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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 62
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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49. Kaspar der Kutscher; oder: wie gewonnen, so zerronnen.

Kaspar, der Kutscher, trat eines Morgens in das Zimmer seines Herrn, des Grafen, und sagte: Er bitte Seine Gnaden auf ein Jahr um Urlaub. Auf die Frage des Grafen: warum und wohin? antwortete Kaspar: Ew. Gnaden müssen wissen, daß ich in der Lotterie 20,000 Gulden gewonnen habe; und da ist's mir denn in den Sinn gekommen, ich möchte auch einmal einen großen Herren spielen; und so will ich mir denn vorerst eine Kutsche kaufen, mit einem Paar Rappen, und einen Kutscher dingen, der mich und die Rosse bediene, und dann nach Wien in Oestreich fahren und dort vollauf leben, so lang der Beutel reicht. Und wenn's aus und gar ist, dann komm ich aber wieder, und werde Ew. Gnaden bitten, daß mich Ew. Gnaden wieder in Ihren Dienst an- und aufnehmen. Der Graf schüttelte verwundert den Kopf, und er wollte ihm seinen thörichten Entschluß ausreden, und ihn dazu bewegen: er sollte lieber das Geld auf Zinsen anlegen, und sich sein Leben bequemer machen, und für sein Alter sorgen. Aber Kaspar blieb fest bei seinem Entschluß, und er sagte. Er sei einmal lang genug auf dem Bock gesessen; er wolle es nun einmal versuchen, wie es sich sitzet in der Kutsche selbst. Und der Herr Graf soll es ihm nicht für ungut nehmen. Der Graf, wie er sah, daß Kaspar sich nicht anders bereden lasse, gab ihm Urlaub, und da er ihn als eine ehrliche Haut kannte, und ihn auch sonst wohl leiden mochte, so setzte er gnädig hinzu: Wenn er über Jahr und Tag wieder komme, so wolle er ihn wieder in seinen Dienst aufnehmen.

Also fuhr nach einigen Tagen Kaspar, der Kutscher, in seiner eigenen Equipage ab, und gen Wien zu. Als er dort angekommen, logirte er sich in einem der vornehmsten Gasthäuser ein, wo nur Grafen und Barone und reiche Kaufleute wohnen. Da hieß es denn immer: Was schaffen Ew. Gnaden? Beliebt es Ew. Gnaden? Befehlen Ew. Gnaden! Und so meinte denn Kaspar zuletzt wirklich, er sei ein gemachter, vornehmer Herr, und er aß und trank und lebte auch wie ein vornehmer Herr. Die Bedienten im Haus aber merkten bald, wen sie vor sich hätten, und sie mischten darnach ihr Spiel. Seine Gnaden, sagten sie, sollten doch auch Partien machen, Gesellschaften geben, auf großem Fuße leben. Das ließ sich Kaspar, der sich geschmeichelt fand, nicht zwei Mal sagen; und es aßen und tranken und lebten nun zwanzig Menschen, wie vornehme Herren, auf seine Kosten, in Hüll' und in Füll'. Noch war nicht ein halbes Jahr verflossen, als schon die Hälfte des gewonnenen Geldes verpraßt und verlumpt war. Das vornehme Leben war ihm ohnehin schon halb und halb verleidet, und er fing nun an, über sich und seine Lage nachzudenken, und beschloß, sich ein wenig einzuschränken, damit er nach Verlauf eines Jahrs doch noch ein kleines Sümmchen übrig behielte für seine alten Tage. Aber die lockern Gesellen hatten ihm schon zu sehr in ihrem Netze gefangen, daß er ihnen nimmer so leicht auskommen konnte; und da er selbst nicht mehr Haare lassen wollte, so sannen sie darauf, ihm auf andere Weise die Federn auszurupfen. Einmal wurden Seine Gnaden gebeten: Sie möchten dem und dem aus großer Noth helfen, und Geld borgen; was denn auch Seine Gnaden in der Milde Ihres Herzens thaten. Ein ander Mal wurden Seine Gnaden auch gelegentlich gestohlen; und da dies Seine Gnaden gar übel aufnahmen, und Lärmen machten, und einen Bedienten gar als Dieb bezeichneten, so wurde mit einer Injurienklage gedroht, der er sich nur durch eine freiwillige Gabe einer nicht unbedeutenden Summe entzog. Und die Zechen selbst wurden mit jedem Monate in dem Maße größer, als sein Essen und Trinken und sein Appetit geringer wurde. Endlich am Ende des eilften Monats, da er sah, daß es mit seinem Gelde auf die Neige gehe, beschloß er, Wien zu verlassen, und mit dem kleinen Reste seines Vermögens, gemächlich, und auf Umwegen in die Heimat zurückzukehren. Aber am Morgen, der zu seiner Abreise bestimmt war, wurden ihm noch von seinem Kutscher, der ein Spitzbub war und der's mit den übrigen gehalten hatte, eine Menge Scheine von angeblich nicht bezahlten Trinkgelagen außer dem Hause, und falsche Conto's von Sattlern, Schmieden, Schneidern, Schustern und Kaufleuten gebracht, so daß er, um diese Schulden zu tilgen, und um nicht, womit man ihm drohte, in Unannehmlichkeiten zu kommen, seine Equipage, Wagen und Rosse verkaufen mußte. Der Erlös war so gering, daß er kaum so viel Gulden übrig behielt, als er Tausende gehabt hatte. Also trat er zu Fuß seine Rückreise an.

Nachdem er in der Stadt angekommen, wo sein Herr, der Graf, wohnte, ging er sogleich des andern Tags zu ihm, fröhlichen Muthes, und in der sichern Hoffnung, daß er werde bei demselben wieder einstehen dürfen. Da bin ich wieder, Ew. Gnaden – sagte er beim Eintritt ins Zimmer – ich, Kaspar, der Kutscher; und ich bitte nun Ew. Gnaden, daß mich Ew. Gnaden wiederum in Dienst an- und aufnehmen. Der Graf, als ein freundlicher Herr, lächelte und sagte: Nun, Kaspar, weil Er Wort gehalten, so will ich das meine auch halten. Nun aber sage Er mir vorerst, wie ist's Ihm ergangen? und wie hat Ihm das Herrenleben gefallen? Kaspar antwortete: Das Herrenleben, Ew. Gnaden, ist eben kein herrliches Leben. Ich hab's nun auch probirt, und es reut mich just nicht; aber zum zweiten Mal möcht' ich es nicht mehr versuchen; denn was kriegt man zuletzt davon, als Finnen im Gesicht, Säure im Magen, und einen halben Schalk im Herzen? Das wird sich aber alles wieder machen, wenn ich erst wieder in die Ordnung komme, und zu den Rossen und auf den Bock. Der Graf lachte, und er sagte: Er solle nur an seine Arbeit gehen, wie vordem, und seine Sache gut verrichten. Das that er denn auch, und er blieb, bis an sein hohes Alter, wo ihm sein Herr eine gute Versorgung ausgeworfen, Kaspar der Kutscher.

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