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Ein weiblicher Detektiv

Mathias McDonnell Bodkin: Ein weiblicher Detektiv - Kapitel 12
Quellenangabe
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typenarrative
authorMathias McDonnell Bodkin
titleEin weiblicher Detektiv
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume19. Jahrgang. Band 3
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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quellewww.alte-krimis.de
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Gewogen und zu leicht erfunden.

»Es ist wirklich eine ganz ungewöhnliche Geschichte, Fräulein Myrl. Aber natürlich haben Sie sich an wunderbaren Ereignissen schon vollständig übersättigt.«

»Da sind Sie sehr im Irrtum, Doktor Stewart. Sie wissen ja, der Appetit kommt beim Essen. Mein Hunger nach Aufregungen wird nie gestillt.«

»Aber Ihr ganzes Leben besteht doch nur aus sonderbaren Geschichten.«

»Viele von meinen Geschichten haben leider keinen Schluß.«

»Und ich dachte, sie endeten immer glücklich; von einem Mißerfolg sei nie die Rede.«

»Da irren Sie sich sehr. Natürlich scheitern meine Bemühungen oft; aber solche Fälle behalte ich für mich. Nur meine Triumphe bringe ich vor die Öffentlichkeit. Doch Sie schweifen von der Frage ab, um die es sich handelt. Was wollten Sie mir denn Wunderbares erzählen?«

»Ach, Sie werden sich nur unnütz den Kopf damit zerbrechen!«

»Das schadet nichts; auch merke ich längst, daß Sie vor Begierde brennen, es mir anzuvertrauen. Ich wette, Sie sind zu keinem andern Zweck hergekommen.«

»Sie haben es erraten,« sagte er lachend und doch nicht wenig betroffen über den Scharfsinn des jungen Mädchens. »Ihnen gegenüber sind alle diplomatischen Winkelzüge vom Übel. Geben Sie mir noch eine Tasse Tee, dann sollen Sie meine Geschichte hören, so weit sie bis jetzt gediehen ist; hoffentlich wird sie noch nicht zu Ende sein. – Ich weiß nicht, ob Sie zufällig einmal von dem Generalmajor Sir Anthony Collingwood gehört haben?«

»Versteht sich. Erst vorgestern abend sah ich ihn in Gesellschaft – ein graubärtiger Fünfziger, so stark und brummig wie ein Bär.«

»Kennen Sie auch seinen Neffen Alan?«

»Jawohl; er ist ein liebenswürdiger junger Mann.«

»Nun gut. Vor etwa zwei Monaten trat Alan Collingwood, mit dem ich von der Schule und der Universität her befreundet bin, ganz unerwartet zu mir ins Zimmer. Ich glaubte ihn weit weg in Indien.

»›Ich möchte dich bitten, deine Schneidekunst an mir zu erproben, alter Junge,‹ sagte er, sobald wir uns die Hand geschüttelt hatten.

»›Eine Operation?‹ fragte ich.

»›Ja, man könnte es wohl so nennen.‹

»›Du treibst Scherz mit mir, Alan. Kein Rennpferd kann frischer und munterer aussehen als du.‹

»›Nein, es ist mein bitterer Ernst. Sieh her!‹

»Damit krempelte er Rock- und Hemdärmel um und zeigte mir in dem fleischigen Teil seines muskulösen Armes eine zwei bis drei Zoll lange geheilte Narbe.

»Ich sah ihn verwundert an.

»›Fühle einmal,‹ sagte er kurz.

»›Alle Wetter!‹ rief ich erstaunt, denn mir war die Sache unerklärlich. Die Narbe schien von keiner Schußwunde herzurühren, und doch konnte ich die Kugel ganz deutlich zwischen den Muskeln des Oberarms fühlen.

»Alan nickte befriedigt. ›Ja, ja, da drin steckt das Ding,‹ sagte er. ›Kannst du's mir herausschneiden?‹

»›Hast du viele Schmerzen?‹

»›Gar keine. Aber es muß heraus.‹

»›Das ist leicht geschehen. Doch wird es etwas wehtun. Willst du dich chloroformieren lassen?‹

»›Fällt mir nicht ein. Ich werde meine Augen offen halten und die Zähne aufeinander beißen. Als ich das Ding in den Arm bekam, habe ich auch kein Chloroform genommen.‹

»Ich hielt das für einen guten Witz und lachte darüber, doch was er damit sagen wollte, wurde mir erst später klar. ›Wann möchtest du die Operation vornehmen lassen?‹ fragte ich.

