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Ein weiblicher Detektiv

Mathias McDonnell Bodkin: Ein weiblicher Detektiv - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenarrative
authorMathias McDonnell Bodkin
titleEin weiblicher Detektiv
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume19. Jahrgang. Band 3
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20111221
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quellewww.alte-krimis.de
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Wer gewinnt?

»Darf ich eintreten, Fräulein Myrl?« Mit diesen Worten erschien ein hübscher junger Mann auf der Schwelle. Er war fein gekleidet und aus seinen lustigen braunen Augen sprachen Schelmerei und Mutwillen.

Dora wandte sich rasch auf ihrem Bureaustuhl um und musterte ihn mit scharfen Blicken.

»Bitte, sehen Sie mich nicht so an,« sagte er und hielt sich den Hut vors Gesicht, als ob er sich vor ihren Augen schützen wollte. »Ich habe gestern auf Lord Mellecents Ball drei Tänze mit Ihnen getanzt, und als wir zur Abkühlung im Gewächshaus saßen, erlaubten Sie mir, Ihnen meine Aufwartung zu machen. Nicht wahr, Sie erinnern sich daran?«

»Nein, ich weiß nichts davon.« Dora mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht zu lachen! es lag eine so köstliche Dreistigkeit in dem Wesen des flotten jungen Herrn.

»Das ist ja schauderhaft! Aber an den Wintergarten erinnern Sie sich doch?«

»Gewiß, sehr gut.«

»Dort fragte ich, ob ich Sie besuchen dürfte. Und Ihr ›Nein‹ war so reizend, daß es ganz wie ›Ja‹ klang.«

»Eine kühne Behauptung!«

»Vielleicht habe ich Sie mißverstanden, aber nun ich einmal hier bin, werden Sie mir gewiß nicht die Türe weisen. Darf ich Platz nehmen? – Besten Dank; ich möchte gern mit Ihnen plaudern. Wissen Sie, ich hatte gar keine Ahnung, wer Sie sind, bis mein Alter es mir sagte. Sie kennen ihn ja – Sir Gregor Grant; er schwärmt förmlich für Sie. Als wir nach dem Ball gemütlich zusammen eine Zigarre rauchten, wie wir zu tun pflegen, gratulierte er mir zu meinem guten Geschmack.

»›Du sprichst wohl von dem hübschen kleinen Mädchen in Rosa, Vater?‹ fragte ich.

»›Von wem sonst?‹

»›Ein süßes, unschuldiges Ding. Sobald ich weiß, wer sie ist, mache ich ihr einen Antrag; ich bin schon über Hals und Kopf in sie verliebt.‹

»Da lachte mein Alter so herzlich, daß ihm sein Zigarrendampf in die falsche Kehle kam und er tüchtig husten mußte. ›Einen Antrag!‹ rief er. ›Da würdest du junger Fant schön ankommen. Dein süßes, unschuldiges Ding ist niemand anders als die berühmte Dora Myrl, die in Cambridge ein glänzendes Doktorexamen gemacht hat und jetzt wertvolle Dienste als Geheimpolizistin leistet.‹

»Aber mein Alter irrt sich gewiß; ich sah gleich, daß nur die Eifersucht aus ihm sprach.«

»Nein, ich bin wirklich Dora Myrl; doch Ihr Vater lobt mich viel zu sehr.«

»Das kann er gar nicht. Doch darum handelt es sich jetzt nicht. Würden Sie meinem Antrag Gehör schenken?«

»Nein,« sagte Dora, die sich des Lachens nicht mehr erwehren konnte, »ich würde Sie auf der Stelle abweisen.«

»Das ist also aus und vorbei. Nun dann wollen wir wenigstens gute Freunde bleiben. Und wenn ich Sie um einen Gefallen bitte, den Sie einem meiner Kameraden leisten könnten, werden Sie mir's gewiß nicht abschlagen.«

Er sprach nicht mehr in dem scherzhaften Ton wie bisher und Dora stieg zum ersten Male die Vermutung auf, daß sein Besuch einen bestimmten Zweck haben könne.

»Reden Sie jetzt im Ernst?« fragte sie.

»Jawohl, mein Vater hat mir von Ihnen erzählt und ich müßte ja keine Augen haben, wenn ich nicht sähe –«

»Erzählen Sie mir Ihre Geschichte,« fiel ihm Dora ins Wort.

