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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 6
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Fünftes Kapitel.

Ahasverus lebte nun mehrere Jahre lang als Sklave in Rom, und mußte sich zu den schwersten Arbeiten und zu den niedrigsten Verrichtungen gebrauchen lassen. Er aber that und duldete alles, als wenn es ihn nicht anginge; wie vordem die Freude, so machte jetzt das Leid keinen Eindruck auf ihn; denn er kannte schon kein anderes Unglück mehr, als das Leben, und sehnte sich nach keinem andern Glück, als nach dem Tod. Er trotzte dem Schicksal, das ihn verfolgte, und nichts in der Welt berührte ihn mehr, als der Gedanke an seine Schuld und Strafe. Er war wie ein Mensch, der an der Starrsucht krank liegt; der sieht und hört, als sähe und hörte er nicht, und empfindet keinen andern Schmerz, als den Schmerz des Daseins und dieses furchtbaren Zustandes eines Scheinlebens und Scheintodes. Um jene Zeit brach in Rom eine grausame Verfolgung der Christen aus, und Richter und Henker ersannen alle nur erdenklichen Martern, um die Gläubigen von Christo abwendig zu machen, und sie zu zwingen, daß sie den Götzen opferten. Ahasverus sah mit boshafter Freude, wie die Anhänger Dessen, der ihn verflucht, von den Heiden verfolgt und gemartert wurden, und um seine Rache an ihnen auszulassen, bot er sich selbst an zum Henkerdienste. Und manches unschuldige Opfer wurde von seinen Händen erwürgt mit gedoppelter Qual. Er aber konnte sich der Rache nicht erfreuen; denn das Beil, womit er schlug, durchschnitt seine eigene Seele, und das Gift, das er reichte, wüthete in seinem eigenen Herzen, und das Feuer, das er schürte, brannte in seinen eigenen Eingeweiden; und er sah sie ja sterben, die Märtyrer, freudig sterben, und er mußte leben, qualvoll leben! . . . Eines Tages, als nach der Hinrichtung eines heiligen Greises, der, Gott lobend und dankend, seinen Geist aufgegeben, aus der Menge der Zuschauer sich mehrere Christen hervordrängten, und immer mehrere, rufend: Auch sie seien Christen, und wollten für Christo sterben; und als der weite Platz erscholl von dem einen Zeugniß des gekreuzigten Gottes, und die Zeugen auf der Stätte umher lagen, Leichen an Leichen, eine große, heilige Saat, da wurde Ahasverus von dem Geiste ergriffen, und er warf das Henkerbeil hinweg, und stellte sich unter die Christen, die noch des Todes harrten, und rief bebend: Auch ich glaube an Christum. Da packten ihn die Schergen, und, ergrimmt über das böse Beispiel, das er vor allem Volke gegeben, sparten sie ihn zu den letzten und grausamsten Martern auf. Er aber, in der freudigen Hoffnung, daß er nun den Tod erleiden werde, den er vor allem wünschte, empfand keine Schmerzen; und das glühende Erz, das sie ihm in den Mund gossen, floß ihm hinab, wie kühlender Trank, und die Wunden, die sie ihm am Leibe schlugen, däuchten ihm Rosen, als aus denen ihm der Tod erblühen würde. Und so ließen ihn die Henker für todt auf der Stätte liegen. Er aber war nicht todt, sondern er schlummerte nur, zum ersten Male seit jenem schrecklichen Tage, ruhig, ohne böse Träume, in seliger Vergessenheit seiner selbst . . .

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