»›Gleich jetzt, wenn du Zeit hast.‹

»Fürchten Sie nur nicht, Fräulein Myrl, daß ich Ihnen die Operation ausführlich beschreiben werde. Alan ertrug sie übrigens wie ein Held und verzog keine Miene. Ich machte einen scharfen Einschnitt in das weiche Fleisch und holte die ›Kugel‹ mit meiner Zange heraus. Ihre sonderbare Form war mir gleich aufgefallen, doch legte ich sie achtlos beiseite und verband die Wunde sorgfältig, damit sie wieder ebensogut zuheilen solle wie das erste Mal; dabei fiel mir auf, daß Alan kein Auge von der Kugel verwandte, die auf dem Tisch lag; auch lächelte er so sonderbar, daß ich glaubte, er wünsche sie als Andenken an den Vorfall aufzubewahren. So nahm ich sie denn wieder zwischen die Zange und tauchte sie, um das Blut abzuwaschen, in einen Napf mit lauwarmem Wasser. Was ich wieder zum Vorschein brachte, war – der herrlichste Diamant, den ich je gesehen habe.

»›Gib ihn mir her, alter Junge!‹ rief Alan, der über mein erstauntes Gesicht herzlich lachen mußte.

»Nun erfuhr ich die ganze Geschichte: Vor einem halben Jahr hatte der Generalmajor Collingwood das Glück gehabt, dem Rajah von Singapore in einem entlegenen Bezirk Indiens das Leben zu retten. Ein Tiger hatte den Rajah zu Boden geworfen und wollte ihn gerade zerfleischen, als Sir Anthony dazukam, dem Untier kaltblütig die Mündung seines Gewehrs ans Ohr setzte und ihm ein tüchtiges Loch durch den Schädel schoß. Die Collingwoods sind keine Hasenfüße.

»Des Rajahs Dankbarkeit war außergewöhnlich. Er schenkte Sir Anthony einen wundervollen Diamanten, den er zu dem Zweck einem hölzernen Götzenbild abgenommen hatte. Doch es war ein gefährlicher Besitz, denn die Eingeborenen machten wohl ein halbes Dutzend verschiedene Versuche, dem Generalmajor das Kleinod zu rauben; zweimal kam er nur knapp mit dem Leben davon.

»Zufällig reiste Alan um diese Zeit auf Urlaub nach England zurück und erbot sich, den Diamanten mitzunehmen und zu verkaufen.

»Sir Anthony wollte anfänglich nichts davon hören. ›Wie gedächtest du ihn zu verbergen?‹ fragte er.

»›Das ist meine Sache, Onkel,‹ erwiderte Alan. ›Jedenfalls würde ich ihn so verstecken, daß die Kerle ihn nicht finden sollten.‹

»›Nun, so nimm ihn denn und gib gut acht darauf,‹ sagte Sir Anthony endlich. ›Für dich hat die Sache ja im Grunde die größte Wichtigkeit.‹ Mit dem Erlös des Diamanten sollte nämlich eine Hypothekenschuld abbezahlt werden, die auf dem Familiengut lastet, welches Alan dereinst als Erbe zufallen wird.

»›Ich will das Kleinod hüten, als wäre es ein Stück von mir,‹ versetzte Alan lachend.

»Der Regimentswundarzt war sein guter Freund – jeder, der Alan kennt, muß ihn ja liebhaben – und den beredete er, den Diamanten an der Stelle zu verbergen, wo ich ihn gefunden habe. Der scharfe Messerschnitt war schon nach Ablauf einer Woche wieder heil, und die Inder fanden den Edelstein wirklich nicht, obgleich Alan auf der langen Reise zur Küste zweimal überfallen und bis auf die Haut durchsucht wurde.

»So brachte er denn das Kleinod glücklich nach England, und in meinem Studierzimmer kam es zum ersten Male wieder ans Licht.

»Zunächst galt es nun, den Diamanten zu verkaufen, und da Alan in dergleichen unerfahren war wie ein Kind, fragte er mich um Rat. Ich kannte zufällig einen Diamantenhändler namens Solomon – vielleicht haben Sie auch schon von ihm gehört, Fräulein Myrl?«

»Jawohl.«

»Sie scheinen wirklich alle Welt zu kennen. Da werden Sie auch wohl wissen, daß Solomon im Ruf eines sehr freigebigen Geschäftsmanns steht; er zahlt stets die höchsten Preise für alle Arten von Edelsteinen, dem Gewicht nach. Dabei kann er als lebendiges Beispiel gelten für die Wahrheit des Sprichworts: ›Ehrlich währt am längsten‹, denn er ist ungeheuer reich.

