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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 238
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Bemerkungen.

1. Bemerkungen zur Geschichte des Doctor Faustus.

Die Volkssage von Doctor Faustus ist ohne Zweifel älter, als dieser selbst. Die Bestrebungen einzelner Männer, in die Geheimnisse der Natur tiefer einzudringen, und ihre Versuche in der Anwendung bisher noch unbekannter Naturkräfte, mußten in jenen frühern Zeiten dem Volke auffallend erscheinen, und die Meinung erzeugen, daß diese außerordentliche Einsicht und Kraft nur durch Hilfe der Magie und des Bösen gewonnen werden könnte – in grellem Gegensatze zu jenen wunderähnlichen Erscheinungen und Handlungen, welche im Bereiche der Kirche und vermittelst ihrer Segnungen und Exorcismen stattgefunden, und als Ausflüsse eines gottgefälligen Dienstes gehalten worden. Die Geschichten und Gedichte aus jenen Zeiten thun häufig Meldung von Zaubereien der verschiedensten Art; und die mündliche Ueberlieferung wird sich mit solchen Gerüchten um so lieber abgegeben haben, da das Außerordentliche, Wunderbare, zumal auch das Schreckliche und Grauenvolle, einen eigenen Reiz auf die menschlichen Gemüther ausübt und die ohnehin schon beschränkten Geister befangen hält. Man erinnere sich nur an die Sagen von Gerberts Bund mit dem Teufel, und an jenen »Theophilus«, den Faust des Mittelalters. Vergl. den »Anzeiger für Kunde des deutschen Mittelalters« von H. Frh. v. Aufseß.

Gewiß ist es, daß jene Sage von Doctor Faustus sich erst zu Anfang des 16. Jahrhunderts vollständig ausgebildet, und zu einer zusammenhängenden Geschichte gestaltet hat. Es fand sich damals der frömmere Theil des Volkes zu Fictionen dieser Art mehr als je veranlaßt durch einzelne Gelehrte und Weltweise, die den alten Offenbarungsglauben von sich werfend, nicht durch Vermittlung der heiligen Schrift, sondern unmittelbar durch eigene Fragen an die Geisterwelt und Natur das Räthsel der Welt lösen wollten. Es ist sogar nicht unwahrscheinlich – wie denn Görres in seinem Buche »die deutschen Volksbücher« mehrere Zeugnisse anführt – daß ein als Schwarzkünstler verrufener Landstreicher Faust zur Reformationszeit gelebt habe Grimm (Kinder- und Hausmärchen Th. III. S. 213.) vermuthet jedoch: sein Name sei mythisch, und weil er den Wünschmantel besessen, heiße er der Begabte, das Glückskind, Faustus. , in dessen Person die Sage Alles vereinigte, was von Zaubereien der Geistlichen und der fahrenden Schüler bis dahin kund geworden. Vergl. den Aufsatz in Fr. v. Raumer's historischem Taschenbuch (V. Jahrg.) »Die Sage von Doctor Faust von Dr. Chr. L. Stieglitz.« Entstanden ja um dieselbe Zeit auf ähnliche Art auch andere beliebte Volksbücher; wie denn z. B. in anderer Weise und zu ergötzlicher Unterhaltung des Volkes, jener verrufene Schalk, der Till, zum Träger aller umlaufenden Schwänke auserlesen wurde.

Literatoren von Profession mögen übrigens untersuchen und nachweisen, wann und wo das Volksbuch von Doctor Faustus zuerst erschienen. Man kennt eine Ausgabe v. J. 1588 (Frkft. a. M.) Vor uns liegt eine andere Ausgabe v. J. 1589 ( sine loco), welche den Titel führt: » Historia von Doct. Johann Fausti, des ausbündigen Zauberers und Schwarzkünstlers Teufelischer Verschreibung, Vnchristlich Leben und Wandel, seltsamen Abenthewren, auch vberaus gräwlichem und erschrecklichem Ende. Jetzt auffs newe vberbesehen, vnnd mit vielen Stücken gemehrt.« Nach diesem oder einem ähnlichen Original vervielfältigten sich die Ausgaben ins Unendliche Das noch jetzt gewöhnliche, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts bearbeitete Volksbuch führt den Titel: Des durch die ganze Welt berufenen Erzschwarzkünstlers und Zauberers Dr. Johann Fausts mit dem Teufel ausgerichtetes Bündniß, abenteuerlicher Lebenswandel und mit Schrecken genommenes Ende . . . zum Drucke befördere von einem Christlich Meinenden. , und die Historie von Dr. Faustus erhielt sich bis auf unsere Zeiten herauf als eines jener Volksbücher geltend und beliebt, welche, neben den lustigen oder anmuthigen Historien hauptsächlich durch abenteuerliche und schauerliche Geschichten die Aufmerksamkeit der Menge fesselten.

