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Ein Werdender - Erster Band

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Ein Werdender - Erster Band - Kapitel 14
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typefiction
authorFjodor Michailowitsch Dostojewski
titleEin Werdender - Erster Band
publisherI. Ladyschnikow Verlag
translatorKorfiz Holm
correctorreuters@abc.de
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Drittes Kapitel

1

Ich habe das Geld genommen, weil ich ihn gern habe. Wer das nicht glaubt, dem kann ich sagen, daß ich wenigstens in dem Augenblick, als ich dieses Geld von ihm nahm, fest davon überzeugt war, wenn ich nur wollte, könnte ich übergenug aus einer andern Quelle bekommen. Und folglich habe ich es nicht aus Not genommen, sondern aus Taktgefühl, nur um ihn nicht zu beleidigen. – Ach Gott, so beurteilte ich die Sache damals! Aber trotzdem war mir sehr schwer ums Herz, als ich aus seinem Hause trat: ich hatte an diesem Morgen gesehen, daß er sich mir gegenüber ganz außerordentlich verändert hatte; solch einen Ton hatte er noch nie angeschlagen; und gegen Wersilow war das schon die reine Empörung. Stebelkow hatte ihn vorhin ja natürlich durch irgend etwas fürchterlich aufgebracht, aber das hatte schon vor der Sache mit Stebelkow angefangen. Ich wiederhole noch einmal: eine Veränderung gegen früher war schon die ganzen letzten Tage zu bemerken gewesen, aber doch nicht so, nicht in diesem Grade – das war die Hauptsache.

Möglicherweise hatte auch die dumme Nachricht von diesem Flügeladjutanten Baron Bjoring ihren Einfluß geübt . . . Ich war in meiner Erregung auch ausfallend geworden, aber . . . Das ist es ja eben, daß mir damals ganz etwas andres leuchtete, und so ließ ich vieles leichtsinnig außer Augen: ich gab mir Mühe, es nicht zu sehen, ich hielt mir alles Dunkle vom Leibe und wendete mich zu jenem Leuchtenden . . .

Es war noch nicht ein Uhr. Vom Fürsten fuhr ich mit meinem Matwej geradeswegs – wird man's glauben, zu wem? – zu Stebelkow! Das war's ja eben, daß er mich vorhin nicht so sehr dadurch in Erstaunen versetzt hatte, daß er zum Fürsten gekommen war (denn das hatte er jenem ja auch versprochen), als vielmehr dadurch, daß er mir zwar nach seiner dummen Gewohnheit zugeblinzelt hatte, aber mit nichts auf das Thema angespielt hatte, das ich erwartet hätte. Am Abend vorher hatte ich einen Stadtpostbrief von ihm bekommen, der für mich ziemlich rätselhaft war, und in dem er mich aufforderte, eben heute zu ihm zu kommen, um zwei Uhr: er könne mir »Dinge mitteilen, die ich gewiß nicht erwarte«. Und eben jetzt beim Fürsten hatte er mit keiner Miene gezeigt, daß er von diesem Briefe etwas wußte. Was konnte es zwischen Stebelkow und mir für Geheimnisse geben? Dieser Gedanke war ja direkt lächerlich; aber nach allem, was vorgegangen war, fühlte ich mich jetzt auf der Fahrt zu ihm sogar ein bißchen aufgeregt. Ich hatte mich ja freilich einmal, vor vierzehn Tagen, wegen Geld an ihn gewendet, und er war bereit gewesen, mir welches zu geben, aber wir waren aus gewissen Gründen nicht einig geworden, und ich hatte das Geld selbst abgelehnt; er hatte damals nach seiner Manier etwas Undeutliches gemurmelt, und mir hatte es geschienen, daß er mir irgend etwas von allerlei besondern Bedingungen vorschlagen wolle; und da ich ihn immer, wenn ich ihn beim Fürsten traf, sehr von oben herab behandelt hatte, schnitt ich jeden Gedanken an besondere Bedingungen hochmütig ab und ging, obgleich er mir bis zur Haustür nachlief. Ich hatte mir das Geld dann vom Fürsten geliehen.

Stebelkow lebte ganz allein für sich und lebte auf bequemem Fuße: er hatte eine Wohnung von vier schönen Zimmern, gute Möbel, einen Diener und eine Magd, und dann noch eine Wirtschafterin, die übrigens schon ältlich war. Ich trat im Zorn bei ihm ein.

»Hören Sie mal, teuerer Freund,« begann ich schon in der Tür, »was bedeutet, erstens einmal, dieser Brief? Ich will keine Korrespondenz zwischen uns. Und warum haben Sie mir nicht einfach vorhin beim Fürsten erklärt, was Sie wünschen? Ich war ja da!«

»Und warum haben Sie vorhin gleichfalls geschwiegen und mich nicht gefragt?« Er zog den Mund zu einem selbstzufriedenen Lächeln in die Breite.

»Weil ich nichts von Ihnen will, sondern Sie etwas von mir wollen«, schrie ich, plötzlich aufbrausend.

»Wenn das so ist, warum sind Sie dann zu mir gekommen?« Er wäre bald gehüpft vor Vergnügen. Ich drehte mich kurz um und wollte gehen, aber er hielt mich an der Schulter fest.

»Nein, nein, ich habe bloß Spaß gemacht. Es ist eine wichtige Angelegenheit; Sie werden ja selbst sehen.«

Ich setzte mich. Ich muß bekennen: ich war neugierig. Wir saßen an der Längsseite des großen Schreibtisches, einander gegenüber. Er lächelte listig und wollte schon wieder den Finger erheben.

»Bitte schön, ohne Ihre Pfiffigkeiten und ohne Fingersprache und – was die Hauptsache ist – ohne jede Allegorie, sondern einfach und sachlich; sonst gehe ich sofort!« schrie ich, schon wieder wütend.

»Sie . . . sind stolz!« brachte er im Tone eines dummen Vorwurfs hervor, beugte sich mit seinem Stuhle zu mir und zog alle Falten auf seiner Stirn in die Höhe.

