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Ein weiblicher Detektiv

Mathias McDonnell Bodkin: Ein weiblicher Detektiv - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorMathias McDonnell Bodkin
titleEin weiblicher Detektiv
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume19. Jahrgang. Band 3
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20111221
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quellewww.alte-krimis.de
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Die Sibylle.

»Teuerste Dora!

Bitte besuche mich, sobald Du kannst; ich bin in schrecklicher Not. Immer Deine Dich liebende

Mieze.«

»Was das wohl zu bedeuten hat?« dachte Dora, das Telegramm hin und her wendend. »Mieze in schrecklicher Not kann ich mir kaum vorstellen. Wahrscheinlich ist ihr ein Schoßhund gestorben oder ein ähnliches Unglück zugestoßen. Besuchen muß ich sie jedenfalls. Ich bin ja seit einer Ewigkeit nicht mehr bei ihr gewesen.«

Hier muß zuvor erwähnt werden, daß Marie oder wie sie allgemein genannt wurde, Mieze, eine Waise war, die bei ihrem Vormund Doktor Phillimore und seiner Frau in einer schönen Villa unfern von London wohnte. Mieze war eine reiche Erbin und ihr Vormund selber ein sehr wohlhabender Mann, der seine Praxis mehr aus Liebhaberei betrieb und nicht als wirklichen Beruf.

»Du gute, liebe Dora bist doch die beste Freundin von der Welt!« rief Mieze freudestrahlend, als sie der Erwarteten bis ans Tor von Roseneck entgegengeeilt kam und sich ihr heftig in die Arme warf. Sie war blond und blauäugig mit Grübchen in den Wangen; man hätte sie für fünfzehn Jahre halten können, doch zählte sie bereits zwanzig. Jetzt waren ihr die Augen vom Weinen gerötet, und während sie sprach, begannen ihre Tränen von neuem zu fließen. Als die beiden durch den Garten gegangen waren und sich der Villa näherten, hielt Mieze die Freundin ängstlich am Arm zurück.

»Bitte, geh nicht hinein,« flüsterte sie. »Laß uns hier außen miteinander reden. Seit dem Mord und der Totenschau fürchte ich mich in dem Hause.«

»Was redest du von Mord und Totenschau?« rief Dora in großer Bestürzung.

»Ach, du weißt ja noch gar nichts – das hatte ich ganz vergessen. Bis jetzt ist es Doktor Phillimore gelungen, das Unglück geheimzuhalten, damit es nicht in die Zeitungen kommt. Denke dir nur, Frau Phillimore ist letzte Woche vergiftet worden, und man hat meine arme Wärterin Fanny Maguire, die mich von klein auf so treulich gepflegt hat, des Mordes angeklagt und ins Gefängnis geschleppt.«

Das Mädchen brach in ein so trostloses Weinen aus, daß Dora sie rasch nach dem entlegensten Ende des Gartens führte. Hier nahmen sie in der blühenden Fliederlaube Platz, und es gelang Doras liebevollem Zureden bald, ihre junge Freundin einigermaßen zu beruhigen.

»Nun erzähle mir die ganze Geschichte, Mieze, von Anfang bis zu Ende.«

»Das will ich, so gut ich kann; ich sage dir aber, mir ist ganz wirr im Kopf von all dem Gräßlichen, was geschehen ist. Du weißt, die arme Fanny kam nach dem Tode meiner Eltern mit mir hier ins Haus. Mein Vater hatte das so bestimmt, und obgleich man sie gar nicht freundlich behandelte, wollte sie doch um meinetwillen nicht fortgehen. So oft Frau Phillimore böse auf mich war, was in letzter Zeit häufig geschah – weshalb, weiß ich nicht – nahm mich Fanny tapfer in Schutz. Doktor Phillimore war im letzten Jahr die Güte selbst gegen mich, aber mit seiner Frau konnte ich es kaum mehr aushalten. Sie sagte mir oft Dinge ins Gesicht, die ich nicht einmal vor dir wiederholen mag, Dora. Vor einem Vierteljahr kam dann Fräulein Graham an.«

