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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 36
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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23. Probates Mittel, die Kinder zu erziehen.

Das Recept ist von keinem Doctor der Erziehungskunst erfunden und angewendet worden, sondern von einem einfältigen Tyroler Landmann, der im Jahre 1825 zu Gries, im Thale Sellrain, seine goldene Hochzeit hielt, und die Freude erlebte, zwölf große wohlerzogene Kinder um sich zu sehen, nebst einem zahlreichen Nachwuchs von Enkeln. Als ihn nämlich einer, der bei seinem Ehrenmahl zu Gast saß, über Tisch fragte, wie er's angefangen habe, so viele Kinder zu erziehen, ohne daß eines von ihnen aus der Art geschlagen wäre: antwortete er: das ist eine leichte Sache; man darf nur das erste gut erziehen, die andern erziehen sich von selbst. Wie verstehst du das, Alter? fragte der Schulmeister. Ich meine, versetzte der Landmann, daß dann die Kinder einander selbst erziehen, und die Eltern dabei nur das Nachsehen haben. Erkläre dich deutlicher, sagte der Schulmeister, wir Jüngern können von euch Alten immer was lernen. Ja – sprach jener – wie soll ich's euch erklären? So etwas läßt sich wol machen, aber nicht sagen. Kurz und gut: der Hansel dort war der erste Bub, und die Lenel das erste Mädel, die wir kriegten; und wie man nun die ersten und die letzten Kinder am liebsten hat – die mittlern hat man freilich auch gern – so haben wir uns, mein Weib und ich, allerdings viele Mühe gegeben, um sie rechtschaffen zu erziehen und in Gottesfurcht. Das Erziehen aber erlernet sich nicht, wie unsere Schreiber sagen, sondern man muß es eben schon wissen, und das Herz thut dabei mehr, als der Kopf. Wir beide hielten uns aber an die Art und Weise, wie wir selbst erzogen worden sind von unsern frommen Eltern – Gott hab sie selig! – und wir sind dabei gut gefahren. Hansel und Lenel – ich sollt' sie nicht loben in ihrer Gegenwart – sind schon als Kinder so brav gewesen, daß alle Leute ihre Freude an ihnen gehabt haben, und wir beide am meisten. Nun ist drauf die kleinere Zucht nachgekommen, Buben und Mädeln unter einander. Da hat's denn geheißen: Hansel, gib Acht auf dein Brüderl! und: Lenel, gib Acht auf das Dienl! und sie habend gethan, besser als wir selbst gekonnt hätten. Die Kinder sind nämlich, müßt ihr wissen – Gott verzeih mir den Ausdruck! – wahre Affen, und was eins am andern sieht, das macht es nach, Gutes und Böses. Und darin, seht, liebe Nachbarn, liegt das Geheimniß, wie Kinder durch Kinder erzogen werden. Aber das zweite Geheimniß ist: daß die Eltern selbst überall mit gutem Beispiel voran gehen – denn Worte machen's nicht. – Und das dritte und größte Geheimniß ist (und dabei lüpfte er seine Kappe), daß Gott seinen Segen gibt; der uns aber nicht fehlen kann, wenn wir das Unserige gethan haben. Das ist alles – schloß er – was ich euch sagen kann, liebe Nachbarn! – Die Nachbarn tranken auf seine und der Frau Gesundheit und die Kinder und Kindeskinder kamen herbei und gaben den Eltern die Hand, und ihr Herz war auch dabei.

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