»Das gehört sich Ihnen gegenüber!«

»Sie . . . haben sich heute vom Fürsten Geld geliehen, dreihundert Rubel; ich habe Geld, mein Geld ist besser.«

»Woher wissen Sie, daß ich mir Geld von ihm geliehen habe?« Ich war ungeheuer erstaunt. »Er hat es Ihnen doch nicht am Ende gar selber gesagt?«

»Er hat es mir gesagt; regen Sie sich nicht auf, es ist nur so zwischendurch berührt worden, mit einem Wort, so von ungefähr, nur mit einem Wort, ganz ohne Hintergedanken. Er hat es mir gesagt. Aber Sie hätten es ebensogut nicht von ihm nehmen können. Hab' ich recht oder nicht?«

»Aber ich höre, Sie schinden immer unerträgliche Prozente heraus.«

»Ich habe einen mont-de-piété, aber ich schinde nicht. Ich leihe nur Freunden, andre bekommen nichts. Für die andern ist der mont-de-piété da . . .«

Dieser mont-de-piété war ein ganz gewöhnliches Versatzgeschäft; es ging auf irgendeinen fremden Namen, befand sich in einer andern Wohnung und florierte.

»Aber Freunden gebe ich große Summen.«

»Was, ist der Fürst denn auch ein Freund von Ihnen?«

»Jawohl; aber . . . Er führt so dumme Reden. Er soll sich nur vorsehen mit seinen dummen Reden!«

»Ist er denn so in Ihrer Hand? Schuldet er Ihnen viel?«

»Ja, er . . . schuldet mir viel.«

»Er bezahlt es schon wieder; er hat die Erbschaft . . .«

»Das ist ja nicht seine Erbschaft; er ist mir Geld schuldig und ist mir noch was andres schuldig. Da reicht die Erbschaft nicht. Ich leih' Ihnen Geld ohne Prozente.«

»Auch als Ihrem ›Freunde‹? Womit hab' ich mir das verdient?« lachte ich auf.

»Sie werden sich's schon verdienen.« Er legte sich wieder mit dem ganzen Leibe zu mir herüber und wollte den Finger erheben.

»Stebelkow! Ohne Fingersprache, sonst geh' ich!«

»Hören Sie mal . . . Er sollte Anna Andrejewna heiraten!« Und er kniff sein linkes Auge ganz diabolisch zusammen.

»Hören Sie mal, Stebelkow, diese Unterhaltung nimmt einen so skandalösen Charakter an . . . Wie dürfen Sie sich erlauben, Anna Andrejewnas Namen in den Mund zu nehmen!«

»Ärgern Sie sich doch nicht!«

»Ich muß alles in mir zusammennehmen, um Sie anzuhören; aber ich sehe, daß dahinter irgendein Gaunerstreich steckt, und will wissen, was da . . . Aber Stebelkow, ich weiß doch nicht, ob es mir nicht zu bunt wird!«

»Ärgern Sie sich nicht, und seien Sie nicht so stolz. Seien Sie nur einen Augenblick nicht so stolz und hören Sie mich an. Das mit Anna Andrejewna wissen Sie doch? Daß der Fürst sie vielleicht heiratet . . . Das wissen Sie doch?«

»Von diesem Plan habe ich natürlich gehört, und ich weiß alles; aber ich habe mit dem Fürsten noch nie über diesen Plan gesprochen. Ich weiß nur, daß dieser Plan aus dem Kopfe des alten Fürsten Sokolskij stammt, der immer noch krank ist; aber ich habe nie ein Wort darüber gesprochen und habe keinen Teil daran. Das teile ich Ihnen nur mit, damit Sie Bescheid wissen; und nun gestatte ich mir, Sie erstens zu fragen: warum haben Sie mit mir davon angefangen? Und zweitens: ist es wirklich denkbar, daß der Fürst mit Ihnen über solche Sachen spricht?«

»Er spricht nicht mit mir; er will nicht mit mir darüber sprechen. Ich spreche mit ihm darüber, und er will nichts davon hören. Er hat mich ja vorhin erst so angeschrien.«

»Kunststück! Da bin ich ganz seiner Meinung.«

»Der alte Herr, Fürst Sokolskij, gibt Anna Andrejewna einen Haufen Geld mit; sie hat sich bei ihm lieb Kind gemacht. Und dann als Bräutigam gibt mir der junge Fürst Sokolskij mein ganzes Geld wieder. Auch die Schuld bezahlt er, die nicht in Geld besteht. Er bezahlt sie ganz sicher! Jetzt aber hat er doch nichts, wovon er mir's zurückzahlen könnte.«

»Aber ich, was wollen Sie denn von mir?«

»Die Hauptsache: Sie sind da bekannt; Sie sind mit allen Beteiligten bekannt. Sie können alles erfahren.«

»Ach, zum Teufel . . . Was soll ich denn erfahren?«

»Ob der Fürst will, ob Anna Andrejewna will, ob der alte Fürst will. Das können Sie ganz genau erfahren.«

»Und Sie unterstehn sich, mir vorzuschlagen, ich soll für Sie den Spion machen, und das – für Geld!« Ich sprang unwillig auf.

»Seien Sie nicht so stolz, seien Sie nicht so stolz. Seien Sie jetzt nur noch einen Augenblick nicht stolz, nicht länger als fünf Minuten.« Er nötigte mich wieder auf den Stuhl. Er hatte sichtlich nicht den geringsten Respekt vor meinen Gebärden und Ausrufen; aber ich beschloß, ihn zu Ende anzuhören.

»Ich muß es bald wissen, bald muß ich's wissen, weil . . . Weil es vielleicht bald überhaupt zu spät sein, könnte. Haben Sie vorhin gesehen, wie er an der Pille würgte, als der Offizier von der Verlobung des Barons mit der Achmatowa erzählte?«

Ich erniedrigte mich natürlich dadurch, daß ich ihm noch länger zuhörte, aber meine Neugier war erregt, und ich konnte sie nicht bezwingen.

»Hören Sie mal . . . Sie sind ein Taugenichts!« sagte ich energisch. »Wenn ich hier sitze und Ihnen zuhöre und dulde, daß Sie von solchen Leuten sprechen . . . und Ihnen sogar antworte, so geschieht es durchaus nicht etwa, weil ich Ihnen ein Recht dazu einräume. Ich sehe nur, daß irgendeine Schlechtigkeit dahintersteckt . . . Und, vor allen Dingen, was für Hoffnungen kann sich der Fürst auf Katerina Nikolajewna machen?«

»Eben keine, aber er ist wütend darüber.«

»Das ist nicht wahr!«

»Er ist wütend. Also die Sache ist jetzt die: bei der Achmakowa hat er Paß sagen müssen. Da hat er Bête gemacht. Jetzt bleibt ihm eben nur Anna Andrejewna übrig. Ich gebe Ihnen zweitausend Rubel . . . unverzinslich und ohne Wechsel.«

Als er das gesagt hatte, lehnte er sich energisch und wichtig in seinem Stuhl zurück und glotzte mich mit großen Augen an. Ich sah ihm gleichfalls voll in die Augen.

