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Ein Werdender - Erster Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Erster Band - Kapitel 2
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typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Erster Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
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Erster Teil

Erstes Kapitel

1

Ich konnte nicht anders, und so setzte ich mich denn hin, um diese Geschichte meiner ersten Schritte auf dem Felde dieses Lebens zu schreiben. Und doch hätte ich es wohl ebensogut lassen können . . . Eins weiß ich ganz genau: in meinem ganzen Leben setze ich mich nicht noch einmal hin und schreibe eine Selbstbiographie, und wenn ich hundert Jahre alt werde. Ein Mensch muß gar zu erbärmlich in sich selbst verliebt sein, um ohne Schamgefühl über sein eigenes Leben zu schreiben. Meine einzige Entschuldigung ist, daß ich beim Schreiben nicht den Zweck verfolge, den sonst alle dabei verfolgen: ich schreibe nicht, um mich von meinen Lesern bewundern zu lassen. Wenn ich mich entschlossen habe, alles Wort für Wort aufzuzeichnen, was mir seit dem verflossenen Jahr begegnet ist, so entspringt das einer inneren Notwendigkeit: so stark und tief haben mich alle diese Ereignisse berührt. Ich werde nur Tatsachen berichten und mir die größte Mühe geben, allen unnützen Ballast zu vermeiden und insbesondere alle literarischen Schönheiten. So ein Schriftsteller schreibt dreißig Jahre lang, und am Ende weiß er gar nicht, warum er alle diese Jahre hindurch geschrieben hat. Ich bin gewiß kein Schriftsteller und möchte gar keiner sein, und ich würde es für eine Geschmacklosigkeit und Erbärmlichkeit halten, das Innerste meiner Seele und eine hübsche Beschreibung meiner Gefühle auf den Literaturmarkt zu werfen. Aber zu meinem Ärger habe ich so ein Vorgefühl, als ob ich kaum ganz um die Schilderung von Gefühlen und um Reflexionen (am Ende sogar recht abgeschmackte Reflexionen) herumkommen werde. So demoralisierend wirkt jede Beschäftigung mit der Literatur auf den Menschen, und mag einer tausendmal nur für sich selbst schreiben. Die Reflexionen können sogar ungeheuer banal ausfallen, denn was einem selbst sehr wertvoll ist, kann gar leicht für jeden Außenstehenden ohne allen Wert sein. Aber genug von alledem. Da hätten wir nun also richtig eine Vorrede; das ist aber auch das erste und letzte von der Sorte. Zur Sache, wenn's auch eine kniffliche Geschichte ist, sich an irgendeine Sache zu machen, – vielleicht, überhaupt etwas zu machen.

 

2

Ich beginne, das heißt, ich wollte mit dem neunzehnten September des verflossenen Jahres beginnen, eben dem Tage meiner ersten Begegnung mit . . .

Aber es wäre dumm, so ohne weiteres zu erzählen, wem ich begegnet bin, bevor ein Mensch sonst was von mir weiß. Ich glaube sogar, dieser ganze Ton ist dumm: ich habe mir das Wort gegeben, mir alle literarischen Schönheiten vom Leibe zu halten, und von der ersten Zeile an stecke ich bis über die Ohren in diesen Schönheiten. Und dann, glaube ich, kann man noch nicht so ohne weiteres gleich sachlich und vernünftig schreiben, bloß weil man gern möchte. Schließlich sehe ich jetzt, daß kaum eine andere europäische Sprache schriftlich so schwer zu handhaben ist wie das Russische. Ich habe eben überlesen, was ich geschrieben habe, und muß sagen, ich bin viel klüger als das, was da auf dem Papier steht. Woher kommt es nur, daß die Dinge, die ein begabter Mensch sagt, viel dümmer sind als das, was er in sich zurückbehält? Ich habe das öfters bemerkt, an mir selbst und in der Unterhaltung mit anderen Leuten, dies ganze letzte verhängnisvolle Jahr hindurch, und das hat mich oft genug gepeinigt.

Wenn ich nun auch mit dem neunzehnten September anfangen will, so muß ich doch wenigstens mit zwei Worten sagen, wer ich bin, woher ich komme und, andeutungsweise wenigstens, wie es am Morgen jenes neunzehnten September in meinem Kopf aussah. Der Leser wird dann alles besser begreifen und vielleicht sich selbst auch.

 

3

Ich habe das Gymnasium durchgemacht und stehe heute im einundzwanzigsten Lebensjahr. Ich heiße Dolgorukij, und mein Vater vor dem Gesetz ist der ehemalige Hofknecht der adligen Familie Wersilow, Makar Iwanow Dolgorukij. Auf die Art bin ich durchaus legitim geboren, obschon ich ein im höchsten Grade unehelich geborenes Kind bin, da über meinen Erzeuger nicht der geringste Zweifel herrschen kann. Die Sache war so: vor zweiundzwanzig Jahren kam der Gutsbesitzer Wersilow (das ist nämlich mein Vater) als ein Mann von fünfundzwanzig Jahren einmal auf sein Gut im Gouvernement Tula. Ich vermute, daß er zu der Zeit noch etwas vollkommen Unpersönliches war. Interessant! Dieser Mensch, der von Kind auf so ungeheuer auf mich gewirkt hat, der einen so entscheidenden Einfluß auf meine ganze innere Entwicklung hatte, der vielleicht noch auf lange hinaus meine ganze Zukunft mit seinem Wesen angesteckt hat, dieser Mensch ist auch heute noch in sehr vielen Beziehungen für mich ein vollkommenes Rätsel. Aber darauf komme ich besser weiter unten zurück. Das läßt sich nicht so einfach erklären. Von diesem Manne wird ohnehin mein ganzes Manuskript voll sein.

Er hatte damals, das heißt mit fünfundzwanzig Jahren, gerade seine Frau verloren. Seine Frau war aus einer sehr vornehmen, aber nicht besonders reichen Familie gewesen, eine geborene Fanariotowa, und hatte ihm einen Sohn und eine Tochter hinterlassen. Was ich von dieser Frau weiß, die ihm so früh entrissen wurde, ist sehr unvollständig und verbirgt sich in meinem Material unter allerlei Unklarheit; überhaupt habe ich vielerlei aus Wersilows Privatverhältnissen nicht ergründen können, so stolz, hochnäsig, zugeknöpft und gleichgültig hat er sich mir gegenüber immer gezeigt, obschon er zuzeiten auch wieder von einer geradezu verblüffenden Herablassung sein konnte. Ich weiß aber, um einmal vorzugreifen, daß er in seinem Leben drei Vermögen durchgebracht hat, und zwar drei sehr große Vermögen, alles in allem vielleicht viermalhunderttausend Rubel, vielleicht auch mehr. Heute hat er selbstverständlich keinen roten Heller.