Auch die Bühne mochte sich bald dieses tragischen Stoffes bemächtigen, der so zeit- und volksgemäß war. Neumann ( Disquisit. de Faust 1685) erinnert: Fausts Andenken würde längst verschwunden sein, wäre er nicht mehrmal auf der Bühne, auch in Trauerspielen vorgeführt worden. Stieglitz a. a. O. Sicher ist es, daß Doctor Faustus eine stehende Rubrik in dem Repertoir der wandernden Marionetten wurde; und wir Aeltern, die wir über ein halb Jahrhundert zählen, erinnern uns noch gar wohl der geheimen Schauer, die uns Teufel und Hölle, von jeder Bude aus, einjagten, aber auch der unvergleichlichen Späße, die uns Hanswurst zum Besten gab. Wir gingen jedesmal sehr erbaut und belustigt von dannen. – Die beste dramatische Behandlung Fausts aus jener Zeit werden wir aber außer Deutschland suchen müssen, in jener trefflichen Tragödie des Christoph Marlowe, wovon uns erst noch i. J. 1818 Wilhelm Müller eine gute Uebersetzung geliefert hat. Der englische Dichter hat einerseits mit richtigem Tact den Buchstaben der Volkssage in aller Treue wiedergegeben, anderseits aber auch, mit großem Talente, den Geist, die Wahrheit angedeutet, die dieser Mythe zu Grunde liegt, oder ihr doch untergelegt werden kann. – Wahrscheinlich ist es auch, daß der »Don Giovanni« der Italiener in unserm Johann Faust sein Vorbild gefunden habe; irrig aber, daß Calderon seinen »wunderthätigen Magus« nach dieser Mythe gedichtet habe, obwol die Legende, die diesem Drama zu Grunde liegt, wie die jenes »Theophilus«, manche Aehnlichkeit mit unserm Faustus darbietet.

So behauptete sich denn jenes Volksbuch, wie das ihm nachgebildete Schauspiel, unter dem gemeinen Volke die langen Zeiten herauf in seinen Ehren und Rechten, bis endlich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts diese Historie, deren rohe Schale allerdings einen Kern von Wahrheit und Weisheit in sich schließt, die Aufmerksamkeit und Theilnahme großer Geister, zumal der Dichter, auf sich gezogen hat. Es ist bekannt, daß selbst Lessing mit der Idee umgegangen, diesen Stoff dramatisch zu bearbeiten, und das kleine Fragment, das er uns hinterlassen, beweiset, von welchem hohen Standpunkte aus er diese Geschichte zu betrachten und zu behandeln sich vorgenommen. Zu einem ähnlichen Versuche schickte sich der Maler Müller Situationen aus Fausts Leben. 1776. an, und die wenigen Scenen, die er uns vorstellte, sind allerdings im Geiste und mit dem Talente eines Höllen-Breughels gedichtet. In einer fast bizarren Großartigkeit behandelte denselben Stoff der philosophirende Dichter Klinger, Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt. 1791. der aber die Geschichte ihrem natürlichen Boden entrückte, und in eine höhere, fremdartige Region hinüber spielte. Den Preis unter allen Dichtungen trug aber jener Faust davon, den, um dieselbe Zeit, Goethe begonnen, und erst in unsern Tagen vollendet hat, so daß das Gedicht das Studium eines Menschenalters, die Glut des Jünglings, die Kraft des Mannes, die Weisheit des Greises in sich trägt. Es ist eine divina comödia, worin der Held, dieser deutsche Prometheus, Himmel und Hölle herab und hinauf zieht zur Erde, die ihm darum selbst zum peinigenden, aber auch reinigenden Fegefeuer wird. Außer jenem Dichtwerke des »göttlichen« Florentiners hat wol die romantische Poesie kein größeres geschaffen, als diesen Faust.

Andere Versuche, frühere und spätere, können hier mit Stillschweigen übergangen werden. Es existirt eine besondere Literargeschichte der Fauste. Fr. Peter, die Literatur der Faustsage. Lpz. 1851.   Anm. d. H. Der Stoff, die Historie dieses modernen Magiers, ist eben so bildsam für jede beliebige Form, als fügsam für jede größere, wichtigere Idee, die der Dichter damit zu verknüpfen sich vornehmen mag. Faust ist ein Geist, der sich in alle Geister metamorphosiren kann. Er ist der Mensch jedes Zeitalters, jedes kräftigen, freien, wankenden und irrenden Strebens. Seine Geschichte ist die Menschengeschichte selbst, von ihrer Nachtseite betrachtet.

