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Ein weiblicher Detektiv

Mathias McDonnell Bodkin: Ein weiblicher Detektiv - Kapitel 10
Quellenangabe
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typenarrative
authorMathias McDonnell Bodkin
titleEin weiblicher Detektiv
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume19. Jahrgang. Band 3
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
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War es eine Fälschung?

»Es wäre wirklich ein gutes Werk, wenn Sie es unternehmen wollten, Fräulein Myrl.«

»Ist das maßgebend bei meinem Beruf, Sir Gregor?« fragte Dora spöttisch.

»Bei Ihrem Beruf? – Ja, den habe ich einmal wieder gründlich vergessen. Sie sind selbst schuld daran. Nun will ich aber auch nur von Geschäften sprechen.«

»Zucker gefällig?« fragte die junge Dame und hielt ihm ein Stück mit der silbernen Zange über die feine Porzellantasse; Sir Gregor war nämlich gerade zu ihrer Teestunde gekommen. Dora sah aus, als wäre sie nicht zur Arbeit auf der Welt, sondern nur zum Vergnügen. Das blaßblaue Gesellschaftskleid, ein Meisterwerk ihrer Pariser Schneiderin, stand ihr vortrefflich zu Gesicht und darunter stahlen sich die zierlichsten Füßchen hervor. Sie trug ihr glänzendes Haar nach der neuesten Mode und ihre Augen leuchteten vor innerer Heiterkeit. Man konnte es Sir Gregor wahrlich nicht verdenken, wenn er über dem hübschen jungen Mädchen die Geheimpolizistin vergaß.

»Was wünschen Sie?« fragte er verwirrt. »O ja, bitte« – und der Zucker fiel aus der Zange in seinen Tee.

»Nein, Fräulein Myrl, beim besten Willen kann ich den richtigen Geschäftston Ihnen gegenüber nicht finden. Darf ich als Freund zu Ihnen reden?«

»Immer und zu jeder Zeit, Sir Gregor.«

»Ich komme, Sie zu bitten, der armen Annie Lovel auf Riversdale, dem Gut ihres Onkels, Gesellschaft zu leisten.«

»Das haben Sie mir ja schon vorhin gesagt! aber ich weiß noch immer nicht weswegen.«

»Annies Onkel, Sir Randal Lovel, haben Sie doch gekannt?«

»Den großen Büchersammler? Ich weiß nichts Schlimmes von ihm.«

»Auch seinen Neffen, Albert Lovel?«

»Von dem habe ich nichts Gutes gehört.«

»Es ist auch nichts Gutes an ihm. Von Kindheit an war er ein Nichtsnutz, geradezu schlecht und boshaft. Aus drei Schulen wurde er fortgeschickt und von der Universität relegiert. Und bei der Armee bekam er seinen Abschied: man munkelte etwas von Betrug im Kartenspiel. Andre und noch schlimmere Geschichten wurden überall ruchbar, wohin er bei seiner Reise auf dem Festland kam. Man erzählte von einem Duell mit tödlichem Ausgang, bei dem er gefeuert haben soll, ehe das Zeichen gegeben war. Zweimal erschien er als Mitangeklagter in einem Ehebruchsprozeß vor Gericht, und um seinetwillen hat erst neulich wieder ein junges Mädchen sich ein Leid angetan. Doch ich brauche sein Sündenregister nicht weiter aufzuzählen. Sie können es mir aufs Wort glauben, daß Albert Lovel – ›Albert der Gute‹, wie er allgemein heißt – der lustigste, gescheiteste, hübscheste, gebildetste und dabei der herz- und gewissenloseste, verworfenste junge Mensch in Großbritannien ist.

»Und doch glaubte Sir Randal Lovel an ihn, während alle Welt ihn für einen Verlorenen ansah. Sir Randal hat nämlich großen Familienstolz und der junge Albert ist Erbe seiner ungeheuren Reichtümer; es lag daher in dessen Interesse, dem Onkel Sand in die Augen zu streuen. Das war auch nicht schwer, denn Sir Randal lebt äußerst zurückgezogen und glaubt wie alle hochherzigen Ehrenmänner nicht leicht an das Böse. So brauchte denn der flotte junge Taugenichts nur von Zeit zu Zeit einmal nach Riversdale zu reisen, um dort Fasanen zu schießen und seiner Cousine Annie Lovel auf höchst ehrerbietige Weise den Hof zu machen, und Sir Randal war entzückt von ihm.

»Endlich kam es aber doch zu dem unvermeidlichen Krach. Irgend eine der Untaten seines Neffen war zu Sir Randals Ohren gedrungen, und als klare Beweise dafür erbracht wurden, stellte der Baron weitere Erkundigungen an, die ihm die ganze Laufbahn des sauberen Neffen enthüllten. Der Zorn eines für gewöhnlich ruhigen Mannes ist furchtbar. So kam es denn zwischen ihm und Albert zu einem stürmischen Auftritt. Alle Ausflüchte und Lügen, hinter denen sich der elende Schurke verstecken wollte, fielen vor der gerechten Entrüstung des alten Herrn kläglich über den Haufen.