»Wer ist denn das?«

»Sie sollte meine Erzieherin oder Gesellschafterin sein, wie mein Vormund wünschte. Gegen mich war sie ganz reizend und ich fühlte mich sehr glücklich. Fräulein Graham war wunderhübsch, eine herrliche Erscheinung mit großen braunen Augen, so schön wie deine. Doktor Phillimore kam ihr mit großer Höflichkeit und Aufmerksamkeit entgegen und nahm uns überall mit. Aber seine Frau zeigte sich noch unfreundlicher als zuvor; sie behandelte Mabel Graham mit förmlicher Grobheit, was diese jedoch kaum zu bemerken schien. Vor einer Woche kam die gute Mabel eines Tages weinend zu mir und sagte, sie müsse das Haus auf der Stelle verlassen. Todunglücklich darüber fragte ich sie, ob Frau Phillimore schuld daran sei. Doch sie verneinte es und sagte, die arme Frau tue ihr von Herzen leid. Warum Mabel so plötzlich fort mußte, erfuhr ich nicht; ja, als ich äußerte, ich würde mit dem Doktor darüber reden, geriet sie in große Aufregung und nahm mir das Versprechen ab, kein Wort davon zu sagen.

»Ich bat und quälte sie immer wieder, mir den Grund mitzuteilen, aber sie weinte nur, wurde rot und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Dann sprang sie plötzlich auf, küßte mich und rief schluchzend: ›Lebe wohl, mein Liebling, lebe wohl, und wenn die Leute hinter meinem Rücken Böses von mir sagen, so glaube es ihnen nicht.‹

»Daß Frau Phillimore sich über Fräulein Grahams Fortgehen freute, lag auf der Hand, aber dem Doktor tat es ebenso leid wie mir. Bei ihrer Abfahrt begleitete er sie bis zur Droschke; sie aber sah ihn gar nicht an und ließ sich nicht einmal von ihm beim Einsteigen helfen. Mir dagegen warf sie noch vom Fenster aus Kußhände zu, während ihre Augen in Tränen schwammen. Ich sah noch, wie Frau Phillimore ihr mit der geballten Faust drohte, dann rollte der Wagen fort. Als ich etwa eine Stunde später immer noch weinend im Wohnzimmer saß, trat der Doktor mit seiner Frau ein. Sie schien mich gar nicht zu bemerken, aber mein Vormund kam rasch auf mich zu, schloß mich in die Arme und küßte mich, was er noch nie getan hat.

»Ich war so überrascht, daß ich kein Wort sagte; auch machte ich mir nicht viel daraus. Er ist ja alt genug, um mein Vater sein zu können, und ich glaubte, er wolle mich trösten. Aber seine Frau stürzte sich auf mich wie eine Tigerin, stieß mit den Fäusten nach mir, riß mich an den Haaren und schlug mir ins Gesicht. Ich dachte, sie habe den Verstand verloren, und brachte vor Schrecken keinen Laut hervor. Doktor Phillimore schien ganz außer sich, kam mir aber nicht zu Hilfe, sondern zog nur wütend an der Klingel. Nun schrie ich aus Leibeskräften, worauf Fanny ins Zimmer gelaufen kam und gleich hinter ihr der Diener. Fanny warf sich sogleich auf Frau Phillimore, packte sie bei den Schultern und schüttelte sie tüchtig. ›Du abscheuliches altes Weib!‹ rief sie. ›Wagst du's noch einmal, mein Herzblatt anzurühren, so bring' ich dich um!‹

»Damit schleuderte sie Frau Phillimore von sich, daß sie zu Boden fiel, und lief dann zu mir, um mich zu streicheln und zu liebkosen, als ob ich ein kleines Kind wäre. Der Doktor und seine Frau gingen zur Türe hinaus, ohne ein Wort zu sagen, und als auch der Diener das Zimmer verließ, hörte ich ihn murmeln: ›Es ist eine wahre Sünde und Schande!‹

