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Ein weiblicher Detektiv

Mathias McDonnell Bodkin: Ein weiblicher Detektiv - Kapitel 9
Quellenangabe
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typenarrative
authorMathias McDonnell Bodkin
titleEin weiblicher Detektiv
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume19. Jahrgang. Band 3
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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quellewww.alte-krimis.de
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Des Großonkels Vermächtnis

Kein Wunder, daß Maggie Norris bei der plötzlichen Wendung, die ihr Schicksal nahm, zuerst wie betäubt und verwirrt war. Eben noch eine verwöhnte und verzärtelte Erbin, die einzige Tochter eines angesehenen Millionärs, und gleich darauf eine arme Waise ohne einen Pfennig Vermögen! Die große Finanzkrisis hatte ihr sowohl den Reichtum als auch den Vater geraubt. Zur Ehre des Toten muß jedoch gesagt werden, daß sein Unglück unverschuldet war. Er ließ seine Tochter zwar in Armut zurück, aber nicht in Schande.

Es gibt Naturen, die das Mißgeschick nicht zu Boden schmettert, sondern kräftigt und stählt. Maggie Norris kam es gar nicht in den Sinn, müßig mit den Händen im Schoß zu sitzen und ihr Unglück zu beklagen. Dies zarte, hübsche, braunäugige Mädchen hatte wahrhaft männlichen Mut: wie tief auch ihr Kummer war, sie versank nicht in dumpfes Hinbrüten, sondern ging sobald als möglich ans Werk, sich ihren Lebensunterhalt und ein eigenes Heim zu schaffen. Eine Gabe, die sie bis jetzt kaum beachtet hatte, verhalf ihr dazu. Zum Gelderwerb braucht man ein Talent, das nicht alltäglich ist. Zwar zeichnete und malte Maggie sehr hübsch, doch das konnten auch zahllose andere; im Schneiden von Schattenrissen tat es ihr aber niemand gleich. Eine scharfe Schere und einen Bogen dünnes schwarzes Papier, weiter brauchte sie nichts, um mit geschickter Hand die wunderbar deutlichen Umrisse eines Tiers, einer Landschaft oder das sprechend ähnliche Profil eines Menschen wiederzugeben. Die Art, wie sie dabei stets die charakteristische Stellung und den eigentümlichen Ausdruck traf, verlieh ihren Schattenbildern etwas wahrhaft Künstlerisches. Durch diese Erzeugnisse ihres Fleißes erwarb sie sich wenigstens die tägliche Nahrung, Kleidung und Unterkunft, wenn auch nur unter den bescheidensten Ansprüchen.

Viele ihrer früheren Freunde hätten ihr gern beigestanden, doch sie wies alle Hilfe zurück, und mit der Zeit hörte der Verkehr zwischen ihnen von selber auf. Nur drei Personen, welche die Erbin noch in ihren Tagen des Glanzes gekannt hatten, waren der armen Silhouettenschneiderin treu geblieben. Erstens ihr weitläufiger Vetter Friedrich Norris, ein ruhiger, hübscher, etwas zurückhaltender junger Mann, dem seine Freunde eine ehrenvolle Laufbahn voraussagten. Er hatte sich auf der Universität sehr ausgezeichnet, auch ein vorzügliches Doktorexamen gemacht, doch besaß er leider kein klingendes Vermögen. Von Zeit zu Zeit besuchte Doktor Norris seine Cousine in dem einfachen kleinen Wohnzimmer, das sie ihr Atelier nannte, um eine Tasse Tee bei ihr zu trinken. Dort traf er dann wohl auch mit der muntern jungen Schauspielerin Carrie Vivian zusammen, deren Namen bereits von verschiedenen Zeitungen rühmend erwähnt wurde.

Die dritte von Maggies Getreuen war Dora Myrl, die Geheimpolizistin.

