Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Mathias McDonnell Bodkin >

Ein weiblicher Detektiv

Mathias McDonnell Bodkin: Ein weiblicher Detektiv - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/bodkin/weibdete/weibdete.xml
typenarrative
authorMathias McDonnell Bodkin
titleEin weiblicher Detektiv
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume19. Jahrgang. Band 3
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20111221
projectiddcce40ed
quellewww.alte-krimis.de
Schließen

Navigation:

Die versteckte Violine.

»Ich käme gerne, Sylvia, aber ich kann nicht.«

»Du mußt, Dora!«

»Das ist leicht gesagt. Ich habe einen dringenden Fall zu bearbeiten, der bis morgen fertig sein muß. Wo soll ich die Zeit hernehmen?«

»Du wirst es schon einrichten.«

Die beiden Mädchen hatten am Nachmittag in Doras freundlichem, kleinem Wohnzimmer behaglich bei einer Tasse Tee gesessen. Jetzt sprang Sylvia so hastig auf, daß ihr seidenes Kleid raschelte; schelmische Grübchen zeigten sich in ihren Wangen und ihre Augen leuchteten. Sie mußte wohl eine angenehme Überraschung für die Freundin auf dem Herzen haben, die sie nur noch mit Mühe zurückhielt.

Dora folgte ihr mit den Blicken.

»Höre Sylvia, ich bin zwar Geheimpolizistin, aber dein Rätsel kann ich nicht raten. Wenn du es etwa in deinem neumodischen seidenen Ärmel verbirgst, dann nur heraus damit! –«

Sylvia stellte sich in freudiger Erregung vor sie hin.

»Signor Nicolo Amati wird bei uns spielen. So, nun weißt du's.«

Dora Myrl dachte an keinen Widerstand mehr.

»Natürlich komme ich,« sagte sie lächelnd.

»Ob du Zeit hast oder nicht?«

»Unter allen Umständen!«

Eine solche Gelegenheit hätte sich auch niemand entgehen lassen, geschweige denn ein Mädchen wie Dora Myrl, der die Lebenslust in allen Fingerspitzen prickelte.

Ganz London – das heißt, das ganze gebildete und kunstliebende Publikum Londons, war noch immer voll davon, daß der berühmte Mäcen und Musikkenner, Lord Mellecent, bei einer Reise, die er mit seiner Tochter Sylvia durch Norditalien machte, in einem unter Weinlaub verborgenen Dörfchen am Ufer des Po einen wunderbaren Violinisten mit einer himmlischen Geige entdeckt hatte.

Der Lord war sofort überzeugt gewesen, daß die Geige ein Meisterwerk von Antonio Stradivarius sein müsse, und der Geiger erwies sich als ein direkter Nachkomme von Nicolo Amati, dessen Namen er trug. Seit Jahrhunderten hatte sich das kostbare Instrument von Generation zu Generation in der hochbegabten Familie Amati vererbt und für die einfachen Dorfbewohner Musik gemacht. Bei Hochzeiten hatte es zum Tanz aufgespielt und an den Gräbern hatte es seine Klage erschallen lassen. Unter allen Geigern aber, die je mit dem Bogen seine Saiten gerührt hatten, galt der junge Nicolo für den ausgezeichnetsten. Er wußte seiner wunderbaren Violine Töne zu entlocken, die lieblicher waren als das Vogelgezwitscher zur Frühlingszeit und wehmütiger als das Stöhnen des Herbstwindes in den entlaubten Bäumen.

Lord Mellecent geriet außer sich vor Entzücken und konnte sich von dem sonnigen Dörfchen nicht losreißen, bis es ihm nach einem Monat gelang, den Geiger samt seiner Violine nach dem nebligen London zu entführen. Man munkelte sogar, die blauen Augen seiner goldhaarigen Tochter Sylvia seien bei dieser Eroberung nicht ganz unbeteiligt gewesen.

Nicolo Amati hatte seine Kunst nicht auf theoretischem Wege erlernt. Die zauberhaften Melodieen, die er zu spielen verstand, wurden ihm nur, wenn man so sagen darf, durch das Gehör als Erbteil übermittelt. Seine ganze Seele war voll Sang und Klang, und die Musik entströmte den Saiten seines Instruments mit solcher Leichtigkeit, wie der Nachtigall ihr Lied aus der Kehle quillt. Als er nun die Meisterwerke der großen Komponisten kennen lernte, sah er sich in eine neue Welt versetzt, die ihm ungeahnte Genüsse bot.