»Sie tragen Kleider aus der Großen Millionnaja, da braucht man Geld, Geld braucht man da; ich hab' besseres Geld als er. Ich gebe Ihnen mehr als zweitausend . . .«

»Ja, aber wofür? Wofür, hol' mich der Teufel?«

Ich stampfte mit dem Fuße. Er beugte sich vor zu mir und sagte eindringlich:

»Dafür, daß Sie mir nichts in den Weg legen.«

»Ich befasse mich ja sowieso nicht mit der Sache«, schrie ich.

»Ich weiß, daß Sie nichts sagen; und das ist gut.«

»Ich hab' kein Bedürfnis nach Ihrer Billigung. Ich für mein Teil wünsche das selber sehr, aber ich finde, daß das gar nicht meine Sache ist, und daß das für mich sogar unpassend wäre.«

»Na, sehen Sie, sehen Sie, es wäre unpassend!« Er hob seinen Finger wieder.

»Was soll ich da sehen?«

»Es wäre unpassend . . . He, he!« Und er lachte plötzlich auf. »Ich begreife ja, daß es für Sie unpassend wäre, aber . . . Sie werden der Sache also nichts in den Weg legen?« blinzelte er mich an; und in diesem Blinzeln lag etwas so Freches, ja Höhnisches, Niedriges! Er setzte eben bei mir irgendeine Niedrigkeit voraus, und mit dieser Niedrigkeit rechnete er . . . Soviel war klar, aber ich konnte durchaus nicht begreifen, um was es sich handle.

»Anna Andrejewna ist doch schließlich auch eine Schwester von Ihnen«, brachte er eindringlich hervor.

»Darüber unterstehen Sie sich gefälligst nicht zu sprechen. Und unterstehen Sie sich überhaupt nicht von Anna Andrejewna zu sprechen.«

»Seien Sie doch nicht so stolz, nur noch eine kleine Minute! Hören Sie mal zu: er bekommt dann Geld und stellt alle sicher,« sagte Stebelkow gewichtig, »alle, alle; hören Sie auch gut zu?«

»Sie glauben also, ich würde von ihm Geld nehmen?«

»Sie nehmen's doch jetzt?«

»Ich nehme nur mein Geld!«

»Wieso Ihr Geld?«

»Dies Geld gehört Wersilow: er schuldet Wersilow zwanzigtausend Rubel.«

»Also Wersilow, und nicht Ihnen.«

»Wersilow ist mein Vater.«

»Nein, Sie heißen Dolgorukij, und nicht Wersilow.«

»Das ist ganz egal!« So konnte ich damals wirklich argumentieren! Ich wußte, daß das gar nicht egal war, ich war nicht so dumm, aber ich argumentierte doch so, wieder aus so einer Art von »Taktgefühl« heraus.

»Genug jetzt davon!« schrie ich. »Ich verstehe ganz einfach kein Wort davon. Wie konnten Sie sich denn eigentlich unterstehen, mich wegen solcher Kindereien herzubitten?«

»Aber verstehen Sie mich denn wirklich nicht? Tun Sie nur so, oder . . .«, brachte Stebelkow langsam hervor und sah mich durchdringend und mit einem eignen mißtrauischen Lächeln an.

»Ich schwöre Ihnen, ich verstehe kein Wort!«

»Ich sage Ihnen: er kann alle sicherstellen, alle, Sie dürfen sich der Sache nur nicht in den Weg stellen und ihm abraten.«

»Sie sind wohl ganz übergeschnappt! Was grölen Sie denn in einem fort von diesen ›allen‹? Meinen Sie Wersilow? Daß er den sicherstellen soll . . .?«

»Sie sind doch nicht nur allein da, und auch Wersilow nicht . . . Es sind doch auch noch andre Leute da. Und Anna Andrejewna ist doch ebensogut Ihre Schwester, wie Lisaweta Makarowna

Ich sah ihn an, mit aufgerissenen Augen. Auf einmal ging so etwas wie direktes Mitleid mit mir in seinem ekligen Blick auf:

»Sie verstehen mich nicht, also um so besser! Das ist gut, sehr gut ist das, daß Sie mich nicht verstehen. Das gereicht Ihnen zur Ehre . . . Das heißt, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen.«

Ich wurde jetzt fürchterlich wütend.

»Scheren Sie sich mit Ihren Kindereien zum Teufel, Sie verdrehter Narr!« schrie ich und griff nach meinem Hute.

»Das sind keine Kindereien! Also abgemacht? Ich weiß ja, Sie kommen wieder.«

»Nein«, sagte ich schneidend; ich war schon auf der Schwelle.

»Sie kommen schon, und dann . . . Dann findet eine andre Unterredung statt. Dann kommt erst die eigentliche, wichtige Unterredung. Zweitausend Rubel, vergessen Sie das nicht!«

 

2

Er hatte einen so schmutzigen und ekligen Eindruck auf mich gemacht, daß ich, als ich auf die Straße trat, mir direkt Mühe gab, überhaupt nicht zu denken und nur ausspuckte. Der Gedanke daran, daß der Fürst mit ihm von mir und von jenem Gelde hatte sprechen können, stach mich wie eine Nadel. Ich will gewinnen und ihm noch heute alles zurückzahlen, dachte ich, fest entschlossen.

