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Ein weiblicher Detektiv

Mathias McDonnell Bodkin: Ein weiblicher Detektiv - Kapitel 13
Quellenangabe
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typenarrative
authorMathias McDonnell Bodkin
titleEin weiblicher Detektiv
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume19. Jahrgang. Band 3
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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quellewww.alte-krimis.de
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Künstliche Flügel.

»Ist es wirklich wahr?« fragte Dora, während sie sich mit ihrem Tänzer im Takte nach der schmachtenden Walzermelodie drehte, die im Saal erklang.

»Was denn?« fragte Ernst Fairleigh.

»O, das wissen Sie doch. Spannen Sie mich nicht auf die Folter; ich vergehe fast vor Neugier. Da – jetzt hört die Musik auf, zur Strafe dafür, daß Sie sich so unschuldig stellen. Nein – tanzen mag ich nicht mehr; lassen Sie uns lieber zusammen plaudern. Wir wollen irgendwohin gehen, wo mich kein Tänzer entdeckt!«

»Mit dem größten Vergnügen. Kommen Sie in den Wintergarten!«

Während die beiden langsam durch den Ballsaal schritten, folgten ihnen viele Blicke, denn sie waren zwei Berühmtheiten in ihrer Art. In demselben Jahr, als Dora ihr Doktorexamen machte, war Ernst Fairleigh in Cambridge Bakkalaureus geworden; man hatte ihm allgemeine Bewunderung gezollt und die Universität war stolz auf ihn.

Fairleigh hatte eine sehr vielseitige Begabung. Beim Cricketspiel und beim Bootfahren zeichnete er sich nicht weniger aus als vor der Prüfungskommission. Die Natur hatte sich ihm besonders großmütig erwiesen und ihm nicht nur einen klaren Kopf, ein wackeres Herz, ein reges Blut, sondern auch vollkommen gesunde Gliedmaßen verliehen. Was er tat, betrieb er stets mit ganzer Seele, mochte es Arbeit sein oder Spiel. Auf der Universität hatte er sich in allen Gebieten des Wissens umfassende Kenntnisse erworben. Seit seinem Abgang wandte er sich aber vorzugsweise der angewandten Mathematik und Mechanik zu. Seine bedeutenden Leistungen aus diesem Felde fanden die größte Anerkennung und in ganz London verbreiteten sich Gerüchte über die Erfindungen, mit denen er noch beschäftigt war oder die er bereits gemacht hatte.

Äußerlich sah Fairleigh ganz und gar nicht so aus, wie man sich einen weisen und berühmten Gelehrten gewöhnlich vorstellt – er trug weder Brille noch Schnupftabaksdose. Groß von Wuchs, mit geradem Rücken, starken Schultern und breiter Brust, war er ein Bild von Kraft und Gesundheit. Auch wurde sein seidenweicher Bart, die dunkelblauen Augen und das blonde krause Haar besonders von den Damen sehr bewundert. Nur drei kleine scharfe Linien mitten auf der Denkerstirne zeugten von dein rastlosen Schaffen in seinem Gehirn.

Zufällig hatte er Dora seit der Universitätszeit nicht wiedergesehen, doch erkannte er sie auf den ersten Blick, ließ sich von ihr alle Tänze versprechen, die sie noch übrig hatte, und zog sich dann, statt zu tanzen, mit ihr aus dem Ballsaal zurück. In einem stillen Winkel des großen Palmenhauses saßen sie nebeneinander auf einem hübschen Ruhebänkchen.

»Nun seien Sie einmal recht liebenswürdig und erzählen Sie mir alles,« sagte Dora. »Ich weiß ja, daß es Ihnen fast das Herz abdrückt, und ich bin verschwiegen wie das Grab.«

»Aber bestes Fräulein Myrl, wie kann ich in Ihrer Gesellschaft von meinen Arbeiten sprechen! Das wäre ja ganz gegen Sitte und Herkommen. Glauben Sie zum Beispiel, daß Vater Abraham von seinen Herden und Weideplätzen gesprochen hat, als der Engel ihn besuchte?«