»Auf meinen Rat hin ging Alan mit mir zu Solomon. Der alte Händler wog den Diamanten sorgfältig in unsrer Gegenwart. Dieser war gerade neunundvierzig Karat schwer. Solomon gab bereitwillig zu, daß es ein Brillant vom reinsten Wasser und vollendet schöner Form sei, und händigte Alan auf der Stelle einen Scheck über fünftausendsiebenhundert Pfund ein, was der höchste Preis für das Gewicht war.

»Den Scheck trug Alan zum Bankier seines Onkels und schickte diesem Herrn Solomons Quittung, worauf der Preis und das Gewicht verzeichnet waren. Der Brief kreuzte sich mit einem Schreiben des Generalmajors, der seinem Neffen ankündigte, daß er gleichfalls Urlaub erhalten habe und nächstens nach England abzureisen gedenke.

»So weit war alles ganz glatt gegangen. Jetzt kommt aber der häßlichere Teil der Geschichte. Vor etwa vierzehn Tagen kam Sir Anthony Collingwood ohne alles weitere, mit der Quittung in der Hand, zu seinem Neffen ins Zimmer gestürzt, während dieser beim Frühstück saß, und schalt ihn einen Betrüger, der seiner Familie und seiner Uniform die größte Schande bereite. Alan sagte mir, daß er jeden andern, der ihn so beschimpft hätte, auf der Stelle zu Boden geschlagen haben würde. Aber er hatte seinen Onkel stets wie einen Vater verehrt und tat sich großen Zwang an, um seine Ruhe zu bewahren. Diese Kaltblütigkeit steigerte noch Sir Anthonys Wut; doch faßte er sich endlich so weit, daß er den Grund seiner Entrüstung kundtun konnte. Er hatte nämlich selbst den Diamanten in Indien sorgfältig auf der feinen Medizinalwage in seinem Arzneikasten gewogen und sich überzeugt, daß er fünfundsechzig Karat schwer war. In Bezug auf den Wert des Steins macht das, wie Sie wissen werden, Fräulein Myrl, einen sehr wesentlichen Unterschied; denn der Preis der Diamanten nimmt mit dem Gewicht mindestens in geometrischer Progression zu, ja bei den größeren sogar in kubischer. Falls Sir Anthony recht hatte, würde der Diamant statt fünftausendsiebenhundert zwischen achtzehntausend und zwanzigtausend Pfund wert gewesen sein.«

»Jawohl, jawohl,« sagte Dora etwas ungeduldig. »Ich glaube mich einigermaßen auf Diamanten zu verstehen. Erzählen Sie mir nur, was weiter geschehen ist, Ihre Geschichte fängt an, interessant zu werden.«

»Alan hörte ihm zu, ohne ein Wort der Erwiderung; dann klingelte er und schickte einen Boten, um mich herbeizuholen. Ich fand die beiden Männer mit finsterer Miene an den entgegengesetzten Enden des Zimmers in zwei Lehnstühlen sitzen.

»›Stewart,‹ sagte Alan, ›hier ist mein Onkel, der Generalmajor Sir Anthony Collingwood.‹

»Ich verbeugte mich, während Sir Anthony sich damit begnügte, steif zu nicken.

»›Mein Onkel,‹ fuhr Alan mit Selbstüberwindung in demselben ruhigen Ton fort, ›tut mir die Ehre an, mich einen Betrüger zu nennen. Der verfluchte Diamant ist schuld daran,‹ rief er in plötzlicher Zornesaufwallung. ›Hätte ich ihn doch nie mit einem Finger berührt.‹

»›Das wäre auch viel besser gewesen,‹ grollte der Onkel.

»›Stewart,‹ sagte Alan, ›tue mir die Liebe an und erzähle meinem Onkel die ganze Geschichte.‹

»›Darf ich fragen,‹ sagte der Generalmajor, mich mit kalten Blicken betrachtend, ›wer der Herr ist – vermutlich einer deiner Freunde.‹

»Mich ärgerte seine Art und Weise nicht wenig, doch biß ich mir auf die Lippen, um ruhig zu bleiben, denn ich sah wohl, daß zwischen Onkel und Neffen etwas vorgefallen war und ich Frieden stiften sollte.