Im Frühling war er nach London gekommen, und als man die Ankündigung las, daß er im Anfang des Herbstes zum ersten Male öffentlich auftreten werde, wurden die Gemüter von fieberhafter Erwartung erfüllt.

So standen die Dinge, als Lord Mellecents Tochter ihrer Freundin Dora Myrl die aufregende Nachricht verkündigte, daß der Künstler, noch vor dem öffentlichen Konzert, bei einem Empfangsabend in ihrem elterlichen Hause spielen würde.

Beide Mädchen waren Schulgefährtinnen gewesen. Die um drei Jahre ältere Dora, die sowohl in der Klasse als auf dem Spielplatz immer die Erste war, hatte sich der schüchternen blondlockigen Kleinen bei ihrem Eintritt in die Schule liebevoll angenommen und ihr alle Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt. Daraus entstand allmählich eine innige Freundschaft, doch war und blieb Dora für Sylvia immer eine Respektsperson, und die Grafentochter schaute mit Ehrfurcht und Liebe zu der Geheimpolizistin auf. Seit einiger Zeit widmete sie aber auch zugleich dem wunderbaren Italiener ihre Huldigung und Signor Nicolo Amati wurde häufig in den Gesprächen der Freundinnen erwähnt. Dora brannte vor Begierde, ihn zu sehen und zu hören, und zwar nicht um Sylvias willen. Sie selber liebte die Musik leidenschaftlich und wünschte sich persönlich davon zu überzeugen, ob der neue Abgott am Kunsthimmel des Weihrauchs würdig sei, den man ihm streute.

»Ich kenne natürlich seinen unvergleichlichen Wert,« sagte Sylvia, als die erste Aufregung der Mädchen verflogen war und sie wieder ruhig Platz genommen hatten. »Außer mir gibt es in ganz London aber nur noch zwei Leute, die ihn gehört haben, Papa und seinen alten Lehrer. Alle übrigen kommen fast um vor Neugier, gerade wie du, Dora. Und wenn du etwa glaubst, es wird sich herausstellen, daß mein Schwan nur eine Gans ist, so irrst du dich gewaltig. Wir werden an dem Abend nicht mehr als fünfzig Personen bei uns sehen, obgleich man mich förmlich bestürmt hat, um Einladungen zu erhalten. Seit vierzehn Tagen sehe ich mich genötigt, verkleidet umherzugehen, sonst wäre ich nicht mit dem Leben davongekommen.« In ihrer glückseligen Gemütsstimmung plauderte Sylvia immer weiter.

»Monsieur Gallasseau kommt auch. Nicht wahr, du kennst ihn doch? Er ist der zweitbeste Violinspieler der Welt. Bis jetzt hält er sich für den ersten Meister, aber er wird seinen Irrtum schon inne werden. Nein, schüttle nur nicht so ernsthaft den Kopf; du hast ja unsern Italiener noch nicht gehört?«

»Du meinst wohl deinen Italiener, Sylvia?«

»Wenn du mir die Worte im Munde verdrehst, Dora, nehme ich die Einladung für dich zurück, hörst du! Komm nur ja recht früh. Jetzt muß ich aber gehen.«

Sie war bei dem Scherz der Freundin lieblich errötet und verließ rasch das Zimmer.

Unter den fünfzig Eingeladenen, die im großen Empfangssaal des Mellecentschen Hauses in der Parkstraße versammelt waren, herrschte die freudigste Spannung! ja sie konnten es kaum erwarten, bis die Diener, die mit silbernen Teebrettern geräuschlos zwischen den Gästen umhergingen, die Erfrischungen herumgereicht hatten. Aus dem leisen Gemurmel der Stimmen hörte man immer nur einen Namen heraus oder allerlei abgerissene Sätze, wie: »Man sagt, es sei entzückend!« – »Die reinste Sphärenmusik!« – »Die ganze Geige soll aus einem Stück Holz geschnitzt sein!« – »Und er ist noch so jung und ein so schöner Mann!« – »Er hätte sich gar nicht von Lord Mellecent überreden lassen, nach London zu kommen, wäre Sylvia nicht gewesen. Aber man sagt, sie habe alles daran gesetzt.« – »Der Lord kann aber doch unmöglich seine Einwilligung geben. Er ist viel zu ...« – »Heutzutage ist nichts unmöglich. Das Genie dringt überall durch und zerbricht alle Schranken.«