Er kam also damals auf sein Gut, »warum, das mag der liebe Gott wissen«. So hat er sich selbst wenigstens in der Folge gegen mich darüber geäußert. Seine kleinen Kinder brachte er nicht mit. Sie waren bei Verwandten; so hat er's sein Lebtag mit seinen Kindern gehalten, ehelichen wie unehelichen. Das Hofgesinde auf dem Gut war sehr zahlreich; zu ihm gehörte auch der Gärtner Makar Iwanow Dolgorukij. Um es gleich zu sagen und ein für allemal: es hat sich wohl selten ein Mensch so wütend über seinen Namen geärgert, wie ich mein ganzes Leben lang. Selbstverständlich war das dumm von mir, aber es war nun mal nicht anders. So oft ich in eine neue Schule eintrat oder einem Menschen in den Weg kam, dem ich Rede und Antwort stehen mußte, mit einem Wort, jeder Schulmeister, Hauslehrer, Gymnasialinspektor, Pfarrer, – jeder beliebige Mensch, der nach meinem Namen fragte und hörte, ich hieße Dolgorukij, hielt es, weiß der Kuckuck warum, für absolut notwendig, weiterzufragen:

»Fürst Dolgorukij?«

Und ich war immer gezwungen, allen diesen müßigen Leuten zu erklären:

»Nein, einfach Dolgorukij.«

Dieses »einfach« fing schließlich an, mich verrückt zu machen. Ich möchte es hier als ein Phänomen konstatieren, daß ich mich an keine einzige Ausnahme erinnern kann: aber auch jeder stellte die Frage. Und die meisten konnten augenscheinlich doch nicht das geringste Interesse daran haben; und ich weiß wahrhaftig nicht, was zum Teufel überhaupt jemand für ein Interesse daran haben kann. Aber alle fragten sie danach, vom ersten bis zum letzten. Und wenn der Frager vernommen hatte, ich hieße einfach Dolgorukij, maß er mich für gewöhnlich mit einem stumpfen, dumm-gleichgültigen Blick, der deutlich zeigte, daß er selbst nicht begriff, warum er gefragt hatte, und entfernte sich. Meine Schulkameraden hatten die beleidigendste Art, mich danach zu fragen. Na, wie sind Schuljungen überhaupt gegen einen Neuling! Der verlegene und schüchterne Neuling ist am ersten Tag in der Schule (mag es sein, was für eine es will) das allgemeine Opfer: er wird kommandiert, er wird gefrozzelt, er wird wie ein Lakai behandelt. Irgend so ein gesunder, gemästeter Bengel pflanzt sich auf einmal, so recht zum Trotz, vor seinem Opfer auf und mustert es eine Zeitlang mit einem langen, strengen, hochmütigen Blick. Der Neuling steht ihm schweigend gegenüber, zieht ihm ein Gesicht, wenn er keine Memme ist, und harrt der Dinge, die da kommen sollen.

»Wie heißt du?«

»Dolgorukij.«

»Fürst Dolgorukij?«

»Nein, einfach Dolgorukij.«

»So, so, einfach! Schafskopf.«

Und er hat ja ganz recht: es kann gar nichts Dümmeres geben als Dolgorukij zu heißen, wenn man nicht Fürst ist. Diese Dummheit hängt mir ohne mein Verschulden an. Späterhin, als ich schon sehr böse darüber wurde, antwortete ich auf die Frage: »Bist du Fürst?« immer: »Nein, mein Vater ist Hofknecht und war früher Leibeigener.«

Und später, als meine Wut schon den höchsten Grad erreicht hatte, antwortete ich eines schönen Tages auf die Frage: »Bist du Fürst?« ganz brutal:

»Nein, ich heiße einfach Dolgorukij und bin der uneheliche Sohn meines Gutsherrn Wersilow.«

Das hatte ich mir schon in der sechsten Gymnasialklasse ausgedacht, und wenn ich auch sehr bald zu der festen Überzeugung gelangte, daß das dumm war, so konnte ich diese Dummheit doch nicht so schnell lassen. Ich weiß noch, daß einer von meinen Lehrern – es war übrigens der einzige – von mir sagte, ich wäre »erfüllt von den Rächerideen des dritten Standes«. Im allgemeinen wurden solche brüsken Äußerungen von mir mit einer gewissen Nachdenklichkeit aufgenommen, in der für mich etwas Beleidigendes lag. Endlich, eines schönen Tages, sagte mir ein Schulkamerad, der ein sehr heller Bursche war und mit dem ich mich höchstens einmal im Jahr unterhielt, sehr ernsthaft, aber doch ohne mich so recht anzusehen:

»Dieses Gefühl macht Ihnen natürlich alle Ehre, und es kann gar kein Zweifel bestehen, daß Sie das Recht haben, stolz zu sein; aber an Ihrer Stelle würde ich es doch nicht so kolossal feiern, daß Sie unehelich geboren sind . . . Sie tun ja gerade, als wäre das ein besonderes Fest!«

Seit diesem Gespräch habe ich nicht mehr damit geprahlt, daß ich ein uneheliches Kind bin.

Ich muß noch einmal sagen, es ist sehr schwer, russisch zu schreiben: jetzt habe ich drei Seiten gebraucht, um zu erzählen, wie ich mich mein Leben lang über meinen Namen geärgert habe, und der Leser wird daraus sicher schon den Schluß gezogen haben, das ärgere mich deshalb, weil ich kein Fürst bin, sondern ein einfacher Dolgorukij. Aber mich hierüber noch einmal des näheren auszulassen und diesen Verdacht zu entkräften, das wäre unter meiner Würde.

 

4

Also, unter jenem Hofgesinde, das sehr zahlreich war, befand sich außer Makar Iwanow auch ein Mädchen, und dieses Mädchen war achtzehn, als der fünfzigjährige Makar Dolgorukij auf einmal die Absicht äußerte, es zu heiraten. Wie man weiß, wurden Ehen unter dem Hofgesinde zur Zeit der Leibeigenschaft nur mit Genehmigung, zuweilen auch direkt auf Anordnung der Herrschaft geschlossen. Zu dem Gut gehörte damals eine Tante; das heißt, es war keine Tante von mir, sondern selbst eine Gutsbesitzerin; ich weiß nicht, warum, aber sie wurde nicht nur von mir, sondern von aller Welt ihr Leben lang Tante genannt, auch von der Familie Wersilow, mit der sie wohl auch tatsächlich durch einen Scheffel Erbsen verwandt war. Sie hieß Tatjana Pawlowna Prutkowa. Damals besaß sie noch in demselben Gouvernement und demselben Kreis ein Gut, das fünfunddreißig Seelen zählte. Sie verwaltete nicht gerade Wersilows Gut (fünfhundert Seelen), aber sie sah als Nachbarin ein bißchen nach dem Rechten, und wie man mir gesagt hat, soll das die Tätigkeit eines gelernten Verwalters vollkommen aufgewogen haben. Im übrigen kommt es mir gar nicht darauf an, ob sie was von der Landwirtschaft verstand oder nicht: ich will nur noch sagen, ohne ihr im geringsten schmeicheln zu wollen, daß Tatjana Pawlowna ein edler und, was noch mehr heißen will, ein origineller Mensch war.

