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Ein weiblicher Detektiv

Mathias McDonnell Bodkin: Ein weiblicher Detektiv - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorMathias McDonnell Bodkin
titleEin weiblicher Detektiv
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume19. Jahrgang. Band 3
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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quellewww.alte-krimis.de
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Der Krückstock.

Der junge Mann atmete erleichtert auf, als er den kleinen schwarzen Reisesack aus derbem Kalbleder dicht neben sich auf einen Platz in dem leeren Eisenbahncoupé gestellt hatte.

Es kostete ihn eine offenbare Anstrengung, den Sack zu heben, und doch war er groß und kräftig gebaut, auch gewissermaßen hübsch. Er hatte hellblondes Haar und trug einen Schnurrbart. Der Ausdruck seines runden Gesichts war ehrlich und gutmütig, doch nicht besonders geistreich, und in den blaßblauen Augen stand jetzt seine innere Sorge und Unruhe zu lesen. Kein Wunder – denn auf dem armen Menschen lastete eine schwere Verantwortlichkeit. Der unscheinbare schwarze Sack enthielt fünftausend Pfund Sterling in Gold und Banknoten, und er – ein jüngerer Kommis in dem berühmten Bankhaus Gower & Grant – sollte diesen Schatz von der Hauptbank in London nach einem zweihundert Meilen entfernten Zweiggeschäft auf der Eisenbahn mitnehmen. Der ältere und erfahrenere Kommis, dem die Beförderung des Goldes für gewöhnlich oblag, war im letzten Augenblick auf ganz unerklärliche Weise erkrankt und man hatte Jim Pollock gewählt, ihn zu vertreten. »Pollock ist groß und stark genug, um jedem, der ihm etwas anhaben will, den Schädel einzuschlagen,« sagte der Bankdirektor, »der ist unser Mann.«

So erhielt denn der junge Kommis den heiklen Auftrag, und es war dem kräftigen Burschen so bange dabei zu Mut wie einem kleinen Kinde, während er doch sonst keine Furcht kannte. Auf der ganzen Strecke hatte er den Sack immer mit der rechten Hand festgehalten und ihn nicht aus den Augen gelassen. Doch jetzt war der Anschluß in Eddiscombe glücklich erreicht! der Schaffner schloß den Reisenden in ein leeres Coupé erster Klasse ein und bis zum nächsten Haltepunkte ging die Fahrt siebenundvierzig Meilen ohne Unterbrechung weiter.

Froh, eine Zeitlang seine Besorgnis abschütteln zu können, lehnte sich Pollock in die weichen Kissen zurück, zündete seine Pfeife an, zog eine Sportzeitung aus der Tasche und vertiefte sich in den Bericht über den internationalen Wettkampf der Fußballklubs in Rugby. Jim hatte den Ehrgeiz, dort selbst einmal einen Preis zu gewinnen.

Der Zug verließ die Bahnstation und rasselte in gleichmäßiger Schnelligkeit durch das ebene Land. Jim las noch immer in seiner Zeitung: dabei bemerkte er nicht, daß zwei scharfe Augen unter dem Sitz gegenüber verstohlen aus dem Dunkel nach ihm spähten. Er sah nicht, wie eine lange, sehnige Gestalt sich einer Schlange gleich auseinanderwand und hervorkroch. Ahnungslos saß er da, bis ihm plötzlich zwei Mörderhände die Kehle zuschnürten und ein Knie ihm die Brust einzudrücken drohte.

Wohl war Jim stark, aber ehe er noch Zeit fand, seine Kraft zu betätigen, lag er schon auf dem Fußboden des Coupés hingestreckt und ein in Chloroform getränktes Tuch war ihm fest in Mund und Nase gesteckt.

Im ersten Augenblick wollte er verzweifelte Gegenwehr leisten und den tückischen Feind von sich schleudern. Doch das Betäubungsmittel raubte ihm Besinnung und Stärke: er fiel schwer auf den Rücken und lag wie ein Stück Holz am Boden.