»Ich soll wohl der Engel sein? – Gut – so wollen wir von meinen Flügeln reden.«

»Sie haben also gehört –«

»Ganz London spricht davon, und ich verlange genauen Bericht. Ist es wahr, daß Sie die Kunst des Fliegens entdeckt haben?«

»Nein,« versetzte Fairleigh: doch als Dora ein enttäuschtes Gesicht machte, fuhr er lächelnd fort: »Dies Geheimnis ist schon seit Beginn der Schöpfung entdeckt worden. Vögel, Insekten, ja die Hälfte aller Lebewesen auf oder über der Erde kennen und üben diese Kunst.«

»Aber Sie wollen die Menschen fliegen lehren. Verstellen Sie sich doch nicht so; Sie wissen recht gut, was ich meine.«

»Nun denn, ehrlich gesagt: ich glaube, daß es mir gelingen wird, ja, ich bin vollkommen überzeugt davon. Seit meiner Knabenzeit ist das mein Traum gewesen,« sagte Fairleigh mit ernster Stimme und Haltung. »Es kam mir von jeher wie eine Schande vor, daß der Mensch, der sich den Herrn der Schöpfung nennt, außer stande sein soll, nachzumachen, was der dümmste Vogel und das geringste Insekt mit Leichtigkeit vollbringt. Seit sechstausend Jahren haben wir täglich Millionen von Modellen vor Augen, und doch ist bisher jeder Versuch, es ihnen nachzutun, schmählich mißglückt. Dieser Gedanke war es, der mich das Studium der Mathematik und Mechanik mit so großem Eifer betreiben ließ. Später beschäftigte ich mich noch mit Anatomie und stellte die umfassendsten Forschungen darüber an, was für Versuche zur Entdeckung der Kunst des Fliegens überhaupt schon gemacht worden sind. Gerade vor einem Jahr begann ich dann endlich meine eigene Arbeit. – Aber ich langweile Sie, Fräulein Myrl. Bringt man mich erst einmal auf mein Steckenpferd, so ist kein Halten mehr. Bitte, entschuldigen Sie.«

»O, fahren Sie doch fort! Ich bin ganz Ohr!«

»Gewöhnlich meinen die Erfinder, ihre Vorgänger hätten alles falsch gemacht. Ich fand dagegen, daß sich keiner von ihnen ganz geirrt hatte, und sie leisteten mir die wertvollsten Dienste. Sämtliche Luftschiffer und Erfinder von Flugmaschinen waren meine Lehrmeister, aber die Hauptsache habe ich doch schließlich dem Vogel abgelauscht.

»Die Luftschiffer haben es stets als feststehend betrachtet, daß die Muskeln des Menschen nicht stark genug seien, um ein paar Flügel in Bewegung zu setzen, die groß genug sind, daß er sich in die Luft erheben kann. Das beruht nur zum Teil auf Wahrheit. Einige verhältnismäßig schwere Vögel – zum Beispiel das Birkhuhn, der Fasan, die Taube – fliegen trotz ihrer kurzen Flügel auffallend schnell. Zuerst untersuchte ich, in welchem Verhältnis die Muskelkraft des Menschen zu der des Vogels steht, und kam zu einem höchst interessanten Ergebnis. Ich fand nämlich fast regelmäßig, daß im Vergleich zu dem beiderseitigen Umfang die Muskeln des Menschen stärker sind als die des Vogels. Im Vergleich zu ihrem beiderseitigen Gewicht sind dagegen die Muskeln des Vogels stärker als die des Menschen.

»Vor allem galt es also, das Gewicht des Menschen zu vermindern – oder, um mich genauer auszudrücken, seine spezifische Schwere mit der des Vogels in Übereinstimmung zu bringen. – Aber wirklich, Fräulein Myrl – ich schäme mich, Sie mit solchen Dingen zu unterhalten, während vom Ballsaal her die verlockendste Musik uns zum Tanz auffordert.«

»Und wenn es Sphärenmusik wäre – ich weiche keinen Schritt von hier. Bitte reden Sie weiter.«