»Das will ich. Sie kennen doch Sir Werner Hernshaw?«

»Ja, aber ich weiß nicht viel Gutes von ihm. Man sagt, er sei ein Spieler; an der Börse, am Kartentisch, auf dem Rennplatz, überall versucht er sein Glück und gewinnt große Summen. Wettet er auf ein Pferd, so bleibt es meistens Sieger; wird er Direktor einer Gesellschaft, so steigen die Aktien zuerst unfehlbar.«

»Mir scheint, Sie sind Sir Werner nicht sehr wohlgesinnt.«

»Er ist mir zu hübsch und zu freundlich und hat zu viel Glück – das nimmt mich gegen ihn ein.«

»Umso besser. Sir Werner hat einen schlechten Einfluß auf meinen Vetter Lord Wellmount, der mein liebster Freund und der beste Mensch von der Welt ist, aber arglos wie ein neugeborenes Kind. Wellmount ist erst im vergangenen Jahr mündig geworden und hat sein großes Besitztum angetreten, das bisher für ihn verwaltet wurde. Nun streut er sein Geld mit vollen Händen umher. Vor drei Monaten hat ihm Sir Werner schon zehntausend Pfund Sterling abgenommnen, und wenn Sie uns nicht beistehen, Fräulein Myrl, wird mein Vetter ihm sicherlich in etwa drei Wochen fünfzigtausend Pfund Sterling bezahlen müssen.«

»Aber wieso, weshalb? – Können Sie mir die Geschichte nicht ordentlich erzählen, damit ich klug daraus werde!«

Ihr Ton klang ungeduldig, und der junge Grant machte große Augen. Diese Dora kannte er noch nicht; es war ihm kaum begreiflich, daß sie dasselbe Mädchen sein sollte, mit dem er an jenem Abend im Ballsaal und im Gewächshaus so lustig gescherzt und geplaudert hatte.

»Die Sache verhält sich folgendermaßen,« sagte er. »Sie haben vielleicht gehört, daß Werner sich das schöne alte Rittergut Wolverholt gekauft hat. Er sieht dort fortwährend Gäste bei sich, denen es nicht an Unterhaltung fehlt, denn auf der ausgedehnten Besitzung sind große Plätze zum Tennis, Kricket und Golfspiel eingerichtet; sogar für eine Privatrennbahn ist bestens gesorgt. Sir Werner besitzt ein vorzügliches Rennpferd, den ›Jumping Frog‹, der vor zwei Jahren beim internationalen Rennen den ersten Preis davongetragen hat; letztes Jahr hat ihm aber Wellmounts ›Griffin‹ den Rang abgelaufen, der nach meiner Ansicht ein noch besseres Pferd ist. ›Jumping Frog‹ und ›Griffin‹ gelten seitdem für die zwei besten Renner im ganzen Königreich, mit denen sich kein andres Pferd messen kann. Vor etwa vier Monaten veranstaltete nun Sir Werner ein Wettrennen der beiden edlen Tiere auf der Rennbahn in Wolverholt mit gleichem Einsatz von zehntausend Pfund Sterling, wobei ›Jumping Frog‹ Sieger blieb.«

»Dabei ist doch nichts Merkwürdiges. Wer kann denn mit Bestimmtheit sagen, welches von zwei guten Pferden das bessere ist?«

»Nur ein wenig Geduld, Fräulein Myrl! Das Rennen war jedenfalls großartig. Lord Wellmounts ›Griffin‹ hatte von Anfang an die Führung. Bei dem zweiten und letzten Hindernis war er um fünf Längen voraus und in voller Pace. Es war eine große, dichte Hecke, die aber einem guten Springer keine Schwierigkeit bot. Ich sah wie ›Griffin‹ zum Sprung ansetzte und wie ein Vogel über die Hecke flog; doch drüben stand er plötzlich stockstill und zitterte am ganzen Leibe. Sein Jockei konnte ihn weder mit den Sporen noch mit der Peitsche vorwärts treiben. Unterdessen war ›Jumping Frog‹ längst an ihm vorbeigeprescht und durchs Ziel gegangen. Das Sonderbarste dabei ist aber, daß ›Griffin‹ schon nach fünf Minuten wieder ganz munter und wohlauf war und sich keine Spur einer Verletzung entdecken ließ. Es machte ganz den Eindruck, als hätte das Pferd einen plötzlichen Schreck bekommen, aber es war nichts da, wovor es sich fürchten konnte.«

»Mag sein,« sagte Dora. »Doch jedenfalls ist diese Sache abgetan; auf das alte Wettrennen kann man doch nicht zurückkommen.«

Es klang etwas wie Enttäuschung aus ihren Worten.