»Als Sir Randal endlich drohte, ihn zu enterben, gab ›Albert der Gute‹ seine Heuchelei auf und lachte dem Onkel geradezu ins Gesicht.

»›Wer lange droht, macht dich nicht tot, und umgekehrt,‹ rief er, und stolzierte keck aus dem Zimmer und zum Haus hinaus.

»Tags darauf schickte Sir Randal nach London, um den Anwalt holen zu lassen und sein Testament zu ändern. Da traf ihn, als er gegen Abend ruhig in seinem Studierzimmer saß, ein Schuß durchs offene Fenster, das auf den Rasenplatz hinausging!«

»Von wem kam der Schuß?«

»Das weiß niemand. Man hatte keinen Knall gehört. Der Diener kam glücklicherweise bald darauf ins Zimmer und fand seinen Herrn halb bewußtlos, blutend und stöhnend in den Stuhl zurückgesunken, aber zu schwach, um nach Hilfe zu rufen.

»Die Wunde war indes nicht gefährlich. Die Kugel hatte die Uhr des Barons zertrümmert, war dann nach der linken Schulter hinabgeglitten und steckte so dicht unter der Haut, daß man sie leicht entfernen konnte.

»Sir Randal, der darauf bestand, die ganze Angelegenheit geheimzuhalten, konnte nach einer Woche schon wieder auf sein und sich frei bewegen. Den Besuch des Anwalts bestellte er aber ab. ›Es wäre zu gefährlich,‹ sagte er, ohne sich auf nähere Erklärungen einzulassen. Dann setzte er eigenhändig sein Testament auf und ließ es vom Doktor und dem Pfarrer aus der benachbarten Stadt als Zeugen unterschreiben. Niemand bekam es zu Gesicht, aber man nahm allgemein an, daß Fräulein Lovel Universalerbin sein würde. Sir Randal verwahrte das Dokument in dem eisernen Geldschrank, der in seinem Studierzimmer stand, und trug den Schlüssel stets bei sich. Jeden Morgen nahm er das Testament heraus und las es durch, um sich zu überzeugen, daß es ganz unversehrt sei.«

»Ist es etwa abhanden gekommen?« fragte Dora. »Bis jetzt ist Ihre Geschichte sehr spannend, Sir Gregor.«

»Hoffentlich wird das Ende um so alltäglicher sein. Von einem Ereignis muß ich Ihnen aber doch noch berichten; es fand nämlich ein Einbruchsversuch statt. Man hatte auf sehr geschickte Weise das Schloß aufbrechen wollen, doch wurde noch rechtzeitig Lärm geschlagen. Der Dieb mußte fliehen und sein Werk unvollendet lassen. Werden Sie nur nicht ungeduldig, Fräulein Myrl, daß ich so weitläufig erzähle; ich komme jetzt mit meiner Geschichte gleich zu Ende. Vorgestern ist Sir Randal urplötzlich gestorben.«

»Was!«

»Nein, nein, es ging ganz mit rechten Dingen zu. Er starb eines natürlichen Todes an Lungenentzündung, obgleich der Arzt meint, die Schußwunde könne das Ende beschleunigt haben. Das arme Mädchen, die Annie, ist nun aber ganz allein in dem großen Haus, ohne eine befreundete Seele, nur mit einem Haufen braver, aber einfältiger Dienstboten. Sie hat mir geschrieben, ich möchte zu ihr kommen, aber ich kann jetzt nicht von London fort. Annie sollte jemand bei sich haben, womöglich ein weibliches Wesen, das Herzensgüte hat und zugleich scharfen Verstand, jemand der für sich selber zu sorgen weiß und auch andern helfen kann.«

»Damit bin ich wohl gemeint?« sagte Dora und machte einen zierlichen Knicks. »Ich fühle mich sehr geschmeichelt.«

»Ich schmeichle nie, Fräulein Myrl.«

»Immer besser. Man kann Ihnen nicht widerstehen, Sir Gregor. Mit welchem Zug soll ich fahren?«

»In anderthalb Stunden geht ein Schnellzug ab; wenn das nicht zu früh ist. Sie würden vor sieben Uhr dort sein und kämen gerade noch zu Tische. Ich will gleich telegraphieren, daß man Sie am Bahnhof abholt, der nur drei Meilen vom Gut entfernt ist.«

Fräulein Lovel kam selbst mit ihrem zweispännigen Phaethon, um Dora von der Bahn abzuholen, und bewillkommnete sie aufs herzlichste. Die Damen fuhren zusammen durch die stattliche Lindenallee, die, noch in dichtem Grün prangend, vom Glanz der untergehenden Herbstsonne beleuchtet war, nach dem großen, stolzen Giebelhause, das mitten im Park lag.

Das Mittagsmahl war noch nicht zu Ende, und schon plauderten die Mädchen miteinander wie zwei alte Freundinnen. Annie Lovel suchte Trost bei Dora in ihrer großen Betrübnis, denn sie hatte ihren verstorbenen Onkel wie einen Vater geliebt. Auch fürchtete sie sich vor ihrem schönen Vetter, wie die frommen Christen im Mittelalter den Teufel fürchteten und doch nicht umhin konnten, ihn zu bewundern.