»Sehr gern, wenn Sie es wünschen. Ich sagte mir, daß ein magerer Mensch weniger wiegt als ein dicker Mensch und doch im Wasser untersinkt, während letzterer auf der Oberfläche schwimmt. Soll er durch die Luft schweben, so muß ihm dabei eine Substanz helfen, die leichter ist als Fett. Ich nahm mir den Luftballon zum Vorbild und verfertigte ohne große Mühe ein Gestell, das stark und doch leicht, mit geölter Seide überzogen und mit Wasserstoffgas gefüllt, sich dem Körper anschloß wie ein großer wattierter Überrock und den Umfang des Menschen vergrößerte, während es sein Gewicht verminderte. Der Rücken meines Gestells war gewölbt; nach vorn zu wurde es flach, wie die meisten Flugmaschinen, damit es gegen den Wind ankämpfen und sich schwebend in der Luft erhalten könnte.«

»Aber es fehlte doch noch die bewegende Kraft,« warf Dora ein.

»Ganz recht, Fräulein Myrl,« sagte er, beglückt durch ihre rege Teilnahme; »und diese Nuß war am schwersten zu knacken. Ich wollte ja keine Flugmaschine, sondern einen fliegenden Menschen. Haben Sie nicht auch bemerkt, daß man von vornherein anzunehmen pflegt, eine Flugmaschine müsse zu Kriegszwecken verwendet werden? Die große Kunst des Massenmordes, die wir Krieg nennen, beherrscht das ganze Feld der Erfindungen. Fast bei jeder neuen Entdeckung ist die erste Frage: würde sie uns in den Stand setzen, noch mehr Menschen umzubringen? Danach bestimmt man ihren Wert. Und nicht nur geistlose und habgierige Leute huldigen dieser Anschauung. Hat doch der Dichter Tennyson selbst ein Zukunftsbild gemalt, das den Kampf der Menschen schildert, nachdem sie fliegen gelernt haben:

›Die Flotten der Völker mit Kriegsgetön,
Sie kämpften im Ätherblau.
Laut schallte ihr Grimm durch des Himmels Höh'n,
Es regnete eisernen Tau.‹

»Mein Streben war dagegen, zum Genuß der Menschheit beizutragen, statt ihr Elend zu erhöhen. Ich wollte dem Erdenbürger Flügel geben und ihn lehren, sie zu seinem Vergnügen zu gebrauchen, nicht aber zum Schaden des Nächsten. Er sollte selber eine Flugmaschine werden und keiner andern Triebkraft dazu bedürfen als seiner eigenen Muskelstärke.«

»Aber die genügt doch nicht!«

»Auf diesen Punkt komme ich jetzt, Fräulein Myrl. Selbstverständlich ist ein Mann nicht so stark wie ein Maschine, die durch Dampf oder Gas getrieben wird, aber er ist viel vollkommener konstruiert. Jedes Lot Kraft, das er besitzt, steht ihm zu freier Verfügung, er kann es, nach welcher Richtung er will, vollständig ausnützen. Der Zweck einer Flugmaschine ist kein andrer, als den Menschen in die Luft empor zu tragen. Aber er braucht doch dabei nicht untätig zu sein. Warum er beim Fliegen nicht ebenso tüchtig arbeiten sollte wie der Vogel, konnte ich nicht einsehen.«

»Ist denn das Experiment geglückt?«

»Nach vielen Versuchen und Mißerfolgen ist es mir endlich gelungen. Meine Flügel werden durch eine einfache mechanische Vorrichtung in Bewegung gesetzt, die wirklich recht sinnreich ist. Hände und Füße kann man dabei nach Belieben abwechselnd oder gleichzeitig gebrauchen. Mein fliegender Mensch vermag sich sowohl mit dem Wind als gegen ihn fortzubewegen; er wird letzteres vorziehen, falls die Luftströmung nicht zu stark ist, und durchschnittlich sechzig Meilen in der Stunde zurücklegen. Der luftdichte, mit Wasserstoffgas gefüllte Überrock, den er trägt, macht ihn so leicht, daß jeder Unfall ausgeschlossen ist.«

»Das scheint mir doch unmöglich, Herr Fairleigh. So viel verstehe ich auch von Mechanik, um zu wissen, daß man durch Verstärkung der Kraft die Schnelligkeit vermindert. Je stärker der Hebel ist, um so langsamer bewegt er sich – und umgekehrt.«