Bevor den wackeren Burschen das Bewußtsein verließ, dachte er noch: »Nun ist das Geld verloren!« Dies war auch sein erster Gedanke, als er ganz schwindlig im Kopf und mit zermartertem Hirn aus der todähnlichen Ohnmacht erwachte. Der Zug fuhr mit voller Geschwindigkeit: die Coupétür war noch verschlossen, außer ihm befand sich kein Mensch im Wagen – aber der Sack war fort.

Wie wahnsinnig suchte Jim in den Netzen und unter den Bänken – alles leer. Er beugte sich zum Fenster hinaus und schrie um Hilfe.

Der Zug mäßigte seine Geschwindigkeit allmählich und fuhr schnaubend in die Station ein. Schaffner kamen herbeigestürzt und der Stationsvorsteher folgte ihnen bedächtig, eingedenk seiner Würde. Bald drängte sich eine dichte Menge um die Coupétür.

»Man hat mich beraubt,« schrie Jim, »ein schwarzer Sack mit fünftausend Pfund ist mir gestohlen worden.«

Jetzt bahnte sich der Inspektor einen Weg durch die Menge.

»Wo hat der Raub stattgefunden, Herr?« fragte er den aufgeregten Jim, der mit zerzausten Haaren in unordentlichem Aufzug vor ihm stand, mißtrauisch betrachtend.

»Eine Strecke hinter Eddiscombe, wo ich umgestiegen war.«

»Wie ist das möglich? Zwischen hier und Eddiscombe haben wir keine Haltestelle und das Coupé ist leer.«

»In Eddiscombe schien es mir auch leer, aber ein Mann muß unter dem Sitz versteckt gewesen sein.«

»Jetzt ist niemand dort versteckt,« sagte der Bahninspektor trocken. »Sie werden gut daran tun, die Polizei in Kenntnis zu setzen, es ist ein Detektiv auf dem Bahnsteig.«

Der Polizist, dem Jim Pollock seine Geschichte erzählte, hörte ihm zu, ohne eine Miene zu verziehen, und erklärte dann, er müsse ihn in Untersuchungshaft nehmen, bis die nötigen Nachforschungen angestellt wären.

Sofort wurde ein Telegramm nach Eddiscombe abgesandt, wobei sich ergab, daß die Verbindung unterbrochen war. Diese Störung konnte erst vor ganz kurzem eingetreten sein, denn noch eine Stunde zuvor war eine Depesche dort richtig angelangt. Die Ursache der Betriebsstörung ließ sich leicht entdecken, denn neun Meilen hinter Eddiscombe fand man eine Stelle der Leitung, wo mehrere Drähte fast bis auf die Erde herabgezogen und die Isolatoren an einer der Telegraphenstangen zertrümmert waren. Der Boden ringsum zeigte Spuren schwerer Fußtritte, die man durch mehrere Felder bis auf die Landstraße verfolgen konnte, wo sie sich verloren. Trotz aller Bemühungen gelang es der Polizei nicht, noch weitere Anhaltspunkte aufzufinden.

Einige Tage später wurde eine Visitenkarte für Dora Myrl in ihrem kleinen Bureauzimmer abgegeben, wo sie emsig arbeitend am Schreibtisch saß. Gleich darauf trat der bekannte Bankier Sir Gregor Grant, ein behäbiger Herr mittleren Alters mit wohlwollendem Gesicht, bei ihr ein.