Nach allem, was Annie von Fräulein Myrl gehört hatte, war sie von vornherein geneigt, ihr Vertrauen zu schenken; Doras lebhaftes munteres Wesen fesselte sie gleich im ersten Augenblick und wirkte wie eine stärkende Arznei auf ihre angegriffenen Nerven. Während sie plaudernd beisammen im Wohnzimmer saßen, röteten sich Annies blasse Wangen, ihre traurigen Augen wurden hell und sie war seit Monaten wieder zum ersten Male das hübsche, fröhliche Landmädchen, dessen ganzes Wesen zur Heiterkeit neigte und dem aller Trübsinn fernlag.

So war ihnen nach Tische eine Stunde rasch vergangen, als Dora sich plötzlich mitten in einer lebhaften Beschreibung der Londoner Geselligkeit unterbrach und nach der Uhr sah.

»Doch jetzt an unser Geschäft,« sagte sie. »Wir müssen uns vor dem Wolf schützen, Fräulein Lovel – Sie können sich schon denken, wen ich meine.«

»Bitte, nenne mich Annie und Du.«

»Sehr gern, Annie. Zeige mir jetzt das Zimmer, wo der Geldschrank steht; ich weiß die ganze Geschichte schon von Sir Gregor, wie du siehst.«

Dora brachte eine sinnreiche kleine Maschine von London mit, die sie sich selbst ausgedacht hatte. Sie bestand in einer elektrischen Batterie mit Glocke und einer Rolle isolierten Drahtes. In fünf Minuten hatte sie alles so angebracht, daß die Glocke ertönte, sobald man versuchte, Tür oder Fenster des Studierzimmers zu öffnen. Die ganze Nacht hindurch blieb alles still. Erst als das Zimmermädchen am Morgen die Klinke aufdrückte, fiel die Falle zu und man hörte ein lautes Glockengebimmel.

Den Morgen verbrachten die Mädchen auf die angenehmste Weise, aber am Nachmittag wurden sie aus ihrer Ruhe aufgeschreckt.

Dora stand zufällig gerade auf dem Treppenabsatz, als unten an der Haustür erst leise geklingelt und dann geklopft wurde. Sie wartete und sah, wie der Eintretende dem Diener seine Karte übergab. Der Herr war ihr fremd, doch erriet sie sofort, wer es sein müsse, und eilte hinunter, ihn zu begrüßen.

»Herr Albert Lovel, wenn ich nicht irre?«

Er verbeugte sich mit tadelloser Höflichkeit.

»Es sollte wohl jetzt ›Sir Albert Lovel‹ heißen,« erwiderte er leichthin. »Doch zwischen uns bedarf es keiner solchen Förmlichkeiten, Fräulein Myrl. Nennen Sie mich, wie Sie wollen.«

»Sie kennen mich also?« fragte Dora, ohne sich merken zu lassen, wie überraschend ihr seine Anrede kam.

»Versteht sich. Ich vergesse nie ein Gesicht, besonders wenn es hübsch ist – nichts für ungut. Zwar habe ich Sie nur einmal gesehen, bei einem Wettrennen, wo ich viel Geld verlor und Sie großen Ruhm gewannen, aber ich erinnere mich der reizenden Geheimpolizistin noch sehr genau.«

Er verstand sich trefflich darauf, in seine Rede teils versteckten Spott, teils Schmeicheleien einzuflechten. In seinem Radfahreranzug vom neuesten Schnitt sah er schön aus wie ein Apoll. Heiteres Lächeln spielte ihm um die Lippen, der Wohllaut seiner Stimme war berückend und dabei lag doch etwas Männliches in seinem Wesen. Kurz, er war ganz der Mann, dem kein Mädchenherz zu widerstehen vermag.

»Natürlich weiß ich, weshalb Sie hier sind, Fräulein Myrl,« fuhr er lachend fort. »Man hat Sie als Schäferhund hergeschickt – entschuldigen Sie den Vergleich – um das arme kleine Lämmchen Annie vor dem Wolf zu hüten – nämlich vor mir. Nun gut! En garde!«

»Soll das eine Herausforderung sein, Sir Albert?«

»Nur eine freundschaftliche Aufforderung zu einem heiteren Kampfspiel! – Aber da kommt ja meine reizende Cousine!« Seine Stimme nahm einen kaum merklich veränderten Klang an und es lag ein Anflug von Zärtlichkeit und Ergebenheit in der Art, wie er die Hand seiner Cousine an die Lippen führte. Als ihre Blicke sich trafen, sah Dora, daß Annie errötete.

»Ich komme, dir mein Beileid zu bezeigen, Cousinchen,« sagte er. Der leise Hohn, den Dora aus den Worten heraushörte, war wohl für Annies Ohr nicht vernehmbar.

»Ist es nicht besser, ganz offenherzig zu sein, Sir Albert?« fragte Dora.