»Das ist genau derselbe Einwand, den die klugen Leute gemacht haben, als das Radfahren aufkam. Wenn das Rad den Menschen schneller fortträgt, als er gehen oder laufen kann, hieß es, so muß es immer auf Kosten größerer Anstrengung geschehen. Mit andern Worten: er wird die rasche Fortbewegung nicht lange aushalten können. In der Praxis hat sich aber diese Weisheit nicht bewährt. Der Mensch ist im stande, eine Woche lang zwanzig Meilen die Stunde zu fahren, trotzdem er dabei die furchtbare Reibung zu überwinden hat, welcher das durch seine Last beschwerte Rad aus der Bahn unterworfen ist. Diese Reibung fällt beim Fliegen weg, und da ist sechzig Meilen die Stunde durchaus nicht zu viel. Ich will Ihnen nämlich ganz aufrichtig sagen, Fräulein Myrl, daß ich bei meiner Erfindung schon über die Theorie hinaus bin. Was sagen Sie dazu, daß ich, Ernst Fairleigh, vor drei Nächten in etwa einer Viertelstunde fünf Meilen weit geflogen bin, ohne daß es mich ermüdet hätte oder irgendwelche Schwierigkeiten entstanden wären?«

Dora war bei den letzten Worten, die Fairleigh in aller Ruhe sagte, ordentlich verwirrt zu Mute. Bisher hatte es sie nur interessiert, sich von einem Manne, der als Meister in seinem Beruf galt, eine Vorlesung über populäre Wissenschaft halten zu lassen. Und nun hörte sie auf einmal, daß das große Problem, worüber man seit Jahrhunderten vergeblich gebrütet hatte, endlich gelöst worden sei. Der Atem verging ihr, wenn sie daran dachte, daß ihr Ballherr, der so gelassen neben ihr saß, das große Werk vollbracht hatte, das bisher noch keinem Sterblichen gelungen war, so lange die Welt stand.

Einen Augenblick saß sie in stummem Staunen da und versuchte, das Wunder zu fassen, während vom Ballsaal her noch immer die Klänge der Musik ertönten. Sie betrachtete Fairleigh mit fast ehrfurchtsvoller Scheu, so hoch und erhaben kam er ihr vor. Aber statt ihrer Bewunderung Worte zu verleihen, sagte sie endlich etwas ganz andres, als sie beabsichtigt hatte, ja sie erkannte ihre eigene Stimme kaum wieder: »Haben Sie schon ein Patent auf Ihre Erfindung genommen?«

Die Frage kam ihr bei der erregten Stimmung, in der sie sich befand, ganz nüchtern und praktisch vor. Aber Ernst Fairleigh war offenbar andrer Meinung.

»Noch nicht,« sagte er mit Nachdruck. »Offen gesagt, macht mir dieser Teil des Geschäfts allerlei Bedenken und es war ohnehin meine Absicht, Sie zu Rate zu ziehen, Fräulein Myrl, da mir Ihre Triumphe zu Ohren gekommen sind. Ich wollte meine Pläne natürlich erst ans Patentamt schicken, wenn sie ganz vollendet sind, was, wie ich hoffe, in einigen Tagen der Fall sein wird. Bis dahin sollte keine Menschenseele etwas davon erfahren; ich hätte sonst nicht Rast noch Ruhe vor Erfindern gehabt, die mit ähnlichen Patenten angelaufen kämen. Seltsamerweise haben sich aber Gerüchte über meine Erfindung in der Stadt verbreitet, obgleich ich sie ganz geheim gehalten und außer mit Ihnen heute abend nur noch mit einem vertrauten Freunde darüber gesprochen habe. Ja – was noch schlimmer ist – man hat sogar in den letzten vierzehn Tagen dreimal den Versuch gemacht, mir meine Papiere zu entwenden. Auch wurden meinem wackeren Gehilfen, der mir von Anfang an bei den Schreibereien und Berechnungen zur Seite gestanden hat, hohe Summen geboten, die bis in die Tausende gingen, um ihn zu bestechen, die Pläne zu kopieren oder mir das Original zu entwenden. Selbst wenn er wollte, hätte er es nicht tun können; aber der brave alte Mann ist die Redlichkeit selbst, er dachte an keinen Verrat und kam stehenden Fußes mit den Briefen zu mir.«

