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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 30
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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17. Die Geschenke.

Es war einmal ein König, der hatte eine einzige Tochter. Da kamen nun aus allen Landen viele Freier herbei, die sich um die Hand der Prinzessin bewarben; denn sie war reich und schön. Aber sie hatte zur Bedingniß gesetzt, daß sie nur denjenigen zum Manne haben wollte, der sie im Wettlauf besiegt hätte; wer aber von ihr besiegt würde, der sollte an seinem Leben bestraft werden. Da standen nun die meisten von ihrer Bewerbung ab; denn die Prinzessin war so behend im Laufe, daß sie ein Reh auf freiem Felde einholte. Andere, welche den Versuch machten, und die Wette eingingen, mußten es mit ihrem Leben büßen. Nun lebte nicht weit vom Hofe ein armer Mann, der bekam Lust, um die schöne und reiche Königstochter zu werben, und mit ihr den Wettlauf zu bestehen. Er hatte aber oft gehört, daß ein artiger Freier Geschenke mitzubringen habe für die künftige Braut; und da er ohne Mittel war, aber geschickt in jeder Handarbeit, so flocht er erstlich einen schönen Kranz aus Blumen; sodann wob er einen kunstreichen Gürtel aus Damast; endlich strickte er einen seidenen Beutel, und that die wenigen Münzen hinein, die er besaß, und die er recht fein schliff, daß sie gar schön glänzten und glitzerten. Mit diesen Geschenken ging er nun nach Hof, und meldete sich als einen, der um die Prinzessin freien wollte. Als die Königstochter den armen Mann sah, ward sie schier zornig über dessen Frechheit; ihrem gegebenen Worte aber getreu, ließ sie sich allsogleich mit ihm in einen Wettlauf ein. Der arme Mann strengte sich sehr an, aber er blieb gleich anfangs zurück. Da warf er der Prinzessin den Blumenkranz vor den Weg, und diese, wie denn Mägdlein Freude haben an Blumen, hob ihn sogleich auf, setzte ihn auf ihr Haupt, und besah sich wohlgefällig in dem Bache, der vorbeirann. Indem überholte der Mann die Königstochter im Laufe; aber sobald sie es bemerkt hatte, lief sie behenden Fußes nach, und als sie ihn wieder eingeholt, gab sie ihm eine Maulschelle, und sprach: Das nimm vorerst für deine Frechheit, daß du um eine Königstochter zu werben dich unterstehest. Dann lief sie fort und ließ den Mann wieder weit zurück. Dieser aber warf ihr alsbald den schön gewobenen damastenen Gürtel vor den Weg, und als diesen die Prinzessin gewahrte, konnte sie der Lust nicht widerstehen, ihn aufzuheben; sie betrachtete das künstliche Gewebe aufmerksam, und band sich dann den Gürtel um den Leib, zu sehen, wie er ihr anstünde. Indessen hatte der Mann schon eine weite Strecke voraus gewonnen; als dies aber die Prinzessin gewahrte, verdoppelte sie ihre Schritte, und holte den Läufer bald wieder ein. Sie gab ihm wieder eine Maulschelle, und rannte hohnlachend weiter. Sie war schon nahe am Ziele, während der Mann mühsam nachkeuchte; da warf er ihr den offenen Beutel vor den Weg hin, so daß die glitzernden Münzen zerstreut umher fielen. Er wußte, daß Mägdlein an allem, was glänzt, ihre besondere Lust haben; und so geschah es denn auch, daß die Prinzessin sogleich den Beutel aufhob, und die schönen Münzen zusammenlas, und jedes Stück mit Vergnügen betrachtete. Indem sie damit noch beschäftigt war, hatte der Mann von ihr unbemerkt, den Vorlauf gewonnen und das Ziel erreicht. Also mußte sich die Prinzessin gefangen geben, und sie ist des armen Mannes Frau geworden.

Geliebteste! Die Prinzessin ist jedes Mädchen; der arme Mann ist jeder Mann. Der Wettlauf bedeutet die Bewerbung; die Behendigkeit zeigt an die Sprödigkeit der Jungfrauen; die Maulschelle ist das Schmollen; die Todesstrafe endlich die abschlägige Antwort, um deren willen schon mancher junge Mensch in Verzweiflung gerathen ist. Ein kluger Mann nimmt daher zu Geschenken seine Zuflucht; denn Mädchen lieben Geschenke, als da sind: Ohrenringe, Halsketten, Shawls. Solche Dinge erproben sich als wahre Zaubermittel, und es gibt kein Beispiel, daß ein Mann damit nicht den Sieg davon getragen hätte.

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