»Ohne Zweifel,« versetzte er im gleichen Ton. »Ich wollte auch der Cousine gerade sagen, daß ich nur zu dem Zweck herkomme, der Eröffnung des Testaments beizuwohnen.«

»Die wird erst in drei Tagen stattfinden,« entgegnete Dora rasch. »Herr Bennett kann nicht früher kommen.«

»So muß ich bis dahin die Gastfreundschaft von Riversdale in Anspruch nehmen. Als nächster männlicher Verwandter und Sir Randals mutmaßlicher Erbe hätte ich wohl ein Recht dazu, doch will ich es als eine Gunst erbitten.«

Annie schaute Dora unentschlossen an.

»Du wirst deinem Vetter die Gunst nicht wohl verweigern können,« sagte diese.

Sir Albert verbeugte sich dankend. Als sie an dem Studierzimmer vorbeikamen, wo der Geldschrank stand, öffnete Dora die Tür. In einem großen Lehnstuhl saß ein Mann, der eine Friesjacke nebst Gamaschen trug und eine doppelläufige Flinte zwischen den Knieen hielt.

»Dies ist einer der Wildhüter, Sir Albert,« erklärte ihm Dora. »Wir lassen die Leute hier abwechselnd Tag und Nacht Wache halten. Sie haben wohl von dem Einbruchsversuch gehört. Da ist weise Vorsicht nötig.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung,« erwiderte er im Ton vollkommenster Aufrichtigkeit.

Sir Albert leistete den beiden Mädchen in der liebenswürdigsten Weise Gesellschaft. Er war freundlich, teilnehmend, heiter, doch nicht zu lustig. In seinem Ton gegen Annie lag nur die leiseste Andeutung zärtlicher Gefühle. Dora behandelte er stets mit freimütiger Kameradschaft; er sah so hübsch aus und trug so viel zur Unterhaltung bei, daß sie sich immer wieder ins Gedächtnis rufen mußte, was er im Grunde für ein schlechter Mensch war, um nicht in Gefahr zu geraten, ihm Wohlwollen und Vertrauen zu schenken. Am Morgen des zweiten Tages wurden die Mädchen jedoch auf rauhe Art aus ihrem schönen Traum erweckt.

Dora ging im Garten spazieren und freute sich an dem warmen Sonnenglanz, der den altmodischen Blumen auf den Beeten frischen Duft und Farbe verlieh, als Annie bleich und erschrocken auf sie zugelaufen kam.

»Der Schlüssel des Geldschranks ist gestohlen,« rief sie.

»Wann?« fragte Dora. »Nimm dich zusammen und versuche ruhig zu bleiben, liebes Herz.«

Annie bebte wie ein Blatt im Winde. »Ich habe keine Ahnung, wann es geschehen sein kann,« sagte sie. »Wie du weißt, bewahrte ich den Schlüssel in dem Geheimfach des Schreibtisches im Eßzimmer. Als Onkel starb, habe ich ihn dorthin gelegt und seitdem nicht wieder danach gesehen. Plötzlich fiel er mir heute wieder ein; ich hatte eine Art Vorgefühl, daß ich ihn nicht finden würde. Aber ich bekam doch einen Todesschreck, als er wirklich fort war.«

»Dein Schreck kann uns wenig nutzen. Vor allem müssen wir nachsehen, ob der Schrank geöffnet worden ist. Komm mit mir!«

Im Studierzimmer saß der Wildhüter nach wie vor auf seinem Wachtposten. Dora warf nur einen Blick nach der Tür des Geldschranks. »Alles in Ordnung,« sagte sie kurz.

»Woher weißt du denn das?« fragte Annie.

»Nichts einfacher. Ich habe ein Haar über die Türspalte geklebt, und das ist nicht zerrissen. Nun müssen wir aber den Schlüssel finden. Wo ist Sir Albert?«

»In seinem Zimmer. Er ist schon den ganzen Morgen dort, seit dem Frühstück.«

»Und die Tür hat er gewiß von innen verschlossen. Gibt es keinen zweiten Schlüssel?«

»Die Haushälterin hat einen, aber –«

»Rasch, tue mir die Liebe und hole ihn,« bat Dora dringend. »Ich möchte Sir Albert so wenig wie möglich in seiner Beschäftigung stören.«

Mit dem Schlüssel in der Hand, schlich sie sich leise an die Tür und drückte geräuschlos auf die Klinke. In der Tat war das Zimmer von innen verschlossen, wie sie vorausgesehen hatte. Nun steckte sie den Schlüssel ins Schloß, daß der andre drinnen herausflog, und riß die Tür auf.

Sir Albert sprang mit einem Fluch vom Stuhl empor und im ersten Augenblick malte sich teuflische Wut in seinen Zügen; doch gewann er die Fassung sogleich wieder. Er raffte einen blanken Gegenstand vom Tisch auf, ließ ihn schnell in der Tasche seiner bequemen Jacke verschwinden und trat dann lächelnden Mundes vor Dora hin.

»Das ist ja ein ganz unerwartetes Vergnügen, Fräulein Myrl,« sagte er.

Dora schaute an ihm vorbei, nach dem Tisch, vor dem er gesessen hatte. Dort stand ein Schmelztiegel über einer brennenden Spirituslampe; daneben aber lagen ein Lötrohr, mehrere glänzende Metallstücke und Schnitzel, die von einem sehr dicken braunen Papier herzurühren schienen. Mitten unter diesem Wirrwarr fiel ihr ein hübsches grünledernes Meerschaumspitzenfutteral auf und ein neben dem Stuhl lehnender offener Reisesack aus grünem Saffianleder mit Bügel und Schloß aus Goldbronze. Am andern Ende des Tisches stand ein gleichfalls geöffnetes Reiseschreibzeug, während Papierstückchen, allerlei Federn und ein Radiermesser verstreut umherlagen.

