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Ein weiblicher Detektiv

Mathias McDonnell Bodkin: Ein weiblicher Detektiv - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenarrative
authorMathias McDonnell Bodkin
titleEin weiblicher Detektiv
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume19. Jahrgang. Band 3
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Auf der Lokomotive.

Es war ein Triumph ohnegleichen. »Wundervoll, ganz wundervoll!« flüsterten die Zuschauer, die das Theater bis zum letzten Platze füllten. »So herrlich wie heute abend, hat sie noch nie gespielt.«

Jedesmal wenn Ophelia auf der Bühne erschien, wurde sie mit einem brausenden Beifallssturm empfangen, auf den eine lautlose Stille folgte, sobald sie zu sprechen begann. Ihr Spiel war meisterhaft, man glaubte sich ganz in die Wirklichkeit versetzt. So lebensvoll wie Hamlets Geliebte aus Kopf und Herzen des größten Dichters entsprungen war, trat sie vor die begeisterte Zuhörerschaft. Die reizende, echt mädchenhafte Ophelia aus den ersten Szenen, deren beglückende, warme Liebe die weltklugen Ratschläge von Vater und Bruder nicht zu ertöten vermochten, verwandelte sich vor aller Augen in die von Hamlet verlassene Ophelia, der ihr Unglück das Herz bricht. Der hoffnungslose Gram in ihrer Stimme schnitt Dora Myrl tief in die Seele, so daß sie das Gesicht in den Händen verbarg, und Tränen ihr über die Wangen liefen, während Ophelia die Worte sprach:

»Und ich, der Frau'n elendeste und ärmste,
Die seiner Schwüre Honig sog, ich sehe
Die edle, hochgebietende Vernunft
Mißtönend wie verstimmte Glocken jetzt;
Dies hohe Bild, die Züge blüh'nder Jugend,
Durch Schwärmerei zerrüttet: weh mir, weh!
Daß ich sah, was ich sah, und sehe, was ich sehe.«

In den Wahnsinnsszenen war Ophelia rührend zum Erbarmen und sie erregte ein unaussprechlich schmerzliches Mitgefühl: wie auf einem stillen Wasser Licht und Schatten wechseln, so schien es in ihrem verstörten Geiste bald hell, bald dunkel zu werden, während sie die abgerissenen wirren Strophen sang. Aber bei allen Wandlungen ihrer Stimmung sah man den Schmerz, der ihr den Verstand geraubt hatte, immer hindurchblicken.

Dora war so furchtbar ergriffen, daß sie es nicht länger ertragen konnte. Um die Illusion zu zerstören, verließ sie ihre Loge, während das Theater nach Ophelias letzter Szene noch von donnerndem Beifall widerhallte, und begab sich nach dem Eingang zum Bühnenraum, wo sie wohl bekannt war. Daß ihre Freundin Nina Lovell unter keinen Umständen dem Hervorruf Folge leisten würde, mit dem das Publikum Ophelia aus dem Grabe oder den Geist von Hamlets Vater aus den schweflichten, qualvollen Flammen wieder vor die Lampe zu bringen liebt, wußte Dora genau, und so konnte sie fest darauf rechnen, Fräulein Lovell in ihrem Ankleidezimmer zu finden. Sie folgte einem Diener, der ihre Karte trug, durch dunkle, gewundene Gange hinter die Bühne, wo die Statisten in verschiedenen Gruppen standen. Als sie um die Ecke bog, schrak sie plötzlich zusammen. Sie hatte in einem Spiegel, der etwas schräg an der Seitenkulisse hing, ein Gesicht erblickt, das einen wahrhaft teuflischen Ausdruck trug. Es lag eine so erbarmungslose Grausamkeit in den halbgeschlossenen Augen und dem höhnischen Munde, daß es Dora kalt überlief. Gleich darauf kam ihr in dem schmalen Gang der hübsche, gutmütige Dick Dulcimer entgegen, einer der lustigsten und sorglosesten Menschen in ganz London und allgemein beliebt.

»War Nina nicht herrlich, Fräulein Myrl?« rief er begeistert aus. »Mein Vetter Tom ist ein Glückspilz, das muß ich sagen. Ich bemühe mich aber auch nach Kräften, ihn auszustechen.« Er sah in dem Augenblick so hübsch und fröhlich aus, daß ihm wohl kaum ein Mädchenherz widerstanden hätte. »Heute habe ich mich schon sehr angestrengt,« fuhr er heiter fort, »doch einstweilen hat es nichts genützt. Sobald ich anfing von meinen Gefühlen zu reden, wies sie mir die Tür. Aber bei mir heißt's! treu bis in den Tod! und was sonst dergleichen schöne Sprüche sind. Sie liebt Tom zwar mehr als Ophelia ihren Hamlet geliebt hat, aber wo Leben ist, da ist auch Hoffnung. Ich verzweifle noch nicht, obgleich sie mir zum siebzehnten Male einen Korb gegeben hat. ›Leben Sie wohl, Herr Dulcimer,‹ sagte sie. ›Au revoir, Nina,‹ erwiderte ich. Sie mußte unwillkürlich lachen, als ich das Zimmer verließ, und ich bin gewiß, wir sehen uns wieder.« Und ein lustiges Lied trällernd, verschwand er in der Finsternis.

