werden für die höchsten und genialsten gehalten, – aber nur für den Tag ihres ersten Auftretens. Was billig ist, hält nicht lange. Wenn man etwas schnell versteht, so ist das ein Zeichen, daß das Verstandene nichts taugt. Bismarcks Idee war für den Augenblick genial, – und Bismarck selbst war ein Genie; aber eben diese Schnelligkeit ist verdächtig: ich möchte Bismarck in zehn Jahren wiedersehen, dann wird sich zeigen, was von seiner Idee übrig ist und vielleicht von dem Herrn Kanzler selbst. Diese durchaus nicht zur Sache gehörige Bemerkung setze ich natürlich nicht hierher, um einen Vergleich zu machen, sondern ebenfalls nur zur Erinnerung für mich. (Anmerkung für den gar zu naiven Leser).

Und jetzt will ich zwei Anekdoten erzählen, um damit endgültig das letzte über meine »Idee« zu sagen, so daß sie in Zukunft den Fluß der Erzählung auf keine Weise mehr stören kann.

Einmal im Sommer, im Juli, zwei Monate vor meiner Abreise nach Petersburg, als ich schon ganz frei war, hatte mich Maria Iwanowna gebeten, nach dem Vorort Troizkij-Posad zu fahren, zu einer alten Jungfer, die da wohnte, um ihr einen Auftrag auszurichten, – übrigens eine ganz uninteressante Sache, die eine eingehende Erwähnung nicht wert ist. Auf der Rückfahrt, die am gleichen Tage erfolgte, bemerkte ich im Waggon einen ziemlich häßlichen jungen Menschen, der nicht schlecht, aber sehr unsauber gekleidet war; er sah finnig aus und war gewissermaßen schmutzigbrünett. Er zeichnete sich dadurch aus, daß er ohne Ausnahme auf jeder einzelnen Station ausstieg und einen Schnaps trank. Als die Reise sich ihrem Ende näherte, hatte sich um ihn ein fideler Kreis gebildet, so eine recht minderwertige Gesellschaft. Besonders entzückt war ein gleichfalls angetrunkener Kaufmann von der Fähigkeit dieses jungen Menschen, ununterbrochen zu trinken und doch nüchtern zu bleiben. Sehr befriedigt war außerdem ein junger Bursche, der scheußlich dumm war und scheußlich viel redete, deutsche Kleidung trug und einen äußerst übeln Geruch an sich hatte, – ein Lakai, wie ich später erfuhr; dieser Mensch hatte sich mit dem trinkfesten jungen Mann sogar angefreundet und zog ihn, sobald der Zug wieder einmal hielt, von seinem Sitze und sagte: »Wieder ein Grund, einen Schnaps zu trinken«, – und dann gingen sie zärtlich umschlungen hinaus. Der trinkfeste junge Mann sprach fast kein Wort, aber es sammelten sich immer mehr Leute um ihn, die sich mit ihm unterhielten; er horchte nur auf alles, was gesagt wurde, lächelte ununterbrochen mit einem speicheligen Kichern und brachte von Zeit zu Zeit, aber immer ganz überraschend, einen merkwürdigen Laut hervor, der etwa wie »Tür–lür–lü!« klang, und dabei legte er einen Finger mit einer äußerst karikaturenhaft wirkenden Geste an seine Nase. Dies machte dem Kaufmann und dem Lakaien und allen anderen ungeheures Vergnügen, und sie lachten ungeheuer laut und ausgelassen darüber. Unbegreiflich, worüber die Leute manchmal lachen! Auch ich trat zu der Gruppe und ich weiß nicht, warum auch mir der junge Mann gewissermaßen gefiel; vielleicht weil er die allgemein angenommenen und offiziell gewordenen Anstandsformen gar so grell verletzte, kurz und gut, ich durchschaute es nicht, daß er ein Narr war; jedenfalls kam ich mit ihm gleich auf du und du, und als wir aus dem Waggon stiegen, sagte er mir, er würde am Abend, um neun Uhr, auf den Twerskoj-Boulevard kommen. Er entpuppte sich als ein ehemaliger Student. Ich kam hin, und man höre, was für einen netten Scherz er mich lehrte: wir gingen zu zweit über alle Boulevards, und wenn wir zu späterer Stunde irgendeine anständige Frauensperson gehen sahen, und es waren sonst keine Leute in der Nähe, so machten wir uns sofort an sie heran. Ohne ein Wort mit ihr zu sprechen, gingen wir neben ihr her, er auf der einen, ich auf der anderen Seite, und begannen mit der gelassensten Miene, als bemerkten wir sie gar nicht, eine möglichst unanständige Unterhaltung. Wir nannten die Dinge mit ihren deutlichsten Namen, mit ruhiger Miene, als gehörte es sich so und brachten bei der Erklärung von allerlei Ekelhaftigkeiten und Schweinereien solche Finessen an, wie sie die schmutzigste Phantasie des schmutzigsten Lüstlings sich nicht besser hätte ausdenken können. (Ich hatte mir alle diese Kenntnisse natürlich in der Schule erworben, sogar noch vor meiner Gymnasialzeit, doch kannte ich nur die Worte, nicht die Sache.) Die betreffende Frau erschrak dann immer sehr und hastete eilig vorwärts, aber wir verdoppelten die Zahl unserer Schritte gleichfalls und machten ruhig weiter. Unser Opfer konnte natürlich nichts tun, schreien konnte sie nicht: es waren keine Zeugen da, und es war doch auch einigermaßen genierlich, sich über so was zu beschweren. Mit diesen Amüsements verbrachten wir etwa acht Tage; ich begreife nicht, wie mir das Spaß machen konnte, es machte mir auch keinen Spaß, ich tat nur so. Mir erschien das anfangs originell, weil es gewissermaßen aus dem üblichen, offiziellen Einerlei herausfiel; und außerdem konnte ich die Frauenzimmer nicht ausstehen. Ich erzählte einmal meinem Studenten, daß Jean-Jacques Rousseau in seinen Bekenntnissen erzählt, er habe als junger Mann gerne Körperteile, die man für gewöhnlich bedeckt läßt, entblößt und sie aus einer Ecke vorübergehenden Frauen gezeigt. Der Student antwortete mir mit seinem: »Tür-lür-lü«. Ich merkte, daß er schrecklich unwissend war und sich für erstaunlich wenig in der Welt interessierte. Keinerlei latente Idee, wie ich sie in ihm zu finden gehofft hatte. Statt Originalität fand ich nur die erdrückendste Eintönigkeit. Ich konnte ihn immer weniger leiden. Schließlich nahm das alles ein ganz unerwartetes Ende: wir machten uns eines Abends, als es schon völlig dunkel war, an ein junges Mädchen heran, das schnell und ängstlich den Boulevard entlang ging; sie war noch sehr jung, vielleicht erst sechzehn oder noch jünger, sehr sauber und bescheiden gekleidet, lebte vielleicht von ihrer Arbeit und ging jetzt aus dem Geschäft nach Hause, zu ihrer alten Mutter, einer Witwe mit vielen Kindern; übrigens hat es gar keinen Sinn, sentimental zu werden. Das Mädchen hörte uns eine Weile an und hastete vorwärts, den Kopf gebeugt und in den Schleier gehüllt, furchtsam und zitternd, aber auf einmal blieb sie stehen, schlug den Schleier von ihrem, soviel ich mich erinnere, sehr hübschen, aber mageren Gesicht zurück und schrie uns mit blitzenden Augen an:

