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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 4
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Drittes Kapitel.

In Rom, der Stadt, die damals den ganzen Erdkreis beherrschte, war so eben eine unzählbare Menge Volkes versammelt, um den blutigen Spielen zuzusehen, welche der Kaiser gab zur Feier seiner Erhebung auf den Thron. Unter den hundert und tausend Fechtern, welche auf den Wahlplatz traten, und mit einander kämpften auf Leben und Tod, war einer, der die Augen Aller auf sich zog. Obgleich er nur von mittelmäßigem Wuchse war, und in der Fechtkunst, wie man wol sah, nicht erfahren, so überwand er doch alle seine Gegner; und alle ihre Faustschläge und ihre Dolchstöße prallten ab von seinem Körper, als wäre er von gediegenem Erz. So wurde er denn zuletzt im Triumph in den Palast des Kaisers geführt, und dort mit allem versehen in Kleidung und Nahrung, was nur Kostbares gedacht werden kann. Aber Ahasverus – denn dies war der unbezwingliche Fechter – konnte keine Freude empfinden an allen diesen Herrlichkeiten. Denn wie einer, der ein Fehl an seinem Auge hat, den schwarzen Fleck überall sieht, auch an dem schönsten Gegenstand, wo er nur hinschauen mag, so sah auch er immer seine Schuld vor sich, und er konnte sich seines Lebens nicht freuen. Und als drei Tage vergangen waren, so trieb es ihn fort aus Rom, er mochte wollen oder nicht. So durchwanderte er nun viele Jahre lang Italien von Ort zu Ort; er sah Städte und Menschen, aber ihr Getümmel und Getreibe wollten ihm nicht behagen; er suchte Freuden überall, aber es däuchte ihm, daß sich ihr Antlitz, wenn er's näher besah, in scheußliche Gestalt verwandelte; er soff die Wollust ein wie Wasser, aber das Andenken an seine Schuld und an seine Strafe mischte sich wie Galle in jeden Genuß, und er war unglücklich mitten im Glücke. – Da kam eines Tages das Gerücht zu seinen Ohren, daß Jerusalem von den Römern belagert werden solle; und an die heilige Stadt gedenkend und an die Gräber seiner Väter, beschloß er dahin zu gehen, und für das Gesetz zu streiten und zu sterben. »Zu sterben?« rief's in seinem Innern. Er aber nährte die Hoffnung, daß Juda obsiegen werde über Heiden und Christen, und daß mit der Vernichtung des Namens dessen, den er nicht auszusprechen wagte, auch der Zauber schwinden werde, womit er umstrickt war.

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