Im Ankleidezimmer fand Dora ihre Freundin noch in dem Kostüm der Ophelia mit Blumenranken im aufgelösten Haar und auf dem Gewande.

»Willkommen, liebe Dora! Nimm Platz und trinke eine Tasse Tee mit mir!« rief Nina vergnügt. »Ich war gerade recht ärgerlich, und bin jetzt froh, daß du da bist.« Dora wurde es ganz seltsam zu Mute bei dieser Anrede der wahnsinnigen Ophelia, die ihr noch soeben Mark und Bein erschüttert hatte.

»Eine Tasse Tee wird mir sehr wohltun, nach allem, was ich heute abend um dich ausgestanden habe.«

»Wirklich – war es gut? Hat dir mein Spiel gefallen?« fragte sie mit der unschuldigen Freude eines Kindes.

»Es war unbeschreiblich, Nina, herzzerreißend. Du hast dich selbst übertroffen.«

»Das freut mich. Da draußen wissen sie noch nicht, daß es mein letztes Auftreten war,« sagte sie, während das Beifallklatschen im Theater gedämpft zu ihnen herüberschallte; »ich habe von der Bühne Abschied genommen.«

»Wie schade!«

»Du wirst es nicht mehr bedauern, wenn du erst alles weißt.«

»Und warst du deshalb ärgerlich?«

»Bewahre; ich bin froh darüber. Geärgert habe ich mich auch eigentlich nicht, wenigstens war mein Verdruß rasch wieder verflogen. Der überlästige Dick Dulcimer ist schuld daran; er fällt mir ordentlich auf die Nerven – ich weiß nie, soll ich böse auf ihn sein, oder ihn auslachen. Aber davon wollte ich jetzt eigentlich nicht reden. Höre mir zu, Dora – doch erschrick nicht zu sehr: in vierzehn Tagen mache ich Hochzeit!«

»Ah!« war alles, was Dora herausbrachte. »Tom?« fügte sie nach einer Weile fragend hinzu.

»Natürlich! Wer denn sonst?«

»Ich wünsche dir von ganzem Herzen Glück und ihm nicht minder!« rief Dora, der Freundin um den Hals fallend.

»Du glaubst nicht, wie glücklich ich bin. – Hier nimm deine Tasse. Ist der Tee süß genug? Noch etwas Rahm? Nun laß dir erzählen, wie das alles gekommen ist: Toms Vater hat nämlich – – Horch! Da draußen werde ich eben begraben, weißt du. Ich liege auf der Bahre und das Publikum möchte am liebsten, ich stünde auf und verbeugte mich, bevor man mich ins Grab legt. Wo war ich doch eben?«

»Nicht auf der Bahre zum Glück!«

»Wie leichtsinnig du bist! – Du weißt doch, daß ich Tom gesagt habe, ich würde ihn ohne die Einwilligung seines Vaters niemals heiraten. Ich hatte es auch schon ganz aufgegeben und ihm untersagt, mich zu besuchen. Doch daß er sich ein Billet an der Kasse löste wie die andern Leute, um mich im Theater zu sehen, konnte ich ihm natürlich nicht verbieten.«

»O Nina!«

»Er saß immer in derselben Loge. Eines Abends war aber ein schöner, alter Herr bei ihm, der fast ebensosehr klatschte wie Tom. Mir wurde eine Karte ins Ankleidezimmer gebracht und mein Herz stand still vor Überraschung, als ich den Namen von Toms Vater: Graf Mordor, darauf las. Du glaubst nicht, wie liebenswürdig er war, Dora! Nachher sagte ich zu Tom, er könne froh sein, daß ich nicht seinen Vater zuerst kennen gelernt hätte. Er – der alte Graf, nicht Tom – behandelte mich mit der ritterlichsten Höflichkeit. Wäre ich eine Herzogin gewesen, er hätte mir nicht größere Ehrerbietung zeigen können. ›Ich komme als Abgesandter meines Sohnes,‹ begann er. ›Tom sagt, ich sei schuld daran, daß Sie so grausam gegen ihn gewesen sind. Wollen Sie nun auch um meinetwillen gütig gegen ihn sein, Fräulein Lovell?‹

»›Sie haben also Ihre Einwilligung gegeben?‹ stammelte ich so befangen wie ein kleiner Backfisch.

»›Ich billige seine Wahl von ganzem Herzen. Sie werden mir verzeihen, wenn ich Ihnen offen sage, daß ich zuerst etwas ängstlich war, ob es sich nicht nur um eine törichte, knabenhafte Leidenschaft handle. Aber nun ich Sie gesehen und gehört habe, sollen Sie mir eine liebe Tochter sein.‹

»Ehe ich noch wußte, was ich tat, war ich ihm schon um den Hals gefallen, und als ich aufblickte, stand Tom vergnügt lachend auf der Schwelle und rief: ›So, jetzt ist die Reihe an mir!‹

»Damit war die Sache abgetan. Zwei Tage später machte ich die Bekanntschaft von Toms Bruder William, der in Rugby auf der Schule ist und von seiner Schwester Viktoria, die eben in die Welt eingeführt werden soll. Wir zwei sind schon ein Herz und eine Seele. ›Ich wollte, Nina, du trätest mir dein Talent ab, wenn du der Bühne den Rücken kehrst,‹ sagte Vikky neulich, ›könnte ich spielen wie du, ich gäbe es nicht auf, und wenn mir fünfzig Toms ihre Liebe dafür böten.‹

»Nächste Woche kommen sie alle von Hazeldean zur Stadt und acht Tage darauf wird Hochzeit gehalten. O Dora, du glaubst nicht, wie glücklich ich bin!«

Zum Beweis dafür brach sie in Tränen aus.