»Mein Freund, Lord Mellecent, hat mir von Ihnen erzählt, Fräulein Myrl,« sagte er, ihr die Hand reichend. »Ich bin Teilhaber des Bankhauses Gower & Grant und komme, Sie um Ihren Beistand zu bitten. Vermutlich haben Sie von dem Raub auf der Eisenbahn gehört.«

»Was in den Zeitungen stand habe ich gelesen.«

»Weiter wissen wir auch nicht viel. Ich komme selbst zu Ihnen, Fräulein Myrl, weil mich die Sache persönlich sehr nahe angeht. Es ist nicht sowohl der Verlust des Geldes, den ich beklage, obgleich er bei der Höhe der Summe wohl empfindlich ist. Aber auch die Ehre der Bank steht auf dem Spiel. Wir haben immer unsern Stolz darein gesetzt, daß die Angestellten sich bei uns wohl befanden und unsre Fürsorge ist auch belohnt worden. Seit fast einem Jahrhundert ist kein einziger Fall von Betrug oder Unredlichkeit in unserm Bankhause vorgekommen und wir möchten seinen makellosen Ruf womöglich unbefleckt erhalten. Gegen unsern Gehilfen James Pollock liegt ein starker Verdacht vor. Ist er schuldig, so soll er natürlich bestraft werden. Aber ich hoffe, daß sich seine Unschuld beweisen läßt und deshalb komme ich zu Ihnen.«

»Was glaubt denn die Polizei?«

»Sie hält ihn für den Schuldigen und jeden Zweifel für ausgeschlossen. Nach ihrer Ansicht war niemand im Coupé, folglich konnte es auch niemand verlassen. Pollock muß das Geld einem Helfershelfer durchs Fenster zugeworfen haben. Man will sogar im Boden die Spur gefunden haben, die der schwere Sack beim Fallen hinterließ – etwa hundert Meter näher an Eddiscombe als die Stelle, wo die Telegraphendrähte beschädigt sind.«

»Was ist denn bis jetzt geschehen?«

»Man hat den jungen Pollock festgenommen und steckbrieflich nach einem Mann mit einem schweren kalbledernen Sack gesucht. Das ist alles. Den Hauptdieb meint die Polizei ja ohnehin schon in Händen zu haben.«

»Und was ist Ihre Ansicht?«

»Offen gestanden, Fräulein Myrl, mir ist die Sache zweifelhaft. Allem Anschein nach würde man es für unmöglich halten, daß jemand aus einem Zug entkommt, der in voller Fahrt ist. Aber ich habe unsern jungen Beamten im Gefängnis gesprochen und weiß nicht, was ich davon denken soll.«

»Könnte ich ihn nicht auch sehen?«

»Das würde mich sehr freuen.«

Nachdem Dora kaum fünf Minuten lang mit James Pollock verhandelt hatte, zog sie den Bankier beiseite. »Ich glaube, jetzt zu wissen, wie ich es anfangen muß, Sir Gregor,« sagte sie. »Doch kann ich den Fall nur unter einer Bedingung übernehmen.«

»Ich stelle Ihnen jede Summe zur Verfügung.«

»Um mein Honorar handelt es sich nicht. Davon ist bei mir nie die Rede, bevor der Fall entschieden ist. Aber ich brauche Herrn Pollocks Beistand. Ihr Gefühl hat Sie nicht betrogen – der junge Mann ist unschuldig.«

Auf der Polizei herrschte große Unzufriedenheit, als die Bank ihre Klage zurückzog und James Pollock aus dem Gefängnis entlassen wurde. Man munkelte sogar, die Staatsanwaltschaft werde Einspruch erheben. Pollock fuhr unterdessen in Dora Myrls Gesellschaft mit einem Morgenzug von London nach Eddiscombe. Er empfand eine grenzenlose Dankbarkeit und Ergebenheit für seine Befreierin. Natürlich bildete der Raubanfall ihr Hauptgespräch unterwegs.

»Der Sack war wohl recht schwer, Herr Pollock?« fragte Dora.

»Allzuweit hätte ich ihn nicht tragen mögen.«

»Und doch fehlt es Ihnen nicht an Kraft, sollte ich meinen.« Und sie prüfte seine vorstehenden Muskeln höchst sachverständig mit den Fingerspitzen, wobei er über und über rot wurde.

