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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 46
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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33. Sagen aus Südbayern.

1. Die verwüstete Alpe.

An der Grenze des bairischen Oberlandes, unfern des Wendelsteins, ragen die Kaiserer empor, sehr hohe und schroffe Felsenwände, die einen großen Theil des Jahres mit Schnee bedeckt sind. In alten Zeiten sollen am nördlichen Abhang dieses Gebirges fruchtbare Alpen gewesen sein, und zahlreiche Heerden auf den fetten Matten geweidet haben, so daß die Menschen Ueberfluß hatten an Milch und Butter und Käs, und an allen zeitlichen Gütern.

Aber wie das Sprüchwort sagt: Reichthum gebiert Uebermuth, und Uebermuth gebiert Armuth, also geschah es auch hier. In Hülle und Fülle, wie diese Leute lebten, arteten sie immer mehr aus, und trieben es zuletzt so arg, daß sie Gottes Gabe, statt dafür zu danken, zu eitlem, freventlichem Spiele mißbrauchten. Sie erbauten sich eine Kegelstätte von lauter Käslaiben; dazu formten sie Kegel aus Butter, und schossen darauf mit Kugeln aus Brod, und hatten ihren Jubel dabei, – das ruchlose Geschlecht! Da endlich ergrimmte der Himmel über sie, und es ereilte sie plötzlich Gottes schwere Rache. Denn in einer Nacht brach ein furchtbares Gewitter aus; Regenströme schwemmten von den Alpen alles fruchtbare Erdreich hinweg; die Felsen erbebten und stürzten über ihren Häuptern und Hütten zusammen. Und so ist es denn geschehen, daß von der Zeit an da, wo ehedem grüne Matten von Fett troffen, nur kahle, gähstotzige Felsenwände emporstarren, an denen kein Gras wächst, kein Gesträuch wuchert, kein Leben gedeiht, – eine große, menschenleere Wüste!

2. Der König Watzmann.

Vor langen Zeiten lebte ein König Watzmann; der hatte ein Weib und sieben Kinder. Er selbst aber war ein gewaltiger Jäger, dabei stolz und grausam; und seine größte Lust war es, begleitet von Weib und Kindern, und im Gefolge von Hunden und Knechten, auf den Gebirgen umher zu schweifen, die Gemsen und Hirsche zu hetzen, und an ihrem Blut sich zu weiden und an dem Aechzen und Stöhnen der Creatur. Eines Tages geschah es, daß König Watzmann, der wilde Jäger, vor die Hütte einer armen Hirtin kam; diese saß vor der Thür, ihr kleines Kindlein wiegend in ihren Armen, und neben ihr lag ihr getreuer Hund, der ihre Heerde und Hütte beschützte. Flugs stürzen die wilden Rüden des Königs auf den Schäferhund los, einer von ihnen zerfleischt das Kind, der andere streckt die erschrockene Mutter nieder. Der König aber steht dabei, und sieht mit Lust das furchtbare Schauspiel an. Auf der Mutter Geschrei kommt der Vater aus der Hütte, mit dem Bogen in der Hand; und wie er das Entsetzliche gewahrt, da streckt er eine der wüthenden Rüden mit dem Pfeile nieder. Nun aber ergrimmt in Zorn der grausame König ob dem Fall seiner Rüde, und er hetzt Knechte und Hunde auf den Hirten und die Hirtin, die nun, von den Wüthenden zerfleischt, auf den Leichnam ihres Kindes niedersinken. König Watzmann aber, und sein Weib und seine Kinder schauen mit Hohnlachen und Frohlocken auf die unschuldigen Opfer der Wuth. Da erhebt sich aus der Erde Schooß ein Brausen, der Sturmwind bricht los; eine Feuersäule steigt empor, sie umwirbelt den Wütherich und seine Brut und verwandelt ihre Riesenleiber in Stein. – Und noch stehen sie da, der Watzmann und sein Weib nebst ihren sieben Kindern, als ungeheure Felsenberge, zum Andenken und warnenden Beispiel, daß Gottes Rache alle diejenigen ereilet, welche den Schwachen zertreten und den Unschuldigen morden.

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