Unterdessen saß Sylvia unbefangen neben Dora Myrl in der vordersten Zuhörerreihe, gegenüber dem Podium, in dessen Mitte das Violinpult auf dem dunkelroten Teppich stand. Sie sah reizend aus in dem weißen Kaschmirkleid mit den blauen Bandschleifen: freudige Erwartung strahlte aus ihren Blicken und ihre Wangen glühten wie die Rosen.

Jetzt entstand eine plötzliche Stille und aller Augen richteten sich auf das Podium, als Lord Mellecent mit zwei Herren aus einer Seitentür trat. Einige der ersten musikalischen Größen Londons folgten ihnen.

Der berühmte Franzose Gallasseau, ein großer, breitschulteriger Mann mit dunkler Gesichtsfarbe, schritt lächelnd zu Mellecents Rechten; doch der junge Italiener zu seiner Linken fesselte vorzugsweise die Blicke der Anwesenden. Hätte auch bisher nichts von seinem Genie verlautet, so würde seine Schönheit allein die allgemeine Aufmerksamkeit erregt haben. Man glaubte, eine griechische Göttergestalt zu sehen; sein blühendes Gesicht trug wahrhaft klassische Züge und aus seinen schwarzen Augen sprühte feurige Begeisterung.

Im Saal war alles totenstill, nur auf dem Podium hörte man Stimmengeflüster. Der geschmeidige Franzose bestand mit höflichen Worten darauf, seinem jungen Berufsgenossen den Vortritt zu lassen, und nach einigem Hin- und Herreden trat Nicolo Amati vor auf die Estrade.

Eine wundervolle alte Geige, die beim Kerzenlicht ihre satte, dunkelrote Färbung zeigte, schmiegte sich an sein Kinn. Er schien sie nur zu liebkosen, so leicht war der Griff, mit dem er sie hielt. Als er dann mit dem Bogen über die Saiten strich, lauschte das Publikum in atemloser Erregung. Solche Töne waren noch nie erklungen, seit Orpheus durch die Macht seiner Musik wilde Tiere gezähmt, Bäume und Steine bewegt und den grimmen Beherrscher der Unterwelt erweicht hatte. Die wahrhaft entzückenden, berauschenden Klänge nahmen Herzen und Sinne gefangen. Wechselvoll wie das Leben selbst riefen sie bald Freude und Liebe, bald Gram und Kummer wach. Gleich einem Regen vielfarbiger Funken perlten die Noten rasch und klar hervor, und dann wimmerte, klagte oder sang die Zaubergeige wieder in der Hand des Meisters. Sie floß über von süßen Melodieen, als habe sie allen Wohlklang bewahrt, der ihr je entlockt worden war, und wolle im Schatz ihrer Erinnerung schwelgen.

Als die Musik endlich in langen, schmelzenden Akkorden dahinstarb, füllten sich aller Augen mit Tränen und eine Weile schienen die Zuhörer noch im Geist den himmlischem Klängen zu lauschen. Dann brach der Beifall los, aber nicht wild und stürmisch, sondern gedämpft, mit ehrfurchtsvoller Scheu, wie aus tiefbewegten Herzen kommend.

Amati verbeugte sich dankend und Dora flüsterte: »Sein Spiel hat ihn selber gerührt, sieh nur den feuchten Glanz in seinem Blick.«

Sylvia erwiderte kein Wort, sie saß regungslos da und ihre Augen leuchteten wie verklärt.

Jetzt erhob sich ein Gemurmel im Saal.