Also, diese Frau legte den Heiratsplänen des finsteren Makar Dolgorukij (er soll damals finster gewesen sein) nicht nur nichts in den Weg, nein, im Gegenteil, sie förderte sie noch nach Kräften. Sophia Andrejewna (so hieß jenes achtzehnjährige Mädchen), das heißt meine Mutter, war schon seit einigen Jahren Doppelwaise; ihr verstorbener Vater, der gleichfalls Hofknecht gewesen war und vor Makar Dolgorukij eine unbegrenzte Hochachtung gehegt hatte und ihm auch, ich weiß nicht aus welchem Grunde, besonders zu Dank verpflichtet gewesen sein muß, hatte vor sechs Jahren, als er im Sterben lag, auf seinem Totenbette, man behauptet sogar, nur eine Viertelstunde vor seinem letzten Atemzug, so daß man es zur Not auch für einen Akt der Unzurechnungsfähigkeit hätte erklären können, wenn er nicht als Leibeigener überhaupt schon rechtsunfähig gewesen wäre – er hatte also vor versammeltem Hofgesinde und im Beisein des Geistlichen laut und deutlich seinen letzten Willen kundgemacht, indem er, auf seine Tochter deutend, zu Makar Dolgorukij sagte:

»Ziehe sie auf und nimm sie dann zur Frau.«

Das hatten alle gehört. Was nun Makar Iwanow angeht, so weiß ich nicht, in welchem Sinne er später geheiratet hat, ob mit großer Freude oder nur, um eine Pflicht zu erfüllen. Am wahrscheinlichsten scheint es mir, daß er dabei den Schein des vollkommensten Gleichmutes gewahrt hat. Er war ein Mensch, der es schon damals verstand, »sich ins Licht zu setzen«. Nicht etwa, daß er belesen gewesen wäre oder eine Art Schriftgelehrter (obschon er die ganze kirchliche Liturgie und insbesondere viele Heiligenlegenden auswendig wußte, aber die hatte er mehr vom Hören behalten), nicht etwa, als ob er eine Art von bäuerlichem Räsoneur gewesen wäre, er war ganz einfach ein hartnäckiger Charakter, der darin oft sogar die Grenze des Hasardierers streifte; er redete mit der Absicht, Eindruck zu machen, er war unbarmherzig absprechend und führte infolgedessen selbstverständlich »ein vorbildliches Leben«, – wie er sich selbst merkwürdig genug ausdrückte, – so ein Mensch also war er damals. Natürlich gewann er sich auf diese Weise die allgemeine Achtung, aber leiden konnte ihn keiner, wie ich höre. Anders wurde die Sache später, als er den Hofdienst verließ; da sprach man von ihm nur noch als von einem Heiligen, der viel erduldet hätte. Das weiß ich als Tatsache.

Was nun meine Mutter betrifft, so hatte sie Tatjana Pawlowna bis zu ihrem achtzehnten Jahre bei sich behalten, trotzdem der Verwalter darauf drang, sie nach Moskau in die Lehre zu schicken, und hatte ihr eine gewisse Erziehung angedeihen lassen. Das heißt, sie hatte Nähen gelernt und Zuschneiden und sich fräuleinhaft benehmen und sogar ein klein bißchen Lesen. Richtig schreiben konnte meine Mutter nie. In ihren Augen war diese Ehe mit Makar Iwanow eine längst abgemachte Sache, und als es dazu kam, fand sie das alles ausgezeichnet und wünschte sich nichts Besseres; vor den Altar trat sie mit der Miene einer so vollkommenen Ruhe, daß sogar Tatjana Pawlowna damals äußerte, sie hätte Fischblut in den Adern. Alle diese Nachrichten über den Charakter meiner Mutter zu der Zeit habe ich eben von Tatjana Pawlowna. Wersilow kam genau ein halbes Jahr nach dieser Hochzeit auf sein Gut.

 

5

Ich möchte nur sagen, daß ich nie erfahren oder auch nur mit einiger Sicherheit erraten konnte, wie die Sache zwischen ihm und meiner Mutter eigentlich anfing. Ich will sehr gern glauben, was er selbst mir vor einem Jahr versichert hat, mit einem gewissen Erröten, obschon er von allen diesen Dingen mit großer Ungezwungenheit und sozusagen »als Mann von Geist« sprach, nämlich, daß es da nicht das geringste gegeben hätte, das einem Roman ähnlich sähe, und daß alles »so von selbst« gekommen wäre. Ich glaube ihm das gerne, und dies russische »so von selbst« ist reizend; aber doch habe ich immer den Wunsch gehabt, herauszubringen, wie es eigentlich zwischen ihnen hat anfangen können. Ich für meine Person habe alle solche Unflätigkeiten mein Leben lang gehaßt und werde sie immer hassen. Natürlich treibt mich dabei nicht nur eine lüsterne Neugier. Ich möchte hier bemerken, daß ich meine Mutter bis zum vorigen Jahre überhaupt kaum gekannt habe; von klein auf bin ich immer bei fremden Leuten gewesen, weil das Wersilow so besser paßte – darauf komme ich übrigens später zurück – und deshalb kann ich mir gar keine Vorstellung davon machen, wie meine Mutter damals ausgesehen haben mag. Wenn sie gar nicht so besonders hübsch war, was konnte sie dann Verführerisches für einen Menschen haben wie den Wersilow von damals? Diese Frage ist mir deshalb von Wichtigkeit, weil sie diesen Menschen von einer äußerst interessanten Seite zeichnet. Deswegen stelle ich diese Frage, und nicht aus verwerflicher Neugier. Er selbst, dieser finstere und verschlossene Mensch, hat mir einmal mit der liebenswürdigen Treuherzigkeit, die er manchmal, weiß der Kuckuck woher nimmt (es ist, als zöge er sie plötzlich aus der Tasche) – er hat mir, als er sah, daß er nicht darum herumkam, gesagt, er wäre damals ein ganz »dummer junger Hund« gewesen, nicht gerade sentimental, aber »so«, er hätte damals gerade »Anton Goremyka« und »Polinka Sachs« gelesen, zwei Literaturerzeugnisse, die einen unbegrenzten zivilisatorischen Einfluß auf die heranwachsende junge Welt in Rußland von damals geübt haben. Er sagte mir noch, unter dem Eindruck von »Anton Goremyka« wäre er wohl damals auch aufs Land gezogen, – und das sagte er außerordentlich ernsthaft. Auf welche Art kann dieser »dumme junge Hund« mit meiner Mutter angebändelt haben? Ich stelle mir natürlich vor, wenn ich auch nur einen einzigen Leser hätte, so würde er wahrscheinlich furchtbar über mich lachen, weil ich so ein komischer Halbwüchsling bin, der sich seine dumme Unschuld bewahrt hat und mit müßigem Eifer über Dinge urteilt und philosophiert, von denen er gar keinen Begriff hat. Ja, das ist ganz richtig, ich habe noch keinen Begriff davon, obschon ich das nicht bekenne, um mich dessen zu rühmen, denn ich weiß, wie dumm es ist, wenn ein langer Latsch von zwanzig Jahren so unerfahren ist; ich will dem betreffenden Herrn nur sagen, daß er selbst keinen Begriff davon hat, und das will ich ihm beweisen. Es ist freilich wahr, ich weiß von den Frauen gar nichts und will nichts von ihnen wissen, denn ich werde mein ganzes Leben auf sie spucken, das habe ich mir versprochen. Aber ich weiß doch eines ganz genau: nämlich, daß manche Frau einen gleich auf den ersten Blick verführt, durch ihre Schönheit, oder was es sonst sein mag; an einer andern muß man ein halbes Jahr herumkauen, bevor man entdeckt, was an ihr ist.

