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Ein weiblicher Detektiv

Mathias McDonnell Bodkin: Ein weiblicher Detektiv - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenarrative
authorMathias McDonnell Bodkin
titleEin weiblicher Detektiv
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume19. Jahrgang. Band 3
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20111221
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quellewww.alte-krimis.de
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Ein Seidenknäuel.

»Aber, Mieze, wie hast du nur so etwas tun können!«

»Ich begreife es ja selbst nicht, Dora,« schluchzte das junge Mädchen und erhob ihr tränenüberströmtes Gesicht aus dem Sofakissen, worin es vergraben gewesen war. »Ich muß wohl ganz närrisch und toll gewesen sein.«

»Wenn ich versuchen soll, dir zu helfen, mußt du mir aber zuerst alles sagen.«

»Das will ich auch – es ist nämlich so gekommen: Ich hatte den ganzen Abend nur mit Sir Charles Phillimore getanzt und war entzückt von ihm. Du weißt, wie alle Mädchen ihm nachlaufen! aber er schien nur Augen für mich zu haben, und das schmeichelte mir über alle Maßen. Dabei sah ich, wie James immer in der Ecke stand und uns betrachtete. Ich hatte eine recht boshafte Freude daran, ihn eifersüchtig zu machen. Nun denke dir aber meinen Schrecken, als Sir Charles im Wintergarten auf einmal den Arm um mich schlang, mir einen Kuß gab und mich fragte, ob ich seine Frau werden wolle. Er schien ganz sicher zu sein, daß ich ja sagen würde, und ich war doch auf so etwas gar nicht gefaßt. Einen einzigen Augenblick kam ich wirklich in Versuchung – ich will dir nur meine ganze Schlechtigkeit gestehen – James mein Wort zu brechen und den Antrag anzunehmen. Dann sagte ich aber sehr steif und würdevoll: ›nein‹, und fragte ihn, wie er es wagen könne, sich solche Freiheiten herauszunehmen. Er lachte aber nur und meinte, er würde mich so lange bitten und mir keine Ruhe lassen, bis ich ja sagte. Da lief ich vor lauter Angst, daß er gleich damit anfangen könnte, weg und ging allein wieder in den Ballsaal. Nachher kam ich mir sehr brav und tugendhaft vor; doch war ich nicht in der besten Laune, als ich bald darauf im Wintergarten mit James zusammentraf. Er fing sofort an, mich zu schelten und das war mir unerträglich. Natürlich zahlte ich ihm alles mit gleicher Münze zurück und löste unsre Verlobung auf. Das hatten wir schon dreimal getan, uns aber immer wieder versöhnt, also hatte es nichts auf sich. Aber James war diesmal wirklich abscheulich. Er sagte, ich sei kokett durch und durch. ›Im Grunde machst du dir aus Sir Charles, dem alten Esel, ebensowenig wie aus mir,‹ brummte er. ›Nur zum Vergnügen treibst du dein Spiel mit ihm, und ob darüber ein Herz bricht, schert dich wenig.‹«

»Wessen Herz meinte er denn?« fragte Dora lächelnd.

»Sir Charles Phillimores Herz, natürlich.«

»Erzähle mir dein Märchen nur weiter, Mieze.«

»Wie grausam bist du, Dora! Für mich hängt Leben oder Tod davon ab, und du nennst es ein Märchen! – Ich war ganz unglücklich, als James das sagte; auf der ganzen Nachhausefahrt mußte ich immer an den armen Sir Charles denken, der sich aus Liebe zu mir vor Gram verzehrte. Noch in der Nacht schrieb ich an ihn, warf rasch einen Mantel um und schlich mich im Ballkleid hinaus – war das nicht schrecklich? – um den Brief an der Ecke in den Kasten zu werfen.«

»Aber was stand in dem Briefe, Mieze?«

»Genau weiß ich es selbst nicht mehr. Ich war ganz von Sinnen als ich ihn schrieb. Allerlei von Mitleid und Liebe und dergleichen Unsinn. Dreimal habe ich ihn ›teuerster Sir Charles‹ genannt und sogar jenen Kuß erwähnte ich, als hätte ich mich darüber gefreut – was doch gar nicht wahr ist. Auch schrieb ich, daß ich nie jemand geliebt hätte, noch lieben würde außer ihm, und dabei dachte ich die ganze Zeit an den armen James. Ich war wirklich wie verrückt, sage ich dir.«

»Allerdings scheint es bei dir im Oberstübchen nicht richtig gewesen zu sein,« sagte Dora kopfschüttelnd.