»Ich komme wirklich vorwärts, Dora,« sagte sie und machte dabei mit der Schere fortwährend schnipp schnapp, so daß sich der Fußboden ihres Zimmerchens, das sie jetzt seit einem halben Jahr bewohnte, mit schwarzen Papierschnitzeln bedeckte. »Natürlich glückt es mir nicht so schnell wie dir. Du hast dir ja auf einen Wurf Ruhm und Reichtum erworben; die Geschichte von der Geige ist schon in aller Munde.«

»Der Fall war ja kinderleicht, Maggie. Ich weiß nicht, weshalb man so viel Wesens davon macht.« Dora zog ihre Handschuhe aus, warf sich in einen Rohrstuhl und sah bewundernd zu, wie die feinen Umrisse unter den flinken Fingern ihrer Freundin entstanden.

»Das hat man auch von Kolumbus gesagt, als er den Leuten zeigte, wie man ein Ei auf die Spitze stellt. – Sieh Dora, da bist du, wie du eins deiner Geheimnisse enträtselst.« Und sie schob ihr ein schwarzes Papier hin, das Doras Profil aufs wunderbarste wiedergab; aus jeder Linie erkannte man ihren klugen, aufgeweckten Sinn.

»Ist dir schon je etwas mißlungen, Dora?«

»Ein wirklich schweres Rätsel hat man mir noch nie aufgegeben.«

»Ich weiß nicht, was du schwer nennst. Mir wäre auch das leichteste schon zu verwickelt. Aber wie klug du auch bist, ich könnte dir eine Aufgabe stellen, über die selbst du dir den Kopf zerbrechen würdest.«

»Ich kann nur tun, was in meinen Kräften steht.«

»Nicht wahr, die Beweggründe helfen dir am meisten zur Entdeckung. Ich erinnere mich, einmal in einem Detektivroman gelesen zu haben: ›Vor allem suche nach dem Motiv‹.«

»›Cherchez la femme‹ soll es eigentlich heißen.«

»Ja, um die Frau dreht sich die Sache häufig. Aber es ist doch richtig, daß man den Schlüssel des Rätsels am leichtesten findet, wenn man den Beweggrund kennt?«

»Jawohl,« bestätigte Dora.

»Nun, ich will dir eine Missetat nennen ohne jeden Beweggrund.«

»Unmöglich. Der fehlt niemals. Sogar ein Irrsinniger handelt in seiner Weise nicht ohne Motiv.«

»Sage das nicht mit solcher Gewißheit, bevor du meine Geschichte gehört hast. Für den Diebstahl, von dem ich dir berichten will, gibt es gar keinen denkbaren Grund.«

Maggie nahm aus einer verschlossenen Schublade ein Päckchen heraus. »Habe ich dir dies Bündel alter Briefe nicht schon früher gezeigt? – Nein! Nun dann höre: sie sind von meinem Großonkel an meine Großmutter vor beinahe fünfzig Jahren geschrieben. Onkel hatte sein Vermögen ebenso plötzlich verloren wie mein armer Vater und zugleich die Gesundheit eingebüßt. Seine jüngste Schwester, meine Großmutter, erfuhr, daß er ein gebrochener Mann sei, und schickte ihm alles Geld, das sie irgend entbehren konnte – sie war damals selbst nicht reich. Auch schrieb sie ihm liebevolle Briefe, um ihn zu trösten. Dies hier sind die Antworten, die nach dem Tode meiner Mutter in meinen Besitz übergegangen sind. Der letzte Brief, der bald nach meiner Mutter Geburt geschrieben ist, hat mich oft zu Tränen gerührt. Willst du ihn hören?«

Damit nahm sie einen vergilbten, abgegriffenen Brief aus dem Paket und las mit bewegter Stimme:

»Liebe Schwester!

Es gleicht ganz Deinem großen und guten Herzen, daß Du zu einer solchen Zeit an mich armen Schiffbrüchigen gedacht hast. Glaube mir, Dein Gatte selbst kann sich über die Geburt deines Töchterchens nicht mehr gefreut haben als ich. Gott segne Dich und das liebe kleine Ding und vergelte Dir alles, was Du an mir getan hast, denn ich vermag es nicht. Lange werde ich Dir nicht mehr zur Last fallen, Emilie. Trauere nicht um mich. Mein einziger Kummer ist, daß ich Dir meine Dankbarkeit nicht beweisen kann. Wenn wir aber in jener Welt noch Einfluß auf irdische Dinge haben sollten, so wird es meine höchste Freude sein, für das Glück Deiner Kinder und Kindeskinder zu sorgen.«

Während Maggie diese Worte las, fielen ihre Tränen reichlich auf das Blatt, das schon frühere Spuren solcher Rührung zeigte.