»Wir beide, Fanny und ich, setzten uns zusammen ans Kaminfeuer; ich lehnte den Kopf an ihre Schulter und ließ mir von der schönen alten Zeit erzählen, ehe wir in dies gräßliche Haus gekommen waren. In der folgenden Nacht aber geschah das Schreckliche. Frau Phillimore wurde mit Arsenik vergiftet, und obgleich der Doktor alles aufbot, um sie zu retten, starb sie doch in der Frühe des nächsten Morgens. Man hatte das Gift in die Tasse Schokolade geschüttet, die sie jeden Abend vor dem Schlafengehen zu trinken pflegte. Als die Dienerinnen bei der gerichtlichen Untersuchung eidlich vernommen wurden, sagte die eine aus, Fanny habe geäußert, sie werde ihrer Herrin einen Trank reichen, an dem sie genug haben solle, und die andre glaubte fast mit Bestimmtheit gesehen zu haben, wie Fanny etwas aus einem Papier in die Schokolade schüttete. Doktor Phillimore hatte vor einigen Tagen ein Quantum Arsenik gekauft und die Düte, auf welcher deutlich ›Gift‹ geschrieben stand, in ein Fach seiner Hausapotheke gelegt. Aus der Düte war so viel Arsenik genommen, daß man zehn Menschen damit hätte umbringen können. An jenem Abend war Fanny aus des Doktors Zimmer gekommen, und als er sie fragte, was sie da zu suchen habe, hatte sie geantwortet, sie wolle nur das Fenster schließen. Das alles kam bei dem Verhör heraus, und so wurde denn die arme Fanny des Mordes beschuldigt und in Haft genommen.

»Man erlaubte mir, sie einmal im Gefängnis zu besuchen. Sie hatte gar keine Angst und war nur darauf bedacht, mich zu beruhigen. Daß sie Frau Phillimore nie hatte leiden mögen, sei ganz richtig, sagte sie, aber an der Mordtat sei sie unschuldig wie ein neugeborenes Kind, und Gott werde die Wahrheit schon ans Licht bringen. Das glaube ich auch, und ich bin so froh, daß du gekommen bist, Dora. Du hast ja schon die wunderbarsten Entdeckungen gemacht und wirst die arme Fanny gewiß erretten.«

»Das müssen wir erst abwarten, liebe Mieze. Die Sache scheint auf den ersten Blick recht schlimm zu stehen. Wenn Fanny schuldig ist, will ich auch nicht einmal den Versuch machen, ihr zu helfen. Giftmischer sind mir von Grund der Seele verhaßt, weil sie ihre Opfer nicht in einem Anfall wilder Leidenschaft umbringen, sondern heimlich und mit kaltem Blute.«

»Aber Fanny ist unschuldig, darauf möchte ich schwören.«

»Deine Liebe zu ihr macht dich blind.«

»O nein; aber eine innere Stimme sagt es mir. Wenn du von dem Gedanken ausgehst, daß sie schuldig ist, Dora, so wirst du auf eine ganz falsche Fährte geraten.«

»Was glaubt denn Doktor Phillimore?«

»O, der ist so sonderbar! Er glaubt an nichts im Himmel und auf Erden. Nicht einmal den Anschein gibt er sich, als ob er um seine Frau trauerte oder auf Fanny erzürnt wäre. Er hat sogar versprochen, den besten Verteidiger für sie zu nehmen.«

»Und doch hält er sie für schuldig?«

»Das sagt er nicht; er meint nur, es lägen sehr starke Verdachtsgründe gegen sie vor.«

»Wird er sehr böse sein, wenn er hört, daß ich hier bin?«

»Gar nicht. Er weiß es schon. Als ich ihn fragte, ob ich nicht eine Freundin bitten könne, mir Gesellschaft zu leisten, weil ich mich fürchtete, allein zu bleiben, schien er ordentlich erfreut. ›Jawohl, natürlich,‹ antwortete er, und nach einer Weile erkundigte er sich, ob es Fräulein Graham sei. ›Nein,‹ sagte ich, ›Dora Myrl.‹ ›Ah, die Geheimpolizistin!‹ rief er lachend. ›Freilich, lade sie nur ein!‹ Nicht wahr, du nimmst es nicht übel, daß er gelacht hat?«