»Gleich am andern Morgen bereute ich es bitter,« rief Mieze in fliegender Eile. »Ich hätte vor Scham in die Erde sinken mögen, als mir beim Erwachen wieder einfiel, was ich geschrieben hatte. Rasch stand ich auf und schrieb noch einen Brief an Sir Charles, worin ich ihm sagte, daß in dem ersten kein Wort wahr sei, und ihn bat, mir mein Geschreibsel umgehend zurückzuschicken. Aber er antwortete, daß ihm der erste Brief besser gefiele, deshalb schicke er mir den zweiten zurück und werde sich bestreben, dessen Inhalt zu vergessen.

»Natürlich versöhnten wir uns wieder miteinander, James und ich. Er mußte mich um Verzeihung bitten und ich vergab ihm – eigentlich wußte ich nicht was. In einem Monat soll unsre Hochzeit sein. Aber der schreckliche Sir Charles weigert sich noch immer, meinen Brief herauszugeben, und droht mir die schlimmsten Dinge an.

»Ich habe ihn selbst in seiner Wohnung aufgesucht, obgleich ich eine Todesangst hatte, daß James es erfahren möchte. Ich wollte Sir Charles den Brief abschmeicheln: doch er tat, als sei ich nur gekommen, um ein kleines Mißverständnis aufzuklären, wie es zwischen Liebesleuten nicht selten ist, und war entsetzlich aufdringlich. ›Ihr herziges Briefchen gebe ich nicht heraus, es ist mein höchstes Kleinod auf Erden,‹ beteuerte er. ›Sie können nicht so grausam sein, es mir zu rauben.‹ In meiner Verzweiflung ging ich sogar so weit, ihm noch einen Kuß dafür zu bieten, aber auch das half nichts.

»›Den Schatz behalte ich, bis zu Ihrem Hochzeitsmorgen‹, sagte er, ›denn noch bis zum letzten Augenblick werde ich es für unmöglich halten, daß Sie mir die Treue brechen.‹

»›Wollen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie mir den Brief vor der Trauung zurückerstatten?‹ fragte ich hocherfreut.

»›Ihnen nicht, wohl aber Ihrem Gemahl,‹ entgegnete er mit Nachdruck, ›das verspreche ich heilig und teuer.‹ Und an dem harten Ausdruck seiner Mienen sah ich, daß es ihm ernst war.

»O Dora, es ist zu entsetzlich! Du glaubst gar nicht, wie eifersüchtig James ist. Wenn ich auch schwören wollte, ich hätte den Brief nicht geschrieben oder es wäre ein Scherz gewesen, so würde er mir's doch nicht glauben. Und wenn er den abscheulichen Wisch je zu sehen bekommt, wird er mich nie wieder lieb haben.«

Abermals brach sie in herzzerreißendes Weinen aus. Trotz ihrer einundzwanzig Jahre war sie eben noch das reine Kind, verwöhnt, eigenwillig, hübsch und liebenswürdig. Es tat Dora aufrichtig leid, sie so ganz außer sich vor Angst und Kummer zu sehen. Doch konnte sie ihr nur sanft das Haar streicheln, um sie zu beruhigen, denn des Mädchens Gesicht war wieder ganz in den Kissen vergraben.