»Vorsicht ist die Mutter der Weisheit,« sagte Dora. »Sie haben doch gewiß alle Maßregeln getroffen, um sich vor Schaden zu bewahren?«

»Alles nur Erdenkliche habe ich getan. Mein Bureau haben wir ins oberste Stockwerk des Hauses verlegt, wo ich im Vorderzimmer arbeite, während Bradley das hintere Zimmer benutzt. Die mit Eisenstäben versehenen Fenster gehen auf eine belebte Straße und mehrere Polizisten sind besonders angewiesen, ein wachsames Auge auf das Haus zu haben. Die Papiere liegen in einem diebssicheren Schrank. Das Schloß habe ich selbst konstruiert und den Schlüssel trage ich stets bei mir. Ich nehme immer nur das Papier, an dem ich gerade arbeite, aus dem Schrank und verschließe es Abends wieder aufs sorgfältigste. Bradley und ich bringen sogar unser Essen ins Bureau mit und gehen tagsüber nicht aus; auch sind wir beide bewaffnet. Die Tür des Bureaus verwahre ich immer selbst. Nicht wahr, man sollte wirklich glauben, daß kein Dieb da einzudringen vermöchte?«

Dora war in tiefes Sinnen versunken und starrte stumm vor sich hin. Fairleigh – so sind die Männer – hielt ihr Schweigen für Unachtsamkeit. »Sie hören wohl gar nicht zu, Fräulein Myrl?« fragte er gekränkt.

»Mit allen meinen Sinnen und Gedanken,« erwiderte sie. »Ich lasse mich sonst nicht leicht aufregen, aber Sie haben mich in die größte Spannung versetzt. Die Sache selbst ist ja aber auch von außerordentlicher Wichtigkeit.«

»Wissen Sie mir vielleicht noch irgend eine Vorsichtsmaßregel anzuraten?« fragte Fairleigh ängstlich.

»Keine, außer daß Sie –« Dora zögerte einen Augenblick.

»So reden Sie doch!«

»Könnten Sie nicht vielleicht Ihre Arbeit allein zu Ende bringen?«

»Das würde kaum gehen. Ah, ich verstehe – Sie haben Bradley im Verdacht, Fräulein Myrl! Den Gedanken schlagen Sie sich nur ganz aus dem Sinn. Wenn Sie den Mann kennten, würden Sie nie darauf verfallen sein. Daß er jeden Bestechungsversuch von sich gewiesen hat, sagte ich Ihnen schon. Aber der Mann ist überhaupt die Treue und Redlichkeit selbst. Seit über dreißig Jahren hat er meinem Vater und mir rechtschaffen gedient. Er ist ein einfacher, ruhiger, alter Junggeselle und wohnt in einem abgelegenen Häuschen außerhalb Londons, das ich für ihn gemietet habe. In seinen Freistunden pflegt er sein Gärtchen und besonders den Hühnerhof. Er hat auf Geflügelausstellungen für seine Hühner und Tauben schon Preise erhalten. So weit getraue ich mir doch den Charakter eines Menschen zu beurteilen, um sagen zu können, daß mir von Bradley nicht die mindeste Gefahr droht.«

»Dann wüßte ich Ihnen weiter keinen Rat zu geben, und Sie brauchen nichts zu fürchten.«

»Es ist mir eine wahre Erleichterung, Sie das sagen zu hören. Horch! Jetzt spielt man den letzten Walzer. Wollen wir seinen Klängen nicht folgen?«

Dora nickte und sie kehrten in den Ballsaal zurück. –

Zwei Tage darauf saß Fräulein Myrl gegen Abend an ihrem Schreibtisch, als die Dienerin ihr eine eilige Botschaft brachte. Dora riß den Briefumschlag auf und las:

»Bitte, kommen Sie so schnell als möglich zu mir.

Ernst Fairleigh.«

Weiter stand nichts darin.