Gallasseaus Namen wurde gerufen, aber ohne besondere Wärme. Doch der Franzose wollte auf nichts eingehen; er weigerte sich zu spielen. »Nein, nein,« sagte er und zog seine breiten Schultern in die Höhe. »Ich will den Zauber nicht brechen. Der Besiegte grüßt den Sieger,« fügte er hinzu, indem er sich lächelnd vor Amati verneigte, »doch möchten Sie mich gewiß nicht öffentlich an ihren Triumphwagen ketten, mon ami. Wenn ich Ihnen allein vorspielen und Ihrer Geige zuhören dürfte, würde ich es als eine Gunst betrachten. Aber das ist vielleicht zu viel verlangt.«

Ehe noch Lord Mellecent Einwendungen erheben konnte, erwiderte Amati höflich und in fließendem Englisch, das im Munde des Italieners einen besonderen Wohllaut gewann: »Sie sind allzu bescheiden, Monsieur Gallasseau. Es wird mir eine Ehre sein, wenn Sie mich morgen um zwölf Uhr in meiner Wohnung aufsuchen wollen. Ich stehe dann samt meiner Violine ganz zu Ihren Diensten.«

Gallasseau dankte ihm verbindlich und ohne eine Spur von Neid. Die meisten Zuhörer hatten sich erhoben und entfernten sich geräuschlos, als stünden sie noch unter dem Zauberbann der Musik.

»Dora, du bleibst!« flüsterte Sylvia der Freundin zu. »Amati verbringt den Abend bei uns und wird noch mehr spielen. Ihr müßt gute Bekannte werden.«

»Es ist nicht mein Verdienst, Signorina,« sagte der Italiener im Laufe des Abends zu Dora Myrl, die kaum Worte fand, und ihr Entzücken über seine Kunst auszusprechen. »Ich spiele nicht; meine Geige tut es. Sie ist voller Melodieen, die nur schlafen, bis mein Bogenstrich sie weckt.«

»Ein wunderbares Instrument!« fiel jetzt Lord Mellecent ein, der sich die Gelegenheit, sein Steckenpferd zu reiten, nicht entgehen lassen wollte. »Sie wissen doch,« fuhr er zu Dora gewandt fort, »daß es ein Meisterwerk von Stradivarius ist! dessen eigene Handschrift bürgt uns dafür. Er selbst hat die Violine seinem Paten, dem Sohn seines Lehrers Nicolo Amati, geschenkt. Zweihundert Jahre lang haben Mitglieder der Familie Amati auf der Geige gespielt und ihr Ton ist heute noch zauberhafter als an dem Tage, da sie aus des Meisters Hand hervorging. Keine Violine in der ganzen Welt läßt sich mit dieser vergleichen. Sehen Sie nur die Schnecke an, wie sauber, scharf und fein sie geschnitzt ist! Wie anmutig ist die Biegung des Halses, wie schön geschweift der Resonanzboden. Und erst der Firnis, dieser wunderbare Firnis, dessen Bereitung für die heutige Welt ein unerforschtes Geheimnis ist – er glüht von innen heraus, wie Drachenblut.«

Mellecent hielt die Violine gegen das Licht und die glatte Oberfläche funkelte wie dunkelroter Wein in fleckenloser Schönheit! nur an den Stellen, welche die Hand zahlloser Geiger während der langen Reihe von Jahren berührt hatte, schimmerte die Unterlage von goldgelbem Firnis durch das abgenutzte hellere Rot hindurch.

Dora, die überall Bescheid wußte, verstand sich auch auf Violinen und konnte den Wert des herrlichen Instruments gebührend würdigen. Die ganze Nacht hindurch klang die Musik ihr noch im Ohr und in der Seele fort; auch den Tag über mischte sie sich in alle ihre Gedanken, und störte sie bei der Bearbeitung des dringenden Falls, den sie gerade unter den Händen hatte.