»Oh, ihr gemeinen Schufte!«

Es kann sein, daß sie im Begriff war, im selben Augenblick in Tränen auszubrechen, aber es geschah etwas anderes: sie holte aus und versetzte dem Studenten mit ihrer kleinen, mageren Hand eine Ohrfeige, so kräftig, wie vielleicht noch keine gesessen hat. Es klatschte nur so! Er schimpfte los und stürzte sich auf sie, aber ich hielt ihn zurück, und das Mädchen gewann Zeit, zu entkommen. Wir blieben zurück und gerieten sofort in Streit: ich sprach mir alles vom Herzen herunter, was sich die ganze Zeit in mir gegen ihn angesammelt hatte: ich sagte ihm, er wäre nur eine ganz traurige Unbegabtheit und Gewöhnlichkeit und hätte nie den leisesten Schimmer von einer Idee besessen. Er schimpfte mich . . . (ich hatte ihm einmal Erklärungen über meine illegitime Geburt gegeben), dann spuckten wir voreinander aus, und seit der Zeit habe ich ihn nicht wiedergesehen. An dem Abend war ich sehr ärgerlich, am nächsten Tage nicht mehr so sehr, am dritten hatte ich die Sache gänzlich vergessen. Und – wird man's glauben? – wenn mir dieses junge Mädchen nachher auch manchmal wieder ins Gedächtnis kam, so geschah es doch nur ganz zufällig und flüchtig. Erst als ich schon in Petersburg war, zwei Wochen nach meiner Ankunft, fiel mir plötzlich wieder jene Szene ein, – sie fiel mir ein, und ich schämte mich ihrer auf einmal so, daß mir buchstäblich Tränen der Scham die Wangen hinunterliefen. Ich quälte mich den ganzen Abend damit, die ganze Nacht, manchmal quält es mich noch heute. Ich konnte anfangs nicht begreifen, wie es mir möglich gewesen war, so tief und so erbärmlich zu sinken und, was die Hauptsache war, diese Begebenheit so ganz zu vergessen, mich ihrer nicht einmal zu schämen oder Reue darüber zu empfinden. Erst jetzt bin ich darauf gekommen, woran das lag: die »Idee« war schuld gewesen. Um es kürzer zu sagen, ich ziehe geradezu den Schluß: ein Mensch, der etwas Unbewegliches, Immerwährendes, Starkes im Kopf hat, das ihn ausschließlich beschäftigt, – ein solcher Mensch entfernt sich eben dadurch gleichsam von der ganzen Welt und geht in die Einöde, und alles, was geschieht, huscht nur flüchtig an ihm vorbei, schattenhaft, hinter der Hauptsache. Sogar die Aufnahme der Eindrücke ist anormal. Und außerdem, die Hauptsache ist, daß man immer eine Ausrede hat. Wie hatte ich meine Mutter in der Zeit gequält, wie häßlich hatte ich meine Schwester links liegenlassen: »Ho, ich habe eine ›Idee‹, und das ist ja alles nur Quark«, – so ungefähr sprach ich zu mir selber. Ich selbst wurde beleidigt und das tief genug, – und ich ging beleidigt davon und sagte dann auf einmal zu mir: »Ho, ich bin niedrig, aber ich habe immerhin meine ›Idee‹, und sie wissen nichts davon.« Die »Idee« tröstete mich in meiner Schande und Nichtigkeit; aber auch alle meine Schlechtigkeiten versteckten sich gleichsam hinter der Idee; sie erleichterte mir sozusagen alles, umnebelte aber auch alles vor meinen Augen; aber eine unklare Auffassung von Ereignissen und Dingen kann natürlich auch der Idee selbst Schaden tun, von allem anderen ganz zu schweigen.