Was nun die von uns hier mitgetheilte Erzählung betrifft, so wird es für unsern Zweck genügend sein, wenn wir nur mit Wenigem davon Meldung thun. Sie ist eine freie Uebertragung und Abfassung jener altdeutschen Geschichte im Buchstab und Geist unserer Zeit. Demnach gestattete man sich die Freiheit, den Charakter jenes Mannes und die Motive seiner Handlungen so zu gestalten und zu denken, wie sein Wesen ungefähr vor unsern Augen und nach der vorwaltenden Geistesrichtung sich offenbaren würde. Wir glauben aber nicht zu irren, wenn wir annehmen, daß die Krankheit der Menschen unserer Tage der innere Zwiespalt sei, hervorgehend aus der selbstischen Vornehmheit, die keinen Gott über sich, keinen Menschen neben sich, und die ganze Welt unter sich haben möchte. Es ist der Faust, wie ihn sofern auch Goethe sich gedacht, »der Mann, welcher in den allgemeinen Erdeschranken, sich ungeduldig und unbehaglich fühlend, den Besitz des höchsten Wissens, den Genuß der schönsten Güter für unzulänglich achtet, seine Sehnsucht auch nur im mindesten zu befriedigen; ein Geist, welcher deshalb, nach allen Seiten hin sich wendend, immer unglücklicher zurückkehrt.«

Nun ist es aber eben die Aufgabe der Volkssage, wie der Poesie, zu zeigen, wie die Abweichung von sittlicher Ordnung auch zugleich und in eben dem Maße eine Entfernung von Glückseligkeit sei, und daß jede ruchlose Handlung, als solche schon, den Keim zu jedem Verderben in sich trage und unmittelbare Strafe nach sich ziehe. In diesem Sinne ist wol auch das bedeutsame Wort des Dichters zu verstehen:

»Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.«

Und darum muß das klägliche Ende Fausts schon mit dem Anfange eintreten. Im Augenblicke, wo die infernalischen Mächte zu Hilfe gerufen werden, müssen sie, obgleich scheinbar beglückend, in der That sogleich züchtigend auftreten. Das ist die poetische Gerechtigkeit. Die theologische freilich könnte es wol noch dulden, daß der Sünder den Lohn seines Verbrechens diesseits genießen möchte, in der sichern Voraussicht, es werde die verdiente Strafe jenseits doch nicht ausbleiben. Eine solche Voraussetzung darf aber die Poesie nicht annehmen; denn sie will und kann keinen Begriff geben, kein Dogma unterstellen, dessen Enthüllung und Erfüllung der Zukunft überlassen bleibt, sondern sie beruht auf Anschauung, und fordert die Sache selbst. So wendet sich denn dem Beschauer geradehin die Kehr- und Schattenseite dessen zu, den die Sage den Glücklichen, den Begabten nennt, und zerstört somit den unseligen Wahn derer, die durch gleiche freventliche Künste ihre zeitliche Wohlfahrt zu begründen versucht werden könnten. Die Geschichte mag so immerhin noch schön und sittlich zugleich sein, – schön, selbst noch in ihren nächtlichen Schrecken, und sittlich, sogar in ihren Freveln und Orgien.

