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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 64
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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51. Gevatter Tod.

Ein armer Mann hatte schon zwölf Kinder, und als ihm nun das dreizehnte geboren wurde, wußte er sich nicht mehr zu helfen, und lief in seiner Noth hinaus in den Wald. Da begegnete ihm der liebe Gott, und sagte: Ich will der Gött deines Kindes werden, und ich will einen Doctor der heiligen Schrift aus ihm machen, und er soll ein Heiliger werden im Himmel. Der Mann antwortete: Ich will dich nicht zum Götten meines Kindes; denn so müßte er ein Märtyrer und Kreuzträger sein auf Erden, sein Leben lang. Bald darauf begegnete ihm der Teufel, und sprach: Ich will dein Gevatter sein; und ich will dein Kind zum Doctor der Rechte machen, und er soll Geld und Gut haben und alles Vergnügen auf der Welt. Der Mann versetzte: Ich will dich nicht zum Gevattermann; denn so würde mein Kind durch Unrecht ins Verderben kommen in alle Ewigkeit. Zuletzt begegnete ihm der Tod, der zu ihm sprach: Ich will der Tott deines Kindes sein, und ich will einen Doctor der Arznei aus ihm machen, und er soll reich werden an Ehren und Würden. Der Mann sagte: Du bist mir der rechte Gevatter, wie ich ihn wünsche; denn du machst keinen Unterschied zwischen den Menschen, und wie wir uns hier betten, so liegen wir dort, ohne dein Zuthun. – Zur festgesetzten Stunde kam auch der Tod, und hielt das Kind über die Taufe. Nachdem es groß geworden, kam er einmal wieder, und führte seinen Pathen in den Wald, und sprach zu ihm: Jetzt will ich dich zum Doctor machen. Nun ist zwar für den Tod kein Kräutlein gewachsen, und du magst's damit halten, wie du willst. Aber dieses Zeichen geb' ich dir, und wenn du es recht gebrauchest, so wirst du zu großen Ehren und Würden gelangen, wie ich deinem Vater versprochen. Drum merke: Wenn ein Mensch, der am Sterben liegt, durch den Priester die Oelung empfängt, da bin ich auch dabei; siehst du mich nun zu den Häupten des Kranken stehen, so wird er genesen; siehst du mich aber zu den Füßen desselben stehen, so wird er sterben. So kannst du denn allzeit zum voraus sagen, ob er wieder gesund werde oder sterben müsse. Und so wird es denn nicht fehlen, daß du in den bedenklichsten Fällen zu Rathe gezogen, und um deiner Wissenschaft willen mit großen Ehren und reichlichen Geschenken wirst überhäuft werden. Das hat denn auch der Doctor gethan, wie ihm der Tod gerathen; und es ist so geschehen, wie ihm sein Tott gesagt hat. Sein Ruf ging weit hinaus in die Länder; und was reich und vornehm war, ließ ihn holen, und er gewann an Gütern, Ehren und Würden so viel, daß er's kaum zu rechnen und zu schätzen wußte. Endlich aber, als er zu hohen Jahren gekommen, verfiel auch er in Krankheit. Da, wie ihm nun der Priester das Sacrament erteilte, schaute er sich um, und er sah, daß ihm der Tod zu den Häupten stand. Also prophezeite er den Umstehenden, daß er an der Krankheit nicht sterben werde, worüber sich alle verwunderten. Nach einem Jahre aber wurde er wiederum schwer krank, und in derselben Zeit sah er, zu seinem Schrecken, den Tod zu seinen Füßen stehen. Er faßte sich aber sogleich, und raffte seine letzten Kräfte zusammen und legte sich verkehrt, so daß der Tod ihm nun an seinem Haupte zu stehen kam; und er wurde wiederum gesund. Nach Verlauf eines Jahres befiel ihn dieselbe Krankheit, und er lag sterbensmatt im Bette. Während nun der Priester die Gebete las, und der Kranke die Sterbkerze in der Hand hielt, da wollte immer noch kein Tod erscheinen; aber plötzlich strich ein kalter Luftzug durch das Zimmer und löschte die Kerze aus, und in demselben Augenblicke war auch der Kranke todt.

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