»Nicht im geringsten.«

»Und du wirst bei mir bleiben und mir helfen?«

»Ja, wenn du es so sehr wünschest. Ich will mir nur noch einige Sachen holen, zu Tisch bin ich wieder da. Zuvor möchte ich aber ein paar Fragen an dich stellen und verschiedene Besuche machen. Wer hat denn die Schokolade untersucht? Kannst du mir den Namen des Chemikers nennen?«

»Warte einmal – ich glaube, er heißt Doktor Fallon.«

»Den kenne ich; er gilt für sehr geschickt in seinem Fach. Fräulein Graham will ich auch aufsuchen. Du weißt doch, wo sie wohnt? Auch wirst du mir sagen können, in welches Gefängnis man deine alte Wärterin gebracht hat.«

»Ja, ich will die beiden Adressen aufschreiben.«

»Danke, und nun lebe wohl bis zur Essensstunde. Um sieben Uhr bin ich pünktlich wieder da. Sei guten Mutes, liebes Herz; ich will mein Möglichstes tun, damit die Unschuld freigesprochen wird und das Verbrechen den verdienten Lohn erhält.«

Vor der Türe wartete schon eine Droschke, die mit Dora rasch davonrollte.

Doktor Phillimore begrüßte Fräulein Myrl bei ihrer Rückkehr mit großer Herzlichkeit und setzte sich vergnügt zu Tische, ohne den geringsten Kummer über den Tod seiner Gattin zur Schau zu tragen.

Er war ein großer, kräftiger Mann, der kaum wie ein angehender Vierziger aussah, trotzdem sein glänzend schwarzes Haar schon mit Grau durchsetzt war. Seine Züge waren hübsch und ausdrucksvoll, nur hätte der Mund mit den regelmäßigen, weißen Zähnen etwas weniger breit sein dürfen, und die Lippen waren zu wulstig. Die großen, dunklen Augen gaben dem Gesicht ein sanftmütiges Aussehen und seine Stimme hatte etwas ungemein Wohlwollendes.

»Ich kann keinen Schmerz heucheln, Fräulein Myrl,« sagte er mit liebenswürdiger Offenheit. »Meine Frau hat uns alle unglücklich gemacht durch ihre schlimme Gemütsart; sie war von unbezähmbarer Heftigkeit und sehr hart gegen unsre liebe Mieze hier. So ist denn ihr Tod für alle Teile – auch für sie selbst – eine Wohltat gewesen.«

»Aber denken Sie doch an das künftige Leben, Doktor Phillimore.«

»O, mein Vormund glaubt ja an keine Fortdauer nach dem Tode,« fiel Mieze ein. »Ist das nicht entsetzlich!«

Der Doktor schob seinen leeren Suppenteller beiseite und schlürfte mit Behagen ein Glas Wein.

»Das sind ja alles Ammenmärchen,« sagte er gelassen, »an die heutzutage kein vernünftiger Mensch mehr wirklich glaubt, obgleich nur wenige dies eingestehen mögen, weil sie fürchten, ihrem ehrbaren Ruf zu schaden. Natürlich sucht die Geistlichkeit die Leute in ihrem Wahn zu erhalten, sie würde ja sonst ihre Macht einbüßen.«

»Der Doktor ist nämlich Atheist, Dora,« sagte Mieze.

»Das nicht gerade, liebes Kind,« versetzte Phillimore im sanftesten Ton. »Ich glaube nicht an Gott, doch leugne ich auch sein Dasein nicht. Darüber weiß ich einfach nichts Bestimmtes. Was mich anbetrifft, so rechne ich auf kein Leben nach dem Tode, außer dem Fortbestehen der Stoffe, die meinen Körper bilden, was mich nichts weiter angeht. Ich will mir daher möglichst viel Genuß in diesem Leben verschaffen, solange es dauert. Sie wissen ja, Fräulein Myrl, ein Sperling in der Hand ist besser als zehn auf dem Dach.«

Und er trank lachend sein Glas Champagner aus.