»Er starb noch an demselben Tag, an dem er diese Zeilen geschrieben,« sagte sie leise.

Eine Minute lang schwiegen beide; Maggie dachte nicht mehr an die Aufgabe, die sie der Freundin stellen wollte.

»Wo ist denn aber das Rätsel, das ich lösen soll?« fragte Dora endlich.

»Ach, das habe ich ganz vergessen. Nicht wahr, diese alten Briefe können doch für niemand in der Welt von Wert sein, außer für mich? Es wäre wahrhaftig schon töricht genug, die Briefe selber zu stehlen; aber wie soll man es sich erklären, wenn ein Dieb nur die alten zerrissenen Umschläge entwendet und die Briefe liegen läßt?«

»Woher weißt du denn, daß sie gestohlen worden sind?« fragte Dora, plötzlich ernsthaft werdend.

»Die Briefe lagen samt den Umschlägen in einer verschlossenen Schublade. Ich fand das Schloß verdreht und die Kuverts waren fort. Im allgemeinen bin ich etwas zu sorglos und lasse meine paar Schmucksachen oder auch kleines Geld häufig herumliegen, doch hat mir noch nie etwas gefehlt. Ist es nicht ein ganz sonderbarer Fall, Dora?«

»Sehr sonderbar, interessant und aufregend. Von wo aus hat denn dein Onkel geschrieben?«

»Von der Insel Mauritius.«

»Und wie sahen die Kuverts aus?«

»Sie waren noch zerrissener und unansehnlicher als die Briefe, aber vom selben Papier.«

»Du bist Künstlerin, Maggie. Könntest du mir wohl eine Zeichnung von einem der Briefumschläge machen?«

»Ich glaube wohl. Laß mich's mit Bleistift versuchen.« Sie schnitt ein Stück Papier in der Größe des Kuverts zu und schrieb langsam die Adresse, wie mit einer zittrigen Hand. »Willst du auch den Poststempel, die Briefmarke und dergleichen haben?«

»Freilich; alles, woran du dich noch erinnerst.«

»O, ich sehe es noch deutlich vor mir. Auf der Briefmarke war ein allerliebster Kopf der Königin, jung und hübsch, mit einer leichten Krone, das Haar hinten in drei kleinen Knoten aufgesteckt. Siehst du – so!«

Und sie machte eine zierliche kleine Skizze davon auf dem Papier.

»Kannst du auch die Umschrift beifügen?«

»Du verlangst viel! Ich erinnere mich nicht genau – doch: Mauritius stand rechts und Postamt links; aber was oben und unten war, weiß ich nicht mehr.«

»Aber die Farbe – an die wirst du dich doch noch erinnern!« Dora sprach in merkwürdig erregtem Tone.

»Versteht sich,« erwiderte Maggie lächelnd. Sie tauchte einen feinen Pinsel in ein Porzellannäpfchen voll Wasser, fuhr damit auf einer Farbe in ihrem Malkasten mehrmals hin und her und strich den Grund der Briefmarke mit zartem Blau an.

Dora stieß einen Schrei der Überraschung aus. Maggie sah sie verwundert an: »Wie blaß und aufgeregt du aussiehst, Dora. Ich wollte dir mit dem Rätsel ja nur einen Spaß machen.«

»Hättest du mir doch die Briefe gezeigt, als sie noch in den Kuverts steckten, Maggie!«

»Du hast schon etwas erraten, ich sehe es dir am Gesicht an. Weißt du, was den Dieb zu der Tat getrieben haben kann?«