Da kamen rasche Schritte die Treppe herauf, und ohne anzuklopfen, stürmte Sylvia ins Zimmer. Dora hatte sich mit ihrem Drehstuhl umgewandt und sah Nicolo Amatis schönes Gesicht mit trostlosem Ausdrucke hinter dem hastig erregten Mädchen auftauchen. Sobald Sylvia zu Atem gekommen war, ergriff sie das Wort! »Nicht wahr, Dora, du wirst sie wieder finden! Ich habe es dem Signore versprochen. Seine Violine, weißt du – sie ist gestohlen – verschwunden – aber du findest sie gewiß.«

»Wenn ich kann,« war Doras ruhige Antwort. Sie preßte die Lippen zusammen und in ihren klaren, grauen Augen blitzte es seltsam auf. »Vor allem muß ich die näheren Umstände erfahren. Beruhige dich, Sylvia, und nimm Platz. Setzen Sie sich, Signor Amati. Nun erzählen Sie mir, wie das zugegangen ist.«

Amatis Bericht über seinen Verlust wurde häufig von Sylvias teilnehmenden Ausrufungen unterbrochen. Viel hatte er nicht mitzuteilen. Monsieur Gallasseau war statt um zwölf Uhr, wie sie verabredet hatten, schon um Elf gekommen.

Als er mit seinem Violinkasten in einer Droschke vorfuhr, und man ihm sagte, Signor Amati sei ausgegangen, war er sehr enttäuscht. Zuerst beschloß er, zu warten, gab aber diese Absicht gleich wieder auf. Schon nach einigen Minuten kam er, den Violinkasten noch immer auf dem Arm, die Treppe herunter und fuhr fort.

Man teilte dies Amati mit, als er um zwölf Uhr nach Hause kam. Gleich darauf wollte er seine Geige aus dem Kasten nehmen, aber sie war verschwunden. Natürlich fuhr er sofort nach der etwa zwei Meilen entfernten Wohnung des Franzosen. »Als ich dort ankam,« erzählte Amati weiter, »sagte man mir, Monsieur wohne im vierten Stock. Am Eingang fand ich den Türhüter.

»›Kann ich Monsieur Gallasseau sprechen?‹ fragte ich.

»›Monsieur hat strengen Befehl gegeben, daß man ihn auf keinen Fall stören soll.‹

»›Haben Sie die Güte, ihm meine Karte zu bringen.‹

»Der Mann ging mit der Karte zum Fahrstuhl, und während er dort einen Augenblick warten mußte, lief ich unbemerkt vorbei und die steile Treppe hinauf.«

»Bravo!« murmelte Dora leise.

»Ich öffnete die Türe des Wohnzimmers im vierten Stock – doch es war leer. Da hörte ich über mir Geigentöne – das war meine Violine. Rasch stieg ich weiter. – Die Klänge wurden lauter und voller. O, er versteht zu spielen, dieser Monsieur Gallasseau. Ich drückte auf die Klinke; die Türe war verschlossen. Als ich heftig klopfte, hörte die Musik sofort auf; ich vernahm Schritte im Zimmer und ein Metallgeklingel, darauf öffnete sich die Türe und Monsieur Gallasseau stand lächelnd auf der Schwelle.

»›O, Signor Amati,‹ sagte er, ›wie freue ich mich, Sie zu sehen.‹ Indem kam der Türhüter herauf, doch er schickte ihn zornig fort. ›Ich war eben in Ihrem Hause,‹ erklärte er mir dann, ›fand Sie aber nicht. Haben Sie sich in der Stunde geirrt, oder liegt die Schuld an mir? Dann muß ich Sie freilich sehr um Entschuldigung bitten.‹

»Ich stand einen Augenblick wie verdutzt da über seine Frechheit. Dann brach ich los: ›Ich komme, um meine Violine zu holen, die Sie mir entführt haben.‹

»Er reichte mir mit verwunderter Miene seine eigene Geige hin, die auf dem Tisch lag. ›Wenn Sie spielen wollen – sie steht Ihnen zu Diensten. Doch ist Ihr Instrument natürlich viel schöner.‹

»›Meine Geige ist mir gestohlen worden, Monsieur.‹

»›Gestohlen? – Wie ist das möglich? Sie wissen also nicht, wo sie ist?‹

»›Doch, ich weiß es,‹ rief ich voll Zorn. ›Vor wenigen Minuten hörte ich Sie noch darauf spielen, ehe Sie die Tür öffneten.‹

»Er wollte auffahren! dann zuckte er lächelnd die Achseln. ›Eine wunderliche Behauptung, Signore,‹ sagte er; ›aber ich begreife, daß Sie Ihre schöne Geige über alles lieben. Durchsuchen Sie gefälligst mein Zimmer.‹

»Nun suchte ich überall, selbst an den unwahrscheinlichsten Plätzen, konnte aber nichts entdecken.