»So nannte ich denn meinen Namen und Titel nebst meiner Wohnung mit großer Gelassenheit.

»›Vermutlich wird Onkel sagen, das sei alles erlogen, Stewart,‹ rief Alan in erbittertem Ton. ›Du bist nämlich der Freund eines Betrügers, mußt du wissen.‹

»›Ich bitte Sie um Entschuldigung, Herr Doktor,‹ sagte Sir Anthony mit etwas steifer, altväterischer Höflichkeit, ›wenn ich Sie durch mein Wesen beleidigt haben sollte. Können Sie mir eine genügende Erklärung dieser fatalen Angelegenheit geben, so wäre es mir ein großer Gefallen.‹

»Sofort fing ich an, die Geschichte zu erzählen, und meine drastische Beschreibung der Art, wie der Diamant versteckt und gefunden worden war, verfehlte ihren Eindruck nicht. Sein Zorn besänftigte sich und ich sah ihn bewundernde Blicke auf seinen Neffen werfen, der es indessen hartnäckig vermied, dem Auge des Onkels zu begegnen. Sobald ich jedoch auf den Verkauf zu sprechen kam, verdüsterte sich Sir Anthonys Miene wieder.

»›Also Ihr Herr Solomon steht im Ruf eines ehrlichen Händlers?‹ fragte er in scharfem Ton.

»›Er gilt sogar für äußerst uneigennützig und freigebig.‹

»›Sie haben meinen Neffen begleitet, als er ihm den Diamanten zuerst zeigte?‹

»›Nein, aber ich war bei dem Verkauf zugegen und sah, wie der Edelstein gewogen und das Gewicht notiert wurde.‹

»›So!‹

»Meine Antworten bestärkten ihn offenbar in seinem Argwohn, wodurch – das war mir unerklärlich.

»›Könnte ich Herrn Solomon vielleicht selber sprechen?‹ fragte er nach einer Pause.

»›Versteht sich, ich werde Sie mit Vergnügen zu ihm führen. Aber offen gestanden, möchte ich zuvor gern wissen, um was es sich eigentlich handelt.‹

»›Habe ich es dir nicht schon gesagt?‹ fiel Alan heftig ein. ›Ich habe meinen Onkel bei dem Verkauf des verfluchten Diamanten betrogen.‹

»Je mehr sich Alan erhitzte, um so ruhiger wurde Sir Anthony. Er gönnte seinem Neffen kein Wort und keinen Blick mehr, sondern ging schweigend mit mir zur Tür hinaus.

»›Lebe wohl, Onkel,‹ rief ihm Alan höhnisch nach, denn seine Geduld war zu Ende. ›Du wirst mich noch einmal für dies alles um Verzeihung bitten.‹

»›Das will ich tun, wenn ich unrecht habe; doch wenn ich recht behalte, werde ich dich verstoßen,‹ sagte der andre voll Ingrimm.

»Wir schritten auf der Straße eine Weile schweigend nebeneinander her. Endlich fragte Sir Anthony: ›Wann werden Sie Zeit haben, mich zu diesem Herrn – wie heißt er doch? – der den Diamanten gekauft hat, zu begleiten?‹

»›Wir sind auf dem Wege dorthin.‹

»›Aber Ihre Patienten?‹

»›Die müssen warten. Dies Geschäft geht allem andern vor. Ihr Neffe ist mein Freund, Sir Anthony.‹

»Wir gingen nun rasch weiter. ›Herr Doktor,‹ sagte der Generalmajor nach einer Pause mit großem Nachdruck. ›Sie dürfen mich nicht für eine indische Pfefferbüchse halten, für einen Menschen, der kein Herz im Leibe hat. Ich weiß wohl, ich habe dies Ding ganz verkehrt angefangen. Aber mir ist die Geschichte während der ganzen Überfahrt im Kopf herumgegangen, und da hat mich jetzt der Zorn übermannt. Es kränkt mich viel zu tief, als daß ich noch weitläufig darüber reden möchte. Ich habe meinen Neffen immer wie einen Sohn geliebt und bin stolz auf ihn gewesen. Meinetwegen soll der Henker den Diamanten samt dem Gelde holen, wenn ich nur meinen Verdacht gegen Alan wieder loswerden könnte.‹

»›Das soll geschehen,‹ erwiderte ich zuversichtlich.