»Sei doch keine Törin, Mieze; trockne deine Tränen und sage mir, was ich für dich tun soll.«

»Könntest du ihm nicht den Brief abbetteln?« flehte sie unter beständigem Schluchzen. »Er hat eine so gute Meinung von dir; du seiest das begabteste und gescheiteste Mädchen, das ihm je vorgekommen ist, sagt er.«

»Das tut mir leid; mit Bitten und Schmeicheln wird sich nichts ausrichten lassen, und wenn er weniger von mir hielte, würde die Sache bedeutend leichter sein. Doch will ich mein Möglichstes tun, wenn du mir versprichst, in den nächsten zwei Wochen keine Träne mehr zu vergießen.«

Auf diese Bedingung ging das leichtherzige kleine Frauenzimmer mit Freuden ein. Schon nach fünf Minuten plauderte sie lustig von ihren Hochzeitsgeschenken, als ob der verhängnisvolle Brief bereits den Flammen überliefert wäre. –

»Es schmerzt mich mehr, als ich sagen kann, daß ich Ihnen etwas abschlagen muß, Fräulein Myrl,« sagte Sir Charles Phillimore, als Dora ihn Tags darauf besuchte.

»Warum wollen Sie sich denn den unsagbaren Schmerz nicht ersparen, Sir Charles?«

»Unmöglich, meine Verehrteste. Sie ahnen ja nicht, welcher Schatz das süße, liebevolle Briefchen für mich ist. Solange ich noch die geringste Hoffnung habe, gebe ich es nicht her.«

»Aber glauben Sie mir doch – es ist gar keine Aussicht für Sie vorhanden. Meine kleine Freundin liebt Herrn Trevor und in einem Monat soll die Hochzeit sein.«

»Verlobt ist noch nicht verheiratet. Verlobungen sind schon öfters zurückgegangen.«

»Aber Sie haben ihr gedroht, Sie wollten nach der Trauung –«

»Es war nur ein Versprechen, Fräulein Myrl, keine Drohung. Meine Ehre würde es mir verbieten, den Brief noch zu behalten, wenn die junge Dame verheiratet ist. Ich habe ihr daher feierlich gelobt, daß ich am Hochzeitstage den Brief ihrem Gatten zurückgeben will, und ich halte mein Wort, verlassen Sie sich darauf.«

Sir Charles sagte das mit so würdiger Haltung, als ob er wirklich der größte Ehrenmann von der Welt wäre. Es lag etwas Hoheitsvolles in seinem Wesen, das zu seinem stattlichen Wuchs und den einnehmenden Gesichtszügen vortrefflich paßte. Noch in mittleren Jahren, reich, klug, freigebig und der allgemeine Liebling der Damenwelt, hätte er unter den gefeiertsten Schönheiten nur zu wählen brauchen. Aber das hübsche, wilde, lustige und unschuldige Backfischlein gefiel ihm besser als alle andern Mädchen, und so machte er denn einen verzweifelten Versuch, den Vorteil auszunutzen, den Mieze ihm durch ihren unbesonnenen Brief eingeräumt hatte. Gegen Dora war er die Höflichkeit selber. Er verstand es trefflich, jene altmodische Ritterlichkeit nachzuahmen, die bei ihren Huldigungen auch zärtlichere Gefühle durchblicken läßt. Daß er aber trotzdem unerbittlich bleiben würde, konnte sich Dora nicht verhehlen.

»Widerstrebt es denn nicht Ihrem Ehrgefühl, Sir Charles?« fragte sie in Verzweiflung.

»Für meine Ehre brauche ich keinen Hüter; dies Amt versehe ich ganz allein.«

»Ich fürchte, Sie betrachten es als einen Ruheposten.«

Dora erschrak ordentlich über ihre Kühnheit, doch Sir Charles schüttelte nur ernst den Kopf. »Hätte ein Feind von mir das gesagt, so weiß ich nicht, was ich täte, aber aus Ihrem Munde –« Er legte eine ganze Welt von Zärtlichkeit in diese Worte.

Da beschloß Dora, den unwiderstehlichen Damenhelden mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.

»So tun Sie es doch mir zuliebe, Sir Charles,« flüsterte sie mit sanftem Erröten.