So dumm und von so schwerer Zunge Stebelkow auch war, ich hatte in ihm doch den aufgelegten Halunken in seinem vollen Glanze erkannt; und die Hauptsache war: irgendeine Intrige mußte da unbedingt im Gange sein. Ich hatte damals nur gar keine Zeit, irgendwelchen Intrigen nachzugehen, und das war der Hauptgrund für meine Hühnerblindheit! Ich sah unruhig auf meine Uhr, aber es war noch nicht einmal zwei; also konnte ich noch eine Visite machen, sonst wäre ich auch bis drei Uhr vor Aufregung umgekommen. Ich fuhr zu Anna Andrejewna Wersilowa, meiner Schwester. Ich hatte mich ihr schon seit einiger Zeit genähert, und zwar im Hause meines alten Fürsten, während seiner Krankheit. Der Gedanke, daß ich ihn schon seit drei, vier Tagen nicht gesehen hatte, lag mir auf dem Gewissen; aber eben Anna Andrejewna hatte meine Stelle vertreten: der Fürst hatte eine große Zuneigung zu ihr gefaßt und sie mir gegenüber sogar seinen Schutzengel genannt. Übrigens war der Gedanke, sie mit Fürst Sergej Petrowitsch zu verheiraten, tatsächlich dem Kopfe meines alten Herrn entsprungen, und er hatte ihn mir sogar schon des öftern mitgeteilt, natürlich als Geheimnis. Ich hatte über diesen Plan mit Wersilow gesprochen, weil ich auch früher schon bemerkt hatte, daß er, der sich sonst gegen alle aktuellen Dinge so gleichgültig zeigte, immer ein ganz besonderes Interesse dafür bewies, wenn ich ihm irgend etwas von meinen Begegnungen mit Anna Andrejewna erzählte. Wersilow hatte damals irgend etwas davon gemurmelt, Anna Andrejewna wäre ja so klug und würde in einer so delikaten Sache auch ohne den Rat dritter Personen fertig werden. Natürlich hatte Stebelkow darin recht, daß der alte Herr ihr eine Mitgift geben würde, aber wie konnte er sich erlauben, da auf irgend etwas zu rechnen? Vorhin hatte der Fürst ihm nachgerufen, daß er sich durchaus nicht vor ihm fürchte: ob Stebelkow dort im Kabinett nicht wirklich mit ihm von Anna Andrejewna gesprochen hatte? Ich konnte mir vorstellen, wie wütend ich an seiner Stelle geworden wäre.

Ich hatte Anna Andrejewna in der letzten Zeit sogar ziemlich häufig besucht. Aber dabei war mir immer etwas Eigentümliches aufgefallen: sie bestimmte immer selbst, daß ich kommen sollte, und mußte mich also sicher erwarten; aber wenn ich dann kam, tat sie jedesmal so, als käme ich unerwartet und unverhofft; diese Eigentümlichkeit war mir an ihr aufgefallen, aber ich hatte mich trotzdem ihr angeschlossen. Sie wohnte bei Frau Fanariotowa, ihrer Großmutter, und natürlich als deren Pflegetochter (Wersilow zahlte nichts für ihren Unterhalt), – aber sie spielte durchaus nicht die Rolle, in der man in Büchern die Pflegetöchter vornehmer Damen zu finden pflegt, wie zum Beispiel in der »Pique-Dame« von Puschkin die Pflegetochter der alten Gräfin. Anna Andrejewna war selber so etwas wie die Gräfin. Sie lebte in diesem Hause ganz für sich, das heißt: allerdings in demselben Stockwerk und derselben Wohnung, aber in zwei abgeteilten Zimmern, so daß ich zum Beispiel beim Kommen und Gehen auch nicht ein einziges Mal einem von den Fanariotows begegnet bin. Sie durfte nach Belieben jeden Besuch empfangen und ihre ganze Zeit verbringen wie sie wollte. Freilich war sie auch schon dreiundzwanzig Jahre alt. In Gesellschaft war sie im letzten Jahre fast gar nicht mehr gegangen, obgleich Frau Fanariotowa mit Ausgaben für ihre Enkelin durchaus nicht geizte; denn sie liebte sie, wie ich gehört hatte, sehr. Mir hatte gerade das an Anna Andrejewna so besonders gefallen, daß ich sie immer bescheiden gekleidet traf und immer mit etwas beschäftigt, einem Buche oder einer Handarbeit. Wenn ich ihr sagte, daß sie mich, obgleich sie ja keinen einzigen gemeinsamen Zug hätten, trotzdem ungeheuer an Wersilow erinnre, wurde sie immer ein ganz klein wenig rot. Sie errötete oft und immer plötzlich, aber stets nur ein ganz klein wenig; und ich hatte die Eigentümlichkeit ihres Gesichtes sehr liebgewonnen. In ihrer Gegenwart nannte ich Wersilow nie beim Familiennamen, sondern ich sagte immer: Andrej Petrowitsch, das hatte sich ganz von selbst ergeben. Ich hatte nur zu gut bemerkt, daß man sich bei den Fanariotows anscheinend Wersilows schämte; ich hatte das übrigens nur aus Anna Andrejewnas Art geschlossen und muß sagen, daß ich auch nicht recht weiß, ob man dafür das Wort »schämen« anwenden kann; aber so etwas Ähnliches war es in jedem Fall. Ich hatte auch manchmal mit ihr von Fürst Sergej Petrowitsch gesprochen, und sie hatte sehr aufmerksam zugehört und sich, wie mir schien, für diese Mitteilungen sehr interessiert; aber es war immer so gewesen, daß ich selbst davon angefangen hatte, sie hatte mich niemals ausgefragt. Von der Möglichkeit einer Ehe zwischen ihnen hatte ich nie zu sprechen gewagt, obgleich ich häufig Lust dazu verspürt hatte, weil mir selber der Plan in mancher Hinsicht sympathisch war. Aber wenn ich in ihrem Zimmer saß, gab es furchtbar viele Dinge, von denen ich nicht zu sprechen wagte; und doch fühlte ich mich sehr wohl in ihrem Zimmer. Was mir an ihr auch gefiel, war, daß sie gebildet war und viel gelesen hatte, sogar wissenschaftliche Werke; sie hatte viel mehr gelesen als ich.

Sie selbst hatte mich das erstemal zu sich eingeladen. Ich begriff auch damals schon, daß sie vielleicht darauf rechnete, mich manchmal über dies oder jenes auszuhorchen. Ach, damals verstanden es verschiedene Leute, mich über allerlei Dinge auszuhorchen. Aber ich dachte mir: Was tut das, sie ladet mich ja doch nicht deswegen allein zu sich ein. Kurz und gut, ich freute mich sogar, ihr nützlich sein zu können, und . . . Und wenn ich bei ihr saß, hatte ich heimlich immer das Gefühl, hier sitze eine Schwester von mir an meiner Seite, obschon ich mit ihr noch nie über unsre Verwandtschaft gesprochen hatte. Es war mit keinem Wort, nicht mit der leisesten Anspielung die Rede davon gewesen; es war, als gäbe es so etwas überhaupt nicht. Wenn ich bei ihr war, erschien es mir auch einfach undenkbar, davon anzufangen, und wenn ich sie so ansah, ging mir manchmal sogar der absurde Gedanke durch den Kopf: sie weiß am Ende überhaupt nicht eine Silbe von dieser Verwandtschaft, – so sehr hielt sie sich in der Beziehung vor mir zurück.