Lächelnd bat Dora um Entschuldigung; dann schritt sie rasch durchs Zimmer. »Was für ein hübsches Futteral,« sagte sie unbefangen und streckte die Hand danach aus.

Doch Sir Albert kam ihr zuvor. Er bemächtigte sich des Futterals und warf es mit solcher Hast in eine Abteilung des Reisesacks, daß die Seide zerriß und dasselbe zwischen Futter und Oberleder hineinglitt.

»Rühren Sie es nicht an,« rief er. »Es riecht ganz abscheulich nach altem Tabak.«

»Sie sind mit schriftlichen Arbeiten beschäftigt, wie ich sehe, Sir Albert,« fuhr Dora fort, ohne auf seine offenbare Bestürzung zu achten.

»Jawohl,« versetzte er mit der größten Gelassenheit. »Ich wollte eben versuchen, meines Onkels Handschrift nachzuahmen. Nicht wahr, Sie haben das ohnehin geargwöhnt, Fräulein Myrl; da kann ich es Ihnen ebensogut offen eingestehen.« Bei diesen Worten raffte er das umherliegende Papier zusammen, klappte den Deckel des Tintenfasses zu und schloß das Schreibzeug. Dann warf er einen Blick auf die brennende Spirituslampe und den Tiegel, worin ein weißes Metall wallte und siedete.

»Ich mache mir Kugeln für eine Windbüchse,« sagte er. »Wenn Sie nicht ganz genau in den Lauf passen, taugen sie nichts; deshalb gieße ich sie selber.«

Vielleicht dachte Dora in diesem Augenblick an den feigen Schuß, der seinen Onkel hingestreckt hatte; doch war in ihren Mienen nichts davon zu lesen.

»Ich muß Sie noch um Entschuldigung bitten, Sir Albert, daß ich so plötzlich bei Ihnen eingedrungen bin,« sagte sie mit sanfter Stimme. »Der Schlüssel zum Geldschrank ist nämlich verloren oder vielmehr gestohlen worden. Fräulein Lovel macht sich große Unruhe darüber, und da dachte ich, Sie würden vielleicht – –«

»O natürlich,« rief er bereitwillig, »ich werde gleich kommen und ihr suchen helfen.«

Schon nach fünf Minuten hatte er den Schlüssel unter dem Schreibtisch gefunden, in dessen Geheimfach ihn Annie verborgen glaubte.

»Sie sind wirklich sehr findig, Sir Albert,« sagte Dora unbefangen, als er Annie den Schlüssel einhändigte. Er sah ihr freimütig ins Gesicht und brach in ein lautes Lachen aus, das sich wie Musik anhörte.

Am selben Abend traf er Dora in einem der Gewächshäuser im entlegensten Teil des Gartens, wohin er geschlendert war, um eine Zigarre zu rauchen. Sie hielt einen großen Hammer in der Hand und war beschäftigt, auf den Fliesen des Fußbodens einige Glasstückchen zu Pulver zu zerschlagen.

»Ich bitte Sie, Fräulein Myrl, was stellt denn das vor?«

»Eine Mausefalle, Verehrtester, wenn Sie nichts dagegen haben,« erwiderte sie und schob das weiße Pulver in eine Papierdüte, die sie in die Tasche steckte.

Er lachte wieder, doch diesmal etwas verlegen.

»Sie interessieren mich wirklich sehr, Fräulein Myrl,« sagte er plötzlich. »Könnten wir denn das Spiel nicht gemeinsam betreiben und den Kampfpreis teilen? Vereinigt wären wir zwei schwer zu besiegen.«

»Bewahre, Sir Albert,« lautete ihre muntere Antwort. »Ich gehöre zur Gegenpartei. Sie wissen ja, daß ich auf Fräulein Lovels Seite bin. Wir kämpfen zusammen um den höchsten Preis.«

Am folgenden Nachmittag kam der Anwalt, Herr Bennett, mit Sir Gregor nach Riversdale, um das Testament zu verlesen.

Dora hätte darauf schwören mögen, daß der eiserne Geldschrank in der Zwischenzeit nicht geöffnet worden war; trotzdem geriet sie in furchtbare Aufregung, als der Anwalt das Dokument in die Hand nahm. Sie machte sich jedoch unnütze Sorge; das Testament war kurz und klar abgefaßt. Außer einigen Legaten an alte Freunde und Diener vermachte der Erblasser sein gesamtes Hab und Gut seiner geliebten Nichte Annie Lovel.

Dora atmete erleichtert auf. Es war alles in Richtigkeit und ließ sich nicht mehr abändern. Der Verstorbene hatte das Testament mit eigener Hand geschrieben und die Zeugen waren unanfechtbar. Daß ihr geschickter Gegner keinen einzigen Angriff gewagt hatte, erschreckte und beunruhigte sie einigermaßen. Sie besprach noch einmal alles Nähere mit dem Anwalt und Sir Gregor Grant.