»Würden Sie den Räuber wieder erkennen, wenn Sie ihn sähen?«

»Auf keinen Fall. Ehe ich noch wußte, wie mir geschah, hatte er mir die Kehle zugedrückt und mir das Tuch mit dem Chloroform in den Mund gestopft. Nicht wahr, Sie glauben doch was ich sage, Fräulein Myrl? Die andern behaupten alle, es sei gar kein Mann dagewesen. Verübeln kann ich es ihnen freilich nicht, denn wie soll der Kerl den Zug verlassen haben, der mit einer Geschwindigkeit von sechzig Meilen die Stunde dahinsauste. Mir ist das unbegreiflich, und meiner Treu, wenn ich's nicht selber wäre, sondern ein andrer, ich würde ihn nach den Indizien auch für schuldig halten. Wissen Sie denn, wie das Kunststück gemacht worden ist, Fräulein Myrl?«

»Das bleibt einstweilen noch mein Geheimnis. Nur so viel kann ich Ihnen sagen, daß ich mich in dem Städtchen Eddiscombe nach einem Fremden mit einem Krückstock umsehen werde, wenn er auch keinen schwarzen Sack trägt.«

In Eddiscombe gab es drei Gasthäuser, aber Herr Mark Brown und seine Schwester machten große Ansprüche. Sie versuchten es mit allen dreien nacheinander, immer nach einem Fremden ausspähend, der einen Krückstock trug. In ihrer Mußezeit durchstreiften sie die Stadt und Umgegend auf zwei vorzüglichen Fahrrädern, die sie wochenweise mieteten.

Als Fräulein Brown (sonst Dora Myrl genannt) eine Woche nach ihrer Ankunft an einem sonnigen Nachmittag die Treppe des dritten Gasthauses hinunterging, begegnete ihr ein Mann in den besten Jahren, der ein klein wenig hinkte und sich auf einen starken eichenen Stock stützte, der glänzend lackiert war und einen gebogenen Griff hatte. Ohne ihn weiter zu beachten, schritt sie an ihm vorüber, aber am Abend plauderte sie mit dem Stubenmädchen und erfuhr, der Fremde sei ein Handlungsreisender, ein gewisser Herr Crowder, der seit einigen Wochen sein Absteigequartier in dem Gasthaus genommen habe und von Zeit zu Zeit mit der Bahn nach London fahre oder auf seinem Fahrrad über Land. »Ein netter, anspruchsloser, freundlicher Herr,« fügte das Mädchen aus eigenem Antrieb hinzu.

Am nächsten Tag begegnete Dora Myrl dem Fremden wieder auf der Treppe. Als sie zur Seite trat, um ihn vorbeizulassen, blieb ihr Fuß an dem Stock hängen, der ihm aus der Hand geschleudert wurde und polternd die Treppe hinunter bis in die Vorhalle rollte.

Dora eilte dem Stock nach, brachte ihn dem Eigentümer zurück, und entschuldigte sich höflich wegen ihrer Ungeschicklichkeit. Zuvor hatte sie jedoch auf der Innenseite der Krücke einen tiefen Einschnitt bemerkt, der durch den Lack ins Holz hineinging. An jenem Abend klimperte Dora eine Weile zerstreut auf dem Klavier in ihrem Wohnzimmer. Sie fuhr mit den Fingern, mechanisch über die Tasten, während ihre Gedanken offenbar ganz wo anders weilten. Plötzlich schloß sie das Klavier mit einem Krach.