Und um eine solche zu durchschauen und sich in sie zu verlieben, genügt es nicht, daß man sie anschaut und zu allem bereit ist, sondern man muß außerdem noch mit irgend etwas begabt sein. Davon bin ich fest überzeugt, und mag ich tausendmal nichts davon verstehen; und wenn das Gegenteil wahr wäre, so müßte man alle Frauen auf einmal auf die Stufe gewöhnlicher Haustiere hinuntersetzen und sie nur als solche halten; vielleicht möchten viele das sehr gern.

Ich weiß aus verschiedenen Quellen genau, daß meine Mutter nicht hübsch war, obschon ich ihr Bild aus der Zeit, das irgendwo existieren soll, nie gesehen habe. Sich auf den ersten Blick in sie zu verlieben war also nicht möglich. Einfach so zu einem »kleinen Amüsement« hätte Wersilow sich eine andere aussuchen können, und es war sogar eine da, die nicht einmal verheiratet war, das Stubenmädchen, Anfisa Konstantinowna Saposhkowa. Und er war mit dem »Anton Goremyka« in der Tasche angekommen, da mußte es ihm vor seinem eigenen Gewissen doch höchst verwerflich erscheinen, auf Grund seines Herrenrechtes die Heiligkeit einer Ehe zu zerstören, und mochte es auch nur die Ehe eines seiner Hofknechte sein. Denn ich wiederhole, er hat über diesen »Anton Goremyka« erst vor ein paar Monaten, also zwanzig Jahre nachher, noch mit dem größten Ernst gesprochen. Und diesem Anton hatte man doch nur sein Pferd gestohlen, und hier handelte es sich um eine Frau! Also geschah etwas ganz Besonderes, infolge dessen Fräulein Saposhkowa die Partie verlor (nach meinem Geschmack gewann sie sie allerdings). Ich setzte ihm mit allen diesen Fragen im vergangenen Jahr noch ein paarmal zu, wenn man mal mit ihm reden konnte (immer kann man nämlich nicht mit ihm reden), und bemerkte, daß er trotz all seiner weltmännischen Routine und trotzdem die Sache schon zwanzig Jahre zurücklag, ganz sonderbar in Verlegenheit geriet und mir auswich. Aber ich ließ nicht locker. Ich erinnere mich, wie er eines schönen Tages mit der Miene weltmännischen Ekels, die er sich manchmal mir gegenüber erlaubte, ganz merkwürdige Dinge hervorstotterte: meine Mutter wäre eins von den schutzlosen Wesen gewesen, in die man sich nicht, wie man so sagt, verliebt – ganz im Gegenteil, das durchaus nicht –, aber sie tun einem auf einmal so leid, wohl weil sie so sanft und schüchtern sind, weswegen auch sonst? »Man weiß selbst nicht warum, aber sie tun einem leid, und das gibt einen lange währenden Eindruck; sie tun einem leid und ziehen einen dadurch an . . . Kurz und gut, lieber Junge, und da kann es passieren, daß man nie wieder loskommt.« Das hat er mir also gesagt, und wenn die Sache wirklich so war, muß ich annehmen, daß er zu der Zeit durchaus nicht der »dumme junge Hund« gewesen sein kann, wie ihn sein eigenes Zeugnis schildert.

Übrigens versicherte er mir dann gleich, meine Mutter hätte sich aus »Untertänigkeit« in ihn verliebt. Warum er wohl nicht gleich die Leibeigenschaft dafür verantwortlich machte? Das ist eine Lüge um des Schicksals willen, eine Lüge gegen Gewissen, Ehre und Anstand.

Das alles sage ich natürlich, um gewissermaßen meiner Mutter eine Art von Lob zu singen, aber dabei habe ich schon früher bemerkt, daß ich von ihr, wie sie damals war, nicht das geringste weiß. Und abgesehen davon, ich kenne die Enge des Milieus und die Anschauungen ganz genau, in denen sie von klein auf verknöchert war und auch später ihr ganzes Leben lang geblieben ist. Nichtsdestoweniger fand das Malheur statt. Ich muß mich übrigens korrigieren: ich bin in die Wolken hinaufgeflogen und habe dabei eine Tatsache vergessen, die ich, ganz im Gegenteil, vor allem anderen hätte anführen müssen, nämlich: es hat zwischen ihnen beiden überhaupt mit dem Malheur angefangen. (Ich hoffe, der Leser wird ohne weiteres verstehen, was ich damit sagen will.) Mit einem Wort, die Sache hat richtig junkermäßig angefangen, wenn das Fräulein Saposhkowa dabei auch übergangen wurde. Aber ich muß hier gleich in Parenthese bemerken, daß ich mir damit durchaus nicht widerspreche. Denn, ach du lieber Gott, worüber hätte in damaligen Zeiten ein Mensch, wie Wersilow, mit einer Frau, wie meine Mutter, reden können, und wäre ihre Liebe noch so gewaltig gewesen? Zuchtlose Leute haben mir gesagt, daß viele Männer sehr oft, wenn sie zu einem Weibe kommen, mit ihr anfangen, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Natürlich ist das mehr als ungeheuerlich und ekelhaft. Aber trotz alledem, ich glaube, selbst wenn Wersilow gewollt hätte, er konnte auf gar keine andere Weise mit meiner Mutter anfangen. Oder hätte er ihr vielleicht Vorträge über »Polinka Sachs« halten sollen? Und davon ganz abgesehen, es ging ihnen auch wirklich nicht im geringsten um die russische Literatur; ganz im Gegenteil, er selbst hat mir gesagt (als er wieder mal seinen offenherzigen Moment hatte), sie hätten sich in allen Winkeln versteckt, einander auf den Treppen erwartet, wären mit roten Köpfen wie Gummibälle auseinandergeprallt, wenn jemand dazugekommen wäre, und der »Tyrann von einem Junker« hätte also vor dem niedrigsten Dienstboten gezittert, trotz aller Herrenrechte und aller Leibeigenschaft. Aber mag er nun nach Junkerart angefangen haben, es ging so weiter, und auch wieder nicht so; Tatsache ist, daß sich da nichts erklären läßt. Je mehr man es versucht, desto dunkler wird es einem. Schon allein die Dimensionen, zu denen sich ihre Liebe entwickelte, geben einem ein Rätsel auf, denn das erste bei solchen Leuten wie Wersilow ist doch, daß sie die Frau sofort fallen lassen, wenn sie ihr Ziel erreicht haben. Hier kam es indessen ganz anders. Daß er sehr bald seinen Fehltritt mit irgendeiner niedlichen leichten Fliege unter seinem Gesinde haben mußte (aber meine Mutter war keine leichte Fliege) war nichts Unnatürliches bei so einem zuchtlosen »jungen Hund« (und zuchtlos waren diese Junker alle, bis zum letzten – mochten sie nun fortschrittlich oder reaktionär sein). Aber hier war es nicht nur natürlich, sondern direkt unausbleiblich, wenn man seine romantische Situation als junger Witwer und den Umstand in Betracht zieht, daß er sonst nichts zu tun hatte. Aber eine Liebe fürs ganze Leben – das ist etwas viel. Ich möchte mich nicht dafür verbürgen, daß er sie geliebt hat, aber er hat sie sein Leben lang mit sich geschleppt, das ist die Wahrheit.