Nun die andere Geschichte.

Maria Iwanowna feierte am ersten April des vorigen Jahres ihren Namenstag. Am Abend waren einige Gäste da, sehr wenige übrigens. Auf einmal kommt Agrafena, die Magd, außer Atem hereingestürzt und erzählt, auf dem Treppenabsatz vor der Küchentür läge ein ausgesetztes Kind und winsele, und sie wisse nicht, was sie machen solle. Diese Nachricht ließ alle auffahren, alle gingen hinaus und erblickten da einen Spankorb, und in dem Korbe ein drei oder vier Wochen altes, winselndes kleines Mädchen. Ich hob den Korb auf, trug ihn in die Küche und entdeckte gleich einen zusammengefalteten Zettel: »Liebe Wohltäter, erweist eure wohlwollende Hilfe dem rechtgläubig getauften Mädchen Arina, und wir werden mit ihr immerdar unsere Tränen zum Throne des Höchsten emporsenden, und wir wünschen euch Glück zum Namenstage. Leute, die ihr nicht kennt.« Und da betrübte mich Nikolaj Semionowitsch, vor dem ich so eine Hochachtung hege, sehr: er setzte eine äußerst ernsthafte Miene auf und erklärte, das kleine Mädchen müßte sofort in das Findelhaus geschickt werden. Ich wurde sehr traurig. Sie lebten sehr ökonomisch, hatten aber keine Kinder, und Nikolaj Semionowitsch war immer sehr froh darüber. Ich nahm die kleine Arina behutsam aus dem Korbe und hob sie an ihren Schulterchen hoch; aus dem Korbe kam der gewisse säuerliche und scharfe Geruch, wie ihn lange nicht gebadete Säuglinge ausströmen. Ich stritt mich erst eine Zeitlang mit Nikolaj Semionowitsch herum, dann erklärte ich ihm auf einmal, ich würde das Kind auf meine Kosten aufziehen lassen. Er begann eine Entgegnung, trotz aller seiner Weichheit, mit einer gewissen Strenge, und wenn er auch mit einem Scherze schloß, ließ er doch die erzieherische Absicht seiner Worte in voller Kraft bestehen. Jedoch es geschah, wie ich wollte: auf demselben Hofe, aber in einem anderen Hause, lebte ein sehr armer Tischler, ein Mann bei Jahren, der dem Trunke ergeben war; und seine Frau, ein noch ziemlich junges, sehr gesundes Weib, hatte gerade einen Säugling verloren, der, was die Hauptsache war, ihr einziges Kind gewesen, das sie erst nach achtjähriger unfruchtbarer Ehe bekommen hatte, das gleichfalls ein Mädchen gewesen war und, ein seltsames und glückliches Zusammentreffen, auch Arina geheißen hatte. Ich sage, ein glückliches Zusammentreffen, denn als wir noch so in der Küche stritten, kam dies Weib, das von der Sache gehört hatte, angelaufen, um das Kind zu sehen, und als sie hörte, daß es Arina hieße, – wurde sie weich. Die Milch war ihr noch nicht vergangen, sie knöpfte ihre Jacke auf und legte das Kind an die Brust. Ich redete zu und bat sie, sie möchte es zu sich nehmen, ich würde monatlich dafür zahlen. Sie hatte Angst, daß ihr Mann es am Ende nicht erlauben würde, nahm es aber für die Nacht mit. Am nächsten Morgen gab ihr Mann für acht Rubel monatlich seine Zustimmung, und ich zahlte ihm den Betrag für den ersten Monat gleich im voraus; er vertrank das Geld sofort. Nikolaj Semionowitsch, der immer noch sonderbar dazu lächelte, willigte ein, sich für mich dem Tischler gegenüber zu verbürgen, daß ich das Geld, acht Rubel monatlich, regelmäßig zahlen würde. Ich wollte Nikolaj Semionowitsch als Sicherheit meine sechzig Rubel geben, aber er nahm sie nicht; übrigens wußte er, daß ich Geld hatte und