 

3

Als ich heute in ihr Zimmer trat, fand ich unerwarteterweise meine Schwester Lisa bei ihr. Das versetzte mich geradezu in Staunen. Ich wußte sehr wohl, daß sie sich auch schon früher getroffen hatten; diese Begegnung hatte bei dem »Säugling« stattgefunden. Von dieser Laune der stolzen und schamhaften Anna Andrejewna, dieses Kind sehen zu wollen, und wie sie dort mit Lisa zusammengetroffen war, werde ich vielleicht später erzählen, wenn sich Gelegenheit dazu bietet; ich hatte aber immerhin durchaus nicht erwartet, daß Anna Andrejewna jemals Lisa zu sich einladen würde. Das überraschte mich angenehm. Ich ließ mir das aber selbstverständlich nicht anmerken. Ich begrüßte Anna Andrejewna, drückte Lisa herzlich die Hand und setzte mich neben sie. Sie waren bei einer wichtigen Besprechung: auf dem Tische und über ihren Knien lag ein kostbares Gesellschaftskleid von Anna Andrejewna, das aber alt war, das heißt, sie hatte es dreimal angehabt und wollte es jetzt irgendwie geändert haben. Lisa war eine große Meisterin in solchen Dingen und hatte viel Geschmack; deswegen war dieser feierliche Rat der »weisen Frauen« zusammengetreten. Ich mußte an Wersilow denken und lachte herzlich; übrigens war ich auch sonst in strahlender Stimmung.

»Sie sind heute sehr lustig, und das ist sehr nett«, sagte Anna Andrejewna und sprach jedes Wort korrekt und deutlich aus. Ihre Stimme war ein tiefer, tönender Kontrealt, aber sie sprach immer ruhig und leise; dabei senkte sie stets ihre langen Wimpern, und ein kaum sichtbares Lächeln geisterte über ihr bleiches Gesicht.

»Lisa weiß, was für ein Ekel ich bin, wenn ich nicht lustig bin«, erwiderte ich vergnügt.

»Vielleicht hat Anna Andrejewna auch eine Ahnung davon«, stichelte Lisa neckisch. Das liebe Ding! Wenn ich geahnt hätte, was damals in ihrem Innern vorging!

»Was tun Sie jetzt?« fragte mich Anna Andrejewna. (Hier muß ich bemerken, daß eben sie selbst mich gebeten hatte, heute zu ihr zu kommen.)

»Augenblicklich sitze ich hier und frage mich, warum ich es immer netter finde, wenn ich Sie bei einem Buche antreffe und nicht bei einer Handarbeit! Nein, wirklich, ich weiß nicht, Handarbeiten passen nicht so recht zu Ihnen. In der Beziehung bin ich Andrej Petrowitschs Sohn.«

»Haben Sie sich noch immer nicht entschlossen, zu studieren?«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie unsre Gespräche so gut behalten: das beweist mir, daß Sie zuweilen an mich denken, aber . . . Was die Universität betrifft, so habe ich noch keinen bestimmten Plan darüber gefaßt; und außerdem habe ich so meine besondern Zwecke.«

»Das heißt: er hat sein Geheimnis«, bemerkte Lisa.

»Laß die Späße, Lisa. Ein kluger Mann hat dieser Tage zu mir gesagt, daß wir mit unsrer ganzen fortschrittlichen Bewegung der letzten zwanzig Jahre vor allem das eine bewiesen hätten, von welch einer schmutzigen Unbildung wir wären. Das war natürlich auch von unsern Universitätsleuten gesagt.«

»Na, das wird wohl Papa gesagt haben; du liebst es sehr, seine Gedanken nachzusprechen«, bemerkte Lisa.

»Lisa, das klingt ja ganz, als trautest du mir selber keinen Verstand zu.«

»Heutzutage kann es nur nützlich sein, wenn man auf die Worte kluger Männer hört und sie sich merkt.« Mit diesen leicht hingesagten Worten stellte sich Anna Andrejewna auf meine Seite.

»Ganz richtig, Anna Andrejewna«, fiel ich eifrig ein. »Wer sich über die heutige Epoche Rußlands keine Gedanken macht, verdient nicht, ein Bürger zu heißen! Ich sehe Rußland vielleicht von einem sonderbaren Standpunkte aus an: wir haben den Einfall der Tataren ertragen und nachher die zweihundertjährige Knechtschaft, und ertragen haben wir das eine wie das andre, weil es uns eben so gefiel. Jetzt ist uns die Freiheit gegeben, und wir müssen die Freiheit ertragen. Werden wir das verstehen? Wird es uns auch gefallen, die Freiheit zu ertragen? Das ist die Frage.«

Lisa warf einen schnellen Blick zu Anna Andrejewna hinüber, die aber neigte hastig den Kopf und begann etwas neben sich zu suchen; ich sah, daß Lisa sich aus aller Kraft zusammennahm, aber auf einmal begegneten sich unverhofft unsre Blicke, und sie platzte mit einem lauten Gelächter heraus. Ich brauste auf:

»Lisa, ich versteh' dich einfach nicht!«

»Verzeih mir!« sagte sie plötzlich, hörte auf zu lachen und wurde beinah traurig. »Weiß der liebe Gott, was ich heute im Kopfe habe . . .«

Und es zitterten gleichsam Tränen in ihrer Stimme. Da schämte ich mich sehr: ich nahm ihre Hand und küßte sie herzlich.

»Sie sind ein guter Mensch«, sagte Anna Andrejewna weich, als sie sah, daß ich Lisa die Hand küßte.

»Ich freue mich vor allen Dingen, daß du, Lisa, mich heute mit Lachen begrüßt hast«, sagte ich. »Wollen Sie es mir glauben, Anna Andrejewna: in den letzten Tagen hat sie mich immer so sonderbar angesehen; in ihrem Blick lag so etwas wie eine Frage: ›Hast du nicht irgend etwas erfahren? Steht alles gut?‹ Es ist wirklich wahr, irgend so etwas hatte sie.«

Anna Andrejewna sah sie lange und scharf an, Lisa senkte den Kopf. Ich bemerkte übrigens deutlich, daß die beiden viel besser und intimer miteinander bekannt waren, als ich vorhin bei meinem Kommen hätte vermuten können; dieser Gedanke berührte mich angenehm.