Daß Dora mit Glückwünschen und Trostworten bei der Hand war, versteht sich von selbst. Die ganze Zeit über ging ihr jedoch halb unbewußt der Gedanke an Dick Dulcimer im Kopf herum, von dem Nina gesagt hatte, er falle ihr auf die Nerven. Eine Zeitlang sprachen sie nur von der Aussteuer.

»Was wird aber aus Dick Dulcimer?« rief Dora plötzlich ohne jeden Anlaß und sah die Freundin mit scharfen Augen an.

»Rede nicht mehr von ihm, er ist mir widerwärtig! Nein, das ist natürlich Unsinn – als Toms Vetter und besten Freund habe ich nichts gegen ihn. Man kann ja auch einem so liebenswürdigen und heiteren Gesellschafter nicht eigentlich gram sein. Aber doch –«

Ninas klarer Blick umwölkte sich und es lag eine gewisse Unruhe im Ton ihrer Stimme.

»Was denn? Sage es mir,« drängte Dora.

»Ich habe kein rechtes Vertrauen zu ihm. Er macht mir den Hof und ich glaube, er liebt mich, doch schlägt er dabei immer einen so scherzhaften Ton an, daß man ihm nicht zu zürnen vermag. Einmal war ich töricht genug, mich bei Toni zu beklagen, aber der lachte nur und sagte: ›Ich weiß das alles aus Dicks eigenem Munde. Er hat mir selbst angekündigt, daß er mich bei dir ausstechen will. Als wir hernach bei einer Flasche Wein zusammensaßen, gab er mir seine Tips für das Derby-Rennen. Meinen Gewinn am Totalisator habe ich dir in Diamanten gebracht; die hast du dem Vetter zu verdanken.‹ Als ich dann Dick wiedersah, lachte er auch. ›Sie haben es also Tom erzählt, Nina,‹ sagte er: ›Der Ärmste glaubt, ich mache nur Spaß und ist so blind wie eine Eule im Sonnenlicht. Aber, ich versichere Sie, es ist mir so bitterer Ernst wie nur irgend etwas in dieser wunderlichen Welt.‹

»Heute war Dick zuerst ganz anders und sprach so hübsch über Tom, daß er mir besser gefiel als je zuvor. Da erzählte ich ihm, wir würden bald Hochzeit machen, und auf einmal verschwand der lustige Ausdruck aus seinem Gesicht, wie wenn jemand die Maske abfällt. Aber er wurde gleich wieder vergnügt und lachte so lustig, daß ich mitlachen mußte. ›Sie wollen also Gräfin Mordor werden? Das ist auch ganz in der Ordnung. Beantworten Sie mir nur noch eine Frage, Nina. Hätten Sie mir wohl Ihre Gunst geschenkt, wenn Tom nicht gewesen wäre? – Nein, sagen Sie kein Wort, Ihr Erröten genügt mir.‹ Dabei sah er mich mit solchem Verlangen an, als hätte er mich am liebsten ans Herz gedrückt und geküßt. Da wurde ich böse und befahl ihm, auf der Stelle mein Zimmer zu verlassen.

»Er nahm das sehr kühl auf. ›Gut, ich werde schon zurückkommen. Wenn Liebende sich trennen, so folgt das Wiedersehen!‹

»›Nicht immer!‹ rief ich, kaum wissend, was ich sagte.

»›Nein, nicht immer, Nina, da haben Sie ganz recht,‹ entgegnete er in seltsamem Ton und summte ein Liedchen beim Fortgehen.«

Dora hatte mit fest geschlossenen Lippen und gerunzelter Stirn zugehört; ihre Augen glänzten.

»›Mach doch kein so ernsthaftes Gesicht,« rief Nina ungeduldig: ich erzähle dir doch alle meine törichten Grillen nur, damit du mich auslachen sollst.«

»Wirklich alle?« fragte Dora.

Nina zuckte zusammen. »Mein Glück hat mich ängstlich gemacht,« gestand sie zögernd. »Ich habe eine Art Vorgefühl, das mich verfolgt wie ein böser Traum. Es sind neuerdings so viele Unfälle in Toms Familie vorgekommen – er nennt es eine förmliche Epidemie. Noch ist es kein Jahr her, daß sein ältester Bruder Henry sich auf der Fasanenjagd erschossen hat. Dick Dulcimer, der damals bei ihm war, wurde fast wahnsinnig von dein Schreck. Seitdem geriet Tom zweimal in Lebensgefahr, mit dem Boot und zu Pferde. Wie er sagt, verdankt er Dick Dulcimer bei beiden Gelegenheiten seine Rettung, aber ganz klar ist mir die Geschichte nie geworden. William, der jüngste Sohn, wäre um ein Haar durch eine verwechselte Arznei vergiftet worden und Viktorias Ballkleid fing Feuer, doch kam sie zum Glück unverletzt davon. Schließlich wurde Lord Mordor selbst vor etwa einem Monat von einem tollen Hunde angefallen, der in den Park geraten war, kein Mensch wußte wie. Das Tier lief zähnefletschend auf den Lord zu und hatte ihn fast erreicht, als der Wildhüter es erschoß. Das alles hat aber natürlich nichts mit Dick Dulcimer zu tun.«

»Bewahre,« meinte Dora. »Aber, was ist denn Herr Dulcimer eigentlich?«

»Ein sehr hübscher, angenehmer Mann,« sagte Nina lachend. Es hatte ihr sichtlich Erleichterung verschafft, ihre Sorgen der Freundin anzuvertrauen.

