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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 73
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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60. Ei, so lüg'!

Die Nachbarn saßen Sonntags Abend im Wirthshause beisammen, und der Schmied, der die letzten Kriege mitgemacht hatte, erzählte ihnen ein Langes und Breites von seinen Feldzügen, und sie hörten ihm gern zu, obgleich er mitunter log, daß die Balken hätten krachen mögen; denn es war ihnen etwas Neues. Unter andern erzählte er ihnen ein Stücklein aus dem Feldzug in Rußland. Eines Tags, sagte er, mußte ich weit über Feld reiten, um zu sehen, wo die feindlichen Posten stünden. Es hatte unmenschlich geschneit, und ich fiel oft so tief hinein, daß ich mit genauer Noth die Ohren meines Pferdes aus dem Schnee hervorgucken sah. Endlich komme ich an eine finstere Höhle. Ich konnte nicht rechts, nicht links ausweichen; ich mußte hinein. Ich reite in der Finsterniß fort, eine, zwei, ich reite sechs Stunden. Nun wird's wieder hell. Ich komme heraus, und sehe nun, daß ich in einem Fluß geritten bin, in dem aber kein Tropfen Wasser mehr war. Der Frost hatte das Wasser in die Höhe gehoben, und das war über mir zu einer dicken Eisdecke zusammen gefroren. Ei, so lüg! riefen die Nachbarn alle, bis auf den Ammann.

Nun, sagte dieser, ich möchte es doch nicht sogleich für gelogen halten, weil oft eine Erzählung klingt wie eine Lüge, und ist doch keine. Gib ein Exempel, Alter! riefen die Bauern. Das will ich thun. Ihr kennt doch alle den Gemeind-Backofen unten am Dorf? Es werden nunmehr fünf Jahre sein, daß nicht mehr darin gebacken wird, weil der hintere Theil ziemlich zusammengefallen ist. Es ist Jammerschade, daß ihn die Gemeinde nicht wieder bestellen läßt. Wie ich noch ein kleiner Bub war, spielten wir immer Versteckens in dem Backofenhaus. Fünf Jahre, sage ich, sind's, seit er nicht mehr geheizt war. Gestern will ich daran vorbei, bleibe stehen, und habe so meine wehmüthigen Gedanken über das Zusammenfallen aller menschlichen Dinge und Backöfen. Ich weiß nicht warum, ich greife in Gedanken in die Oeffnung des Ofens, und – ihr mögt's glauben oder nicht – es brennt mich an die Finger. Ei, so lüg! riefen die Nachbarn alle, bis auf den Schulmeister.

Nun, nun, da könnte ich euch doch was Aehnliches aus meiner Praxis erzählen, sagte der Bader. Eine kranke Frau war unwissenden Quacksalbern in die Hände gefallen, die ihr Theriak und andern Quark in Menge eingaben. Die Frau wurde immer kränker, und beschloß, nun keinen Tropfen mehr zu gebrauchen. Fünf Jahre, eben so lange, als der Backofen nicht mehr geheizt worden, hielt sie Wort, und keine Arznei kam in dieser Zeit mehr über ihre Zunge. Da sie aber immer elender wurde, so ließ sie mich endlich rufen. Ich merkte gleich, wo der Hund begraben liege. Die falschen Mittel müssen erst alle wieder heraus, dachte ich und gab ihr ein tüchtiges Brechpulver. Was geschieht? Die Frau erbricht sich fürchterlich, und gibt den Theriak und den andern Quark wieder von sich, und wird von der Stunde an frisch und gesund. Ei, so lüg, ei so lüg! riefen die Nachbarn alle, sammt dem Ammann und dem Schulmeister.

Hör, Nachbar Bader, sagte der Schulmeister, an dir ist man das Aufschneiden gewohnt, und setz' dich nur sogleich zu dem hin, der sechs Stunden unter dem Eis fortgeritten ist. Aber du, Ammann, wie ist's mit deinem Backofen? Du hast gesagt: deine Erzählung würde wie eine Lüge klingen, und wäre doch keine. Hat es dich wirklich nach fünf Jahren an die Finger gebrannt? Wie ich euch gesagt; es hat mich wahrlich an die Finger gebrannt. – – Es sind Brennnesseln im Backofen gewachsen.

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