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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 63
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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50. Die Meisterstücke.

Ein Zimmermann, ein Tischler und ein Drechsler sollten ihr Meisterstück machen. Da machte der Zimmermann ein Zimmer, das konnte sich selbst bewegen und auf- und zusammenthun, wie man es verlangte. Und der Tischler machte einen Tisch, der konnte sich auch selbst bewegen, und aus- und ineinanderschieben, wie man's wünschte. Der Drechsler endlich machte Flügel, mit denen man fliegen konnte. Und Jedermann lobte die drei Meisterstücke, und man wußte nicht, welchem der Vorzug zu geben wäre. Aber kaufen konnte sie Niemand; denn sie standen so hoch an Preis, daß sie nicht zu bezahlen waren.

Also zogen die Meister gen Hof, wo sie ihre Werke an den Mann zu bringen hofften. Es waren aber da drei Prinzen, Söhne des alten Königs. Diese hatten große Lust, die Stücke zu kaufen: der eine das Zimmer, denn er saß gern im Trocknen und pflegte der Ruhe; der andere den Tisch, denn er liebte das Schlemmen und Demmen mit guten Zechbrüdern; der dritte die Flügel, denn er wünschte die weite Welt zu sehen. Es erstand nun jeder das Meisterstück, das ihm zusagte, gegen das Versprechen, er werde die Arbeit bezahlen königlich, wenn er einst König werden sollte; worauf denn die Handwerker eingegangen sind, jeder in der besten Hoffnung.

Nun hatte aber der alte König die Verordnung gemacht, daß von seinen drei Söhnen, ohne Unterschied des Alters, derjenige die Krone erhalten werde, welcher zuerst ihm eine Königstochter ins Haus brächte. Das wußten die drei Prinzen, und darum sann jeder auf Weg und Mittel, sich recht bald eine Prinzessin zu holen. Und so waren ihnen denn die kunstreichen Werke sehr willkommen. Und sie begaben sich auf die Reise, alle drei. Aber der, welcher das Zimmer gekauft hatte, stand spät auf und legte sich früh nieder, und so kam er nicht weit. Und der, welcher den Tisch hatte, hielt täglich lange Mahlzeit, so Mittags als Abends, und kam auch nicht weit. Aber der, welcher die Flügel gekauft hatte, der flog lustig fort über Felder und Wälder, weit in die Welt hinein.

Eines Tags, am späten Abend, kam er zu einem Thurm, von vielen Lichtern erleuchtet; da senkte er sich zur Erde, fragte, und hörte nun, daß hier die allerschönste Prinzessin der Welt wohnte. Das vernahm er gern, und, da er ein offenes Fenster sah, so flog er hinein, und fiel der Prinzessin zu Füßen, und bekannte, daß er ein Prinz sei. Die Prinzessin nahm ihn freundlich auf, und war froh, einen jungen, schönen Prinzen vor sich zu sehen. Denn ihr Vater hatte sie eingesperrt, weil sie sich geweigert, einen alten König, dessen Nachbar, zum Manne zu nehmen. Es ward alsbald Abrede getroffen zur Flucht; der Prinz band sich wieder die Flügel um, und entfloh mit der Prinzessin bis in sein Land, wo er sie dem König, seinem Vater, vorstellte als seine Gemahlin. Der alte König vermachte ihm also sein Reich, und der junge König, seinem Versprechen getreu, belohnte den Drechsler königlich. Die beiden andern aber, sowol Prinzen als Handwerker, hatten das Nachsehen. Man erzählt jedoch, es sei dem Drechsler ergangen, wie das Sprichwort sagt: Reichthum gebiert Uebermuth, Uebermuth gebiert Armuth. Und dem Tischler und dem Zimmermann sei es ergangen, wie ein anderes Sprichwort lautet: Ein Handwerk ist ein goldener Boden.

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