»Das weiß ich; aber hat er keinen Beruf?«

»Doch, irgend ein Geschäft in der City. Auch sagt Tom, daß er sich trefflich auf Börsengeschäfte verstehe, was ich nie geglaubt hätte.«

»So? – Und wo wohnt er?«

»Seine Adresse ist! Waltham Terrace West, die Nummer habe ich vergessen.«

»O, die werde ich schon ohne viele Mühe ausfindig machen.«

Nina sah sie mit schelmischem Augenzwinkern an. »Wie komisch du redest, Dora! Hast du etwa ein Auge des Wohlgefallens auf den lustigen Dick Dulcimer geworfen? Du siehst so ernsthaft aus. Ich fürchte, es ist ein sehr schlimmer Fall.«

»Ja,« sagte Dora leise, »das fürchte ich auch.« Und sie stimmte in Ninas heiteres Lachen ein.

Am nächsten Morgen trieb sich ein sogenannter Bezirksbote in Waltham Terrace herum, der zwar die übliche Uniform dieser Dienstmänner trug, aber doch nie regelrecht im Korps aufgenommen worden war. Als Dick Dulcimer aus seiner Wohnung trat und nach einer Droschke rief, ging der Bote so dicht an ihm vorbei, daß er nicht umhin konnte, die Adresse in der City zu verstehen, die Dick dem Kutscher angab. Den ganzen Tag über sah man denselben Bezirksboten nun in der Nähe von Dulcimers Bureau ab und zu gehen, ohne daß er sich besonders bemerkbar machte; er hatte ein einfältiges Gesicht und verzog keine Miene, aber unter seinen gesenkten Lidern schauten Dora Myrls scharfe Augen heraus, denen nichts entgehen konnte.

Gegen drei Uhr erntete sie den Lohn für ihre Wachsamkeit. Ein großer, breitschultriger Mann kam rasch die Straße herunter und trat ohne Zögern in Dulcimers Bureau ein, als gelte es eine Verabredung.

Dora bekam sein dunkles Gesicht mit den stark ausgeprägten Zügen, dem vorstehenden Kinn und der Habichtnase nur einen Augenblick zu sehen, aber mehr bedurfte sie nicht. Der Mann hatte früher einen Vollbart getragen und war jetzt glatt rasiert, doch wußte sie auf der Stelle, daß es Filox Cranshaw war, einer der verschlagensten und gefährlichsten Verbrecher Londons. Sie hatte früher einmal aus Anlaß eines Dynamitfrevels seine Spur verfolgt. Ein Juwelierladen war bei Nacht gesprengt und geplündert worden, nachdem man den wachthabenden Polizisten umgebracht hatte. Damals war Dora von Cranshaws Schuld überzeugt, doch konnten nicht genügende Beweise beigebracht werden. Daß Dulcimer mit einem solchen Menschen in Verkehr stand, bestärkte Dora noch in ihrem Argwohn, daß er Böses im Schilde führe. Die beiden waren jetzt schon eine Stunde beisammen im Bureau und Dora verging fast vor Ungeduld.

Endlich schritt sie eilig auf die Tür zu, mit einer Botschaft für Herrn Dulcimer, wie sie sagte, die sie ihm eigenhändig übergeben müsse. Der Schreiber brachte jedoch den Bescheid zurück, daß sein Herr nicht gestört sein wolle. Dora hatte sich inzwischen ihren Plan überlegt; auf ihre Bitte klopfte der Schreiber noch einmal, worauf Dulcimer den Kopf herausstreckte und rief, er solle sich zum Teufel scheren. Aber durch die halb offene Tür sah Dora auf dem Tisch, an dem die beiden Männer gesessen hatten, eine große Eisenbahnkarte und ein Kursbuch liegen. Das war alles.

Nun galt es nur noch wachsam zu sein und zu warten. Eine halbe Stunde später kamen die Männer zusammen heraus und gingen durch eine Hintergasse nach einer ziemlich entlegenen Telegraphenstation.

»Dies ist ein stiller Ort,« sagte Cranshaw. »Am Mittwoch nachmittag, sobald Ihr Auftrag erfüllt ist, werde ich meinen Drahtbericht hierher schicken.«

»Warten Sie noch einen Moment,« versetzte Dulcimer; »da wir einmal hier sind, will ich zugleich ein kleines Geschäft abmachen, um unsre Kosten herauszubekommen.« Damit nahm er ein Formular vom Tisch und schrieb:

»Makler Burdock, Throgmortonstraße.

Verkaufen Sie für meine Rechnung fünftausend Londoner Südostbahn.

Richard Dulcimer.«

Dabei sah ihm ein Bezirksbote, der offenbar auf eine Depesche wartete, über die Schulter und las das Telegramm.

