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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 204
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Wie der Allgäuer den Lindauern die Zeche bezahlt für den Spiegelschwaben.

Da der Herr entkommen, so wollten sich die Lindauer an den Diener halten. »Uf ihn! er ist von Ulm!« riefen sie allesammt. Und sie griffen und gerbten und walkten ihn an allen seinen Gliedern. Endlich gelang es ihm doch, sich von seiner Vermummung loszumachen; und da hätte man aber sehen sollen, wie der mit den Lindauern umging. Wie ein wilder Bär die Hunde, die ihn verfolgen, so schlenzte er den einen da-, den andern dorthin; Alles arbeitete an ihm; er packte mit den Händen, er stieß mit den Füßen, er biß mit den Zähnen; er that wie ein Besessener. So machte er sich Weg durch das Städtle bis an die Brücke; da nahm er noch zu guter Letzt ein Paar arme Schächer, die ihn verfolgten, und warf sie links und rechts über das Geländer in den See hinab. Nun ließen ihn die Lindauer in Frieden fortziehen. – Außerhalb der Brücke erwartete ihn der Spiegelschwab, der mit Lust dem Spectakel von ferne zugesehen. Er that aber, als hätte er nichts wahrgenommen, sondern er sagte blos die Reime so vor sich hin, um den Allgäuer zu hetzen und zu hienzen:

Hänsle, lerne mir nicht zu viel,
Mußt sonst leiden und streiten viel;
Hätt' das Kälblein mehr Verstand,
Wär's nicht an die Wand gerannt,
Schlacht' nicht mehr, als du kannst salzen,
Koch' nicht mehr, als du kannst schmalzen;
Ist am Löffel auch kein Stiel,
Gott schenkt's jedem, wie er's will.

Der Allgäuer merkte gar wohl, daß der Geselle es auf ihn münze, aber er that, als verstände er ihn nicht. Als ihn aber der Spiegelschwab, der das Utzen nicht lassen konnte, eine Weile hernach fragte: ob er die Zeche fein ordentlich bezahlt habe, da riß ihm das Geduldsäckle, und, indem er ihn beim Kragen packte, sagte er: »Ja, bygost! und ich will jetzt mit dir abrechnen.« Wie der Spiegelschwab merkte, daß jener Ernst machen wolle, zog er andere Saiten auf und sagte: Unter Brüdern nehme man's nicht so genau; und ein anderes Mal wolle er statt seiner bezahlen. Für dieses Mal ließ es der Allgäuer noch gut sein, besonders da ihm der Geselle die Batzen zeigte, die er eingenommen, und die er brüderlich mit ihm theilen wollte. Und also zogen sie in Eintracht weiter.

Gewalt geht vor Recht,
Klagt mancher arme Knecht.
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