»Mein bestes Fräulein Myrl,« versetzte er in scherzhaftem Ton, »gerade um Ihretwillen muß ich auf meiner Weigerung beharren. Sie sind ja berühmt wegen Ihrer Kunst, Geheimnisse zu erforschen und Rätsel zu lösen. Da wäre es ein Verbrechen, wenn ich mich kampflos ergeben und Sie Ihres Triumphs berauben wollte.«

»Also versprechen Sie, mir freies Spiel zu lassen.«

»Gewiß! ich will Ihnen sogar jeden Vorschub leisten und gleich damit beginnen, Ihnen zu verraten, daß der Brief hier im Zimmer ist und bleiben wird.«

Er sah sich bei diesen Worten in dem großen, mit schönen kostbaren Möbeln ausgestatteten Raum um. Überall standen und lagen hunderterlei feine Nippsachen, Bücher, Photographieen, Statuen und Vasen auf zahlreichen Tischen und Schränkchen. Der Fußboden war mit einem dicken samtartigen Teppich bedeckt und schwere Brokatvorhänge, unter denen weiße Gardinen von echten Spitzen hervorsahen, verhüllten die Fenster. In einem solchen Zimmer den Brief zu entdecken, war keine leichte Aufgabe; weit eher hätte man eine Nadel in einem Bündel Heu finden können.

»Bitte, verraten Sie mir noch mehr, Sir Charles!«

»Bei Ihrer Geschicklichkeit würde ich das für eine Beleidigung halten, Fräulein Myrl.«

»Aber ich darf kommen wann ich will, um danach zu suchen?«

»Je öfter Sie kommen, und je länger Sie bleiben – fast hätte ich ›Dora‹ gesagt – umsomehr werden Sie einen Ihrer glühendsten Bewunderer beglücken.«

Sie hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige gegeben für den Blick, mit dem er diese Worte begleitete. Statt dessen erwiderte Sie nur mit berückendem Lächeln: »So habe ich denn eine doppelte Veranlassung zu kommen: finde ich den Brief nicht, so werde ich Sie doch hier finden. Morgen beginnt das Spiel. Ich fürchte nur Sir Charles, Sie werden meiner überdrüssig sein, bevor es zu Ende ist.«

»Das wäre ganz unmöglich,« sagte er, die Hand aufs Herz legend, und öffnete ihr mit einer tiefen Verbeugung die Tür.

Am nächsten Morgen kleidete sich Dora mit besonderer Sorgfalt an; sie wußte, Sir Charles würde dies bemerken und daraus schließen, daß ihr daran liege, ihm zu gefallen.

Als Waffe zu Schutz und Trutz nahm sie nichts mit als einen feinen Seidenfaden von etwa sechs Meter Länge, dessen Farbe so wenig als möglich von dem Grundton des kostbaren Bodenteppichs abstach. Den Faden wand sie zu einem losen Knäuel zusammen, den sie im Handschuh verbarg.

Dora hatte ihren Morgenbesuch so einzurichten gewußt, daß sie etwa fünf Minuten lang im Wohnzimmer allein blieb. Rasch knüpfte sie den Faden an einen Fuß des Sofas, auf dem sie saß, und als Sir Charles eilig eintrat, um sie zu begrüßen, und sich tausendmal wegen der Verzögerung entschuldigte, ließ sie das kleine Knäuel geschickt in die offene Tasche seines Samtjacketts gleiten.

»Sieg, Sieg, Sir Charles!« rief sie mit triumphierender Miene, ihm die Hand reichend. Er sah sie in maßloser Bestürzung an und vergaß ganz, ihr zärtlich die Hand zu drücken, wie er beabsichtigt hatte.

»Sie können damit doch unmöglich sagen wollen –«

»Ich will kein Wort weiter sagen.«

Fast hätte Sir Charles unwillkürlich nach der Stelle hingeblickt, wo der Brief versteckt war; doch besann er sich noch rechtzeitig und lachte hell auf.