Ich habe eine ganze Menge Fragen gestellt, aber es gibt da eine, und das ist die allerwichtigste, die ich nicht direkt an meine Mutter zu richten wagte, ob ich ihr gleich im letzten Jahre so nahegetreten bin und außerdem wahrhaftig nie sehr viel Umschweife mit ihr gemacht habe, weil ich, als der ungeschliffene und undankbare junge Hund, der ich war, meinte, sie und mein Vater wären mir gegenüber schuldig. Und diese Frage lautet: wie konnte sie, eben sie, die schon seit einem halben Jahr verheiratet war und noch dazu erdrückt von ihren Begriffen über die Heiligkeit der Ehe, erdrückt wie eine schwache Fliege, sie, die vor ihrem Makar Iwanowitsch nicht weniger Respekt hegte als vor irgendeiner Gottheit, wie konnte sie, kaum daß es vierzehn Tage brauchte, in eine solche Sünde geraten? Denn meine Mutter war doch kein verdorbenes Geschöpf. Ganz im Gegenteil, ich will gleich hier vorgreifend sagen, daß man sich die Existenz einer reineren Seele, auch ihr ganzes späteres Leben lang, überhaupt nicht vorstellen kann. Erklären läßt sich das höchstens damit, daß sie es ohne Bewußtsein getan hat, also nicht in dem Sinne, wie es heutzutage die Verteidiger von ihren Mördern und Dieben behaupten, aber unter jenem starken Eindruck, der, wenn sein Opfer einen gewissen Grad von Naivität besitzt, eine fatalistische und tragische Gewalt üben kann. Wer weiß, vielleicht war sie zum Sterben verliebt in . . . den Schnitt seiner Kleider, seine Pariser Haartracht, seine Aussprache des Französischen, ja, gerade des Französischen, von dem sie keinen Ton verstand; verliebt in das Lied, das er am Klavier sang, verliebt in ein gewisses, nie gesehenes oder gehörtes Etwas (und er war ein sehr hübscher Mensch). Und so liebte sie ihn denn wohl gleich alles in allem, bis zum Vergehen, ihn ganz und gar, mit seiner eleganten Kleidung und seinen Liedern. Ich habe gehört, so wäre es solchen Hofmädchen zur Zeit der Leibeigenschaft öfters gegangen, und gerade den alleranständigsten. Das kann ich verstehen, und ein schlechter Kerl ist, wer dies einzig und allein mit Herrenrecht, Leibeigenschaft und »Untertänigkeit« erklären will! Und auf diese Art also konnte wohl dieser junge Mensch genug direkte und lockende Gewalt in sich haben, um ein Wesen an sich zu reißen, das bis dahin rein gewesen war, und, was die Hauptsache ist, ein Wesen von so ganz anderer Art als er selbst, aus einer gänzlich anderen Welt und auf anderem Boden erwachsen, so konnte er sie an sich und in das sichere, augenfällige Verderben reißen. Denn daß es das Verderben war – das hat, hoffe ich, meine Mutter ihr Leben lang begriffen; nur als sie sich hineinstürzte, hat sie vielleicht an das Verderben überhaupt nicht gedacht; aber so geht es immer bei diesen »schutzlosen Wesen«: sie wissen, es geht ins Verderben, aber sie stürzen sich doch hinein.

Und als der Fehltritt geschehen war, da packte sie beide sogleich die Reue. Er hat mir in geistreicher Weise erzählt, daß er an Makar Iwanowitschs Halse geweint hat, den er extra zu diesem Zweck in sein Kabinett hatte rufen lassen. Und sie – sie lag zur selben Zeit ohnmächtig in ihrem kleinen Dienerschaftszimmer . . .

 

6

Aber genug jetzt von diesen Fragen und allen skandalösen Details. Wersilow kaufte meine Mutter von Makar Iwanow los, reiste bald ab und begann sie von nun ab, wie ich schon früher gesagt habe, fast überall hin mitzunehmen, wohin er ging, ausgenommen einzelne Fälle, wenn er für längere Zeit verreiste; dann überließ er sie meistens der Obhut der Tante, d. h. Tatjana Pawlowna Prutkowa, die dann immer von irgendwoher auftauchte. Sie lebten in Moskau, sie lebten in verschiedenen anderen Städten und Dörfern, teilweise sogar im Auslande, und zuletzt in Petersburg. Auf das alles komme ich später zurück, oder vielleicht lohnt es auch nicht der Mühe. Ich will hier nur das eine sagen: ein Jahr nach der Trennung von Makar Iwanowitsch erblickte ich das Licht der Welt, dann wieder nach einem Jahr meine Schwester, und dann, erst zehn oder elf Jahre später, ein kränklicher Knabe, mein jüngster Bruder, der nach ein paar Monaten starb. Nach der schweren Geburt dieses Kindes war es mit der Schönheit meiner Mutter zu Ende, wenigstens ist mir das erzählt worden: sie begann schnell zu altern und hinfällig zu werden.

Aber die Beziehungen zu Makar Iwanowitsch blieben immer bestehen. Wo die Wersilows auch weilen mochten, ob sie ein paar Jahre hindurch an einem Ort lebten oder auf Reisen waren, Makar Iwanowitsch hielt »die Familie« über seine Person auf dem laufenden. Es bildeten sich so ganz merkwürdige Beziehungen, die teilweise etwas Feierliches und fast Ernsthaftes hatten. Unter Leuten aus höherem Stande hätten solche Beziehungen unbedingt einen Stich ins Komische bekommen müssen, das weiß ich wohl; aber hier war nichts Derartiges der Fall. Die Briefe kamen zweimal im Jahr, nicht mehr und nicht weniger, und sie glichen sich untereinander ganz außerordentlich. Ich habe sie zu Gesicht bekommen; etwas Persönliches war in ihnen kaum zu finden; ganz im Gegenteil, sie bewegten sich soviel wie möglich in Berichten über die allgemeinsten Ereignisse und die allgemeinsten Gefühle, wenn man das von Gefühlen sagen kann: Nachrichten über den Stand seiner Gesundheit vor allen Dingen, dann Erkundigungen nach unserem Befinden, schließlich gute Wünsche, feierliche Empfehlungen und Segenssprüche – das war alles. Und eben diese Allgemeinheit und Unpersönlichkeit sind es, glaube ich, in denen diese Kreise den geziemenden Ton und die feineren Umgangsformen begründet glauben. »Unserer liebwerten und ehrengeachteten Ehefrau Sophia Andrejewna sende ich unsere untertänigste Empfehlung . . .« »Unseren lieben Kinderchen sende ich unseren Segen, der in Ewigkeit unverbrüchlich sein möge.« Die Kinderchen wurden alle mit Namen aufgezählt, wie sie nacheinander kamen, und darunter auch ich. Hierbei möchte ich bemerken, daß Makar Iwanowitsch gescheit und taktvoll genug war, in seinen Briefen von »Sr. Hochgeboren, dem hochzuverehrenden Herrn Andrej Petrowitsch« nie als von seinem »Wohltäter« zu sprechen, ob er ihm auch in jedem Briefe ohne Ausnahme seine alleruntertänigste Empfehlung schickte und sich seiner Gnade und ihn dem Schutze des Höchsten empfahl. Meine Mutter antwortete Makar Iwanowitsch auf seine Briefe immer bald und genau im selben Stil. Wersilow beteiligte sich an der Korrespondenz natürlich nicht. Makar Iwanowitsch schrieb uns aus den verschiedensten Gegenden Rußlands, aus allerlei Städten, und oft aus Klöstern, in denen er häufig längere Zeit lebte. Er war ein sogenannter Pilger geworden. Niemals bat er um irgend etwas; dafür kam er alle drei Jahre einmal zu Besuch nach Hause und stieg einfach bei meiner Mutter ab, die immer ihre eigene Wohnung hatte, die von Wersilows Wohnung getrennt war. Hiervon werde ich später noch sprechen müssen, jetzt will ich nur bemerken, daß Makar Iwanowitsch sich nicht im Wohnzimmer auf dem Kanapee herumrekelte, sondern bescheiden mit irgendeinem Winkelchen hinter einem Vorhang vorliebnahm. Er blieb nie lange, fünf Tage, höchstens eine Woche.