»Sie sagten vorhin, ich wäre ein guter Mensch; Sie glauben nicht, wie sehr ich mich zum Bessern verändre, wenn ich bei Ihnen bin, und wie gerne ich bei Ihnen bin«, sagte ich gefühlvoll.

»Und ich freue mich sehr, daß Sie gerade jetzt so sprechen«, erwiderte sie bedeutungsvoll. Ich muß hier erwähnen, daß sie mit mir noch nie von meinem liederlichen Leben und dem Strudel, in den ich geraten war, gesprochen hatte, obgleich sie – das wußte ich – davon unterrichtet war und sogar bei Dritten Erkundigungen darüber eingezogen hatte. So war das jetzt so etwas wie eine erste Anspielung darauf, und – mein Herz flog ihr infolgedessen noch mehr zu.

»Was macht denn unser Patient?« fragte ich.

»Oh, es geht ihm viel besser: er ist aufgestanden und gestern und heute schon ausgefahren. Aber sind Sie denn heute auch nicht bei ihm gewesen? Er erwartet Sie sehnlichst.«

»Ja, ich habe ihn vernachlässigt, aber jetzt besuchen Sie ihn ja und sind ganz an meine Stelle getreten; er ist eine ungetreue Seele und hat Ihnen meinen Platz eingeräumt.«

Sie machte ein sehr ernstes Gesicht; mein Scherz war ja wohl auch ziemlich trivial.

»Ich war vorhin bei Fürst Sergej Petrowitsch,« murmelte ich, »und da . . . Übrigens, Lisa, du warst ja vorhin bei Darja Onisimowna?«

»Jawohl«, erwiderte sie sonderbar kurz, ohne den Kopf zu heben. »Ich dachte, du gingst jeden Tag zu dem kranken Fürsten?« fragte sie dann eigentümlich plötzlich, vielleicht nur, um überhaupt etwas zu sagen.

»Ja, hingehen tue ich schon, aber ich komme nie an«, lächelte ich. »Ich trete ins Haus und wende mich nach links.«

»Ja, der Fürst hat auch bemerkt, daß Sie Katerina Nikolajewna so oft besuchen. Er sagte es mir gestern und lachte dazu«, sagte Anna Andrejewna.

»Ja warum aber . . .? Warum hat er denn gelacht?«

»Er spaßte, Sie kennen ihn ja. Er sagte, daß sonst eine junge und schöne Frau bei jungen Leuten Ihres Alters nur Gefühle des Unwillens und des Zornes auslöse . . .« Anna Andrejewna fing plötzlich an zu lachen.

»Hören Sie mal . . . Wissen Sie auch, daß das eine sehr treffende Bemerkung war?« rief ich. »Sicherlich hat er das nicht gesagt, sondern Sie haben es ihm gesagt?«

»Warum denn? Nein, er hat es gesagt.«

»Aber wenn diese schöne Frau jemand beachtet, trotzdem er so ein Nichts ist und in der Ecke steht und sich bost, weil er noch nicht erwachsen ist; und wenn sie ihn auf einmal dem ganzen Haufen derer vorzieht, die sie vergöttern, was dann?« fragte ich auf einmal mit einem sehr kecken und herausforderndem Gesicht. Mein Herz klopfte dabei.

»Dann bist du ihr gegenüber auch geliefert«, lachte Lisa auf.

»Geliefert?« rief ich. »Nein, ich bin nicht geliefert. Ich glaube nicht, daß das richtig ist. Wenn eine Frau sich mir in den Weg stellt; muß sie mir auch folgen. Mir verstellt man nicht ungestraft den Weg . . .«

Lisa hat mir viel später einmal, als wir hiervon sprachen, gesagt, ich hätte diesen Satz damals ganz sonderbar hervorgebracht, so ernst, und als versänke ich dabei plötzlich tief in Gedanken; aber zugleich »so komisch, daß man sich einfach nicht halten konnte«; und wirklich fing Anna Andrejewna wieder an zu lachen.

»Lachen Sie nur, lachen Sie über mich!« rief ich wie berauscht; denn dieses ganze Gespräch und der Weg, den es genommen, gefiel mir ausnehmend: »Wenn Sie mich auslachen, ist es für mich nur ein Vergnügen. Ich liebe Ihr Lachen, Anna Andrejewna! Sie haben etwas ganz Eignes: Sie sind ganz still, und auf einmal fangen Sie an zu lachen, ganz plötzlich, so daß man einen Augenblick vorher Ihrem Gesicht noch gar nichts hat ansehen können. Ich habe in Moskau eine Dame gekannt, nur flüchtig, ich sah sie nur von weitem: sie war beinahe so schön wie Sie, und ihr Gesicht, das sonst ebenso anziehend war wie das Ihre, verlor dadurch an Reiz; das Ihre hat einen großen Reiz . . . Eben durch diese Fähigkeit . . . Das hab' ich Ihnen schon lange sagen wollen.«

Was ich da von dieser Dame gesagt hatte, sie wäre »ebenso schön« gewesen wie Anna Andrejewna, war ein schlauer Kniff von mir gewesen; ich hatte getan, als wäre mir das so ganz von selbst herausgefahren, ohne daß ich es selber bemerkt hätte; ich wußte nur zu gut, daß eine Frau, so eine »herausgefahrene« Schmeichelei höher schätzt als ein noch so gut gedrechseltes Kompliment. Und so sehr auch Anna Andrejewna errötete, ich wußte, daß ihr das angenehm war. Und ich hatte mir ja überhaupt diese ganze Dame ausgedacht: ich hatte gar keine Dame in Moskau gekannt, es war ja alles nur, um Anna Andrejewna zu schmeicheln und ihr ein Vergnügen zu machen.

»Man sollte wirklich glauben,« lächelte sie entzückend, »daß Sie sich in den letzten Tagen unter dem Einflusse irgendeiner schönen Frau befunden haben.«

Es riß mich fort . . . Ich hatte schon Lust, ihnen etwas zu gestehen . . . Aber ich hielt mich doch noch zurück.