»Morgen wollen wir einen Ausflug auf unsern Fahrrädern machen, Herr Pollock,« wandte sie sich an Jim, der ihr geduldig und verständnislos, aber voll Bewunderung zugehört hatte. »Die Stunde kann ich Ihnen noch nicht genau angeben, aber halten Sie sich auf alle Fälle bereit.«

»Jawohl, Fräulein Myrl.«

»Stecken Sie auch einen langen, starken Strick in die Tasche. Sagen Sie einmal, haben Sie einen Revolver?«

»Mein Lebtag habe ich noch kein solches Ding besessen.«

»Dann könnten Sie wohl auch nicht damit schießen?«

»Ich weiß kaum, was hinten und was vorn ist. Aber meine Fäuste verstehe ich zu gebrauchen, wenn das etwas nützen kann.«

»In diesem Fall ganz und gar nichts. Eine einzige Kugel kann dem geübtesten Preisfechter das Handwerk legen. Übrigens genügt ein sechsläufiger Revolver, und ich bin keine ganz schlechte Schützin.«

»Aber Sie wollen doch damit nicht sagen, Fräulein Myrl, daß Sie selber –«

»Ich will jetzt kein Wort weiter sagen. Sorgen Sie nur dafür, daß Sie die Fahrräder und den Strick bereit haben.«

Am nächsten Morgen frühstückte Dora ungewöhnlich zeitig, nahm dann ein Buch zur Hand und setzte sich im Wohnzimmer an das Erkerfenster, das auf die Straße ging. Während sie anscheinend las, hatte sie stets ein wachsames Auge auf die steinernen Eingangsstufen, die man vom Fenster aus sehen konnte.

Gegen halb zehn Uhr kam Herr Crowder die Stufen herunter, doch hinkte er gar nicht mehr, sondern trug ein Zweirad, an dessen Lenkstange ein großer Leinwandsack befestigt war. Ohne Zögern eilte Dora in die Halle hinunter, wo die Fahrräder bereit standen. Im nächsten Augenblick saßen Pollock und sie im Sattel und jagten auf der ebenen Straße mit Windeseile dahin. Weit unten sahen sie gerade noch Crowders hohe Gestalt um die Ecke verschwinden.

»Wir müssen ihn im Auge behalten,« rief Dora während der raschen Fahrt ihrem Gefährten zu. »Das heißt, ich darf ihn nicht aus dem Gesicht verlieren und Sie mich nicht. Ich fahre jetzt voraus und Sie bleiben zurück; aber sobald ich mit dem Taschentuch winke, kommen Sie angesaust.«

Pollock nickte und folgte ihrer Anweisung. So fuhren denn die drei Radler in gleichem Abstand hintereinander her zur Stadt hinaus und auf der Landstraße weiter. Etwa eine Stunde lang ging es immer geradeaus, und zwar entfernten sie sich immer mehr von der Eisenbahn. Dann aber wechselte Crowder die Richtung, so daß sie sich der Bahnlinie wieder näherten. Als er sich dabei umsah, gewahrte er am Ende der einsamen Straße nur ein junges Mädchen auf ihrem Fahrrad. Nach einer Weile blickte er wieder zurück, sah aber niemand mehr, denn Dora fuhr dicht an der inneren Biegung. Jetzt waren sie noch ungefähr eine Meile von der Stelle entfernt, wo die Drähte beschädigt worden waren. Dora kannte die Gegend genau und zweifelte nicht, daß sie das Ziel ihres Ausfluges bald erreicht haben würden. Die Straße wand sich jetzt allmählich einen dicht bewaldeten Hügel hinauf. Der vorderste Radler beschleunigte die Fahrt; Dora strengte sich gewaltig an, ihm zu folgen und Pollock jagte so schnell hinterdrein, daß der Abstand zwischen ihm und Dora sich verringerte. Auf dem Gipfel des Hügels angekommen, machte Crowder eine scharfe Biegung und fuhr dann rasch auf glattem Wege den Abhang hinunter, über den die verschlungenen Äste der Waldbäume ein dichtes Blätterdach wölbten. Am Fuß des Hügels fuhr er noch eine Strecke weiter, sprang dann plötzlich vom Rad und warf einen scharfen Blick nach rückwärts. Es war niemand zu sehen, denn Dora war bei der Biegung zurückgeblieben. Nachdem Crowder sein Fahrrad in einem tiefen Graben, der links an der Straße neben einer Mauer hinlief, verborgen hatte, wo es von zufällig Vorübergehenden nicht bemerkt werden konnte, band er den Leinwandbeutel los und erklomm die Mauer mit großer Behendigkeit.

