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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 195
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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63. Der bayerische Diogenes.

Glücklich ist nur der Zufriedene, und zufrieden ist nur der Genügsame. Leute dieser Art sind aber in unsern Tagen sehr rar; und darum muß sich der Volksfreund schon in frühern Zeiten umsehen, um ein Exempel zu finden für sein Lehrstück.

Als eines Tages der Kurfürst von Bayern, Max III., sich mit der Wildschweinjagd belustigte, was ein gefährliches Vergnügen ist, da durchbrach ein angeschossener Eber die Bahn, und rannte in voller Wuth schnurstracks auf den Kurfürsten los, der am nächsten stand. Der Herr wäre ohne Zweifel zu Schaden oder gar ums Leben gekommen, wenn nicht ein Treiber, ein rüstiger und besonnener Landmann, Muth und Gegenwart des Geistes genug gehabt hätte. Der lief flugs herbei, ergriff den Keiler bei einem seiner Hämmer, und riß ihn mit einem Riß linksum, so daß das wilde Thier rechtsum und gradaus fortrannte, wo es denn zuletzt von den nacheilenden Jägern vollends erlegt wurde. Der Mann aber hatte sich indeß wieder unter dem Haufen der Treiber verloren, und die Sache wäre so weit abgethan gewesen. – Allein Max, der Gütige, als er Mittags im nahen Jagdschlosse das Mahl zu sich nehmen wollte, erkundigte sich angelegentlich nach dem braven Landmann, und er befahl, daß man denselben aufsuchen und in das Schloß bringen sollte. Das geschah denn; und der Treiber erschien, in seiner zerrissenen Jacke, mit verbranntem Gesicht und verworrenen Haaren, barfuß. Als er in den Saal trat, wo der Kurfürst mit seinem Gefolge war, schob er das Hütlein seitwärts, ganz stät, über das Ohr herab, und blickte mit Scheu auf die bordirten Herren, die den Kurfürsten umstanden. Den Herrn selbst aber, der einfach gekleidet war, sah er nicht, und es ward ihm unheimlich ums Herz. Indessen trat der Kurfürst auf ihn zu, und mit jener leutseligen Art, die guten Fürsten eigen ist, sagte er zum Manne: »Du hast mir heute das Leben gerettet. Ich danke dir. Nun aber bitte dir auch eine Gnade aus.« – Der günstige Leser wird sich nun den Kopf zerbrechen, um welche Gnade der wackere Mensch den gütigen Kurfürsten gebeten habe. Ein hundert bayerische Thaler wäre schon etwas gewesen, und ein hübsches Sümmlein; noch besser irgend ein Dienst bei Hof, z. B. der eines kurfürstlichen Ofenheizers oder Hundefütterers oder gar eines Hofstallers; lauter vornehme und einträgliche Bestallungen. Nichts von allem dem fiel unserm Land- und Landsmann ein, sondern er dachte sich ganz was anders, und er drehte dabei das Hütlein zwischen den Händen, und lugte so für sich hin, und schwieg. Der gnädige Kurfürst wiederholte nun nochmal seine Worte, und sagte noch lauter: er solle sich eine Gnade ausbitten. Da that nun endlich der Mann seinen Mund auf, und sprach, indem er seine Augen wiederum über die bordirten Herren hinschweifen ließ: Außi wär i gern. Und ohne Urlaub abzuwarten, wendete er sich um, und eilte fort zu Thür und Thor hinaus. – Abends saß der Mann wieder in seiner Hütte, und erlabte sich an schwarzem Brod bei einem Krug Bier; und er dachte an Wald, und an Hof, und daß es dort nicht so unheimlich sei unter wilden Bären, als hier unter bordirten Herren. Und es war ihm kreuzwohl. Da trat noch spät am Abend ein Jäger des Kurfürsten in die Stube, und sagte: »Der gnädigste Kurfürst läßt dich grüßen, und das schickt er dir zum Dank, du weißt schon wofür.« Dabei gab er ihm eine Rolle bayerischer Thaler. Der Mann sagte: »'S hätt's just nit braucht; aber annehmen thu' ich's; und ich laß mich schön bedanken.« Und er holte drauf ein Fläschlein Branntwein hervor, und schenkte dem Jäger ein, und er trank mit ihm auf die Gesundheit des gnädigsten Landesvaters.

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