Wenn nun sodann jene poetische Notwendigkeit weiter fordert, daß aus der verderbenschwangern Wolke zuletzt doch der herbeibeschworne Blitz niederfahre und den Unglücklichen vor unsern Augen zerschmettere: so kann damit doch nur das Ende des sichtbaren, leiblichen Lebens, die zeitliche Verdammniß, angedeutet werden, während der Anfang eines höhern, geistigen und seelischen Lebens immerhin noch (unbeschadet aller Orthodoxie) der Ahnung, der Hoffnung, der Gnade anheimgestellt sein mag. Der Vorhang fällt; eine Rettung ist noch denkbar, ja, nach den unmittelbar vorhergegangenen leisen Andeutungen, sogar wahrscheinlich. Der Dichter übergibt den Frevler dem Satan, zum Verderben des Fleisches, »auf daß der Geist gerettet werde am Tage des Herrn.« (Kor. 1, 5.) Auch scheint wirklich jene rohe Vorstellungsweise von der ewigen Verdammniß des ohnehin schon bestraften unglückseligen Faust erst späterhin entstanden zu sein, und es hat sie besonders jener »Christlich Meinende« in sein überarbeitetes Volksbuch aufgenommen, wodurch sich denn diese Ansicht weiter verbreitet und überall unter dem Volke festgestellt hat. – Die ältesten Sagen von Theophilus und ähnlichen Abtrünnigen, die sich dem Teufel verschrieben, gehen sogar in ihrer christlichen Milde noch weiter, als die Sage von Faust; sie lassen ihren Sündern wunderbare Bekehrung und Begnadigung angedeihen. Gewöhnlich ist, nach der Vorstellung jener Zeit, Maria die Vermittlerin vor dem Herrn, die Fürbitterin für den Sünder, der Ihn freventlich verläugnet und verhöhnt hat. Goethe hat diese mildchristliche Vorstellungsweise wohl benutzt, und er konnte und mußte es, da seine große dramatische Dichtung, gleichwie sie vor dem Anfang und in einer überirdischen Sphäre beginnt, so auch erst nach dem Schlusse, dem Tode, endet, und Himmel und Hölle zum letzten entscheidenden Kampfe auftreten läßt. In dem schlichten Volksbuche, so wie in der darnach gebildeten Novelle, ist jedoch jener erste Anfang und jenes letzte Ende nur in die Ferne gestellt und, wie ein Nachhall, der sich zuletzt immer in Harmonie auflöset, der religiösen Ahnung überlassen worden.

Um schließlich dem Leser von dem unglaublich milden, versöhnenden Geiste jener ältern Sagen Zeugniß und Kenntniß zu geben, sei es uns erlaubt, aus dem obenangeführten »Anzeiger« (Jahrg. III, S. 274) eine Legende der Art auszuheben, die uns dort, nebst Andern, Mone mitgetheilt hat. Sie ist aus einer, im niederrheinischen Dialekt geschriebenen Sammlung aus dem fünfzehnten Jahrhundert entnommen; wir wollen sie aber, zur Bequemlichkeit mancher unserer Leser, in die hochdeutsche Mundart übertragen. Sie lautet wörtlich also:

»Wir lesen in dem Buche der Väter von einem gelehrten Kleriker; der kam in solche Armuth, daß der böse Feind sich ihm offenbarte, und gelobte ihm, wär' es, daß er wollte abschwören der Gemeinschaft der heiligen Christenheit und Gottes, und wollte ihm dienen, so wollte er ihn reich machen; dies geschah. Nun schämte er sich aber, daß er gemieden von andern Leuten, darum, daß er nicht auch gebrauchte der Sacramente, die er verläugnet hatte. Darüber rathfragte er seinen Herrn, den Teufel, was er möchte thun. Da antwortete ihm der Teufel und sprach: Geh freilich (keck) zu dem Altar mit den anderen Leuten, aber du sollst ihn (die Hostie) nicht genießen. Er empfing Gottes Leichnam und ging wieder zu ihm (dem Teufel) und sprach: Was soll ich nun thun? Der Teufel sprach: Spei ihn aus, und tritt darauf mit deinen Füßen. Dieser arme Sünder that es. Als dies der böse Feind gesehen, lachte er laut und sprach: Nun ist offenbar, daß du schnöder bist, als ich; du wagtest das zu thun, was ich nicht mag ansehen. Als er dies gesprochen hatte, da verschwand er; und jener blieb geschändet und betrübet stehen, und sah nun, daß er betrogen war. Und er hub Gottes Leichnam auf, seufzend und weinend, aus dem Kothe, und er enttraute sich nicht, das Sacrament in die Kirche zu tragen, sondern er legte es in eine Höhle und deckte einen Stein darauf. Als er wieder zu sich selber kam, da legte er sich vor die Höhle, und schrie und weinte und bat um Gnade, die er doch nicht verdienet hatte, als er doch hoffte. Und er stand auf und sah in die Höhle; so sah er darin sitzen ein schönes glänzendes Kind, gleich der Sonne, und das Kind sprach ihm säuberlich zu, und tröstete ihn und sprach: Nimm mich in deine Hände, auf daß wir versöhnet werden mit einander; denn ich will nicht, daß du verloren seiest. Als er das Kind aufhub behende und mit Freuden, da küßte es ihn an seinen Mund, und hieß ihn, daß er nicht mehr sündigte. Darnach so sah er das Kind fliegen in den Himmel. Und dieser Mensch nahm an sich ein bußhaftiges Leben an derselben Stätte bis an seines Lebens Ende.«

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