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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 3
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Zweites Kapitel.

Als man zählte das fünfzigste Jahr nach unserm Heil, da kroch ein fremder, wilder Mensch hervor aus einer Höhle des Libanon. – Ein Jünger des Herrn, der des Weges vorbei zog, sah ihn. – Lange Haare deckten das Gesicht und die Brust; zerlumpte Kleider hingen an seinem Leibe: Haupt und Füße waren unbedeckt; und wie er aus der Höhle getreten war, ballte er seine Fäuste und schlug sie gewaltig auf seine Brust, daß es klang, wie von einem geschlagenen Erz; und der Mensch ächzte und stöhnte und rief: »O! nicht sterben können, nicht sterben können!« Dann sah er mit verstörtem Blick auf die Gegend umher, die schön geschmückt war wie eine Braut, im Frühlingsschmucke, und überall war fröhliches Leben und lauter Jubel, wie an einem Hochzeitfest. Der arme Mensch aber freute sich nicht, sondern ächzte und stöhnte wieder und rief: »Nicht sterben können! O, und nicht leben wollen!« – Dann wankte er wieder weiter und stand nun vor dem Jünger des Herrn. Der redete ihn an mit dem Gruße des Christen: Gelobt sei Jesus Christus! Da sah ihn der Fremde mit starrem Auge an, und, indem er die Faust drohend erhob, rief er: »Verflucht!« daß der Berg widerhallte von dem schrecklichen Worte. Der Jünger wandte sich von ihm ab, voll des Entsetzens, und der Fremde brach in ein gräßliches Hohngelächter aus, als lachte die Hölle aus ihm. – Es war Ahasverus, der ewige Jude. Seit jener Zeit, als er, wie Kain vor dem Angesichte Gottes, von der heiligen Schädelstätte weggeflohen, hatte er sich in den Schluchten und Höhlen des Libanon aufgehalten; er aß und trank nicht, und lebte doch fort; er quälte und marterte sich, und stieß das Haupt an den Felsen, und stürzte sich in den Abgrund, und konnte doch nicht sterben; er wollte wenigstens das Angedenken an das frühere Leben auslöschen, und floh die Welt und die Menschen, aber seine Schuld schwebte doch immer vor seinem Gedächtniß, und er fühlte, daß er lebe, leben müsse zu seiner Qual und Strafe. Und die vielen Jahre und die langen Tage waren ihm so dahin geflossen in banger Verzweiflung; und er sah immer noch vor sich kein Ende, keine Erlösung. So stand der Unglückselige in der weiten Gotteswelt allein, und er sah die Frommen fliehen vor ihm, wie vor einem Verpesteten, wie vor Kain, den Gott gezeichnet. Da lachte er voll Hohn und Spott, und er rief: »Nicht sterben können? Wohlan, so will ich denn leben, – dem Nazarener zum Trotz!« Und er lief von dannen, wie ein gescheuchtes Wild, das vom Pfeil des Jägers getroffen ist.

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