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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 8
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Siebentes Kapitel.

Wollte ich dir, christlicher Leser, alles erzählen, was sich ferner in den folgenden Jahren und Jahrhunderten mit dem ewigen Juden zugetragen und dir auch nur alle die Länder nennen, die er durchzogen, ohne irgendwo Ruhe zu finden: ich müßte ein Buch schreiben, wozu ein ganzes Menschenleben nicht zureichen würde. Ich will dir daher hievon nur so viel sagen, daß es kein Land in der Welt gibt, in das er nicht gekommen – denn es war ihm zuwider, einen und denselben Weg zu machen – und daß keine Widerwärtigkeiten zu gedenken, denen er nicht ausgesetzt worden, oder sich selbst ausgesetzt hat, aus Haß gegen sich und sein Leben. Einmal durchzog er die unwirthbaren Wälder und Sümpfe des alten Deutschlands, und drang hinauf bis in die Länder, wo ewiger Schnee die Erde deckt, und eine lange, lange Nacht alljährlich die Menschen umfängt; und die Decke von Eis däuchte ihm ein kühlendes Pfühl für sein brennendes Herz, und die Nacht stimmte zur Finsterniß, von der sein Geist umhüllt war. Ein anderes Mal wanderte er über die langen Steppen von Asien, und hinunter gen Arabien, und die Wüsten von Afrika hindurch; und sein Gehirn wurde schier versengt von dem heißen Sonnenstrahl, und die Zunge klebte am Gaumen vor brennendem Durst, und kein Schatten, keine Quelle, keine Nahrung erquickte den Wanderer. Und er konnte doch nicht sterben. Er mengte sich in halbem Wahnsinn in die blutigen Kriege wilder Horden, und warf sich mitten unter die feindlichen Schaaren, und verbreitete Tod und Verderben, hoffend, daß der gereizte Feind ihn tödten würde. Die feindliche Waffe verletzte ihn nicht. Er suchte die unglückseligen Oerter auf, wo die Pest wüthete, und gesellte sich zu den Kranken, und leckte an ihren Beulen, und sog den Tod in sich. Der Tod schadete ihm nicht. Er stürzte sich in das Meer, in die brausende Brandung, in die tiefsten Wirbel; das Wasser warf ihn wieder aus. Er konnte nicht sterben. – Jedoch gab es nur hie und da Zeiten, wo er sich so unsinniger Dinge vermaß, dann nämlich, wenn der alte Stolz und Trotz wieder in seinem Herzen aufstiegen, als hätte der Herr unbarmherzig und grausam an ihm gehandelt durch die Strafe, die er über ihn verhängt. In der übrigen Zeit aber, seit jenem Tage an, wo er die Marter erlitten von wegen des Bekenntnisses, und in der Gemeinde der Christen erwachte vor dem frommen Mann, deß Angesicht geleuchtet, wie das eines Engels; seitdem war er meistens ruhig bei all seiner Unruhe, und still bei all seinen Leiden. Denn er dachte an die schwere Schuld, die er verschuldet an dem Herrn, als er ihm verweigert, auszuruhen auf seinem schweren Gange zu seinem Tode, und er fühlte wohl, daß ihm Recht widerfahre, wenn er deßhalb nirgends Ruhe finden würde sein ganzes Leben lang. So zog denn allmählich Demuth in sein Herz ein, und mit Demuth jene Ergebung, die den vergeblichen und unrühmlichen Kampf aufgibt gegen eine höhere, gerechte Macht.

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