»Wenn aber alle so dächten, wäre von keinem moralischen Halt mehr die Rede.«

»Der moralische Halt – wenn es so etwas überhaupt gibt – richtet nicht allzuviel aus. Die Furcht vor Entdeckung und Strafe hat größere Macht. Sie ist es, die den Menschen hindert, ein Verbrechen zu begehen. Wir könnten alle tun und lassen was wir wollten, wären wir sicher, daß man die Spuren unsrer Taten nicht auffinden würde.«

»Sie glauben also an gar nichts Übersinnliches, Herr Doktor?« fragte Dora mit sichtlichem Interesse.

»O, ich bin für Belehrung durchaus nicht unzugänglich. Ich glaube an alles, was man mir beweisen kann. So halte ich zum Beispiel manches für wahr, was gemeinhin als Aberglauben bezeichnet wird, weil ich mich von der Richtigkeit der fraglichen Tatsachen überzeugt habe. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die das Zeugnis ihrer eigenen Sinne verwerfen, wo es sich um Dinge handelt, die mit den uns bekannten Naturgesetzen nicht übereinstimmen. Sowohl der Theosophie wie der Astrologie und Phrenologie spreche ich durchaus nicht alle Berechtigung ab. Und was besonders die Chiromantie betrifft, so gibt es zahlreiche Beweise dafür, daß ein Kundiger aus den Linien der Hand das Geschick des Menschen unfehlbar zu erkennen vermag.«

»Über solche Prophezeiungen habe ich mir von Bekannten die wunderbarsten Sachen erzählen lassen,« versicherte Dora. »Einem jungen Mädchen wurde die ganze Vergangenheit und Zukunft enthüllt; sogar der Name und die äußere Erscheinung des für sie bestimmten Gatten. Alles, was die Sibylle vorbrachte, verhielt sich wirklich so oder ist später eingetroffen. Und der Fall steht durchaus nicht vereinzelt da.«

»Sie wollen doch nicht schon gehen?« fragte der Doktor, als die beiden Freundinnen jetzt zusammen vom Tische aufstanden. »Ist Ihnen vielleicht meine Zigarre unangenehm? Sie haben mich ordentlich neugierig gemacht, Fräulein Myrl. Wie heißt denn diese merkwürdige Sibylle!«

»Madame Celestine, so viel ich weiß. Haben Sie denn ihre Anzeige noch nie in der ›Times‹ gelesen?«

Der Doktor ließ sich die Zeitung bringen und fand Madame Celestines Anzeige auf einer der ersten Seiten.

»Da hätte ich wahrhaftig Lust, einmal selbst vorzusprechen, um ihre Kunst auf die Probe zu stellen.«

»Das geht nicht so ohne weiteres,« erklärte Dora. »Sie würden vielleicht einen ganzen Tag lang warten müssen. In ihrem Empfangssalon drängen sich die Leute wie in den Sprechzimmern berühmter Ärzte, und sie verlangt auch ein ebenso hohes Honorar wie diese – fünf Guineen für jede einzelne Konsultation.«

»Das ist gar nicht zu teuer, wenn sie einen dafür wirklich in die Zukunft blicken lassen kann,« sagte Phillimore, indem er aufstand und an sein Schreibpult in der Ecke trat, wo er einen Scheck ausfüllte und ein paar Worte auf einen Zettel schrieb. Dann zerriß er jedoch beide Papiere wieder. »Nein,« murmelte er, »ich darf ihr meinen Namen nicht verraten – sie könnte sich erkundigen. Wenn sie meine Vergangenheit kennt, wird mir das ein Beweis dafür sein, daß sie mir die Zukunft richtig voraussagt. Besser, ich schicke ihr eine Postanweisung und erbitte mir die Antwort postlagernd.«

Tags darauf erzählte Doktor Phillimore bei Tische, daß Madame Celestine ihn auf den folgenden Tag um vier Uhr bestellt habe, und zeigte Dora eine rosa Karte, die ihm augenblicklich Einlaß verschaffen sollte. Er war offenbar sehr angeregt und befriedigt. »Haben Sie sich schon einmal aus der Hand wahrsagen lassen, Fräulein Myrl?« fragte er.