»Sie wollen mich auf den Leim locken, Fräulein Myrl, gestehen Sie es nur. Beinahe hätten Sie mich gefangen. Es war ein schlauer Kunstgriff.«

»Lachen Sie nur, Sir Charles, ich lache mit. Und nun leben Sie wohl, ich muß schnell fort. Doch wollte ich Sie zuvor begrüßen, um Ihnen zu danken, daß Sie mir Gelegenheit gegeben, meinen Zweck zu erreichen.«

Die Siegesgewißheit, mit der sie sprach, beunruhigte ihn sichtlich; er ließ sie ohne weitere Einwendung gehen. Dora hatte dicht bei der Tür gesessen, und in seiner Hast vergaß Sir Charles sogar, ihr eine Verbeugung zu machen, als sie sich empfahl. Auf der Treppe hörte sie ihn rasch den Schlüssel umdrehen, was sie sehr belustigte. Sie wartete eine kleine Weile und ging dann wieder zurück, um ihr Visitenkartentäschchen zu holen, das sie auf dem Sofa vergessen hatte.

Sobald sie klopfte, öffnete er ihr mit strahlendem Gesicht.

»Ich habe Sie wohl erschreckt,« sagte Dora; »Sie glaubten gewiß, ich sei schon weit fort.«

»Jawohl, zu meinem größten Kummer.«

»Nun, da Sie mich so freundlich behandeln, will ich mich doch erst noch einmal hier umsehen.«

Der feine Seidenfaden, der auf dem weichen Teppich lag, war selbst für Doras scharfes Auge kaum erkennbar. Erst zog er sich von dem Sofa bis zur Tür, dann ging er in gerader Linie mitten durchs Zimmer nach einem Tisch hin, der am gegenüberliegenden Fenster etwas abgesondert von den übrigen Möbeln stand. Von dort aus hatte der Faden wieder eine andre Richtung genommen, als Sir Charles nach der Tür zurück ging, um Dora einzulassen. Auf halbem Wege dahin lag das Ende des Knäuels, das aus der Tasche herausgezogen worden war, auf dem Teppich.

Dora wußte so genau, als hätte sie es mit eigenen Augen gesehen, daß Sir Charles, sobald die Tür verschlossen war, sich zuerst überzeugen würde, ob der Brief noch an Ort und Stelle sei. Der Faden, der sich beim Gehen aus seiner Tasche abwickelte und auf den Teppich fiel, bezeichnete die Richtung, die er genommen hatte. Auf oder bei dem Tisch, von dem aus sich der Faden wieder nach der Tür zurückwandte, mußte der Brief versteckt sein, das unterlag keinem Zweifel.

Nachdem sich Dora die Stelle an dem Blumenmuster des Teppichs gemerkt hatte, ließ sie es sich nun vor allem angelegen sein, Sir Charles zu erobern.

Das war leicht geschehen. Es gelang ihr ohne viele Mühe, ihm einzureden, daß Eifersucht im Spiele wäre und ihre Besorgnis wegen des Briefes nur ein Vorwand gewesen sei. Das Gespräch zwischen ihnen war meist persönlicher Art und wurde zuweilen zärtlich; doch kam es zu keiner Liebeserklärung. Aus Doras Augen sprach aber ein gewisses Etwas, das seiner Eitelkeit schmeichelte und ihn hoffen ließ, er werde Erhörung finden.

»Nicht wahr, Sie trinken erst eine Tasse Tee mit mir, ehe Sie mich verlassen? Das können Sie mir einsamen Junggesellen sicher nicht abschlagen!«

»Ich will es tun, unter einer Bedingung.«

»Fordern Sie, was Sie wollen, außer – –«

»Nein, daran denke ich gar nicht. Meinetwegen behalten Sie den dummen Brief nur. Meine Bedingung ist, daß Sie mich morgen besuchen und bei mir Tee trinken. Wir werden ganz allein sein, ich verspreche es Ihnen.«

»Eine größere Freude könnten Sie mir ja gar nicht machen.«

»Also ich darf Sie erwarten – pünktlich um vier Uhr, nicht wahr?«

»Ich komme unter allen Umständen.«

Nun machte ihm Dora Tee auf einer silbernen Spirituslampe. Auch der Teekasten und die Kanne waren aus Silber und die Tassen vom feinsten alten Meißener Porzellan; man hätte einen ganzen Laden voll von unsrer heutigen minderwertigen Ware dafür kaufen können. Dora war liebenswürdiger als je und gegen das Ende des Besuchs stand Sir Charles völlig unter ihrem Zauberbann.