»Unten wartet eine Droschke, gnädiges Fräulein,« sagte das Mädchen. »Der Kutscher hat das Briefchen gebracht.«

Dora ließ die Droschke nicht lange warten, und sobald sie eingestiegen war, jagte der Kutscher davon, daß die Funken stoben.

Als Dora die vielen Treppen zu Fairleighs Bureau hinaufgestiegen war, fand sie dort drei Männer, die ganz verwirrt und fassungslos dreinschauten. Zwei davon, Farleigh und den Polizeiinspektor Adam Werner, kannte sie bereits. Der dritte, ein graubärtiger Mann von mittleren Jahren mit sanftem, sinnendem Ausdruck in seinen großen, dunklen Augen, konnte niemand anders als Joseph Bradley, der vertraute Gehilfe, sein.

»Verschwunden!« rief ihr Farleigh statt des Grußes entgegen, als sie rasch das Bureau betrat. Die Nachricht kam ihr nicht unerwartet.

»Teilen Sie mir die Tatsachen so kurz als möglich mit,« entgegnete sie.

Fairleigh zögerte nicht. »Gegen drei Uhr saß ich hier bei meiner Arbeit,« begann er. »Ich hatte die Zeichnung des Plans, von dem ich Ihnen neulich erzählte, fast beendigt, als es laut an meine Tür klopfte. ›Herein!‹ rief ich, erhielt aber keine Antwort. Nun öffnete ich selbst und fand einen Herrn namens Jerome, einen Erfinder, vor der Tür stehen. Er wollte mich wegen einer Arbeit, die er gerade vorhatte, um Rat fragen, war aber in großer Eile, wie er sagte, und hatte nicht Zeit, bei mir einzutreten. Ich nötigte ihn auch nicht dazu, denn meine kostbaren Papiere lagen drin auf dem Tisch ausgebreitet. So zeichnete ich ihm denn rasch mit einem Taschenbleistift auf einen Umschlag, was er haben wollte, worauf er sich bedankte und die Treppe hinunterging.

»Ich hatte kaum fünf Minuten bei ihm draußen gestanden, mit dem Rücken nach meiner Bureautür. Aber als ich zurückkam, sah ich auf den ersten Blick, daß die Patentbeschreibung, mit der ich beschäftigt gewesen war, nicht mehr dalag. In meinem Schrecken glaubte ich, Bradley müsse ein Unglück zugestoßen sein, er sei vielleicht ermordet worden. Als ich jedoch die Tür nach dem Nebenzimmer öffnete, fand ich ihn ruhig an seinem Pult sitzen. Er hatte weder etwas gehört noch gesehen. Als alle unsre Nachforschungen vergebens blieben, schlug mir Bradley vor, einen Geheimpolizisten holen zu lassen. Ich telephonierte also schleunigst nach der Polizei und Inspektor Werner hatte die Güte, mir sofort zu Hilfe zu kommen. Auch er hat eine genaue Untersuchung angestellt, aber nichts entdeckt. Mein alter Freund Bradley brachte mich dabei in nicht geringe Verlegenheit, denn er bestand darauf, sich von Kopf zu Fuß durchsuchen zu lassen. Obgleich ich ihm sagte, er solle sich nicht zum Narren machen, war er nicht davon abzubringen und auch der Inspektor erklärte, daß es zu Bradleys eigener Beruhigung dienen würde. So gab ich denn meine Einwilligung zu dem Unsinn; aber natürlich fand sich nichts, wie ich vorher wußte.

»Plötzlich fielen Sie mir ein, und als ich Ihren Namen nannte, sagte der Inspektor, das sei ein vortrefflicher Gedanke. Da nahm ich mir denn die Freiheit, Ihnen den Zettel und die Droschke zu schicken, und nun wissen Sie alles.« Farleigh hielt einen Augenblick inne, um Atem zu schöpfen, und fuhr dann fort: »Daß das Papier nicht mehr hier im Bureau ist, dürfen Sie nach meiner Ansicht von vornherein als feststehend annehmen. Bei unsrer gründlichen Untersuchung könnte es uns nicht entgangen sein. Nicht wahr, Sie stimmen mir hierin bei, Herr Inspektor?« Werner nickte.