»Nein, aber vielleicht tue ich es früher oder später einmal.«

»Versäumen Sie es ja nicht. Bei Ihrem Beruf müßte es Ihnen sehr nützlich sein. Nicht wahr, Sie sind doch Geheimpolizistin?«

»Sie wollen sich über mich lustig machen, Herr Doktor.«

»Nein, nein, keineswegs,« versicherte er höflich. »Freilich muß ich gestehen, daß dieser Beruf für eine liebenswürdige junge Dame – ich will nicht gerade sagen komisch ist, aber mir doch ganz und gar nicht passend vorkommt.«

»Nicht wahr, Sie halten uns Frauen alle für schwach und töricht?« fragte sie lächelnd.

»Wie sollte mir das wohl einfallen? – Jedenfalls bilden Sie eine Ausnahme, Fräulein Myrl. Aber glauben Sie denn, daß eine Frau sich in körperlicher und geistiger Beziehung mit so verschlagenen und starken Männern messen könnte, wie man sie häufig in der sogenannten Verbrecherklasse findet?«

»Die Frau ist klug und der Mann ist keck; sein Selbstvertrauen bringt ihn ins Unheil.«

»Wer klüger ist, mag dahingestellt bleiben. Aber könnte denn zum Beispiel eine reizende junge Dame, wie Sie, einen verzweifelten Verbrecher festnehmen, dem weder ihr Geschlecht noch ihre Schönheit die geringste Achtung einflößt?«

»Ich wollte es schon irgendwie bewerkstelligen.«

»Sie weichen meiner Frage aus, Fräulein Myrl, das ist freilich bequem. Nehmen wir einmal an, Sie hätten es mit mir zu tun. Ich führe immer einen geladenen Revolver bei mir und verfehle mein Ziel nie. Doch dessen bedürfte es gar nicht – mit meiner bloßen Hand könnte ich Sie erwürgen.«

Lächelnd streckte er seine wohlgeformte weiße Hand aus und zog den Rockärmel fest, so daß man seine starken Muskeln sehen konnte, die wie Stricke hervortraten.

»Lassen Sie uns doch lieber annehmen, daß Sie nicht mein Gegner sind, sondern mir bei dem Fang Beistand leisten,« rief Dora, »das kommt mir viel wahrscheinlicher vor.«

»Ihr Vertrauen ist mir sehr schmeichelhaft, Fräulein Myrl. Falls sich die Gelegenheit bietet, werde ich Ihnen gern helfen. Wie wäre es aber, wenn Sie morgen mit mir zu Madame Celestine gingen? – Hätten Sie nicht Lust?«

»Es ist mir leider unmöglich. Ich habe morgen ein sehr wichtiges Geschäft vor. Doch werden wir uns später noch sprechen, Herr Doktor.«

»Ein Geschäft als Geheimpolizistin?«

»Ja, Sie haben es erraten,« gab sie lächelnd zur Antwort.

Madame Celestine bewohnte ein höchst anständiges Haus in der besten Stadtgegend. Ein sauberes Messingschild prangte an ihrer Tür und zwei berühmte Ärzte hatten sich in ihrer nächsten Nachbarschaft niedergelassen.