Als sie fort war, steckte er sich zur Beruhigung eine Zigarette vom feinsten türkischen Tabak an, und in behaglicher Stimmung überdachte er seine etwas flatterhaften Liebesgefühle.

»Sie ist hübscher als die andre und hundertmal gescheiter; auch brauche ich ihr nur mit dem Finger zu winken. Aber die kleine wilde Hummel, die einen bald küßt, bald schlägt, wie es ihr gerade einfällt, hat sich doch gar zu fest in mein Herz eingenistet. Mit Dora schön zu tun, ist ein angenehmer Zeitvertreib, weiter nichts. Es wird ihr ja wohl auch nicht allzu nahe gehen, wenn unser Spiel aus ist. Mir macht es wirklich Spaß, mit einem so klugen und offenherzigen Mädchen zu plaudern, und Dora ist ein gar zu hübscher Name. Daß sie behauptet, Geheimpolizistin zu sein, ist zum totlachen – so ein kleines, unerfahrenes Ding!« –

Sir Charles steckte sich noch eine Zigarette an und schmunzelte von Zeit zu Zeit wohlgefällig, während er sie langsam rauchte.

Um halb vier Uhr – gerade fünf Minuten nachdem Sir Charles ausgegangen war, um sich auf Doras Einladung in ihre Wohnung zu begeben, fuhr Dora selbst bei seinem Hause in Park Lane vor.

Sie bedauerte unendlich, Sir Charles nicht daheim zu finden, da ihre Verabredung aber auf vier Uhr lautete, wollte sie warten.

Im Wohnzimmer lag und stand alles wie am Tag zuvor; selbst der Seidenfaden war noch da, doch hatte ihn der Diener mit dem Besen in ein wirres Knäuel zusammengefegt.

Dora schritt geradeswegs nach dem bewußten Tisch hin, wo sie den Brief zu finden hoffte. Er war groß und ganz beladen mit Büchern, Photographieen und allerlei Kunstgegenständen, so daß ihr Unternehmen, obgleich im Raum beschränkt, doch recht zeitraubend werden konnte. »Wo soll ich nur beginnen?« fragte sie sich in nicht geringer Verlegenheit.

Da kam ihr plötzlich ein erleuchtender Gedanke.

»Wie dumm von mir,« rief sie laut, »natürlich hat er ihn dort versteckt, das sieht ihm ganz ähnlich!«

Unter den mancherlei Gegenständen auf dem Tisch befand sich auch eine eingerahmte Photographie, welche Sir Charles Phillimore in einem Phantasiekostüm als Don Juan darstellte.

Schon im nächsten Augenblick hatten Doras geschickte Finger den Rahmen entfernt und untersucht. Als sie den Brief, nach dem sie forschte, wirklich dahinter versteckt fand, stieß sie einen Freudenschrei aus.

Aber ach – von der Tür her ertönte als Antwort der Zuruf eines Mannes, der sie völlig überraschte.

Dora hatte alles wohlweislich geplant und ihre Dienerin daheim angewiesen, wenn Sir Charles zum Tee käme, ihn eine halbe Stunde warten zu lassen. Doch

Zwischen Lipp und Kelchesrand
Schwebt der finstern Mächte Hand

und selbst die klügste Frau kann einen unglücklichen Zufall nicht abwenden.

Sir Charles war auf der Straße einem Freunde begegnet, dem er im strengsten Vertrauen mitgeteilt hatte, wohin ihn sein Weg führe. Der aber lachte ihn aus und sagte ihm, er habe Fräulein Myrl erst vor wenigen Minuten vorbeifahren sehen.

Sogleich kehrte Sir Charles voll Ärger und Bestürzung nach Hause zurück, öffnete die Tür mit seinem Drücker und erschien gerade auf der Schwelle des Wohnzimmers, als Dora triumphierend die aus dem Rahmen genommene Photographie in einer Hand hielt und den entdeckten Brief in der andern.

Rasch warf sie das Bild auf den Tisch und verbarg den zerknitterten Brief in ihrer tiefen Tasche. Dann wandte sie sich nach dem Eintretenden um.