Ich vergaß zu sagen, daß er seinen Familiennamen Dolgorukij ungeheuer liebte und eine große Verehrung für ihn hegte. Natürlich ist das eine ganz lachhafte Albernheit. Am albernsten ist, daß sein Name ihm eben deshalb so gut gefiel, weil es auch fürstliche Dolgorukijs gibt. Eine merkwürdige Auffassung, direkt die verkehrte Welt!

Wenn ich gesagt habe, daß die ganze Familie immer beisammen blieb, so muß man mich selbstverständlich dabei ausnehmen. Ich war wie ausgestoßen und fast von meiner Geburt an bei fremden Leuten untergebracht. Aber da war gar keine besondere Absicht irgendeiner Art dabei, sondern das kam so ganz einfach, weiß Gott, warum. Als sie mich geboren hatte, war meine Mutter noch jung und hübsch, und er hatte sie, denk' ich, nötig, und der Schreihals von einem Kind war natürlich eine ewige Störung, besonders auf Reisen. Und so ist es gekommen, daß ich meine Mutter bis zu meinem zwanzigsten Jahre fast überhaupt nicht gesehen habe, höchstens zwei- oder dreimal flüchtig. Das lag aber nicht an den Gefühlen meiner Mutter, sondern an Wersilows hochnasiger Art.

 

7

Jetzt zu etwas ganz anderem.

Einen Monat vorher, das heißt, einen Monat vor dem neunzehnten September – ich war damals noch in Moskau – hatte ich mich entschlossen, mich von ihnen allen loszusagen und mich endgültig und ganz »meiner Idee zu ergeben«. Ich sage das so: »mich meiner Idee zu ergeben«, weil dieser Ausdruck meinen Hauptgedanken fast erschöpfend wiedergibt – die Sache, für die ich auf Erden lebe. Was für eine »Idee« das ist, davon wird weiterhin noch mehr als genug die Rede sein. In der Abgeschiedenheit meines träumerischen, langjährigen Lebens in Moskau wurde diese Idee schon in der sechsten Gymnasialklasse in mir geboren, und seit der Zeit hat sie mich vielleicht nicht einen einzigen Augenblick verlassen. Sie hat mein ganzes Leben verschlungen. Auch bevor sie mir kam, habe ich in Träumen gelebt, gelebt von meiner frühesten Kindheit in einem Königreich von Träumen einer gewissen Färbung, aber mit dem Auftreten dieser Hauptidee, die alles in mir verschlang, wurden meine Träume fest und gossen sich mit einem Ruck in eine bestimmte Form; sie waren töricht gewesen, jetzt wurden sie vernünftig. Das Gymnasium hatte meine Träume nicht gestört; es störte auch meine Idee nicht. Ich muß aber hier noch bemerken, daß ich das letzte Jahr ein schlechter Schüler war und mein Abiturium mit Ach und Krach machte, während ich bis zur siebenten Gymnasialklasse immer unter den ersten gewesen war. Und das war eine Folge der Idee, die Folge eines vielleicht unrichtigen Schlusses, den ich aus ihr zog. Auf diese Weise schadete also nicht das Gymnasium der Idee, sondern die Idee dem Gymnasium; und auch der Universität hat sie geschadet. Als ich das Gymnasium absolviert hatte, beschloß ich nicht nur sogleich mit allem zu brechen, sondern, wenn es sein mußte, sogar mit der ganzen Welt, trotzdem ich damals alles in allem erst zwanzig war. Ich schrieb, was ich zu schreiben hatte, und durch Vermittlung der Person, die es sein mußte, nach Petersburg, man sollte mich endgültig in Ruhe lassen, mir kein Geld mehr für meinen Unterhalt schicken und mich, wenn möglich, ganz und gar vergessen (das heißt, vorausgesetzt, daß man sich meiner überhaupt noch bis zu einem gewissen Grade erinnerte), und schließlich fügte ich hinzu, – daß ich die Universität »um keinen Preis« beziehen würde. Vor meinen Augen stand ein unausweichliches Dilemma: entweder auf Universität und Weiterbildung verzichten oder die schleunigste Umsetzung meiner »Idee« in die Tat noch um vier Jahre verschieben; ich stellte mich, ohne zu wanken, auf die Seite meiner Idee, weil ich mit mathematischer Sicherheit überzeugt von ihr war. Wersilow, mein Vater, den ich in meinem ganzen Leben überhaupt nur ein einziges Mal sehr flüchtig gesehen hatte, als ich erst zehn Jahre alt war (und der es verstanden hatte, mich bei dieser ganz flüchtigen Begegnung gleichsam vor den Kopf zu stoßen), – Wersilow also antwortete mir auf meinen Brief, den ich übrigens nicht einmal direkt an ihn gerichtet hatte, in einem eigenhändigen Schreiben, das mich nach Petersburg berief und mir eine private Anstellung versprach. Diese Aufforderung eines Menschen, der so trocken und stolz war und gegen mich so hochnäsig und nichtachtend, der mich bis dahin, nachdem er mich gezeugt und unter die Menschen hinausgestoßen, nicht nur überhaupt nicht gekannt, sondern darüber auch nie etwas wie Reue empfunden hatte (wer weiß denn, ob er nicht vielleicht überhaupt von meiner Existenz nur einen sehr dunkeln und ungenauen Begriff hatte, denn es stellte sich nachher heraus, daß das Geld für meinen Unterhalt in Moskau nicht von ihm, sondern von anderen Leuten gekommen war), die Aufforderung dieses Menschen, wollte ich sagen, der sich so auf einmal an mich erinnerte und mich eines eigenhändigen Briefes würdigte, – diese Aufforderung schmeichelte mir und entschied mein Schicksal. Sonderbarerweise gefiel mir an seinem Brief (eine dürftige Seite kleinen Formates) besonders das eine, daß er von der Universität mit keinem Worte sprach, mich nicht bat, meinen Entschluß zu ändern, mir keine Vorwürfe machte, weil ich nicht studieren wollte, – mit einem Wort, er machte keinerlei väterliche Fisematenten von der Art, wie sie sonst bei solchen Gelegenheiten in der Mode sind; und doch war das eigentlich schlecht von seiner Seite, in dem Sinne, daß es um so schlagender seine Wurstigkeit mir gegenüber bewies. Ich entschloß mich um so leichter, hinzufahren, als das meinem Haupttraume durchaus keine Hindernisse in den Weg legte. Ich kann ja sehen, was daraus wird, überlegte ich, jedenfalls tue ich mich mit ihnen ja nur für eine Zeit zusammen, für ganz kurze Zeit vielleicht. Aber sobald ich sehe, daß dieser Schritt, wenn er auch nur bedingt und klein ist, mich dennoch von der Hauptsache ablenkt, dann breche ich sofort mit ihnen, werfe alles hin und verkrieche mich in meine Schale. Ja, eben in meine Schale! Ich verstecke mich in ihr wie eine Schildkröte. Dieser Vergleich gefiel mir sehr. Ich werde ja nicht allein sein, so überlegte ich weiter, während ich alle diese letzten Tage in Moskau wie benebelt umherging, nie wieder werde ich allein sein, wie die vielen entsetzlichen Jahre hindurch, die hinter mir liegen: mit mir sein wird meine Idee, der ich nie untreu werden kann, selbst dann nicht, wenn mir alle die Menschen dort gefallen, wenn sie mich glücklich machen und ich zehn Jahre mit ihnen zusammen lebe! Dies war also mein Eindruck, und ich will es gleich sagen, hierin eben liegt die Zwiespältigkeit in meinen Plänen und Zielen, die schon in Moskau feststanden und die mich in Petersburg nicht einen Augenblick verlassen hat (denn ich weiß wirklich nicht, ob es für mich einen einzigen Tag in Petersburg gegeben hat, den ich nicht im voraus als meinen endgültigen Termin aufgestellt hätte, um mit ihnen zu brechen und fortzugehen) – diese Zwiespältigkeit, wollte ich sagen, war auch, glaube ich, eine der Hauptursachen, daß ich in dem Jahr so viele Unvorsichtigkeiten beging, so viele häßliche und sogar niedrige Sachen, und selbstverständlich so viele Dummheiten.