»In drei Wochen soll die Geschichte ja wieder von vorn anfangen,« rief Hugo Grant eifrig, »und diesmal haben sie fünfzigtausend Pfund Sterling gewettet. Lord Wellmount hält seinen ›Griffin‹ für das bessere Pferd und ich stimme ihm darin vollkommen bei. Trotzdem bin ich überzeugt, er wird die Wette verlieren. Erst heute ist mir zu Ohren gekommen, daß Sir Werner den Buchmachern hohe Beträge auf sein eigenes Tier zahlt, drei zu zwei, oder selbst zwei zu eins, wenn sie sich nicht auf weniger einlassen wollen. Das würde er nun und nimmermehr tun, wenn er nicht seiner Sache gewiß wäre. Zum Überfluß hat mein Vetter Wellmount noch plötzlich den Einfall bekommen, eine Vergnügungsfahrt nach Amerika zu machen, und die ganze Sorge für sein Pferd und das Rennen bleibt mir allein überlassen.«

»Was wünschen Sie denn aber, daß ich dabei tun soll?«

»Ich möchte, daß Sie dem Wettrennen beiwohnen.«

»Wie könnte ich das ohne Einladung!«

»Dafür will ich schon sorgen. Herr und Frau Aylmer werden dort sein. Die liebenswürdige Frau ist Feuer und Flamme für Sie, Fräulein Myrl, und hat mir erst gestern gesagt, es würde ihr Vergnügen machen, Sie unter ihre Fittiche zu nehmen.«

»Sie scheinen ja bei Ihren Plänen sehr zuversichtlich zu Werke zu gehen.«

»Nehmen Sie mir's nicht übel, aber der Besuch eines hübschen jungen Mädchens ist Sir Werner stets willkommen – das weiß ich. Übrigens werde ich auch dort sein, vielleicht ist das für Sie verlockend.«

»Ganz und gar nicht. Sie sind gewiß nur im Wege. Doch möchte ich nicht, daß Sie um meinetwillen wegblieben.«

»Dann kommen Sie also hin?«

»Ja, das will ich.«

»Wie gut von Ihnen! – Etwas habe ich übrigens noch zu erwähnen vergessen – einen ganz unbedeutenden Umstand, den ich Ihnen aber nicht vorenthalten will. Unmittelbar nach dem Rennen ergab sich, daß die Telegraphenleitung in Unordnung war; Sir Werner hatte nämlich einen Anschluß bis zum Rennplatz machen lassen. Als aber Wellmount eine Depesche abschicken wollte, war der Draht durchgeschnitten. Man fand die beschädigte Stelle gerade einem Jagdhäuschen gegenüber, das etwa sieben Meilen entfernt, dicht an der Grenze des Gutes liegt und wo die Jäger ihr Frühstück einzunehmen pflegen. War das nicht sonderbar?«

»Freilich, sehr sonderbar,« bestätigte Dora.

Der Plan ward ausgeführt, und Sir Werner bewillkommnete Fräulein Myrl bei ihrer Ankunft mit sichtlichem Vergnügen. Offenbar freute er sich, das kluge, unterhaltende, junge Mädchen unter seinen Gästen zu sehen; ihre Wirksamkeit als Geheimpolizistin kam ihm vor wie ein Scherz.