Das alles geschah am Montag. Tags darauf begab sich Dick Dulcimer in der rosigsten Laune mit einem duftenden Veilchensträußchen im Knopfloch und eine Opernmelodie vor sich hin summend nach seinem Bureau. Den ganzen Dienstag über stand Dora auf der Lauer, wie eine Katze vor dem Mauseloch, doch konnte sie nichts erspähen. Am Mittwoch erkundigte sich Dulcimer Nachmittags im Telegraphenbureau, ob keine Depesche für ihn da sei. Um sechs Uhr kam er wieder und diesmal händigte ihm der Beamte einen roten Umschlag ein, den Dulcimer sofort aufriß. Er las das Telegram unter der Gaslampe im Bureau und studierte daran herum, wie wenn es undeutlich geschrieben wäre. Als er es entziffert hatte, erhellten sich seine Züge; dann zerknitterte er den Zettel samt dem Umschlag, steckte beides in die Tasche und trat rasch auf die Straße. Hier änderte er jedoch seine Absicht, nahm das zusammengeballte Papier heraus und riß es in Stücke, die er auf den Boden streute. Dann verschwand er rasch um die Ecke, ohne sich noch einmal umzuwenden.

Es war windstill, und auf dem schmutzigen Pflaster blieben die Papierfetzen da liegen, wohin sie gefallen waren. Zufällig war in der stillen Straße gerade niemand zugegen – außer einem Bezirksboten in Uniform. Dieser junge Mensch benahm sich höchst sonderbar. Kaum hatte Dulcimer den Rücken gewendet, so kniete er in den Schmutz der Straße nieder und sammelte die Papierschnitzel sorgfältig in sein Taschentuch; einige Stückchen fischte er sogar aus dem Rinnstein auf. Dann lief er die Straße in andrer als der von Dulcimer eingeschlagenen Richtung hinunter, sprang in eine Droschke, gab dem Kutscher Dora Myrls Adresse an und versprach ihm die doppelte Taxe, wenn er rasch führe.

Es gelang Dora ohne Mühe, auf einem Bogen Schreibpapier mit flüssigem Leim und einem feinen Pinsel das zerrissene Telegramm wieder zusammenzufügen. Was sie las, war folgendes:

BVGUSBH. CFTPSHU. CBMLFO. AXKTDIFO.
FEEKTDPNCF. VOE. FWFSIBN. NKU. LMBNNFSO.
CFGFTUKHU. MBVU. CFTUKNNUFS. OBDISKDIU.
XKSE. NPSEPS. NKU. GBNKMKF. BVG. EFN.
OBDIUAVH. BCSFKTFO. VOE. FMG. VIS.
WKFSAKH. BO. PSU. VOE. TUFMMF. TFKO.
HSBUVMKFSF. EFN. IFSSO. HSBGFO.

Natürlich war das eine Geheimschrift; es fragte sich nur, ob sich der Schlüssel dazu entdecken ließ. Dora hatte sich viel mit den verschiedensten Chiffreschriften beschäftigt und es gab nur wenige, die sie nicht zu enträtseln vermochte, wenn sie sich Zeit nahm. Aber jetzt hatte sie starken Verdacht, daß Eile not tat! Leben oder Tod konnte von einigen Minuten abhängen. Vielleicht hatte man sich hier nur der einfachsten Form bedient, die in einer Verwechslung der Buchstaben besteht, um die Telegraphenbeamten nicht einzuweihen. Jedenfalls lohnte es sich, den Versuch zu machen, da die Probe so leicht war.

Daß bei jedem etwas längeren Schreiben der Buchstabe e am häufigsten wiederkehrt, ist eine alte Erfahrung. Ein Blick auf das Telegramm zeigte ihr, daß F sich am meisten wiederholte. Es war also anzunehmen, daß in der Geheimschrift F für e gebraucht war. Sie versuchte nun ihr Glück mit den einsilbigen Wörtern. EFN kam zweimal vor, es konnte der, den oder dem bedeuten: dann stand VOE sicherlich für und. Dora begann wegen der leichtern Übersicht eine Liste zusammenzustellen:

F = e
E = d
V = u
O = n

Hurra! Der Schlüssel war schon gefunden! Sie schalt sich blind, daß es ihr nicht gleich klar geworden war. Für jeden Buchstaben stand immer der nächste im Alphabet. B für a, C für b, D für e und so fort bis ans Ende.

Nachdem sie dies entdeckt hatte, war es ein Kinderspiel, das schändliche Telegramm zu entziffern. Es lautete:

»Auftrag besorgt. Balken zwischen Eddiscombe und Everham mit Klammern befestigt. Laut bestimmter Nachricht wird Mordor mit Familie auf dem Nachtzug abreisen und elf Uhr vierzig an Ort und Stelle sein. Gratuliere dem Herrn Grafen.«

Über die Bedeutung dieser Worte war Dora keinen Augenblick im Dunkeln. Sie wußte, daß Graf Mordor mit Sohn und Tochter auf der Südostbahn nach London kommen wollte. Nicht nur ihnen, sondern sämtlichen Passagieren im Zuge wollten die Schurken mit teuflischer List den Untergang bereiten.

Sofort spannte Dora alle ihre geistigen Fähigkeiten an, um den schändlichen Plan zu vereiteln. Während ihrer raschen halbstündigen Fahrt nach der Station der Südostbahn fand sie Zeit zu genauer Überlegung.