»Herr Solomon empfing uns sehr höflich und zeigte uns den Diamanten mit großer Bereitwilligkeit; nur wollte er ihn nicht aus der Hand geben. ›Ich mache mir das zur unumstößlichen Regel,‹ sagte er, ›und Sie dürfen es nicht als ein Zeichen von Argwohn betrachten.‹

»Er wog den Diamanten in unsrer Gegenwart, nachdem er uns die Wagschalen und Gewichte hatte untersuchen lassen. Der Diamant war eine Kleinigkeit weniger als neunundvierzig Karat schwer.

»Die ganze Zeit über sprach Sir Anthony kaum ein Wort und machte das Geschäft mit scheinbarer Gelassenheit ab. Als wir wieder auf der Straße waren, gab er zu, daß der Diamant, was die Form betraf, genau so aussah wie der, den ihm der Rajah geschenkt hatte.

»›Mir kam er etwas kleiner vor,‹ sagte ich unbedachtsam. Im nächsten Augenblick hätte ich das Wort gern zurückgenommen.

»›Das ist auch meine Ansicht,‹ fiel er rasch und hitzig ein. ›Der Stein ist vertauscht worden, bevor er gewogen wurde, und das hat sich schwerlich bewerkstelligen lassen, ohne daß mein Neffe dabei beteiligt war.‹

»Letzte Woche wurde der Diamant abermals gewogen; auch Alan und mehrere Sachverständige waren zugegen. Mein Freund sprach seine Überzeugung aus, daß es derselbe Edelstein sei, den er von seinem Onkel erhalten und dem Händler verkauft habe. Diesmal sah er mir auch so aus; doch da ich unglücklicherweise neulich Sir Anthony gegenüber schon meine Zweifel geäußert hatte, konnte das nichts mehr nützen.

»Verzeihen Sie, Fräulein Myrl, wenn ich Sie mit meinem weitläufigen Bericht langweile. Glücklicherweise bin ich jetzt gleich zu Ende.

»Sir Anthony beharrt darauf, daß sein Diamant auf jeden Fall fünfundsechzig Karat gewogen hat; dieser wiegt aber nur neunundvierzig. Folglich kann es nicht derselbe sein und irgend eine Betrügerei muß vorliegen. Der cholerische alte Herr geriet gestern abend in Alans Wohnung ganz außer sich; er beschwor seinen Neffen mit Tränen in den Augen, die Schuld einzugestehen, und versprach, sie ihm zu vergeben. Darauf forderte ihn Alan auf, sein Zimmer zu verlassen.

»So stehen die Dinge jetzt und sie könnten kaum schlimmer aussehen. Die gegenseitige Erbitterung der beiden ist umso größer, weil sie einander von Herzen lieb haben und dabei über die Maßen stolz sind.«

Dora Myrl hatte schon längst nicht mehr zugehört. Sie saß volle fünf Minuten mit zusammengepreßten Lippen und gerunzelter Stirn schweigend da.

»Was halten Sie davon?« fragte sie auf einmal.

»Ich würde mit meinem Leben für Alans Ehre bürgen.«

»Das wird uns nicht viel helfen.«

»Mehr kann ich nicht tun. Und Sie?«

Dora lächelte; sie strahlte über das ganze Gesicht.

»Ich glaube wohl, daß ich noch mehr tun kann; ja, ich bin meiner Sache fast sicher. Doch kommt es noch auf die Probe an. Würden Sie es wohl so einrichten können, daß uns Herr Solomon noch einmal vorläßt?«

»Das glaube ich gewiß, obgleich er etwas ärgerlich über die Geschichte ist.«

Die Zusammenkunft wurde auf den übernächsten Tag verabredet. Wie Doktor Stewart berichtete, hatte Solomon nichts dagegen einzuwenden gehabt. Sir Anthony wünschte sehr, dabei zu sein, aber Alan weigerte sich hartnäckig und war in der verdrießlichsten Stimmung. »Mir wäre es lieber,« sagte er, »wenn ich gleich auf die Anklagebank käme und die Geschichte ein für allemal los würde.«

Zuletzt ließ er sich doch überreden, mitzugehen.