Beim Läuten der elektrischen Klingel wurde die Tür von einem Diener in Livree geöffnet und Doktor Phillimore betrat das hübsch ausgestattete Vorzimmer. Als die Tür des Empfangssaals aufging und eine Dame herauskam, sah der Doktor, daß dort eine Menge Leute warteten. Sobald er dem Diener jedoch die rosa Karte vorzeigte, wurde er auf einer geheimen Treppe in Madame Celestines Sprechzimmer geführt. Dies war ein großer Raum, der im ersten Stock nach hinten hinaus lag, ganz mit dunklem Samt verhängt und schwach erleuchtet war. Am andern Ende des Zimmers konnte er nur undeutlich das bleiche Gesicht einer Frau erkennen, die ihn mit weißer Hand durch das Dunkel zu sich winkte. An der Decke hing über ihrem Haupte eine elektrische Lampe mit engem, zylinderförmigem Schirm, der einen runden, weißen Lichtschein auf den Boden warf. Dicht neben dem Sitz der Sibylle stand ein zweiter Stuhl, auf dem Doktor Phillimore Platz nahm. Sie ergriff seine große, weiße Hand, hielt sie mit der Fläche nach oben und ließ den Strahl des elektrischen Lichtes darauf fallen. Er fühlte, wie ihre Fingerspitzen bebten, während sie die Linien genau betrachtete.

»Hier sehe ich Stärke ohne Skrupel,« begann sie mit leiser, wohllautender Stimme. »Ihr Leben hat sich nicht im gewöhnlichen Geleise bewegt und wird auch keinen gewöhnlichen Verlauf nehmen.«

»Nennen Sie nur Tatsachen,« fiel er ihr ins Wort.

»Soll ich von Ihrer Vergangenheit oder Ihrer Zukunft reden?«

»Zuerst von der Vergangenheit. Was Sie sagen, wird mir eine Bürgschaft sein, daß Sie mir über die Zukunft nur Wahrheit verkünden.«

»Ganz recht,« versetzte sie, »man lernt das Zukünftige erst kennen, wenn man die schon durchlaufene Bahn verfolgt.«

Sie nannte ihm nun seinen Namen, sein Alter und seinen Hochzeitstag.

»Das sind Kunststücke, auf die sich jede elende Wahrsagerin versteht,« sagte er grollend.

»Soll ich Ihren Charakter und Ihre Lebensansichten schildern?«

»Nein, aus denen habe ich nie einen Hehl gemacht. Sagen Sie mir etwas, wovon außer mir niemand weiß – dann will ich an Sie glauben.«

»Ein Geheimnis Ihres Lebens?«

»Ja.«

»Ein Verbrechen, das Sie begangen haben?«

Er fuhr zusammen, faßte sich aber gleich wieder. »Ja,« erwiderte er, »ein Verbrechen, wenn Sie es so nennen wollen.«

Eine Stille entstand; dann sagte die Sibylle langsam und nachdrücklich: »Sie haben Ihre Frau vergiftet.«

»Das ist erlogen!« rief er wild und wollte aufspringen.

Doch sie hielt seinen Arm fest, und jetzt zitterte ihre Hand nicht mehr. »Es ist nicht erlogen,« sagte sie mit Bestimmtheit; »Sie wissen, daß es wahr ist. Verhalten Sie sich ruhig, ich werde Ihnen alle Einzelheiten des Mordes berichten, samt dem Beweggrund, der Sie dazu getrieben hat.« Der Ton ihrer Stimme und die Berührung ihrer Hand hielten ihn wie in einem Bann; auch siegte die brennende Neugier, die ihn verzehrte, über seine Furcht und Bestürzung. Er hatte seine Kaltblütigkeit rasch wieder gewonnen.

»Reden Sie, ich will Ihnen zuhören,« erwiderte er vorsichtig.

»Ihre Frau war sehr eifersüchtig und von heftiger Gemütsart,« begann die Sibylle.

»Halten Sie sich nicht mit Gemeinplätzen auf,« unterbrach er sie.