Natürlich, auf einmal tauchte da vor mir ein Vater auf, den ich früher nie besessen hatte. Dieser Gedanke machte mich trunken, bei den Reisevorbereitungen in Moskau und im Eisenbahnwagen. Daß es mein Vater war, – das bedeutete noch nicht so viel, und von familiären Zärtlichkeiten war ich kein Freund; aber dieser Mensch hatte mich nicht kennen wollen und mich gedemütigt, während ich alle diese Jahre hindurch ohne Unterlaß von ihm geträumt hatte. Jeder meiner Träume, von Kind auf, hatte sich auf ihn bezogen, bei ihm geweilt, war in seinem Endresultat auf ihn hinausgelaufen. Ich weiß nicht, liebte ich ihn, oder haßte ich ihn, aber er hatte meine ganze Zukunft mit sich erfüllt, alle meine Berechnungen für mein Leben, – und das war ganz von selbst gekommen, es war mit dem Wachstum Hand in Hand gegangen.

Zu meinem Entschluß, Moskau zu verlassen, trug außerdem noch ein sehr mächtiger Umstand bei, ein verführerischer Gedanke, unter dem schon lange vorher, drei Monate vor meiner Abreise (also als von Petersburg noch gar keine Rede war), mein Herz sich gehoben und lebhafter geschlagen hatte. Es zog mich auch deshalb auf diesen unbekannten Ozean hinaus, weil ich sogleich als Herrscher und Herr sogar über fremde Schicksale auftreten konnte, und wessen Schicksale noch dazu! Aber es waren großmütige und keine despotischen Gefühle, die in mir kochten, – das will ich nur gleich sagen, damit man keine falschen Schlüsse aus meinen Worten zieht. Und zudem konnte Wersilow sich denken (wenn er mich überhaupt eines Gedankens würdigen sollte), hier käme ein kleiner Junge angereist, bloß so ein Gymnasialabiturient, so ein Halbwüchsling, der sich über die ganze Welt wundern würde. Und ich kannte derweil schon alle seine tiefsten Geheimnisse und besaß ein überaus wichtiges Dokument, für das er (heute weiß ich das ganz gewiß), mehrere Jahre seines Lebens gegeben hätte, hätte ich ihm damals dies Geheimnis entdeckt. Übrigens sehe ich jetzt, daß ich hier Rätsel aufgebe. Ohne Tatsachen lassen sich Gefühle nicht beschreiben. Und außerdem wird von dem allen an seinem Platze übergenug die Rede sein, darum habe ich auch zur Feder gegriffen. Aber so zu schreiben, das ist wie ein Fiebertraum oder eine Wolke.

Um endlich definitiv zu jenem neunzehnten September zu kommen, will ich jetzt kurz und sozusagen im Fluge erwähnen, daß ich sie alle, also Wersilow, meine Mutter und meine Schwester (letztere erblickte ich zum ersten Male in meinem Leben) in den bedrängtesten Verhältnissen antraf, fast bettelarm, oder doch direkt vor der Bettelarmut. Davon hatte ich schon in Moskau gehört, aber ich hatte doch nicht das vorausgesetzt, was ich hier fand. Ich hatte mich seit meiner frühesten Kindheit gewöhnt, mir diesen Menschen, diesen meinen zukünftigen Vater, beinahe in einem gewissen Glanz gehüllt zu sehen, und hatte ihn mir nie anders als überall auf dem ersten Platze vorstellen können. Wersilow hatte niemals mit meiner Mutter in einer Wohnung gelebt, sondern ihr immer eine eigene gemietet: natürlich hatte er das aus Gründen der schäbigsten Konvention seiner Kreise getan. Aber hier wohnten sie jetzt alle zusammen, in einem hölzernen Hintergebäude in einem kleinen, nicht sehr feinen Gäßchen. Alle ihre Sachen waren schon versetzt, so daß ich meiner Mutter sogar unter der Bedingung, daß Wersilow nichts davon erführe, meine heimlichen sechzig Rubel gab. Heimlich nenne ich sie, weil ich sie aus meinem Taschengeld – ich bekam fünf Rubel im Monat – während zweier Jahre zusammengespart hatte. Dieses Sparsystem hatte mit dem ersten Tage meiner »Idee« begonnen, und deshalb durfte Wersilow kein Wort von diesem Geld erfahren. Davor zitterte ich.