»Sic haben ganz recht, Fräulein Myrl,« sagte der Anwalt. »Falls das Original vernichtet wird, kann auch eine Abschrift des Testaments als gültig erklärt werden, sogar auf bloß mündliche Aussage hin. Wer hat nicht von Herrn Albert Lovel gehört? ›Albert der Gute‹ hieß er, haha! Jetzt heißt er Sir Albert. Vermutlich würde er nichts dagegen haben, die Güter zu besitzen, um den Titel aufrecht zu erhalten. Doch dazu bleibt ihm nicht die geringste Aussicht. Wenn Sie es wünschen, kann ich aber eine beglaubigte Abschrift nach London mitnehmen.«

»Vorher darf ich wohl eine photographische Aufnahme davon machen? ich habe meinen Apparat hier zur Hand.«

»Das dürfte ganz unnötig sein,« meinte der Anwalt.

Sir Gregor bestand jedoch darauf, daß man »Albert dem Guten« gegenüber keine Vorsicht außer acht lassen dürfe, und die Aufnahme wurde gemacht.

Worüber sich alle am meisten wunderten, das war Sir Alberts Benehmen in dieser für ihn so schwierigen und unangenehmen Lage. Er machte keinen Versuch, seine Enttäuschung zu verbergen, ertrug aber den Verlust wie ein Mann. Die Art, wie er die Erbin beglückwünschte, konnte ihm wirklich zur Ehre gereichen.

»Ich gestehe dir ganz offen, Annie,« sagte er, »ich hatte erwartet, auch meinen Namen in dem Testament zu finden. Aber es ist mir ein großer Trost, zu denken, daß das Vermögen dir zufällt, wenn es mir nicht gehören soll.« Seine ganze Haltung war dabei männlich, freundlich und verwandtschaftlich, von Zärtlichkeit keine Spur. Er tat Annie herzlich leid und sie hätte ihm gerne die Hälfte des großen Vermögens abgetreten; aber Sir Gregor Grant tat Einspruch als Testamentsvollstrecker und Herr Bennett als Anwalt; auch schlug Sir Albert das Anerbieten rundweg ab, sobald es ihm zu Ohren kam.

Es gab in Riversdale noch viel Geschäftliches zu ordnen, so daß eine Woche verging, bevor Sir Gregor und Herr Bennett mit dem Testament und der Abschrift nach London zurückkehrten. Sir Albert begleitete sie. Trotz allem, was gegen ihn vorlag, und trotz der schlechten Meinung, die sie von ihm hatten, war es ihm doch gelungen, sich einigermaßen ihr Vertrauen zu erwerben. Ehe sie Abschied nahmen, erbot sich Sir Gregor aus freien Stücken, ihm fünfhundert Pfund zu leihen, worauf Sir Albert bereitwillig einging, da er die Summe gerade jetzt nötig brauchte, wie er ganz beiläufig erwähnte.

Dora blieb noch einige Tage in Riversdale. Wie erfreulich ihr auch der Erfolg ihres dortigen Aufenthalts war, so konnte sie doch nicht aufhören, sich darüber zu verwundern. Nach London zurückgekehrt, unternahm sie eine fünfwöchentliche Reise auf dem Festland und die ganze Angelegenheit kam ihr völlig aus dem Sinn. An einem Freitag Abend traf sie wieder in London ein.

Als sie am Sonnabend Nachmittag behaglich in ihrem hübschen Wohnzimmer saß und die Westminster Gazette zur Hand nahm, fiel ihr sogleich eine Notiz in die Augen, die auf der ersten Seite stand und die sensationelle Überschrift trug:

Lovel v. Lovel!

Der große Nachlaßprozeß!
Eine Million auf dem Spiel!
Überraschendes Ergebnis!
Ist es eine Fälschung?