»Ja, gewiß, ganz genau.«

»Aber wer ist der Dieb?«

»Das muß ich erst noch ausfindig machen.«

»Bitte, sage mir, was du weißt.«

»Du hast doch schon gehört, daß es Leute gibt, die Briefmarken sammeln.«

»Natürlich.«

»Bist du nicht vielleicht mit irgend einem solchen Sammler näher bekannt?«

»Bewahre. Mir ist diese Liebhaberei immer recht albern vorgekommen.«

»Das möchte ich von mir nicht behaupten. Ich verstehe zufällig etwas davon, wenn ich mich auch nicht selber damit abgebe. Die Marken, von denen du sprichst, werden von den Sammlern sehr geschätzt.«

»Und haben wirklichen Geldwert?«

»O ja, das ist wohl der Fall.«

»Damit wäre also der Beweggrund des Diebstahls erklärt. Du hast das Rätsel erraten.«

»Das genügt mir aber nicht. Ich muß auch den Dieb und die Briefmarken haben – besonders letztere.«

»Wie wolltest du das zuwege bringen?«

»Zuerst stelle ich eine kleine einfache Falle aus, in Form einer Anzeige in der ›Times‹; nichts weiter als dies: ›Man wünscht eine blaue Mauritiusbriefmarke – oder auch mehrere, für den vollen Marktpreis zu kaufen. Strengste Verschwiegenheit zugesichert‹.«

Sie schrieb die Worte nieder, während sie sprach.

»Die Marken sind nämlich sehr selten, mußt du wissen. Ein Sammler wird schwerlich hergeben, was er davon hat. Wir könnten daher den Dieb durch die Anzeige ins Netz locken.«

Das Glück schien Dora günstig zu sein. Zwei Tage darauf erhielt sie eine einzige Antwort, sehr kurz und vorsichtig und augenscheinlich mit verstellter Hand geschrieben: »Bitte den Preis zu nennen und an ›X.‹ hauptpostamtlagernd zu adressieren.«

Nachdem Dora die Zuschrift Maggie gezeigt hatte, versprach sie dem »X.« eine hohe Summe und erbat sich seine Antwort postlagernd unter »Y. Z.« Zwei Tage lang erfolgte weiter nichts. Aber am dritten Tage – es war zufällig der 1. April – fand sich ein dünnes Briefchen an »Y. Z.« vor. Dora riß es hastig auf, fand aber nichts weiter darin als das Wort: »Aprilnarr!« in derselben verstellten Handschrift.

»Das hat er gleich vorhergesagt,« rief Maggie, als Dora ihr Bericht erstattete.

»Er? – Wer denn?«

»Natürlich Fred. Ich meine Doktor Norris, mein Vetter.«

»Hast du es ihm denn erzählt?«

»Wir plauderten neulich davon, Carrie Vivian und ich, nachdem du mir die erste Antwort gebracht hattest; Doktor Norris kam gerade dazu und meinte, der Dieb würde schwerlich so dumm sein, dir geradeswegs in die Falle zu laufen.«

Dora biß sich auf die Lippen. »So,« sagte sie mit funkelnden Augen, »sie meinten also, der Dieb würde mich überlisten? Nun, wir werden ja sehen!« Mehrere Tage lang gab sie der Freundin kein Lebenszeichen; aber am Ende der Woche erschien ein lebhafter kleiner Franzose mit dunklem Teint bei Maggie, der ihr ein Briefchen von Dora überbrachte.

Sie schrieb, daß ihre Geschäfte sie leider hinderten, selber zu kommen, doch habe sie Monsieur Duval nicht abschlagen wollen, ihm einige empfehlende Zeilen an ihre Freundin mitzugeben. Duval habe photographische Aufnahmen von irischen Landschaften gemacht, die er gern künstlerisch kolorieren lassen wolle. Er sei reich und werde die Arbeit gewiß gut bezahlen: »Nimm Monsieur Duval freundlich auf,« hieß es weiter in dem Brief, »er ist ein alter Freund von mir, den ich sehr hochschätze; ich hoffe, ihr werdet Gefallen aneinander finden. Nachschrift. Unser Rätsel habe ich nicht vergessen. Vielleicht finde ich die Lösung noch. D. M.«

Maggie empfing den lebhaften kleinen Franzosen um Doras willen sehr zuvorkommend und fühlte sich bald durch sein angenehmes und offenherziges Wesen zu ihm hingezogen. Die Unbefangenheit mit der er nach allem und jedem fragte, und seine naive Unkenntnis englischer Sitten und Gebräuche, war eine unerschöpfliche Quelle der Unterhaltung.