Bei ihrer Ankunft fanden sie Herrn Solomon in seinem geräumigen Bureau im Erdgeschoß, das auf der Rückseite des Hauses lag. Ein breiter, schön polierter Ladentisch aus Mahagoniholz teilte den Raum der Länge nach in zwei Teile. Die vordere Abteilung war mit einem dunklen Teppich belegt, auch standen ein Sofa darin und mehrere Stühle. Hinter dem Ladentisch saß Herr Solomon auf einem hohen Sessel; er hatte die Wage vor sich und ein scharfes Vergrößerungsglas. Rechts von ihm stand der eiserne Geldschrank und links ein kleines amerikanisches Rollbureau und ein Bücherschrank an der Wand.

Solomon war ein schöner, etwa siebzigjähriger Greis von ehrwürdigem Aussehen mit langem, weißem Bart und buschigen Brauen, unter denen seine großen, dunklen Augen mit mildem Glanz auf die sündhafte Welt herabschauten.

Er empfing die Ankömmlinge mit etwas kühler Höflichkeit und schob ihnen die Wage samt den Gewichten, ohne ein Wort zu sagen, über den Ladentisch hin, damit sie beides untersuchen und prüfen könnten.

Die Wage war aufs feinste gearbeitet; die Schalen aus blankem Stahl waren mit dünnem Golddraht an dem Wagenbalken befestigt, der sich um eine diamantene Achse drehte.

Sie kam aus dem Gleichgewicht, wenn man auch nur ein Haar in die Schale legte, so daß die andre klappend auf den Tisch schlug. Nachdem man sie sorgfältig geprüft und mit einer andern Wage verglichen hatte, die zu dem Zweck mitgebracht worden war, schob man Solomon seine Wage wieder hin. Er schloß nun den eisernen Geldschrank auf, nahm den Diamanten heraus und legte ihn in eine der Wagschalen. In die zweite tat er langsam ein Gewicht nach dem andern; bei neunundvierzig Karat hob sich die Schale mit dem Diamanten und die andre schlug auf die Tischplatte.

Dora Myrl stand der Wage gegenüber und stützte die Hand, in der sie den Sonnenschirm hielt, auf den Tisch. Ein wunderhübsches Hütchen mit roter Feder saß ihr keck auf dem glänzenden, welligen Haar; dazu trug sie ein prächtiges Kleid aus grüner, gewässerter Seide, das reich mit Jet- und blanken Stahlperlen besetzt war, und sah ganz wie eine moderne Weltdame aus. Doktor Stewart bemerkte, daß sie sowohl für die Prüfung der Wage als für die Feststellung des Gewichts des Diamanten nur geringe Aufmerksamkeit hatte. Zerstreut zupfte sie am Besatz ihres Kleides, wobei eine der Quasten zerriß und ihr lose in der Hand blieb. Sie legte sie auf die Mahagoniplatte, als die Wagschale mit den Gewichten eben den Tisch berührte. Die Jetperlen blieben ruhig liegen, aber die kleinen Stahlperlen rollten rasch über die polierte Platte und verschwanden unter der Wagschale.

Das alles geschah so still und scheinbar absichtslos, daß niemand es bemerkte, außer Herrn Solomon. Als die Stahlperlen unter der Schale verschwanden, schlug Dora ihre scharfen, leuchtenden Augen zu dem Händler auf und sah ihn mit bedeutsamen Blicken an. Da bedeckte sich sein Gesicht plötzlich mit geisterhafter Blässe und die zitternden Hände fielen ihm schlaff zur Seite nieder.

Mit der Krücke ihres Sonnenschirms zog Dora die Wage samt den Gewichten und dem Diamanten auf der Tischplatte zu sich herüber.

Solomon sah es stumm und regungslos mit an.

»Nun wollen wir den Diamanten noch einmal wägen,« sagte Dora mit Entschiedenheit.

Man tat es, und siehe da – der Diamant wog volle fünfundsechzig Karat!

Stumm vor Staunen sahen die Anwesenden einander an. Doktor Stewart nahm zuerst das Wort: »Ich begreife aber nicht –« begann er.

Dora deutete auf das Häufchen kleiner Stahlperlen, die jetzt dicht beisammen auf dem glatten Mahagonitisch lagen.

»Ein starker Magnet ist von unten her in die Tischplatte eingelassen,« sagte sie. »Es liegt nur ein ganz dünnes Fournier darüber, das ihn verbirgt.«

Sir Anthony warf keinen Blick auf den Diamanten; etwas ganz andres lag ihm im Sinn.

»Verzeih mir, Alan,« sagte er, sich zu seinem Neffen wendend.

»Von Herzen gern, Onkel.« Und sie schüttelten einander die Hand.

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