Hastig überflog sie die Zeilen: »Der Fall Lovel v. Lovel, der heute vor dem Oxforder Schwurgericht zur Verhandlung kam, hat plötzlich eine ganz unvermutete Wendung genommen. Man wird sich erinnern, daß der verstorbene Sir Randal Lovel durch ein eigenhändig geschriebenes Testament sein ganzes Vermögen, das auf über eine Million Pfund geschätzt wird, dem Fräulein Annie Lovel, seiner Nichte, hinterlassen und seinen Neffen, Sir Albert Lovel, enterbt hat. Man sagt, daß die Umstände dies Verfahren vollständig rechtfertigten. Das Testament war rechtsgültig abgefaßt, Sir Randals Fähigkeit, zu testieren, konnte nicht angezweifelt werden und die Zeugen waren hochangesehene Männer. Zur allgemeinen Überraschung erhob jedoch Sir Albert noch im letzten Augenblick Einspruch dagegen. Den Ratgebern der jungen Dame machte das keine Sorge; sie betrachteten die Prüfung des Testaments nur als eine gerichtliche Form. Bei der Verhandlung waren die Anwälte in fünf Minuten mit ihren Ausführungen fertig; kein einziger Zeuge wurde einem Kreuzverhör unterworfen. Hierauf händigte der Anwalt der Gegenpartei das Testament dem berühmten Sachverständigen Croßcaden ein, der die Unterschrift begutachten sollte. Er untersuchte sie genau mit der Lupe und erklärte sie für echt. Damit schien der Fall beendet zu sein, aber als der Sachverständige noch einen Blick auf das Testament selber warf, machte er eine merkwürdige Entdeckung. Bei den Wörtern ›Nichte Annie‹ befand sich eine sorgfältig radierte und wieder überschriebene Stelle. Die Buchstaben ›ichte‹ in ›Nichte‹ und ›nnie‹ in ›Annie‹ waren augenscheinlich aufs geschickteste in der Handschrift des Erblassers gefälscht. Die Vermutung lag nahe, daß ursprünglich ›Neffe Albert‹ dagestanden hatte, das brauchte man übrigens gar nicht in Betracht zu ziehen, denn, falls das Testament für ungültig erklärt wurde, fiel der ganze Besitz, der hauptsächlich in Gütern bestand, ohnehin Sir Albert zu. Die Entdeckung machte großes Aufsehen im Gerichtshof und es wurden über die Person des Fälschers die verschiedensten Mutmaßungen laut. Auf Antrag der klägerischen Partei wurde sodann die Verhandlung bis Montag früh vertagt, doch ist über den Ausgang kaum noch ein Zweifel vorhanden.«

Dora warf die Zeitung hin und griff nach dem Kursbuch. »Ich muß eilen, um noch den Zug zu erreichen,« murmelte sie. »Rasch eine Droschke!« rief sie der Dienerin zu, die auf ihr Klingeln eintrat. Dann packte sie eiligst, aber mit großer Sorgfalt ihren Reisesack und zugleich mit der Droschke war sie vor der Tür.

»Nach Paddington!« rief sie hineinspringend. »Sie bekommen ein Pfund, wenn ich rechtzeitig dort bin!«

Noch am selben Abend suchte sie Sir Gregor Grant im Hotel auf, um sich mit ihm und Herrn Bennett eingehend zu besprechen. Beide Herren wurden durch ihre Ankunft aufs angenehmste überrascht. Auch der Vertreter der Erbin, Rechtsanwalt Carver, wurde bei der Beratung hinzugezogen.

Am Montag Morgen war das Gerichtsgebäude von einer großen Menge belagert, die, sobald die Türen geöffnet wurden, den Saal vollständig füllte, wie ein Strom ein Wasserbecken füllt.

Dora sah in ihrem kleidsamen Reiseanzug und dem zierlichen Hütchen wie ein hübscher Schmetterling unter farblosen Motten aus. Sie saß neben Herrn Carver, der sie weit öfter zu Rate zog als die gelehrten Kollegen.

Jetzt nahm der Richter seinen Platz ein und die Verhandlung begann. Ehe aber Rechtsanwalt Carver noch das Wort ergreifen konnte, erhob sich Sir Julius Tulliver, der den Kläger vertrat, mit siegesgewisser Miene.

»Einen Augenblick, Mylord,« sagte er, sich ehrerbietig an den Richter wendend.

»Mein Klient, Sir Albert Lovel, hat heute früh ein sehr seltsames Schriftstück erhalten, eine Aufforderung unter Strafandrohung, seinen Reisesack dem Gericht vorzuzeigen. Ich erwähne dies bloß, um meinen geehrten Kollegen mitzuteilen, daß Sir Albert nebst seinem Reisesack zur Stelle ist. Erforderlichen Falles könnten wir auch noch seine Hutschachtel und seinen Mantelsack herbeischaffen.«

Im Saal entstand ein unterdrücktes Gelächter. Doch Rechtsanwalt Carver ließ sich nicht beirren.

»Ich glaube, der Reisesack wird uns genügen,« sagte er ruhig, indem er ihn zur Hand nahm. »Entschuldigen Sie mich noch einen Augenblick, Mylord.«

Carver befühlte den Sack, schüttelte ihn und wandte sich dann mit befriedigtem Lächeln an Dora.

»Sie haben recht,« flüsterte er, »es ist noch darin.«

Damit steckte er die Hand durch einen Riß in dem Seidenfutter und nahm nach einigem Suchen ein grünledernes Futteral heraus, das er auf den Gerichtstisch legte. Dann holte er auch noch ein Schreibzeug aus dem Sack.

»Ist es dasselbe?« fragte er Dora.

»Jawohl,« lautete ihre Antwort.

»Halten Sie die Verhandlung nicht länger auf, Herr Carver!« rief der Richter ungeduldig.

»Ich möchte Mylord um die Erlaubnis angehen, dem Herrn Sachverständigen noch einige Fragen vorzulegen, und bitte ihn aufzurufen,« sagte der Rechtsanwalt.

Croßcaden trat in den Zeugenstand.