Über die Art wie Maggie seine Photographieen bemalte, war er ganz entzückt, auch überredete er sie, ein Porträt von ihm auf Elfenbein zu machen. Seltsamerweise ließ er sich aber nicht herbei, ihr zu einer der Silhouetten zu sitzen, die doch Maggies Spezialität waren.

Als Carrie Vivian den Franzosen bei Maggie traf, war sie gleich sehr entzückt von ihm, nahm ihn ins Theater mit und machte viel Wesens von ihm. Doktor Norris fühlte sich dagegen gar nicht zu Monsieur Duval hingezogen, und seine Besuche in Maggies Atelier wurden um diese Zeit immer seltener. War er von jeher still und zurückhaltend gewesen, so zeigte er sich jetzt förmlich griesgrämig und sprach häufig davon, daß er die Praxis in London ganz aufgeben wolle, um sein Glück in Südafrika zu versuchen. Merkwürdigerweise war Maggie zur selben Zeit häufig niedergeschlagen und machte ein trübseliges Gesicht. Ihre Eßlust verließ sie, und selbst der lustige kleine Franzose konnte sie kaum durch seine witzigen Bemerkungen erheitern.

Obgleich Fred Norris große Abneigung gegen Monsieur Duval empfand, schien dieser doch eine seltsame Anziehungskraft auf ihn auszuüben. Es hatte fast den Anschein, als folge der Doktor dem kleinen Franzosen auf Schritt und Tritt, um ihn zu beobachten. Ein sonderbarer Zufall wollte, daß sie häufig aufeinander stießen, wenn Duval bei Maggie im Atelier gewesen war. Der Doktor benahm sich dabei oft argwöhnisch, man könnte sogar sagen grob, doch der gutmütige Franzose schien das nicht zu bemerken und war immer die Höflichkeit selbst. Eines Nachmittags geriet Doktor Norris wieder einmal mit ihm zusammen, als Duval von Maggie kam, und wie gewöhnlich war der Franzose entzückt, seinen »très cher ami« zu treffen.

Sie gingen eine Strecke weit miteinander, wobei der Franzose plauderte und der Doktor schwieg; doch als sie an seinem Hause vorbeikamen, tat sich Norris sichtlichen Zwang an und bat Duval, bei ihm einzutreten. Eine Weile rauchten sie schweigend ihre Zigaretten, dann brach Norris plötzlich in die Worte aus: »Monsieur, würden Sie mir wohl eine unhöfliche Frage beantworten?«

Duval erhob mit anmutiger Gebärde seine kleinen Hände wie abwehrend empor: »Sie – unhöflich, Monsieur! Das kann nicht sein!«

»Nun, also: Haben Sie die Absicht, Fräulein Norris zu heiraten?«

»Ihre Frage ist mir sehr schmeichelhaft, Monsieur; aber ach, so etwas würde ich mir nicht träumen lassen. Mademoiselle ist sehr reizend – jeder könnte es sich zur Ehre schätzen – man muß sie ja lieben. Das tue ich auch, aber meine Liebe ist es nicht, was sie sich wünscht. Verlassen Sie sich darauf, Monsieur, wenn ich um ihre Hand anhielte, würde sie mich abweisen. Ich denke gar nicht daran, ihr einen Antrag zu machen.«

»Das klingt, als wäre es Ihr Ernst,« sagte Fred Norris, dessen Ton auf einmal viel herzlicher geworden war.

Duval nickte vergnügt und begann nun, sich im Zimmer umzusehen. Neugierig betrachtete er einen Gegenstand nach dem andern und stieß zuletzt auf ein Briefmarkenalbum, das auf dem Nebentisch mitten unter einem Haufen Bücher lag.