Sir Charles verschloß die Tür, steckte den Schlüssel ein und begrüßte sie mit verhaltener Schadenfreude. Da er sich einbildete, daß nicht der Zufall, sondern sein eigener Scharfsinn ihm den Sieg über die schlaue Geheimpolizistin verschafft habe, war er in bester Laune und die Höflichkeit selbst.

»So haben wir uns denn beide verfehlt und doch gefunden,« sagte er. »Das nenne ich Glück!«

»Ich habe das Spiel gewonnen, Sir Charles, und der Preis gehört mir. Ein Ehrenmann wie Sie kann nicht zögern, sich als besiegt zu bekennen und zu zahlen.«

»Entschuldigen Sie, Fräulein Myrl, aber ich steche Ihre Dame mit meinem Trumpf, der Trick ist mein.«

Dora errötete bei dem Ton, den er anschlug.

»Sie wollen doch nicht etwa behaupten –« begann sie.

»Mir fällt da eben der alte Kinderreim ein:

›Mucki war ein Welscher, Mucki war ein Dieb,
Mucki stahl die Wurst mir, das war mir nicht lieb.
Stracks ging ich zu Mucki, fand ihn nicht zu Haus,
Mucki führt derweilen mir mein Markbein aus.‹

Ich muß mir mein Markbein von Ihnen zurückerbitten.«

»Ist das redlich gehandelt?«

»Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, Fräulein Myrl, und ich weiß wahrhaftig noch nicht, ob es zwischen uns Krieg oder Liebe gilt.«

»So wollen Sie mir den Brief wohl gar mit Gewalt wegnehmen?« Dora hatte ihren ganzen Gleichmut zurückgewonnen und sie lächelte so liebreizend, daß er auf den geckenhaften Gedanken kam, sie würde das nicht ungern sehen.

»Mit sanftem Zwang und zärtlicher Gewalt,« erwiderte er.

»Wenn ich aber laut um Hilfe rufe.«

»Etwas so Törichtes und Vergebliches würden Sie schwerlich tun.«

»Kann sein; doch weigere ich mich ganz entschieden, den Brief wieder herauszugeben, den ich mir redlich erkämpft habe.«

»Ich lasse Ihnen noch eine Minute Bedenkzeit, Fräulein Myrl, und werde langsam bis sechzig zählen. Eins, zwei, drei, vier, fünf ...«

Dora nahm aus dem silbernen Büchschen, das sie an ihrer Gürtelkette trug, eine ziemlich große Wachsstreichkerze und zündete sie an.

»Wenn sie den Brief verbrennen will, muß sie ihn aus der Tasche ziehen,« sagte sich Sir Charles mit heimlichem Frohlocken, »dann soll er mir nicht entgehen. – Sie ist doch lange nicht so klug, als ich dachte. – Siebenundvierzig, achtundvierzig, neunundvierzig, fünfzig.«

Dora hielt die brennende Kerze nach unten. Das Wachs schmolz und loderte empor, während sie einen Schritt nach dem Fenster hin tat.

»Achtundfünfzig, neunundfünfzig, sechzig!« Da flog auch schon die flammende Kerze in die leichten Spitzengardinen, daß sie Feuer fingen und hell aufflackerten.

Sir Charles sprang herzu, die Flammen zu löschen, und im nächsten Augenblick hatte Dora den Brief in Stücke zerrissen, die sie mitten in die Glut schleuderte, von der sie im Nu verzehrt waren.

Dann machte sie sich rasch und besonnen ans Werk, Sir Charles zu helfen. »Fassen Sie die seidenen Vorhänge an,« rief sie, »wir müssen die Gardinenstange herunterreißen.« Krachend fiel die Stange zu Boden und es gelang den beiden bald, das leichte Flackerfeuer zu löschen, das weder die Seide, noch das Holzwerk ergriffen hatte.

Es machte sich sehr komisch, als sie einander durch den Rauch hindurch einen Moment lang ansahen. Dann verbeugte sich Sir Charles Phillimore mit großer Höflichkeit. »Ich bin unterlegen, Fräulein Myrl,« sagte er, »Sie haben mit Glanz gesiegt.«

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