»Übrigens, wie lange ist es her, daß Sie sich noch ausgesprochen feindlich über Katerina Nikolajewna aussprachen?«

»Wenn ich mich irgendwie häßlich geäußert habe,« sagte ich mit blitzenden Augen, »so war daran die monströse Verleumdung schuld, daß sie eine Feindin von Andrej Petrowitsch wäre; eine Verleumdung auch gegen ihn, insofern behauptet wurde, er hätte sie geliebt, ihr einen Antrag gemacht und ähnliches ungereimtes Zeug. Diese Idee ist ebenso ungeheuerlich, wie die andre Verleumdung, die von ihr gesagt worden ist: sie hätte noch bei Lebzeiten ihres Mannes dem Fürsten Sergej Petrowitsch versprochen, sie wolle ihn heiraten, wenn sie Witwe wäre und hätte nachher ihr Wort nicht gehalten. Aber ich weiß aus erster Quelle, daß sich das alles nicht so verhalten hat, sondern daß das alles nur Scherz war. Aus erster Quelle weiß ich das. Sie hat wirklich einmal, draußen im Auslande, in einem lustigen Augenblick zum Fürsten gesagt: ›Vielleicht später einmal‹ aber, was war das andres als ein leicht hingeworfenes Wort? Ich weiß ja ganz genau, daß der Fürst seinerseits so einem Versprechen nicht den geringsten Wert beilegen kann; er hat auch gar nicht die Absicht«, fügte ich, mich schnell verbessernd hinzu. »Er hat ganz andre Pläne«, sagte ich schlau. »Vorhin erzählte Nastschokin bei ihm, Katerina Nikolajewna wolle vielleicht Baron Bjoring heiraten: Sie können mir glauben, er hat diese Nachricht so gefaßt wie möglich aufgenommen, davon können Sie überzeugt sein.«

»Nastschokin war bei ihm?« fragte Anna Andrejewna plötzlich betont und gleichsam verwundert.

»Ja, allerdings; ich glaube, er ist einer von den anständigen Leuten . . .«

»Und Nastschokin hat ihm von dieser Verheiratung mit Bjoring erzählt?« fragte Anna Andrejewna plötzlich sehr interessiert.

»Nicht gerade von einer Verheiratung, sondern nur so, von der Möglichkeit, von dem Gerücht; er sagte, es würde in der Gesellschaft davon gesprochen. Ich für meine Person bin davon überzeugt, daß es ein Unsinn ist.«

Anna Andrejewna dachte nach und beugte sich über ihre Näherei.

»Ich habe den Fürsten Sergej Petrowitsch gern«, fuhr ich auf einmal voll Wärme fort. »Er hat ja unstreitig seine Fehler; ich habe mit Ihnen ja schon darüber gesprochen, es ist eben diese gewisse Einseitigkeit . . . Aber auch seine Fehler sind Zeugnisse seines edlen Herzens; finden Sie nicht auch? So haben wir uns heute über einen Gedanken gestritten: seine Überzeugung ist, daß einer, der von der Anständigkeit spricht, selber anständig sein müsse, sonst wäre alles, was er sage, nur Lüge. Nun, ist das logisch? Aber dabei zeugt das doch von dem hohen Ehrgefühl in seinem Herzen, von seinem Pflichtgefühl, seinem Gerechtigkeitsgefühl, nicht wahr? . . . Ach, du lieber Gott, wieviel Uhr ist es denn?« rief ich plötzlich, denn mein Blick war zufällig auf das Zifferblatt der Kaminuhr gefallen.

»Zehn Minuten vor drei,« sagte sie ruhig, nachdem sie auf die Uhr gesehen hatte. Die ganze Zeit, während ich vom Fürsten sprach, hatte sie mir mit gesenktem Kopfe zugehört und dabei ein pfiffiges, aber nettes Lächeln gezeigt: sie wußte, warum ich ihn so pries. Lisa hatte, den Kopf über ihre Arbeit gebeugt, gelauscht und sich die ganze Zeit nicht mehr ins Gespräch gemischt.

Ich sprang auf, als hätte ich mich verbrüht.

»Haben Sie sich verspätet?«

»Ja . . . Nein . . . Übrigens, ja, ich habe mich verspätet, aber ich gehe gleich. Nur noch ein Wort. Anna Andrejewna,« begann ich erregt, »ich kann es heute nicht mehr zurückhalten! Ich muß Ihnen bekennen, daß ich schon öfters Ihre Güte und Ihren feinen Takt gesegnet habe, mit dem Sie mich aufgefordert haben, Sie manchmal zu besuchen . . . Auf mich hat die Bekanntschaft mit Ihnen den allerstärksten Eindruck gemacht . . . In Ihrem Zimmer wird mein Herz gleichsam reiner, und ich gehe als ein besserer Mensch von Ihnen, als wie ich gekommen bin. Das ist wirklich wahr. Wenn ich bei Ihnen sitze, kann ich weder von etwas Häßlichem sprechen, noch überhaupt häßliche Gedanken haben; sie verschwinden in Ihrer Gegenwart, und wenn ich bei Ihnen flüchtig an irgend etwas Häßliches denke, so schäme ich mich dieses Häßlichen sofort, ich werde verlegen und erröte innerlich. Und, Sie müssen wissen, besonders sympathisch war es mir, daß ich heute bei Ihnen meine Schwester getroffen habe . . . das zeugt so sehr für Ihren Edelmut . . . Von so schönen Beziehungen . . . Kurz und gut, Sie zeigen damit so etwas Geschwisterliches; wenn Sie mir erlauben wollen, dies Eis zu brechen, das ich . . .«

Während ich sprach, war sie aufgestanden und rot geworden; aber auf einmal schrak sie gleichsam vor irgend etwas zurück, vor einer Linie, die nicht überschritten werden sollte, und unterbrach mich:

»Glauben Sie mir, ich weiß Ihre Gefühle von ganzem Herzen zu schätzen . . . Ich habe sie auch ohne Worte verstanden . . . Und schon lange . . .«

Sie verstummte verlegen und drückte mir die Hand. Auf einmal zupfte mich Lisa heimlich am Ärmel. Ich verabschiedete mich und ging; aber im Nebenzimmer holte mich Lisa ein.

 

4

»Lisa, warum hast du mich am Ärmel gezogen?« fragte ich.

»Sie ist schlecht, sie ist so eine Schlaue, sie ist es nicht wert . . . Sie gibt sich nur mit dir ab, um dich auszuhorchen«, flüsterte sie hastig und böse. Ich hatte ihr Gesicht noch niemals so gesehen.