Dora und Hugo Grant schienen sich sehr zu einander hingezogen zu fühlen; wenigstens waren sie fortwährend zusammen unterwegs, bald mit Tennisschlägern, bald mit Golfkellen oder auf ihren Fahrrädern, um die Gegend zu durchstreifen. Die große Hürde aus Schwarzdorn, die für »Griffin« verhängnisvoll geworden, erregte Doras ganz besonderes Interesse; sie war zwar sehr hoch und dicht, doch hatte man keine schweren Balken dazu verwendet, an denen ein Pferd hängen bleiben, oder sich wehtun könnte. Bei genauer Untersuchung der muldenförmigen Bodenvertiefung, in der die Hürde ziemlich abgelegen stand, so, daß sie vom Haus aus nicht gesehen werden konnte, machten Grant und Dora drei sonderbare Entdeckungen. Auf dem Boden zwischen den Wurzeln des Schwarzdorns fanden sie viele schwarze Körner, die wie Rehposten aussahen. Die Farbe ließ sich jedoch abreiben und darunter kam rotes Kupfer zum Vorschein. Beim Durchforschen der Zweige entdeckten sie dann mehrere dünne Fetzen eines Gewebes aus Guttapercha, wie es für chirurgische Binden gebraucht wird, und schließlich grub Dora am inneren Rande der Hecke eine kleine leere Arzneiflasche mit sehr engem Halse aus dem Boden.

Grant betrachtete das alles mit großer Verwunderung; aber Dora war ein Licht aufgegangen.

»Hier heißt es abwarten,« sagte sie jedoch.

Es vergingen noch zehn Tage, und alle Vorbereitungen für das Rennen wurden getroffen. Auch den Telegraphen hatte man wieder von der Straße aus bis nach dem Rennplatz geführt. Sir Werner ließ seinen eigenen Elektrotechniker namens Shore aus Yorkshire kommen, um den Anschluß zu bewerkstelligen. Der Mann gebrauchte statt der Stangen ein dünnes isoliertes Kabel, das in einem flachen Graben unterirdisch gelegt wurde. Er schien es mit der Arbeit nicht sehr eilig zu haben, denn den halben Tag lang trieb er sich müßig umher. Am zweiten Tag gesellte sich Dora zu ihm und äußerte ganz unschuldig: »Hoffentlich wird die Leitung nicht wieder beschädigt werden, wie das letzte Mal!« worauf Shore keine Antwort gab, sondern nur halb schlau, halb einfältig lachte, ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu lassen.

Am vorletzten Abend, ehe das Rennen stattfinden sollte, war die ganze Gesellschaft nach Tisch auf dem mondbeschienenen Rasenplatz versammelt und in verschiedene Gruppen geteilt, die sich ganz nach eigenem Gefallen belustigten.

»Würde man es wohl sehr unpassend finden,« flüsterte Dora dem jungen Grant zu, »wenn wir zusammen einen kleinen Ausflug bei Mondschein auf unsern Fahrrädern machten?«

»Kein Mensch wird es merken, wenn ich die Räder dort unten nach der Allee bringe, wo es ganz finster ist,« entgegnete er voll Eifer.

»Gut, tun Sie das. Ich will mir nur einen dunklen Mantel holen; in zehn Minuten treffe ich Sie dort.«

Bald fuhren die beiden geräuschlos am Rand der Felder dahin. Als sie eine Stelle erreichten, von der aus man die schwarze Hürde deutlich sehen konnte, glitt Dora aus dem Sattel und Grant folgte ihrem Beispiel. Ein großer Mann, dessen dunkler Schatten sich im Mondschein deutlich abhob, arbeitete dort an der Hürde. Dora beobachtete ihn einige Minuten lang durch einen scharfen Feldstecher.

»Jetzt geht er fort,« flüsterte ihr Grant ins Ohr.

Der Mann raffte sein Werkzeug zusammen und schritt nach der Straße hin, wo sein Zweirad im Schatten der Mauer lehnte. Nachdem er seinen Sack an die Lenkstange gehängt hatte, stieg er auf und war bald verschwunden.

»Was nun?« fragte Grant in großer Aufregung.

»Wir folgen ihm und lassen ihn nicht aus dem Gesicht.«

Nachdem sie etwa sieben Meilen auf der ebenen Landstraße hinter dem Manne hergefahren waren, sahen sie ihn die Tür zu Sir Werners Jagdhäuschen öffnen und eintreten.

Dora triumphierte. »So,« rief sie keuchend, denn sie war außer Atem, »jetzt können wir nach Hause fahren.«

Die versammelten Gäste befanden sich noch draußen auf dem Rasenplatz und die Radfahrer konnten ungesehen ins Haus schlüpfen.