Dora kam gerade noch rechtzeitig um die Ecke, als er von oben in den dichten Wald hineinsprang. Sogleich ließ sie ihr Taschentuch wehen, setzte sich im Sattel fest und sauste den Abhang hinunter. Pollock sah das Zeichen, beugte sich tief auf die Lenkstange herab und kam in rasender Eile bis zum Gipfel gefahren.

Das Rad im Graben diente Dora als Wegweiser. Leicht wie ein Vogel schwang sie sich auf die Mauer, raffte ihr enges Kleid fest zusammen und strengte ihre Augen und Ohren aufs äußerste an. Sehen konnte sie nichts, aber aus geringer Entfernung vernahm sie ein leises Rascheln in den Zweigen. Nun schlich sie verstohlen und geräuschlos durchs Unterholz, bis sie einen dunkelgrauen Anzug zwischen dem Laubwerk schimmern sah. Noch wenige Schritte und sie konnte alles klar übersehen. Der Mann kniete am Boden: er hatte einen schwarzen Ledersack unter den dicht verwachsenen Farnkräutern am Fuß einer alten Buche hervorgeholt und war jetzt beschäftigt, eine Menge kleiner Säcke in den großen Leinwandbeutel hineinzustopfen.

Dora glitt vorsichtig weiter, bis zu einer kleinen Lichtung, wo das Buschwerk aufhörte und sie den rechten Arm frei gebrauchen konnte.

»Guten Morgen, Herr Crowder!« rief sie mit scharfer Stimme.

Der Mann fuhr jäh empor, wandte sich und sah etwa sechs Schritte entfernt, im hellen Sonnenschein, ein Mädchen stehen, das ihn mit spöttischem Lächeln anschaute.

Einen Fluch ausstoßend, ließ er die Säcke los und fuhr mit der Hand nach seiner Rocktasche.

»Nichts da! Hände in die Höhe!« erklang der Befehl in gebieterischem Ton.

Er sah wieder hin. Im Sonnenschein blitzte der Lauf eines Revolvers, der von fester Hand gehalten, gerade nach seinem Kopf zielte.

»Hände in die Höhe, oder ich schieße!« Er gehorchte der Weisung. Gleich darauf brach Jim Pollock krachend durchs Unterholz, wie ein Elefant durch die Dschungeln.

Einen Schrei der Überraschung ausstoßend, stand er wie festgewurzelt.

»Aufgepaßt!« rief ihm Dora gelassen zu. »Kommen Sie mir nicht in die Schußlinie. Dort links herum geht Ihr Weg. Nehmen Sie ihm den Revolver weg, der in seiner rechten Rocktasche steckt. So, nun binden Sie ihm die Hände.«

Jim Pollock tat ohne Besinnen, was ihm geheißen wurde. Aber als er den starken Strick um Crowders Handgelenk schnürte und ihm die Arme festband, mußte er daran denken, wie jener im Eisenbahncoupé ihn gewürgt und betäubt hatte und welche Schmach ihm daraus erwachsen war. Wenn er die Stricke nun um so fester anzog, dürfen wir es ihm kaum verübeln.

»Packen Sie jetzt das übrige ein,« sagte Dora, und Jim stopfte den Rest eifrig wieder in den schwarzen Ledersack.

»Werden Sie die Last aber auch tragen können?«

Jim verzog den Mund zu einem glückseligen Lachen und schwenkte beide Säcke mit Leichtigkeit in der Luft.

»Stehen Sie auf,« befahl jetzt Dora dem gefesselten Diebe, »und gehen Sie vor uns her. Ich will Sie gleich nach Eddiscombe mitnehmen.«

Als sie die Landstraße erreicht hatten, band Pollock den Leinwandbeutel an seinem eigenen Fahrrad fest, dann schraubte er auf Doras Wunsch eine von Crowders Trittkurbeln los. Der Gefangene hob flehend die gefesselten Hände empor; allein Dora blieb ungerührt.