»Lisa, was fällt dir denn ein? Sie ist so ein wundervolles Mädchen!«

»Na, dann bin ich eben schlecht.«

»Was hast du denn?«

»Ich bin ganz schlecht. Sie ist vielleicht auch ein ganz wundervolles Mädchen, und ich bin schlecht. Genug davon, hör' auf. Hör' einmal: Mama läßt dich um etwas bitten, ›was sie selbst dir nicht zu sagen wagt‹, so drückte sie sich aus. Liebster Arkadij! Spiel' nicht mehr, Lieber, ich flehe dich an . . . Und Mama auch . . .«

»Lisa, ich weiß es ja selbst, aber . . . Ich weiß, daß das ein trauriger Kleinmut ist, aber . . . Aber das sind nur Kindereien und weiter nichts! Siehst du, ich stecke in Schulden wie ein Narr, ich will nur gewinnen, um sie abzuzahlen. Man kann gewinnen; ich habe ja ohne Berechnung gespielt, wie blind und toll drauflos, wie ein Narr, jetzt aber werde ich um jeden Rubel zittern . . . Ich müßte nicht ich sein, wenn ich nicht gewönne! Ich bin nicht Spieler aus Leidenschaft; das ist keine Hauptsache in meinem Leben, sondern nur eine flüchtige Erscheinung, das versichre ich dir! Ich bin zu stark, als daß ich nicht aufhören könnte, sobald ich will. Ich zahle nur dies Geld zurück, und dann bin ich untrennbar euer; sag' es auch Mama, daß ich euch nicht verlasse . . .«

»Und wieviel haben dir vorhin diese dreihundert Rubel gekostet!«

»Woher weißt du das?« rief ich zitternd.

»Darja Onisimowna hat vorhin alles gehört . . .«

Aber in diesem Augenblick zog mich Lisa plötzlich hinter einen Vorhang, und wir befanden uns in einem abgeschlossenen Raume, der sogenannten »Laterne«, das heißt einem kleinen, runden Zimmerchen, dessen Wände ganz aus Fenstern bestanden. Ich war noch nicht wieder recht zur Besinnung gekommen, als ich eine bekannte Stimme vernahm und das Klirren von Sporen und einen bekannten Schritt hörte.

»Fürst Seriosha«, flüsterte ich.

»Ja«, wisperte sie.

»Warum bist du denn so erschrocken?«

»So; ich möchte um keinen Preis, daß er mir begegnete . . .«

»Tiens, er läuft dir doch nicht am Ende nach?« lachte ich. »Dann würde ich ihm das Nötige schon beibringen. Wo willst du hin?«

»Komm nur; ich gehe mit.«

»Hast du dich denn von ihr schon verabschiedet?«

»Ja; meine Pelzjacke ist im Vorzimmer.«

Wir gingen; auf der Treppe fiel mir plötzlich etwas ein:

»Weißt du was, Lisa, er ist vielleicht gekommen, um ihr einen Antrag zu machen!«

»N–nein . . . Er macht ihr keinen Antrag . . .« sagte sie langsam und bestimmt, mit ruhiger Stimme.

»Lisa, du weißt nicht . . . Wenn ich mich vorhin auch mit ihm gestritten habe – da es dir doch einmal wiedererzählt worden ist – aber, bei Gott, ich liebe ihn aufrichtig und wünsche ihm Erfolg in dieser Angelegenheit. Wir haben uns vorhin wieder vertragen. Wenn man glücklich ist, ist man so gut . . . Er hat viele sehr schöne Züge . . . Auch so eine Menschlichkeit besitzt er . . . Es sind wenigstens Keime vorhanden . . . Und in den Händen eines so energischen und klugen Mädchens wie Fräulein Wersilowa könnte er ganz ins Gleichgewicht kommen und glücklich werden. Schade, daß ich keine Zeit habe . . . Aber wir können ja ein Stück zusammenfahren, ich möchte dir noch allerlei sagen . . .«

»Nein, fahr' nur allein, ich hab' einen andern Weg. Kommst du zum Essen?«

»Ich komme, jawohl, ich komme, ich hab's ja versprochen. Noch eins, Lisa: ein Halunke – kurz und gut, ein ganz schmieriges Subjekt, na also, Stebelkow, wenn du ihn kennst, – hat auf seine Verhältnisse einen schrecklichen Einfluß . . . Wechselgeschichten . . . Na, kurz und gut, er hat ihn in der Hand und hat die Schlinge schon so zugezogen, und der Fürst hat sich vor ihm so erniedrigen müssen, daß sie beide den einzigen Ausweg in der Verlobung mit Anna Andrejewna sehen. Man sollte sie, wie die Dinge liegen, eigentlich warnen; übrigens ist das dummes Zeug. Sie wird alle diese Geschichten dann schon selbst in Ordnung bringen. Aber was meinst du, gibt sie ihm einen Korb?«

»Leb' wohl, ich hab' keine Zeit,« schnitt Lisa das Gespräch ab; und in dem flüchtigen Blick, der mich streifte, sah ich einen Haß, daß ich ganz erschrocken rief:

»Lisa, Liebe, was hast du denn?«

»Ich meine nicht dich; hör' nur zu spielen auf . . .«

»Ach so, wegen des Spiels . . .! Ich tu's nicht mehr.«

»Du sagtest vorhin: ›Wenn man glücklich ist . . .‹, also bist du wohl sehr glücklich?«

»Ungeheuer, Lisa, ungeheuer! O Gott, es ist ja schon drei, und darüber! . . .! Leb' wohl, Lisok! Lisotschka, Liebe, sag' selbst: darf man eine Frau auf sich warten lassen? Ist so etwas erlaubt?«

»Du meinst: bei einem Stelldichein, nicht wahr?« lächelte Lisa kaum merklich, mit einem leichenblassen, zitternden Lächeln.

»Gib mir deine Hand; das soll mir Glück bringen.«

»Glück? Meine Hand? Um keinen Preis gebe ich sie dir!!«

Und sie eilte davon. Und was die Hauptsache war: dieser Ausruf hatte so ernsthaft geklungen. Ich sprang in meinen Schlitten.

Ach ja, eben dieses »Glück« war die Hauptursache dafür, daß ich, wie ein blinder Maulwurf, nichts begriff und nichts sah, als mich selbst!

 

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