»›Haben Sie sich nun überzeugt?‹ fragte er höflich.

»›Daß Sie sich ein sehr schlaues Versteck ausgedacht haben müssen,‹ entgegnete ich.

»›Ich will Ihnen die Grobheit verzeihen, Signore, weil Sie einen so schweren Verlust erlitten haben. Adieu!‹

»›Nein, nicht adieu, Monsieur. Verlassen Sie sich darauf, ich kehre zurück.‹

»›Der Signore wird mir stets willkommen sein,‹ erwiderte er.

»Unterwegs bin ich sodann der Signorina Sylvia begegnet und sie hat mich hergebracht.«

Dora hatte mit halbgeschlossenen Augen und zusammengezogenen Brauen aufmerksam zugehört.

»Ich möchte noch ein paar Fragen an Sie stellen. Bitte Sylvia, sei du ganz still. – Hat Monsieur Gallasseau Ihnen offen ins Gesicht gesehen?«

»Jawohl, und er lächelte dabei. Solange ich im Zimmer war, ließ er mich nicht aus den Augen.«

»Haben Sie nicht bemerkt, ob er am Halse – doch, nein, auf so etwas gibt ein Mann nicht acht. – Können Sie mir sagen, ob ein Spiegel im Zimmer hängt?«

»O, ja, das wollte ich noch erwähnen, es waren vier kleine Spiegel in Metallrahmen da, die in Messingketten hingen. Aber alle vier waren mit dem Glas nach der Wand gekehrt.«

»Wie sonderbar. Haben Sie die Spiegel nicht umgewendet, Signore?«

»Nein, aber ich habe sorgfältig untersucht, ob nicht vielleicht dahinter eine Öffnung in der Mauer war. Ich fand jedoch nichts dergleichen.«

»Und sind Sie überzeugt, daß die Violine sich im Zimmer befand, als Sie klopften?«

»Vollkommen überzeugt. Ich habe sie gehört.«

»Könnten Sie sich über den Ton nicht täuschen?«

»Nein, das ist unmöglich! Eine Mutter würde das Lachen ihres Kindes, ein Liebender die Stimme der Geliebten nicht mit größerer Sicherheit erkennen.«

»Und Sie haben keine Ahnung, wo die Geige versteckt war?«

»Nicht die entfernteste.«

»Aber du weißt es, Dora!« rief jetzt Sylvia mit Ungestüm.

»Das muß sich erst noch herausstellen. Doch jetzt an unser Geschäft. Sie sagen, Signore, daß im Hause eine Wohnung leer steht, die sich gerade unter Monsieur Gallasseaus Zimmer befindet? Gut, morgen miete ich diese Wohnung, und ich werde mich freuen, wenn Sie mich dort so oft und so lange besuchen wollen, als es Ihre Zeit erlaubt. Das heißt, falls du nichts dagegen einzuwenden hast, Sylvia.«

Ein kleiner Puff und ein Kuß war Sylvias Antwort. Der Scherz gab ihr neue Zuversicht; Dora würde schwerlich so heiter sein, wenn sie ihrer Sache nicht gewiß wäre.

Als Amati am dritten Tage Dora in ihrer neuen Wohnung aufsuchte, begegnete ihm Gallasseau auf der Treppe und grüßte ihn mit verbindlichem Lächeln. Noch am selben Nachmittag, während Amati und Dora zusammen beim Tee saßen, ließen sich plötzlich die wundervollen Töne einer Geige vernehmen. »Das ist meine Violine, ja sie ist es!« rief Nicolo ausspringend; »ich will sie schon finden!«

»Nicht so hastig,« sagte Dora und legte die Hand beschwichtigend auf seinen Arm, »Sie haben es schon einmal vergebens versucht; jetzt ist die Reihe an mir.«

»Lassen Sie uns zusammen gehen.«

»Wie Sie wollen. Doch glaube ich nicht, daß Gallasseau uns beide einlassen wird.«

Leise schlichen sie die teppichbelegte Treppe hinauf. Immer lauter und entzückender ertönte die Musik.

»Haben Sie keinen Zweifel?« fragte Dora.