»Morgen nach dem Frühstück spielen wir eine Partie Golf,« sagte Dora zu Grant, bevor sie auseinandergingen. »Während des Spiels können wir dann alles weitere verabreden.«

Am Morgen hatten das ganze weite Gelände für sich allein, denn die übrigen Gäste waren mit Vorbereitungen zum Wettrennen beschäftigt.

Weit zum Schlage ausholend, traf Dora den Ball in der Mitte, so daß er dicht am Boden hinsauste und gerade auf das Loch zuflog! Grants Ball landete eine Strecke weiter nach rechts in einer Vertiefung des Bodens.

»Genug für heute,« sagte Dora, »wir haben jetzt wichtigere Dinge vor. Sie hatten ganz recht, Herr Grant; bei jenem Rennen war wirklich Betrug im Spiele, und auch diesmal wird es mit unrechten Dingen zugehen, wenn wir uns nicht ins Mittel legen.«

»Ich war fest davon überzeugt. Aber wie ist der Streich ausgeführt worden?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Das heißt, Sie wollen nicht.«

»Nun ja, wenn Sie das lieber hören.«

»Jedenfalls darf das Rennen nicht zu stande kommen.«

»Im Gegenteil, es muß ruhig seinen Verlauf nehmen. Sagten Sie mir nicht, daß der Jockei seine Verhaltungsregeln von Ihnen erhält?«

»Ja, gewiß.«

»Und wollen Sie sich meinen Anweisungen fügen?«

»Sehr wohl. Sie brauchen nur zu befehlen.«

»›Griffin‹ muß sich beim Lauf zurückhalten und den: ›Jumping Frog‹ bis zur geraden Bahn die Führung überlassen.«

»Unmöglich!« war Grants kurze Antwort.

»Weshalb? Haben Sie kein Vertrauen zu mir?«

»Darum handelt es sich nicht, sondern um etwas ganz andres; mein Wort darauf, Fräulein Myrl. Der Jockei könnte es beim besten Willen nicht, und er würde es nicht tun, wenn er auch könnte. ›Griffin‹ führt stets das Rennen und läuft wie eine Lokomotive vom Start bis zum Ziel. Läßt man ihm den Willen, so ist er sanft wie ein Lamm; aber daß ihm ein andres Pferd vorauskommt, kann er einfach nicht ertragen. Es würde ihm das Herz brechen.«

»Und doch muß es geschehen, wenn er Sieger bleiben soll. Um Ihres Freundes willen ist es unbedingt nötig, verstehen Sie mich, Herr Grant.«

Doras Stimme hatte einen zornigen Klang.

»Den Grund wollen Sie mir also nicht sagen?«

»Nein. Wie kann ich wissen, ob Sie nicht irgend eine Torheit begehen würden? Doch dürfen Sie sich darauf verlassen, daß ›Griffin‹ das Rennen gewinnt, wenn Sie meinem Rat folgen. Sie haben doch versprochen, mir Ihr Vertrauen zu schenken,« fügte sie in milderem Ton hinzu.

Grant widerstrebte nicht länger. »Das will ich auch – hier meine Hand darauf. Was wird aber der Jockei sagen?«

»Ist er sehr geschwollen?«

»Durchaus nicht; nur ein braver Stallknecht, die Ehrlichkeit selbst und ganz vernarrt in ›Griffin‹. Reiten kann er wie der Teufel. Aber wir werden ihn nicht dazu bringen, sein Pferd absichtlich zurückzuhalten, wenn er nicht weiß, weshalb.«

»Könnten wir nicht gleich jetzt zu ihm gehen?«

»Das wäre wohl am besten. Vermutlich finden wir ihn im Stall. Er ißt, trinkt, raucht und schläft in ›Griffins‹ Box und schwatzt dabei unaufhörlich mit dem Tier.«

Vor der Stalltür angekommen, hörten sie drinnen jemand sprechen, und als Grant auf die Klinke drückte, sagte eine schrille Stimme: »Wir zwei wollen dem ›Jumping Frog‹ schon zeigen, wo er her ist, nicht wahr, mein Alterchen, das wollen wir.«

Als die Türe aufging, sprang der Jockei so rasch in die Höhe, daß der umgekehrte Stalleimer, auf dem er saß, polternd hinstürzte. Doch fuhr seine Hand nach der Mütze, sobald er die Eintretenden erkannte.