Dora ließ ihre Augen in dem ganzen Raum umherschweifen. »Nein,« versetzte sie, »hier werden wir das Papier nicht finden, das wäre zu einfach.«

»Dann wird es wohl unwiederbringlich verloren sein,« sagte Fairleigh hoffnungslos.

»Das wollen wir noch nicht so bestimmt behaupten. Mir ist etwas eingefallen – bis jetzt ist es nur eine Vermutung –, doch – wer weiß!«

Dora hatte eine leere silberne Butterbrotkapsel, in der Fairleigh sein Frühstück mitzubringen pflegte, vom Tisch genommen und spielte achtlos damit. Plötzlich stellte sie die Kapsel hin, stand auf und – schritt nach der Tür des hinteren Bureaus, die sie rasch öffnete. Die drei Männer folgten ihr mit Verwunderung. Sie fuhr sogleich auf einen sauberen Deckelkorb los, der neben dem Pult auf dem Boden stand.

»Bradleys Frühstückskorb,« erklärte ihr Fairleigh, als sie den Korb aufhob und sorgfältig durchforschte.

»Natürlich haben Sie den Korb auch untersucht, Herr Inspektor?« fragte Dora mit glühenden Wangen und blitzenden Augen.

»Versteht sich – doch gefunden habe ich nichts.«

»Das läßt sich denken. Es ist ein recht großer Frühstückskorb, scheint mir. Sie müssen einen tüchtigen Appetit haben, Herr Bradley?« Sie wandte sich jetzt zum ersten Male an den alten Mann und betrachtete ihn mit scharfen Blicken.

»Daran fehlt mir's nicht, Fräulein, das ist wahr,« lautete die bescheidene Antwort. »Doch esse ich kaum halb so viel, als in den Korb hineingeht.«

»Sehr wahrscheinlich. Sie sind Vegetarianer, wie ich sehe, und essen – Hafer.«

Aus den Ritzen des Weidenkorbes hatte sie ein Haferkorn herausgefischt, das sie ihm jetzt hinhielt.

Wie konnte sich Bradley nur durch eine solche Kleinigkeit in Verlegenheit bringen lassen? Als er das Körnchen in Doras Hand sah, wurde er rot und atmete schwer.

Sie wollte ihn gewiß schnell aus der Verwirrung reißen und fuhr deshalb freundlich fort: »O nein, entschuldigen Sie, Herr Bradley, ich habe mich geirrt. Natürlich haben Sie ein kaltes Huhn zum Frühstück verspeist.«

Bei diesen Worten nahm sie eine kleine bläuliche Feder aus dem Korbe. »Es war wohl ein Huhn von Ihrer eigenen Zucht; doch sollten Sie es wirklich sorgfältiger rupfen, Herr Bradley!«

Der alte Mann bot einen kläglichen Anblick; er war leichenblaß geworden, während Dora ihn ansah, und seine zitternden Lippen murmelten unverständliche Laute.

Fräulein Myrl betrachtete das Federchen jetzt noch genauer und ein spöttisches Lächeln spielte um ihren Mund.

»Um Vergebung, Herr Bradley,« sagte sie, »kein Huhn, sondern eine Taubenpastete müssen Sie zum Frühstück verzehrt haben. Was ich in Ihrem Korb gefunden habe, ist ein Taubenfederchen, wie ich jetzt sehe.«

Ohne ein Wort zu sagen, sank der alte Mann in einen Stuhl und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

Jetzt hielt sich Ernst Fairleigh nicht länger. »Aber was soll denn das alles bedeuten, Fräulein Myrl?« rief er bestürzt und verwirrt.

»Weiter nichts, lieber Freund, als daß ich den Dieb und das Papier entdeckt habe. Fahren Sie nur sogleich mit der Eisenbahn nach dem friedlichen Landhäuschen des unschuldigen Herrn Bradley. Dort werden Sie Ihr vermißtes Papier unter dem Flügel einer harmlosen Brieftaube in seinem Taubenschlag finden.«

Das war wirklich der Fall.

 

Ende.

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