»Doch Sie gingen Ihrem Vergnügen nach, ohne sich um die Gefühle Ihrer Frau zu kümmern. Eine rasende Leidenschaft für Fräulein Graham, die Erzieherin Ihres Mündels, hatte Sie ergriffen.«

Er fuhr wieder zusammen und wollte unwillkürlich die Hand schließen, deren Linien sie betrachtete; dann murmelte er: »Reden Sie weiter!«

»Als Sie Fräulein Graham Ihre Liebe erklärten, verließ sie noch am nämlichen Tage voller Entrüstung Ihr Haus.«

»Vielleicht hat sie Ihnen alles das selbst erzählt –«

»Etwa auch das Folgende? – Sie beschlossen, sich von Ihrer Frau zu befreien und den Verdacht auf die Irländerin Fanny Maguire zu wälzen, so daß Ihnen selbst keine Gefahr drohte. Um Ihre Frau eifersüchtig zu machen und zum Zorn zu reizen, küßten Sie Ihr Mündel an jenem Abend in ihrer Gegenwart. Die heißblütige Irländerin, die dazu kam und das Kind nicht mißhandeln lassen wollte, stieß Schmähreden gegen Ihre Frau aus, die, wie Sie wußten, als schwerwiegender Schuldbeweis gegen jene gelten würden. Ja, die erbitterte Fanny schüttete sogar Ihrer Frau aus Rache Rhabarberpulver in die Schokolade. Sie sahen die Alte in Ihr Zimmer gehen und hofften, sie würde das Arsenik nehmen. Da sie das nicht tat, bedienten Sie sich selber des Giftes und lenkten den Verdacht auf die Irländerin.«

Die Sibylle sprach mit leiser Stimme, doch so deutlich, daß man jedes Wort verstehen konnte. Seltsamerweise hörte ihr Doktor Phillimore, nachdem er sich von seinem Schrecken erholt hatte, mit einer gewissen Befriedigung zu. Sein Glaube an die Handwahrsagerei war bestätigt worden; er setzte nun volles Vertrauen in diese Kunst und hoffte Vorteil daraus zu ziehen.

Der Anflug von Furcht ging bei ihm rasch vorüber und er kannte keine Scham.

»Das ist alles sehr interessant,« sagte er mit fester Stimme.

»Ist es nicht wahr?«

»Wozu fragen Sie mich, wenn Sie es so genau wissen?«

»Weil Ihre Zukunft von der Vergangenheit abhängt. Ich kann nur Schritt für Schritt in meiner Erkenntnis weitergehen und muß Gewißheit haben – bevor ich vorwärts dringe. Deshalb wiederhole ich meine Frage, ob ich die Wahrheit verkündet habe.«

»Freilich ist es wahr,« erwiderte er hohnlachend. »Doch werde ich im Notfalle meine Unschuld beschwören.«

»Wer hat das Arsenik in die Tasse geschüttet?«

»Ich sage Ihnen ja, daß ich es war!«

Sie wollte weiter reden, doch er fiel ihr hastig ins Wort: »Jetzt ist es an mir, Fragen zu stellen. Sagen Sie mir, wird Mabel Graham je mein eigen werden?«

Die Sibylle betrachtete seine Hände genau, zuerst die rechte, dann die linke.

»Die Linien sind schwach,« sagte sie. »Ich kann Ihr Schicksal daraus nur undeutlich erkennen und muß mich erst noch eingehender überzeugen. Oft ist der Rücken der Hand ebenso wichtig als die innere Fläche.«

Damit legte sie seine beiden Hände fest zusammen, daß sich die Fingerspitzen und die Gelenke berührten und beugte sich dann nieder, um sie genau zu betrachten.

Plötzlich blitzte etwas auf in dem hellen Lichtkreis, man vernahm ein Klirren von Metall und ein paar Handschellen saßen fest an des Doktors Gelenken.

»Das ist meine Antwort,« rief Dora Myrl, nicht mehr mit verstellter Stimme, und sprang von dem Stuhl auf. »Mabel Graham ist für immer vor Ihren Nachstellungen sicher und Fanny Maguire hat ihre Freiheit wieder!«

Das Zimmer war auf einmal vom Glanz des elektrischen Lichts erhellt und zwei Männer in Polizeiuniform sprangen hinter den Samtdraperieen hervor. Sie faßten den Bösewicht bei der Schulter und führten ihn mit sich fort.

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