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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 175
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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43. Der Hausfreund.

Einst diente ein schöner Jüngling an eines Königs Hofe, und besaß einen edeln Freund in der Stadt, der ein junges Gemahl hatte. Wenn jener nun nicht im Dienste war, ging er in seines Freundes Haus und aß mit ihm und dessen Gemahlin, denn er hatte ihn sehr lieb. Da dieses öfter geschah, so ward die Frau von Liebe zu jenem entzündet, doch daß es ihr Mann nicht wußte, noch ahnete. Aber sie war züchtig und offenbarte es jenem auf keine Weise, sondern trug ihr Leid geheim. – Es geschah aber, daß der Hausfreund nach Gewohnheit verreisen mußte; da lag sie vor Sehnsucht krank darnieder, daß ihr Gemahl die Aerzte an ihr Lager rief. Diese aber erforschten sie und sagten ihrem Gemahl: ob sie ein Seelenleid habe, könnten sie nicht erschauen; leibliches Gebrechen hätten sie keins an ihr gefunden. Da drang ihr Gemahl inständig in sie, daß sie ihm offenbare, was ihr fehle. Sie aber erröthete geschämig und gestand ihm zuerst nichts. Darnach schloß sie sich aber auf und sprach: »Du weißt, mein Herr und Gemahl, wie du, von Liebe und Unbefangenheit geleitet, junge Männer in dein Haus geführt hast; und ich, ein Weib, leide um den Jüngling, deinen Freund.« Da das der Mann hörte, schwieg er still und ließ das Ding ruhen. Als aber der Freund heimkehrte, ging er ihm außer seinem Hause entgegen und sprach zu ihm: »Du weißt, Freund und Bruder, wie ich dich immer geliebt habe, und daß ich dich aus Liebe in meinem Hause gern sah; du aßest mit mir und meinem Weibe.« Und Jener antwortete: »Wohl, Herr, so ist es.« Da fuhr dieser fort: »Nun siehe, mein Weib hat Liebesneigung zu dir gefaßt und ist in Gefahr.« – Als Dieses der Jüngling hörte, ward er sehr traurig um der Liebe willen, die er zu seinem Freunde trug, und sprach zu ihm: »Traure nicht, lieber Freund! Gott wird ihr helfen.« Und ging fort und schor sich sein Haupthaar, und färbte sich Haupt und Gesicht, und ließ sich seine Wimpern und Augenbrauen vergehen, und entschönte sich ganz und gar, so daß er aussah, als wäre er seit langer Zeit miselsüchtig oder aussätzig. Und zog sich einen Bußsack über, ging in seines Freundes Haus und trat so vor das Lager der Kranken, an dem ihr Gemahl stand. Und enthüllte sein Haupt und Antlitz, und sagte: »O wie hat mir Gott gethan!« – Die Frau aber, wie sie das sah, daß er von solcher Schönheit zu solcher Verachtung gesunken, verwunderte sich sehr und erschrak. Gott aber, der des Jünglings Thun erkannt hatte, nahm von ihr den Kampf der Versuchung, und stracks stand sie auf, und alle böse Neigung war von ihr gewichen. Da nahm der Jüngling seinen Freund bei Seite, und sprach zu ihm: »Siehe, wie Gott geholfen hat, daß dein Weib keinen Schaden an ihrer Seele genommen; sie soll aber mein Gesicht nicht wieder sehen.«

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