»Gehört Ihnen das?« fragte er, die Blätter rasch umwendend. »Es ist eine sehr hübsche Sammlung.«

Die Frage schien den Doktor in Verlegenheit zu setzen. »Das Album ist nicht mein,« erwiderte er zögernd. »Es gehört Fräulein Vivian, soviel ich weiß. Sie kommt zuweilen auf meine Bude und hat es neulich hier gelassen, damit ich es ansehen soll.«

»Mademoiselle ist verliebt in Monsieur, nicht wahr?«

»Hören Sie, Duval, Sie sind ein ganz braver, kleiner Mensch, wie mir scheint; aber ich muß Ihnen sagen, daß man hier zu Lande dergleichen nicht von einer jungen Dame sagt.«

»Ich habe doch meine Augen, Monsieur. Mademoiselle ist très belle; sie spricht leise und wird rot, wenn Monsieur mit ihr redet, und sieht Monsieur schüchtern und liebevoll von der Seite an.« Dabei ahmte Duval Carries schmachtende Blicke so geschickt nach, daß Norris lachen mußte, doch ärgerte er sich auch.

»Lassen Sie das Geschwätz, Monsieur, ich will nichts mehr davon hören.«

»Aber Monsieur wird der schönen jungen Dame doch ihr Album wiederbringen, nicht wahr?«

»Sie können es ihr selber wiederbringen, wenn Sie Lust haben.«

»Gewiß, mit großem Vergnügen, besten Dank, Monsieur. Und Sie werden unterdessen zu Mademoiselle Norris gehen und ihr eine gute Arznei verschreiben. Sie fühlt sich gar nicht wohl.«

Duval sah den Doktor mit schlauem Augenzwinkern an und verließ das Zimmer.

»Ein netter kleiner Kerl,« murmelte Fred Norris wohlgefällig, während er ihm eilig folgte und die Richtung nach Maggies Atelier einschlug.

Carrie Vivian war hocherfreut über Monsieur Duvals Besuch; doch verdüsterte sich ihre heitere Miene, sobald sie das Album in seiner Hand bemerkte. »Sie haben mir etwas von Doktor Norris auszurichten?« sagte sie.

»Mademoiselle bewundert wohl den Herrn Doktor sehr?«

»Reden Sie keinen Unsinn. Er schickt mir mein Album wieder. Hat er es angesehen?«

»Nein, Mademoiselle, aber ich habe es mit Vergnügen betrachtet. Die Sammlung ist wundervoll; sie enthält sogar eine blaue Mauritiusmarke. Mademoiselle wollte wohl dem Herrn Doktor zeigen, wie reich sie ist?«

»Monsieur, Sie beleidigen mich!«

»Mademoiselle, ich muß Sie noch mehr beleidigen. Die Briefmarke ist nämlich nicht echt. Es ist eine geschickte Fälschung. Ich weiß das, denn ich bin Geheimpolizist. Sie spielen ein gefährliches Spiel, Mademoiselle, ich warne Sie.«

»Das ist erlogen!« rief das geängstigte Mädchen. »Die Marke ist echt; ich habe sie selbst aus einem Kuvert geschnitten, das von der Insel Mauritius kommt. Ich besitze auch noch andre Kuverts mit solchen Briefmarken.«

»Das ist schwer zu glauben, Mademoiselle.«

»Aber ich kann es beweisen.«

»Es wäre unhöflich, einer Dame zu widersprechen.«

»Wenn ich Ihnen die Umschläge zeige, werden Sie dann glauben, daß die Briefmarken echt sind?«

»Jawohl, wenn Sie mir die echten Umschläge mit den Briefmarken zeigen.«

»Und Sie werden fortgehen?«

»Freilich werde ich gehen: o ganz gewiß.«

Carrie schloß hastig eine Schublade auf und nahm ein Päckchen mit sieben alten Kuverts heraus. Auf sechs davon waren blaue Briefmarken von Mauritius, in dem siebenten Umschlag aber sah man statt der Marke nur ein viereckiges Loch.

