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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 205
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Wie der Allgäuer mit dem Spiegelschwaben
nach Hindelang wandert, des Allgäuers Heimat.

Der Spiegelschwab wollte von Lindau aus über Wangen und Isny nach Kempten wandern, weil er da überall bei seinen Vettern freie Einkehr nehmen konnte; und es ist auch Schade, daß es nicht geschehen, inmaßen viel zu erzählen wäre von den Vögeln, die in diesen Nestern hocken und hecken. Aber der Allgäuer blieb dabei, und ließ sich's nicht nehmen, längs den Bergen geraden Weges heimzuziehen, obgleich dieß ein Gelände ist, nicht viel besser, als die obere Pfalz, die bekanntlich dem Teufel gehört: und der Spiegelschwab hatte auch Zeit genug zu fasten und zu beten; er fluchte aber blos. Endlich kamen sie in Sonthofen an. Hier, auf dem Calvariberg, Angesichts des Grindten, verrichtete der Allgäuer seine Andacht; denn er hatte sich, bevor er mit den Gesellen das Abenteuer bestanden, dahin verlobt. Der Spiegelschwab lugte indeß in die Gegend hinaus, auf die hohen Berge hinein und auf die grünen Matten hinab, und es gefiel ihm wohl. »Jetzt ist's nicht schön,« sagte der Allgäuer; »aber am heiligen Kreuztag, wo das Vieh aus den Almen und da unten zusammen kommt, Ochsen und Kühe, und Geißen und Schaf' und Böck', alles durcheinander, und eine Unzahl von Menschen: Bue'! da ist's schön!« »Das Ländle ist, mein Eid! nicht übel,« sagte der Spiegelschwab, »und ich möchte wol da wohnen.« – Sie gingen weiter, und kamen auf dem Weg vor einem Bauernhaus vorbei. Da saß auf der Bank ein alter Mann, der heinte. »Was fehlt dir, Uri?« fragte ihn der Allgäuer. »Ja,« sagte der, »der Aetti hat mich geschlagen, weil ich den Aeni hab' fallen lassen.« Der Allgäuer tröstete das Kind und sagte, es werden dies wol nicht die ersten Schläge gewesen sein. Und als sie weiter gingen, erklärte er dem Spiegelschwaben, wie sich das verhalte. Es lebe nämlich in dem Hause noch der Großvater, der sei hundert und zwanzig Jahre alt, und sein Enkel volle achtzig; und der Vater von hundert Jahren führe noch das Hausregiment. Der Spiegelschwab verwunderte sich drob und sagte: »So müssen die Leute bei euch steinalt werden.« »Es passirt so,« sagte der Allgäuer; »aber man muß eben darnach leben. Mein Vater ist schon ein Siebziger, und ist noch so rüstig, wie ein Vierziger.« »Wie hat er denn das angefangen,« fragte jener. »Das weiß ich just nicht,« antwortete der Allgäuer; »er thut nichts Exteres, sondern treibt's, wie andere Leut', nur daß er nichts trinkt, als Wasser.« »Das sei es eben,« meinte der Spiegelschwab; »Wasser! ja Wasser! wer nur Wasser trinken könnte!« »Bygost! das weiß ich just nicht,« sagte der Allgäuer; »mein Vater hat einen Bruder, der um ein Jahr älter ist, als er, und ist täglich besoffen.« »Curios!« sagte der Spiegelschwab; »aber freilich: die Gaben sind verschieden.«

Uns ist beschieden dies und das,
Der eine ist trocken, der andere naß.
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