»Ganz und gar keinen.« Amati wollte die Tür öffnen, fand sie aber verschlossen. Sobald er daran rüttelte, schwieg die Geige; man hörte Schritte im Zimmer, der Schlüssel wurde umgedreht und Monsieur Gallasseau erschien in der offenen Tür.

»Guten Abend, Mademoiselle,« sagte er lächelnd, »guten Abend, Signor. Sie kommen, mich um Entschuldigung zu bitten, nicht wahr?«

»Ich komme, um meine Nachforschung fortzusetzen,« war die kurze Antwort.

»Was, wirklich?« sagte er mit verächtlichem Achselzucken. »Nun, gut, sei es drum. Aber es ist das letzte Mal, daß ich mir die Störung gefallen lasse.«

Dora und Amati wollten zusammen hinein; doch der Franzose blieb auf der Schwelle stehen, den Eingang versperrend.

»Nein, nein, beide dürfen Sie nicht eintreten. Entweder das Fräulein oder Sie, Signore. Mir wäre Mademoiselle natürlich angenehm.«

»Wie Sie wünschen, Monsieur,« sagte Dora. »Bitte, warten Sie unten in meinem Wohnzimmer, Signore; in fünf Minuten bringe ich Ihnen Ihre Violine.«

Belustigt lächelnd trat Gallasseau rückwärts ins Zimmer hinein und ließ Dora an sich vorbei. »Es ist sehr komisch,« sagte er, »aber ich heiße Sie, Mademoiselle, in meiner bescheidenen Wohnung willkommen. Finden Sie die Violine nur – wenn Sie können.«

Dora warf einen raschen Blick im Zimmer umher, doch begab sie sich nicht aufs Suchen.

»Weshalb haben Sie die Spiegel fortgenommen, Monsieur?« fragte sie ruhig.

Er machte ein bestürztes Gesicht, doch faßte er sich gleich wieder: »Meine Spiegel, ja so! Hätte ich gewußt, daß mich Mademoiselle mit einem Besuch beehren wollte, so würde ich sie noch nicht zum Lackierer geschickt haben. Es tut mir leid, daß Mademoiselle die Spiegel vermißt.«

»O, das tut nichts. Aber setzen Sie sich, Monsieur. Während ich meine Forschung anstelle, brauchen Sie doch nicht stehen zu bleiben.«

»Verzeihung, Mademoiselle, es wäre unhöflich, mich in Ihrer Gegenwart zu setzen. Ich will lieber stehen und Mademoiselle betrachten, wenn es gestattet ist.«

»Ganz wie Sie wollen.« Dora trat an den Tisch neben der Tür, wo des Franzosen eigene Violine lag. »Hier saßen Sie, Monsieur, und haben gespielt, als wir auf die Klinke drückten?«

»Jawohl, Mademoiselle.«

»Und Sie machten die Tür sofort auf?«

»Gewiß, im nächsten Augenblick!«

»Der Stuhl steht nur ein paar Schritte von der Tür. Da blieb Ihnen also keine Zeit, eine Violine zu verstecken.«

»Ganz und gar keine, Mademoiselle.«

»Außer, wenn Sie sie in Ihrer Nähe verbargen.«

»Natürlich,« stimmte der Franzose bei, der verwundert dreinschaute.

Jetzt gab Dora dem Gespräch plötzlich eine andere Wendung.

»Verzeihung, Monsieur, aber Sie haben da im Kragen ein weißes Band, das ganz fest angezogen ist. Das muß ja sehr unbequem sein. Sie erlauben mir wohl?«

Sie streckte die Hand aus, doch er wich erschreckt vor ihr zurück.

»Ach, es ist ja auch gar nicht nötig,« fuhr Dora gelassen fort. »Sie haben sich ohnehin bereits überzeugt, daß Ihr Spiel entdeckt ist. Bitte, drehen Sie sich um.«

Monsieur Gallasseau zögerte noch eine Sekunde, dann lächelte er mit süß-saurer Miene.

»Sie sind sehr klug, Mademoiselle,« sagte er, und als er sich umwandte, hing ihm wirklich die Violine am Rücken herunter, wie einer schönen jungen Dame ihr Goldhaar.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.