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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 203
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Wie der Spiegelschwab den Lindauern wahrsagt,
und welches Zeichen er ihnen stellt.

»Dumm sind die Leute genug,« dachte sich der Spiegelschwab; »also kann man's schon weiter treiben mit ihnen.« Er rief also aus, daß er auch wahrsagen und einem die Planeten stellen könne. Der Leser muß aber wissen, daß er dies Handwerk schon längst getrieben hatte und zwar mit dem besten Erfolg. Er hatte einen ganz einfachen Kunstgriff dabei: er prophezeite nicht Gutes. Wenn nun das Böse eintraf, so war's richtig; traf es aber nicht ein, so war's um so mehr recht. Und also setze er sich weit und breit in den Ruf des besten Wahrsagers, und man ging zwar nur mit Zittern zu ihm, aber man kam doch. Die Lindauer, wie sie denn neugierige Leute sind, ließen sich auch hierin zum Besten haben; und wie sie sahen, daß einer um den andern mit einem bedenklichen Gesichte wegging und den Kopf hängen ließ, so wurden sie immer mehr und mehr in der Meinung bestärkt, daß er's auf ein Haar treffe. Und nach und nach kamen alle Lindauer, und brachten ihm ihre Bärenbatzen. Endlich dauerte es ihm zu lange – denn sein Säckle war gefüllt – und er stand auf, und sagte zu der Menge, die umher stand: »Eigentlich, liebe Leute, nutzt euch all mein Wahrsagen nichts; denn binnen heut und drei Tagen geht ohnehin die ganze Stadt Lindau zu Grund, mit Mann und Maus. Wollt ihr ein Zeichen haben? Das will ich euch geben. Ihr sollt's am Himmel sehen, und kein gewöhnliches; nicht etwa Feuer und Schwert, sondern, liebe Leute, einen leibhaftigen Fuchsschwanz.« Die Lindauer rissen Augen und Ohren auf, und wußten nicht, was sie denken sollten. »Kommt nur,« sagte der Doctor, indem er von der Bühne herabstieg, »ihr sollt Wunder sehen.« Sie folgten ihm nach. Er blieb vor dem Hause eines Kürschners stehen, der einen Fuchsschwanz statt eines Schildes anhängen hatte. »Jetzt schaut,« sagte er zu den Umstehenden; »seht ihr nicht den Fuchsschwanz am Himmel?« Die Umstehenden schauten; es drängten sich andere nach, immer mehr und mehr, und sie sahen alle – daß sie gefoppt seien, und lachten einander aus. Inzwischen hatte sich der Spiegelschwab fein weggeschlichen, und aus dem Staub gemacht. Die Lindauer aber sehen noch heutiges Tags den Fuchsschwanz am Himmel, und halten für gewiß, daß ihre Stadt einmal zu Grund gehen wird.

Lügen und Trügen sind sehr werth,
In allen Künsten man sie begehrt.
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