»Ergeben Sie sich drein,« sagte sie. »Ich habe gesehen, wie fest Sie im Sattel sitzen. Pollock wird Ihnen aufhelfen und acht geben, daß Sie nicht herunterfallen. Sie haben ein waghalsiges Spiel getrieben und sind besiegt worden. Jetzt müssen Sie auch die Kosten zahlen; das versteht sich von selbst.«

Ganz Eddiscombe geriet in die größte Aufregung, als der Bankdieb am hellen Mittag durch das Städtchen nach dem Polizeiamt geschafft und in sicheren Gewahrsam genommen wurde. Von dem jauchzenden Zuruf der Menge begleitet, fuhr Dora auf dem Fahrrad weiter und stieg vor ihrem Gasthof ab.

Dort erschien Sir Gregor Grant infolge einer telegraphischen Depesche noch am selben Abend. Dora und Jim Pollock mußten mit ihm speisen und der Wirt trug das Beste auf, was es in Küche und Keller gab.

»Auf Ihr Wohl, Pollock!« rief der Bankier, der vor Freude übersprudelte wie der Wein in seinem Champagnerglas. »Wir wollen tun, was wir können, um Sie für die erlittene Unbill zu entschädigen. Ihr Honorar, Fräulein Myrl, möchte ich selber bestimmen. Was meinen Sie, würde Ihnen die Hälfte des geretteten Schatzes genügen? Aber nun sagen Sie mir, wie in aller Welt haben Sie den Dieb und das Geld entdeckt? Ich vergehe fast vor Neugier, es zu hören.«

»Das war gar nicht schwer, wenn man es recht bedenkt. Ich sagte mir, der Mann würde doch kein Narr sein und mit dem schweren Sack im Lande umherziehen, während man ihn steckbrieflich verfolgt. Er mußte ihn zunächst verbergen und eine günstige Zeit abwarten. Als er Herrn Pollock im Hotel erblickte, beschleunigte er seine Maßnahmen, wie ich vorausgesehen hatte.«

»Aber wie haben Sie den Mann gefunden und wie ist er aus dem Schnellzug entkommen? – Doch das werden Sie mir am besten sagen können, Pollock!«

»Mich fragen Sie nur nichts,« erwiderte Jim, der Dora mit stummer Bewunderung betrachtete. »Fräulein Myrl hat alles allein ins Werk gesetzt. Ich weiß nur, daß der Kerl den Einschnitt in seinen Stock gemacht hat, sobald ich bewußtlos dalag. Aber wie und wozu, kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Ich will es Ihnen mit Vergnügen erklären, Sir Gregor; Sie haben gewiß bemerkt, daß an der Stelle, wo der Telegraph beschädigt war, die Drähte auf dem Bahndamm dicht am Zug vorbeiliefen. Für einen kräftigen und flinken Mann war es eine Kleinigkeit, die Krücke seines Stockes an ein paar Drähten festzuhaken und sich daran durchs Fenster in die Luft hinauszuschnellen. Dabei wurde er natürlich gegen die Telegraphenstange geschleudert und zertrümmerte die Isolatoren.«

»Wahrhaftig, so muß es gewesen sein, Fräulein Myrl; die Sache ist wirklich einfacher, als man denkt. Doch verstehe ich noch immer nicht –«

»Die Drähte, an denen das Gewicht des Mannes hing, schnitten natürlich tief in das Holz seines Stockes ein. Sie können das hier ganz deutlich sehen.«

Sir Gregor betrachtete die Krücke des dicken Eichenstockes, den Dora ihm hinhielt, aufmerksam durch seine goldene Brille.

»Sobald ich diesen Einschnitt in Crowders Stock sah,« schloß Dora bedächtig, »hatte ich nicht den geringsten Zweifel mehr, wie alles zugegangen sein mußte.«

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