»Ich kann es nicht tun, Fräulein Myrl,« sagte der Inspektor. »Es ist noch nie geschehen und läßt sich wirklich nicht machen. Wenigstens müßte ich erst die Erlaubnis des Betriebsdirektors einholen, und der ist –«

»Die Leute würden es doch auf Ihren Befehl hin tun.«

»Das glaube ich wohl, aber –«

»Es darf kein aber geben – bedenken Sie doch, was auf dem Spiel steht, Herr Merton! Haben Sie denn schon nach Everham telegraphiert?«

In dem Augenblick trat der Laufbursche mit der Antwort ein, die sehr kurz gefaßt war: »Depesche geht nicht durch. Drähte zerschnitten.«

»Wußte ich's doch! Ich hab' mir's gedacht!« rief Dora in leidenschaftlicher Erregung. »Während wir hier müßig stehen, fährt ein ganzer Zug mit unsern Nebenmenschen rettungslos ins Verderben. Ich habe Ihnen ein Mittel angegeben, dies abzuwenden. Jede Minute ist kostbar und Sie wissen nichts Besseres zu tun, als mir die Regeln und Gepflogenheiten Ihrer Eisenbahngesellschaft auseinanderzusetzen. Leben Sie wohl! Ich will mich direkt an die Leute wenden. Es ist meine letzte Hoffnung.«

Länger widerstand der Inspektor nicht. Er war ein sehr gesetzter junger Mann, der seine Ruhe nicht verlor und mit keiner Wimper zuckte; doch stach die fahle Blässe seines Gesichts gegen den schwarzen Backenbart merklich ab. »Vorschrift hin, Vorschrift her,« sagte er. »Ich tue Ihnen den Willen.«

Und er rief rasch ein paar Worte in zwei Sprachrohre, deren mehrere neben dem Kamin angebracht waren.

»Ich habe Befehl gegeben, unsre beste Lokomotive, den ›Pionier‹, in Bereitschaft zu setzen, und habe zwei von den Leuten, einen Heizer und einen Lokomotivführer, die – Nur herein!«

Zwei Männer traten ins Zimmer; der eine groß mit blauen Augen und frischem, rosigem Gesicht, das er offenbar eben tüchtig abgewaschen hatte. Sein Gefährte, klein von Wuchs und über und über mit fettigem Ruß bedeckt, hatte vorstehende Backenknochen, die wie zwei glänzend schwarze Wülste aussahen. Ein paar scharfe graue Augen und seine großen weißen Zähne leuchteten in dem schwarzen Gesicht. Doch der Mann war ganz unbefangen und nickte dem Inspektor fast herablassend zu.

»Ich will Euch, O'Brien, und Euch, Mc Clintock, ein gefährliches Stück Arbeit übertragen.«

»Wir sind bereit, Herr Inspektor,« sagte der Große.

»Die Dame hier bringt die Nachricht, daß der Schnellzug zwischen Everham und Eddiscombe zum Entgleisen gebracht werden soll. Um den Anschlag zunichte zu machen, schicke ich den ›Pionier‹ auf demselben Schienenstrang dem Zug entgegen, damit er noch rechtzeitig gewarnt und zum Stehen gebracht werden kann. Ihr, O'Brien, sollt fahren und Mc Clintock die Heizung besorgen. Wollt ihr's tun?«

»Na freilich!« rief der Irländer, fast entrüstet über die Frage. »Wie werd' ich denn die Menschen umkommen lassen, wo man sie retten kann!«

»Und Ihr, Mc Clintock?«

»Ich sag' nicht ja und sag' nicht nein. Der ›Pionier‹ braucht fünf Minuten und mehr, bis er abdampfen kann. Da will ich mir die Sache noch mal überlegen. Es wird ja wohl 'ne Belohnung setzen, wenn's Glück günstig ist, nicht wahr, Herr Merton?«

»Wird der Zug gerettet, so kann ich euch beiden wohl hundert Pfund versprechen.«

»Für jeden?« fragte Mc Clintock.

»Jawohl.«

»Oder unsern Witwen im Fall –«

»Ja, oder euern Witwen.«

»Nichts für ungut – aber würden Sie uns das wohl schriftlich geben?«

Der Inspektor riß ein Blatt aus einem Notizbuch und warf hastig ein paar Worte auf das Papier, worauf Mc Clintock den Zettel sorgfältig in seine vor Schmutz starrende Jacke steckte.

»Da haben Sie sich mal übereilt, Herr Inspektor,« sagte er. »Ich hätte die Fahrt ja unter allen Umständen machen müssen, und wenn kein Heller dabei für mich abfiele. Durch Ihre Fixigkeit verliert die Gesellschaft volle zweihundert Pfund, das is nu mal so! Horch, da kommt der ›Pionier‹, dem seine Pfeife kenne ich.«

Merton und O'Brien stießen die Tür des direkt auf den Bahnsteig führenden Dienstzimmers auf und liefen hinaus. Dora wollte ihnen nacheilen, aber Mc Clintock legte seine rußige Hand auf den Ärmel ihres grauen Kleides. (Sie bewahrt das Kleid noch heutigen Tages auf, wegen der fünf Schmutzflecken auf dem Ärmel.)

»Eile mit Weile, Jüngferchen,« sagte er. »Fünf Minuten dauert's noch, bis der volle Dampf angelassen ist.«

Dora sah rasch auf ihre Uhr. Sie begriff gar nicht, wie so viel Zeit vergangen sein konnte. Es war schon dreiviertel auf Elf.