Monsieur Duval betrachtete die Umschläge genau, legte die lose Briefmarke wieder an die Stelle, wo sie hingehörte, und sagte dann: »Mademoiselle hat ganz recht: sowohl die Kuverts wie die Marken sind vollkommen echt.« Bei diesen Worten steckte er die Briefmarken samt den Kuverts ruhig in die Tasche.

»Aber bitte, Monsieur,« rief Carrie entrüstet und wollte seine Hand festhalten: doch Duval wich ihr geschickt aus.

»Pardon, Mademoiselle,« sagte er und zog die genaue Nachbildung eines der Kuverts hervor, die er ihr dicht vor die Augen hielt. »Gefälscht sind die Briefmarken nicht, aber was weit schlimmer ist, sie sind gestohlen. Ich will sie unverweilt der Eigentümerin, Ihrer guten Freundin Maggie Norris, wieder zustellen.«

Und ehe die zu Tode erschrockene Carrie noch ein Wort der Erwiderung hervorbrachte, war der Franzose mit seiner Beute bereits verschwunden.

Monsieur Duval fand, wie er erwartet hatte, daß Doktor Norris bei seiner Cousine gewesen war, der die von ihm verschriebene Arznei sehr zuträglich zu sein schien, denn sie sah schon bedeutend wohler aus.

»Ma chère,« begann Duval, »ich bin hier, um Lebewohl zu sagen. Der Abschied kommt überraschend schnell, aber das läßt sich nicht ändern. Mein Werk ist vollbracht. Sie werden Monsieur Duval nicht wiedersehen.«

»Das tut mir sehr leid,« sagte Maggie, doch er unterbrach sie.

»Ehe ich fortgehe, habe ich noch ein kleines Anliegen: Wollen Sie eine Silhouette von mir machen? Sie haben oft darum gebeten, doch ich habe es immer abgeschlagen. Nun ist die Reihe zu bitten an mir – werden Sie mir den Wunsch verweigern?«

»Im Gegenteil, es wird mir die größte Freude machen und im Augenblick geschehen sein. Wenden Sie den Kopf nur ein wenig. So – nun halten Sie still.«

Maggie griff nach ihrem schwarzen Papier und der Schere. Schnipp, schnapp, schnipp, schnapp, ging es eine Weile, aber plötzlich fiel die Schere klirrend zu Boden.

»Dora!« schrie Maggie, halb weinend, halb lachend. »Es ist Dora, so wahr ich lebe!«

»Ganz richtig, liebes Herz,« antwortete Dora Myrls Stimme mit größter Gelassenheit. »Ich dachte mir's gleich, daß deine Schere mich verraten würde. Es ist so schwer, sein Profil unkenntlich zu machen.«

»Aber was hast du denn bezweckt?«

»Erstens den Doktor dahin zu bringen, dir eine Arznei zu verschreiben, und zweitens dir die Mittel zu einem hübschen Honorar zu verschaffen, das du ihm für sein Rezept bezahlen sollst.«

Sie legte ein kleines Paket in die Hand der Freundin.

»O, das sind ja die sieben alten Marken von den Briefen des Großonkels!« rief Maggie verwundert.

»Du darfst diese kleinen Papierstückchen nicht verachten: denn sie sind mehr wert als ihr Gewicht in Gold und Diamanten. Die letzte Briefmarke dieser Art wurde zu dem Marktpreis von tausend Pfund verkauft. Siebentausend Pfund ungefähr sind eine ganz hübsche Summe zur Gründung eines jungen Hauswesens.«

»Aber Dora, wie kannst du nur – –«

»Ich habe doch Augen im Kopf, liebes Herz, und obendrein recht scharfe zum Glück. O Maggie, Maggie, was für eine Heuchlerin bist du! Hast du mir nicht oft gesagt, du wollest nie heiraten?«

»Bewahre, Dora,« erwiderte sie lachend und errötend, »ich sagte nur, daß ich meinen Namen nicht ändern würde.«

»Ja freilich. Aber ich hatte erraten, was das heißen sollte, und habe Doktor Norris hergeschickt, dir ein Rezept zu verschreiben,« rief Dora, der Freundin jubelnd um den Hals fallend.

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