Diese Hilfe war nur wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Meine Mutter arbeitete, meine Schwester nähte, gleichfalls für Geld; Wersilow tat nichts, war verstimmt und launisch und setzte sein früheres Leben fort, das ziemlich reich an recht kostspieligen Gewohnheiten war. Er knurrte und räsonierte fürchterlich, besonders bei Tisch, und sein ganzes Benehmen war vollkommen despotisch. Aber meine Mutter, meine Schwester, Tatjana Pawlowna und die gesamte Familie des seligen Herrn Andronikow (eines Bureauchefs, der drei Monate zuvor gestorben war, und der neben seinen Amtsgeschäften auch Wersilows Angelegenheiten verwaltet hatte), also auch diese Familie, die aus einer Unzahl von Frauenzimmern bestand, sie alle umweihräucherten Wersilow wie einen Fetisch. Ich konnte den Grund dafür nicht einsehen. Ich möchte bemerken, daß er vor neun Jahren viel imponierender gewesen war. Ich sagte schon, daß er in meinen Träumen in einem gewissen Glanz zurückgeblieben war, und deshalb begriff ich nicht, wie dieser Mensch in den lumpigen neun Jahren, die seitdem verflossen waren, so alt und verbraucht hatte werden können: und mir wurde vom ersten Augenblick traurig zumute, es tat mir leid, es genierte mich gleichsam. Sein Anblick war mir einer der schwersten ersten Eindrücke nach meiner Ankunft. Übrigens war er durchaus noch kein alter Mann, erst fünfundvierzig; und als ich ihn näher ansah, fand ich an seiner Schönheit etwas, das noch mehr frappierte, als das, was in meinem Gedächtnis haften geblieben war. Weniger von dem damaligen Glanz, weniger äußerliche Vorzüge, weniger Imposantheit sogar, aber das Leben hatte gewissermaßen etwas in dies Gesicht geschrieben, was viel interessanter war, als alles Frühere.

Und dabei bildete die Bettelarmut nur den zehnten oder zwanzigsten Teil von allem Unangenehmen, das ihm widerfahren war, und ich wußte das nur zu gut. Außer der Armut gab es da etwas, was viel ernster war, – gar nicht davon zu reden, daß seine ganze Hoffnung darauf stand, einen Erbschaftsprozeß zu gewinnen, der schon seit einem Jahre zwischen Wersilow und den Fürsten Sokolskij schwebte, und Wersilow konnte also in allernächster Zeit ein Gut zufallen, das sechzigtausend Rubel, vielleicht auch einige tausend Rubel mehr wert war. Ich habe weiter oben schon gesagt, daß Wersilow in seinem Leben drei Erbschaften durchgebracht hatte, und hier riß ihn also wieder eine Erbschaft heraus. Die Sache entschied sich in allernächster Zeit beim Gericht. In der Hoffnung war ich auch nach Petersburg gerufen worden. Aber es blieb nun einmal die Wahrheit, auf die Hoffnung gab kein Mensch Geld her, leihen konnte er sich nirgend etwas, und so ging es ihnen schlecht.

Aber Wersilow suchte auch niemanden auf, trotzdem er oft den ganzen Tag fort war. Er war schon seit gut einem Jahr aus der Gesellschaft ausgestoßen. Diese Geschichte war für mich, trotz aller meiner Bemühungen, in der Hauptsache unaufgeklärt geblieben, obgleich ich schon einen Monat in Petersburg lebte. War Wersilow schuldig oder unschuldig – das war es, was für mich von Wichtigkeit war, das war der Grund, weshalb ich gekommen war! Alle hatten sich von ihm zurückgezogen, unter anderen auch alle einflußreichen, vornehmen Leute, mit denen in Beziehung zu treten und zu bleiben er sein Leben lang besonders gut verstanden hatte. Und das war geschehen infolge eines Gerüchtes von einer ganz niedrigen und – was in den Augen der »Welt« das allerschlimmste ist – skandalösen Sache, die er vor einem Jahr angeblich in Deutschland sich hätte zuschulden kommen lassen. Es wurde sogar von einer Ohrfeige gesprochen, die er damals gar zu öffentlich bekommen hatte, und zwar eben von einem der Fürsten Sokolskij, ohne darauf mit einer Forderung zu antworten. Sogar seine Kinder (die ehelichen), sein Sohn und seine Tochter, hatten sich von ihm losgesagt und lebten für sich. Um die Wahrheit zu sagen, sein Sohn und seine Tochter waren in den höchsten Kreisen zu Hause, durch die Fanariotows und den alten Fürsten Sokolskij (Wersilows ehemaligen Freund). Übrigens, ich habe ihn diesen ganzen Monat beobachtet, und ich sah einen hochmütigen Menschen, den nicht die Gesellschaft aus ihrem Kreise ausgestoßen hatte, sondern der eher selbst die Gesellschaft fortgejagt hatte, – einen so unbeirrten und freien Eindruck machte er. Aber hatte er das Recht, sich so zu benehmen – das war es, was mich beschäftigte und erregte! Ich mußte unbedingt in der kürzesten Frist die ganze Wahrheit erfahren, denn ich war gekommen, – um diesen Menschen zu richten. Meine Kräfte verbarg ich fürs erste noch vor ihm, aber ich mußte ihn entweder anerkennen, oder ihn ganz von mir zurückstoßen. Aber das letztere wäre mir so schwer gewesen, und ich litt darunter. Ich will endlich ein ganzes Bekenntnis ablegen: dieser Mensch war mir teuer!

Und unterdessen hauste ich mit ihnen in derselben Wohnung, arbeitete und hielt mich kaum von Grobheiten zurück. Ganz konnte ich sie mir in der Tat nicht verbeißen. Ich lebte schon einen Monat bei ihnen und kam täglich mehr zu der Überzeugung, daß ich es um keinen Preis über mich vermögen würde, mich an ihn zu wenden, um die letzten Aufklärungen zu erhalten. Dieser hochmütige Mensch stand als ein Rätsel vor mir, das mich bis in meine Tiefe beleidigte. Er war sogar freundlich zu mir und spaßte mit mir, aber ich hätte mir lieber noch Zank und Streit gewünscht, als solche Späße. Meine Unterhaltungen mit ihm trugen immer den Stempel einer gewissen Zweideutigkeit, oder, kurz gesprochen, von seiner Seite lag immer eine gewisse Verulkung darin. Er hatte mich gleich zu Anfang, als ich von Moskau angekommen war, nicht ernsthaft empfangen. Ich konnte nicht begreifen, weshalb er das tat. Es ist ja richtig, er erreichte damit, daß er für mich undurchdringlich blieb; aber ich selbst hätte mich nicht soweit erniedrigt, ihn zu bitten, ernsthaft mit mir zu verkehren. Ferner hatte er gewisse merkwürdige und unbesiegbare Manieren, mit denen ich nichts anzufangen wußte. Um es kürzer zu sagen, er behandelte mich wie einen ganz grünen Halbwüchsling, – was ich kaum zu ertragen vermochte, trotzdem ich vorausgewußt hatte, daß es so kommen würde. Infolgedessen hörte ich selbst auf, ernst zu sprechen, und wartete nur; ich hörte sogar fast überhaupt zu sprechen auf. Ich wartete auf einen Menschen, nach dessen Ankunft in Petersburg ich die Wahrheit endgültig erfahren konnte; hierauf ruhte meine letzte Hoffnung. Für jeden Fall bereitete ich mich auf den definitiven Bruch vor und traf schon im voraus alle Maßregeln. Um meine Mutter war es mir leid, aber – »er oder ich« – diese Frage wollte ich ihr und meiner Schwester stellen. Sogar den Tag hatte ich schon bestimmt; und unterdessen versah ich meine Stellung.

 

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