Schlank, zähe und dürr wie eine Latte stand er vor ihnen, der rothaarige Bursche mit den runden, wasserblauen Augen, deren Farbe so hell war, daß man kaum hätte sagen können, wo das Weiße aufhörte und das Blaue anfing.

»Ich bin gekommen, um dir andre Verhaltungsmaßregeln zu geben, Ned,« begann Grant ohne weiteres. »Du mußt dem ›Jumping Frog‹ die Führung lassen und ihn erst auf der geraden Bahn zum Ziel überholen –«

Der Jockei wurde purpurrot und seine wasserblauen Augen zwinkerten. »Ich soll mein Pferd zurückhalten? Hol mich der Henker, wenn ich's tue. Es ist ein verfluchter Schwindel!«

»Was soll das heißen, du unverschämter Kerl!« rief Grant, zornig seinen Golfstock schwingend.

Doch Dora hielt ihm den Arm fest. »Nur ruhig Blut,« flüsterte sie; »Ned ist ganz in seinem Recht, es gefällt mir von ihm.« Und zu dem Jockei gewandt, fuhr sie fort: »Höre mich an, Ned. Es ist kein Schwindel, vielmehr liegt uns alles daran, daß ›Griffin‹ Sieger bleibt.« Sie streichelte den Hals des schönen Braunen, der vor Vergnügen wieherte und seine Füße im Tanzschritt hob. »Ich habe selbst tausend Pfund auf ihn gewettet! Herrn Grants Einsatz wird fünftausend betragen, und wenn er meinem Rat folgt, läßt er auch fünfhundert für dich anschreiben. Kosten wird es ihn nichts, denn das Rennen ist so gut wie entschieden, wenn du nur tust, was dir gesagt wird.«

»Aber ich kann ja nicht, gnädiges Fräulein,« versetzte der Jockei in kläglichem Ton. »Der Gaul geht von Anfang an ab, wie aus der Pistole geschossen, da ist kein Halten.«

»Nun gut, so laß ihm zuerst seinen Willen. Aber nimm den zweiten Platz ein, sobald du kannst.«

Ned sah Doras zierliche Gestalt und ihr hübsches, aufgewecktes Gesicht mit bewundernden Blicken an.

»Ich will es tun, Fräulein, so wahr ich lebe, und sollte ich mir dabei die Arme ausrenken müssen.«

Am Morgen des Renntags herrschte in Wolverholt große Aufregung, denn jeder der fünfzig anwesenden Gäste hatte auf eins der Pferde gewettet und hohe Summen standen auf dem Spiel. Sogar ein königlicher Prinz war zugegen und hatte sich von Sir Werner bereden lassen, sein Geld auf »Jumping Frog« zu setzen. Schon eine Stunde vor Beginn des Rennens war die große Tribüne gedrängt voll. Dora hatte in einer Ecke Platz genommen, wo sie durch ihren scharfen Feldstecher die schwarze Hürde beobachten konnte, die ihr fast gegenüber lag, während Grant und Lord Wellmount, der noch am Vorabend des Rennens unerwartet zurückgekehrt war, ziemlich in der Mitte der Tribüne standen. Auf Doras Rat hatte Grant seinem Vetter nichts von ihrem Argwohn mitgeteilt.

Vorerst durchliefen die Pferde noch einmal in leichtem Galopp die Bahn. »Jumping Frog«, ein mächtig großer Fuchs mit schwarzen Flecken, strich weitausgreifend über den Boden dahin. »Griffin« war kleiner und von wohlgefälligerem, aber gedrungenerem Körperbau. Seine glänzende Haut hatte eine schöne kastanienbraune Farbe und er lief dahin, wie ein flüchtiges Reh.

Der Rennplatz war kreisförmig, die Bahn etwa zwei Meilen lang und der Start kaum fünfzig Meter vom Ziel entfernt.

»Los!«

Dora sah, wie »Griffin« mit Ned Caruther in Grün und Gold die Führung nahm. Zuerst kam Grün und Gold immer weiter vor Schwarz und Feuerrot voraus. Dann schloß sich das Feld allmählich wieder.

Lord Wellmount nahm sein Glas vom Auge. »Der verdammte Kerl hält das Pferd zurück,« stieß er zornig hervor. Doch Grant erwiderte kein Wort.