»Darf ich Sie wohl ersuchen,« begann Carver mit großer Höflichkeit, »die Wörter, die, wie Sie eidlich versichern, in das Testament hineingeschrieben sind, noch einmal mit der Lupe zu untersuchen und mir zu sagen, ob Sie etwas Ungewöhnliches dabei bemerken?«

»Meinen Sie in der Art, wie die Buchstaben geschrieben sind?«

»Nein, in der Beschaffenheit der Tinte.«

»Mir fällt nichts Besonderes auf,« sagte Croßcaden nach sorgfältiger Untersuchung, »außer –«

»Außer was?«

»Es sind allerlei Krümelchen in der Tinte, die wie Glas aussehen. Trotz ihrer winzigen Größe sind sie natürlich unter der Lupe deutlich erkennbar.«

»Darum handelt es sich. Ist Ihnen eine solche Tinte schon früher vorgekommen?«

»Niemals.«

»Ließe sich nach Ihrer Meinung die Sache dadurch erklären, daß jemand zerstoßenes Glas in das Tintenfaß geschüttet hat?«

»Ohne Zweifel, aber –«

»Einen Augenblick, wenn ich bitten darf.«

Carver tauchte seine Feder tief in das Tintenfaß von Sir Alberts Schreibzeug. Dann schrieb er das Wort »Fälscher« mit großen Buchstaben auf ein Blatt Papier, das er dem Sachverständigen reichte.

»Haben Sie die Güte, dies durch die Lupe zu betrachten und mir zu sagen, ob Sie auch hier winzige Glasstückchen bemerken können.«

»Jawohl, ganz deutlich. Aber wie das zugeht, kann ich nicht erklären.«

»Auf die Erklärung werden wir später zurückkommen. Bitte, sehen Sie jetzt einmal diese vergrößerte Photographie des Testaments durch Ihre Lupe an. Finden Sie hier bei den Wörtern ›Nichte Annie‹ eine Spur davon, daß die Stelle radiert und neu geschrieben worden ist?«

»Nicht die geringste.«

»Würde eine derartige Änderung in der photographischen Aufnahme zu Tage getreten sein?«

»Ganz gewiß.«

»Das genügt, Herr Croßcaden.«

»Ich verstehe, wohin Sie zielen, Herr Carver,« sagte der Richter. »Doch möchte ich wissen –«

»Entschuldigen Sie, Mylord! Darf ich Sie bitten, diesen Gegenstand zu untersuchen?« Damit händigte er dem Richter das grünlederne Futteral ein. »Ich habe es, wie Sie sehen, nicht geöffnet, nachdem ich es aus dem Sack des Angeklagten genommen habe.« Der Richter öffnete das Futteral und es fand sich darin die Form eines großen Schlüssels aus braunem Papiermaché, wie man es beim Guß von Stereotypen gebraucht.

»Was in aller Welt ist denn das?« rief der Richter, das Ding den Geschworenen zur Begutachtung hinhaltend.

»Wir hoffen, den Beweis zu führen,« sagte Carver, »daß es eine Gußform ist, die zur Nachbildung des Schlüssels gedient hat, der den eisernen Geldschrank öffnet, in dem das Testament verwahrt wurde. Ich gedenke, keine lange Rede vor Gericht zu halten, sondern nur einige Tatsachen anzuführen. Das hier gegenwärtige Fräulein Dora Myrl, die Geheimpolizistin, von der Eure Herrlichkeit wie die Geschworenen gewiß schon gehört haben, befand sich in Riversdale, als der Kläger nach dem Tode seines Onkels dort eintraf. Sie überraschte ihn, wie sie glaubte, bei der Anfertigung eines Nachschlüssels zu dem Geldschrank. Da warf er die Gußform so hastig in seinen Reisesack, daß das Futter zerriß, und so ist sie zum Glück darin liegen geblieben. Da Fräulein Myrl argwöhnte, daß eine Fälschung des Testaments beabsichtigt sei, schüttete sie gestoßenes Glas in das Tintenzeug, dessen sich der Kläger vermutlich bedienen würde. Die photographische Aufnahme erfolgte unmittelbar nach Verlesung des Testaments und, wie ich zu behaupten wage, bevor der schlaue Betrug durch den Kläger ausgeführt worden war. Dieser verweilte noch eine Woche lang im Hause und war im Besitz des von ihm angefertigten Nachschlüssels. Um dies zu beweisen, werde ich noch einige Zeugen aufrufen, und zwar zuerst den Kläger selber.«

Eine Pause entstand.

»Man rufe den Kläger herbei,« sagte der Richter.

»Sir Albert Evans Lovel!« schrie der Rufer.

Keine Antwort.

»Sir Albert Evans Lovel!« erscholl es noch lauter als zuvor.

»Mylord,« sagte einer der jüngeren Anwälte, »ich sah den Kläger sich vor wenigen Minuten durch die Seitentür entfernen, als der Beweis mit der Photographie erbracht wurde.«

»Man rufe draußen nach ihm,« befahl der Richter streng.

»Sir Albert Evans Lovel!« ertönte es vor der Tür.

Noch immer keine Antwort.

Nun wandte sich der Richter an den Vertreter der Beklagten.

»Ich glaube nicht, daß wir Sie noch weiter zu bemühen brauchen, Herr Carver,« sagte er. »Wie denken Sie darüber, meine Herren Geschworenen?«

»Wir sind einstimmig der Ansicht, Mylord,« antwortete der Obmann, »daß das Testament für gültig zu erklären ist.«

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