»Wie weit ist es bis nach Everham?« fragte sie Mc Clintock, ohne ihren schnellen Schritt zu hemmen.

»Fünfzig Meilen wird's wohl sein.«

»Nicht wahr, es ist näher als Eddiscombe?«

»Jawohl, an die sieben Meilen.«

Dora stöhnte laut. Um elf Uhr vierzig sollte der Zug die verhängnisvolle Stelle erreichen, und sie waren noch über fünfzig Meilen weit und warteten auf eine Lokomotive.

Doch jetzt wurde auch keine Zeit mehr verloren.

Der »Pionier« trug bereits sein großes strahlend rotes Licht und im Feuerraum glühten die Kohlen. Mc Clintock sprang sofort auf die Lokomotive, um sein Heizeramt zu versehen. Dora, Merton und O'Brien warteten in brennender Ungeduld.

Jetzt prasselten und knisterten die Flammen in dem glühenden Ofen, die große Lokomotive begann zu fauchen und zu beben, während der Dampf im Kessel nach oben stieg. Mc Clintock ließ die Dampfpfeife spielen und O'Brien nahm seinen Platz ein.

»Leben Sie wohl,« sagten Dora und Merton wie aus einem Munde, indem sie beide miteinander den Fuß auf den Tritt des Tenders setzten.

»Wollen Sie denn auch mit?« fragte jedes das andre gleichzeitig, doch es bedurfte keines Wortes weiter. Sie wechselten nur einen Blick, dann half Merton mit ernster Miene Dora beim Einsteigen und folgte ihr auf den Tender. Der »Pionier« dampfte zum Bahnhof hinaus; schneller und schneller ging die Fahrt. Dora trat dicht zu O'Brien hin, der die Hand nicht vom Hebel ließ.

»Es ist jetzt zehn Minuten vor elf Uhr,« sagte sie. »Wir müssen in fünfundvierzig Minuten fünfzig Meilen zurücklegen.«

»Nur keine Furcht, Fräulein. Wir bringen's schon fertig,« erwiderte O'Brien zuversichtlich. Dann drückte er auf den Hebel und die Maschine schoß in noch rasenderem Lauf dahin.

Durch die weitläufigen Vorstädte ging es, wo an beiden Seiten die erleuchteten Fenster der Häuserreihen in Windeseile an ihnen vorüberflogen. Dann jagten sie aus der Stadt hinaus, einem Wirbelsturm entgegen, der ihnen heulend und pfeifend um die Ohren blies. Als Dora einen Augenblick hinter ihrer eisernen Schutzwehr hervorlugte, schossen ihr Tränen in die Augen und der schreckliche Orkan versetzte ihr den Atem.

Mc Clintock hantierte indessen fort und fort mit seinen nackten rußigen Armen im Feuerraum, wobei ihm der schwarze Schweiß über das Gesicht strömte. Sobald die rußigen Kohlenblöcke in die Glut kamen, begannen sie zu knistern, Flammen schlugen heraus und sie färbten sich feurig rot.

Der Dampf entströmte dem Schornstein und fuhr zischend durch die Sicherheitsventile. Weiter und weiter raste die Maschine auf ihrer Bahn. Durch die Stille der Nacht erklang das eintönige Rasseln und Klappern ihrer Räder, Kurbeln und Kolben. »Vorwärts, vorwärts! Der Tod kommt dir zuvor!« dröhnte es Dora immerzu in den Ohren. Steile Strecken hinab fuhren sie, ohne zu bremsen, und scharfe Kurven nahmen sie so tollkühn, daß die äußeren Räder sich frei über die Schienen erhoben. Zweimal ließ die Dampfpfeife ihren schrillen Ton vernehmen, als sie an langen Eisenbahnzügen vorübersausten, die stillzustehen schienen. Bei dem flüchtigen Lichtschein sah Dora einen Moment die bleichen Gesichter und starren Augen an den Fenstern. Donnernd durchfuhren sie in unverminderter Geschwindigkeit die Stationen. Die Laternen, die hellen Wartezimmer, die erschreckten Menschen auf den Bahnsteigen, die im Schein des roten Lichts wie mit Blut übergossen aussahen – das alles waren Bilder, die einen Augenblick, als wären sie vom Blitz erhellt, vor ihnen auftauchten, um gleich darauf wieder im Dunkel zu verschwinden. Eine Meile nach der andern ließen die fliegenden Räder hinter sich, und jetzt kam die verhängnisvolle Station in Sicht.

»Everham!« rief der Lokomotivführer, als sie mit plötzlich verminderter Schnelligkeit in den Bahnhof einfuhren.

»Wir haben's in vierundvierzig Minuten gemacht,« sagte er, auf seine Uhr blickend. »Was nun, Fräulein?« Er hatte noch die rechte Hand am Hebel und wandte sich instinktmäßig an Dora um weitere Verhaltungsregeln.

Als sie den Namen der Station hörte, überlief es sie kalt bei dem Gedanken an die grauenhafte Gefahr. Bisher war sie ganz von dem brennenden Verlangen beherrscht gewesen, noch rechtzeitig anzukommen. Nun sie da waren, schnürte ihr das Entsetzen die Brust zusammen.