vertraute mir. Durch diese taktvolle Handlungsweise seinerseits wurde unser momentaner Zwist beigelegt. Maria Iwanowna sagte nichts, wunderte sich aber, daß ich solche Sorge auf mich nahm. Ich mußte den großen Takt dieser Menschen ganz besonders hochschätzen lernen, denn sie erlaubten sich beide auch nicht den kleinsten Scherz über mich, sondern begannen die Sache genau so ernst zu behandeln, wie es sich auch gehörte. Ich lief täglich dreimal zu Darja Rodiwonowna hinüber, und nach drei Tagen schenkte ich ihr persönlich, heimlich, so daß es ihr Mann nicht erfuhr, noch drei Rubel. Für weitere drei Rubel kaufte ich eine kleine Bettdecke und Windeln. Aber nach zehn Tagen erkrankte Rinotschka plötzlich. Ich holte sofort den Doktor, er verschrieb etwas, wir plagten uns die ganze Nacht und quälten das kleine Ding mit seiner greulichen Medizin, und am nächsten Tage erklärte er, es wäre schon zu spät, und auf meine Bitten – es waren übrigens, glaube ich, Vorwürfe – antwortete er mit edler Ergebenheit: »Ich bin nicht der liebe Gott.« Die Zunge, die Lippen und die ganze Mundhöhle des kleinen Mädchens überzogen sich mit einer Art von dünnem, weißem Ausschlag, und gegen Abend starb es, die großen, schwarzen Augen auf mich geheftet, als verstünde es schon alles. Ich begreife nicht, warum ich nicht auf die Idee gekommen bin, sie, die kleine Leiche, photographieren zu lassen. Aber – wird man's glauben? – ich weinte an jenem Abend nicht nur, sondern heulte einfach, was ich mir früher niemals gestattet hatte, und Maria Iwanowna mußte mich trösten, – und wieder geschah alles ohne jeden Spott, weder von ihrer noch von seiner Seite. Der Tischler machte dann einen kleinen Sarg; Maria Iwanowna schmückte ihn mit einer Rüsche und legte ein nettes kleines Kissen hinein, und ich kaufte Blumen und streute sie über das Kindchen: so trug man denn meine arme kleine Verblichene davon, die ich – wird man's glauben? – bis zum heutigen Tage nicht vergessen kann. Kurze Zeit nachher aber gab mir dieses fast plötzliche Ereignis sogar sehr ernstlich zu denken. Freilich, Rinotschka war mir nicht sehr teuer gekommen, – alles in allem, mit dem Sarg, mit der Beerdigung, mit dem Doktor, mit den Blumen und mit der Zahlung an Darja Rodiwonowna – dreißig Rubel. Diese Summe holte ich bei der Abreise nach Petersburg durch Ersparungen von den vierzig Rubeln, die mir Wersilow für die Reise geschickt hatte, und durch den Verkauf einiger Kleinigkeiten aus meinem Besitze wieder ein, so daß mein ganzes »Kapital« unangetastet blieb. Aber, so dachte ich mir, wenn ich solche Seitensprünge mache, so werde ich nicht weit kommen. Aus der Geschichte mit dem Studenten ging hervor, daß so eine »Idee« einen so weit bringen konnte, daß man sich über seine Eindrücke nicht mehr klar wurde, und daß sie einen von der fortlaufenden Tätigkeit abziehen konnte. Aus der Geschichte mit Rinotschka ging das Gegenteil hervor: daß keine »Idee« Kraft genug hat, einen (wenigstens mich) so ganz gefangenzunehmen, daß man nicht plötzlich gezwungen sein könnte, vor irgendeiner erdrückenden Tatsache haltzumachen und ihr auf einmal alles zu opfern, was man in jahrelangen Mühen schon für die Idee getan und erreicht hat. Und diese Schlüsse waren nichtsdestoweniger beide richtig.

 

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