Jetzt zerrte Ned Caruther mit beiden Händen am Zügel und Sam Roper auf dem »Jumping Frog« mußte ihn schließlich einholen. Gleichzeitig sprangen die Renner über die erste Hürde, so daß ihre Mähnen sich leicht im Fluge berührten. Aber als sie drüben waren, stieß Caruther den »Griffin« zornig in die Flanke, und kaum hatte der edle Braune die Sporen gefühlt, als er in voller Pace dahinschoß. Die Distanz zwischen den beiden Pferden vergrößerte sich zusehends; sie durchliefen jetzt die Strecke, an deren Ende die große schwere Hürde stand; »Griffin« war um gute drei Längen voraus.

»Alle Wetter! Mein Pferd gewinnt doch, trotz seinem Reiter,« murmelte Wellmount vergnügt.

Dora war leichenblaß, ihr klapperten die Zähne, während der Hufschlag der flüchtigen Tiere immer näher kam und man die Farben der Jockeis leuchten sah.

Sie winkte dem vordersten Reiter in wahnsinniger Aufregung zu. Da faßte Ned plötzlich den rechten Zügel mit beiden Händen, riß den Kopf des Pferdes herum, daß es sich wie eine Gerte bog und die Hürde fast mit der Flanke berührte.

Im nächsten Moment nahm »Jumping Frog« das Hindernis. Er flog mit kräftigem Schwung empor, aber mitten in der Luft fuhr er schaudernd zusammen, wie ein vom Blei des Jägers getroffener Vogel und stürzte jenseits der Hürde kraftlos zu Boden. Als er sich wieder aufgerafft hatte, stand er mit bebenden Gliedern da und alle Bemühungen des Jockeis ihn vorwärts zu treiben, blieben fruchtlos.

Ned Caruther warf inzwischen den »Griffin« herum, nahm einen kurzen Anlauf, setzte über die hohe Hecke und galoppierte als glücklicher Sieger unter lärmenden Jubelrufen durchs Ziel.

Sir Werner geriet außer sich vor Wut, seine erkünstelte Gelassenheit war verschwunden, denn der Schlag traf ihn zentnerschwer.

»Ich bin schändlich betrogen,« schrie er, »es ist der niederträchtigste Schwindel. Die Wette bezahle ich nicht!«

»Was zum Henker wollen Sie damit sagen?« rief Lord Wellmount entrüstet. Da trat Dora Myrl entschlossen herzu.

»Lassen Sie mich ein paar Worte mit Ihnen reden, Sir Werner, ehe Sie sich noch mehr erhitzen.«

Er sah die klaren grauen Augen fest auf sich gerichtet. Es lag jetzt keine Spur des schelmischen Mutwillens darin, der ihm sonst so gut gefiel. Eine Ahnung beschlich ihn, daß er sich in diesem Mädchen gründlich getäuscht hatte, und er brauchte sich nicht erst lange zu fragen, wer ihm sein Spiel verdorben habe.

»Es ist Betrug und Hinterlist im Spiel gewesen, Sir Werner,« sagte Dora ruhig, als sie außer Hörweite der Versammlung waren, »aber nur von Ihrer Seite. Ihr Fluchen und Sträuben nutzt Ihnen nichts; ich kann Ihnen genau sagen, wie der Streich ausgeführt wurde. Herr Shore, Ihr guter Freund, hat im Jagdhäuschen eine elektrische Batterie aufgestellt und mit der Telegraphenleitung verbunden; eine mit Kupferschrot gefüllte Guttapercharöhre lief durch die dichten Zweige der Hecke bis zum äußersten Ende, wo sie in einer Glasflasche isoliert wurde. Das erste Pferd, das über die Hecke setzte, riß die Röhre durch, verstreute die Kupferkügelchen, stellte die Verbindung her und bekam einen starken elektrischen Schlag. Das Netz war sehr geschickt gestellt, Sir Werner, aber der falsche Vogel hat sich gefangen. Sie wollten die Taube schießen und trafen die Krähe. Machen Sie nur weiter keinen unnützen Lärm. Entweder müssen Sie bezahlen, oder alles eingestehen.«

Sir Werner zog es vor, die Wette zu bezahlen.

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