Irgendwo zwischen den Stationen Eddiscombe und Everham war die tödliche Falle gelegt. Fuhren sie von hier aus weiter, so konnten sie in jedem Moment krachend gegen das Hindernis anprallen.

Die Bahn wand sich jetzt in verschiedenen Kurven durch ein Tal, so daß sie kaum hundert Schritt weit sehen oder gesehen werden konnten.

»Was kommt nachher?« fragte Dora, sich dicht zum Ohr des Führers beugend. Sie deutete in die Ferne und er verstand, was sie wollte.

»Eine Meile geht's noch weiter in Windungen wie hier und dann immer bergunter.«

»So fahrt rasch durch die Kurven, wir müssen es wagen!« rief sie.

Ohne Zögern drückte O'Brien mit starker Hand auf den Hebel, und wie ein wildes Roß, dem man die Sporen gibt, stürmte die Lokomotive dahin auf der gefährlichen Bahn. Es war eine qualvolle Minute, die sich zu einer Stunde auszudehnen schien. Der verhaltene Atem wollte Dora schier die Brust zersprengen; ihre Nerven erbebten vor entsetzlicher Spannung. Schon in der nächsten Sekunde konnte der furchtbare Krach erfolgen. Plötzlich verlangsamte sich die Bewegung, die Bremsen wurden angezogen, und die Lokomotive blieb fauchend und schnaubend wie angewurzelt stehen. Vor ihnen senkte sich die Bahn den langgestreckten Hügel hinab ins Tal; man konnte die Schienen bei der sternklaren Nacht noch in weiter Ferne glänzen sehen.

»Mehr können wir nicht tun, Fräulein,« sagte O'Brien. »Vom Zug aus sieht man unser rotes Licht gute drei Meilen weit. Kommt er erst mal sicher um die Kurve dort unten herum, so ist er gerettet.«

Der Mann hatte recht, das lag auf der Hand; weiter fahren durften sie nicht. Stieß ihnen jetzt ein Unglück zu, so konnten sie kein Warnungszeichen geben und das Verderben des Zugs war besiegelt. So warteten sie denn in Todesangst. Das rote Licht flammte und glühte und die Dampfpfeife kreischte wild in die Nacht hinaus.

Zum Glück dauerte die Qual nicht lange.

Kaum fünf Minuten später entdeckte Doras scharfes Auge einen roten Punkt, der sich unten im Tal fortbewegte. O'Brien erspähte ihn fast im nämlichen Augenblick.

»Der Schnellzug!« stieß er keuchend hervor. »So weit ist er ohne Unfall gelangt! Mach den Hahn auf, Jim!« – Und die Dampfpfeife kreischte wie zehntausend Teufel.

Der rote Punkt schwankte und stand still; dann vernahm man den schrillen Ton einer Dampfpfeife, die von fernher Antwort gab.

O'Brien brach in einen Jubelruf aus, der wie Schluchzen klang.

»Gerettet!« rief er. »Der Zug fährt keinen Schritt weiter, bis wir in aller Gemächlichkeit zu ihm hinkriechen.« Und wirklich bewegte sich die Lokomotive jetzt nur noch im Schneckentempo weiter.

Bei dem plötzlichen Rückschlag nach ihrer großen Angst schoß Dora der Gedanke durch den Kopf: »Am Ende ist alles nur ein grausamer Scherz gewesen!« Aber noch ehe sie das ausdenken konnte, erfolgte ein furchtbarer Stoß, der ihr Mark und Bein erschütterte.

O'Brien, der sofort an der Seite hinunterkletterte, entdeckte, daß die Lokomotive mit den Vorderrädern vor einem großen Balken stand, der mit eisernen Klammern auf den Schienen befestigt war. Die Bahn lief an der Stelle neben einem steilen Abhang hin. Der Sturz in eine Tiefe von mindestens sechzig Fuß wäre sicherer Untergang gewesen.

Vor der Lokomotive kniete der große Irländer am Boden und zerrte an dem Balken.

»Fluch und Verderben über die schwarzen Seelen, die den Teufelsplan ausgeheckt haben!« sprach er so feierlich, als wäre es ein Gebet – und unwillkürlich sagten drei Stimmen auf der Lokomotive: »Amen!« – –

Zwei Tage später erschien in den Abendzeitungen folgende Notiz, mit der in die Augen springenden Überschrift:

»Unerklärliches Verbrechen.

Als Herr Richard Dulcimer sich heute nachmittag nach seinem Bureau in der City begab, wurde er plötzlich von einem anständig gekleideten Mann angehalten, der schrie: ›Du verfluchter, feigherziger Halunke! Alles hast du verraten und mir die Polizei auf den Hals gehetzt. Doch ich will dir's heimzahlen!‹ Die Straße war voller Menschen, aber ehe sich noch eine Hand erheben konnte, hatte der Mann schon den Revolver gezogen und sein unglückliches Opfer mitten durchs Herz geschossen. Dann setzte er den Lauf an seinen Mund und feuerte abermals. Die Kugel zerschmetterte ihm die Hirnschale, und rings spritzte sein Blut und Gehirn aufs Pflaster. Es war offenbar die Tat eines Wahnsinnigen, für die man vergeblich eine Erklärung sucht. Der Getötete, ein Neffe des Grafen Mordor, mit dem er im besten Einvernehmen stand, war wegen seiner heiteren Gemütsart und großen Herzensgüte allgemein beliebt.«

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